Elternlos... - Renate Jäger - E-Book

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Renate Jäger

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Beschreibung

In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkinder" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Ihre Lebensschicksale gehen zu Herzen, ihre erstaunliche Jugend, ihre erste Liebe – ein Leben in Reichtum, in Saus und Braus, aber oft auch in großer, verletzender Einsamkeit. Große Gefühle, zauberhafte Prinzessinnen, edle Prinzen begeistern die Leserinnen dieser einzigartigen Romane und ziehen sie in ihren Bann. Gedankenvoll schritt Förster Waldrich auf seinem Pirschgang dahin. Seine Gedanken weilten bei Eva, seiner Gattin, die in Kürze einem Kind das Leben schenken würde. Peter Waldrich, ein schlanker, gutaussehender Mann um die Vierzig, sah der Geburt des Kindes nicht ganz ohne Sorgen entgegen. Denn es war nicht das erste Mal, daß im Forsthaus die buntbemalte Bauernwiege zum Empfang eine neuen Erdenbürgers bereitstand. Schon zweimal hatten er und Eva sich auf ein Kind gefreut, doch beide Male war es kurz nach der Geburt gestorben. Eva hatte sehr darunter gelitten, und diesmal hoffte sie stark, daß ihr endlich ein lebendes Kindlein in die Arme gelegt wird. Förster Waldrich tat einen tiefen Atemzug. Er ließ seine Blicke über die zu neuem Leben erwachte Natur schweifen. Der Wonnemonat Mai hatte mit all seinen Blumenkindern Einzug gehalten. Da blühten am Waldrand die gelben Schlüsselblumen und im Schatten der hohen Buchen die Maiglöckchen. Hier und da leuchtete das lila Röckchen der Leberblümchen. Aus allen Zweigen brach das herrliche, frische Maiengrün. Peter Waldrich liebte das verträumt zwischen den Bäumen liegende Forsthaus, in dem schon seine Eltern gewohnt hatten. Jeder Winkel und jedes Eckchen war ihm hier vertraut. Um diese Jahreszeit verströmten Flieder und Jasmin ihren wundervollen Duft. Diese Sträucher waren in verschwenderischer Fülle angepflanzt worden. »Gott sei Dank, das hätten wir noch einmal geschafft.« Mit diesen Worten trat Peter Waldrich in das Forsthaus. Er hätte keine Minute später kommen dürfen, denn er hatte gerade die Tür hinter sich geschlossen, als der Himmel seine Schleusen öffnete. Am Fenster stand mit blassem Gesicht die junge Försterin und blickte ihrem Gatten vorwurfsvoll entgegen.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Fürstenkinder – 65 –Elternlos...

Renate Jäger

Gedankenvoll schritt Förster Waldrich auf seinem Pirschgang dahin. Seine Gedanken weilten bei Eva, seiner Gattin, die in Kürze einem Kind das Leben schenken würde.

Peter Waldrich, ein schlanker, gutaussehender Mann um die Vierzig, sah der Geburt des Kindes nicht ganz ohne Sorgen entgegen. Denn es war nicht das erste Mal, daß im Forsthaus die buntbemalte Bauernwiege zum Empfang eine neuen Erdenbürgers bereitstand. Schon zweimal hatten er und Eva sich auf ein Kind gefreut, doch beide Male war es kurz nach der Geburt gestorben.

Eva hatte sehr darunter gelitten, und diesmal hoffte sie stark, daß ihr endlich ein lebendes Kindlein in die Arme gelegt wird.

Förster Waldrich tat einen tiefen Atemzug. Er ließ seine Blicke über die zu neuem Leben erwachte Natur schweifen.

Der Wonnemonat Mai hatte mit all seinen Blumenkindern Einzug gehalten. Da blühten am Waldrand die gelben Schlüsselblumen und im Schatten der hohen Buchen die Maiglöckchen. Hier und da leuchtete das lila Röckchen der Leberblümchen. Aus allen Zweigen brach das herrliche, frische Maiengrün.

Peter Waldrich liebte das verträumt zwischen den Bäumen liegende Forsthaus, in dem schon seine Eltern gewohnt hatten. Jeder Winkel und jedes Eckchen war ihm hier vertraut.

