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Lyas Leben steht Kopf. Ihre neue Stellung im Hades verlangt ihr einiges ab, die lange Trennung von Zayden und die Spannungen zwischen ihr und Roy machen ihr zu schaffen. Und als wäre das nicht genug, taucht plötzlich eine alte Bedrohung auf, die Erde und Hölle schon einmal in einen blutigen Krieg geführt hat: Die Madúr, wie sich die Jäger nennen, haben kein geringeres Ziel als den Untergang der gesamten übernatürlichen Welt. Ausgerechnet Lya soll der Schlüssel zur Vernichtung der Dämonen und Iljos sein. Eines steht fest: Sie muss zurück nach London – dorthin, wo alles begann – mit der wohl schwierigsten Aufgabe, vor der Lya je gestanden hat: der Rettung der Welt.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Das Buch
Lyas Leben steht Kopf. Ihre neue Stellung im Hades verlangt ihr einiges ab, die lange Trennung von Zayden und die Spannungen zwischen ihr und Roy machen ihr zu schaffen. Und als wäre das nicht genug, taucht plötzlich eine alte Bedrohung auf, die Erde und Hölle schon einmal in einen blutigen Krieg geführt hat: Die Madúr, wie sich die Jäger nennen, haben kein geringeres Ziel als den Untergang der gesamten übernatürlichen Welt. Ausgerechnet Lya soll der Schlüssel zur Vernichtung der Dämonen und Iljos sein. Eines steht fest: Sie muss zurück nach London – dorthin, wo alles begann – mit der wohl schwierigsten Aufgabe, vor der Lya je gestanden hat: der Rettung der Welt.
Die Autorin
© Maximilian J. Dreher
Alexandra lebt zusammen mit ihrem Freund und jeder Menge Bücher in München. Ihre ersten Geschichten verfasste sie bereits mit sieben Jahren und brachte damit auch später so manche langweilige Schulstunde hinter sich. Wenn sie nicht gerade dabei ist, sich neue Geschichten auszudenken und sich in diesen zu verlieren, reist sie um die Welt, um die Erde zu erkunden und mit Zelt und Rucksack an den unglaublichsten Plätzen unter den Sternen zu schlafen.
Mehr über die Autorin auf Instagram @alexandra_nordwest
Der Verlag
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Viel Spaß beim Lesen!
Alexandra Stückler-Wede
ElyanorZwischen Eis und Feuer
Für Maren, du weißt warum.Und für die Menschen, die meine Ewigkeit zu der unseren machen.
Zwei laute, klare Schüsse durchschnitten die Luft, schneller, als ich es hätte sehen können, und fanden mühelos ihr Ziel.
Ich spürte den Schmerz erst, als ich auf dem Boden aufschlug und mein Blickfeld schwindelerregend schnell von alles verschlingender Schwärze übernommen wurde. Mein Körper wurde taub und schwer, auf meiner Brust schien mit einem Mal das Gewicht einer Tonne zu lasten.
Er stieß ein lautes Brüllen aus, fiel neben mir auf die Knie und zog mich in seinen Schoß. „Lya! Bei der Hölle, Lya!“
„Sie kann dich nicht mehr richtig hören und sehen. Geschweige denn spüren. Es ist Gift. Grausames, lähmendes Gift, das ihren Körper mit jeder Sekunde, die vergeht, weiter auffrisst.“
Ich versuchte zu blinzeln, ein Zeichen zu geben, irgendetwas, aber da war nichts – gar nichts.
„Und wenn du nicht willst, dass sie stirbt, dann rate ich dir: Lass sie und mich jetzt gehen!“
„Den Teufel werde ich tun!“, fuhr er auf und ein schwaches Echo seiner Energie erreichte mich. Tränen rannen über meine Wangen.
„Ich lasse nicht zu, dass ihr den Ursprung vernichtet.“
„Dann wird Lya hier und jetzt in deinen Armen sterben. Ich habe das Gegenmittel nicht bei mir. Es ist deine Entscheidung. Ihr Leben liegt in deinen Händen: Sie oder die übernatürliche Welt, wie entscheidest du dich? Ihre Zeit läuft ab.“
Er fluchte. Laut und schnell und viel. Ich wünschte, ich könnte sein Gesicht sehen, seine wundervollen Züge, seine goldenen Augen, aber da war nur noch Schwärze, die mich auseinanderriss. Ich driftete ab, spürte nichts mehr bis auf einen dumpfen Schmerz, der mit jeder Sekunde zunahm und mir den Atem raubte. Er durfte sich nicht für mich entscheiden. Damit würde er das Todesurteil aller unterzeichnen.
Schreien. Ich wollte schreien, aber nicht einmal das konnte ich mehr.
„Tick-tack.“ Eine eisige Welle rauschte über mich hinweg. Mein Kopf schien jeden Moment zu bersten und in unzählige Teile zu zerspringen.
Nein. Nein. Nein. Nein.
Und dann, aus scheinbar unendlicher Ferne, drangen die Worte zu mir, vor denen ich mich so sehr gefürchtet hatte. „Sie. Ich würde jedes verdammte Mal sie wählen.“
Nein! Verdammt noch mal nein!
Mein Bewusstsein wurde mit einem Schlag aus meinem Körper gerissen und in die ewige Finsternis geschleudert. Die unbarmherzige Kälte von hellblauem, klarem Eis empfing mich, bis ich nichts mehr spürte als Schmerz.
Die laute Musik pulsierte um mich herum und brachte die stickige, heiße Luft zum Schwingen. Überall, wo ich hinschaute, sah ich glühende Augen, verschwitzte Haut und nackte Leiber, die sich im Takt des dröhnenden Basses auf der Tanzfläche unter mir wiegten.
Mein Volk.
Der mit Abstand beliebteste Nachtclub des Hades war hoffnungslos überfüllt, die Dämonen zu einer einzigen Masse verschmolzen, sodass es unmöglich war zu sagen, wo der Körper des einen endete und der des anderen begann. Sie rieben sich aneinander, berauschten sich gegenseitig an der Energie des anderen und tauchten in der Menge unter, um zu etwas Großem zu werden. Was gäbe ich dafür, jetzt eine von ihnen zu sein.
Von meinem Platz aus, einer blutroten Ledercouch, die auf der Empore stand, und zum VIP-Bereich des Clubs gehörte, hatte ich den vollen Überblick über das Chaos.
Ich sah die wenigen, benebelten Menschen, die von ihren Herren hierher gezerrt worden waren und mit blinden Augen durch die Dämonen taumelten, die überfüllte Bar, hinter der Barkeeper alle Hände voll damit zu tun hatten, den Wünschen der Gäste zu entsprechen, und die Käfige, die von der Decke herabhingen. Halbnackte Dämonen rekelten sich zur Musik darin, ihre Augen glühten im Zwielicht.
Unzählige Lichter blitzten immer wieder auf, tauchten den weitläufigen, unterirdischen Club in grelle Helligkeit, nur um ihn im nächsten Moment in absolute Finsternis zu werfen.
Wohin das Auge blickte: Lodernde Augen zwischen Licht und Dunkelheit, Hörner und Flügel, die hin- und herzuckten, und dunkle Magie.
Das reinste Paradies.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du hier wirklich auftauchst, Lya.“
Meine Lippen verzogen sich zu einem freudlosen Grinsen, als ich mich meiner Freundin Reena zuwandte. „Ach ja? Was hat dich davon abgehalten?“
Ihre eisblauen Augen blitzten auf, als sie sich die hüftlangen, schwarzen Haare nach hinten strich und die Beine überkreuzte. Genauso wie ich war sie komplett in Schwarz gekleidet und zeigte mehr Haut, als gut für sie oder mich war.
„Du hast dich in der letzten Zeit ziemlich verkrochen, dich kaum mehr blicken lassen.“
Ich gab ein unbestimmtes Murren von mir. „Falls es dir entfallen sein sollte, die Hölle zu leiten ist kein Nebenjob, Ree.“
Lachend beugte sich Reena nach vorne und griff nach ihrem grünen Drink, aus dem weißer Nebel aufstieg. „Und was hat sich dann plötzlich geändert? Muss ja etwas Großes sein, wenn die Königin aus ihrem Palast in ein Drecksloch wie dieses flieht.“
Selbst nach dreihundertdreiunddreißig Tagen in der Hölle, dreihundertdreiunddreißig Tagen als Herrscherin über den Hades, war es noch ungewohnt, als Königin der Unterwelt bezeichnet zu werden.
Noch immer hatte ich das Gefühl, dass das hier nur eine Übergangslösung war, dass Dad jeden Moment wiederkommen, das Zepter an sich reißen und mich in Stück reißen würde.
Oder dass meine älteren Brüder Avan und Xaver Anspruch auf die Krone erheben würden – aber das würde nicht geschehen.
Ich hatte meinen Vater umgebracht und als Dank hatte er mir sein Vermächtnis übertragen, es im wortwörtlichen Sinn in meine Haut geritzt und mich an den Hades gebunden.
