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In 'Emma', einem der bekanntesten Werke von Jane Austen, entfaltet sich die Geschichte um die eigensinnige und charmante Protagonistin Emma Woodhouse, die sich als Heiratsvermittlerin ihrer Freunde versucht. Austen nutzt ihren charakteristischen, scharfzüngigen Stil, um die gesellschaftlichen Konventionen des frühviktorianischen Englands zu hinterfragen und die Komplexität menschlicher Beziehungen zu erkunden. Der Roman ist ein Meisterwerk der Ironie und des sozialen Kommentars, das die Fallstricke der Selbstüberschätzung und die Missverständnisse der Liebe auf witzige und zugleich tiefgründige Weise beleuchtet. Die präzisen Dialoge und die lebendige Schilderung der Charaktere machen 'Emma' zu einer zeitlosen Erzählung über Eitelkeit, Bildung und persönliche Entwicklung. Jane Austen, geboren 1775 in Steventon, England, entstammt einer gebildeten Familie, die ihre literarischen Ambitionen förderte. Ihre Erfahrungen in den oberen Schichten der englischen Gesellschaft und ihr scharfer Blick für menschliche Schwächen prägten ihr schriftstellerisches Werk. 'Emma', veröffentlicht im Jahr 1815, spiegelt Austens eigenen rechtlichen und sozialen Ansichten wider und zeigt, wie ihre Heldinnen oft gegen gesellschaftliche Erwartungshaltungen ankämpfen und gleichzeitig persönliche Erfüllung suchen. 'Emma' ist nicht nur eine amüsante Gesellschaftssatire, sondern auch ein aufschlussreicher, psychologischer Einblick in die Irrtümer und das Wachstum einer jungen Frau. Leser, die sich für komplexe Charaktere und feinsinnigen Humor interessieren, werden in dieser ergreifenden Erzählung von Austen auf eine anregende und unterhaltsame Reise mitgenommen. Wer die zeitlose Qualität der Beziehungen und den scharfen Verstand einer der größten Autorinnen der Literaturgeschichte schätzt, sollte dieses Buch unbedingt lesen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein Schachbrett aus Tee, Tanz und Blicken, auf dem eine junge Frau die Züge der Herzen plant. In dieser einprägsamen Konstellation bündelt sich das Versprechen und die Gefahr von Emma: Der Wunsch, Ordnung in Gefühle zu bringen, kollidiert mit der Eigenwilligkeit des Lebens. Das beschauliche Highbury scheint ein überschaubarer Garten, doch unter seinen Hecken rauschen Ambitionen, Regeln und Sehnsüchte. Hier setzt Jane Austen ein, um die Kunst der Selbsttäuschung ebenso wie den langsamen Gewinn an Selbsterkenntnis zu zeigen. Der erste Eindruck glänzt, die Nuancen verbergen sich im Schatten. Wer hier arrangiert, lernt bald, dass jedes Arrangement eine Prüfung des eigenen Herzens ist.
Als Klassiker gilt dieses Buch, weil es Witz mit psychologischer Genauigkeit verbindet und die Gesellschaftskomödie zu einer Studie moralischer Bildung vertieft. Austen verfeinert das erzählerische Instrumentarium des englischen Romans, insbesondere die indirekte freie Rede, und prägt damit spätere Formen des realistischen und psychologischen Erzählens. Die Balance aus Leichtigkeit und Strenge, aus Humor und scharfem Blick, hat Generationen von Lesenden und Schreibenden beeinflusst. Emma zeigt, wie literarische Kunst aus vermeintlich kleinem Stoff große Fragen destilliert: Was heißt Urteilen? Woran misst sich Charakter? Wie formen Konvention und Sprache unsere Wahrnehmung? Diese Vielschichtigkeit verleiht dem Werk seine dauerhafte literaturgeschichtliche Bedeutung.
Emma stammt von Jane Austen und erschien 1815 in London. Der Roman spielt im ländlichen Highbury des frühen 19. Jahrhunderts und kreist um eine junge, wohlhabende Frau, die sich der Ehelosigkeit versichert und zugleich Freude am Zusammenführen anderer findet. Ihre guten Absichten geraten an die Grenzen von Standesregeln, Selbstüberschätzung und Zufall. Ohne große äußere Dramen entfaltet das Buch die Spannungen eines Dorflebens, in dem jeder Besuch, jeder Ball, jede Bemerkung zählt. Die Absicht ist erkennbar: eine Sittenkomödie, die zugleich eine Schule der Aufmerksamkeit ist und die Lesenden zu Mitbeobachtenden einer feinen, oft trügerischen sozialen Choreografie macht.
Austen entwirft bewusst eine Heldin, deren Fehler zum Prüfstein der Lektüre werden. Emma ist gebildet, klug und privilegiert, doch ihr Urteil ist nicht unfehlbar. Durch diese Reibung zwischen Talent und Irrtum richtet der Roman den Fokus auf das langsame Reifen eines Bewusstseins. Nicht spektakuläre Enthüllungen, sondern die Veränderung der Wahrnehmung erzeugt Spannung. Das Erzählen lädt dazu ein, eigene Erwartungen zu prüfen: Welche Indizien übersehen wir? Welche Vorannahmen steuern unser Deuten? So wird das Buch zu einem Experiment über Perspektive und Empathie, das Lesende in die Verantwortung nimmt, ihre Schlüsse stets neu zu kalibrieren.
Der Schauplatz ist ein fein umrissenes soziales Gefüge: Gutshäuser, Pfarrhaus, Laden, Landstraße. Hier regieren Etikette und Ökonomie, Besitz und Abhängigkeit, Besuchslisten und Tanzkarten. In diesem Rahmen gewinnt jedes Detail Gewicht – ein Blumenstrauß, eine Einladung, ein Spaziergang. Austens Blick für die Mechanik von Rang und Anstand ist unbestechlich, doch nie herzlos. Sie zeigt, wie Freundlichkeit zur Währung, Aufmerksamkeit zur Pflicht und Schweigen zur Mitteilung wird. Der enge Raum erzeugt nicht Enge der Darstellung, sondern Präzision: Ein Mikrokosmos, der die großen Fragen sozialer Zugehörigkeit und moralischer Verantwortung in kondensierter Form sichtbar macht.
Erzählerisch besticht Emma durch die Kunst, Nähe und Distanz zu verschränken. Die indirekte freie Rede lässt uns an Emmas Wahrnehmung teilhaben, ohne sie kritiklos zu übernehmen. Was sicher scheint, erweist sich als Hypothese; was beiläufig wirkt, erhält rückwirkend Bedeutung. Komik entsteht aus Differenzen zwischen Wissen und Meinen, Ironie aus leicht verschobenen Blickwinkeln. Diese Technik hat das Verständnis innerer Rede im Roman nachhaltig geprägt. Sie fordert aufmerksames Lesen: Signale sind leise, Andeutungen entscheidend, Pausen beredt. So entsteht ein Spannungsbogen, der nicht auf Wendungen, sondern auf die klärende Kraft genauer Beobachtung setzt.
Die Figuren bilden ein Ensemble, das Vielfalt und Kontrast entfaltet. Emma Woodhouse steht im Mittelpunkt, umgeben von einem ängstlichen Vater, vernünftigen Freunden, gutgläubigen Bekannten und stillen Gegenbildern. Gesprächige Nachbarinnen, pflichtbewusste Geistliche, zurückhaltende junge Frauen und charmante Besucher bereichern die Bühne. Jede Gestalt bringt eine Tonlage, ein Tempo, eine Art des Sehens mit. Gerade darin liegt die Kunst: Niemand ist nur Typus, alle sind durch Nuancen menschlich. Ihre Stimmen reiben sich aneinander, entlarven Höflichkeiten, stiften Missverständnisse und eröffnen Lernräume. Der Roman lebt von dieser Polyphonie, die Klang und Konflikt zugleich erzeugt.
Thematisch kreist Emma um Selbstkenntnis, gesellschaftliche Verantwortung und die Ethik der Aufmerksamkeit. Imagination ist hier eine Kraft der Verbindung und der Verblendung zugleich. Standesgrenzen strukturieren Erwartungen, doch Freundschaft und Rücksicht nehmen sie in die Zange. Sprache wirkt als Werkzeug des Taktgefühls, manchmal als Schleier. Wohltätigkeit, Gastfreundschaft, Bildung – all dies erscheint als Pflicht und Probe. Die Frage, wem man zuhört und wen man übersieht, zieht sich leitmotivisch durch das Buch. So wird aus der Liebes- und Gesellschaftskomödie eine Reflexion über Urteilskraft: zu erkennen, was vor Augen liegt, und zu achten, was leicht übersehen wird.
Austens Stil verbindet Leichtigkeit mit Präzision. Ihre Ironie ist scharf, aber nicht verletzend; ihr Humor entspringt Charakter und Situation, nicht bloßem Spott. Viele der stärksten Szenen bestehen aus Gesprächen, deren Rhythmus das Unsagbare hörbar macht. Gesten, Pausen, Höflichkeitsformeln tragen Bedeutung. Die Prosa ist ökonomisch, doch die Beobachtung großzügig. Das Ergebnis ist ein leuchtendes Gleichmaß von Form und Inhalt: Eine Welt, in der das Alltägliche die Bühne großer moralischer Momente wird. Diese ästhetische Disziplin erklärt, warum der Roman immer wieder neu gelesen werden kann, ohne seine Spannung zu verlieren.
Seit dem 19. Jahrhundert wird Emma ununterbrochen gelesen, diskutiert und adaptiert. Der Roman hat Kritikerinnen, Kritiker und Autorinnen, Autoren beschäftigt, weil er Fragen der Erzählperspektive, der Komik und der sozialen Analyse exemplarisch bündelt. Er hat zahlreiche Bearbeitungen in Theater, Film und anderen Medien inspiriert und so seine Themen in wechselnde Zeiten getragen. Für die Literaturwissenschaft ist er ein Referenztext, wenn es um innere Rede, unzuverlässige Wahrnehmung und die Dynamik kleiner Gemeinschaften geht. Diese kontinuierliche Wirkung bestätigt seinen Rang als Werk, das zugleich formprägend und unerschöpflich interpretierbar bleibt.
