Ella und der Fremde - Viola Maybach - E-Book

Ella und der Fremde E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Das geht ja super, Blessy«, sagte Ella Martin zu der großen Fuchsstute, die sie langsam zur großen Koppel hinter den Stallungen des Reiterhofs führte. Blessy hatte an einer Entzündung des hinteren rechten Fesselgelenks gelitten, einige Male war der Tierarzt deswegen schon da gewesen. Aber nun ging es der Stute wieder besser, sie war offensichtlich erfreut über diesen ersten Ausgang, denn sie schnaubte zufrieden und lief schneller, als sie die anderen Pferde auf der Koppel sah – es waren ausschließlich Pferde, mit denen sie sich gut verstand. Schon komisch, dachte Ella wieder einmal, dass es bei Pferden auch nicht anders zugeht als bei Menschen: Manche können einander einfach nicht riechen. So hatte also auch Blessy ihre Freundinnen und Freunde und andere, denen sie lieber aus dem Weg ging. Zum Reiterhof ›Linde‹ gehörten noch drei kleinere Koppeln, die jedoch zurzeit leer waren. In der Halle fand gerade Unterricht statt, und ihr Kollege Marius war gemeinsam mit einer anderen Gruppe unterwegs. Er hieß mit Nachnamen ›Reither‹, was natürlich immer wieder zu dummen Scherzen führte. Manchmal tat er ihr leid. Es musste nervig sein, ständig die gleichen Sprüche zu hören, von denen die meisten nicht einmal witzig waren. Marius war ein lieber Kerl, aber leider ein bisschen in sie verliebt. Leider deshalb, weil sie seine Gefühle nicht erwiderte und befürchtete, das könnte eines Tages zu Stress führen. Noch machte er sich offenbar Hoffnungen, aber wie würde er reagieren, wenn er sich eingestehen musste, dass er bei ihr keine Chancen hatte? Sie schob die Gedanken an Marius beiseite, als sie sah, dass Blessy, sobald sie das Gatter hinter ihr wieder geschlossen hatte, auf die anderen Pferde zutrabte und von diesen freundlich begrüßt wurde. Das sah gut aus. Sie blieb noch eine Weile hinter dem Zaun stehen und wandte sich erst ab, als sie sicher war, dass Blessy allein zurechtkam. Sie hatte noch so viel Arbeit vor sich! Seit einem Jahr arbeitete Ella auf dem Reiterhof ›Linde‹ als Pferdewirtin, und sie fand, dass sie das große Los gezogen hatte. Die Brünings, denen der Reiterhof gehörte und die ihn schon seit über zwanzig Jahren führten, hatten sie mit offenen Armen empfangen.

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Der neue Dr. Laurin – 120 –Ella und der Fremde

Unveröffentlichter Roman

Viola Maybach

»Das geht ja super, Blessy«, sagte Ella Martin zu der großen Fuchsstute, die sie langsam zur großen Koppel hinter den Stallungen des Reiterhofs führte.

Blessy hatte an einer Entzündung des hinteren rechten Fesselgelenks gelitten, einige Male war der Tierarzt deswegen schon da gewesen. Aber nun ging es der Stute wieder besser, sie war offensichtlich erfreut über diesen ersten Ausgang, denn sie schnaubte zufrieden und lief schneller, als sie die anderen Pferde auf der Koppel sah – es waren ausschließlich Pferde, mit denen sie sich gut verstand. Schon komisch, dachte Ella wieder einmal, dass es bei Pferden auch nicht anders zugeht als bei Menschen: Manche können einander einfach nicht riechen. So hatte also auch Blessy ihre Freundinnen und Freunde und andere, denen sie lieber aus dem Weg ging.