Für die Ewigkeit – oder bis zu meinem Tod.
Schwer zu sagen, was früher eintreten würde.
Ein sarkastisches Lächeln stahl sich auf meine Züge. „Drecksloch? Das Hell’s Fire ist eine Institution, Ree. Wir haben hier früher so gut wie jede Nacht verbracht.“
Kopfschüttelnd setzte sie den Drink an die Lippen und ließ mich dabei nicht eine Sekunde aus den Augen. „Vermutlich hast du den Club deshalb noch nicht in ein Inferno aus Feuer und Asche verwandelt, was? Oder liegt es vielleicht doch an der unvergleichlichen Atmosphäre hier unten?“
Es gab unzählige Orte wie diesen in Aker, der Hauptstadt der Hölle, und das Hell’s Fire mochte der beliebteste sein, aber das war nicht der Grund für meinen spontanen Ausflug.
Vielmehr hatte es etwas damit zu tun, dass mir im Palast die Decke auf den Kopf gefallen war.
In den letzten Tagen und Wochen hatte ich mehr Verhandlungen, Regelungen und Anhörungen ertragen müssen, als mir lieb gewesen war. Dazu kam dieses überzogene Verhalten, mit dem mich neuerdings jeder bestrafte. Selbst meine Brüder verhielten sich mir gegenüber anders. Machten weniger bescheuerte Sprüche, wählten ihre Worte mit Bedacht.
Dabei hatte sich an mir nicht viel verändert, bis auf die Tatsache, dass ich nun ein Brandmal mehr auf meiner geschundenen Haut trug und mir in den vergangenen Wochen das eine oder andere Tattoo hier unten hatte stechen lassen.
Und das war’s. Zumindest aus meiner Sicht.
Für die anderen schien sich alles verändert zu haben. Angefangen damit, dass ein Hybrid aus Licht und Finsternis, eine schräge Kreuzung aus zwei verfeindeten Arten, über die Hölle herrschte.
Und das ging mir verdammt noch mal auf die Nerven. Ich hatte eine Auszeit von den ganzen Idioten gebraucht, die um mich herumscharwenzelten, mir Honig ums Maul schmierten und mehr für sich herausholen wollten. Eine Auszeit von dem neuen Leben, zu dem ich verdammt war.
Und vielleicht, ganz vielleicht hatte es auch etwas mit einem gewissen Dämon mit goldenen Augen zu tun.
„Eine Mischung aus beidem“, antwortete ich Reena achselzuckend und blickte auf, als eine Bedienung, die für den VIP-Bereich verantwortlich war, vor uns trat.
Die grünen Augen auf den Boden gerichtet, verneigte sich der weibliche Dämon tief vor mir und wagte selbst dann nicht aufzublicken, als ich ihr bedeutete, sich wieder aufzurichten.
Genau das meinte ich. Früher hatte es kaum jemanden gejuckt, wer oder was ich war.
„Meine Königin, wünscht Ihr noch etwas zu trinken?“
Am liebsten hätte ich ihr gezeigt, was ich von ihrem Getue hielt, von ihrem Gekrieche und der Unterwerfung. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich den ganzen verdammten Hades wissen lassen, wie mich das ankotzte, aber ich war ihre Herrscherin und wenn ich eines von meinem Vater gelernt hatte, dann, dass ich keine Schwäche zeigen durfte. Unabhängig davon, wie es in meinem Inneren aussah.
Der Hades, mein Volk, erwartete eine unnachgiebige, harte Königin, der sie lenkte und anleitete.
Meistens gelang mir das auch ganz gut. Ich kehrte meinen inneren Dämon nach außen und verschloss all das, was mich als Lya ausmachte, tief in mir drin. Auch das Licht.
Aber in Momenten, in denen meine Gedanken außerhalb des Hades waren, bei zwei Personen, die mir mehr ans Herz gewachsen waren, als gut für mich war, fiel es mir unglaublich schwer, nicht meine Sachen zu packen und zurück nach London zu gehen. Das alles hier einfach hinter mir zu lassen.
Nur war das nicht so einfach. Ich war die Hölle und die Hölle war ich. Wir waren untrennbar miteinander verbunden. Ein und dasselbe.
Ich verengte die Augen und schob das Kinn ein Stück nach vorne. Meine Augen leuchteten auf. „Bring mir einen Caipi und eine Flasche Whiskey. Und sorg dafür, dass sie etwas Erträglicheres spielen, ja, Liebes?“
„Natürlich“, antwortete die Bedienung und trat dann rasch ihren Rückweg an, froh, wieder gehen zu können.
Reena schüttelte grinsend den Kopf. „Du bekommst das besser hin, als du glaubst.“
Ich pustete mir eine Strähne meiner gelockten Haare aus dem Gesicht und sah sie von der Seite an.
Während der Zeit, die ich jetzt schon hier unten in der Hölle verbrachte, hatte meine Haarfarbe von honigblond zu dunkelblond gewechselt – ein Umstand, der mir ziemlich auf den Wecker ging.
„Glaubst du wirklich, ich, deine beste Freundin seit einer kleinen Ewigkeit, würde nicht bemerken, wenn mit dir etwas nicht stimmt? Mag ja sein, dass wir unsere Differenzen hatten, aber daran hat sich nichts geändert. Ich kenne dich, Lya.“ Reenas eisblaue Augen blitzten auf. „Königin hin oder her, wir hocken in einem Club mit mehr oder weniger guten Drinks in den Händen, also spuck’s aus.“
‚Differenzen‘ war gut. Reena hatte mich, als hier im Hades im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle los gewesen war, an meinen Vater verraten. Ich hatte ihr längst verziehen, was zum großen Teil daran lag, dass mein Vater nicht unbedingt die Art von Person gewesen war, der man etwas hatte abschlagen können.
Meine Augen hefteten sich auf eine beängstigend schlanke Dämonin, die in einem der Käfige mit einem halbnackten Menschentypen rummachte und dabei kleine Flammen über ihre Haut tanzen ließ.
Neben mir erklang ein dramatisches Seufzen. „Wirklich, du hast echt deinen Biss verloren, seit du die Krone übernommen hast, Lya. Wo ist die Dämonin abgeblieben, die kein Blatt vor den Mund nimmt?“
Ruckartig wandte ich mich meiner Freundin zu und sandte eine kleine Menge meiner inneren Energie in meine Augen, sodass sie bernsteinfarben aufleuchteten. „Vorsichtig, Ree, nicht, dass du dich verbrennst.“
Lachend schüttelte sie den Kopf. „Die Welt da oben hat dir eine Gehirnwäsche verpasst – oder warte, vielleicht war es auch nur ein ganz gewisses Federvieh? Wie war sein Name noch? Zack?“
Ich biss die Zähne zusammen und umfasste das Glas in meinen Händen so fest, dass der Drink darin zu kochen begann. Kleine Dampfwolken stiegen davon auf.
Eigentlich schade um den guten Alkohol.
„Zayden“, sagte Reena schließlich und leckte sich über die blutroten Lippen, die im krassen Kontrast zu ihrer hellen Haut standen. Menschen würden sie vermutlich für einen Vampir halten.
Zayden.
Ich atmete aus und fuhr meine Energie herunter.
Zayden.
Seit unserem Abschied auf dem Schulfest vor knapp einem Jahr nach Hades-Zeitrechnung, hatte ich kein Sterbenswörtchen mehr von ihm gehört. Keine Nachricht, kein Brief, kein Treffen, ja nicht einmal eine einzige verdammte WhatsApp-Message – und ja, hier im Hades hatte man exzellenten Handyempfang.
Zayden hatte auf keine meiner Nachrichten reagiert und als ich mich kurz nach meinem Abschied von der menschlichen Welt zurück nach London gestohlen hatte, war er wie vom Erdboden verschluckt gewesen. So, als wollte er überhaupt nicht, dass ich ihn wiederfand oder wir weiter Kontakt hatten.
Als hätte all das zwischen uns nie existiert.
Als hätten wir nicht die Hölle überstanden, die Dad über uns gebracht hatte.
Als hätten wir nicht allen Widrigkeiten zum Trotz zueinandergefunden.
Als hätten wir uns nicht geliebt.
In meinen dunkelsten Momenten war ich der festen Überzeugung, dass das alles nur ein Traum und meine Zeit auf der Erde niemals real gewesen war.
Aber dann griff ich nach meinem Handy, scrollte durch die Bilder, die Zayden, Annie und ich gemacht hatten, versank in den Erinnerungen und spürte erneut das Kribbeln, das diese Momente in mir ausgelöst hatte.
Das waren die einzigen Augenblicke, in denen ich es mir erlaubte, schwach zu sein und zu weinen, meine harte Schale abzulegen.
