Emma - Jane Austen - E-Book

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Jane Austen.

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Beschreibung

In "Emma" entführt Jane Austen die Leser in die mondäne Welt der englischen Landgesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts. Der Roman folgt der jungen Protagonistin Emma Woodhouse, einer wohlhabenden und selbstbewussten jungen Frau, die sich leidenschaftlich dem Umgang mit den Herzen ihrer Mitmenschen widmet. Austens meisterhafte Ironie und feinsinnige Beobachtungen des sozialen Lebens entfalten sich in einem literarischen Stil, der sowohl prägnant als auch unterhaltsam ist. Mit ihren scharfen Charakterstudien und der psychologischen Tiefe gelingt es Austen, die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen zu erkunden und zugleich die Begrenzungen des gesellschaftlichen Standes zu beleuchten. Jane Austen, geboren 1775, gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der englischen Literatur. Aufgewachsen in einer Zeit, in der Frauen beschränkte gesellschaftliche Rollen einnahmen, verarbeitete sie in ihren Werken oft eigene Erfahrungen und das Streben nach Unabhängigkeit. Ihr scharfer Verstand und ihre Beobachtungsgabe erlaubten es ihr, subtile gesellschaftliche Kommentare in eine fesselnde Erzählung zu verweben, wodurch sie zeitlose Themen in den Vordergrund stellte. "Emma" ist nicht nur eine amüsante Liebesgeschichte, sondern auch eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Identität und Selbstreflexion. Leser, die an raffinierten Charakteren und subtilen sozialkritischen Anmerkungen interessiert sind, werden von dieser facettenreichen Erzählung begeistert sein. Dieses Buch ist ein unverzichtbares Werk für jeden Liebhaber klassischer Literatur. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Austen, Jane

Emma

Bereicherte Ausgabe. Deutsche Ausgabe
Einführung, Studien und Kommentare von Niklas Klein
EAN 8596547732679
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Emma
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Selbstgewissheit ist selten ein verlässlicher Kompass für das Herz. Jane Austens Roman Emma kreist um die Verführungskraft eigener Gewissheiten und die feinen Missverständnisse, die daraus entstehen, wenn Menschen die Gefühle anderer deuten. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, deren Wohlstand, Klugheit und soziale Stellung sie glauben lassen, die Fäden gesellschaftlicher Verbindungen zu beherrschen. Aus spielerischer Einmischung erwachsen Komik, Reibung und leise Erkenntnisse. Der Roman zeigt, wie Wahrnehmung und Wirklichkeit auseinanderklaffen können und wie Selbstprüfung, Takt und Geduld zu sichereren Leitsternen werden, als jedes selbstzufriedene Urteil es je sein könnte.

Emma erschien 1815 in London in drei Bänden beim Verleger John Murray; Autorin ist Jane Austen, eine der prägenden Stimmen der englischen Literatur der Regency-Zeit. Das Buch entstand in den Jahren 1814 und 1815 und trägt, auf Wunsch des Prinzregenten, eine förmliche Widmung. Es ist Austens vierter zu Lebzeiten veröffentlichter Roman und verankert in der fiktiven Provinzgemeinde Highbury. Als Komödie der Sitten entfaltet das Werk eine präzise Beobachtung alltäglicher Rituale, Besuche, Gespräche und Feste. Zugleich verfeinert es eine Erzähltechnik, die Nähe und Distanz kunstvoll balanciert und innere Regungen ohne direkte Autorenerklärungen sichtbar macht.

Die Handlung eröffnet sich im vertrauten Kreis eines Landguts und seiner Nachbarschaft. Eine wohlhabende junge Frau, überzeugt von ihrem Geschick als Kupplerin, versucht nach einer glücklichen Hochzeit im Umfeld, weitere Verbindungen zu stiften. Ihre Unternehmungen führen sie in Salons, Pfarrhäuser und auf Landwege, wo sie Andeutungen, Gesten und Rangfragen deutet und fehldeutet. Begegnungen, Briefe und gemeinsame Ausflüge verschieben Wahrnehmungen und Erwartungen, doch der Roman bleibt nah bei ihrer Sicht und ihren Lernprozessen. Ohne große äußere Sensationen entfaltet sich ein fein gesponnenes Geflecht aus Beziehungen, das Humor, Anmut und leise Spannung in sich vereint.

Als Klassiker gilt Emma, weil es die Kunst der genauen Beobachtung mit einer raffinierten Erzählhaltung verbindet. Austen perfektioniert die erlebte Rede, die den inneren Blick der Heldin so einbindet, dass Lesende sowohl verführt als auch gewarnt werden. Dieses Spiel mit Perspektive und Ironie macht das Lesen zu einer Prüfung der eigenen Urteilsbereitschaft. Die kleinräumige Bühne wird zum Labor für psychologische Genauigkeit, soziale Intelligenz und ethische Nuancen. Das Werk hat maßgeblich dazu beigetragen, die Möglichkeiten des realistischen Romans auszubauen, indem es Empfindung, Wahrnehmungsverzerrung und gesellschaftliche Konventionen in fein kalkulierten Szenen verknotet.

Zu den nachhaltigen Themen gehören Selbsttäuschung und Selbsterkenntnis, Macht und Verantwortung innerhalb sozialer Gefüge, die Bedeutung von Geld und Rang, die Grenzen und Chancen weiblicher Handlungsräume sowie die Kunst des angemessenen Urteils. Austen zeigt, wie Sprache, Höflichkeit und kleine Rituale soziale Wirklichkeit formen, und wie leicht Eitelkeit, Fürsorge und Besitzdenken ineinander übergehen. Freundschaft und Loyalität werden ebenso erprobt wie Taktgefühl und Einfühlung. Der Roman untersucht, auf welche Weise Menschen einander lesen, sich missverstehen und dennoch durch Geduld, Offenheit und Maß zu klareren Sichtweisen gelangen können, ohne die Komplexität menschlicher Motive zu reduzieren.

Emma Woodhouse wird als ungewöhnlich privilegierte Figur eingeführt: unabhängig, gebildet, anerkannt und von familiären Bindungen geschützt. Diese Ausgangslage ermöglicht eine in der damaligen Literatur seltene weibliche Perspektive, die nicht primär von ökonomischer Not oder Heiratsdruck getrieben ist. Gerade dieser Vorteil macht ihre Irrtümer aufschlussreich, denn sie entspringen weniger Zwang als Urteil. Austen zeichnet eine Heldin, deren Stärken – Witz, Energie, Zuneigung – unauflöslich mit blinden Flecken verbunden sind. Die Dynamik zwischen Generationen, Nachbarschaft und Freundschaft dient dabei als Spiegel, in dem sich Selbstbild und Fremdbild geschmeidig, mitunter schmerzhaft, justieren.

Die Welt des Romans gehört zum ländlichen England der Regency-Ära, mit ihrem Netz aus Pfarrstellen, Pensionsschulen, Jahrmärkten, Bällen und Besuchen zu festgelegten Stunden. Reisewege, Vermögen und Anredeformen markieren Zugehörigkeit und Abstand; die Grenzen zwischen Gentry, Kaufleuten und abhängigen Personen bleiben spürbar. Austen verzichtet auf große politische Kulissen und richtet den Blick auf das Nahe: auf Etikette, Musik, Geselligkeit, Wohltätigkeit und die stillen Ökonomien des Alltags. In dieser engen Topographie werden Fragen sozialer Anerkennung und moralischer Verpflichtung nicht vereinfacht, sondern in Szene gesetzt – präzise, nuanciert und oft mit heiterer, doch nie zynischer Distanz.

Stilistisch besticht Emma durch elegante Perioden, funkelnde Dialoge und eine Ökonomie des Details, die Handlungsfäden unaufdringlich verknüpft. Die Komik entsteht aus charaktergetreuer Rede, aus Nachahmung höflicher Floskeln und aus der Reibung zwischen innerem Monolog und äußerer Konvention. Szenen sind sorgfältig gebaut: ein Blick, eine Einladung, eine unpassende Bemerkung tragen spätere Entwicklungen in sich, ohne sie zu verraten. Die Erzählstimme moduliert Nähe und Ironie so, dass Lesende beteiligt und geprüft werden. Daraus erwächst eine Form der Spannung, die weniger auf Überraschung als auf Einsicht zielt und die ethische Dimension des Urteils spürbar macht.

Seit dem 19. Jahrhundert wird Emma kontinuierlich gelesen, übersetzt, kommentiert und neu aufgelegt. In der Literaturwissenschaft gilt der Roman als Referenztext für die Analyse der erlebten Rede, für die Feinmechanik des realistischen Erzählens und für die Darstellung weiblicher Agency innerhalb sozialer Schranken. Das Werk hat unzählige Bühnen-, Fernseh- und Filmadaptionen inspiriert und eine kulturelle Präsenz gewonnen, die weit über den historischen Kontext hinausreicht. Seine präzise Balance aus Humor, Gesellschaftsbild und psychologischer Beobachtung macht es zu einem festen Bezugspunkt, wenn über den Roman der Moderne und die Ethik erzählerischer Perspektive nachgedacht wird.

Für heutige Leserinnen und Leser wirkt Emma aktuell, weil es grundlegende Fragen der Wahrnehmung verhandelt: Wie formt unser Standpunkt das, was wir zu sehen glauben? Welche Rolle spielen Privileg, Fürsorge und Eitelkeit, wenn wir uns in fremde Angelegenheiten einmischen? Der Roman zeigt die Mechanik von Fehldeutung, Gruppendruck und höflicher Rücksichtnahme, die auch in zeitgenössischen Milieus vertraut ist. Er ermutigt dazu, sicher geglaubte Deutungen zu prüfen und Empathie als aktives, lernbares Vermögen zu verstehen. So dient die scheinbar kleine Welt der Provinz als Spiegel größerer, dauerhafter sozialer Dynamiken.

Wer sich auf dieses Buch einlässt, entdeckt, wie produktiv Langsamkeit für die Literatur sein kann. Gespräche entfalten Gewicht, Orte werden durch Wiederkehr bedeutsam, und kleine Verschiebungen in Ton und Haltung öffnen neue Lesarten. Es lohnt, auf Nebensätze, ironische Übergänge und die Position der Erzählinstanz zu achten, denn dort verbergen sich Signale, die das moralische Profil der Figuren schärfen. Zugleich bleibt das Vergnügen am Witz, an lebendiger Szene und an der Kunst des Dialogs stets präsent. Emma ist Unterhaltung und Erkenntnis in einem, ohne pädagogischen Nachdruck, doch mit nachhaltiger Wirkung.