Für heutige Lesende wirkt Emma vertraut, weil es Missverständnisse, Projektionen und soziale Rollen zeigt, die über Epochen hinausreichen. Es geht um die Verantwortung gegenüber anderen und sich selbst, um die Grenzen von Intuition und den Wert prüfender Reflexion. Fragen nach Privileg, Fürsorge und gesellschaftlicher Teilhabe erhalten in dieser Erzählwelt konkrete Form. Dabei bleibt der Ton beschwingt genug, um zu verlocken, und ernst genug, um zu verpflichten. Das Buch bietet die Freude einer klugen Komödie und die Strenge eines moralischen Experiments – eine seltene Verbindung, die Aufmerksamkeit belohnt und Urteile verfeinert.
Am Ende steht ein Werk, das seine Lesenden nicht nur unterhält, sondern schult: im Sehen, Hören und Werten. Emma vereint die Kunst der feinen Beobachtung mit der Hoffnung auf menschliche Besserung. Es zeigt, wie leicht man sich in Bildern vom Anderen verirrt – und wie viel Geduld, Humor und Güte nötig sind, um den klaren Blick zu gewinnen. Darin liegt seine bleibende Relevanz: Es fordert zu Respekt, Selbstkritik und Empathie auf, ohne die Lust am Erzählen zu dämpfen. So bleibt dieser Roman ein lebendiger Klassiker, dessen Anziehungskraft aus Genauigkeit, Menschlichkeit und heiterer Weisheit erwächst.
Emma Woodhouse wächst als wohlhabende, kluge junge Frau in Hartfield nahe Highbury auf. Nach der Heirat ihrer ehemaligen Gouvernante mit einem angesehenen Nachbarn fühlt sie sich bestätigt, ein Talent fürs Zusammenführen von Paaren zu besitzen. Ihr verwitweter Vater ist ängstlich und häuslich, der befreundete Gutsherr Mr Knightley skeptisch gegenüber Emmas selbstsicherer Einmischung. In der überschaubaren Gemeinschaft gelten Anstand, Rang und Besuche als verbindliche Regeln. Emma, an gesellschaftliche Führung gewöhnt, nimmt sich vor, dem sozialen Gefüge nützlich zu sein. Ihre Beobachtungsgabe ist groß, doch sie vertraut auf Eindrücke und Andeutungen, was sie zu Bewertungen verleitet, die andere als kühl oder voreilig empfinden könnten.
Emma freundet sich mit Harriet Smith an, einer gutmütigen, wenig weltkundigen Schülerin aus bescheidenem Hintergrund. Emma sieht in ihr ein Projekt und möchte sie gesellschaftlich fördern. Als ein tüchtiger Landwirt um Harriets Hand anhält, überredet Emma die junge Frau, höhere Erwartungen zu hegen. In ihrer Vorstellung wäre der örtliche Pfarrer eine passendere Verbindung, und sie deutet auf vermeintliche Zeichen seiner Zuneigung. Mr Knightley warnt vor Einmischung und vor dem Risiko, Hoffnung ohne Grundlage zu wecken. Harriet vertraut Emmas Urteil. In Highbury kursieren bald kleine Gerüchte, Blicke werden interpretiert, und beiläufige Höflichkeiten erhalten das Gewicht von Versprechen, die niemand ausdrücklich gegeben hat.
Die Unklarheiten verdichten sich während winterlicher Besuche und einer abendlichen Heimfahrt. Der Pfarrer, den Emma für Harriet vorgesehen hat, bekennt überraschend Emma selbst seine Absichten. Ihre Verblüffung zeigt die Kluft zwischen Beobachtung und Wirklichkeit. Nach einer höflichen Zurückweisung reist er ab und kehrt bald mit einer lebhaften Ehefrau zurück, die sich rasch als tonangebend geriert. Für Harriet ist dies eine Kränkung, für Emma ein erster ernster Hinweis auf die Folgen ihrer Deutungen. In der Dorfgemeinschaft verschieben sich Akzente: neue Allianzen entstehen, alte Bekanntschaften werden reservierter, und höfliche Formen verdecken Verletzungen, die nur langsam wieder abklingen.
Mit dem Frühling treten zwei Gestalten ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Frank Churchill, der charmante Sohn eines Nachbarn, und Jane Fairfax, die begabte Nichte einer geachteten, aber mittellosen Familie. Beide beleben Highburys Unterhaltung. Ein unerwartetes Instrument sorgt für Gesprächsstoff, musikalische Abende und stillen Vergleich. Frank zeigt sich aufmerksam und spielerisch, Jane zurückhaltend und pflichtbewusst. Zwischen Andeutungen, Ausflüchten und kleinen, scheinbar belanglosen Episoden entstehen Erwartungen. Emma fühlt sich kokett herausgefordert, ohne ernsthafte Absicht, und sie deutet in Janes Verhalten eine verborgene Geschichte. Die Ankunft einer ehrgeizigen Besucherin verstärkt Rivalitäten um Einfluss, Einladungen und die Deutung der feinen Signale des Anstands.
Gesellige Höhepunkte strukturieren die Saison: Einladungen der wohlhabenden Nachbarn, ein Ball im Gasthof, Spaziergänge und Begegnungen auf Wegen und in Salons. Kleine Aufmerksamkeiten werden als Zeichen gelesen. Ein Tanz gibt übersehene Personen Ansehen, eine galante Rettung hebt eine andere in den Mittelpunkt. Harriet richtet ihre Hoffnungen nun in eine neue Richtung, die Emma nur allzu gern bestätigt, ohne die Tragweite zu prüfen. Frank setzt seine leichte Verbindlichkeit fort, während Jane unter Beobachtung steht. Mr Knightley behält Abstand und Klarheit. Das Geflecht aus Gefälligkeiten, Lobsprüchen und höflichen Andeutungen wird dichter, und Irrtümer werden durch Höflichkeit nicht gemildert, sondern verlängert.
Ein sommerlicher Ausflug bringt die zentrale moralische Probe. In unbedachter Laune verletzt Emma mit einer spitzen Bemerkung eine ältere Bekannte, deren bescheidene Lage allgemeinen Respekt verlangt. Die anschließende deutliche Rüge eines vertrauten Freundes trifft sie, weil sie die Distanz zwischen Selbstbild und Wirkung offenlegt. Emma sucht sogleich Wiedergutmachung und besucht die Zurückgesetzten mit rückhaltloser Aufmerksamkeit. Zugleich setzt sich das Spiel der Anspielungen fort: Frank wirkt unbeständig, Jane wirkt belastet, gesellschaftliche Pläne geraten ins Stocken. Familienpflichten rufen einzelne fort, andere werden durch pikierte Befindlichkeiten gebunden. Unter der Oberfläche wächst das Bedürfnis nach Klarheit, das höfliche Formen nur begrenzt stillen.
Eine Nachricht aus der Ferne löst Umbrüche aus, die lange angestaute Wahrheiten freilegen. Eine zuvor verborgene Bindung wird öffentlich, und die Gemeinde prüft ihr Urteil über frühere Auftritte neu. Für Emma entsteht daraus eine doppelte Einsicht: Sie erkennt die Grenzen ihrer Deutungskunst und wird der eigenen Regungen gewahr, die sie bislang übersehen hatte. Harriet vertraut ihr eine Neigung an, die Emma überrascht und beunruhigt, weil sie Folgen für Freundschaften und Rang haben könnte. Rücksichten auf den empfindsamen Vater, Rückfragen an die eigene Redlichkeit und das Streben nach Fairness bilden nun den Rahmen, in dem Entscheidungen reifen.
Schrittweise ordnen sich Verhältnisse. Missverständnisse werden aufgeklärt, Geständnisse gemacht, und Versprechen erhalten eine Form, die sowohl Gefühl als auch Anstand trägt. Rücksicht auf Haushalte, Besitz und Gesundheit spielt eine Rolle, besonders angesichts eines ängstlichen Hausherrn. Vereinbarungen fügen sich so, dass Nähe möglich bleibt, ohne Pflicht zu verletzen. Bewährte Freundschaften regenerieren, verletzte Eitelkeiten klingen ab, und wohlmeinende Vermittlung ersetzt unbedachte Einmischung. Harriet findet einen sicheren, respektablen Platz, die ehrgeizige Besucherin richtet ihren Eifer anderweitig. Was zuvor durch Schmeichelei verhüllt war, wird offen ausgesprochen, und die kleine Welt von Highbury kehrt zu einem ruhigeren, deutlicheren Gleichgewicht zurück.
Das Buch entfaltet aus alltäglichen Begegnungen ein Bild von Urteilskraft, Selbsttäuschung und sozialer Verantwortung. Es zeigt, wie leicht Beobachtung in Überheblichkeit umschlägt, und wie Korrektur durch Aufrichtigkeit, Takt und tätige Güte möglich wird. Rang und Herkunft begrenzen die Spielräume, doch sie sind nicht stärker als Gewissen und Rücksicht. Emmas Weg führt vom selbstzufriedenen Steuern anderer zu prüfender Aufmerksamkeit für ihr eigenes Tun. Die zentrale Botschaft betont Maß, Mitgefühl und das Lernen aus Irrtum. So verbindet die Erzählung heitere Gesellschaftsbilder mit der nüchternen Einsicht, dass beständige Zuneigung und Achtung tragfähiger sind als Einbildung und glänzende Augenblicke.
Emma spielt um 1814–1815 im fiktiven Dorf Highbury in Surrey, in erreichbarer Nähe zu London und den Marktflecken Kingston und Richmond. Die Handlung kreist um Hartfield (Wohnsitz der Woodhouses), Donwell Abbey (Gut der Knightleys) und Treffpunkte wie das Crown Inn. Das ländliche Südengland der späten Georgszeit bildet ein dichtes Netz aus Pfarreien, Höfen, Mietgütern und kleinen Läden. Die Wege sind turnpike-Straßen, ausreichend für Kutschen- und Postverkehr. Das Klima sozialer Nähe – Besuche, Bälle, Teegesellschaften – strukturiert Zeitwahrnehmung und Ortsgefühl. Die Landschaft, einschließlich Box Hill, war bereits ein Ausflugsziel, das bürgerliche Freizeit und Naturanschauung verband.