Und Annie … wir hatten uns zu Beginn regelmäßig geschrieben, taten es jetzt noch, auch wenn es deutlich weniger geworden war. Ich hatte Angst, dass es irgendwann ganz aufhören würde. Sie hatte da oben ein neues Leben. Ein Leben ohne mich und vielleicht war das gut so.
Annie war in eine WG gezogen und studierte mittlerweile. Es ging ihr gut, sie hatte Freunde gefunden und endlich den Anschluss, der ihr gefehlt hatte. Sie hatte sich ihr eigenes Leben ohne Hilfe aufgebaut, fernab von allem Übernatürlichen, und ohne weitere Gedanken an Dämonen, die Hölle oder Iljos zu verschwenden.
Genau das, was ich mir nach allem, was Annie hatte durchstehen müssen, immer für sie gewünscht hatte. Und deutlich mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte. Annie hatte wegen mir die Hölle durchleben und durch meinen Vater mehr ertragen müssen, als ein Mensch normalerweise aushielt. Dass sie jetzt ihren Weg ohne mich als ihren dunklen Schatten ging und glücklich war, grenzte beinahe an ein Wunder.
Auch wenn es schmerzte. Es schmerzte sogar ziemlich und erwischte mich oft in den ungünstigsten Momenten.
Mit einem Ruck löste ich mich von diesen Gedanken, schob meinen Dämon nach vorne, der in meinem Inneren immerzu mit der Helligkeit konkurrierte, die ihren Kern in dem Iljos-Teil hatte, der in mir hauste, und distanzierte mich resolut davon.
„Wenn du seinen Namen noch einmal aussprichst, ziehe ich dir bei lebendigem Leibe die Haut von den Knochen“, erwiderte ich schließlich gefährlich ruhig und stellte den dampfenden Drink zur Seite, ohne Reena aus den Augen zu lassen.
Ree bleckte die Zähne und hob vielsagend die Augenbraue, in der neun Ringe steckten, in Richtung des Drinks, von dem nichts mehr übrig war. „Schon verstanden, jede Königin hat ihren wunden Punkt.“
„Du legst es wirklich darauf an, was?“
Elegant zuckte sie mit einer Achsel und leerte ihren Cocktail. „Schätzchen, hast du allen Ernstes etwas anderes erwartet?“
Darauf erwiderte ich nichts und hob stattdessen den Blick, als die Bedienung wieder vor mich trat und meine Bestellung servierte. Beinahe im selben Moment wechselte diese grauenvolle Mischung aus Punk und Metal und wurde zu einem sauberen Mix aus Techno und Elektro. Viel besser.
„Kann ich Euch noch etwas bringen?“
Ein diabolisches Grinsen stahl sich auf meine Lippen, als ich meine Augen auf Reena richtete. „Wie wäre es mit einem heißen Schürhaken, scheint, als hätte meine Freundin hier eine Lektion bitter nötig.“
Rees Gesichtsausdruck wanderte von cool und lässig zu unsicher und verwirrt. Sie begann darüber nachzudenken, ob sie nicht doch zu weit gegangen war. Sehr gut.
Die Bedienung wagte einen winzigen Blick in meine Richtung und starrte sofort wieder mit geröteten Wangen auf ihre hohen, neonpinken Schuhe. „Majestät?“
Ohne sie eines Blickes zu würdigen winkte ich ab und machte eine wegwischende Geste. „Vergiss es. Du kannst gehen.“
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen.
„Oh Mann, du bist wirklich schräg, Lya. Und das ist kein Kompliment.“
Schulterzuckend stürzte ich den Caipi runter, in der Hoffnung, dass die Wirkung des Alkohols dieses Mal länger anhalten würde, und stand dann auf. Für einen winzigen Moment schwankte der zwielichtige Raum um mich herum, ehe sich wieder alles an den alten Platz bewegte.
„Und wenn schon, wir gehen jetzt tanzen.“
Reena sah mich aus verengten Augen an. „Und wenn ich lieber hier sitzen und chillen will? Es kann nicht mehr lange bis zur Eskalation dauern und du weißt, ich liebe es, wenn das Hell’s Fire in Chaos und Verwüstung untergeht. Das ist das Beste am ganzen Abend hier.“
Unbeeindruckt verschränkte ich die Arme vor der Brust und kam nicht umhin zu bemerken, wie sich die Blicke der anderen, die hier oben im VIP-Bereich saßen, auf mich richteten. Als würde ich jeden Moment eine Szene machen und alles in die Luft fliegen lassen.
„Dann sieh es als Befehl an. Ich befehle dir, jetzt sofort mit mir tanzen zu gehen.“
„Wow, du bist echt gestört. Was auch immer sie dir im Palast geben, lass es sein“, antwortete sie grinsend und ergriff meine ausgestreckte Hand.
„Hab dich auch lieb.“
Gemeinsam durchquerten wir den VIP-Bereich und liefen die gewundene Eisentreppe mitten ins Gewusel runter. Im ersten Augenblick wichen uns die anderen sofort aus, versuchten, uns so viel Platz wie nur möglich zu lassen, als sie jedoch Reenas und meine Blicke bemerkten, fanden sie sich wieder zu einer Masse zusammen.
Und verschlangen uns. Endlich.
Die Arme in die Luft gerissen tauchte ich gemeinsam mit Ree in die Musik ab, genoss den Rausch, den der Alkohol und die stickige Luft in mir auslösten, und ließ alle Hüllen fallen.
Zum ersten Mal seit einer kleinen Ewigkeit, in der ich stets darum bemüht gewesen war, meine Haltung zu wahren und niemanden unter meine Rüstung blicken zu lassen.
Aber hier, hier war mir das egal.
Ich vergaß das alles und wurde wieder zu Lya, der Dämonin, die mit Reena, Avan und meinen Freunden früher eine Nacht nach der nächsten eskaliert war.
Und das tat verdammt noch mal gut.
Reena besorgte uns neue Drinks und kam schließlich mit einer Flasche Wodka und zwei Joints zurück zu mir ins Gedränge.
Dankbar griff ich nach beidem, trank und ließ den beißenden Rauch in meine Lunge, wo er sich angenehm in mir breitmachte und meine Sinne benebelte. Das Zeug hier im Hades war was ganz anderes als das, was Menschen darunter verstanden. Normalerweise hatte ich nichts dafür übrig, aber heute hatte ich das Gefühl, dass es förmlich nach mir rief. Und ich brauchte diese Pause von meinem Leben, mochte sie noch so kurz sein.
Ich beugte mich zu Reena und blies ihr eine Rauchwolke entgegen. „Wo hast du das Zeug so schnell herbekommen?“
Grinsend deutete Ree hinter sich. „Kontakte. Und wenn man dann noch durchblicken lässt, dass man die beste Freundin der verdammten Höllenkönigin ist, da erledigt sich das quasi von selbst.“
„Und zu mir sagst du, ich wäre gestört.“
Der Song ging nahtlos in den nächsten über, der Bass wurde drängender, hämmerte in meinem Körper und Schädel und brachte alles zum Schwingen. Reena und ich schwangen unsere Körper im Takt, rissen die Arme in die Luft und leerten den Wodka Zug um Zug.
Die ganzen Verhandlungen, Gesetze und Aufgaben, die mich tagtäglich terrorisierten, verstummten, wurden durch laute Musik, Qualm und Alkohol überlagert und hoben mich empor. Es war großartig.
Nach eineinhalb Flaschen Wodka verloren die anderen um uns herum ihre Berührungsängste und nach zwei weiteren Joints tanzten sie mit uns, wie mit jedem anderen.
Es war mir egal, was sie von ihrer Königin dachten.
Ob sie mich für schwach hielten.
Ob sie dachten, ich hätte nicht genug Selbstbeherrschung.
Ich war ihre verdammte Königin, ich konnte tun und lassen, wonach mir der Sinn stand. Und wem das nicht passte, der sollte es mir ins Gesicht sagen und damit sein Todesurteil unterzeichnen.
Mir gefiel diese neue Art zu denken, die mir der Rausch eröffnet hatte. Vielleicht hätte ich das schon viel früher mal tun sollen.
Schweiß lief mir den nackten Rücken herunter, zwischen meinen Schulterblättern und den langen, hässlichen Narben entlang, die meine Haut entstellten und aller Welt zeigten, dass ich auf ewig zwischen zwei Rassen stehen würde. Mein Vater hatte sie mir persönlich verpasst.
„Pause?“, schrie Reena über die ohrenbetäubende Musik hinweg und packte meinen Oberarm, als ich mich gerade drehen wollte.
Sie war genauso erhitzt wie ich. Ihre pechschwarzen Haare klebten ihr im Gesicht und ihre eisblauen Augen hatten einen irren Glanz angenommen.
Vermutlich sah ich nicht anders aus.
Ich nickte, leerte die dritte Wodkaflasche und warf sie achtlos hinter mich, dann schnappte ich mir Reenas Hand und folgte ihr zurück in unseren sicheren VIP-Bereich, der mittlerweile deutlich voller geworden war.