Als zeitlos erweist sich Emma durch die Verbindung aus menschlicher Wärme, scharfem Witz und formaler Meisterschaft. Der Roman bewahrt seine Frische, weil er Menschen weder idealisiert noch bloßstellt, sondern ihre Lernfähigkeit ernst nimmt. Er bietet ein präzises Bild gesellschaftlicher Interaktion und eröffnet zugleich einen Raum persönlicher Entwicklung. Die Kunst, Wahrnehmung zu differenzieren, Irrtum anzunehmen und Urteil zu verfeinern, bleibt aktuell. Darum gilt dieses Buch als Klassiker: Es spricht über Nähe, Verantwortung und Freiheit in einer Sprache, deren Klarheit und Ironie die Jahrhunderte überbrückt und Lesende immer wieder neu herausfordert.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Jane Austens Roman Emma spielt im ländlichen Highbury des frühen 19. Jahrhunderts und begleitet Emma Woodhouse, wohlhabend, intelligent und von ihrem Urteil überzeugt. Nach der Heirat ihrer Gouvernante mit Mr. Weston reklamiert sie den Erfolg als ihr Werk und beschließt, weitere Verbindungen zu stiften. Zugleich hält sie sich selbst für immun gegen die Ehe. Diese Ausgangslage verknüpft gesellschaftliche Beobachtung mit einer Komödienstruktur: Ein enges soziales Netz, klare Klassenhierarchien und subtile Regeln bestimmen Begegnungen, Besuche und Feste. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sicher Wahrnehmung und Urteil in einer Welt sind, in der Anstand oft Gefühl und Interesse verdeckt.

Emmas neues Projekt wird Harriet Smith, eine gutmütige Schülerin unklarer Herkunft. Aus Klassenstolz und romantischer Phantasie hält Emma Harriet für eine höhere Partie bestimmt und rät ihr, einen ehrenhaften Heiratsantrag von Robert Martin abzulehnen. Mr. Knightley, Emmas älterer Freund und kritischer Beobachter, warnt sie vor Einmischung und unterschätzter Konsequenz. Die Szene etabliert zentrale Konflikte: die Grenzziehung zwischen Einfluss und Anmaßung, die Gefahr selektiver Wahrnehmung und den Druck sozialer Rangordnungen. Der scheinbar harmlose Versuch, Schicksale zu lenken, setzt eine Reihe von Missdeutungen in Gang, die Empfindlichkeiten bloßlegen und Emmas Urteilskraft auf die Probe stellen.

Emma richtet Harriets Hoffnungen auf Mr. Elton, den Pfarrer der Gemeinde, und interpretiert harmlose Höflichkeiten als gezielte Werbung. Bei einer winterlichen Kutschfahrt kulminiert das Missverständnis: Nicht Harriet, sondern Emma selbst ist das Ziel seiner Avancen. Der Fehlgriff offenbart Emmas Selbsttäuschung und die Tücken sozialer Codes. Mr. Elton reagiert pikiert, zieht sich zurück und sucht rasch anderweitig Bindung, was die Gesprächswelt von Highbury zusätzlich belebt. Für Harriet bleiben Kränkung und Unsicherheit, für Emma die erste ernste Lektion: Gute Absichten genügen nicht, wenn sie auf einer fehlerhaften Lesart von Motiven und Zeichen beruhen.

Mit der Ankunft zweier neuer Figuren verschiebt sich das Gefüge: Frank Churchill, der gesellschaftlich gewandte, selten greifbare Sohn von Mr. Weston, und Jane Fairfax, begabt, zurückhaltend, von vielen bewundert. Emma fantasiert über mögliche Verbindungen und beurteilt die beiden aus einem Geflecht aus Sympathie, Eitelkeit und Neid. Rätselhafte Aufmerksamkeiten, ein unverhofftes Musikinstrument und wechselnde Stimmungen nähren Gerede und Mutmaßungen. Während Jane durch stillen Fleiß und elegante Beherrschung beeindruckt, verführt Franks Charme zum spielerischen Umgang mit Andeutungen. Aus diesen Kontrasten erwächst ein Feld der Projektionen, in dem Emma erneut mehr liest, als offen daliegt.

In Ausflügen, Besuchen und kleinen Festen verdichtet sich das soziale Labor von Highbury. Frank sucht Emmas Nähe, ohne klare Absicht zu bekunden; Jane bleibt distanziert, was Spekulationen befeuert. Eine beunruhigende Begebenheit bringt Harriet in Verlegenheit und ruft Hilfe herbei, wodurch neue Empfindungen entstehen und alte Hoffnungen verblassen. Emma deutet diese Signale nach ihrem Wunschbild und erfindet passende Geschichten. Zugleich verteidigt Mr. Knightley nüchterne Maßstäbe und mahnt vor leichtfertigen Urteilen. Das Spannungsfeld zwischen lebhaftem Spiel und stiller Pflicht wird schärfer: Aufmerksamkeit, Ehre und Respekt erweisen sich als Prüfsteine der Charaktere.

Ein Ball bietet Bühne und Brennglas zugleich. Eifersucht, Eitelkeit und Großmut treten im Tanz sichtbar zutage. Eine öffentliche Brüskierung erinnert an die Kränzbarkeit sozialer Außenseiter; eine höfliche Rettungstat zeigt Takt und Charakterfestigkeit. Emma beobachtet die Menschen um sie her und beginnt, unausgesprochene Abhängigkeiten besser zu erkennen. Der Kontrast zwischen selbstgefälliger Selbstdarstellung und echter Rücksicht gewinnt Kontur. Was zuvor als Spiel erschien, erhält moralisches Gewicht: Wer jemanden zum Partner wählt—im Tanz wie im Leben—drückt Wertschätzung, Rang und Haltung aus. In dieser Atmosphäre bereitet sich die Einsicht vor, dass Handeln Folgen hat, die nicht zurückgenommen werden können.

Die Zusammenkunft am Box Hill markiert einen Wendepunkt. Unter leichter Sommerlaune verliert Emma die Maßgabe der Rücksicht und verletzt Miss Bates, eine gutherzige, redselige Nachbarin. Der Augenblick des Spottes entlarvt das Machtgefälle zwischen Wohlstand und Bedürftigkeit. Eine deutliche Mahnung öffnet Emma die Augen für den Schaden, den gewitzte Geistesgegenwart anrichten kann. Sie sucht Wiedergutmachung, indem sie sich um die Übersehene kümmert, und erkennt die Verantwortung, die mit ihrem Einfluss einhergeht. Der Roman verlagert sich von amüsierter Beobachtung zu moralischer Selbsterziehung: Reife bedeutet, den eigenen Ton zu prüfen und die stillen Kosten von Witz zu sehen.

Nach und nach treten Hintergründe und Verbindungen ans Licht, die frühere Verhaltensweisen neu lesbar machen. Gesten gewinnen andere Bedeutung, vermeintliche Sicherheiten weichen. Für Harriet entstehen erneute Erwartungen, überraschend in ihrer Zielrichtung; für Emma wird schmerzhaft spürbar, wie sehr sie mit Phantasien gesteuert hat. Missverständnisse klären sich, doch nicht ohne Unruhe. Aus dem Geflecht der Andeutungen löst sich eine einfachere Wahrheit: Gefühle beanspruchen Ehrlichkeit, nicht Regie. Die sozialen Schichten und häuslichen Pflichten bleiben, doch persönliche Einsicht verändert den Umgang mit ihnen. Was als Spiel der Zeichen begann, wird zur Prüfung von Charakter, Selbstkenntnis und Vertrauen.

Emma lässt sich als Bildungsroman der Empfindsamkeit lesen, der die Verführbarkeit des Urteils im Spiegel eines eng beobachteten Milieus zeigt. Die nachhaltige Bedeutung liegt in Austens Ironie: Sie entlarvt Selbsttäuschung, ohne Zuneigung zu verweigern, und zeigt, wie Gewandtheit erst durch Gewissen Halt bekommt. Der Roman fragt, wie wir lesen—Menschen, Gesten, Gesellschaft—und welche Verantwortung aus Deutung erwächst. Seine Botschaft bleibt spoilerarm zu benennen: Reife und Glück hängen weniger an glänzenden Plänen als an Aufmerksamkeit, Respekt und der Bereitschaft, Irrtümer zu korrigieren. So verbindet sich Liebeskomödie mit moralischer Klarheit zu einem bleibenden Gesellschaftsbild.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Emma ist in der englischen Regency angesiedelt, etwa im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, und führt in eine fiktive Kleinstadt in Surrey. Das politische System war monarchisch, formal unter George III., praktisch aber vom Prince Regent bestimmt. Dominant waren die Landed Gentry, der anglikanische Klerus und das Common Law. Lokale Verwaltung beruhte auf der Pfarrstruktur, mit Armenpflege, Pfarreiversammlungen und Gentlemen als Friedensrichtern. Diese Institutionen prägten Alltagsrhythmen, Moralvorstellungen und soziale Grenzen. Austens Schauplätze – Landhäuser, Pfarrhäuser, Gasthöfe – spiegeln diese Ordnung; sie zeigen, wie Status, Besitz und Anstand in einer dicht verwobenen Nachbarschaft beobachtet und bewertet werden.

Zeitgleich endeten die Napoleonischen Kriege (bis 1815), deren Auswirkungen auch in ländlichen Regionen spürbar waren: Preise schwankten, Getreidepolitik polarisierte, Kriegsrückkehrer suchten Arbeit. Obwohl Emma nahezu ohne Schlachtendrama auskommt, bildet der Moment des Übergangs einen Hintergrund: eine Gesellschaft zwischen Kriegsökonomie und Friedensnormalität. Die Regency brachte höfische Pracht und politische Unsicherheit zusammen. Diese Spannung resoniert in Austens konzentriertem Blick auf Stabilität, Besitz und Respektabilität. Während nationale Ereignisse selten direkt ins Bild treten, zeigt der Roman, wie lokale Eliten in Zeiten größerer Umbrüche Ordnung durch Etikette, Familienbande und kontrollierte Geselligkeit sichern.