Austens Zeitrahmen ist durch Kriegsausklang und Regentschaft geprägt: Emma erschien im Dezember 1815 (auf dem Titelblatt 1816 datiert) und spiegelt zeitgenössische Verhältnisse. Highbury fungiert als Mikrokosmos der ländlichen Oberschicht, der Pfarrgeistlichkeit und der aufstrebenden Kaufleute. Handel und Landwirtschaft greifen ineinander: Mietbauern, Pächter und Gutsverwalter sichern Einkommen der Grundbesitzer; städtische Nachfrage aus London schafft Absatz für Agrarprodukte und Konsumwaren. Gesellschaftlich herrschen Rang, Vermögen und Ansehen, moderiert durch lokale Sitten. Diese konkrete Verortung – eine wohlhabende, aber nicht aristokratische Gemeinde in Südengland – bestimmt die Themen Heirat, Patronage, Wohltätigkeit und soziale Grenze.
Politisch bildet die Regency (1811–1820) den Rahmen: König Georg III. war regierungsunfähig, sein Sohn, der Prinzregent (später Georg IV.), führte die Regierung. Hofkultur in Carlton House (London) und Brighton Pavilion prägte Mode, Etikette und Konsum in den Eliten. 1812 erschütterte das Attentat auf Premierminister Spencer Perceval das politische Leben, während Kontinuität in Verwaltung und Rechtssystem gewahrt blieb. Jane Austen erhielt 1815 über den königlichen Bibliothekar James Stanier Clarke die „Erlaubnis“, Emma dem Prinzregenten zu widmen. Die Romanwelt zeigt die Distanz zwischen Hof und Land, zugleich aber die diffuse kulturelle Dominanz der Regentschaft in Geschmack, Zeremoniell und gesellschaftlicher Form.
Die Napoleonischen Kriege (1793–1815) – nach kurzer Amiens-Friedenspause (1802–1803) – kulminierten 1815 in Waterloo (18. Juni) und beendeten eine Ära von Blockaden, Rekrutierungen und Teuerungen. Trafalgar (1805) sicherte britische Seeherrschaft, der Kontinentalsperre (ab 1806) folgten Handelsverwerfungen. Demobilisierung nach 1815 veränderte lokale Arbeitsmärkte. In Emma erscheinen die Kriege indirekt: Colonel Campbell steht für die Armee als Karriereweg; Mr. Weston trägt den Titel „Captain“ aus Milizdienstzeiten. Die relative Ruhe Highburys kontrastiert das kriegerische Jahrzehnt; Andeutungen von Preis- und Versorgungsfragen, Reisemodalitäten und Offiziersnetzwerken binden den Roman dennoch an den Kriegs- und Nachkriegsrahmen.
Das Heirats- und Eigentumsregime des frühen 19. Jahrhunderts prägt Emma grundlegend. Primogenitur und Familienvermögen wurden durch Heiratsverträge (marriage settlements) gelenkt; das Common Law der Coverture entzog verheirateten Frauen rechtlich selbstständiges Eigentum, es sei denn, Verträge schützten Mitgift und „separate estate“. Reformen wie die Married Women’s Property Acts erfolgten erst 1870/1882. In diesem Kontext besitzt Emma Woodhouse ein beträchtliches Privatvermögen (zeitgenössisch mit etwa 30.000 Pfund beziffert) und ist deshalb „ohne Anreize“ zur Heirat. Mr. Elton sucht dezidiert eine reiche Frau; Frank Churchills Abhängigkeit von Verwandtenerwartungen zeigt, wie Kapital- und Namensfragen Partnerwahl strukturierten.
Rechtspraktiken um Vormundschaften, Namensannahmen und Erbschaft machten Verwandtensanktion zentral. Ein formales Adoptionsrecht existierte im Vereinigten Königreich erst ab 1926; zuvor regelten Testamente, Patronage und Erbverträge die Versorgung. Frank Churchill, in Yorkshire bei wohlhabenden Verwandten (Enscombe) aufgewachsen, trägt deren Namen und steht in Loyalität und Erwartungsökonomie. Zustimmung oder Missfallen einer reichen Tante konnte Heiraten verzögern oder verhindern. Im Roman erklärt diese Konstellation die heimliche Verlobung von Frank und Jane Fairfax sowie taktische Manöver in Highbury. Sie veranschaulicht reale Abhängigkeiten bürgerlicher und gentry-Familien von privatrechtlichen Bindungen und reputationssensiblen Netzwerken.
Die beschränkten Erwerbschancen gebildeter Frauen bildeten eine soziale „Bewegung“ eigener Art: der Gouvernantenmarkt. Ohne freies Eigentumsrecht und mit begrenztem Zugang zu Professionen blieb die Anstellung als Gouvernante für verarmte Gentry-Töchter oft der respektabelste Weg. Löhne waren niedrig, Status ambivalent, und Kündigungsrisiko hoch; Vermittlungen liefen über Zeitungsannoncen, Empfehlungen und Agenturen. Miss Taylor wird zur Mrs. Weston – ein Glücksfall sozialer Absicherung. Jane Fairfax fürchtet sehr plausibel die „Gouvernantenlaufbahn“, die schon Zeitgenossen als prekär beschrieben. Emma übersetzt diesen historisch konkreten Druck in Handlungsmotive, indem Heirat, Bildung und weibliche Autonomie in einem ökonomisch-rechtlichen Rahmen verhandelt werden.
Die Kirche von England strukturierte lokale Gesellschaft. Pfarreien boten „Livings“ (Pfarrpfründen) mit Einnahmen aus Zehnten und Pfarrland; das Präsentationsrecht (advowson) lag oft bei Grundbesitzern. Geistliche bildeten einen gelehrten, doch ökonomisch heterogenen Stand. Vor der Tithe Commutation (1836) wurden Zehnten häufig in Naturalien erhoben. Mr. Elton ist als Vikar sozial verankert, aber einkommenssensibel; seine Heiratsabsichten korrespondieren mit realen Strategien vieler Kleriker, die durch vorteilhafte Ehen finanzielle Stabilität suchten. Patronage- und Freundschaftsnetze – im Roman über Landadlige und Gemeindekreise vermittelt – spiegeln die kirchenrechtliche und soziale Verflechtung von Religion, Besitz und Status im frühen 19. Jahrhundert.
Die Agrarreformen der Einhegungen (Enclosure) veränderten Landnutzung und Dorfsoziologie. Der General Enclosure Act 1801 erleichterte Parlamentsakte zur Umwandlung von Allmenden in Privatparzellen; Effizienzgewinne standen sozialen Verwerfungen – Verlust von Subsistenzrechten, Abwanderung – gegenüber. In Surrey waren Einhegungen seit dem 18. Jahrhundert verbreitet. Donwell Abbey erscheint als gut bewirtschaftetes Gut; Mr. Knightley repräsentiert den „improving landlord“. Mr. Martin, ein wohlhabender Pächter/Yeoman, zeigt den aufstiegsfähigen, aber rangmäßig begrenzten bäuerlichen Unternehmer. Emmas Widerstand gegen Harriets Verbindung mit Martin dramatisiert reale Klassengrenzen, die durch Landrechtsordnung und Pachtverhältnisse befestigt wurden.
Das Armenwesen folgte dem Alten Armengesetz (1601) mit vielfältiger Praxis. Nach Missernten und Kriegsteuerungen etablierten Gemeinden 1795 in Speenhamland (Berkshire) Lohnzuschüsse an Brotpreise; ähnliche Modelle breiteten sich aus. Armenlasten („poor rates“) stiegen besonders 1800–1801 und 1811–1812. Zuständig waren Pfarrbeamte und Friedensrichter; „Affiliation Orders“ konnten mutmaßliche Väter unehelicher Kinder zu Unterhalt verpflichten. In Emma erscheinen Wohltätigkeit und Hausbesuche als moralische Pflicht der Gentry; die verarmten Bates verkörpern „schamhaften“ Rückzug der deklassierten Gentry, während andere Arme über informelle Gaben und gelegentliche Hilfe gestützt werden – ein Spiegel der lückenhaften, lokal organisierten Fürsorge.
Verkehrsreformen stützten Mobilität und Kulturtransfer. Turnpike Trusts verbesserten seit dem 18. Jahrhundert Landstraßen; John Palmers Postkutschenreform (ab 1784) beschleunigte Briefe und Reisen. London–Surrey war eine Tagesreise; Ausflüge wie nach Box Hill (nahe Dorking) waren Mode. Bälle im Crown Inn folgen dem Muster provinzieller Assemblies, die seit dem 18. Jahrhundert (vgl. Bath, Assembly Rooms 1771) bürgerliche Geselligkeit institutionalisierten. Mr. Elton verkehrt in Bath, einem Kur- und Heiratsmarktzentrum. Franks „Londoner Haarschnitt“-Ausflucht ist Satire auf metropolitanen Geschmack, verweist jedoch auf reale Reichweite des Hauptstadtmagnetismus für Mode, Dienstleistungen und Netzwerke.
Die Corn Laws von 1815 (verabschiedet am 23. März) schützten Getreidepreise durch Importbeschränkungen, solange Weizen unter 80 Shilling pro Quarter lag. Sie waren Antwort auf Nachkriegsdeflation und Landadelinteressen, provozierten aber städtische Proteste und prägten bis zur Aufhebung 1846 die Ernährungspolitik. Für Surrey-Güter bedeutete Preisstützung Planbarkeit der Pachteinnahmen; Konsumentinnen und Konsumenten litten unter teurem Brot. In Emma wird dies nicht explizit verhandelt, doch die ökonomische Sicherheit von Hartfield und Donwell basiert auf eben jener Getreide- und Pachtökonomie. Die soziale Distanz zu Pächtern und Tagelöhnern erklärt sich auch aus dieser protektionistischen, agrarischen Ordnung.
Die lokale Miliz, per Milizgesetze seit 1757 organisiert und in den Kriegsjahren 1793–1815 „inkarniert“, diente Heimatverteidigung und Ordnung. Offizierspatente wurden oft von lokalen Honoratioren getragen und stifteten Rang und Kontakte. Mr. Weston ist „Captain“ a. D.; der Titel verschafft gesellschaftliches Prestige. Anders als in Pride and Prejudice dringt die Miliz in Emma kaum in den Alltag ein – ein realistisches Bild für eine ruhige Surrey-Pfarrei nach Kriegsschluss. Gleichwohl verweist Westons Karriereweg auf verbreitete Verzahnung von Militärdienst, Ehenetzen und spätere zivile Etablierung in Handel oder lokaler Verwaltung.