Mehrere Paare hingen auf den Sofas herum, gingen sich an die Wäsche, andere standen am Geländer und starrten gierig in die Käfige. Bis auf unsere Couch war so gut wie jeder Quadratzentimeter besetzt.
„Mittlerweile lassen die auch jeden rein, was?“, bemerkte Reena leicht lallend und ließ sich in das Leder sinken.
Ich warf mich in die andere Ecke und strich mir die verschwitzten Locken aus der Stirn. „Der Hades ist nicht mehr das, was er einmal war.“
Herausfordernd hob Reena ihre schwarzen Augenbrauen. „Muss wohl an der neuen Besitzerin liegen, was?“
„Womöglich. Ich werde ein ernstes Wort mit ihr sprechen und ihr raten, die Regeln wieder anzuziehen. Mehr Hinrichtungen, mehr Folter, keine Partys mehr.“ Mein Lachen war trocken und rau. Feuer knisterte an meinen Fingerspitzen.
„Hervorragende Idee und vergiss nicht, die Patrouillen mit Höllenhunden und diesen widerlichen Spinnenviechern aufzustocken.“
Ich legte den Kopf schief, als müsste ich darüber nachdenken, und griff gedankenverloren nach der Whiskeyflasche auf dem Tisch. Die Wirkung des Wodkas begann sich bereits zu verflüchtigen.
Verdammtes Dämonenblut.
„Vielleicht sollte ich dich zu meiner Beraterin machen. Deine Art zu denken gefällt mir, Ree.“ Was Royath wohl davon halten würde? Eigentlich konnte es mir auch egal sein.
Mit einem koketten Kichern hob Reena die Hand in bester Bitch-Manier. „Und das fällt dir erst jetzt auf?“
„Ich –!“
Ein lautes Krachen unterbrach mich, dann verstummte die Musik mit einem Ruck. Die Lichter sprangen mit einem Surren an und ließen mich geblendet zurückweichen.
„Was zum Teufel?“, rief ich gereizt, sprang auf und lief an das Geländer, um nach dem Grund der Störung zu suchen. Die anderen sprangen mir willig aus dem Weg, brachten sich in Sicherheit vor ihrer erzürnten Herrin. Reena trat zu mir und gab ein genervtes Schnauben von sich.
„Scheint, als hätte dich dein Hündchen gefunden.“
Die Augenbrauen zusammengezogen starrte ich nach unten, wo sich die Menge hektisch verdünnisierte und dem Killerkommando in schwarzen Rüstungen und seinem Befehlshaber Platz machte. Mein Killerkommando, die persönliche Leibgarde der Höllenkönigin.
Karamellfarbene Augen, in denen eine wütende Energie loderte, bohrten sich in die meinen, während sich alle Soldaten außer ihrem Anführer synchron vor mir verbeugten.
Royath hingegen verzog keine Miene, legte nur eine Hand an das Schwert an seiner Seite und reckte das Kinn.
Er war sauer. Verdammt sauer.
Langsam nickte ich und antwortete Ree: „Scheint so, ja.“
„Ich werde nicht fragen, was du dir dabei gedacht hast, denn ich weiß mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit, dass du überhaupt nicht nachgedacht hast.“
Gelangweilt schwang ich ein Bein über die Lehne meines Throns und pulte an einem Fingernagel herum. „Dann lass es bleiben. Nur geh mir bitte nicht auf die Nerven.“ Mit geschlossenen Augen legte ich den Kopf in den Nacken und lauschte auf Roys angespannte, feste Schritte, die sich rasch näherten. In meinem Kopf spürte ich noch immer den Nachhall der drängenden Bässe und vibrierenden Luft. Ich hätte gut und gerne noch eine kleine Ewigkeit in dem Club bleiben können, dann wäre mir zumindest noch etwas mehr Luft zum Atmen geblieben. Hier im Palast zwischen meinen Wachen und Bediensteten, zwischen den Adeligen, die um mich herumtänzelten, und Roy, hatte ich das Gefühl, zu ersticken.
„Was ist los mit dir? Du hast schon immer bescheuerte Ideen gehabt, aber mit heute Nacht hast du dich mal wieder übertroffen, Lya.“
„Übertroffen?“, wiederholte ich spöttisch und öffnete ein Auge. Ein auf dem Kopf stehender Royath funkelte mich mit leuchtenden, bernsteinfarbenen Augen an. „Ich war feiern. In einem Club. Solltest du auch mal probieren.“
Ein Muskel unterhalb seiner rechten Braue zuckte, dann packte er mich bei den Schultern und richtete mich auf. Mein heißes Blut schoss durch meinen Körper und meine Haut wurde dort, wo er mich berührte, wärmer.
„Du warst feiern.“ Roys Finger bohrten sich in meine Schultern. „Feiern, da draußen mit diesen ganzen abgedrehten Idioten, von denen dich immer noch gut ein Drittel tot sehen will. Du magst viele überzeugt haben, aber noch lange nicht alle. Bei der Hölle, Lya, wann geht das in deinen Schädel?“
Ich sandte einen Energieimpuls durch meine Adern und verfolgte mit Genugtuung, wie sich Roy ruckartig von mir löste, als hätte er sich verbrannt. Mein Vater hatte mir nicht nur die Herrschaft über den Hades ins Fleisch getrieben, sondern im gleichen Zug auch seine ungeheure Macht, vor der ich selbst Jahre gezittert hatte. Daran musste ich mich noch gewöhnen.
Mit erhobenem Kinn stand ich von meinem Thron auf und strich meinen kriminell kurzen Rock glatt.
„Und wann geht es in deinen Schädel, dass ich deine Königin bin und du lernen solltest, wie du dich mir gegenüber zu verhalten hast?“
Schnaubend verschränkte er die Arme vor der Brust. Muskulöse Arme, über denen der schwarze Stoff seiner Uniformjacke spannte. „Dann benimm dich auch so, Luzi.“
Ich imitierte seine Haltung und stellte mich an den Rand des Podests, auf dem mein Thron aufragte, sodass unsere Gesichter auf gleicher Höhe waren. Wir waren einander so nahe, dass ich die goldenen Sprenkel und das Feuer in seinen Augen sehen, seinen Atem spüren konnte und seine Nase beinahe die meine berührte. Sein Geruch nach Asche, Hitze und Erde umnebelte mich, genauso wie seine Energie, die frei in der Luft umherwirbelte.
Royath erwiderte meinen Blick ungerührt, sah so tief in meine Augen, wie ich es tat, und stand dabei ganz still, wartete ab, was ich als Nächstes tun würde. Nur ein Zucken an seinem Kiefer verriet ihn. Verriet, dass ihn das hier stärker traf, als er es mich sehen lassen wollte.
„Was ist mit dir los, Lya? Sprich mit mir“, wiederholte er, leiser dieses Mal. Seine Stimme hatte sich merklich verändert.
Ich biss die Zähne zusammen, spürte, wie sich mein innerer Dämon aufbäumte, und wandte mich dann ruckartig ab. Hinter mir erklang ein leises, resigniertes Seufzen.
„Es geht mir gut, Roy. Ich habe alles im Griff. Du kannst dich zurückziehen“, erwiderte ich, ohne mich umzudrehen. Ich wusste auch so, was in seinen Zügen geschrieben stand. Sorge, Verwirrung, Zuneigung, Ablehnung … ein hübscher Haufen an Gefühlen, denen wir in den letzten Monaten aus dem Weg gegangen waren. Genauso wie den Gesprächen, die irgendwann noch geführt werden mussten. Unangenehme Gespräche mit Themen, die diese fragile Stabilität zwischen uns beiden mit Leichtigkeit einreißen konnten.
Wir waren super damit klargekommen, als Roy in den vergangenen Monaten oben bei den Menschen in meinem Namen für Ordnung gesorgt und ich hier in der Hölle alles andere geregelt hatte. Der Abstand hatte die Spannungen zwischen uns – um es mal milde auszudrücken – auf Eis gelegt. Doch jetzt war er wieder hier und mit ihm all die Probleme, die zwischen uns standen, nachdem ich unsere Freundschaft mit Füßen getreten hatte.
Keine Ahnung, was zum Teufel ich mir dabei gedacht hatte, Royath von seinem Dienst auf der Erde abzuziehen und zurück in den Hades zu beordern. Alles war wunderbar gewesen, jeder war seinen eigenen Weg gegangen, ohne die Notwendigkeit, in alten Wunden zu stochern, ehe sie nicht vollkommen verheilt waren.
Aber dann hatte ich vor zwei Wochen einen Boten geschickt, um Roy herkommen zu lassen und seitdem … gingen wir uns beinahe in einer Tour an die Gurgel.
Nicht meine klügste Entscheidung, so viel stand fest.
Vielleicht hatte ich gehofft, dass mein bester Freund, der schon immer an meiner Seite gestanden hatte, die Fähigkeit hatte, mich von der Dunkelheit in meinem Inneren abzulenken und mich auf Spur zu halten, wo ich es selbst nicht mehr konnte.