Die soziale Hierarchie der Epoche ordnete Menschen präzise ein: an der Spitze stand die Landed Gentry; darunter rangierten Klerus, Militär- und Justizbeamte, Ärzte und Apotheker sowie erfolgreiche Kaufleute. Dienende machten einen erheblichen Teil der Bevölkerung aus. In Emma strukturieren diese Ebenen Begegnungen, Heiratschancen und Gesprächsstoff. Ein Pfarrer besitzt Ansehen und ein gesichertes Einkommen durch seine Pfründe; ein Grundbesitzer verkörpert lokale Autorität; Handelsleute mit Vermögen können Aufstieg anstreben, müssen aber Anerkennung erst erwerben. Der Roman nutzt diese Differenzen, um Nuancen sozialer Grenzziehung im Speisezimmer, beim Spaziergang oder auf dem Ball präzise auszuleuchten.

Rechtlich und kulturell definierten Coverture und Patriarchat weibliche Lebensperspektiven. Nach der Heirat ging Vermögen in der Regel in die Verfügungsgewalt des Ehemanns über; Schutz boten nur sorgfältige Eheverträge. Unverheiratete Frauen waren auf Erbschaften, Mitgiften und familiäre Unterstützung angewiesen. Bildung diente oft der „Ausstattung“ für den Heiratsmarkt. Emma ist als Erbin eine Ausnahme: finanzielle Unabhängigkeit verschafft ihr Handlungsraum, der den Normen widerspricht und zugleich ihre Fehlurteile ermöglicht. Der Roman zeigt die prekäre Alternative vieler Gentry-Frauen: Heirat oder Erwerbstätigkeit als Gouvernante, eine respektierte, aber ökonomisch verwundbare Position.

Die weibliche Ausbildung folgte Leitbildern der „accomplishments“: Musik, Zeichnen, moderne Sprachen, feines Benehmen. Zeitgenössische Ratgeberliteratur – von Evangelikalen bis zu konservativen Moralisten – empfahl Bescheidenheit, Nützlichkeit und häusliche Tugend. In Emma werden Übungsstunden am Klavier, Lektionsbesuche und Vorführungen in geselliger Runde zu Indikatoren von Geschmack und Charakter. Austens Darstellung zeigt, wie kulturelles Kapital soziale Türen öffnet, aber auch Eitelkeit entlarvt. Das idealisierte Muster einer „gebildeten“ Frau wird nicht platt gefeiert; vielmehr prüft die Erzählung, wann Fertigkeiten Haltung ausdrücken – und wann sie bloß Fassade für Ehrgeiz und Statussuche sind.

Das System der Armenfürsorge beruhte noch auf dem „Old Poor Law“ (seit dem 17. Jahrhundert), ergänzt durch lokale Praktiken wie das Speenhamland-Modell (ab 1790er Jahren). Hilfen wurden über Pfarrkassen, Naturalien und Beschäftigungsmaßnahmen organisiert; Finanzierung erfolgte durch Armensteuern. Wohltätigkeit der Gentry galt als moralische Pflicht und Werkzeug sozialer Stabilisierung. In Emma erscheinen Krankenbesuche, Spenden und Vermittlungen als alltägliche Gesten, die zugleich Hierarchie bestätigen. Der Roman zeigt die Ambivalenz paternalistischer Fürsorge: Sie stiftet Nähe und Bindung, aber auch Abhängigkeit und Kontrolle, indem sie Bedürftigen kaum eigene Stimme oder dauerhafte Sicherheit gewährt.

Ökonomisch blieb der ländliche Süden Englands agrarisch geprägt, doch Kommerzialisierung und Agrarreformen hatten die Landschaft seit dem 18. Jahrhundert verändert. Einhegungen, langfristige Pachtverträge und professionelle Bewirtschaftung steigerten Erträge, verschärften aber auch soziale Gegensätze. 1815 wurden die Corn Laws erlassen, die Getreideeinfuhr verteuerten und Produzenten schützten, zugleich aber Brotpreise hoch hielten. Emma spielt in einer Welt, in der Besitz von Land Stabilität symbolisiert und gesellschaftliche Führungsrolle legitimiert. Zugleich deutet Austen an, dass ökonomische Entscheidungen – Mieten, Pächterwahl, Wohltätigkeit – moralische Dimensionen haben und Nachbarschaftsbande prägen.

Reisen und Kommunikation waren um 1800 spürbar effizienter geworden. Turnpike-Straßen, verbesserte Kutschen und seit den 1780er Jahren organisierte Mail-Coaches beschleunigten Nachrichtenverkehr und Personenmobilität. Briefpost war teuer und oft vom Empfänger zu bezahlen; dennoch prägten Briefe die Alltagskultur, förderten Gerüchte und Missverständnisse. In Emma strukturieren Besuche, Ausfahrten und Einladungen den Kalender. Die Nähe zu London ermöglicht modische Einkäufe und schnelle Neuigkeiten, ohne die ländliche Welt zu untergraben. Austen nutzt Wege, Wagen und Post als soziale Taktgeber, die zeigen, wer wen erreichen kann – materiell, räumlich und symbolisch.

Die Konsumkultur der Regency verband ländliche Distinktion mit urbanen Trends. Londoner Händler lieferten Stoffe, Hutmodelle und Luxusartikel in die Provinz; Musikverlage und Instrumentenbauer versorgten den Bedarf an Aufführungen im Haus. Klaviere, Noten und Salongesang wurden zu Signalen von Geschmack und Verfeinerung. In Emma markieren modische Accessoires, Haushaltsausstattung und die Wahl von Geschenken nicht nur Wohlstand, sondern auch Urteilskraft. Austen zeigt, wie Konsum soziale Codes schreibt: Wer sich richtig kleidet, richtig wählt und richtig schenkt, signalisiert Zugehörigkeit. Gleichzeitig warnt die Erzählung vor dem Irrtum, Güte und Bildung mit bloßen Dingen zu verwechseln.

Berufliche Rollen veränderten sich im frühen 19. Jahrhundert. Neben dem erblichen Grundbesitz traten aufstiegsorientierte „middling sorts“: Rechtsanwälte, Kaufleute, Apotheker, pensionierte Offiziere. Ihre ökonomische Stärke forderte traditionelle Rangordnungen heraus, ohne sie gänzlich zu sprengen. In Emma verkörpern lokale Unternehmer und Fachleute diese Entwicklung, indem sie Geselligkeit mitgestalten und Einfluss gewinnen. Gleichzeitig bleibt Respektabilität an Sitte und Umgangsformen gebunden. Austen registriert das Nebeneinander von Herkunft und Leistung: Neue Vermögen können Zutritt erlangen, doch die Feinsteuerung sozialer Akzeptanz erfolgt über Sprache, Manieren, Verbindlichkeiten – und die subtile Kunst, Grenzen zu achten.

Die Church of England blieb zentrale Autorität in Moral und Gemeinschaftsleben. Pfarrstellen (livings) wurden oft von Grundherren patroniert; ein Vikar bezog Einkommen aus Zehnten, Gebühren und Stiftungen. Geistliche heirateten standesbewusst, und ihre Gattinnen prägten die Nachbarschaftskultur mit. In Emma sind Predigten selten Thema; wichtiger ist die soziale Rolle des Klerus als Netzwerkknoten für Besuche, Wohltätigkeit und Etikette. Der Roman beleuchtet, wie kirchliche Institutionen weltlichen Rang nicht nur spiegeln, sondern mit strukturieren. Patronage, Stellenvergabe und die Erwartungen an den „respektablen“ Pfarrer zeigen das Ineinandergreifen von Religion, Klasse und Lokalpolitik.

Geselligkeit fungierte als Bühne der Ordnung. Öffentliche Bälle, Teegesellschaften, Kartentische und gemeinsame Ausflüge regelten Annäherungen zwischen Familien. Chaperonage, Tanzetikette und Einladungslisten sortierten, wer als ebenbürtig galt. Zeitgenössische Ehegesetze, etwa der Marriage Act von 1753, setzten Formvorschriften (Banns, Lizenzen) und stärkten elterliche Kontrolle. In Emma erzeugen Veranstaltungsorte – Gasthaus, Landhaus, Garten – soziale Dramaturgien: Wer führt wen zum Tanz, wer sitzt neben wem, wer darf wen begleiten? Austen macht deutlich, dass öffentliches Verhalten über privaten Ruf entscheidet, lange bevor ein Antrag ausgesprochen wird.

Die Buchkultur erlebte eine Blüte: Romane wurden in Leihbibliotheken zirkuliert, Zeitschriften verbreiteten Mode und Kritik. Jane Austen veröffentlichte Emma im Dezember 1815 bei John Murray in London; das Titelblatt trug das Jahr 1816. Wie ihre früheren Romane erschien es anonym („By the Author of...“). Auf Wunsch des Prince Regent, vermittelt durch den Hofbibliothekar James Stanier Clarke, widmete Austen das Werk dem Regenten – eine Höflichkeitsgeste, die zeitgenössische Abhängigkeiten zwischen Autorin und höfischer Öffentlichkeit offenlegt. Der Verlag Murray, zugleich Heimat berühmter Autoren, positionierte Emma im anspruchsvollen literarischen Markt der Regency.

Stilistisch nutzt Austen eine damals innovative Erzähltechnik: die freie indirekte Rede. Sie erlaubt, den Bewusstseinsstrom einer Figur eng zu verfolgen und zugleich ironische Distanz zu wahren. In der Regency, geprägt von Benimmdisziplin und Reputation, war dies ein scharfes Werkzeug sozialer Analyse. Emma demonstriert, wie Selbsttäuschung und Standesdenken Wahrnehmungen färben. Diese Technik fungiert als historischer Kommentar: Sie zeigt, wie Meinungen zirkulieren wie Briefe, wie Gerüchte Fakten verdrängen und wie Urteilskraft – eine Schlüsselidee der Aufklärung – im kleinen Rahmen von Nachbarschaftsbeobachtung gelebt oder verfehlt wird.

Fragen des Eigentums bestimmten Heiratspolitiken. Primogenitur begünstigte Söhne; Töchter erhielten Mitgiften, die ihre Chancen am Heiratsmarkt signalisierten. Eheverträge konnten Vermögen als „separate estate“ sichern, waren aber Verhandlungssache. In Emma bildet finanzielles Polster die Voraussetzung für Wahlfreiheit, während fehlende Absicherung Frauen verwundbar macht. Grundbesitz bedeutete nicht nur Einkommen, sondern auch symbolische Autorität über Landschaft und Menschen. Austen thematisiert, ohne juristische Traktate zu liefern, die Konsequenzen dieser Ordnung: Hausbesuche, Ratschläge und Erwartungen erscheinen als weiches Machtarsenal, das durch harte Eigentumsverhältnisse unterfüttert ist.