Um diese Jahreszeit verströmten Flieder und Jasmin ihren wundervollen Duft. Diese Sträucher waren in verschwenderischer Fülle angepflanzt worden.

»Gott sei Dank, das hätten wir noch einmal geschafft.« Mit diesen Worten trat Peter Waldrich in das Forsthaus. Er hätte keine Minute später kommen dürfen, denn er hatte gerade die Tür hinter sich geschlossen, als der Himmel seine Schleusen öffnete.

Am Fenster stand mit blassem Gesicht die junge Försterin und blickte ihrem Gatten vorwurfsvoll entgegen.

»Ich habe mir deinetwegen wirklich Sorgen gemacht, Peter.« Sie streckte ihm zur Begrüßung beide Hände entgegen und lächelte nachsichtig. »Gewiß hattest du wieder einen Grund, der dich abgehalten hat, pünktlich bei Tisch zu erscheinen«, lächelte sie. »Anna darfst du keinesfalls unter die Augen kommen. Sie hat mächtig auf dich geschimpft. Ich meine, dir hätten eigentlich die Ohren klingeln müssen.«

»Hauptsache, du bist mir nicht böse, Evalein. Alles andere ist mir völlig gleich.«

Förster Waldrich zog seine Frau in die Arme und küßte sie innig. »Ich finde, du siehst ein wenig blaß aus, mein Herz. Fühlst du dich nicht besonders wohl?«

Er bog ihren Kopf ein wenig zurück und blickte ihr tief in die Augen.

»Ja, jetzt sehe ich es, deine Augen sind ganz trüb.« Besorgt führte er Eva zu seinem Sessel.

In den Augen der jungen Frau leuchtete es auf. Die Fürsorge des Gatten tat ihr wohl.

»Ich denke, daß unser Kindchen noch heute kommen wird.«

»Glaubst du das wirklich?» Er kniete vor der Frau, die er mehr liebte als sein Leben, nieder und barg sein Gesicht in ihren kühlen Händen.

»Ich habe Angst, Liebster, ganz entsetzliche Angst«, flüsterte die junge Frau mit blassen Lippen.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten, Liebes. Dr. Hohenheim sagt doch, daß alles in bester Ordnung ist. Außerdem hast du dich doch, wie du selbst sagtest, während der Schwangerschaft bedeutend wohler gefühlt als die anderen Male.« Peter Waldrich streichelte die schmalen Hände Evas und sah ihr begütigend in die Augen.

»Ich bin einzig und allein um das Kind besorgt. Wenn es mir wieder genommen wird, Liebster, ich glaube fast ich könnte es nicht ertragen.« Die wundervollen blauen Augen der Frau füllten sich mit Tränen.

Eva, die junge Försterin, schmiegte sich wie ein schutzsuchendes Kind in die Arme des Gatten. Von ihren Lippen kam ein leises Stöhnen. Ihre Hände krallten sich in den rauhen Stoff seines Jacketts.

»Mein Gott, du hast ja Schmerzen!« rief Peter Waldrich. Er blickte erschrocken auf die Frau in seinen Armen. »Wir müssen den Arzt und die Hebamme holen.«

Mit tränennassen Augen blickte die gequälte Frau ihn an.

»So schnell wird es nicht gehen, Liebster. Ein Weilchen können wir getrost noch warten. Anna soll dir erst etwas zu essen bringen, damit du dich stärkst. Dann werden wir sehen.«

»Um keinen Preis der Welt, wo denkst du hin, Evalein. Ich soll essen, während du von Schmerzen geplagt wirst und in Kürze mit der Geburt unseres Kindleins gerechnet werden kann«, stieß er aufgeregt hervor.

Eva, die junge Försterin, lächelte; doch das Lächeln erstarb ihr auf den Lippen. Ihr Gesicht verzog sich schmerzhaft, auf ihre Stirn traten kleine Schweißperlen. Sie stöhnte auf. Diesmal war der Schmerz bedeutend stärker als zuvor.

»Anna! Anna, so komm doch!« rief Peter Waldrich, indem er die Tür öffnete. Gleich darauf lief er wieder zurück zu seiner Frau und nahm sich ihrer liebevoll an.«

»Was ist denn los? Warum schreien Sie denn so, als ob Sie Tote erwecken wollten?« Mit diesen Worten blieb Anna auf der Schwelle stehen.

