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In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkinder" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Ihre Lebensschicksale gehen zu Herzen, ihre erstaunliche Jugend, ihre erste Liebe – ein Leben in Reichtum, in Saus und Braus, aber oft auch in großer, verletzender Einsamkeit. Große Gefühle, zauberhafte Prinzessinnen, edle Prinzen begeistern die Leserinnen dieser einzigartigen Romane und ziehen sie in ihren Bann. Als es zu schneien aufgehört hatte, verließ Johanna von Rotenhoff, ohne ein rechtes Ziel zu haben, das Gutshaus. Mechanisch einen Fuß vor den anderen setzend, schlug sie den Weg zum verschneiten Park ein. Johanna von Rotenhoff schritt wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat. Ihr Gesicht war ungewöhnlich bleich, und ihre Augen waren vom Weinen gerötet. So war es in letzter Zeit öfter. Ihre bisher glückliche Ehe war ins Wanken geraten. Niemals hätte Johanna an der Treue Viktors zu zweifeln gewagt. Und jetzt? Seitdem die Schauspielerin Melanie Nowara in der nahe gelegenen Kreisstadt am Stadttheater verpflichtet war, gab es kaum einen Abend, an dem Viktor zu Hause war. Johanna saß dann am Fenster und blickte hinaus in die dunkle Nacht. Erst wenn die Lichter von Viktors Wagen in der Birkenallee aufblitzten, ging sie zu Bett. Aber auch dann konnte sie nicht einschlafen. Die blutjunge Johanna von Römer hatte Viktor von Rotenhoff geheiratet, als sie durch einen tragischen Unfall die Eltern verloren hatte. Sie war eine entfernte Verwandte der Rotenhoffs und kam nach dem Tod der Eltern in deren Haus. Es war den Rotenhoffs gar nicht so besonders recht gewesen, daß Viktor die nicht gerade vermögende Johanna heiratete. Doch das störte den jungen Baron wenig. Er setzte seinen Willen den Eltern gegenüber durch, und man fand sich schließlich damit ab, daß die sanfte goldblonde Johanna Römer Viktors Frau wurde. Johannas Mutter entstammte einer Seitenlinie des Geschlechtes Rotenhoff. Sie hatte ihre Hand einem begabten Dirigenten gereicht und aus diesem Grund als schwarzes Schaf der Familie gegolten. Nachdem Johanna und Viktor ein Jahr verheiratet waren, schenkte sie Viktor einen Erben.
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Als es zu schneien aufgehört hatte, verließ Johanna von Rotenhoff, ohne ein rechtes Ziel zu haben, das Gutshaus.
Mechanisch einen Fuß vor den anderen setzend, schlug sie den Weg zum verschneiten Park ein. Johanna von Rotenhoff schritt wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat. Ihr Gesicht war ungewöhnlich bleich, und ihre Augen waren vom Weinen gerötet.
So war es in letzter Zeit öfter. Ihre bisher glückliche Ehe war ins Wanken geraten. Niemals hätte Johanna an der Treue Viktors zu zweifeln gewagt. Und jetzt?
Seitdem die Schauspielerin Melanie Nowara in der nahe gelegenen Kreisstadt am Stadttheater verpflichtet war, gab es kaum einen Abend, an dem Viktor zu Hause war.
Johanna saß dann am Fenster und blickte hinaus in die dunkle Nacht. Erst wenn die Lichter von Viktors Wagen in der Birkenallee aufblitzten, ging sie zu Bett. Aber auch dann konnte sie nicht einschlafen. Manchmal kam es sogar vor, daß Viktor die ganze Nacht über nicht nach Hause kam…
Die blutjunge Johanna von Römer hatte Viktor von Rotenhoff geheiratet, als sie durch einen tragischen Unfall die Eltern verloren hatte. Sie war eine entfernte Verwandte der Rotenhoffs und kam nach dem Tod der Eltern in deren Haus.
Es war den Rotenhoffs gar nicht so besonders recht gewesen, daß Viktor die nicht gerade vermögende Johanna heiratete.
Doch das störte den jungen Baron wenig. Er setzte seinen Willen den Eltern gegenüber durch, und man fand sich schließlich damit ab, daß die sanfte goldblonde Johanna Römer Viktors Frau wurde.