Zeit und Jahreszeiten strukturieren das soziale Leben: Winterabende fördern Hauskonzerte und Spiele, Sommer erlaubt Ausfahrten und Gartenfeste. Krankheitsängste – reale Risiken in einer Zeit begrenzter Medizin – ordnen Besuche und Bewegungen. Apotheker beraten, Kuren werden empfohlen; seit den 1790er Jahren war die Pockenimpfung bekannt, ihre Verbreitung jedoch unterschiedlich. In Emma durchzieht eine Sensibilität für Gesundheit und Wohlergehen den Alltag, oft verbunden mit Schonung und Vorsicht. Diese Rhythmen verleihen dem Roman seine glaubhafte Zeitlichkeit: Entscheidungen reifen über Monate, Missverständnisse halten an, und Ereignisse gewinnen Gewicht durch saisonale Wiederkehr.

Insgesamt kommentiert Emma die Welt der Regency, indem es die moralische Ökonomie der Nachbarschaft freilegt. Austen kritisiert sanft, aber präzise Selbstzufriedenheit, soziale Schaulust und die Versuchung, Rang mit Recht zu verwechseln. Sie zeigt, wie Verantwortung – gegenüber Bediensteten, Bedürftigen, Freunden – das Maß wahrer Vornehmheit ist. Der Roman bestätigt gewisse Tugenden der Gentry-Kultur, fordert sie aber zugleich zur Selbstprüfung auf. So entsteht ein doppelter historischer Blick: eine detailgenaue Momentaufnahme der englischen Provinz um 1815 und eine nachhaltige Reflexion darüber, wie Gesellschaft sich durch Urteilskraft, Rücksicht und gerechte Ordnung erneuern kann.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Jane Austen (1775–1817) gilt als eine der prägenden englischen Romanautorinnen der späten georgianischen und Regency-Zeit. Mit scharfem Witz, präziser sozialer Beobachtung und innovativer Erzähltechnik, insbesondere dem freien indirekten Stil, gestaltete sie Romane der Sitten, die Fragen von Ehe, Eigentum, Moral und individueller Urteilskraft untersuchen. Ihre Werke verbinden Komik mit nüchterner Analyse gesellschaftlicher Konventionen und eröffnen einen realistischen Blick auf das Leben des Landadels. Obwohl sie zu Lebzeiten anonym veröffentlichte, erlangte sie anhaltende Reputation, und ihre sechs vollendeten Romane werden heute als zentrale Texte des englischen Kanons gelesen und breit rezipiert.

Ausgebildet wurde Austen teils zu Hause und teils in kleinen Schulen, ergänzt durch intensives Selbststudium in Bibliotheken und die Lektüre zeitgenössischer Periodika. Früh schrieb sie humorvolle Jugendarbeiten und experimentierte mit Formen wie dem Briefroman. Literarisch stand sie in der Tradition britischer Prosa des 18. Jahrhunderts; Einflüsse lassen sich bei Frances Burney, Samuel Richardson und Henry Fielding ebenso erkennen wie bei Ann Radcliffe und Maria Edgeworth. Theater, Predigten, Geschlechterdiskurse und Ratgeberliteratur prägten ihren Blick auf Konventionen. Diese breite, öffentlich dokumentierte Lesepraxis trug entscheidend dazu bei, Tonfall, Ironie und erzählerische Ökonomie ihres reifen Werks auszubilden.

In den 1790er-Jahren entstanden frühe Fassungen späterer Romane, darunter Elinor and Marianne sowie First Impressions, die sie später grundlegend überarbeitete. Ihren Debütroman veröffentlichte sie 1811 anonym als Sense and Sensibility, angekündigt „By a Lady“. Das Buch fand aufmerksame Leserinnen und Leser und wurde mehrfach aufgelegt. Austen verfeinerte dabei ihre Balance aus satirischer Beobachtung und moralischer Prüfung. Die Anonymität schützte ihre Privatsphäre und lenkte die Aufmerksamkeit auf Stoff und Form. Ihre Schreibpraxis umfasste sorgfältige Revisionen, genaue zeitliche Strukturierungen und dialoggetriebene Szenen, die gesellschaftliche Codes sichtbar machen, ohne sie didaktisch auszubuchstabieren, und so ein breites Publikum erreichten.

Mit Pride and Prejudice (1813) erreichte Austen frühe Berühmtheit; der Roman verband lebendige Konversation mit präziser Charakterzeichnung und wurde rasch bekannt. Es folgten Mansfield Park (1814) und Emma (1815), die ihren erzählerischen Radius und die Feinheit der Perspektivführung erweiterten. Die Romane kreisen um Besitz, Status, Erziehung und die Prüfung von Selbsttäuschungen, ohne das Alltägliche zu verlassen. Zeitgenössische Resonanz bescheinigte ihr Witz und Anmut; spätere Kritik hob die Meisterschaft der erlebten Rede hervor. Austen arbeitete mit Londoner Verlegern zusammen und nutzte die Marktdynamik ihrer Epoche, blieb jedoch der anonymen Veröffentlichungspraxis treu.

Zwei weitere Romane erschienen nach ihrem Tod: Northanger Abbey und Persuasion wurden 1818 veröffentlicht und zeigen unterschiedliche Register ihres Könnens, von der spielerischen Auseinandersetzung mit dem Schauerroman bis zu reifer Reflexion über Loyalität, Geduld und gesellschaftliche Erwartungen. Zu ihrem nachgelassenen Werk gehören zudem die frühe Novelle Lady Susan sowie die unvollendeten Romane The Watsons und Sanditon. Austen arbeitete bis zuletzt an Texten und Revisionen. Sie starb 1817 in Winchester nach einer Phase anhaltender Krankheit. Die posthume Herausgabe festigte ihren Rang und machte Entwicklungswege sichtbar, die durch ihr frühes Lebensende offen geblieben waren.

Austens Werk verbindet ethische Nüchternheit mit komödiantischer Präzision. Wiederkehrende Themen sind die Ökonomie der Ehe, Erbfolgen und Besitzbindungen, Bildungsideale, religiöse und soziale Pflichten sowie die Spannung zwischen Gefühl und Urteil. Ihre Romane zeigen, wie Sprache, Konversation und Missverständnisse Macht verteilen, und entwickeln ein stilles Plädoyer für Aufmerksamkeit, Selbstprüfung und Integrität. Dabei greift sie auf Traditionen der Aufklärung zurück und antizipiert zugleich Verfahren des späteren Realismus. Der freie indirekte Stil ermöglicht eine dichte, ironische Nähe zu Figuren, ohne autoritäre Kommentare; dadurch entstehen komplexe, vielstimmige Perspektiven auf Normen und Handlungsspielräume in alltäglichen Situationen.

Nach einer Phase stetiger, jedoch moderater Bekanntheit im 19. Jahrhundert wuchs Austens Ruhm, befeuert von enthusiastischen Leserinnen und Lesern, die später als „Janeites“ bezeichnet wurden. Im 20. Jahrhundert folgten maßgebliche wissenschaftliche Neubewertungen, und ihre Romane wurden zu Bezugspunkten für Debatten über Realismus, Geschlecht, Klasse und Erzähltechnik. Weltweite Übersetzungen, Verfilmungen und Bearbeitungen in unterschiedlichen Medien hielten ihr Werk präsent und versetzten seine sozialen Fragen in neue Kontexte. Heute gilt sie als Autorin bleibender Aktualität, deren präzise Darstellung von Moral und Kommunikation weiterhin Forschung inspiriert und ein breites Publikum anzieht und Debatten belebt.

Emma

Hauptinhaltsverzeichnis
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Kapitel XXXIII
Kapitel XXXIV
Kapitel XXXV
Kapitel XXXVI
Kapitel XXXVII
Kapitel XXXVIII
Kapitel XXXIX
Kapitel XL
Kapitel XLI
Kapitel XLII
Kapitel XLIII
Kapitel XLIV
Kapitel XLV
Kapitel XLVI
Kapitel XLVII
Kapitel XLVIII
Kapitel XLIX
Kapitel L
Kapitel LI
Kapitel LII
Kapitel LIII
Kapitel LIV
Kapitel LV

Kapitel I

Inhaltsverzeichnis

Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, im Besitz eines gemütlichen Heims sowie einer glücklichen Veranlagung, vereinigte sichtlich einige der besten Gaben des Lebens auf sich. Sie war schon fast einundzwanzig Jahre auf der Welt, ohne je wirklich Schweres oder Beunruhigendes erlebt zu haben[1q].

Sie war die jüngere der beiden Töchter eines sehr liebevollen und äußerst nachsichtigen Vaters. Schon lange, seit der Verheiratung ihrer Schwester, war sie die Frau des Hauses. Ihre Mutter war schon zu lange tot, als daß sie sich ihrer Zärtlichkeiten noch hätte erinnern können. An deren Stelle war eine vortreffliche Frau als Erzieherin getreten, die eine beinah mütterliche Zuneigung für sie empfand.

Miß Taylor gehörte nun schon seit sechzehn Jahren zu Mr. Woodhouses Familie, sie war weniger Erzieherin als Freundin, hing sehr an beiden Töchtern, besonders aber an Emma. Zwischen ihnen bestand eine eher schwesterliche Vertrautheit. Schon als Miß Taylor noch als Erzieherin wirkte, hatte sie es mit ihrem sanften Temperament selten gewagt, Verbote auszusprechen, aus der Respektsperson war längst eine Freundin geworden. Trotz der großen gegenseitigen Zuneigung tat Emma stets, was sie gerade wollte. Sie schätzte Miß Taylors Meinung zwar sehr, setzte aber meistens doch ihre eigene durch. Es war für Emma keineswegs von Vorteil, daß man ihr zuviel Handlungsfreiheit ließ. Außerdem neigte sie dazu, sich selbst zu überschätzen; negative Eigenschaften, die die Gefahr in sich bargen, sich ungünstig für sie auszuwirken. Gegenwärtig war diese Gefahr indessen noch so gering, daß man ihrer kaum gewahr wurde.