Zum Reiterhof ›Linde‹ gehörten noch drei kleinere Koppeln, die jedoch zurzeit leer waren. In der Halle fand gerade Unterricht statt, und ihr Kollege Marius war gemeinsam mit einer anderen Gruppe unterwegs. Er hieß mit Nachnamen ›Reither‹, was natürlich immer wieder zu dummen Scherzen führte. Manchmal tat er ihr leid. Es musste nervig sein, ständig die gleichen Sprüche zu hören, von denen die meisten nicht einmal witzig waren. Marius war ein lieber Kerl, aber leider ein bisschen in sie verliebt. Leider deshalb, weil sie seine Gefühle nicht erwiderte und befürchtete, das könnte eines Tages zu Stress führen. Noch machte er sich offenbar Hoffnungen, aber wie würde er reagieren, wenn er sich eingestehen musste, dass er bei ihr keine Chancen hatte?

Sie schob die Gedanken an Marius beiseite, als sie sah, dass Blessy, sobald sie das Gatter hinter ihr wieder geschlossen hatte, auf die anderen Pferde zutrabte und von diesen freundlich begrüßt wurde. Das sah gut aus. Sie blieb noch eine Weile hinter dem Zaun stehen und wandte sich erst ab, als sie sicher war, dass Blessy allein zurechtkam. Sie hatte noch so viel Arbeit vor sich!

Seit einem Jahr arbeitete Ella auf dem Reiterhof ›Linde‹ als Pferdewirtin, und sie fand, dass sie das große Los gezogen hatte. Die Brünings, denen der Reiterhof gehörte und die ihn schon seit über zwanzig Jahren führten, hatten sie mit offenen Armen empfangen. Anja Brüning war eine energische, fast immer gut gelaunte hübsche Blondine von Mitte vierzig, ihr Mann Klaus war etwas älter, ein sehr großer Dunkelhaariger, der eher leise auftrat, dem aber nichts von dem entging, was sich auf dem Hof abspielte. Er kannte alle Pferde mit ihren jeweiligen Besonderheiten, er sah, wenn jemand aus dem Team Probleme hatte oder sich nicht gut fühlte, und er vermittelte, wenn es doch mal irgendwo Streit gab. Dazu war Anja zu ungeduldig. Sie war eine harte Arbeiterin, aber mit ›Wehwehchen‹ und Konflikten gab sie sich nicht gerne ab, das überließ sie lieber ihrem Mann. Die beiden ergänzten sich, fand Ella, hervorragend.

Sie ging ins Büro, denn dort warteten etliche Anrufe auf sie. Sie hatten schon wieder Anfragen von Pferdebesitzern, die ihre Tiere bei ihnen in Pension geben wollten. Damit verdienten die Brünings mittlerweile mehr als mit den Reitstunden und ihren regelmäßig stattfindenden ›Ausflügen mit Pferden‹ – die wurden auch für Anfänger angeboten und führten ins nähere Umland, wo sich Klaus Brüning hervorragend auskannte. Er wusste, wie man Leute, die noch unsicher waren, fürs Reiten begeistern konnte, dachte Ella wieder einmal. Er strahlte so viel Ruhe aus, dass ihm auch ängstliche Anfänger schnell vertrauten.

Sie betrachtete die Liste, die sie gemacht hatte, mitsamt den zugehörigen Notizen und wollte gerade die erste Nummer wählen, als sich ihr Handy meldete. Es war Tine, die zu ihren Freundinnen gehörte, aber nicht zu den engen. Tine, die eigentlich Christine hieß, war nett, aber sie verhielt sich manchmal seltsam, so wie jetzt, wo sie schon wieder zu unpassender Zeit anrief, denn sie wusste schließlich, dass Ella arbeitete.

Immerhin fragte sie: »Störe ich?«, aber es klang nicht so, als rechnete sie ernsthaft mit einem ›Ja‹ als Antwort.

»Na ja, ich arbeite, wie du weißt«, erwiderte Ella und schüttelte unwillkürlich den Kopf, was Tine natürlich nicht sehen konnte. Ihre Freundin war Reisekauffrau, hatte aber ihren Job vor Kurzem gekündigt, weil sie sich mit ihrer Chefin nicht verstanden hatte. Was genau das Problem gewesen war, hatte Ella nicht herausfinden können, aber in letzter Zeit war ihr der Verdacht gekommen, dass Tine während ihrer Arbeitszeit vielleicht zu oft privat telefoniert haben könnte. Sie rief mindestens drei Mal pro Woche um diese Uhrzeit an, obwohl Ella sie jedes Mal daraufhin hinwies, dass sie arbeitete und ihr manchmal auch sagte, dass sie lieber abends in Ruhe mit ihr telefonieren würde.