Vielleicht hatte ich mich auch einfach nur nach jemandem gesehnt, der die alte Lya kannte und diese nicht einfach zur Seite schob, nur weil sie jetzt eine Krone auf dem Kopf trug.
Weit gefehlt.
Stattdessen war Roy zu einer regelrechten Glucke mutiert, die ununterbrochen dafür sorgte, dass ich mich an Regeln und Zeitpläne hielt. Er wich mir kaum von der Seite und machte jedem, der meine Autorität infrage stellte, die Hölle heiß, noch bevor ich einen Finger rühren konnte.
Aber die Dunkelheit hatte er nicht verscheucht.
Auch wenn er stets in meiner Nähe war, kam er mir nicht mehr zu nahe. Er war da und gleichzeitig meilenweit entfernt. Roy verhielt sich nicht mehr wie in unserer Zeit in London.
Ich konnte ihm das schwerlich zum Vorwurf machen. Durch meine Beziehung mit Zayden und das, was im Hades geschehen war, hatte ich Roy nicht nur verletzt, sondern im selben Zug auch noch unsere Freundschaft zerstört.
Noch etwas, das ich dort oben zurückgelassen und verloren hatte.
Unter der Last der schweren Gedanken drohten meine Schultern herabzusacken, aber ich hielt sie oben, zwang mich, weiter aufrecht zu stehen. Hier waren zu viele Augen und Ohren, zu viele, die jeden einzelnen meiner Schritte in die Waagschale legten.
„Wir wissen beide, dass das nicht stimmt“, murmelte Royath schließlich und ich hörte, wie er auf das Podest trat, bis er so nah an meinem Rücken stand, dass meine Narben zu kribbeln begannen. „Aber wenn du nicht mit mir sprichst, kann ich dir auch nicht helfen.“
„Ich habe nie von dir verlangt, dass du mir hilfst. Ich habe nie …“ … gewollt, dass alles so kompliziert und vermaledeit wird. Mit dem Hades, mit Zayden und Annie und mit dir. Aber diesen Satz beendete ich nur in Gedanken.
„Das musst du auch gar nicht. Es ist mein Job, oder nicht? Ich bin dein Erster Offizier, dich beschützen steht an erster Stelle meiner Stellenbeschreibung.“ Roy klang beinahe bitter, als er das sagte.
Ich kniff die Augen zusammen und ballte die Hände zu Fäusten, dann drehte ich mich langsam zu ihm um. „Warum hast du mich aus dem Club geholt? Was ist so wichtig, dass du mir nicht einmal diese eine verdammte Nacht zugestanden hast?“
Roy nahm den abrupten Themenwechsel ungerührt hin und straffte die Schultern. Seine rechte Hand lag locker auf dem Griff des Schwertes, das an seiner Seite hing – dabei brauchte er diese Waffe genauso wenig wie die drei Dolche, die er am Gürtel trug. Aber sie gehörten zu seiner Rüstung, so wie die Krone und meine düsteren, prächtigen Kleider zu meiner. Er spielte seine Rolle, ich meine, weil es leichter war, als sich mit dem anderen, echten Teil auseinanderzusetzen. Viel leichter.
„Der erste Abgesandte ist eingetroffen“, verkündete er ruhig. „Er wartet mit seinen Leuten im kleinen Saal.“
„Wer?“
„Rickson und seine drei wichtigsten Clanführer. New York, San Francisco und Miami”, antwortete Royath sofort und ließ mit seinen Augen nicht einen Moment von den meinen ab, als würde er versuchen abzuschätzen, was diese Informationen in mir auslösten.
Aber da musste ich ihn enttäuschen. Außer Langeweile und Müdigkeit verspürte ich in diesem Augenblick nichts. Eine schwere, scheinbar niemals endende Müdigkeit.
Dabei war die dreitägige Versammlung, die morgen starten würde, wichtig. In vielerlei Hinsicht.
Sämtliche Hohedämonen, denen die Leitung eines Kontinents dieser Welt übertragen worden war – quasi die Führungsebene direkt unter mir – trafen sich, um die neusten Entwicklungen zu besprechen. Diese Treffen fanden jährlich nach Hadesrechnung statt und bevor ich diesen Laden so unverhofft übernommen hatte, hatte mich mein Vater im Gegensatz zu Xaver und Avan außen vor gelassen.
Ich war froh darüber gewesen. Doch jetzt wünschte ich mir, Beliar hätte mich daran teilnehmen lassen. Dann hätte ich zumindest einen groben Plan, was ab morgen auf mich zukam.
Roy wartete immer noch auf eine Antwort, als ich um ihn herumlief und mich wieder auf meinen Thron setzte, den einen Arm aufgestützt und den Blick nachdenklich in die Ferne gerichtet.
Ich hatte die anderen Hohedämonen bereits kennengelernt. Nach dem Sturz meines Vaters hatten wir viele Stunden zusammengesessen, Territorien und Verträge neu verhandelt. Viele von ihnen hatten Abmachungen mit Beliar gehabt, deren Inhalte unweigerlich auf mich übergegangen waren. Unschöne Inhalte und es hatte mich Überredungskünste, Bestechungen und Drohungen gleichermaßen gekostet, meinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und sie mit neuen Verträgen an mich zu binden.
Aber in diesen Stunden war ich ihnen gegenüber in einer anderen Rolle aufgetreten. Nicht als Königin der Hölle, sondern als Tochter meines Vaters, die versuchte, all das, was nach seinem Fall in Flammen gestanden hatte, zu löschen. In ihren Augen war ich nur ein überfordertes Kind gewesen, niemand, dem man mit Respekt und vor allen Dingen Furcht begegnete.
Das musste sich dringend ändern, wenn ich auf diesem unbequemen Stuhl sitzen bleiben wollte.
Dieses Mal würde ich als ihre Herrscherin vor sie treten, sie nicht durch Abmachungen und Schmiergeld auf Kurs halten, sondern durch meine Macht. Ich musste als Teufel vor ihnen stehen. Unerschütterlich und keinen Raum für Zweifel lassend.
Nur war ich im Augenblick alles, aber nicht unerschütterlich. Meine Gedanken waren ein Flickenteppich, meine Gefühle ein Mysterium und das, was ich wollte …
Kopfschüttelnd fuhr ich mir über das Gesicht und spielte an der Kette, die um meinen Hals hing, herum, drehte den Anhänger mit meinem Wappen in den Fingern und fixierte eine der gewaltigen Säulen aus schwarz-rotem Marmor.
„Hat er schon etwas von sich gegeben?“, fragte ich schließlich und verengte die Augen. Ich konnte Rickson nicht ausstehen. Er war einer derjenigen, die mit aller Macht den Standpunkt vertraten, dass jeder besser als Teufel geeignet wäre als ich.
Ein absoluter Kotzbrocken.
„Nein. Er verlangt mit dir zu sprechen. Nur mit dir.“ Roy verzog das Gesicht und trat wieder vor mich.
Meine Augenbrauen hoben sich kaum merklich, dann drängte ich mich mühelos in Roys Geist und machte mich darin breit, um das aussprechen zu können, was ich mir hier im Thronsaal nicht erlaubte.
Du hättest mich einfach in diesem bescheuerten Club lassen sollen. Mit Rickson und seinem Gefolge von Mistkäfern kann ich mich morgen auch noch beschäftigen.
Roy ließ sich nicht anmerken, dass ich in Gedanken mit ihm sprach, sondern strich nur schweigend über den Griff seines Schwertes, während er antwortete: Mistkäfer gefällt mir, Lya, auch wenn ich bezweifle, dass du in dieser Absteige in besserer Gesellschaft warst.
Ich hob nur eine Augenbraue und setzte mich aufrechter hin. Sprichst du von Reena?
Ein kaum merkliches Zucken seiner Mundwinkel war mir Antwort genug.
Reena und Roy hatten sich noch nie leiden können. Vermutlich, weil sie sich zu ähnlich waren. Ich konnte beide Seiten verstehen, wenn ich ehrlich war.
„Wie lauten deine weiteren Befehle, Mylady?“
Mit Mühe unterdrückte ich ein genervtes Seufzen und zog mich mit einem Ruck aus seinem Kopf zurück, was er mit einem Zucken quittierte.
„Bring die Clanführer im Gästeflügel unter und schick nur Rickson zu mir. Einer reicht für den Anfang.“ Ich wedelte mit der Hand, sodass meine Armreifen klingelten.
Royath deutete eine knappe Verbeugung an, wobei er die rechte Hand zur Faust geballt gegen seine linke Schulter drückte. Die offizielle Verneigung vor der amtierenden Herrscherin.
Aus irgendeinem Grund schoss mir die Hitze in die Wangen und das wollte schon etwas heißen, wenn man bedachte, dass Feuer in meinen Adern brannte.