Eines bereitete ihr jetzt Kummer – wenn auch sozusagen positiver Natur – Miß Taylor heiratete. Dieser Verlust verursachte ihr die erste Betrübnis ihres Lebens. Am Hochzeitstag der geliebten Freundin saß Emma in traurige Gedanken versunken da und dachte darüber nach, wie es nun weitergehen solle. Nachdem die Hochzeit vorbei war und das Brautpaar sie verlassen hatte, waren Emma und ihr Vater allein zurückgeblieben, um gemeinsam zu speisen, ohne einen Dritten zu erwarten, der den Abend etwas unterhaltsamer gestaltet hätte. Ihr Vater zog sich wie üblich zu seinem Verdauungsschläfchen zurück, und sie konnte nichts weiter tun, als dasitzen und über ihren Verlust nachdenken.

Die Heirat bot ihrer Freundin die denkbar besten Möglichkeiten, denn Mr. Weston war nicht nur ein Mann von vortrefflichem Charakter, der außerdem das passende Alter und angenehme Manieren hatte und es war für sie eine innere Befriedigung, diese Verbindung in selbstloser und großzügiger Freundschaft herbeigewünscht und gefördert zu haben, aber es hatte sie viel Mühe gekostet. Sie würde Miß Taylors Abwesenheit jederzeit schmerzlich empfinden. Sie erinnerte sich ihrer Güte in früheren Tagen, der Liebe und Zuneigung von sechzehn Jahren, wie sie sie seit ihrem fünften Lebensjahr unterrichtet und mit ihr gespielt hatte, wie sie stets all ihre Kraft eingesetzt, um sie in gesunden Tagen für sich zu gewinnen und sie zu unterhalten und wie sie sie während ihrer verschiedenen Kinderkrankheiten gepflegt hatte. Sie war ihr dafür zu großem Dank verpflichtet, aber die Vertraulichkeit der letzten sieben Jahre, die Gleichstellung und völlige Offenheit, die sich nach Isabellas Heirat einstellte, nachdem sie sich selbst überlassen waren, enthielt für sie angenehme Erinnerungen, die ihr noch teurer waren. Sie war eine Freundin und Kameradin gewesen, wie es wenige gab, intelligent, gebildet, nützlich und sanft, sie kannte alle Gewohnheiten der Familie, nahm an all ihren Sorgen Anteil, besonders an den ihren, ebenso an ihren Vergnügungen, ihren Plänen, sie war ein Mensch, mit dem man immer offen sprechen konnte, wenn einen etwas bedrückte, und ihre Zuneigung war so blind, daß sie nie etwas zu tadeln fand.

Wie sollte sie diesen Wechsel ertragen? Sicherlich, ihre Freundin zog nur eine halbe Meile von ihnen weg, aber es war Emma klar, daß zwischen einer Mrs. Weston, die eine halbe Meile entfernt wohnte, und einer Miß Taylor im Hause ein großer Unterschied bestand; und Emma war trotz ihrer natürlichen und häuslichen Tugenden jetzt in großer Gefahr, geistig zu vereinsamen. Sie liebte ihren Vater zwar sehr, aber er war kein guter Kamerad. Er war ihr weder in ernster noch in leichter Unterhaltung gewachsen.

Der Nachteil des großen Altersunterschieds (Mr. Woodhouse hatte sehr spät geheiratet) wurde durch seine Konstitution und seine Gewohnheiten noch vergrößert; da er zeit seines Lebens ein Hypochonder[1] ohne jede körperliche und geistige Aktivität gewesen war, wirkte er dadurch viel älter, als er eigentlich war. Obwohl er allgemein wegen seiner Herzensfreundlichkeit und seines liebenswürdigen Naturells beliebt war, hätten diese Eigenschaften doch nicht ausgereicht, um die Menschen für ihn einzunehmen.

Obwohl ihre Schwester nach ihrer Verheiratung sich relativ nah in London, in einer Entfernung von sechzehn Meilen, niedergelassen hatte, war sie doch nicht täglich erreichbar; und man mußte auf Hartfield manch langweiligen Oktober‐ und Novembertag totschlagen, ehe Isabella an Weihnachten mit Mann und Kindern zu Besuch kam, die das Haus mit Leben erfüllten und Emma eine angenehme Gesellschaft waren.

Highbury, der große und belebte Ort, war schon beinah eine Stadt, trotz eigenem Namen, eigener Rasenflächen und Sträucher gehörte Hartfield eigentlich dazu, aber es bot ihr niemand Gleichgesinnten. Gesellschaftlich stand Familie Woodhouse dort an erster Stelle. Alle schauten zu ihr auf. Sie hatten im Ort zwar viele Bekannte, da ihr Vater zu allen höflich war, aber sie hätte nicht eine davon auch nur für einen Tag an Miß Taylors Stelle sehen mögen. Es war ein betrüblicher Wandel, und Emma blieb nichts weiter übrig, als zu seufzen und in müßigen Träumen zu schwelgen, bis ihr Vater wieder aufwachte, sie würde sich dann Mühe geben müssen, heiter und gelöst zu erscheinen.

Sie mußte versuchen, seine Stimmung zu heben. Er war ein nervöser und häufig deprimierter Mensch, der alle mochte, an die er gewöhnt war, und von denen er sich ungern trennte, da er jede Art von Veränderung ablehnte. Er empfand es stets als lästig, wenn eine Eheschließung eine solche Veränderung nach sich zog und hatte sich noch keineswegs mit der Heirat seiner eigenen Tochter abgefunden, konnte von ihr nicht ohne Mitgefühl sprechen, obwohl es eine ausgesprochene Liebesheirat gewesen war; nun wollte man ihn auch noch zwingen, sich von Miß Taylor und seinen sanft egoistischen Gewohnheiten zu trennen.Da er nie imstande gewesen war, sich in die Denkweise und Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen, neigte er sehr zu der Ansicht, Miß Taylor habe sich selbst und ihnen etwas Unverzeihliches angetan, und daß sie viel glücklicher geworden wäre, hätte sie den Rest ihres Lebens auf Hartfield verbracht. Um ihn von solch trübsinnigen Gedanken abzulenken, plauderte und lächelte Emma so unbefangen wie möglich, aber als der Tee serviert wurde, konnte er es nicht lassen, genau dasselbe wie während des Dinners zu sagen.

»Arme Miß Taylor – ich wünschte, sie wäre wieder hier.Schade, daß Mr. Weston je auf sie verfallen ist!«

»Sie wissen, Papa, daß ich Ihnen nicht zustimmen kann. Mr. Weston ist solch ein gutgelaunter, angenehmer und vortrefflicher Mann, der eine gute Frau durchaus verdient. Sie hätten Miß Taylor doch nicht ewig hier festhalten können und meinen exzentrischen Launen aussetzen, wenn sie ein eigenes Haus haben kann?«

»Ein eigenes Haus! – Worin besteht denn der Vorteil eines eigenen Hauses? Unseres ist dreimal so groß; – außerdem hast du niemals exzentrische Launen, meine Liebe.«

»Wie oft werden wir sie besuchen und sie werden zu uns kommen! – Wir werden uns immer wieder treffen! Wir müssen damit den Anfang machen, indem wir bald hingehen und ihnen einen Hochzeitsbesuch abstatten.«

»Meine Liebe, wie soll ich denn dorthin gelangen? Randalls ist so weit entfernt. Ich könnte nicht halb so weit gehen.«

»Wer redet denn davon, daß Sie zu Fuß gehen sollen, Papa. Wir werden natürlich den Wagen nehmen.«

»Den Wagen! Aber James wird den Wagen nicht gern für solch eine kurze Fahrt einspannen wollen; – und wo sollen die armen Pferde bleiben, während wir unseren Besuch machen?«

»Natürlich in Mr. Westons Stall, Papa. Sie wissen doch, daß wir das alles schon arrangiert haben. Wir haben es gestern abend mit ihm besprochen. Was James betrifft, geht er bestimmt immer gern nach Randalls, seit seine Tochter dort Hausmädchen ist. Ich bezweifle nur, daß er uns gern irgendwo anders hinfahren würde. Daran sind Sie schuld, Papa. Sie haben Hannah die gute Stellung verschafft. Niemand wäre auf sie gekommen, wenn Sie nicht ihren Namen genannt hätten. – James ist Ihnen sehr zu Dank verpflichtet!«

»Ich bin froh, daß ich an sie dachte. Es war ein Glück, denn es wäre mir unangenehm gewesen, wenn James sich von mir übergangen gefühlt hätte; und ich bin sicher, sie gibt eine gute Dienerin ab, sie ist ein höfliches Mädchen und weiß sich gut auszudrücken, ich halte viel von ihr. Wann immer ich sie sehe, macht sie stets einen anmutigen Knicks und erkundigt sich nach meinem Befinden, und wenn du sie zu Näharbeiten hier hast, stelle ich fest, daß sie die Tür vorsichtig schließt und nie zuknallt. Sie wird sicher eine ausgezeichnete Dienerin und die arme Miß Taylor wird froh sein, jemand um sich zu haben, an den sie gewöhnt ist. Weißt du, wann immer James hinübergeht, um seine Tochter zu besuchen, wird sie Neues über uns erfahren. Er wird ihr erzählen, wie es uns allen geht.«

Emma gab sich alle Mühe, ihn in dieser erfreulichen Stimmung zu halten und hoffte dabei, daß das Puffspiel ihren Vater leidlich über den Abend hinwegbringen und er sie nicht mehr mit seinen Kümmernissen behelligen werde. Der Tisch für das Puffspiel wurde zwar aufgestellt, aber da kurz darauf Besuch kam, wurde er nicht gebraucht. Mr. Knightley, ein verständiger Mann von sieben‐ oder achtunddreißig Jahren, war nicht nur ein alter und vertrauter Freund der Familie, als älterer Bruder von Isabellas Mann fühlte er sich mit ihnen besonders verbunden. Er wohnte ungefähr eine Meile von Highbury entfernt und war ein häufiger, stets willkommener Besucher. Diesmal war er ihnen noch willkommener, da er direkt von ihren gemeinsamen Verwandten aus London kam. Er war nach einer Abwesenheit von einigen Tagen zu einem späten Dinner zurückgekehrt und anschließend nach Hartfield herübergekommen, um zu berichten, daß in Brunswick Square[2] alles wohlauf sei. Es waren erfreuliche Nachrichten, die Mr. Woodhouse zunächst sehr anregten. Mr. Knightley hatte ein heiteres Wesen, das wohltuend auf ihn wirkte, und die Antworten auf seine Fragen nach der »armen Isabella« stellten ihn außerordentlich zufrieden. Mr. Woodhouse bemerkte darauf dankbar