»Ach so, ja«, erwiderte Tine in einem Tonfall, der darauf schließen ließ, dass sie Ellas Einwurf keine besondere Bedeutung beimaß. »Ich will dich auch gar nicht lange aufhalten. In zwei Wochen habe ich ja Geburtstag …«

Stimmt, dachte Ella und musste sich eingestehen, dass sie den Geburtstag ohne die Erinnerung vermutlich vergessen hätte.

»… und ich feiere eine Party. Kannst du kommen? Am 15.?«

»Klar, gerne, danke für die Einladung. Was wünschst du dir denn?«

Tine kicherte. »Ich lasse mich am liebsten überraschen, also denk dir was aus.«

Ella sah Klaus Brüning mit langen Schritten vom Wohnhaus herüberkommen. »Okay, das mache ich, und jetzt muss ich weiterarbeiten, Tine, wir können ja vielleicht abends noch mal telefonieren. Ciao!«

Bevor Tine etwas erwidern konnte, hatte sie das Gespräch beendet. Sie hasste es, wenn jemand sie bei einem Privatgespräch während der Arbeit ertappte. Von sich aus rief sie, wenn sie hier war, niemanden an, nur in äußersten Notfällen oder wenn sie Pause machte. Sie beschloss, Tine bei Gelegenheit noch einmal ganz deutlich zu sagen, dass sie sich von deren Anrufen bei der Arbeit gestört fühlte.

Klaus Brüning kam herein. »Oh, da bist du ja, Ella. Blessy macht einen guten Eindruck.«

»Das finde ich auch, sie war richtig glücklich, ihre Box endlich verlassen zu dürfen.«

Er grinste über das ganze, vom Wetter gegerbte Gesicht. »Würde uns ja auch so gehen, oder?«

»Ja, eingeschlossen sein ist schrecklich«, seufzte Ella. »Da du schon mal hier bist: Wir haben insgesamt sechs neue Anfragen, aber nur fünf freie Plätze.«

»Was schlägst du vor?«

»Ich schlage vor, dass wir die Pferde aus München und Umgebung aufnehmen und dem Manager aus Essen eine Absage erteilen. Wie oft wird er Zeit haben, hierherzukommen und zu reiten? Er hat mir am Telefon erzählt, dass er gerade erst umgezogen ist und Bayern schrecklich vermisst. Jetzt hofft er, wenn sein Pferd hier untergebracht ist, dass er dann öfter hierherkommt. Aber für mich ist das kein vernünftiges Argument. Es wird darauf hinauslaufen, dass er zweimal im Jahr kommt, weil er sonst in der Welt herumfliegt. Das ist auch für das Pferd nicht schön. Er soll es nach Essen holen, die haben da bestimmt auch Pferdepensionen und Reiterhöfe.«

»Da hast du wohl recht. Wie heißt der Mann?«

Ella las ihm den Namen vor, aber er sagte Klaus nichts. »Sag ihm ab und den anderen zu. Wenn du Mitleid mit ihm bekommst, mach ihm Hoffnung. Es ist nämlich so, dass wir demnächst zwei Pferde verlieren werden. Eins ist verkauft worden, das andere hat Besitzer, die umziehen – mit dem Pferd.«

»Na ja«, machte Ella. »Wenn das so ist …«

Klaus wandte sich zum Gehen. »Deine Entscheidung, Ella, ich vertraue dir. Was du an Argumenten gegen den Mann aus Essen vorgebracht hast, klang vernünftig.«

Weg war er. Ella fluchte leise. Ja, ihre Argumente waren vernünftig, das wusste sie selbst, aber freie Pensionsplätze bedeuteten weniger Geld, und Geld brauchte der Reiterhof dringend, denn zwei Koppelzäune mussten erneuert werden, und auch das Dach der Reithalle war reparaturbedürftig. Eine Goldgrube, das wusste sie, seit sie hier arbeitete, war ein Reiterhof nicht unbedingt. Vor allem war es harte Arbeit, ihn zu betreiben, denn immer musste etwas erneuert oder instand gehalten werden und immer wieder gab es Zeiten, in denen es finanziell eng wurde.