Medizinisch markierten Edward Jenners Pockenimpfung (1796) und die Gründung des National Vaccine Establishment (1808) Fortschritte; zugleich blieb die Versorgung zwischen Ärzten, Wundärzten und Apothekern zersplittert. Das Apothecaries Act von 1815 begann, Ausbildung und Praxis zu regulieren. In Highbury symbolisiert Mr. Perry den lokalen Apotheker als vertrauenswürdigen, zugleich sozial eingebetteten Experten. Mr. Woodhouses Hypochondrie, diätetische Vorsicht und die Sorge um Zugluft spiegeln zeitgenössische Gesundheitskultur. Medizinische Ratschläge kursierten über persönliche Netzwerke; die Nähe zwischen Haus, Pfarrei und Praxis macht die Gemeinde zu einem Raum, in dem Gesundheit soziale und moralische Dimensionen annimmt.
Bildung und Herkunft strukturierten Lebenschancen. Mädchenbildung erfolgte häufig in privaten Pensionaten; Mrs. Goddards Schule in Emma steht exemplarisch für solide, aber begrenzte Ausbildung in Sprachen, Handarbeiten und Musik. Illegitimität blieb sozial stigmatisiert; unter der lokalen Armenrechtsordnung konnten Gemeinden Väter zu Unterhalt verpflichten, doch Herkunft blieb ein Ranghemmnis. Harriet Smiths unklare Abstammung macht sie zur sozialen Grenzgängerin: für Mr. Elton nicht standesgemäß, für Mr. Martin durchaus passend. Der Roman bindet diese Konstellation an reale Praktiken der Rangschichtung, in denen Bildung, Empfehlungsschreiben und Vermögen gemeinsam über Status und Heirat entschieden.
Als Gesellschaftskritik zeigt Emma die Selbstgenügsamkeit der Landgentry, die ihre Macht über Heirat, Wohltätigkeit und Patronage ausübt. Austens präzise Darstellung von Pachtökonomie, Pfarrstrukturen und Frauenrechtlosigkeit entlarvt höfliche Formen als Vehikel sozialer Kontrolle. Emmas Lenkung von Beziehungen, Mr. Eltons „Ökonomie der Zuneigung“ und die verdeckten Kalküle um Frank Churchill offenbaren, wie Eigentums- und Rangordnungen persönliche Freiheit begrenzen. Die Dorfgemeinschaft erscheint rituell harmonisch, ist aber durch subtilen Druck, Diskretionserwartungen und Ansehensregeln reguliert – ein stilles, doch scharfes Bild regionaler Macht im Regency-England.
Politisch sichtbar macht der Roman jene Probleme, die Gesetze und Gewohnheit naturalisierten: Coverture und Heiratsverträge, kirchliche Patronage, die Absicherung der Großgrundbesitzer durch Kornpolitik, die Prekarität gebildeter Frauen. Austen verurteilt nicht programmatisch, sondern demonstriert Wirkungen: Jane Fairfax’ drohende Gouvernantenstelle, Harriets Rangunsicherheit, die Abhängigkeit der Bates von Gaben, Mr. Eltons Heiratskalkül. Durch diese Fälle kritisiert Emma soziale Ungerechtigkeiten ohne agitatorischen Ton. Die Sphäre des „Privaten“ erscheint als politisch: Eigentum, Gesetz und Ansehen formen Charakter und Handlung. So wird Highbury zum Brennspiegel einer Epoche, die sich im Übergang befand.
Jane Austen (1775–1817) gilt als zentrale Gestalt des englischen Romans der späten Georgischen und der Regency‑Zeit. Ihre Werke verbinden scharfe Gesellschaftsbeobachtung mit präziser Prosa und einer Ironie, die Konventionen höfischer Umgangsformen, Ökonomie und Moral durchsichtig macht. Ohne öffentliches Auftreten suchte sie literarische Wirkung in einer Zeit rasanter sozialer und politischer Umbrüche. Mit einer Handvoll Romanen prägte sie die Gattung des „novel of manners“ und trug zur Entwicklung der erlebten Rede bei. Ihre Figuren agieren in ländlich‑städtischen Milieus, deren Spannungen zwischen Gefühl und Vernunft, Stand und Selbstbestimmung bis heute Leserinnen und Leser weltweit anziehen.
Ausgebildet wurde Austen überwiegend zu Hause in einem belesenen Pfarrhaushalt; kurze Aufenthalte an Internatsschulen ergänzten diese Bildung in den 1780er‑Jahren. Früh nutzte sie Bibliotheken, Theateraufführungen im privaten Rahmen und die verbreitete Ratgeber‑ und Unterhaltungsliteratur ihrer Epoche. Dokumentierte Einflüsse umfassen die Prosa Samuel Johnsons, die Romane von Samuel Richardson, Henry Fielding und Frances Burney sowie die populäre Schauertradition, die sie später parodierte. Auch die zeitgenössische Autorin Maria Edgeworth bot Vergleichsmaßstäbe für realistische Darstellung und gesellschaftliche Sittenkritik. Diese Lektüren, verbunden mit aufmerksamer Beobachtung des Alltags, formten einen Stil, der urbane Witz mit moralischer Nüchternheit verbindet.
Schon in der Jugend verfasste Austen ein umfangreiches „Juvenilia“: kurze Erzählungen, Theaterstücke und Parodien, die Konventionen pointiert übersteigern. Aus dieser Experimentierfreude erwuchs die kurze Briefroman‑Novelle Lady Susan, deren gesellschaftliche Intrigen mit kühler Komik präsentiert werden. In den frühen 1790er‑Jahren entstand zudem der erste Entwurf von Elinor and Marianne, zunächst epistolär, sowie First Impressions, die später grundlegend überarbeitet wurden. Der Übergang von Brief‑ zu Erzählerform vertiefte ihre Technik der Perspektivsteuerung und bereitete die reife Nutzung erlebter Rede vor. Wiederholte Revisionen zeugen von handwerklicher Disziplin und dem Willen, Struktur, Ton und Figurenpsychologie sorgfältig auszubalancieren.
Der literarische Durchbruch erfolgte nach umfassenden Revisionen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sense and Sensibility erschien 1811 anonym „By a Lady“, gefolgt von Pride and Prejudice (1813), Mansfield Park (1814) und Emma (1815). Austen arbeitete mit Londoner Verlagen in unterschiedlichen Geschäftsmodellen, zwischen Kommissionsdruck und Verkauf von Rechten, und steuerte Korrekturen bis in den Satz. Zeitgenössische Rezensionen erkannten Witz, moralischen Takt und realistische Darstellung; die Leserschaft wuchs, blieb jedoch zunächst überschaubar. Ein symbolischer Meilenstein war die Widmung von Emma auf Anregung aus höfischem Umfeld, die ihre Bekanntheit über literarische Kreise hinaus signalisierte.
Austens Romane untersuchen die Verflechtung von Gefühl, Vernunft und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Fragen von Erbschaft, Besitzbindungen und sozialer Reputation strukturieren Handlungsspielräume, während kirchliche, militärische und bürgerliche Milieus als Bühnen sozialen Taktierens fungieren. Ihre erzählerische Stärke liegt in fein dosierter Ironie, ökonomischem Dialog und einer erlebten Rede, die innere Regungen mit narrativer Distanz verschmilzt. Satirische Elemente werden durch ethische Zurückhaltung ausbalanciert; moralische Urteile ergeben sich aus Situationen, nicht Dogmen. Wiederkehrende Themen sind Bildung des Geschmacks, Selbsttäuschung, Freundschaft und die Anpassung von Werten an Realitäten einer sich wandelnden Gesellschaft, ohne auf plakative Thesen zu verfallen.
In den späteren Jahren fand Austen in Hampshire ein stabiles Arbeitsumfeld, das kontinuierliches Schreiben und Überarbeiten ermöglichte. Sie bereitete Northanger Abbey, eine frühe Parodie auf das Schauerwesen, zur Veröffentlichung vor und vollendete Persuasion, dessen ruhige Reife oft hervorgehoben wird. Ab 1816 verschlechterte sich ihre Gesundheit; sie arbeitete dennoch bis kurz vor ihrem Tod 1817 weiter. Northanger Abbey und Persuasion erschienen postum in einem Doppelband mit einer frühen biografischen Notiz. Unvollendet blieben The Watsons, ein früher Ansatz, und Sanditon, ein spätes Projekt, das den Blick auf Spekulation, Küstenkurorte und Unternehmergeist einer neuen Zeit richtet.
Austens Nachruhm wuchs im 19. Jahrhundert stetig, getragen von kritischer Wertschätzung und treuer Leserschaft. Früh würdigten einflussreiche Stimmen ihre Genauigkeit der Sittenbeobachtung; im 20. Jahrhundert etablierten sich eigene Forschungsfelder, und der Begriff „Janeites“ bezeichnete eine engagierte Fangemeinde. Ihre Romane gehören heute zum Kanon, werden weltweit gelesen, vielfach übersetzt und regelmäßig für Bühne, Film und Fernsehen adaptiert. Stilistisch prägen sie Vorstellungen von realistischer Figurenzeichnung, ökonomischer Erzählführung und ironischer Distanz. Museale Orte, Editionen und digitale Ressourcen sichern die Zugänglichkeit des Werks und befördern eine Rezeption, die literarischen Rang und populäre Vitalität vereint.
Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, im Besitz eines gemütlichen Heims sowie einer glücklichen Veranlagung, vereinigte sichtlich einige der besten Gaben des Lebens auf sich. Sie war schon fast einundzwanzig Jahre auf der Welt, ohne je wirklich Schweres oder Beunruhigendes erlebt zu haben[1q].
Sie war die jüngere der beiden Töchter eines sehr liebevollen und äußerst nachsichtigen Vaters. Schon lange, seit der Verheiratung ihrer Schwester, war sie die Frau des Hauses. Ihre Mutter war schon zu lange tot, als daß sie sich ihrer Zärtlichkeiten noch hätte erinnern können. An deren Stelle war eine vortreffliche Frau als Erzieherin getreten, die eine beinah mütterliche Zuneigung für sie empfand.