»Es ist sehr freundlich von Ihnen, Mr. Knightley, uns noch zu solch später Stunde aufzusuchen. Ich befürchte, Sie hatten nicht gerade einen angenehmen Spaziergang.«

»Nichts weniger als das, Sir, es ist eine wundervolle Mondnacht und so mild, daß ich von Ihrem starken Feuer wegrücken muß.«

»Aber ist es nicht draußen sehr feucht und schmutzig? Hoffentlich erkälten Sie sich nicht.«

»Schmutzig, Sir! Schauen Sie sich meine Schuhe an, sie sind ganz sauber und trocken.«

»Nun, das wundert mich, denn wir hatten hier einen starken Regen, der eine halbe Stunde lang mit großer Heftigkeit niederging, während wir beim Frühstück saßen. Ich wollte schon vorschlagen, die Hochzeit zu verschieben.«

»Übrigens, ich habe Ihnen ja noch gar nicht gratuliert. Mir war nämlich klar, daß Sie es für sich durchaus nicht nur als Glück empfinden, weswegen ich mich mit meinen Glückwünschen nicht allzusehr beeilt habe. Hoffentlich ist alles soweit zufriedenstellend abgelaufen. Wie habt ihr euch alle benommen? Wer hat denn am meisten geweint?«

»Ach, natürlich die arme Miß Taylor! Sʹist eine traurige Angelegenheit.«

»Armer Mr. und arme Miß Woodhouse, bitte sehr, aber ich kann unmöglich ›arme Miß Taylor‹ sagen. Ich habe zwar vor Ihnen und Emma große Achtung, aber hier geht es um die Alternative: Abhängigkeit oder Unabhängigkeit. Es ist auf alle Fälle viel leichter, nur einen Menschen anstatt deren zwei zufriedenstellen zu müssen.«

»Besonders, wenn einer dieser beiden ein derart launisches und unerträgliches Geschöpf ist!« warf Emma fröhlich ein. »Ich weiß, daß es das ist, woran Sie denken und auch unverblümt aussprechen würden, wäre mein Vater nicht anwesend.«

»Meine Liebe, ich glaube, das trifft tatsächlich zu«, sagte Mr. Woodhouse seufzend. »Ich fürchte, ich bin manchmal wirklich sehr launenhaft und unerträglich.«

»Mein liebster Papa, Sie nehmen doch nicht etwa an, daß ich Sie damit gemeint habe, oder Mr. Knightley dies glauben machen wollte. Was für ein schrecklicher Gedanke! Oh nein, ich dachte dabei ausschließlich an mich selbst. Mr. Knightley hat, wie Sie wissen, an mir oft etwas auszusetzen, wenn auch nur im Scherz. Wir sagen einander immer, was uns gerade so einfällt.«

Mr. Knightley war tatsächlich einer der wenigen Menschen, die an Emma Woodhouse Fehler entdeckten, und auch der einzige, der mit ihr darüber sprach, und obwohl es für Emma selbst nicht gerade angenehm war, wußte sie genau, daß es ihren Vater noch härter treffen würde, hätte er eine Ahnung davon, daß sie durchaus nicht von allen für vollkommen gehalten wurde.

»Emma weiß, daß ich ihr nie schmeichle«, sagte Mr. Knightley, »aber ich wollte niemand Unrecht tun. Miß Taylor war daran gewöhnt, zwei Menschen zufriedenstellen zu müssen, während es jetzt nur noch einer ist. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie schon dadurch besser dran ist.«

»Nun«, sagte Emma, gewillt, es durchgehen zu lassen, »Sie möchten doch sicher etwas über die Hochzeit erfahren und ich werde Ihnen gern darüber berichten. Wir haben uns alle charmant benommen. Alle waren pünktlich zur Stelle, alle sahen vorteilhaft aus, es gab keine Tränen und keine langen Gesichter. Oh nein, wir wußten ja, daß wir nur eine halbe Meile voneinander entfernt leben würden und uns jeden Tag sehen könnten.«

»Meine gute Emma erträgt alles mit Fassung«, sagte ihr Vater.

»Aber, Mr. Knightley, es ist ihr doch sehr schmerzlich, die arme Miß Taylor zu verlieren, und sie wird sie in Zukunft sicherlich noch mehr vermissen, als ihr jetzt klar ist.«

Emma wandte das Gesicht ab und schwankte zwischen Lachen und Weinen.

»Es wäre undenkbar, daß Emma solch eine Gefährtin nicht missen sollte«, sagte Mr. Knightley. »Wir hätten sie nicht so gern, Sir, wenn wir dies annehmen müßten, aber sie versteht auch, wie willkommen ein eigenes Heim für Miß Taylor in ihrem Alter sein muß und wie wichtig eine ausreichende Versorgung für sie ist, Miß Taylor kann es sich infolgedessen nicht leisten, mehr Kummer als Freude zu empfinden. Alle ihre Freunde müssen sich darüber freuen, sie so glücklich verheiratet zu sehen.«

»Sie haben noch etwas vergessen, was für mich ein Grund zur Freude ist«, sagte Emma, »noch dazu ein sehr wichtiger – nämlich der, daß ich die Verbindung zustande gebracht habe. Sie müssen wissen, ich habe diese schon vor vier Jahren angebahnt und ihr Zustandekommen beweist, wie recht ich hatte, während noch viele Leute sagten, Mr. Weston würde nie wieder heiraten, das tröstet mich über alle Unannehmlichkeiten hinweg.«

Mr. Knightley konnte nur den Kopf schütteln. Ihr Vater erwiderte zärtlich: »Ach, meine Liebe, ich würde es vorziehen, du würdest keine Ehen stiften und Ereignisse vorhersagen, denn leider trifft das, was du sagst, immer zu. Bitte stifte keine weiteren Ehen.«

»Ich verspreche Ihnen, Papa, keine für mich selbst zu stiften, werde es aber stets gern für andere tun. Es bereitet so viel Vergnügen. Und dann noch nach diesem Erfolg, wissen Sie! Wo alle behaupteten, Mr. Weston würde nie wieder heiraten. Du liebe Zeit, nein! Mr. Weston, der schon so lange Witwer war und sich unbeweibt völlig wohl zu fühlen schien, der sich dauernd um seine Geschäfte in der Stadt oder seine Freunde kümmerte, der überall, wo er auch hinkam, gern gesehen und stets guter Laune war – Mr. Weston hätte es nicht nötig gehabt, auch nur einen einzigen Abend allein zu verbringen, wenn er es nicht gewollt hätte. Oh nein, Mr. Weston würde bestimmt nicht wieder heiraten. Einzelne erwähnten sogar ein Versprechen, das er seiner Frau am Sterbebett gegeben habe, und andere sprachen davon, sein Sohn und der Onkel würden es nicht zulassen. Manch höherer Unsinn wurde in der Sache geäußert, aber ich hielt nichts davon. Ich hatte an jenem Tag (vor etwa vier Jahren), als Miß Taylor und ich ihn in Broadway Lane trafen, und als er, da es zu nieseln angefangen hatte, so galant davonstürzte und sich von Farmer Mitchell für uns zwei Schirme auslieh, bereits meinen Entschluß gefaßt. Von da an plante ich die Verbindung, und da ich in diesem Fall so erfolgreich war, können Sie, lieber Papa, nicht von mir erwarten, daß ich das Ehestiften aufgebe.«

»Ich begreife nicht recht, was Sie unter ›Erfolg‹ verstehen«, sagte Mr. Knightley. »Erfolg setzt Anstrengung voraus. Sie haben Ihre Zeit zweckmäßig und taktvoll angewendet, wenn Sie sich in den vergangenen vier Jahren um diese Eheschließung bemüht haben. Durchaus eine Beschäftigung, die dem Geist einer jungen Dame angemessen ist. Wenn aber, wie ich es sehe, ihre sogenannte Ehestiftung darin besteht, daß Sie dieselbe lediglich planten, indem Sie sich eines müßigen Tages einredeten, ›ich glaube, es wäre für Miß Taylor vorteilhaft, wenn Mr. Weston sie heiraten würde‹, und Sie es sich immer wieder suggerierten – wieso sprechen Sie da von Erfolg? Worin besteht Ihr Verdienst? Was bilden Sie sich eigentlich ein? Sie hatten eine glückliche Vorahnung, das ist alles.«

»Und haben Sie nie erlebt, wieviel Freude und Genugtuung einem eine glückliche Vorahnung bereiten kann? Dann kann ich Sie nur bedauern. Ich hätte Sie für intelligenter gehalten. Sie können mir glauben, eine glückliche Vorahnung beruht nicht nur auf Glück. Es kommt immer auch etwas Begabung hinzu. Was mein unangebrachtes Wort ›Erfolg‹ betrifft, an dem Sie Anstoß zu nehmen scheinen, wüßte ich nicht, warum ich es für mich nicht beanspruchen sollte. Sie haben zwei nette Deutungen gegeben, aber ich glaube, da ist noch eine dritte – ein Zwischending von Alles‐Tun und Garnichts‐Tun. Hätte ich Mr. Westons Besuche hier im Hause nicht begünstigt, ihn ermutigt und kleine Schwierigkeiten ausgebügelt, dann wäre vielleicht trotzdem nichts dabei herausgekommen. Ich nehme an, Sie kennen Hartfield gut genug, um zu verstehen, was ich meine.«

»Man hätte es einem freimütigen, offenherzigen Mann wie Mr. Weston, und einer vernünftigen, natürlichen Frau wie Miß Taylor durchaus überlassen können, mit ihren eigenen Angelegenheiten fertig zu werden. Sie haben sich durch Ihre Einmischung möglicherweise mehr geschadet als ihnen genützt.«

»Emma denkt nie an sich selbst, wenn sie anderen nützlich sein kann«, erwiderte Mr. Woodhouse, der alles nur halb mitbekommen hatte. »Aber stifte bitte keine weiteren Ehen, meine Liebe, es sind überflüssige Dinge, die nur das Familienleben beeinträchtigen.«

»Nur noch eine, Papa; die von Mr. Elton. Du hast ihn doch gern; ich muß unbedingt eine Frau für ihn finden. Ich wüßte hier in Highbury keine, die zu ihm passen würde – er ist schon ein ganzes Jahr hier und hat sein Haus behaglich eingerichtet, es wäre doch schade, wenn er noch länger ledig bliebe, und als er heute ihre Hände ineinander legte, kam es mir so vor, als hätte er mit Blicken sagen wollen, er wäre gern an ihrer Stelle! Ich halte viel von Mr. Elton, und dies wäre die einzige Möglichkeit, ihm zu helfen.«

