Emmi in Korea 5 - Weihnachten mit Pferdefuß - Stephanie Auten - E-Book

Emmi in Korea 5 - Weihnachten mit Pferdefuß E-Book

Stephanie Auten

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Zwischen Kimchi und K-Pop: "Emmi in Korea" - Über das Leben einer deutschen Schülerin im fernen Asien

Der Countdown läuft: In wenigen Wochen ist Heiligabend und an der Deutschen Schule in Seoul weihnachtet es schon sehr – der beliebte Weihnachtsmarkt, den die Schule jedes Jahr veranstaltet, steht vor der Tür.
Und danach wird Emmi mit ihrer Familie endlich Deutschland besuchen, das erste Mal seit ihrem Umzug nach Südkorea. Fuchs, Emmis neuer flauschiger Freund, soll natürlich mitkommen! Alles könnte so schön sein! Doch plötzlich taucht ein Problem nach dem anderen auf und die Reise steht mehr als einmal auf der Kippe...
Und zuhause in Deutschland? Dort warten nicht nur Emmis Opa und ihre besten Freunde Timo und Sina, sondern leider auch die Neue – Melanie.
Sinas neue Freundin will Emmi unbedingt kennenlernen, doch die hat darauf überhaupt keine Lust. Wenn da nicht Ärger vorprogrammiert ist!

Teil 5 der etwas anderen Buchreihe „Emmi in Korea“ über große Veränderungen, Freundschaft, Eltern und natürlich… Liebe!

Insgesamt 6 Bände sind als E-Book erhältlich:

Band 1: Emmi in Korea - Urlaub mit Folgen
Band 2: Emmi in Korea - Umzug mit Hindernissen
Band 3: Emmi in Korea - Schulstart mit Herzklopfen
Band 4: Emmi in Korea - Herbstferien mit Nervenkitzel
Band 5: Emmi in Korea - Weihnachtszeit mit Pferdefuß
Band 6: Emmi in Korea - Neujahr auf Koreanisch

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Impressum

Kapitel 1 – November in Seoul

Kapitel 2 – couple goals

Kapitel 3 – Überraschung!

Kapitel 4 – Oh, es riecht gut…

Kapitel 5 – Countdown

Kapitel 6 – Wunsch und Wirklichkeit

Kapitel 7 – Jetlag

Kapitel 8 – Tief verwurzelt

Kapitel 9 – Merry Christmas?

Ausblick und Feedback

Danksagung

Emmi in Korea

***

Band 5

Weihnachtszeit mit Pferdefuß

Impressum

©/Copyright: Berlin, 2021 – Stephanie Auten

Anschrift:

Stephanie Auten

c/o AutorenServices.de

Birkenallee 24

36037 Fulda

E-Mail: [email protected]

Korrektorat: Gitte Riedel

Umschlaggestaltung und -illustration: Katharina Netolitzky,

https://katharina-netolitzky.jimdo.com/

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Pferdefuß, der

Bedeutungen:

Fuß eines Pferdes

Negative Begleiterscheinung; unangenehme Bedingung, die in Kauf genommen werden muss

Beispiel:

Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Die Sache hat doch bestimmt einen Pferdefuß!

(Quelle: Wiktionary, Eintrag Pferdefuß)

Kapitel 1 – November in Seoul

Milk tea, Taro, Brown sugar, Matcha, Wassermelone, Grapefruit, nicht zu vergessen die allgegenwärtige rote Bohne – und das sind nur ein paar von mindestens zwanzig verschiedenen Sorten! Wie soll man sich da nur jemals entscheiden können? Seit Minuten steht Emmi in dem kleinen Laden und starrt ratlos auf die große Menükarte, die oben hinter der Theke angebracht ist. Zum Glück stehen neben den koreanischen Bezeichnungen ganz klein auch die englischen, sonst würde Emmi nicht seit drei, sondern dreißig Minuten hier in diesem Bubble-Tea-Laden stehen. Nur das Wort cha für Tee erkennt sie auf Anhieb, den Rest müsste sie erst mühsam aus dem koreanischen Alphabet entziffern.