Johannas Mutter entstammte einer Seitenlinie des Geschlechtes Rotenhoff. Sie hatte ihre Hand einem begabten Dirigenten gereicht und aus diesem Grund als schwarzes Schaf der Familie gegolten.
Nachdem Johanna und Viktor ein Jahr verheiratet waren, schenkte sie Viktor einen Erben. Der kleine Wolfgang hatte die Großeltern versöhnt. Wolfgang war ein Rotenhoff, und die Familie war ungeheuer stolz auf ihn.
Später hatte Johanna noch ein kleines Töchterchen geboren. Von da an hatte nichts mehr das Glück auf Rotenhoff stören können.
Wolfgang und Nanni, das war der Name des kleinen Baroneßchens, wurden nach allen Regeln der Kunst verwöhnt. Es gab kaum einen Wunsch, der den Kindern nicht erfüllt wurde.
Trotzdem waren sie bescheiden und brav. Dafür sorgte schon Johanna, die von ihren Kindern abgöttisch geliebt wurde.
So waren die Rotenhoffs eine sehr glückliche Familie gewesen. Seitdem die Schauspielerin Melanie Nowara in Viktors Leben getreten war, hatte es den Anschein, als wäre das Familienglück der Rotenhoffs zerstört.
Während Johanna auf den verschneiten Wegen dahinging, erschien vor ihrem geistigen Auge das Bild der Schauspielerin. Sie war zweifellos eine sehr schöne Frau. Ihre Haut war zart und weiß, und das glänzende rote Haar umgab das schmale Gesicht in weichen Wellen.
Viktor sieht nur die Schönheit der Schauspielerin, dachte Johanna bitter. Daß ihr Gesicht kalt und seelenlos ist, bemerkt er in seiner Verliebtheit nicht.
Johanna hatte an jenem Abend, als sie mit Viktor das Theater besuchte, gemerkt, daß sein Herz für Melanie Nowara entflammt war. Mit leuchtenden Augen hatte er sie betrachtet.
»Eine tolle Frau, diese Nowara«, hatte er geäußert.
Seit diesem Tag war mit Viktor eine Veränderung vor sich gegangen. Er war merklich kühler geworden. Seine Umarmungen waren flüchtig, seine Küsse ohne Wärme und Leidenschaft.
Drei Monate dauerte das Verhältnis, das Viktor zu der Schauspielerin unterhielt. Er machte nicht einmal ein Hehl daraus. Die Nowara schien ihn vollkommen verhext zu haben. Es war schon in die Öffentlichkeit gedrungen, daß der junge Baron Rotenhoff eine Geliebte hatte und daß diese Geliebte Melanie Nowara hieß.
Wo Johanna ging und stand, glaubte sie die Blicke der Menschen auf sich gerichtet zu sehen. Sie fühlte, daß man hinter ihrem Rücken tuschelte.
Johanna ging gedankenverloren über Felder und Wiesen. Sie hatte den Mantelkragen hochgeschlagen und die Hände tief in den Taschen vergraben.
Wenn ich doch nur einen Ausweg wüßte, dachte sie verzweifelt. So ging es auf keinen Fall weiter. Sie war nicht stark genug, um diesen Zustand länger ertragen zu können.
Mittlerweile hatte es wieder zu schneien begonnen. Johannas Gang war schleppend, ihre Schultern waren nach vorn gebeugt, als hätte sie eine schwere Last zu tragen. Nachdem sie ein paar Minuten durch den fußhohen Schnee gestapft war, lag vor ihr das verschneite Dörfchen.
Ihr Blick weilte einen Augenblick auf einer Reihe stattlicher Giebel, die sich auf einer Anhöhe erhoben. Dann schritt sie ziellos über die Dorfstraße.
Ich fühle mich zum Sterben elend, dachte sie und blickte verloren in die Winterlandschaft. Zu ihrer Rechten lag das schmucke Dorfkirchlein.
Johanna warf einen Blick auf die große Turmuhr. Gleich vier, dachte sie. In einer Stunde würde man sich auf Rotenhoff zum Tee versammeln. Man würde sich wundern, daß sie nicht zu Hause war. Johanna hatte keine Nachricht hinterlassen. Kopflos war sie aus dem stillen Haus gestürmt, nachdem Viktor bereits am frühen Nachmittag in einem dunklen Gesellschaftsanzug das Haus verlassen hatte.