»Mr. Elton ist bestimmt ein sehr hübscher und anständiger junger Mann, und ich habe große Achtung vor ihm. Aber wenn du ihm eine Aufmerksamkeit erweisen willst, meine Liebe, dann lade ihn doch einmal ein, mit uns zu speisen. Das wäre das richtige. Ich nehme an, Mr. Knightley wird so freundlich sein, ihn abzuholen.«

»Jederzeit, Sir, mit dem größten Vergnügen«, sagte Mr. Knightley lachend. »Ich bin ganz Ihrer Meinung, daß dies der bessere Weg wäre. Laden Sie ihn zum Dinner ein, Emma, und setzen Sie ihm vom Fisch und Fleisch die besten Stücke vor, aber überlassen Sie es ihn, sich die passende Frau zu suchen. Verlassen Sie sich drauf, ein Mann von sechs‐ oder siebenundzwanzig Jahren kommt auch allein zurecht.«

Kapitel II

Inhaltsverzeichnis

Mr. Weston stammte aus Highbury, er war in einer angesehenen Familie geboren, die während der letzten zwei oder drei Generationen zu Rang und Besitz gekommen war. Er hatte eine gute Erziehung genossen, aber da es ihm schon früh im Leben gelungen war, zu einer bescheidenen Unabhängigkeit zu kommen, lagen ihm die einfacheren Berufe nicht mehr, denen seine Brüder nachgingen und es war für seinen aktiven, lebhaften Geist genau das richtige gewesen, in die neugegründete Bürgerwehr[3] der Grafschaft einzutreten. Captain Weston war allgemein beliebt; und als die Wechselfälle seines Militärlebens ihn mit Miß Churchill, aus bedeutender Yorkshire‐Familie, zusammenführten und diese sich in ihn verliebte, wunderte sich niemand darüber, außer ihrem Bruder und dessen Frau, die ihn nie gesehen hatten und so von Stolz und Wichtigtuerei erfüllt waren, daß sie die Verbindung übelnahmen.

Miß Churchill indessen, volljährig und im uneingeschränkten Besitz ihres Vermögens – obwohl dieses zu dem Familienbesitz in keinem Verhältnis stand – ließ sich von dieser Eheschließung nicht abbringen und die Hochzeit fand zur unendlichen Kränkung von Mr. und Mrs. Churchill statt, die sie mit angemessenem Anstand verstießen. Es war eine unpassende Verbindung, die nicht viel Glück brachte. Mrs. Weston hätte eigentlich mehr darin finden können, denn sie hatte einen Ehemann, dessen warmes Herz und freundliche Veranlagung ihn denken ließ, daß ihr für die große Gefälligkeit, in ihn verliebt zu sein, alles zustehe, aber obwohl sie irgendwie Geist hatte, war es nicht gerade der richtige. Sie hatte genügend Entschlußkraft bewiesen, ihren eigenen Willen gegen den ihres Bruders durchzusetzen, aber wiederum nicht genug, ihr unvernünftiges Bedauern ob ihres Bruders ebenso unvernünftigen Zorn zu unterdrücken oder den Luxus ihres früheren Heims zu vermissen. Sie lebten über ihre Verhältnisse, trotzdem war alles mit Enscombe nicht zu vergleichen; sie liebte ihren Mann zwar noch immer, aber sie wollte gleichzeitig Captain Westons Frau und Miß Churchill auf Enscombe sein.

Es erwies sich für Captain Weston, von dem alle, besonders die Churchills, annahmen, er sei eine hervorragende Verbindung eingegangen, daß er bei diesem Handel am allerschlechtesten weggekommen war; denn als seine Frau nach dreijähriger Ehe starb, war er eher ärmer als vorher und hatte noch für ein Kind zu sorgen. Man nahm ihm indessen diese Ausgaben bald ab. Der Junge war, mit dem zusätzlich mildernden Anspruch der langen Krankheit seiner Mutter, das Mittel zu einer Art von Versöhnung geworden; und da Mr. und Mrs. Churchill keine eigenen Kinder noch irgendein anderes junges Wesen hatten, für das sie hätten sorgen müssen, machten sie kurz nach dem Tode von Mrs. Weston das Angebot, den kleinen Frank ganz in ihre Obhut zu nehmen. Der verwitwete Vater mag vielleicht einige Skrupel gehabt und einiges Widerstreben empfunden haben, aber andere Erwägungen ließen ihn diese überwinden und das Kind wurde der Obhut und dem Reichtum der Churchills übergeben; er selbst brauchte sich nur noch um sein eigenes Wohlergehen zu kümmern und darnach zu trachten, seine Lage zu verbessern, so gut es ging.

Eine völlige Lebensumstellung wurde wünschenswert. Er trat aus der Bürgerwehr aus und beschäftigte sich mit Handel, da er Brüder hatte, die darin in London schon gut etabliert waren, was ihm einen vorteilhaften Start ermöglichte. Es war ein Unternehmen, das ihm gerade genug Arbeit brachte. Er hatte noch immer ein kleines Haus in Highbury, wo er fast alle seine freien Tage verbrachte; und so gingen die nächsten achtzehn oder zwanzig Jahre seines Lebens zwischen nützlicher Beschäftigung und den Zerstreuungen der Gesellschaft angenehm dahin. Er hatte in der Zwischenzeit genügend Vermögen erworben – ausreichend, um sich den Kauf eines kleinen Besitzes nahe Highbury zu ermöglichen, den er sich immer gewünscht hatte. Ausreichend, um selbst eine Frau wie Miß Taylor zu heiraten, die keine Aussteuer besaß und ganz nach den Neigungen seiner freundlichen und geselligen Veranlagung zu leben.

Es war jetzt schon einige Zeit her, seit Miß Taylor begonnen hatte, seine Pläne zu beeinflussen, aber es war nicht der tyrannische Einfluß, den Jugend auf Jugend ausübt, sein Entschluß, sich nicht niederzulassen, ehe er Randalls kaufen könne, war nicht erschüttert worden, und er hatte dem Verkauf dieses Besitzes lange entgegengesehen, aber er hatte mit diesem Objekt in Aussicht ständig weitergemacht, bis alles verwirklicht war. Er hatte ein Vermögen erworben, sein Haus gekauft, eine Frau gefunden und einen neuen Lebensabschnitt begonnen, der alle Möglichkeiten größeren Glücks barg, als jener, der hinter ihm lag. Er war nie unglücklich gewesen, selbst in seiner ersten Ehe hatte sein eigenes Temperament ihn davor bewahrt, aber erst die zweite sollte ihm zeigen, wie wunderbar eine urteilsfähige und wahrhaft liebende Frau sein kann und ihm den erfreulichsten Beweis dafür liefern, daß es wesentlich besser sei zu wählen, anstatt gewählt zu werden, Dankbarkeit zu erwecken anstatt sie zu empfinden. Er brauchte nur eine ihm genehme Wahl zu treffen, sein Vermögen gehörte ausschließlich ihm, denn was Frank betraf, war dieser stillschweigend als Erbe seines Onkels erzogen worden; es war eine offen anerkannte Adoption, und Frank sollte, wenn er mündig würde, den Namen Churchill annehmen.

Es war infolgedessen höchst unwahrscheinlich, daß er je die Unterstützung seines Vaters benötigen würde. Dieser machte sich deswegen auch keine Sorgen. Die Tante war eine launische Frau und beherrschte ihren Mann völlig; aber es lag nicht in Mr. Westons Naturell, sich vorzustellen, daß eine Laune stark genug sein könnte, um jemand, der so geliebt wurde und der, wie er annahm, auch verdiente, geliebt zu werden, zu beeinflussen. Er sah seinen Sohn jedes Jahr in London und war stolz auf ihn; und diese liebevolle Beschreibung von ihm als einem ausgezeichneten jungen Mann ließ auch Highbury irgendwie stolz auf ihn sein. Er wurde als genügend zum Ort gehörig betrachtet, um seine Eigenschaften und Aussichten zu einer Sache von allgemeiner Anteilnahme zu machen. Mr. Frank Churchill war der Stolz von Highbury, und alle waren außerordentlich neugierig darauf, ihn zu sehen, obwohl das Kompliment so wenig erwidert wurde, daß er in seinem ganzen Leben noch nie dort gewesen war. Man sprach zwar oft davon, daß er kommen und seinen Vater besuchen würde, aber es wurde nie Wirklichkeit.

Jetzt, nach der Heirat seines Vaters, nahm man allgemein an, der Besuch solle als gebührende Aufmerksamkeit stattfinden. Es gab in der ganzen Stadt darüber keine abweichende Meinung, weder als Mrs. Perry mit Mrs. und Miß Bates Tee trank, noch als diese den Besuch erwiderten. Nun war es für Frank Churchill an der Zeit, sich bei ihnen sehen zu lassen, und die Hoffnung nahm zu, als man hörte, er habe seiner neuen Mutter in der Angelegenheit geschrieben. Für ein paar Tage wurde der nette Brief, den Mrs. Weston erhalten hatte, in jeder Vormittagsvisite erwähnt. »Ich nehme an, Sie haben von dem netten Brief gehört, den Mr. Frank Churchill an Mrs. Weston geschrieben hat? Ich glaube, es war wirklich ein netter Brief. Mr. Woodhouse erzählte mir davon. Er hat den Brief gesehen und er sagt, er habe nie in seinem Leben einen netteren Brief gesehen.«

Es war wirklich ein höchst geschätzter Brief. Mrs. Weston hatte sich natürlich von dem jungen Mann sehr vorteilhafte Vorstellungen gemacht; und solch freundliche Aufmerksamkeit war ein unwiderleglicher Beweis für seinen ausgeprägten gesunden Menschenverstand und ein höchstwillkommener Beitrag zu all den Glückwunschäußerungen, die ihre Heirat ihr schon beschert hatte. Sie hatte das Gefühl, eine sehr glückliche Frau zu sein, und sie lebte schon lange genug, um zu wissen, daß man sie mit Recht glücklich schätzen könne. Ihr einziger Kummer war die teilweise Trennung von Freunden, deren Freundschaft für sie sich nie abgekühlt hatte und für die es nicht leicht gewesen war, sich von ihr trennen zu müssen.