»Mein Gott, Anna, siehst du denn nicht, was hier los ist? Ruf die Hebamme und den Arzt!«

»Oh, du lieber Gott, ist es denn schon soweit?« rief die treue Alte erschrocken. »Ich habe mir doch heute morgen gleich gedacht, als ich…«

»Liebe, gute Anna, darüber sprechen wir später. Jetzt gibt es etwas Wichtigeres zu tun. Vor allem müssen jetzt die Hebamme und der Arzt her!«

»Schon gut, schon gut«, sagte sie beschwichtigend. »Mein Gott, bin ich aufgeregt«, murmelte sie, als sie das Zimmer verließ.

Kurze Zeit später hielt vor dem Forsthaus der Wagen des Landarztes.

Förster Waldrich wartete voller Ungeduld im Nebenzimmer. Hin und wieder drang ein dumpfes Stöhnen an sein Ohr. Dann zuckte er jedesmal zusammen. Der Aschenbecher quoll fast über. Ein Zeichen dafür, daß Peter Waldrich vor Nervosität eine Zigarette nach der anderen geraucht hatte.

Sein Kopf schmerzte unerträglich. Nur keine allzu große Hoffnung, dachte er. Die Enttäuschung ist um so bitterer.

Aber wie würde Eva es tragen, wenn sie diesmal wieder alle Schmerzen umsonst ausgehalten hatte? Peter Waldrich mochte nicht daran denken. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte sie längst ein Kindlein angenommen. Aber Eva wollte ein eigenes Kind. Nun, vielleicht hatten sie diesmal Glück. Peter warf einen Blick auf die Uhr. Draußen dämmerte es bereits.

»Wie lange es diesmal dauert«, flüsterte er. »Wie still es im Nebenzimmer geworden ist.«

Peter hielt den Atem an und lauschte. Er konnte fast den Schlag seines eigenen Herzens hören.

Plötzlich zuckte er zusammen, ein Schrei drang an sein Ohr, und dann war es still.

Vergeblich wartete der Mann auf ein quäkendes Kinderstimmchen. Es war eine beängstigende Stille.

Peter Waldrich trat ans Fenster, legte seine heiße Stirn an das kühle Glas und wartete darauf, daß sich die Tür öffnete und Dr. Hohenheim zu ihm kam, um ihm zu sagen, wie es dort drinnen aussah. Der Mann mußte sich noch eine ganze Weile gedulden.

Als sich die Tür dann endlich öffnete, sah Peter Waldrich an dem Gesicht des Arztes, daß er vergeblich gehofft hatte. Dr. Hohenheim und er waren Freunde, sie hatten zusammen die Schulbank gedrückt.

»Es tut mir leid, Peter.« Mitleidig legte er ihm die Hand auf die Schulter. »Es war ein Bub, leider ist er…«

Ein dumpfes Stöhnen brach aus der Brust des Mannes, der die Hoffnung, daß vielleicht diesmal ein lebendes Kind in der Wiege liegen würde, begrub. Er biß die Zähne hart aufeinander. Als er Dr. Hohenheim anblickte, standen ihm Tränen in den Augen.

»Entschuldige, Reinhard, es ist Evas wegen. Wie hart wird es sie wieder treffen. All die schweren Stunden, die sie durchgemacht hat, waren wieder vergeblich.«

»Sie hat es nicht leicht gehabt, Peter. Danke Gott, daß sie dir erhalten geblieben ist«, sagte Dr. Hohenheim ernst.

Peter Waldrichs Gesicht verfärbte sich. Mit erschrockenen Augen sah er den Arzt an.

»Ja, ja, alter Freund, sie hat schwer kämpfen müssen, die kleine, tapfere Frau. Aber sie hat es, Gott sei Dank, überstanden.«

»Weiß sie es schon?«

»Sie befindet sich noch in der Narkose.«

»Wieso Narkose? Was ist mit Eva? Bitte, Reinhard, was ist los?« kam es erregt von Peter Waldrichs Lippen. »Ich habe das Gefühl, du verschweigst mir etwas.« Peter drängte sich an dem Arzt vorbei, um in das Zimmer der Wöchnerin zu gelangen.