Johanna hatte gewußt, wohin er nun fuhr. Neuerdings genügte es ihm nicht mehr, daß er der Nowara die Abende und die halben Nächte widmete. Nein, auch am Tag zog es ihn in die Nähe der schönen Frau.
Johannas Augen brannten von ungeweinten Tränen. Was sollte werden, wenn Viktor nicht bald zur Vernunft kam? Schließlich mußte er doch an die Kinder denken. Was sollte werden, wenn ihre Ehe zerbrach?
Sie war so in ihre Gedanken vertieft, daß sie erschrocken aufblickte, als ein entgegenkommender Wagen dicht neben ihr stoppte und jemand ihren Namen rief. Gleich darauf öffnete sich der Schlag, und ein älterer Herr verließ das Auto.
Erstaunt blickte er auf die völlig aufgelöste Frau, deren Augen ihn leidvoll anblickten.
»Onkel Martin!« Johannas Mund umspielte ein schwaches Lächeln.
Professor Martin Oberländer war ein Freund ihres verstorbenen Vaters gewesen.
Er kannte Johanna schon, seit sie das Licht der Welt erblickt hatte. Er liebte sie, da er selbst keine Kinder besaß, wie eine Tochter, und wenn es seine Zeit erlaubte, besuchte er sie auf Rotenhoff. Auch die Kinder, Wolfgang und Nanni, waren ihm ans Herz gewachsen, und da er keine Angehörigen hatte, würde Johanna einmal sein großes Vermögen erben.
Professor Oberländer sah auf den ersten Blick, daß etwas geschehen war, was Johanna aus der Fassung gebracht hatte.
»Mein Gott, Kindchen, steig ein! Bei einem solchen Wetter jagt man ja keinen Hund vor die Tür.«
Johanna ließ sich willenlos in den Wagen verfrachten.
»Bitte, Onkel Martin, fahr mich, wohin du willst, nur nicht nach Rotenhoff«, flehte sie.
Oberländer warf einen kurzen Blick zur Seite, dann wendete er kurz und lenkte seinen Wagen der nahen Kreisstadt zu.
»Ich weiß zwar nicht, weshalb du nun nicht nach Rotenhoff willst, doch ich bin überzeugt, daß du deine Gründe haben wirst.«
»Frag mich jetzt nicht, später werde ich dir alles erzählen.« Über die Wangen der jungen Frau flossen Tränen. »Wenn du eine Zigarette für mich hättest, wäre ich dir sehr dankbar«, bat sie mit leiser Stimme.
Martin Oberländer reichte Johanna sein Zigarettenetui. Heimlich machte er sich Gedanken, was wohl geschehen sein könnte.
Professor Oberländer bewohnte im Atlantic-Hotel ein Appartement. Wenn er Johanna besuchte, stieg er dort immer ab. Aber diesmal galt sein Kommen nicht Johanna allein, er hatte in der Stadt ein Konzert zu geben. Es sollte das letzte sein.
Nach diesem Konzert wollte der Zweiundsechzigjährige sich ins Privatleben zurückziehen. Er war des Herumreisens müde. Er hatte der Welt mit seiner Kunst viel gegeben.
In der Nähe von Rotenhoff wollte er sich niederlassen, damit er, wenn er Lust verspürte, Johanna und die Kinder sehen konnte.
Professor Oberländer parkte seinen Wagen vor dem Hotel und war Johanna beim Aussteigen behilflich. Niemand hätte dem stattlichen Mann seine zweiundsechzig Jahre angesehen. Im Gegenteil, als er jetzt an Johannas Seite die mit dicken, schrittdämpfenden Läufern belegte Treppe hinaufstieg, hätte man sie für ein Ehepaar halten können.
Martin Oberländer nahm Johanna den Mantel ab und drückte sie in einen bequemen Sessel.
»Sag jetzt gar nichts, Johanna. Erst wenn du dich ein wenig gestärkt und aufgewärmt hast, kannst du mir erzählen, weshalb du wie ein herrenloses Hündchen durch die Winterlandschaft geirrt bist.« Mit sanftem Druck umschloß er ihre eiskalten Hände.
Kurz darauf brachte der Ober Tee und kleine Kuchen.
Johanna umklammerte mit beiden Händen die Tasse mit dem dampfenden Getränk. Langsam trank sie Schluck um Schluck. Ihr Blick war ins Wesenlose gerichtet.
Professor Oberländer brach das lange Schweigen mit keinem Wort. Er konnte warten, warten, bis Johanna den Mut fand, sich alles vom Herzen zu reden.