Sie wählte die erste Nummer und blickte aus dem Fenster auf den Hof und die große Koppel, während sie darauf wartete, dass sich am anderen Ende der Leitung jemand meldete. Aber, dachte sie, es ist trotz aller Mühen der schönste Arbeitsplatz der Welt.

*

»Alles in bester Ordnung, Frau Martin«, sagte Leon Laurin, als eine Patientin nach der Untersuchung wieder aus der Umkleidekabine kam. Er lächelte sie an, aber sie erwiderte sein Lächeln nicht, sondern nickte nur abwesend.

»Oder nicht?«, fragte er. »Haben Sie Kummer?«

Sie zuckte bei diesem Wort zusammen und sah ihn fragend an, als wäre sie in Gedanken weit weg gewesen. »Kummer?«, fragte sie. »Nein, nein, wieso? Mir geht es gut.«

»Ich hatte gerade den Eindruck, dass Ihnen vielleicht etwas auf der Seele liegt«, erwiderte er.

»Nein, alles in Ordnung. Nur … ich schlafe in letzter Zeit nicht gut, immer wieder wache ich auf und liege dann lange wach, weil ich nicht wieder einschlafen kann. Vielleicht können Sie mir etwas verschreiben?«

»Ungern«, antwortete er offen. »Von Schlaftabletten wird man schnell abhängig, ich möchte das nicht unterstützen. Aber ich kann Ihnen eine Teemischung verschreiben, das könnten Sie zumindest mal ausprobieren.«

Sie sah nicht überzeugt aus, nickte aber, und so füllte er das Rezept aus. Als er es ihr gab, fragte er: »Haben Sie mal versucht herauszufinden, warum Sie zurzeit schlecht schlafen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Es gibt keinen Grund, Herr Dr. Laurin. Mir geht es gut, meinem Mann auch, unserer Tochter ebenfalls. Wir sind gesund, haben keine finanziellen Sorgen und einen netten Freundeskreis. Ich habe mir die Frage natürlich auch schon gestellt, aber mir ist nichts eingefallen. Es hat sich auch in letzter Zeit nichts verändert bei uns. Ella steht ja schon länger auf eigenen Füßen, sie hat ihre Wohnung, wir sehen sie regelmäßig – also diese Geschichte mit dem leeren Nest, das viele Mütter zur Verzweiflung treibt, haben wir längst hinter uns. Aber Ella ist ja auch immer noch in der Nähe, sodass wir beide, mein Mann und ich, ihren Auszug als gar nicht so schlimm empfunden haben. Außerdem arbeite ich ja schon seit Längerem wieder, und das war eine gute Entscheidung.«

»Ich würde an Ihrer Stelle trotzdem noch einmal darüber nachdenken, was der Grund für Ihre Schlafprobleme sein könnte«, schlug er vor. »Denn ganz aus heiterem Himmel kommt so etwas in der Regel nicht.«

Er reichte ihr das Rezept, und sie verabschiedete sich.

Leon stand auf und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, nachdem er seiner Sekretärin gesagt hatte, er brauche zehn Minuten Pause. Er stellte sich mit dem Kaffee ans Fenster und sah hinaus, während seine Gedanken weiterhin um Andrea Martin kreisten. Sie kam schon lange zu ihm, normalerweise unterhielten sie sich über alle möglichen Themen, aber dieses Mal war sie bemerkenswert still gewesen. Sie war eine hübsche Frau von achtundvierzig Jahren, dunkelhaarig, mit schönen braunen Augen, und er hatte von Anfang an gewusst, dass sie ein Geheimnis hütete. Es war für ihn nicht schwer gewesen, das herauszufinden, aber gesprochen hatten sie darüber nie. Sie hatte ihm das Geheimnis nicht offenbart, und er hatte ihr nicht gesagt, dass er es kannte, obwohl sie ihr das eigentlich klar sein musste.