»Halt, Peter, im Augenblick kannst du nicht hinein. Außerdem habe ich dir etwas zu sagen.«

»Erst will ich wissen, ob für Eva Gefahr besteht?«

»Vor allem, lieber Freund, beruhige dich.« Dr. Hohenheim drückte den Förster in einen Sessel. »Deiner Eva droht keine Gefahr mehr, allerdings…«

»Was soll das heißen?« Mit einem Satz war Peter aufgesprungen.

»Wenn du dich jetzt nicht setzt, rede ich überhaupt nicht. Vor allem hätte ich wohl einen Kognak verdient, meine ich.«

»Entschuldige, Reinhard, aber ich bin vollkommen durcheinander.« Er stand auf, holte eine Flasche Kognak und füllte zwei Gläser.

»Du brauchst dir, wie ich schon sagte, um Eva keine Sorgen zu machen, Peter.« Dr. Hohenheim zündete sich eine Zigarette an. »Eva darf keine Kinder mehr haben, das wollte ich dir sagen. Sie hat es diesmal schon recht schwer gehabt. Ich mußte einen Eingriff machen.«

»Ich wollte dieses Kind schon nicht mehr, Reinhard. Es war einzig und allein Evas Wille, das kannst du mir glauben. Aber sie hatte trotz allem Hoffnung, daß ihr ein lebendiges Kind in den Arm gelegt würde. Wie mag ihr ums Herz sein, wenn sie erfährt, daß nun wiederum…«

»Ihr solltet ein Kind annehmen, das wäre eine dankbare Aufgabe. Du hast ja keine Ahnung, wie viele Mädel und Buben in den Waisenhäusern nach Elternliebe hungern.«

»Wir werden sehen, Reinhard. Jetzt ist Eva erst einmal wichtig.«

»Gewiß, Peter, doch finde ich, du solltest nicht allzulange damit warten, ein Kind anzunehmen.«

»Es ist alles in Ordnung, Herr Doktor. Frau Waldrich ist erwacht.« Die Hebamme steckte ihren Kopf durch den Türspalt.

»Na also, was wollen wir denn mehr? Nun kannst du zu ihr, alter Freund.«

»Du ahnst nicht, wie schwer mir dieser Gang wird, Reinhard.«

»Doch, doch mein Freund, ich kann es dir wohl nachfühlen.« Dr. Hohenheim wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit der Schwester.

Peter hatte Mühe, sein Erschrecken zu verbergen, als er das blasse Gesicht in den weißen Kissen sah. Traurig blickten ihn die Blauaugen an. Über die bleichen Wangen liefen Tränen. Die Lippen stammelten unverständliche Worte.

»Eva, Liebes.« Mit ein paar Schritten war Förster Waldrich an ihrer Seite. »Sei nicht traurig, Liebes.« Bittend sah er sie an.

»Weißt du es schon, Peter, unser Kind ist wieder tot, stumm, kalt und tot«, wimmerte sie. »Und ich wollte es so gern in mütterlicher Liebe an mein Herz drücken. Ach, Peter, wir werden niemals ein Kind haben. Die Wiege wird immer leer bleiben. Im Forsthaus wird niemals fröhliches Kinderlachen erklingen.«

Sanft streichelte Peter Waldrich die blassen Wangen seiner Frau, die jetzt die Augen geschlossen hielt. Unter den dichten Wimpern drangen Tränen hervor. Kristallklar liefen sie über ihre Wangen.

»Bitte, Eva, denk an mich.« Peter Waldrich kniete neben ihrem Bett nieder. In ihm war ein schmerzvolles Aufbegehren gegen das Schicksal. Wieviel Frauen gab es, die ein lebendiges Kind zur Welt brachten und es gar nicht haben wollten. Und Eva, sie sehnte sich fast zu Tode nach so einem kleinen Wesen, das aus ihrem Fleisch und Blut hervorgegangen war. Doch das Glück blieb ihr versagt.

»Eva braucht jetzt Ruhe«, wandte sich Dr. Hohenheim an den Freund. »Ich werde ihr eine Spritze geben, damit sie schläft. Später sieht alles ganz anders aus.«

*

»Du darfst mich nicht verlassen, Mama!« Sylvia von Arnheim sank vor dem Bett der Mutter in die Knie. »Was soll ich ohne dich auf der Welt«, wimmerte sie hilflos.