Dunkles Feuer und helles Licht.
Ich wischte diesen Gedanken zur Seite, in der letzten Zeit hatte ich mich oft genug damit gequält, und zupfte an meinem durchsichtigen Top herum.
Roys glühende Augen folgten meinen Fingern, dann hielt er den Blick zu Boden gesenkt. „Wenn ich noch einen Vorschlag machen darf, Lya … du solltest dir etwas anderes anziehen, wenn du Rickson empfängst.“
Spöttisch breitete ich die Arme aus und drehte mich einmal im Kreis. „Warum? Früher hat dich meine nackte Haut doch auch nicht gestört, Roy.“
Mein Erster Offizier sah auf, etwas Dunkles loderte in seinen Augen und ich sah seine Kiefermuskeln arbeiten. „Früher nicht, nein. Aber das ist Vergangenheit. Du bist nicht länger nur Lya und ich nicht länger nur Roy. Jetzt ist alles anders, Elyanor. Ich werde nach Rickson schicken, geh dich umziehen, Mylady.“
Während Roy den Thronsaal mit steifen, langen Schritten durchmaß und schließlich durch die breite Tür verschwand, die ihm zwei Wachen öffneten, starrte ich ihm mit klopfendem Herzen nach. Mein Mund war trocken und ich spürte mein Blut heiß durch meinen Körper rauschen.
Du bist nicht länger nur Lya und ich nicht länger nur Roy. Jetzt ist alles anders, Elyanor.
Die Frage war nur, wer zum Teufel ich jetzt war, wenn nicht Lya.
Anaïs, meine Erste Zofe, hatte innerhalb von ein paar Wimpernschlägen aus Lya, der Partyqueen die Königin des Hades gemacht. Auch wenn ich nichts dagegen gehabt hätte, Rickson noch länger warten zu lassen.
Mit geschickten Fingern hatte sie meine Haare eingedreht und hochgesteckt, sodass nur einzelne, helle Strähnen mein Gesicht umrahmten. Anschließend hatte sie eine meiner Kronen, eine filigrane Anfertigung aus geschwärztem Gold und unzähligen, winzigen Diamanten in meiner Frisur befestigt und passenden Schmuck dazu ausgewählt.
Anstelle eines schweren, dunklen Kleides hatte Anaïs mir eine leichte, weite knöchellange Hose in einem undurchdringlichen Schwarz herausgelegt, die bei jedem meiner Schritte um meine Beine waberte und raschelte. Dazu trug ich eine gleichfarbige, dünne Tunika, in die silberne Fäden eingewebt worden waren.
Ich fühlte mich wohl in diesen Kleidern, mehr wie ich selbst und trotzdem sah ich aus wie eine Herrscherin. Edel, unnahbar, gefährlich.
Ich hätte meine Zofe küssen können.
Als sie mir in die schwarz-silbrigen Schläppchen half, bedankte ich mich lächelnd bei ihr, woraufhin sie sich nur tief verneigte und erwiderte, das sei ihre Aufgabe.
Kopfschüttelnd sah ich Anaïs nach und griff, als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, nach meinem Handy, das auf meinem Schreibtisch unter einem Berg Papier gelegen hatte. Das schlanke Telefon in der Hand, trat ich an die gewaltige Glasfront, von welcher aus man einen uneingeschränkten Blick über die Hauptstadt des Hades hatte: Das dunkle, verfluchte Aker mit all seiner brutalen Schönheit.
Nachdem mich die Dämonen zu ihrer Königin gekrönt hatten, war ich in die umgebauten Gemächer meines Vaters eingezogen. Es war noch immer ungewohnt, hier zu schlafen, an diesem Ort, den ich früher nicht einmal hatte betreten dürfen. Und jetzt gehörte das alles mir. Nicht nur die offizielle Residenz des Teufels mit ihren acht verbundenen Schlafzimmern, von denen eines prächtiger war als das andere, sondern der ganze verdammte Hades. Die Welt.
Ein leises Vibrieren in meiner Hand erinnerte mich daran, dass ich aus einem bestimmten Grund ans Fenster getreten war, anstatt es endlich hinter mich zu bringen und zu Rickson zu gehen.
Mit einem Seufzen entsperrte ich das Handy und tippte auf den Messenger, dabei wusste ich längst, dass dort nichts auf mich wartete. Zumindest nichts, auf das ich hoffte. Die einzige Nachricht, die mich dort begrüßte, war von Reena, die sich erkundigte, ob ich Roys kleinen Tobsuchtsanfall überlebt hatte.
Aber sonst: Nichts. Keine Lebenszeichen von Annie und Zayden. Bei Zayden hatte ich nichts anderes erwartet … aber Annie? Meine letzte Nachricht hatte meine beste Freundin laut dem einsamen grünen Häkchen nicht einmal gelesen.
Ich spürte, wie Wut in mir aufflammte – nein, keine Wut, etwas anderes –, Enttäuschung und ein dumpfer Schmerz, der sich in meine Eingeweide bohrte wie eine stumpfe Klinge. Mein warmer Atem entwich hörbar.
Dann ließ ich die Hand mit dem Handy sinken und gab der Energie, die auf meine Emotionen reagierte, freien Lauf. Das Telefon in meinen Fingern begann zu glühen und zischen, der Geruch nach verbranntem Plastik füllte die Luft um mich herum und im nächsten Moment war von dem Ding nichts mehr übrig. Als hätte es nie existiert. Als hätte das alles niemals existiert.
Meine glühenden Augen blickten mir aus dem Glas entgegen, dahinter Aker, das mir in einen unheimlichen rötlichen Schein gehüllt zu Füßen lag. Es war nicht von Bedeutung, was in London geschehen war oder dass es nicht mehr existierte. Das alles spielte keine Rolle, weil ich jetzt hier war, weil der Hades jetzt alles war, was zählte.
Ich biss die Zähne zusammen und wandte mich vom Fenster ab, um mit gestrafften Schultern zurück in den Thronsaal zu gehen.
Zwei Soldaten aus meiner Leibgarde wurden zu meinen Schatten, während ich lautlos durch die breiten, schier endlosen Gänge des Palastes lief, bereit, mich gegen jede Gefahr zu verteidigen. Lächerlich, angesichts der Tatsache, dass ich jetzt das gefährlichste Wesen hier unten war, aber ich hatte aufgehört, mich gegen so etwas Banales aufzulehnen.
Royath hatte jeden einzelnen Dämon aus meiner Garde persönlich ausgewählt, trainiert und abgerichtet, wie er es ausdrückte. Restlos loyale Diener, die, ohne zu zögern, für ihre Königin in den Tod gehen und ausnahmslos jeden Befehl ausführen würden.
In letzter Zeit jedoch, seit seiner Rückkehr in den Hades, war es meist Roy selbst, der diese Aufgabe übernahm und mir nicht von der Seite wich.
Ironischerweise war es eigentlich schon immer so gewesen. Als ich noch jünger gewesen war, nicht mehr und nicht weniger als die Tochter des Teufels, hatte mein Vater Roy beauftragt, ein Auge auf mich zu haben und jetzt … es schien, als würden manche von Daddys Befehlen über seinen Tod hinaus noch ausgeführt werden.
Zwei namenlose Wachen öffneten eine Doppeltür, die aus meinem privaten Flügel in den Hauptteil der Festung führte. Während meine Gemächer meist wie ausgestorben waren, pulsierte hier das Leben des Palastes. Unzählige Diener waren damit beschäftigt, die hellen Steine der Burg auf Hochglanz zu polieren, der Boden wurde geschrubbt und gefegt und die schweren, roten Vorhänge ausgeklopft. Ausnahmslos jeder hielt in seiner Arbeit inne, als er mich bemerkte, und sank noch im selben Moment in eine respektvolle Verbeugung. Ich hatte keine Blicke für sie übrig, weil sie es nicht erwarteten, und sobald ich an ihnen vorbeigegangen war, verfielen sie wieder in ihre Aufgaben.
Orangefarbenes Licht flutete den breiten Flur, den wir entlangliefen, fiel durch gewaltige Fenster, die nach oben hin spitz zuliefen, und ließ das helle Gestein, aus dem die Festung erbaut worden war, wie flüssiges Gold glänzen. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, warum mein Vater den Palast nicht aus demselben dunklen Stein hatte erbauen lassen, aus dem die restlichen Bezirke der Hölle bestanden. Nun, jetzt würde ich darauf auch keine Antwort mehr bekommen.
Eine gewaltige, gewundene Treppe führte mich in das dritte Stockwerk hinunter, dorthin, wo neben den Versammlungsräumen auch der monströse Thronsaal lag – das Herzstück des Palastes. Vermutlich hatte kein anderer Raum in der gesamten Anlage mehr Blut und Schrecken gesehen, als dieser Saal, nicht einmal die gewölbeartigen Verliese unterhalb der Oberfläche. Es war stets Dads Bemühen gewesen, das Grauen, das er verbreitete, sichtbar zu machen.