Vielleicht, dachte er, haben ihre Schlafprobleme damit zu tun.

Er trank seinen Kaffee langsam, während er darüber nachdachte, wie viele unterschiedliche Geschichten er Tag für Tag in ›seiner‹ Klinik hörte. Ja, die Kayser-Klinik im Münchener Südwesten war mit den Jahren seine Klinik geworden. Gegründet hatte sie Joachim Kayser und ihm, seinem Schwiegersohn, schließlich die Leitung übertragen, als er selbst in den Ruhestand gegangen war.

Leon war ein anderer Chef als es Joachim Kayser gewesen war, er setzte viel mehr auf Teamarbeit, gab sich weniger distanziert. Deshalb hatte er etliche Leitungsaufgaben an fähige Angestellte übertragen, und so blieb ihm Zeit, auch weiterhin im Operationssaal zu stehen und seine gynäkologische Sprechstunde abzuhalten. Ihm waren seine beiden medizinischen Fachgebiete wichtig, auf keins wollte er verzichten. Und so, dachte er, wird es bleiben, bis ich irgendwann ganz abtrete: als Klinikchef, als Gynäkologe und als Chirurg.

Er riss sich mit Gewalt von seinen Gedanken los, schließlich hatte sein Arbeitstag gerade erst begonnen. Er leerte also den Kaffeebecher und ging zur Tür, um Moni Hillenberg zu sagen, dass er bereit für seine nächste Patientin war.

*

»Was ist denn los, Junge?«, fragte Franz Bauleitner seinen Sohn Linus, als dieser wieder einmal zum Abendessen bei seinen Eltern war.

Die Bauleitners wohnten in Augsburg, die Eltern waren froh, dass ihr Sohn sich entschieden hatte, erst einmal ebenfalls dort zu bleiben. Insgeheim hatten sie Angst gehabt, er werde nach München gehen, wo er studiert hatte, aber er war geblieben. »Hier bin ich doch zu Hause!«, hatte er gesagt, und damit vor allem seine Mutter Annette zu Tränen gerührt.

Er war IT-Fachmann und bei einer großen Chemiefirma angestellt worden, um dort die überfällige Digitalisierung voranzutreiben beziehungsweise auf stabile Füße zu stellen. Es war eine Aufgabe nach seinem Geschmack. Computer waren von Anfang an Linus‘ Leidenschaft gewesen, es gab kein Problem in diesem Bereich, das er nicht lösen konnte. In kürzester Zeit hatte er sich in der Firma unentbehrlich gemacht und wurde entsprechend bezahlt. Seine Eltern konnten immer nur staunen, wenn sie hörten, was ihr Sohn verdiente. Aber natürlich waren sie vor/ allem stolz auf ihn. Er war beruflich erfolgreich, sah gut aus mit seinen dichten braunen Haaren und den sehr dunklen Augen und hatte einen großen Freundeskreis. Es war ihnen eine Freude zu sehen, wie beliebt und allgemein anerkannt er war.

Nur eine Frau oder Freundin hatte er nicht, er war, obwohl umgänglich und liebenswürdig, über einige Kurzzeitbeziehungen nicht hinausgekommen – das war der einzige Wermutstropfen für seine Eltern, denn natürlich fragten sie sich immer wieder, ob ihr geliebter Linus bindungsunfähig war. Und wenn ja: warum. Er selbst schien nichts zu vermissen. Er ging in seiner Arbeit auf, feierte an den Wochenenden gern mit Freunden, wurde gelegentlich mit einer Frau gesehen, aber etwas Festes wurde daraus nie.

»Du bist so blass«, sagte nun auch Annette. »Und du wirkst nervös. Hast du Ärger in der Firma?«

»Nein, da läuft alles glatt. Aber …« Linus, der bis dahin eher in seinem Essen herumgestochert hatte, holte tief Luft. »Es geht um etwas anderes.«

Annette und Franz wechselten einen raschen, durchaus beunruhigten Blick. Was mochte jetzt kommen?