Langsam hob die bleiche Frau die Hand und legte sie sanft auf den goldblonden Scheitel des jungen Mädchens. Auf dem Gesicht Dora von Arnheims lagen die Schatten des Todes. Die eingefallene Brust der zarten Frau mit dem verhärmten Gesicht hob und senkte sich kaum sichtbar unter den schwachen Atemzügen.«

»Sylvia, Liebes«, kam es wie ein Hauch von den Lippen der Schwerkranken.

»Bitte, Mama, laß mich nicht allein«, schluchzte das Mädchen auf. In den großen blauen Augen lag das Entsetzen.

»Sie müssen stark sein.« Der Arzt nahm Sylvia ein wenig beiseite und sah sie ernst, mahnend und tröstend an. Der verzweifelte Blick aus den blauen Augen traf ihn bis ins Herz.

Dr. Burgdorf war seit Jahr und Tag Hausarzt bei den Arnheims. Er kannte ihre Familienverhältnisse recht gut.

Edgar von Arnheim, Sylvias Vater, ein stattlicher Mann, hatte seine Familie an den Rand des Abgrunds getrieben. Er war vergnügungssüchtig und liebte das Glücksspiel.

Dora von Arnheim, seine Frau, hatte eine Engelsgeduld mit ihm gehabt. Sie hatte versucht, so lange es eben möglich war, alles Häßliche von Sylvia fernzuhalten. Eines schönen Tages war dann das Unheil über die Arnheims hereingebrochen. Von dem riesengroßen Vermögen war auch nicht ein einziger Heller übriggeblieben. Herr von Arnheim hatte sich aus dem Staub gemacht und Frau und Kind in bitterster Armut zurückgelassen.

Das ohnehin schon schwere Herzleiden der Baronin hatte sich zusehends verschlechtert. Sie mußten die große, feudale Villa, in der sie bis jetzt gewohnt hatten, verlassen und waren in eine kleine Mietswohnung gezogen.

Mutter und Tochter hatten für ein Geschäft Handarbeiten angefertigt. Hin und wieder hatte Dora von Arnheim eines ihrer wenigen Schmuckstücke, die sie noch besaß, verkauft, damit sie das Notwendigste zum Leben hatten.

Dr. Burgdorfs Blick ruhte mitleidig auf der zarten Sylvia von Arnheim. Man konnte unmöglich an ihr vor-übergehen, ohne von ihrem Liebreiz gefangen zu sein. Ihr goldblondes Haar, das wie reife Ähren schimmerte, fiel in weichen Wellen bis auf ihre Schultern herab. Die großen, ausdrucksvollen Augen erinnerten in der Farbe an einen klaren Bergsee. Ihre Gestalt war feingliedrig und elfenhaft zart.

Die Männer werden schwerlich an ihr vorübergehen, ohne sie zu beachten, dachte Dr. Burgdorf.

Was soll sie allein in der Welt anfangen, sann er weiter. Achtzehn war sie vor einigen Wochen geworden. Dr. Burgdorf wußte, daß sie den Stürmen des Lebens nicht gewachsen war. Sie hatte wie ihre Mutter ein schwaches Herz und würde, falls sich ihrer niemand annahm, am Leben zerbrechen.

Nun, es würde sich gewiß jemand in der Verwandtschaft finden, der sich um sie kümmerte.

»Kommen Sie jetzt, Sylvia.« Dr. Burgdorf machte Anstalten, sie aus dem Zimmer zu führen. Doch das junge Mädchen schüttelte stumm, aber energisch den Kopf.

»Bitte, lassen Sie mich bei Mama!« Flehend hob sie die Hände.

»Sie sollten sich ausruhen, mein Kind. Wie mir Schwester Hilde sagte, haben Sie die letzte Nacht kein Auge zugetan, das wird Ihrer Gesundheit schaden und Ihrer Mama gar nichts nützen. Sie wird ruhig und still in eine bessere Welt hinüberschlummern.«

»Bitte, Herr Doktor, verstehen Sie mich denn nicht? Ich möchte Mamas Hand halten, solange sie noch lebt. Können Sie das nicht begreifen? Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, ich werde ganz ruhig sein, das verspreche ich Ihnen.« Sylvia von Arnheim schluckte hart, über ihre Lippen kam ein Seufzer. »Wie lange wird es noch dauern, bis sie…?« fragte sie leise und zaghaft.