Nach einer Weile stellte Johanna die Teetasse auf den Tisch. Sie sah den Professor an.
Mein Gott, dachte Oberländer, wie vergrämt sie aussieht. Es muß etwas Entsetzliches geschehen sein.
»Wie gut, daß ich dir begegnet bin, Onkel Martin«, kam es leise von ihren Lippen. »Ich weiß, du brennst darauf, zu erfahren, was geschehen ist.«
»Nun, ich kann es nicht leugnen«, gestand der Mann offen. »Schließlich kenne ich dich als glückliche junge Frau und bin erstaunt, dich so verändert vorzufinden.«
»Eine glückliche junge Frau, wie nett das klingt.« Johanna hielt einen Augenblick inne, dann lächelte sie bitter. »Das ist vorbei, Onkel Martin. Ich bin sehr unglücklich. Ja, ich weiß nicht einmal, wie es weitergehen soll«, seufzte sie.
»Aber was ist denn nur geschehen, Kindchen?«
»Viktor liebt eine andere Frau«, kam es stockend von Johannas Lippen.
»Viktor? Unmöglich, Johanna, dazu liebt er dich viel zu sehr. Er würde dich niemals betrügen. Gewiß bildest du dir da etwas ein.«
»Es wäre zu schön, um wahr zu sein, Onkel Martin. Leider sind meine Worte bittere Wahrheit. Es gab eine Zeit, da hätte ich meine Hand dafür ins Feuer gelegt, daß Viktor mich niemals betrügen würde, doch heute ist das leider anders. Es ist längst kein Geheimnis mehr. Alle Welt spricht bereits darüber. Viktor hat ein Verhältnis mit einer Schauspielerin vom hiesigen Theater, einer gewissen Melanie Nowara. Drei Monate zappelt er schon in ihren Netzen. Sie ist jung, zweiundzwanzig, Onkel. Ich bin fast zehn Jahre älter als sie. Außerdem bin ich Mutter von zwei Kindern. Es ist entsetzlich«, stöhnte sie verzweifelt. »Selbst die Kinder haben längst gemerkt, daß in unserer Ehe etwas nicht stimmt. Wenn ihr Vater zu Hause ist, dann gehen sie ihm scheu aus dem Weg. Doch ich habe fast den Eindruck, er bemerkt es nicht einmal, so gleichgültig sind wir ihm geworden. Die Nächte verbringt er bei der schönen Nowara, wie man die Dame nennt.«
»Dame, Johanna, sagtest du wirklich Dame? Eine unverschämte Person ist diese Nowara. Wie kann sie es wagen, einer verheirateten Frau den Mann abspenstig zu machen? Ich werde mit ihr einmal ein offenes Wort reden, darauf kannst du dich vorlassen!« Professor Oberländer schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Um Gottes willen, Onkel, tu nur das nicht! Du hast ja keine Ahnung, wie fest Viktor und sie verbunden sind. Er ist so vernarrt, daß er Melanie Nowara heiraten will.«
»Zum Donnerwetter, Johanna, und das nimmst du so geduldig hin?«
»Verrate mir, was ich tun soll, Onkel Martin.« Johanna rang flehend die Hände.
»Erst einmal fortgehen, damit er nun sieht, was er an dir hatte. Glaube nicht, daß diese Nowara ihm die Treue hält. Ich kenne diese Art von Dämchen. Es müßte mit sonst etwas zugehen, wenn wir Viktor nicht von dieser Person loseisen würden. Vertraue dich nur deinem alten Onkel Martin an!«
»Ich weiß, du meinst es gut, aber dein Optimismus ist hier fehl am Platz.«
Johanna sah warm in das gutmütige Gesicht des alten Herrn.
»Nun, es kommt auf einen Versuch an. Auf keinen Fall darfst du tatenlos zusehen, wenn eine andere deine Ehe skrupellos zerstört.«
»Du meinst, ich soll mit ihr sprechen? Nein, Onkel Martin, das bringe ich nun doch nicht fertig!« stieß Johanna leidenschaftlich hervor.
»Du sollst es deiner Kinder wegen tun, Johanna. Es kommt nicht ausschließlich auf dich an. Letzten Endes sind es stets die Kinder, die unter einer zerbrochenen Ehe zu leiden haben.«
Stöhnend schlug Johanna die Hände vor das Gesicht. »Wenn du wüßtest, wie schwer mir ums Herz ist, Onkel Martin«, kamen leise die Worte von ihren Lippen.