Sie wußte, daß man sie zuweilen vermißte, und konnte nicht ohne Schmerz daran denken, Emma könnte auch nur ein einziges Vergnügen versäumen oder sich auch nur eine Stunde langweilen, weil ihre Gesellschaft ihr abging; aber die gute Emma hatte keinen schwachen Charakter und war der Lage besser gewachsen, als die meisten Mädchen es gewesen wären. Sie hatte gesunden Menschenverstand, Energie und Auftrieb, weshalb man hoffen konnte, daß sie gut und glücklich über die kleinen Schwierigkeiten und Entbehrungen hinwegkommen würde. Und dann lag auch eine Beruhigung in der geringen Entfernung Randalls von Hartfield, bequem selbst für allein spazierengehende weibliche Wesen und in Mr. Westons Charakter und Verhältnissen, wo auch die herannahende Jahreszeit kein Hindernis sein würde, die Hälfte der Abende in der Woche gemeinsam zu verbringen.

Mrs. Weston betrachtete ihre ganze Lebenssituation mit Dankbarkeit, die nur für Augenblicke Bedauern aufkommen ließ. Ihre Zufriedenheit – eine Zufriedenheit, die das übliche Maß überstieg – die Freude über ihren Besitz war so offenbar, daß Emma, obwohl sie ihren Vater zu kennen glaubte, sich manchmal darüber wunderte, daß er die »arme Miß Taylor« noch immer bedauerte, wenn sie sie auf Randalls inmitten jeglichen häuslichen Komforts verließen, oder wenn sie sie am Abend weggehen sahen, von einem aufmerksamen Ehemann zur eigenen Kutsche geleitet. Aber sie ging niemals, ohne daß Mr. Woodhouse leise seufzte und sagte:

»Ach, die arme Miß Taylor! Sie wäre so froh, wenn sie bleiben könnte.«

Sie würden weder Miß Taylor zurückgewinnen, noch bestand Aussicht, daß das Bemitleiden aufhören würde; aber einige Wochen brachten Mr. Woodhouse doch eine gewisse Erleichterung. Die Glückwünsche der Nachbarn hatten aufgehört, er wurde nicht mehr länger mit Gratulationen zu diesem traurigen Ereignis belästigt; und der Hochzeitskuchen, der ihm so viele Qualen bereitet hatte, war gänzlich verzehrt worden. Sein eigener Magen konnte nichts Schweres vertragen, und er vermochte sich nie vorzustellen, daß andere Leute anders seien als er. Was ihm nicht bekam, das betrachtete er auch für andere als ungeeignet; und er hatte ihnen deshalb ernsthaft ausreden wollen, überhaupt von dem Hochzeitskuchen zu nehmen; und als sich dies als vergeblich erwies, ebenso ernsthaft versucht zu verhindern, daß jemand davon aß. Er hatte sich sogar die Mühe gemacht, Mr. Perry, den Apotheker, deshalb zu konsultieren. Mr. Perry war ein intelligenter Mann von guter Erziehung, und seine Besuche waren eine der Annehmlichkeiten in Mr. Woodhouses Leben; als er gefragt wurde, mußte er (allerdings, so schien es, sehr gegen seine innere Neigung) bestätigen, daß Hochzeitskuchen sicherlich vielen nicht bekomme – vielleicht den allermeisten, wenn man ihn nicht mit Maß genieße. Mit dieser Meinung, die seine eigene bestätigte, hoffte Mr. Woodhouse jeden Besucher des jungverheirateten Paares beeinflussen zu können; aber der Kuchen wurde dennoch gegessen und es gab für seine wohlwollenden Nerven keine Ruhe, ehe er nicht verschwunden war.

Es ging ein Gerücht in Highbury um, man habe all die kleinen Perrys mit einem Stück von Mrs. Westons Hochzeitskuchen in der Hand gesehen; aber Mr. Woodhouse wollte es nicht glauben.

Kapitel III

Inhaltsverzeichnis

Mr. Woodhouse hatte auf seine Art gern Gesellschaft. Er liebte es, wenn seine Freunde ihn besuchen kamen; und er konnte aus verschiedenen Gründen, wegen seiner langen Anwesenheit in Hartfield, seiner Gutmütigkeit, seinem Vermögen und seiner Tochter, die Besuche seines kleinen Freundeskreises weitgehend so steuern, wie es ihm paßte. Er hatte mit Familien außerhalb dieses Kreises wenig Verkehr; sein Grauen vor langem Aufbleiben und großen Dinner‐Einladungen ließen nur solche Bekanntschaften zu, die ihn entsprechend seinen eigenen Bedingungen besuchten. Glücklicherweise wohnten viele von ihnen in Highbury, das Randalls im gleichen Pfarrbezirk und Donwell Abbey, den Sitz Mr. Knightleys im angrenzenden Pfarrbezirk einschloß. Manchmal, wenn Emma ihn dazu überreden konnte, hatte er einige der Auserwählten und Besten zum Dinner bei sich; aber im allgemeinen zog er Abendeinladungen vor; und wenn er sich nicht gerade für Gesellschaft ungeeignet fühlte, gab es in der Woche kaum einen Abend, an dem Emma nicht den Kartentisch für ihn aufstellen konnte.

Echte Freundschaft von langer Dauer brachte die Westons und Mr. Knightley ins Haus und bei Mr. Elton, einem Junggesellen wider Willen, bestand kaum die Gefahr, daß er das Vorrecht verschmähte, einen trostlosen, einsam verbrachten Abend gegen die Eleganz und Gesellschaft des Woodhouseschen Empfangszimmers und das Lächeln der hübschen Tochter einzutauschen. Nach diesen Gästen kam eine zweite Garnitur; von denen Mrs. und Miß Bates sowie Mrs. Goddard am leichtesten erreichbar waren; drei Damen, die zu einem Besuch in Hartfield jederzeit bereit waren, die so oft abgeholt und wieder nach Hause gebracht wurden, wie Mr. Woodhouse glaubte, es den Pferden und James zumuten zu können. Es wäre indessen eine Kränkung gewesen, wenn dies nur einmal im Jahr stattgefunden hätte.

Mrs. Bates, die Witwe eines früheren Vikars von Highbury, war eine sehr alte Dame, die außer über Teetrinken und ein Spiel Quadrille[4] über alles hinaus war. Sie lebte mit ihrer einzigen Tochter in äußerst bescheidenen Verhältnissen, sie wurde mit all der Rücksicht und dem Respekt behandelt, den eine harmlose alte Dame deren Lebensumstände ungünstig sind, erwarten konnte. Für eine Frau, die weder jung, noch hübsch, noch reich, noch verheiratet war, erfreute sich ihre Tochter einer außerordentlichen Beliebtheit. Dadurch, daß sie so hoch in der öffentlichen Gunst stand, befand sich Miß Bates in denkbar mißlicher Lage; und sie besaß nicht die geistige Überlegenheit, mit sich selbst fertig zu werden, oder denen, die sie nicht mochten, wenigstens äußerlich Respekt abzunötigen. Sie hatte sich nie der Schönheit oder Klugheit rühmen können. Ihre Jugend war unauffällig verlaufen und ihre mittleren Lebensjahre waren der Pflege einer kränkelnden Mutter und dem Bestreben gewidmet, ihr kleines Einkommen so weit als möglich zu strecken. Dennoch war sie eine glückliche Frau, von der noch dazu niemand ohne Wohlwollen sprach. Dieses Wunder wurde durch ihre allumfassende Freundlichkeit und ihr zufriedenes Gemüt bewirkt. Jedermann hatte sie gern, sie war an jedermanns Glück interessiert, erkannte schnell die Vorzüge eines Menschen, hielt sich selbst für das glücklichste Geschöpf, das von den Wohltaten des Lebens, wie einer vortrefflichen Mutter und vielen guten Nachbarn und Freunden umgeben war, sie besaß ein Heim, in dem es an nichts fehlte. Die Einfachheit und Fröhlichkeit ihres Naturells ließen sie jedermann angenehm erscheinen und waren für sie eine Quelle des Glücks. Sie konnte auch über kleine Dinge viel erzählen, was für Mr. Woodhouse genau das Richtige war, und sie war stets voll trivialer Gedanken und harmlosen Klatsches.

Mrs. Goddard war Leiterin einer Schule – nicht eines Seminars oder einer Anstalt oder sonst etwas, das in langen Sätzen gehobenen Unsinns behauptete, fortschrittliche Errungenschaften mit eleganter Tugendhaftigkeit, mit neuen Grundsätzen und neuen Systemen zu verbinden – wo junge Damen für horrende Summen aus der Gesundheit in die Eitelkeit gedrängt werden; sondern eines richtigen, ehrlichen, altmodischen Internats, wo vernünftige Leistungen zu einem ebensolchen Preis geboten werden und wohin man Mädchen schickt, damit sie aus dem Wege sind und sich ein bißchen Bildung zusammenkratzen, ohne Gefahr zu laufen, als Wunderkinder nach Hause zurückzukehren. Mrs. Goddards Schule hatte den besten Ruf und verdiente ihn auch; denn Highbury galt als besonders gesunder Ort; sie besaß ein weiträumiges Haus mit Garten, gab den Kindern reichlich und nahrhaft zu essen, ließ sie im Sommer viel herumlaufen und behandelte im Winter eigenhändig ihre Frostbeulen. Es war deshalb kein Wunder, daß jetzt ein Gefolge von zwanzig jungen Mädchenpaaren ihr zur Kirche folgte. Sie war eine schlichte, mütterliche Frau, die in ihrer Jugend hart gearbeitet hatte und die deshalb jetzt ein Recht darauf zu haben glaubte, sich bei einer gelegentlichen Teevisite zu erholen, und da sie von früher Mr. Woodhouses Freundlichkeit viel schuldete, fühlte sie sich dazu verpflichtet, ihr gepflegtes, ringsum mit feinen Handarbeiten garniertes Wohnzimmer verlassen zu müssen, um am Kamin einige Sixpence‐Stücke zu gewinnen oder zu verlieren.

Es waren diese Damen, die Emma am leichtesten zusammenbringen konnte, und sie freute sich für ihren Vater, daß dies in ihrer Macht stand, obwohl es für sie selbst kein Gegenmittel für die Abwesenheit Mrs. Westons war. Sie war entzückt, wenn ihr Vater zufrieden aussah, und freute sich, derartiges so gut arrangieren zu können, aber das langweilige Geschwätz dieser drei Frauen ließ sie empfinden, jeder so verbrachte Abend sei genau das, was sie voll Furcht vorausgeahnt hatte.