»Wer kann es wissen.« Dr. Burgdorf zuckte die Achseln. »Eine Stunde, zwei, womöglich auch drei. So genau kann man das nicht sagen. Es ist besser für Ihre Mama, glauben Sie mir, mein Kind. Sie hat in letzter Zeit sehr viel gelitten. Gönnen Sie ihr die Ruhe«, versuchte er Sylvia zu trösten.

»Leichter gesagt als getan.« Aus Syl-vias Augen perlten Tränen. »Trotzdem werde ich versuchen, mit allem fertig zu werden. Ich kann es nicht fassen, daß mir Mama genommen werden soll.«

»Sie sind ein tapferes Mädchen, Syl-via. Ihre Mutter wird bedeutend ruhiger einschlafen, wenn Sie sich gefaßt zeigen. Sie hat ein Beruhigungsmittel bekommen. Vielleich schlummert sie, ohne noch einmal zu erwachen, hinüber.«

Sylvia hatte das Gefühl, als erschwere ihr etwas das Atmen.

Sie trat ans Fenster und sah dem davonfahrenden Wagen des Arztes nach, bis er ihren Blicken entschwunden war.

Dann ging sie wieder zurück in das Zimmer ihrer Mutter.

Die Schatten des hereinbrechenden Abends krochen gespenstisch in das Zimmer. Draußen stürmte und regnete es, als Dora von Arnheim noch einmal die Augen öffnete, um sie gleich darauf für immer zu schließen.

Sylvia spürte, wie die Hand der Mutter kalt und leblos wurde. Aus ihren Augen tropften heiße Tränen. Sie weinte um die treue Behüterin ihrer Kinderjahre, die jetzt für immer ihre Augen geschlossen hatte.

Sylvia wußte nicht, wie lange sie am Bett ihrer toten Mutter gesessen hatte. Als sie sich erhob, fröstelte sie, obwohl der Raum gut geheizt war. Ihre Schultern waren nach vorn gebeugt, als sie mit schleppenden Schritten das Zimmer verließ.

*

Die Arnheims hatten eine ziemlich große Verwandtschaft. Sie waren, obwohl sie keine besonderen Beziehungen zu den armen Verwandten hatten, fast alle gekommen.

Manch einer von ihnen mochte wohl mit dem Gedanken gekommen sein, die arme Sylvia bei sich aufzunehmen. Doch als sie dann dem schönen Mädchen gegenüberstanden, verwarfen sie den Gedanken.

Sie alle hatten Töchter zu Hause, für die sie wohl eine Freundin oder Gesellschafterin gebraucht hätten, dafür wäre ihnen die arme Verwandte gerade recht gewesen. Aber dieses Mädchen, nein, das wollten sie auf keinen Fall. Sie wäre mit ihrer Schönheit ja eine Gefahr für die eigenen Töchter im heiratsfähigen Alter gewesen. Jeder hatte eine andere Ausrede gefunden. Sie beratschlagten, was mit der achtzehnjährigen Sylvia, die wie ein verängstigtes Vöglein auf ihrem Stuhl hockte, geschehen sollte.

Eine Weile betrachtete Graf Hohenwald das Häuflein Unglück, das sichtlich mit den Tränen kämpfte. Dann trat er entschlossen auf Sylvia zu und ergriff ihre Hände.

»Wenn du willst, Mädelchen, kommst du mit mir nach Hohenwald.« Seine Augen blickten gütig in das bleiche Mädchengesicht. »Es wird dir dort bestimmt gefallen.«

Durch die Reihen der Verwandten ging ein Aufatmen. Manch einer mochte wohl denken, daß Graf Rudolf zu Hause noch einen harten Strauß mit seiner Gattin auszufechten hatte. Denn Gräfin Annerose hatte auch eine Tochter, und sie war zum Leidwesen ihrer Mutter nicht mit Schönheit gesegnet.

Sylvia hatte schnellstens die paar Habseligkeiten, die sie besaß, zusammengepackt. Dann fuhr sie mit Graf Rudolf fort. Als sie Hohenwald erreichten, war es schon dunkel.

»Was wird Tante Annerose sagen, daß ich mitkomme?« Große, ängstliche Augen sahen Graf Rudolf an.