»Bist du bald fertig?«, fragt Jeon-Kyeong prompt. Sie hat längst für sich und Anne bestellt, die draußen wartet, zusammen mit Fuchs, der just in diesem Moment bellt. »Siehst du?! Fuchs hat auch keine Lust mehr, auf dich zu warten.«

»Jajaja«, sagt Emmi unwirsch, schließt die Augen und kreist mit ihrem Zeigefinger in der Luft. »Purple Sweet Potato Milk Tea«, liest sie Jeon-Kyeong die Stelle vor, an der ihr Finger stehengeblieben ist.

»Süßkartoffel? Dein Ernst?« Jeon-Kyeong schaut sie schief von der Seite an, zuckt dann aber mit den Schultern. »Mit oder ohne Bubbeln?«

»Mit natürlich!«

»Wie viel Eis, wie viel Zucker?«

Auch das noch! Emmi hat das Gefühl, bei einer einzigen Bubble-Tea-Bestellung so viele Entscheidungen treffen zu müssen, wie sonst den ganzen Tag nicht. »Wenig Eis, 50 Prozent Zucker«, sagt sie schließlich.

»Na endlich!« Jeon-Kyeong ordert Emmis Bestellung umgehend auf Koreanisch.

Natürlich könnte Emmi auch selbst bestellen, aber Jeon-Kyeong scheint es wie immer eilig zu haben und dann übernimmt sie solche Dinge oft lieber selbst. Emmi ist es recht, auch wenn ihr klar ist, dass sie so ihr Koreanisch nicht gerade verbessert. Trotzdem: Sich überhaupt für einen Bubble-Tea-Geschmack zu entscheiden, war schwer genug, denn im Gegensatz zu Jeon-Kyeong und Anne macht Emmi es sich nicht so einfach und nimmt immer haargenau dieselbe Kombination. Stattdessen versucht sie jedes Mal, einen neuen Bubble-Tea-Geschmack zu probieren, auch wenn er noch so abgedreht klingt.

»Hast du meinen ohne bestellt?«, fragt Anne sofort, als Jeon-Kyeong und Emmi mit drei Bechern aus dem Laden kommen. Fuchs wedelt so freudig mit dem Schwanz, als wären die beiden stundenlang weggewesen. Anne bestellt ihren Bubble Tea grundsätzlich ohne die gummiartigen Perlen, weil sie irgendwann mal gelesen hat, dass Leute schon daran erstickt sind.

Emmi kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie man an einem solch kleinen Geleeball ersticken soll, deswegen nimmt sie den quietschsüßen Tee immer todesmutig mit Bubbles.

»Ja, klar«, antwortet Jeon-Kyeong, drückt Anne ihren Becher in die Hand und schnappt sich Fuchs' Leine.

Der orange-weiße Hund mit den spitzen Ohren und dem – dank Emmis intensiver Fellpflege – wieder dichter gewachsenem Fell lebt nun seit etwas mehr als vier Wochen bei Familie Mayer. Und seit etwas mehr als vier Wochen ist Jeon-Kyeong auf einmal viel netter zu Emmi als vorher. Sie reißt Emmi immer sofort die Leine aus der Hand, sobald sie sich zu dritt zum Gassi gehen treffen. Emmi hat manchmal den Eindruck, dass Jeon-Kyeong Fuchs mindestens genauso liebt wie sie es selbst tut. Und dass sie alles in der Welt darum geben würde, einen eigenen Fuchs haben zu dürfen. Doch das erlaubt ihr Vater nicht. Niemals, hat Jeon-Kyeong einmal gesagt und dabei unglaublich traurig geschaut.