Miß Taylor gehörte nun schon seit sechzehn Jahren zu Mr. Woodhouses Familie, sie war weniger Erzieherin als Freundin, hing sehr an beiden Töchtern, besonders aber an Emma. Zwischen ihnen bestand eine eher schwesterliche Vertrautheit. Schon als Miß Taylor[1] noch als Erzieherin wirkte, hatte sie es mit ihrem sanften Temperament selten gewagt, Verbote auszusprechen, aus der Respektsperson war längst eine Freundin geworden. Trotz der großen gegenseitigen Zuneigung tat Emma stets, was sie gerade wollte. Sie schätzte Miß Taylors Meinung zwar sehr, setzte aber meistens doch ihre eigene durch. Es war für Emma keineswegs von Vorteil, daß man ihr zuviel Handlungsfreiheit ließ. Außerdem neigte sie dazu, sich selbst zu überschätzen; negative Eigenschaften, die die Gefahr in sich bargen, sich ungünstig für sie auszuwirken. Gegenwärtig war diese Gefahr indessen noch so gering, daß man ihrer kaum gewahr wurde.
Eines bereitete ihr jetzt Kummer – wenn auch sozusagen positiver Natur – Miß Taylor heiratete. Dieser Verlust verursachte ihr die erste Betrübnis ihres Lebens. Am Hochzeitstag der geliebten Freundin saß Emma in traurige Gedanken versunken da und dachte darüber nach, wie es nun weitergehen solle. Nachdem die Hochzeit vorbei war und das Brautpaar sie verlassen hatte, waren Emma und ihr Vater allein zurückgeblieben, um gemeinsam zu speisen, ohne einen Dritten zu erwarten, der den Abend etwas unterhaltsamer gestaltet hätte. Ihr Vater zog sich wie üblich zu seinem Verdauungsschläfchen zurück, und sie konnte nichts weiter tun, als dasitzen und über ihren Verlust nachdenken.
Die Heirat bot ihrer Freundin die denkbar besten Möglichkeiten, denn Mr. Weston war nicht nur ein Mann von vortrefflichem Charakter, der außerdem das passende Alter und angenehme Manieren hatte und es war für sie eine innere Befriedigung, diese Verbindung in selbstloser und großzügiger Freundschaft herbeigewünscht und gefördert zu haben, aber es hatte sie viel Mühe gekostet. Sie würde Miß Taylors Abwesenheit jederzeit schmerzlich empfinden. Sie erinnerte sich ihrer Güte in früheren Tagen, der Liebe und Zuneigung von sechzehn Jahren, wie sie sie seit ihrem fünften Lebensjahr unterrichtet und mit ihr gespielt hatte, wie sie stets all ihre Kraft eingesetzt, um sie in gesunden Tagen für sich zu gewinnen und sie zu unterhalten und wie sie sie während ihrer verschiedenen Kinderkrankheiten gepflegt hatte. Sie war ihr dafür zu großem Dank verpflichtet, aber die Vertraulichkeit der letzten sieben Jahre, die Gleichstellung und völlige Offenheit, die sich nach Isabellas Heirat einstellte, nachdem sie sich selbst überlassen waren, enthielt für sie angenehme Erinnerungen, die ihr noch teurer waren. Sie war eine Freundin und Kameradin gewesen, wie es wenige gab, intelligent, gebildet, nützlich und sanft, sie kannte alle Gewohnheiten der Familie, nahm an all ihren Sorgen Anteil, besonders an den ihren, ebenso an ihren Vergnügungen, ihren Plänen, sie war ein Mensch, mit dem man immer offen sprechen konnte, wenn einen etwas bedrückte, und ihre Zuneigung war so blind, daß sie nie etwas zu tadeln fand.
Wie sollte sie diesen Wechsel ertragen? Sicherlich, ihre Freundin zog nur eine halbe Meile von ihnen weg, aber es war Emma klar, daß zwischen einer Mrs. Weston, die eine halbe Meile entfernt wohnte, und einer Miß Taylor im Hause ein großer Unterschied bestand; und Emma war trotz ihrer natürlichen und häuslichen Tugenden jetzt in großer Gefahr, geistig zu vereinsamen. Sie liebte ihren Vater zwar sehr, aber er war kein guter Kamerad. Er war ihr weder in ernster noch in leichter Unterhaltung gewachsen.
Der Nachteil des großen Altersunterschieds (Mr. Woodhouse hatte sehr spät geheiratet) wurde durch seine Konstitution und seine Gewohnheiten noch vergrößert; da er zeit seines Lebens ein Hypochonder ohne jede körperliche und geistige Aktivität gewesen war, wirkte er dadurch viel älter, als er eigentlich war. Obwohl er allgemein wegen seiner Herzensfreundlichkeit und seines liebenswürdigen Naturells beliebt war, hätten diese Eigenschaften doch nicht ausgereicht, um die Menschen für ihn einzunehmen.
Obwohl ihre Schwester nach ihrer Verheiratung sich relativ nah in London, in einer Entfernung von sechzehn Meilen, niedergelassen hatte, war sie doch nicht täglich erreichbar; und man mußte auf Hartfield manch langweiligen Oktober‐ und Novembertag totschlagen, ehe Isabella an Weihnachten mit Mann und Kindern zu Besuch kam, die das Haus mit Leben erfüllten und Emma eine angenehme Gesellschaft waren.
Highbury, der große und belebte Ort, war schon beinah eine Stadt, trotz eigenem Namen, eigener Rasenflächen und Sträucher gehörte Hartfield eigentlich dazu, aber es bot ihr niemand Gleichgesinnten. Gesellschaftlich stand Familie Woodhouse dort an erster Stelle. Alle schauten zu ihr auf. Sie hatten im Ort zwar viele Bekannte, da ihr Vater zu allen höflich war, aber sie hätte nicht eine davon auch nur für einen Tag an Miß Taylors Stelle sehen mögen. Es war ein betrüblicher Wandel, und Emma blieb nichts weiter übrig, als zu seufzen und in müßigen Träumen zu schwelgen, bis ihr Vater wieder aufwachte, sie würde sich dann Mühe geben müssen, heiter und gelöst zu erscheinen.
Sie mußte versuchen, seine Stimmung zu heben. Er war ein nervöser und häufig deprimierter Mensch, der alle mochte, an die er gewöhnt war, und von denen er sich ungern trennte, da er jede Art von Veränderung ablehnte. Er empfand es stets als lästig, wenn eine Eheschließung eine solche Veränderung nach sich zog und hatte sich noch keineswegs mit der Heirat seiner eigenen Tochter abgefunden, konnte von ihr nicht ohne Mitgefühl sprechen, obwohl es eine ausgesprochene Liebesheirat gewesen war; nun wollte man ihn auch noch zwingen, sich von Miß Taylor und seinen sanft egoistischen Gewohnheiten zu trennen.Da er nie imstande gewesen war, sich in die Denkweise und Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen, neigte er sehr zu der Ansicht, Miß Taylor habe sich selbst und ihnen etwas Unverzeihliches angetan, und daß sie viel glücklicher geworden wäre, hätte sie den Rest ihres Lebens auf Hartfield verbracht. Um ihn von solch trübsinnigen Gedanken abzulenken, plauderte und lächelte Emma so unbefangen wie möglich, aber als der Tee serviert wurde, konnte er es nicht lassen, genau dasselbe wie während des Dinners zu sagen.