Professor Oberländer stand auf und trat an Johannas Seite.
»Nicht gleich so verzweifelt sein, liebe Johanna«, sprach er tröstend auf sie ein. »Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.«
Trostlos sah Johanna in die gütigen Augen des alten Herrn.
»Weißt du, was das Schlimmste ist, Onkel Martin? Viktor hat sogar unseren Hochzeitstag vergessen. Daran erkennst du wohl deutlich, was mit ihm los ist. Statt der üblichen roten Rosen, die er mir sonst an diesem Tag überreichte, hatte er heute nur einen flüchtigen Morgengruß für mich.«
»Nur nicht gleich den Kopf verlieren, Kindchen«, tröstete er. »Ich bin überzeugt, daß du es sein wirst, die den Sieg davonträgt.«
»Manchmal frage ich mich, ob ich nun überhaupt noch will, ich habe auch meinen Stolz. Aber da sind, wie du schon erwähntest, die Kinder. Mein Gott, ich bin ja so verzweifelt.«
Johanna von Rotenhoff stand auf und trat an das breite Fenster. Sie biß die Zähne aufeinander und schluckte die Tränen tapfer hinunter.
Ich muß heim, dachte sie, dabei wäre sie am liebsten nie mehr nach Rotenhoff zurückgekehrt.
Aber da waren die Kinder – Wolfgang, der schon so gern erwachsen tat. Johanna sah sein hübsches, trotziges Jungengesicht vor ihrem geistigen Auge. Das Haar stand immer ein wenig verwegen vom Kopf ab. Wolfgang wäre, wenn man es von ihm verlangt hätte, für seine Mutter durchs Feuer gegangen.
Auf Johannas Gesicht erschien bei diesem Gedanken ein schwaches Lächeln. Ja, auf ihren Wolfgang konnte sie schon stolz sein. Sie spürte in ihrem Herzen die Sehnsucht der Kinder, die sie gewiß längst vermissen würden, und hatte plötzlich keine Ruhe mehr.
»Es hilft nichts, Onkel Martin, ich muß heim. Wolfgang und Nanni werden gewiß schon Sorgen um mich haben. Ich werde mir ein Taxi nehmen.«
»Aber nein, Johanna, wie kommst du darauf? Selbstverständlich fahre ich dich heim.«
Johanna reichte dem Professor beide Hände und zwang ein Lächeln auf ihre Lippen. »Du hast mir ein wenig Mut gemacht, Onkel Martin.«
»Na also, Johanna, so gefällst du mir viel besser. Nur nicht gleich verzagen. Und wenn es absolut nicht gehen will, na ja, du weißt ja, dein alter Onkel ist immer für dich da. Du bist mir wie eine eigene Tochter ans Herz gewachsen, Johanna. Vor allem aber bin ich es meinem toten Freund Römer schuldig, daß ich seinem einzigen Kind beistehe.«
Ernst blickten die klugen, gütigen Augen des Mannes sie an.
»Lieber Onkel Martin.« Johanna schmiegte ihre Wange an sein Gesicht. In ihren Augen glänzte es verdächtig. »Du bist so gut zu mir, was sollte ich ohne dich nur anfangen?«
»Mach nur keinen Heiligen aus mir, mein Kind«, wehrte der Professor verlegen ab, während er ihr in den Mantel half. »Dann und wann kann ich ganz abscheulich sein.«
*
Die alten Herrschaften auf Rotenhoff waren nicht wenig erstaunt, als an diesem Nachmittag Johanna am Teetisch fehlte.
»Sitten sind das«, murrte der alte Baron Robert und lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Jeder tut und läßt neuerdings in diesem Haus, was er will.«
»Soll das ein Vorwurf für Johanna sein?« fragte Maria von Rotenhoff. »O nein, mein Lieber, da stehe ich ganz auf ihrer Seite. Heute ist Viktor schon am frühen Nachmittag fortgegangen. Eines Tages kommt es so weit, daß er gar nicht mehr nach Hause kommt.«
»Ich möchte wohl wissen, was er sich dabei denkt. Er benimmt sich ja wie ein verliebter Primaner. Ich habe nichts dagegen, wenn ein Mann einmal einen Seitensprung macht, so etwas passiert immer wieder. Aber was Viktor augenblicklich treibt, schlägt dem Faß den Boden aus.« Die Faust des Gutsherrn sauste auf die Tischplatte nieder.