Emmi läuft jedes Mal ein Schauer über den Rücken, wenn sie an Jeon-Kyeongs lauten und herrischen Vater denkt, obwohl sie ihn nur einmal bei einem Besuch bei Familie Park zuhause getroffen hat. Umso erstaunlicher, dass gerade Jeon-Kyeongs Familie Emmi und ihren Eltern dabei geholfen hat, Fuchs in den Herbstferien von der Insel Jeju ganz im Süden des Landes nach Seoul zu holen.

Wobei es nicht Jeon-Kyeongs Vater, sondern ihre Mutter gewesen war, die ihnen, ohne mit der Wimper zu zucken, geholfen hatte, die koreanischen Formulare auszufüllen und mit der Fluggesellschaft zu telefonieren. Einen englischsprechenden Tierarzt hatten sie dank Frau Parks Hilfe noch auf Jeju finden können. Jeon-Kyeongs Mutter hatte sogar angeboten, selbst nach Jeju zu fliegen, wenn Emmis Eltern an den koreanischen Behörden gescheitert wären.

Einfach unglaublich!

Ob ihnen in Deutschland jemand so geholfen hätte? Mal abgesehen von Opa vielleicht? Ob Sinas Mutter oder Timos Eltern das getan hätten? Und dann noch für jemanden wie Emmi, eine neue Mitschülerin, mit der Jeon-Kyeong bis zu den Herbstferien ja alles andere als eine innige Freundschaft gepflegt hat?

Doch seit dem Ende der Herbstferien ist alles anders. Das Verhältnis zwischen Emmi und Jeon-Kyeong ist seitdem viel, viel besser geworden. Ja, Emmi würde fast sogar behaupten, dass sie in den letzten Wochen so etwas wie Freundinnen geworden sind.

Emmi und Jeon-Kyeong – Freundinnen!

Darüber ist sie total glücklich, zumal Jeon-Kyeong Emmis erste koreanische Freundin ist. Sie nimmt den dicken Strohhalm und steckt ihn gut gelaunt durch den dünnen Plastikdeckel, mit dem der Bubble-Tea-Becher verschlossen ist. Sie liebt diesen Moment, wenn sie den allerersten Schluck aus dem Strohhalm zieht, ohne zu wissen, welcher Geschmack sie erwartet, weil sie ja jedes Mal etwas Neues nimmt. Einen Tee mit Süßkartoffelgeschmack hätte sie in Deutschland wahrscheinlich niemals ausgewählt. Aber hier in Korea hat sie in wenigen Monaten nicht nur gelernt, dass Süßkartoffelstückchen manchmal in Zucker karamellisiert und als süßer Snack gegessen werden und dass dieser Snack überraschend lecker ist – sie ist in den letzten Monaten, und nach all den Sachen, die sie schon in Südkorea erlebt hat, vielleicht auch ein klein wenig mutiger geworden.

»Und, wie findest du deine Süßkartoffel?«, fragt Jeon-Kyeong und knufft ihr in die Seite.

»Au«, macht Emmi und zuckt leicht zusammen.

»Oh, sorry!« Jeon-Kyeong reißt erschrocken die Augen auf und deutet eine kleine Verbeugung an, so wie es Koreaner es bei jeder Gelegenheit tun – zur Begrüßung, um sich zu bedanken oder zu entschuldigen.

»Reingelegt!« Emmi zwinkert Jeon-Kyeong zu und grinst. Auch wenn sie jetzt Freundinnen sind, ziehen sie sich immer noch liebend gerne gegenseitig auf. Von ihren Verletzungen merkt Emmi so gut wie gar nichts mehr. Ihr verstauchter Knöchel ist dank der Krücken, auf denen sie wochenlang laufen musste, gut verheilt, so dass Emmi wieder ohne Probleme kurze Spaziergänge machen kann. Von ihrer Wunde rechts über den Rippen wird wohl eine Narbe bleiben. Aber damit kann Emmi leben. »Meine Süßkartoffel schmeckt übrigens echt gut!« Sie nimmt noch einen tiefen Schluck.