»Arme Miß Taylor – ich wünschte, sie wäre wieder hier.Schade, daß Mr. Weston je auf sie verfallen ist!«
»Sie wissen, Papa, daß ich Ihnen nicht zustimmen kann. Mr. Weston ist solch ein gutgelaunter, angenehmer und vortrefflicher Mann, der eine gute Frau durchaus verdient. Sie hätten Miß Taylor doch nicht ewig hier festhalten können und meinen exzentrischen Launen aussetzen, wenn sie ein eigenes Haus haben kann?«
»Ein eigenes Haus! – Worin besteht denn der Vorteil eines eigenen Hauses? Unseres ist dreimal so groß; – außerdem hast du niemals exzentrische Launen, meine Liebe.«
»Wie oft werden wir sie besuchen und sie werden zu uns kommen! – Wir werden uns immer wieder treffen! Wir müssen damit den Anfang machen, indem wir bald hingehen und ihnen einen Hochzeitsbesuch abstatten.«
»Meine Liebe, wie soll ich denn dorthin gelangen? Randalls ist so weit entfernt. Ich könnte nicht halb so weit gehen.«
»Wer redet denn davon, daß Sie zu Fuß gehen sollen, Papa. Wir werden natürlich den Wagen nehmen.«
»Den Wagen! Aber James wird den Wagen nicht gern für solch eine kurze Fahrt einspannen wollen; – und wo sollen die armen Pferde bleiben, während wir unseren Besuch machen?«
»Natürlich in Mr. Westons Stall, Papa. Sie wissen doch, daß wir das alles schon arrangiert haben. Wir haben es gestern abend mit ihm besprochen. Was James betrifft, geht er bestimmt immer gern nach Randalls, seit seine Tochter dort Hausmädchen ist. Ich bezweifle nur, daß er uns gern irgendwo anders hinfahren würde. Daran sind Sie schuld, Papa. Sie haben Hannah die gute Stellung verschafft. Niemand wäre auf sie gekommen, wenn Sie nicht ihren Namen genannt hätten. – James ist Ihnen sehr zu Dank verpflichtet!«
»Ich bin froh, daß ich an sie dachte. Es war ein Glück, denn es wäre mir unangenehm gewesen, wenn James sich von mir übergangen gefühlt hätte; und ich bin sicher, sie gibt eine gute Dienerin ab, sie ist ein höfliches Mädchen und weiß sich gut auszudrücken, ich halte viel von ihr. Wann immer ich sie sehe, macht sie stets einen anmutigen Knicks und erkundigt sich nach meinem Befinden, und wenn du sie zu Näharbeiten hier hast, stelle ich fest, daß sie die Tür vorsichtig schließt und nie zuknallt. Sie wird sicher eine ausgezeichnete Dienerin und die arme Miß Taylor wird froh sein, jemand um sich zu haben, an den sie gewöhnt ist. Weißt du, wann immer James hinübergeht, um seine Tochter zu besuchen, wird sie Neues über uns erfahren. Er wird ihr erzählen, wie es uns allen geht.«
Emma gab sich alle Mühe, ihn in dieser erfreulichen Stimmung zu halten und hoffte dabei, daß das Puffspiel[2] ihren Vater leidlich über den Abend hinwegbringen und er sie nicht mehr mit seinen Kümmernissen behelligen werde. Der Tisch für das Puffspiel wurde zwar aufgestellt, aber da kurz darauf Besuch kam, wurde er nicht gebraucht. Mr. Knightley, ein verständiger Mann von sieben‐ oder achtunddreißig Jahren, war nicht nur ein alter und vertrauter Freund der Familie, als älterer Bruder von Isabellas Mann fühlte er sich mit ihnen besonders verbunden. Er wohnte ungefähr eine Meile von Highbury entfernt und war ein häufiger, stets willkommener Besucher. Diesmal war er ihnen noch willkommener, da er direkt von ihren gemeinsamen Verwandten aus London kam. Er war nach einer Abwesenheit von einigen Tagen zu einem späten Dinner zurückgekehrt und anschließend nach Hartfield herübergekommen, um zu berichten, daß in Brunswick Square alles wohlauf sei. Es waren erfreuliche Nachrichten, die Mr. Woodhouse zunächst sehr anregten. Mr. Knightley hatte ein heiteres Wesen, das wohltuend auf ihn wirkte, und die Antworten auf seine Fragen nach der »armen Isabella« stellten ihn außerordentlich zufrieden. Mr. Woodhouse bemerkte darauf dankbar
»Es ist sehr freundlich von Ihnen, Mr. Knightley, uns noch zu solch später Stunde aufzusuchen. Ich befürchte, Sie hatten nicht gerade einen angenehmen Spaziergang.«
»Nichts weniger als das, Sir, es ist eine wundervolle Mondnacht und so mild, daß ich von Ihrem starken Feuer wegrücken muß.«
»Aber ist es nicht draußen sehr feucht und schmutzig? Hoffentlich erkälten Sie sich nicht.«
»Schmutzig, Sir! Schauen Sie sich meine Schuhe an, sie sind ganz sauber und trocken.«
»Nun, das wundert mich, denn wir hatten hier einen starken Regen, der eine halbe Stunde lang mit großer Heftigkeit niederging, während wir beim Frühstück saßen. Ich wollte schon vorschlagen, die Hochzeit zu verschieben.«
»Übrigens, ich habe Ihnen ja noch gar nicht gratuliert. Mir war nämlich klar, daß Sie es für sich durchaus nicht nur als Glück empfinden, weswegen ich mich mit meinen Glückwünschen nicht allzusehr beeilt habe. Hoffentlich ist alles soweit zufriedenstellend abgelaufen. Wie habt ihr euch alle benommen? Wer hat denn am meisten geweint?«
»Ach, natürlich die arme Miß Taylor! Sʹist eine traurige Angelegenheit.«
»Armer Mr. und arme Miß Woodhouse, bitte sehr, aber ich kann unmöglich ›arme Miß Taylor‹ sagen. Ich habe zwar vor Ihnen und Emma große Achtung, aber hier geht es um die Alternative: Abhängigkeit oder Unabhängigkeit. Es ist auf alle Fälle viel leichter, nur einen Menschen anstatt deren zwei zufriedenstellen zu müssen.«
»Besonders, wenn einer dieser beiden ein derart launisches und unerträgliches Geschöpf ist!« warf Emma fröhlich ein. »Ich weiß, daß es das ist, woran Sie denken und auch unverblümt aussprechen würden, wäre mein Vater nicht anwesend.«
»Meine Liebe, ich glaube, das trifft tatsächlich zu«, sagte Mr. Woodhouse seufzend. »Ich fürchte, ich bin manchmal wirklich sehr launenhaft und unerträglich.«
»Mein liebster Papa, Sie nehmen doch nicht etwa an, daß ich Sie damit gemeint habe, oder Mr. Knightley dies glauben machen wollte. Was für ein schrecklicher Gedanke! Oh nein, ich dachte dabei ausschließlich an mich selbst. Mr. Knightley hat, wie Sie wissen, an mir oft etwas auszusetzen, wenn auch nur im Scherz. Wir sagen einander immer, was uns gerade so einfällt.«
Mr. Knightley war tatsächlich einer der wenigen Menschen, die an Emma Woodhouse Fehler entdeckten, und auch der einzige, der mit ihr darüber sprach, und obwohl es für Emma selbst nicht gerade angenehm war, wußte sie genau, daß es ihren Vater noch härter treffen würde, hätte er eine Ahnung davon, daß sie durchaus nicht von allen für vollkommen gehalten wurde.
»Emma weiß, daß ich ihr nie schmeichle«, sagte Mr. Knightley, »aber ich wollte niemand Unrecht tun. Miß Taylor war daran gewöhnt, zwei Menschen zufriedenstellen zu müssen, während es jetzt nur noch einer ist. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie schon dadurch besser dran ist.«
»Nun«, sagte Emma, gewillt, es durchgehen zu lassen, »Sie möchten doch sicher etwas über die Hochzeit erfahren und ich werde Ihnen gern darüber berichten. Wir haben uns alle charmant benommen. Alle waren pünktlich zur Stelle, alle sahen vorteilhaft aus, es gab keine Tränen und keine langen Gesichter. Oh nein, wir wußten ja, daß wir nur eine halbe Meile voneinander entfernt leben würden und uns jeden Tag sehen könnten.«
»Meine gute Emma erträgt alles mit Fassung«, sagte ihr Vater.
»Aber, Mr. Knightley, es ist ihr doch sehr schmerzlich, die arme Miß Taylor zu verlieren, und sie wird sie in Zukunft sicherlich noch mehr vermissen, als ihr jetzt klar ist.«
Emma wandte das Gesicht ab und schwankte zwischen Lachen und Weinen.
»Es wäre undenkbar, daß Emma solch eine Gefährtin nicht missen sollte«, sagte Mr. Knightley. »Wir hätten sie nicht so gern, Sir, wenn wir dies annehmen müßten, aber sie versteht auch, wie willkommen ein eigenes Heim für Miß Taylor in ihrem Alter sein muß und wie wichtig eine ausreichende Versorgung für sie ist, Miß Taylor kann es sich infolgedessen nicht leisten, mehr Kummer als Freude zu empfinden. Alle ihre Freunde müssen sich darüber freuen, sie so glücklich verheiratet zu sehen.«
»Sie haben noch etwas vergessen, was für mich ein Grund zur Freude ist«, sagte Emma, »noch dazu ein sehr wichtiger – nämlich der, daß ich die Verbindung zustande gebracht habe. Sie müssen wissen, ich habe diese schon vor vier Jahren angebahnt und ihr Zustandekommen beweist, wie recht ich hatte, während noch viele Leute sagten, Mr. Weston würde nie wieder heiraten, das tröstet mich über alle Unannehmlichkeiten hinweg.«
Mr. Knightley konnte nur den Kopf schütteln. Ihr Vater erwiderte zärtlich: »Ach, meine Liebe, ich würde es vorziehen, du würdest keine Ehen stiften und Ereignisse vorhersagen, denn leider trifft das, was du sagst, immer zu. Bitte stifte keine weiteren Ehen.«
»Ich verspreche Ihnen, Papa, keine für mich selbst zu stiften, werde es aber stets gern für andere tun. Es bereitet so viel Vergnügen. Und dann noch nach diesem Erfolg, wissen Sie! Wo alle behaupteten, Mr. Weston würde nie wieder heiraten. Du liebe Zeit, nein! Mr. Weston, der schon so lange Witwer war und sich unbeweibt völlig wohl zu fühlen schien, der sich dauernd um seine Geschäfte in der Stadt oder seine Freunde kümmerte, der überall, wo er auch hinkam, gern gesehen und stets guter Laune war – Mr. Weston hätte es nicht nötig gehabt, auch nur einen einzigen Abend allein zu verbringen, wenn er es nicht gewollt hätte. Oh nein, Mr. Weston würde bestimmt nicht wieder heiraten. Einzelne erwähnten sogar ein Versprechen, das er seiner Frau am Sterbebett gegeben habe, und andere sprachen davon, sein Sohn und der Onkel würden es nicht zulassen. Manch höherer Unsinn wurde in der Sache geäußert, aber ich hielt nichts davon. Ich hatte an jenem Tag (vor etwa vier Jahren), als Miß Taylor und ich ihn in Broadway Lane trafen, und als er, da es zu nieseln angefangen hatte, so galant davonstürzte und sich von Farmer Mitchell für uns zwei Schirme auslieh, bereits meinen Entschluß gefaßt. Von da an plante ich die Verbindung, und da ich in diesem Fall so erfolgreich war, können Sie, lieber Papa, nicht von mir erwarten, daß ich das Ehestiften aufgebe.«