Was bringt es, Feinde klammheimlich, begraben unter Tonnen von Gestein, zum Flehen und Betteln zu bringen? Nein, Lya, du musst dafür sorgen, dass es jeder sieht. Jeder hört. Jeder riecht. Du musst deine Macht sichtbar und öffentlich machen.
Oh ja, dafür hatte er gesorgt. Immer und immer wieder.
Der steinerne Boden des Saals gierte regelrecht nach Blut und Tod, sog beides gleichermaßen auf und gab nichts mehr zurück.
Ich ballte die Hände zu Fäusten und zog die Schulterblätter zusammen, als wir den Hauptkorridor des dritten Stockwerks betraten. Dunkler, beinahe schwarzer Teppich schluckte unsere Schritte, während uns unzählige Blicke folgten. Eine Gruppe von Bediensteten war gerade dabei, die Wappen der Hohedämonen für die morgige Tagung an den Wänden aufzuhängen und die Kronleuchter über unseren Köpfen, die aus den verrußten Knochen der unzähligen Ungeheuer des Hades‘, deren Namen ich nicht einmal kannte, bestanden, mit neuen, dunkelroten Kerzen zu bestücken.
Schien so, als wäre jeder hier für die Vollversammlung bereit, selbst die Festung – abgesehen von mir. Der Hauptrolle bei diesem Zirkus.
Der Schlund der Hölle – so hatte mein älterer Bruder Avan die goldene, gewaltige Tür getauft, die in den Thronsaal führte – öffnete sich auf meinen Wink hin, erzitterte beinahe unter der Macht, die aus mir herausströmte, und gab den Blick auf das Herz des Palastes frei.
Ich atmete tief durch und folgte dem blutroten Teppich, der den breiten Weg zu dem Podest, auf dem mein Thron stand, säumte. Die schwarz-roten Marmorsäulen ragten rechts und links von mir auf, flankierten mich wie stumme Wächter, während ich den Blick nicht von meinem Thron abwandte. Ich spürte die Energie von Royath, der sich rechts davon positioniert hatte, und eine fremde, unangenehme Macht, die mich die Zähne zusammenbeißen ließ.
Rickson.
Der Hohedämon, dem das Kommando über Nordamerika übertragen worden war, stand wartend knapp zwei Meter vor dem Podest. Sein hochgewachsener, kräftiger Körper steckte in einem nachtschwarzen Anzug, die hellblonden Haare trug er ordentlich zur Seite gekämmt. Ein silberner Reif, der ihn als Oberhaupt auszeichnete, ruhte darauf. Es war schwer zu sagen, wie alt er wirklich war, Rickson hatte schon lange vor meiner Zeit an der Seite meines Vaters gestanden, aber die Menschen hätten ihn vielleicht für Anfang vierzig gehalten.
Sobald er meine Ankunft spürte, wandte er sich zu mir um und sank in eine Verbeugung, aus der er sich erst wieder erhob, als ich mich auf meinem Thron niedergelassen hatte. Roys Blick lag kribbelnd auf mir, aber ich widerstand dem Drang, mich ihm zuzuwenden.
Stattdessen hob ich das Kinn und sah von oben auf Rickson herab; die Krone lag mahnend auf meinem Haupt, als wollte sie mich an die Rolle, die ich hier zu spielen hatte, erinnern.
„Rickson“, begrüßte ich ihn kühl und faltete die Hände unter dem Kinn. „Ich habe gehört, Ihr wolltet mich schon vor dem Beginn unserer offiziellen Versammlung sprechen.“
Der Hohedämon strich sich über das Jackett und neigte leicht den Kopf. „Meine Königin. Ich danke Euch für Eure Audienz. Mir ist bewusst, Ihr seid sicher sehr beschäftigt.“
Beschäftigt damit, mir die Erinnerungen an ein anderes Leben aus dem Kopf zu trinken, ja, so könnte man sagen.
„Dann tätest du gut daran, meine Zeit nicht mit unnötigem Geplänkel zu verschwenden“, erwiderte ich nur und ließ nicht einen Moment von ihm ab. Gleichzeitig schlüpfte ich in Roys Gedanken, so wie wir es bisher immer bei Besprechungen gehandhabt hatten. Mir war seine Meinung wichtig, außerdem wollte ich nicht, dass jeder zu hören bekam, was ich mit ihm besprach.
Royath nahm die Verbindung lautlos und ohne mit der Wimper zu zucken zur Kenntnis.
„Natürlich, Mylady. Alles Weitere werde ich morgen vor den anderen Abgesandten vortragen, aber ich dachte mir, es wäre ratsam, Euch vorab über einige Entwicklungen in Kenntnis zu setzen“, begann er bestimmt und mit einem Funkeln in den eisblauen Augen, das mir ganz und gar nicht gefiel.
Weißt du, wovon er spricht?, wandte ich mich stumm an Roy, der wie eine Statue neben mir ruhte, seinen aufmerksamen Blick auf den Hohedämon vor uns gerichtet.
Nein, aber ich habe so eine Vermutung, dass uns nicht gefallen wird, was er gleich ausspricht.
Darauf erwiderte ich nichts.
„Werde deutlicher, Rickson.“
Die schmalen Lippen des Abgesandten zuckten in Richtung eines spöttischen Lächelns, als er meine Ungeduld bemerkte. Er schien es nur allzu offensichtlich zu genießen, dass er mehr wusste als ich und ich begann mir in den schillerndsten Farben auszumalen, wie ich ihm dieses Grinsen aus den Zügen schneiden konnte.
Neben mir erklang Roys unterdrücktes Hüsteln, was mich unwillkürlich lächeln ließ.
„Ich habe zwei meiner fähigsten Leute nach London geschickt, nachdem es dort in Kreisen, für die ich verantwortlich bin, zu Unruhen gekommen ist.“
Ungeduldig wedelte ich mit der Hand und bedeutete ihm, fortzufahren, als er mich abwartend ansah.
„Eine reine Routineunternehmung, wenn Ihr versteht, was ich meine. Nun, der Kontakt zu meinen Vertretern ist abgebrochen.“
„Dann waren sie anscheinend nicht halb so fähig, wie du angenommen hast, verehrter Rickson.“
Meine Worte sorgten dafür, dass seine höfliche Maske für einen Augenblick verrutschte. Darunter kamen Hohn, Spott und Wut zum Vorschein – das, was er wirklich über mich dachte.
Lya, finde einen anderen Weg, ihn auf deine Seite zu ziehen …, begann Roy in meinen Gedanken warnend, doch ich ignorierte ihn und ließ stattdessen meine Augen aufleuchten. Dieser Abschaum, der sich Hohedämon schimpfte, war meine Mühe nicht wert. Noch nicht.
Ricksons Maske schob sich wieder an Ort und Stelle, aber ich hatte bereits genug gesehen.
„Ich bürge für diese beiden Dämonen, Mylady. Vertrauenswürdige, äußerst loyale Männer. Glaubt mir, wenn ich sage, dass sie niemals desertieren oder einfach verschwinden würden. Dahinter steckt etwas anderes. Etwas, von dem ich gehofft hatte, es nie wieder auch nur aussprechen zu müssen.“
Langsam, aber sicher ging mir sein Spielchen auf die Nerven und momentan war ich nicht gerade dafür bekannt, einen besonders langen Geduldsfaden zu haben. Das wusste auch Royath, dessen Hand sich unwillkürlich fester um den Schwertgriff schloss.
Ricksons Augen glitten von Roy zu mir. Gut, er hatte augenscheinlich begriffen, dass er eine riskante Grenze erreicht hatte.
„Spuck es aus, oder ich werde es mir aus deinem Schädel holen, Rickson“, sagte ich gefährlich ruhig und schob ein dünnes Lächeln auf meine Lippen, das an ein Raubtier kurz vor dem tödlichen Sprung erinnerte.
Dem Zucken seiner linken Hand in Richtung seines Gürtels, wo ich seine Waffe vermutete, entnahm ich, dass er von meinen Fähigkeiten, in den Geist eines Dämons einzudringen, gehört hatte. Und sie fürchtete. Zu Recht.
„Meine Königin, ich spreche von den Madúr.“
Mein gestandener Erster Offizier, den sonst nichts so leicht aus dem Konzept brachte, der einem Gemetzel beiwohnen konnte, ohne einen Muskel zu rühren, zuckte zusammen, als Ricksons Worte den Thronsaal füllten.
Ich ballte die Hände zu Fäusten und warf ihm einen raschen, fragenden Blick zu.
Die Madúr sind Kreaturen, die vor Jahrzehnten ausgemerzt worden sind. Ein blutiger Kampf und einer der wenigen, bei denen die Iljos Seite an Seite mit Dämonen gekämpft haben.
Meine Stirn legte sich in Falten, während ich Rickson mit Blicken durchbohrte.