Vorwurfsvoll blickte Frau Maria ihn an.
»Sprich leiser, Robert.« Beschwichtigend legte sie ihre Hand auf seinen Arm. »Es wird schon genug im Haus getuschelt. Aber das ist unserem Herrn Sohn vollkommen egal. Es wird noch ein böses Ende nehmen.«
»Mein Gott, ich verstehe nicht, daß Viktor so charakterlos sein kann. Was will er denn eigentlich? Hat er nicht wundervolle Kinder? Aber so ist das, da läuft dem Herrn ein geschminktes, zurechtgemachtes Frauenzimmer über den Weg, und schon ist er ihm verfallen. Und wenn so ein Dämchen es dann noch versteht, sich unentbehrlich zu machen, können unter Umständen sehr üble Folgen entstehen. Es kann sogar zu einer Scheidung kommen.« Herr von Rotenhoff zog heftig an seiner Zigarre.
»Mein Gott, Robert, rede keinen Unsinn. Der Gedanke allein ist schon ungeheuerlich«, stieß Frau von Rotenhoff erregt hervor.
»Nun, ich finde, du solltest den Tatsachen klar ins Auge sehen, Muttchen. So wie die Aktien stehen, muß man mit allem rechnen. Eines sage ich dir jedoch, sollte Viktor es wirklich auf die Spitze treiben, dann ist für ihn kein Platz mehr hier im Haus. Noch bin ich der Herr von Rotenhoff.«
»Mich brauchst du nicht so böse anzuschauen, Robert, ich bin vollkommen schuldlos«, lächelte Frau Maria schwach.
»Mir tun vor allem die Kinder leid. Sie sind vollkommen verschüchtert. Vor allem Wolfgang. Er ist genau im Bilde über das, was hier vorgeht. Der Junge leidet unsagbar.«
Frau Maria preßte ein Taschentuch gegen die Augen.
»Du hast recht, Maria, Wolfgang hat längst bemerkt, was hier im Haus vor sich geht. Vor allem sieht er ja auch, wie deprimiert seine Mutter ist und daß ihr Gesicht in letzter Zeit ständig Tränenspuren aufweist.«
Frau Maria machte ein sorgenvolles Gesicht. »Weshalb nur muß Viktor, der sonst so korrekt und zuverlässig ist, sich ausgerechnet in diese Schauspielerin verlieben?« meinte sie kopfschüttelnd.
»Wo die Liebe hinfällt, Muttchen. Auf jeden Fall ist Viktor in meinen Augen ein Mann ohne Charakter.«
»Ob ich einmal mit dieser Schauspielerin rede? Was meinst du, Robert?«
»Ich meine, daß nichts dabei herauskommt, höchstens ein riesiger Krach mit Viktor. Und so, wie ich ihn kenne, wird er es noch schlimmer treiben. Du weißt, wie unser Herr Sohn ist. Seit er ein Verhältnis mit dieser Nowara hat, scheint er ein anderer Mensch geworden zu sein.«
»Siehst du, Robert, aus diesem Grund möchte ich auch die Schauspielerin einmal näher kennenlernen.«
»Und, liebe Maria, was versprichst du dir davon?«
»Nun, wer weiß. Vielleicht, wenn ich sie als Viktors Mutter bitte, sich zurückzuziehen. Womöglich tut sie es«, sagte Frau von Rotenhoff.
»Eher beißt sie sich den kleinen Finger ab, darauf kannst du Gift nehmen. Diese Damen nehmen keine Rücksicht auf Gefühle.« Herr von Rotenhoff lachte grimmig auf.
Eine Weile herrschte Stille, dann meinte Frau Maria. »Wenn ich nur den kleinsten Schimmer hätte, wo Johanna sich befindet, schließlich ist es nicht ihre Art, einfach fortzugehen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.«
»Ich kann mir gut vorstellen, daß ihr der Geduldsfaden reißt. Besonders heute an ihrem Hochzeitstag. Viktor scheint ihn vollkommen vergessen zu haben.«
»Da hast du es, dieser Hallodri!« sagte der alte Herr wütend. »Ein Beweis, wie sehr diese Melanie Nowara ihn fesselt.«