»Ich begreife nicht recht, was Sie unter ›Erfolg‹ verstehen«, sagte Mr. Knightley. »Erfolg setzt Anstrengung voraus. Sie haben Ihre Zeit zweckmäßig und taktvoll angewendet, wenn Sie sich in den vergangenen vier Jahren um diese Eheschließung bemüht haben. Durchaus eine Beschäftigung, die dem Geist einer jungen Dame angemessen ist. Wenn aber, wie ich es sehe, ihre sogenannte Ehestiftung darin besteht, daß Sie dieselbe lediglich planten, indem Sie sich eines müßigen Tages einredeten, ›ich glaube, es wäre für Miß Taylor vorteilhaft, wenn Mr. Weston sie heiraten würde‹, und Sie es sich immer wieder suggerierten – wieso sprechen Sie da von Erfolg? Worin besteht Ihr Verdienst? Was bilden Sie sich eigentlich ein? Sie hatten eine glückliche Vorahnung, das ist alles.«
»Und haben Sie nie erlebt, wieviel Freude und Genugtuung einem eine glückliche Vorahnung bereiten kann? Dann kann ich Sie nur bedauern. Ich hätte Sie für intelligenter gehalten. Sie können mir glauben, eine glückliche Vorahnung beruht nicht nur auf Glück. Es kommt immer auch etwas Begabung hinzu. Was mein unangebrachtes Wort ›Erfolg‹ betrifft, an dem Sie Anstoß zu nehmen scheinen, wüßte ich nicht, warum ich es für mich nicht beanspruchen sollte. Sie haben zwei nette Deutungen gegeben, aber ich glaube, da ist noch eine dritte – ein Zwischending von Alles‐Tun und Garnichts‐Tun. Hätte ich Mr. Westons Besuche hier im Hause nicht begünstigt, ihn ermutigt und kleine Schwierigkeiten ausgebügelt, dann wäre vielleicht trotzdem nichts dabei herausgekommen. Ich nehme an, Sie kennen Hartfield gut genug, um zu verstehen, was ich meine.«
»Man hätte es einem freimütigen, offenherzigen Mann wie Mr. Weston, und einer vernünftigen, natürlichen Frau wie Miß Taylor durchaus überlassen können, mit ihren eigenen Angelegenheiten fertig zu werden. Sie haben sich durch Ihre Einmischung möglicherweise mehr geschadet als ihnen genützt.«
»Emma denkt nie an sich selbst, wenn sie anderen nützlich sein kann«, erwiderte Mr. Woodhouse, der alles nur halb mitbekommen hatte. »Aber stifte bitte keine weiteren Ehen, meine Liebe, es sind überflüssige Dinge, die nur das Familienleben beeinträchtigen.«
»Nur noch eine, Papa; die von Mr. Elton. Du hast ihn doch gern; ich muß unbedingt eine Frau für ihn finden. Ich wüßte hier in Highbury keine, die zu ihm passen würde – er ist schon ein ganzes Jahr hier und hat sein Haus behaglich eingerichtet, es wäre doch schade, wenn er noch länger ledig bliebe, und als er heute ihre Hände ineinander legte, kam es mir so vor, als hätte er mit Blicken sagen wollen, er wäre gern an ihrer Stelle! Ich halte viel von Mr. Elton, und dies wäre die einzige Möglichkeit, ihm zu helfen.«
»Mr. Elton ist bestimmt ein sehr hübscher und anständiger junger Mann, und ich habe große Achtung vor ihm. Aber wenn du ihm eine Aufmerksamkeit erweisen willst, meine Liebe, dann lade ihn doch einmal ein, mit uns zu speisen. Das wäre das richtige. Ich nehme an, Mr. Knightley wird so freundlich sein, ihn abzuholen.«
»Jederzeit, Sir, mit dem größten Vergnügen«, sagte Mr. Knightley lachend. »Ich bin ganz Ihrer Meinung, daß dies der bessere Weg wäre. Laden Sie ihn zum Dinner ein, Emma, und setzen Sie ihm vom Fisch und Fleisch die besten Stücke vor, aber überlassen Sie es ihn, sich die passende Frau zu suchen. Verlassen Sie sich drauf, ein Mann von sechs‐ oder siebenundzwanzig Jahren kommt auch allein zurecht.«
Mr. Weston stammte aus Highbury, er war in einer angesehenen Familie geboren, die während der letzten zwei oder drei Generationen zu Rang und Besitz gekommen war. Er hatte eine gute Erziehung genossen, aber da es ihm schon früh im Leben gelungen war, zu einer bescheidenen Unabhängigkeit zu kommen, lagen ihm die einfacheren Berufe nicht mehr, denen seine Brüder nachgingen und es war für seinen aktiven, lebhaften Geist genau das richtige gewesen, in die neugegründete Bürgerwehr[3] der Grafschaft einzutreten. Captain Weston war allgemein beliebt; und als die Wechselfälle seines Militärlebens ihn mit Miß Churchill, aus bedeutender Yorkshire‐Familie, zusammenführten und diese sich in ihn verliebte, wunderte sich niemand darüber, außer ihrem Bruder und dessen Frau, die ihn nie gesehen hatten und so von Stolz und Wichtigtuerei erfüllt waren, daß sie die Verbindung übelnahmen.
Miß Churchill indessen, volljährig und im uneingeschränkten Besitz ihres Vermögens – obwohl dieses zu dem Familienbesitz in keinem Verhältnis stand – ließ sich von dieser Eheschließung nicht abbringen und die Hochzeit fand zur unendlichen Kränkung von Mr. und Mrs. Churchill statt, die sie mit angemessenem Anstand verstießen. Es war eine unpassende Verbindung, die nicht viel Glück brachte. Mrs. Weston hätte eigentlich mehr darin finden können, denn sie hatte einen Ehemann, dessen warmes Herz und freundliche Veranlagung ihn denken ließ, daß ihr für die große Gefälligkeit, in ihn verliebt zu sein, alles zustehe, aber obwohl sie irgendwie Geist hatte, war es nicht gerade der richtige. Sie hatte genügend Entschlußkraft bewiesen, ihren eigenen Willen gegen den ihres Bruders durchzusetzen, aber wiederum nicht genug, ihr unvernünftiges Bedauern ob ihres Bruders ebenso unvernünftigen Zorn zu unterdrücken oder den Luxus ihres früheren Heims zu vermissen. Sie lebten über ihre Verhältnisse, trotzdem war alles mit Enscombe nicht zu vergleichen; sie liebte ihren Mann zwar noch immer, aber sie wollte gleichzeitig Captain Westons Frau und Miß Churchill auf Enscombe sein.
Es erwies sich für Captain Weston, von dem alle, besonders die Churchills, annahmen, er sei eine hervorragende Verbindung eingegangen, daß er bei diesem Handel am allerschlechtesten weggekommen war; denn als seine Frau nach dreijähriger Ehe starb, war er eher ärmer als vorher und hatte noch für ein Kind zu sorgen. Man nahm ihm indessen diese Ausgaben bald ab. Der Junge war, mit dem zusätzlich mildernden Anspruch der langen Krankheit seiner Mutter, das Mittel zu einer Art von Versöhnung geworden; und da Mr. und Mrs. Churchill keine eigenen Kinder noch irgendein anderes junges Wesen hatten, für das sie hätten sorgen müssen, machten sie kurz nach dem Tode von Mrs. Weston das Angebot, den kleinen Frank ganz in ihre Obhut zu nehmen. Der verwitwete Vater mag vielleicht einige Skrupel gehabt und einiges Widerstreben empfunden haben, aber andere Erwägungen ließen ihn diese überwinden und das Kind wurde der Obhut und dem Reichtum der Churchills übergeben; er selbst brauchte sich nur noch um sein eigenes Wohlergehen zu kümmern und darnach zu trachten, seine Lage zu verbessern, so gut es ging.
Eine völlige Lebensumstellung wurde wünschenswert. Er trat aus der Bürgerwehr aus und beschäftigte sich mit Handel, da er Brüder hatte, die darin in London schon gut etabliert waren, was ihm einen vorteilhaften Start ermöglichte. Es war ein Unternehmen, das ihm gerade genug Arbeit brachte. Er hatte noch immer ein kleines Haus in Highbury, wo er fast alle seine freien Tage verbrachte; und so gingen die nächsten achtzehn oder zwanzig Jahre seines Lebens zwischen nützlicher Beschäftigung und den Zerstreuungen der Gesellschaft angenehm dahin. Er hatte in der Zwischenzeit genügend Vermögen erworben – ausreichend, um sich den Kauf eines kleinen Besitzes nahe Highbury zu ermöglichen, den er sich immer gewünscht hatte. Ausreichend, um selbst eine Frau wie Miß Taylor zu heiraten, die keine Aussteuer besaß und ganz nach den Neigungen seiner freundlichen und geselligen Veranlagung zu leben.
Es war jetzt schon einige Zeit her, seit Miß Taylor begonnen hatte, seine Pläne zu beeinflussen, aber es war nicht der tyrannische Einfluß, den Jugend auf Jugend ausübt, sein Entschluß, sich nicht niederzulassen, ehe er Randalls kaufen könne, war nicht erschüttert worden, und er hatte dem Verkauf dieses Besitzes lange entgegengesehen, aber er hatte mit diesem Objekt in Aussicht ständig weitergemacht, bis alles verwirklicht war. Er hatte ein Vermögen erworben, sein Haus gekauft, eine Frau gefunden und einen neuen Lebensabschnitt begonnen, der alle Möglichkeiten größeren Glücks barg, als jener, der hinter ihm lag. Er war nie unglücklich gewesen, selbst in seiner ersten Ehe hatte sein eigenes Temperament ihn davor bewahrt, aber erst die zweite sollte ihm zeigen, wie wunderbar eine urteilsfähige und wahrhaft liebende Frau sein kann und ihm den erfreulichsten Beweis dafür liefern, daß es wesentlich besser sei zu wählen, anstatt gewählt zu werden, Dankbarkeit zu erwecken anstatt sie zu empfinden. Er brauchte nur eine ihm genehme Wahl zu treffen, sein Vermögen gehörte ausschließlich ihm, denn was Frank betraf, war dieser stillschweigend als Erbe seines Onkels erzogen worden; es war eine offen anerkannte Adoption, und Frank sollte, wenn er mündig würde, den Namen Churchill annehmen.
Es war infolgedessen höchst unwahrscheinlich, daß er je die Unterstützung seines Vaters benötigen würde. Dieser machte sich deswegen auch keine Sorgen. Die Tante war eine launische Frau und beherrschte ihren Mann völlig; aber es lag nicht in Mr. Westons Naturell, sich vorzustellen, daß eine Laune stark genug sein könnte, um jemand, der so geliebt wurde und der, wie er annahm, auch verdiente, geliebt zu werden, zu beeinflussen. Er sah seinen Sohn jedes Jahr in London und war stolz auf ihn; und diese liebevolle Beschreibung von ihm als einem ausgezeichneten jungen Mann ließ auch Highbury irgendwie stolz auf ihn sein. Er wurde als genügend zum Ort gehörig betrachtet, um seine Eigenschaften und Aussichten zu einer Sache von allgemeiner Anteilnahme zu machen. Mr. Frank Churchill war der Stolz von Highbury, und alle waren außerordentlich neugierig darauf, ihn zu sehen, obwohl das Kompliment so wenig erwidert wurde, daß er in seinem ganzen Leben noch nie dort gewesen war. Man sprach zwar oft davon, daß er kommen und seinen Vater besuchen würde, aber es wurde nie Wirklichkeit.