Was für Kreaturen?, fragte ich an Roy gewandt, während ich laut sagte: „Ich dachte, sie wären längst vom Erdboden getilgt.“
Menschen.
Mir wäre beinahe ein Schnauben über die Lippen gekommen. Royath machte so einen Aufstand wegen Menschen? Doch seine nächsten Worte erstickten meinen Spott genauso schnell, wie Wasser Feuer tötete.
Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, alles Übernatürliche zu vernichten. Sie haben Waffen entwickelt, die Iljos und Dämonen gleichermaßen innerhalb von Sekundenbruchteilen töten – und dafür müssen sie nicht einmal in der unmittelbaren Nähe sein. Madúr sind das schlimmste Geschwür, das es in der Geschichte des Übernatürlichen jemals gegeben hat.
Auch wenn Rickson die Unterhaltung, die zwischen Roy und mir stattfand, nicht mitbekam, schien er doch zu wissen, dass wir in direktem Kontakt miteinander standen, und wartete ab, bis ich kaum merklich den Kopf schüttelte.
„Ich bin der gleichen Annahme gewesen, wurde jedoch eines Besseren belehrt. Eine Familie hat die Säuberung überstanden. Die McIntyrs. Es scheint, als hätten sie ihr Geschäft wieder aufgenommen, Mylady.“
Ich ließ mir seine Antwort durch den Kopf gehen und legte die Hände flach auf meine Oberschenkel. Die Ringe an meinen Fingern blitzten auf. „Was veranlasst dich zu dieser Annahme, Rickson?“
Der Abgesandte griff in sein Jackett und zog einen bläulichen, runden Stein hervor, in den ein schwarzes Zeichen geritzt worden war. In dem rötlichen Licht schimmerte er wie poliertes Saphirglas.
Royath stieß einen unsauberen Fluch aus und umfasste sein Schwert so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Alleine das hätte mir schon Warnung genug sein müssen.
Mit einem kurzen Wink ließ ich den Stein zu mir fliegen und drehte ihn dann langsam in den Händen. Er war eiskalt.
Ich kannte weder das Zeichen darauf noch das Symbol, für das der Stein an sich stand, aber ich vermutete, dass es nichts Gutes bedeutete.
Roys warmer Atem fuhr über meinen Nacken, als er sich zu mir herabbeugte und ließ mich erschaudern. Seine Energie umwirbelte ihn, wie unsichtbarer Nebel und prickelte wie unzählige Nadelspitzen auf meiner Haut.
Das ist ein Eisstein, Lya, mit dem Todeszeichen der Madúr darauf. Ihre Art, einen Gruß zu schicken.
Ich umschloss den Stein fester und biss die Zähne zusammen. Lass mich raten, das Todeszeichen ist kein freundlicher Gruß.
Nein. Der Eisstein ist ein Versprechen dafür, dass Blut vergossen wird. Das unsere und das der Iljos.
Rickson machte einen Schritt auf das Podest zu und sah mich eindringlich an. „Die Madúr haben den Kampf wieder aufgenommen, Mylady. Und sie erwarten eine Antwort.“
Und keiner von ihnen wird ruhen, ehe jedes übernatürliche Geschöpf dieser und jeder anderen Welt vernichtet worden ist, schloss Royath und richtete sich wieder auf.
„Warum?“, fragte ich an beide gewandt. „Warum jetzt?“
Ich spürte, wie Roy und Rickson einen bedeutungsschweren Blick tauschten, der ein unangenehmes Kribbeln in meinem Rücken auslöste. Meine Energie flackerte auf.
„Weil sie ein neues Ziel haben. Ein Mittel, mit dem sie uns nicht nur den Krieg erklären können, sondern auch eine Chance bekommen, ihn endgültig zu gewinnen.“
Noch bevor er es laut aussprechen konnte, wusste ich, was er sagen würde. Meine Finger krallten sich in die Lehnen meines Thrones, der Stein knrischte unter meinen Nägeln.
Ricksons eisblaue Augen bohrten sich in die meinen, hielten daran fest. Dann verkündete er mit beherrschter, fester Stimme: „Euch, meine Königin. Ein Wesen aus Licht und Finsternis. Eure Macht ist die ultimative Waffe und wird uns alle vernichten, sollte sie jemals in die Hände der Madúr fallen.“
Zu sagen, ich wäre angespannt, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich war nicht nur angespannt, ich war ruhelos und aufgekratzt und suchte händeringend nach einem Ventil, um diese Anspannung loszuwerden.
Ein großer Teil in mir drängte mich dazu, einfach loszuziehen und irgendetwas zu Kleinholz zu verarbeiten oder mich in irgendeiner Absteige des Hades für einige kostbare Augenblicke der Besinnungslosigkeit hinzugeben.
Nur, um endlich Ruhe zu bekommen. Ruhe vor meinen eigenen, sich drehenden und windenden Gedanken.
Ich hatte angenommen, es wäre nervenaufreibend und schmerzhaft gewesen, über Annie, Zayden und mein Leben in London nachzudenken. Mir sowohl in jeder wachen Sekunde als auch in meinen Träumen den Kopf über das alles zu zerbrechen.
Aber das war nichts im Vergleich zu dem gewesen, was mich nun umtrieb.
Bei der Hölle.
Die Madúr. Menschen, die sich darauf spezialisiert hatten, alles, was nicht im Einklang mit ihrer Weltauffassung stand, zu vernichten. Und wieder einmal hatte ich wie die letzte Idiotin dagestanden, als Rickson mir von dieser vermaledeiten Entwicklung berichtet hatte.
Mein Vater hatte meine Brüder und mich in allem, was für unser Leben im Hades von Bedeutung war, unterrichten lassen. Ich konnte sämtliche Höllenfürsten rauf- und runterbeten, kannte die Abgesandten der Kontinente und die dreizehn Clans in London, Paris und New York – aber dieses winzige Detail, die Tatsache, dass es auf der Erde eine Horde von wild gewordenen Jägern gegeben hatte – wieder gab –, die uns zu Freiwild erklärt hatten, hatte man mir offensichtlich verschwiegen. Und nun hatten eben jene Jäger uns den Krieg in Form eines gleichermaßen schönen und tödlichen Steines und mich zu ihrer vernichtenden Waffe erklärt.
Wütend sah ich von meinen schwarzen Schuhspitzen auf und begegnete meinem funkelnden Blick im Spiegel. Anaïs hatte mich bereits für die heutige Eröffnung der Vollversammlung eingekleidet und anschließend auf meine Bitte hin alleine gelassen. Genauso wie gestern Abend trug ich auch heute eine schwarze Hose aus fließendem Stoff und darüber ein silbrig-schwarzes Oberteil, das knapp oberhalb meines Hosenbundes endete. Die Ärmel und ein Großteil des Rückens waren durchscheinend, gaben den Blick auf meine Tattoos und Narben frei und verrieten meine Geschichte. Die silberne Krone auf meinen hochgesteckten Haaren hatte die Form einer sich windenden Dornenranke, in die ein gutes Dutzend Blutrubine eingesetzt worden war, passender Schmuck blitzte überall an meinem Körper. Abgerundet wurde meine Erscheinung von meinen gewaltigen Schwingen, die hinter mir aufragten. Gefiederte Flügel, die schneeweiß aus meiner Haut brachen und an den Spitzen zu dem Schwarz tiefster Nacht wurden. Funkelnde Perlen waren in die empfindsamen Federn am Ende eingewebt und klimperten leicht, als ich meine Flügel zusammenzog.
Schon in meinen jungen Jahren hatte ich gelernt, dass unsere Flügel das wohl stärkste Symbol unserer Macht waren. Beliar hatte sie bei jeder Versammlung offen zur Schau getragen, um jedem ins Gedächtnis zu rufen, wer er war. Als hätte das jemals irgendeiner vergessen können.
Nur wenige Dämonen waren überhaupt mit Schwingen gesegnet und noch viel weniger besaßen gefiederte Flügel, wie die meinen.
Keine Dämonen, aber die Iljos sehr wohl. Sie haben dieselben, herrlichen Federn, erinnerte mich eine süßliche Stimme in meinem Kopf, die ich resolut zur Seite schob.
Ich hatte im Moment ganz andere Sorgen als meine Funkstille nach oben, wie mir Royath nach unserem Gespräch mit Rickson offengelegt hatte.
Die Sorge, die in seinen goldenen Augen gestanden hatte, während er mir alles, was er über das alte Jägergeschlecht wusste, berichtet hatte, verursachte mir noch jetzt einen Schauder. Und Roy war niemand, der sich besonders oft sorgte.
Er hatte mir von den verheerenden Opferzahlen erzählt, die Iljos und Dämonen in der Zeit der letzten Madúr-Beutezüge zu verzeichnen gehabt hatten. Von den vielen Menschen, die im Zuge des Konflikts zwischen den Parteien ihr Leben gelassen hatten, und von den Ausmaßen der Zerstörung, die über die Erde hinweggefegt waren.