Jetzt, nach der Heirat seines Vaters, nahm man allgemein an, der Besuch solle als gebührende Aufmerksamkeit stattfinden. Es gab in der ganzen Stadt darüber keine abweichende Meinung, weder als Mrs. Perry mit Mrs. und Miß Bates Tee trank, noch als diese den Besuch erwiderten. Nun war es für Frank Churchill an der Zeit, sich bei ihnen sehen zu lassen, und die Hoffnung nahm zu, als man hörte, er habe seiner neuen Mutter in der Angelegenheit geschrieben. Für ein paar Tage wurde der nette Brief, den Mrs. Weston erhalten hatte, in jeder Vormittagsvisite erwähnt. »Ich nehme an, Sie haben von dem netten Brief gehört, den Mr. Frank Churchill an Mrs. Weston geschrieben hat? Ich glaube, es war wirklich ein netter Brief. Mr. Woodhouse erzählte mir davon. Er hat den Brief gesehen und er sagt, er habe nie in seinem Leben einen netteren Brief gesehen.«
Es war wirklich ein höchst geschätzter Brief. Mrs. Weston hatte sich natürlich von dem jungen Mann sehr vorteilhafte Vorstellungen gemacht; und solch freundliche Aufmerksamkeit war ein unwiderleglicher Beweis für seinen ausgeprägten gesunden Menschenverstand und ein höchstwillkommener Beitrag zu all den Glückwunschäußerungen, die ihre Heirat ihr schon beschert hatte. Sie hatte das Gefühl, eine sehr glückliche Frau zu sein, und sie lebte schon lange genug, um zu wissen, daß man sie mit Recht glücklich schätzen könne. Ihr einziger Kummer war die teilweise Trennung von Freunden, deren Freundschaft für sie sich nie abgekühlt hatte und für die es nicht leicht gewesen war, sich von ihr trennen zu müssen.
Sie wußte, daß man sie zuweilen vermißte, und konnte nicht ohne Schmerz daran denken, Emma könnte auch nur ein einziges Vergnügen versäumen oder sich auch nur eine Stunde langweilen, weil ihre Gesellschaft ihr abging; aber die gute Emma hatte keinen schwachen Charakter und war der Lage besser gewachsen, als die meisten Mädchen es gewesen wären. Sie hatte gesunden Menschenverstand, Energie und Auftrieb, weshalb man hoffen konnte, daß sie gut und glücklich über die kleinen Schwierigkeiten und Entbehrungen hinwegkommen würde. Und dann lag auch eine Beruhigung in der geringen Entfernung Randalls von Hartfield, bequem selbst für allein spazierengehende weibliche Wesen und in Mr. Westons Charakter und Verhältnissen, wo auch die herannahende Jahreszeit kein Hindernis sein würde, die Hälfte der Abende in der Woche gemeinsam zu verbringen.
Mrs. Weston betrachtete ihre ganze Lebenssituation mit Dankbarkeit, die nur für Augenblicke Bedauern aufkommen ließ. Ihre Zufriedenheit – eine Zufriedenheit, die das übliche Maß überstieg – die Freude über ihren Besitz war so offenbar, daß Emma, obwohl sie ihren Vater zu kennen glaubte, sich manchmal darüber wunderte, daß er die »arme Miß Taylor« noch immer bedauerte, wenn sie sie auf Randalls inmitten jeglichen häuslichen Komforts verließen, oder wenn sie sie am Abend weggehen sahen, von einem aufmerksamen Ehemann zur eigenen Kutsche geleitet. Aber sie ging niemals, ohne daß Mr. Woodhouse leise seufzte und sagte:
»Ach, die arme Miß Taylor! Sie wäre so froh, wenn sie bleiben könnte.«
Sie würden weder Miß Taylor zurückgewinnen, noch bestand Aussicht, daß das Bemitleiden aufhören würde; aber einige Wochen brachten Mr. Woodhouse doch eine gewisse Erleichterung. Die Glückwünsche der Nachbarn hatten aufgehört, er wurde nicht mehr länger mit Gratulationen zu diesem traurigen Ereignis belästigt; und der Hochzeitskuchen, der ihm so viele Qualen bereitet hatte, war gänzlich verzehrt worden. Sein eigener Magen konnte nichts Schweres vertragen, und er vermochte sich nie vorzustellen, daß andere Leute anders seien als er. Was ihm nicht bekam, das betrachtete er auch für andere als ungeeignet; und er hatte ihnen deshalb ernsthaft ausreden wollen, überhaupt von dem Hochzeitskuchen zu nehmen; und als sich dies als vergeblich erwies, ebenso ernsthaft versucht zu verhindern, daß jemand davon aß. Er hatte sich sogar die Mühe gemacht, Mr. Perry, den Apotheker, deshalb zu konsultieren. Mr. Perry war ein intelligenter Mann von guter Erziehung, und seine Besuche waren eine der Annehmlichkeiten in Mr. Woodhouses Leben; als er gefragt wurde, mußte er (allerdings, so schien es, sehr gegen seine innere Neigung) bestätigen, daß Hochzeitskuchen sicherlich vielen nicht bekomme – vielleicht den allermeisten, wenn man ihn nicht mit Maß genieße. Mit dieser Meinung, die seine eigene bestätigte, hoffte Mr. Woodhouse jeden Besucher des jungverheirateten Paares beeinflussen zu können; aber der Kuchen wurde dennoch gegessen und es gab für seine wohlwollenden Nerven keine Ruhe, ehe er nicht verschwunden war.
Es ging ein Gerücht in Highbury um, man habe all die kleinen Perrys mit einem Stück von Mrs. Westons Hochzeitskuchen in der Hand gesehen; aber Mr. Woodhouse wollte es nicht glauben.
Mr. Woodhouse hatte auf seine Art gern Gesellschaft. Er liebte es, wenn seine Freunde ihn besuchen kamen; und er konnte aus verschiedenen Gründen, wegen seiner langen Anwesenheit in Hartfield, seiner Gutmütigkeit, seinem Vermögen und seiner Tochter, die Besuche seines kleinen Freundeskreises weitgehend so steuern, wie es ihm paßte. Er hatte mit Familien außerhalb dieses Kreises wenig Verkehr; sein Grauen vor langem Aufbleiben und großen Dinner‐Einladungen ließen nur solche Bekanntschaften zu, die ihn entsprechend seinen eigenen Bedingungen besuchten. Glücklicherweise wohnten viele von ihnen in Highbury, das Randalls im gleichen Pfarrbezirk und Donwell Abbey, den Sitz Mr. Knightleys im angrenzenden Pfarrbezirk einschloß. Manchmal, wenn Emma ihn dazu überreden konnte, hatte er einige der Auserwählten und Besten zum Dinner bei sich; aber im allgemeinen zog er Abendeinladungen vor; und wenn er sich nicht gerade für Gesellschaft ungeeignet fühlte, gab es in der Woche kaum einen Abend, an dem Emma nicht den Kartentisch für ihn aufstellen konnte.
Echte Freundschaft von langer Dauer brachte die Westons und Mr. Knightley ins Haus und bei Mr. Elton, einem Junggesellen wider Willen, bestand kaum die Gefahr, daß er das Vorrecht verschmähte, einen trostlosen, einsam verbrachten Abend gegen die Eleganz und Gesellschaft des Woodhouseschen Empfangszimmers und das Lächeln der hübschen Tochter einzutauschen. Nach diesen Gästen kam eine zweite Garnitur; von denen Mrs. und Miß Bates sowie Mrs. Goddard am leichtesten erreichbar waren; drei Damen, die zu einem Besuch in Hartfield jederzeit bereit waren, die so oft abgeholt und wieder nach Hause gebracht wurden, wie Mr. Woodhouse glaubte, es den Pferden und James zumuten zu können. Es wäre indessen eine Kränkung gewesen, wenn dies nur einmal im Jahr stattgefunden hätte.
Mrs. Bates, die Witwe eines früheren Vikars von Highbury, war eine sehr alte Dame, die außer über Teetrinken und ein Spiel Quadrille[4] über alles hinaus war. Sie lebte mit ihrer einzigen Tochter in äußerst bescheidenen Verhältnissen, sie wurde mit all der Rücksicht und dem Respekt behandelt, den eine harmlose alte Dame deren Lebensumstände ungünstig sind, erwarten konnte. Für eine Frau, die weder jung, noch hübsch, noch reich, noch verheiratet war, erfreute sich ihre Tochter einer außerordentlichen Beliebtheit. Dadurch, daß sie so hoch in der öffentlichen Gunst stand, befand sich Miß Bates in denkbar mißlicher Lage; und sie besaß nicht die geistige Überlegenheit, mit sich selbst fertig zu werden, oder denen, die sie nicht mochten, wenigstens äußerlich Respekt abzunötigen. Sie hatte sich nie der Schönheit oder Klugheit rühmen können. Ihre Jugend war unauffällig verlaufen und ihre mittleren Lebensjahre waren der Pflege einer kränkelnden Mutter und dem Bestreben gewidmet, ihr kleines Einkommen so weit als möglich zu strecken. Dennoch war sie eine glückliche Frau, von der noch dazu niemand ohne Wohlwollen sprach. Dieses Wunder wurde durch ihre allumfassende Freundlichkeit und ihr zufriedenes Gemüt bewirkt. Jedermann hatte sie gern, sie war an jedermanns Glück interessiert, erkannte schnell die Vorzüge eines Menschen, hielt sich selbst für das glücklichste Geschöpf, das von den Wohltaten des Lebens, wie einer vortrefflichen Mutter und vielen guten Nachbarn und Freunden umgeben war, sie besaß ein Heim, in dem es an nichts fehlte. Die Einfachheit und Fröhlichkeit ihres Naturells ließen sie jedermann angenehm erscheinen und waren für sie eine Quelle des Glücks. Sie konnte auch über kleine Dinge viel erzählen, was für Mr. Woodhouse genau das Richtige war, und sie war stets voll trivialer Gedanken und harmlosen Klatsches.