Anne kichert. »Aus dir wird noch eine echte Koreanerin.«

Zufrieden mit ihrer Entscheidung lässt Emmi ihren Blick über die vielen Hochhäuser schweifen, die man in Deutschland wahrscheinlich als Wolkenkratzer bezeichnen würde. Der Anblick ist Emmi nach wenigen Monaten ebenso vertraut geworden wie vorher die Reihenhaussiedlung, in der sie mit ihrer Familie gelebt hat. Mindestens 20 Stockwerke hat jedes einzelne Haus, auf das Emmi gerade schaut, und komplett verglaste Fronten, in denen sich malerisch die späte Novembersonne spiegelt.

Emmi lächelt bei dem Gedanken: November und Sonne in einem Satz wäre in Deutschland absolut ausgeschlossen. Doch im Gegensatz zu Deutschland ist der Spätherbst in Südkorea wirklich wunderschön – so viel sonniger und wärmer!

Noch.

Emmi weiß bereits, dass der koreanische Winter bitterkalt werden kann. Viel, viel kälter als der deutsche Winter, der ja meist nur nass und grau ist, zumindest dort, wo Emmi noch bis vor vier Monaten gelebt hat.

Erst vor ein paar Tagen hat Jeon-Kyeong ihr erzählt, dass es in Seoul minus 10 Grad und kälter werden kann. Vor allem im Januar und Februar. Emmi hat ein bisschen Angst vor so einer Kälte. Sie kann sich gar nicht erinnern, dass es zuhause jemals so kalt gewesen wäre. Und so richtig glauben kann sie es auch noch nicht. Aber in diesem Punkt hat Jeon-Kyeong sie nicht veräppelt, Emmi hat es extra im Internet nachgelesen. Aber wenn die kleine, zierliche Koreanerin den koreanischen Winter bisher überlebt hat, dann wird Emmi das ja hoffentlich auch hinkriegen.

Doch bevor der koreanische Winter so richtig zuschlägt, wird Emmi erst einmal mit ihren Eltern, Benno und ihrem Hund Fuchs nach Hause fliegen. Das erste Mal, seit sie nach Seoul gezogen ist, über die Weihnachtsferien. Darauf freut sie sich schon unfassbar.

»Schaut mal, dort drüben!«, reißt Anne Emmi aus ihren Gedanken.

»Was ist?«, ruft Jeon-Kyeong irgendwo hinter Emmi. »Ich kann grad nicht… Fuchs ist… Fuhuuuchs!«

»Schnell, sonst ist er weg!«, ruft Anne.

»Wer denn?« Emmi versucht, unter den vielen Menschen jemanden zu entdecken, den sie kennen könnte, während sie das cremige Süßkartoffel-Getränk, das nur entfernt etwas mit Tee zu tun hat, durch ihren Strohhalm zutscht und sich darüber freut, das gleich drei der süßen gummiartigen Perlen durch den dicken Strohhalm in ihren Mund hüpfen. So ein Quatsch, dass man daran erstickt. Anne ist wirklich paranoid.

»Min-Jun«, erwidert Anne. »Dort läuft Min-Jun! Siehst du ihn nicht?«

»Wo?«, kräht Jeon-Kyeong sofort dazwischen. Wenn es jemanden gibt, den Jeon-Kyeong noch lieber mag als Fuchs, dann ist es wohl nur Min-Jun, Emmis hübscher, aber wortkarger Banknachbar.

Emmi versucht, in der Menschenmenge Jeon-Kyeongs nicht ganz so heimlichen Schwarm auszumachen. Das ist alles andere als einfach, denn sie stehen auf einer der belebtesten Straßen von Gangnam. Und das wiederum ist eines der bekanntesten Viertel Seouls. Nicht nur Emmi und ihre beiden Mitschülerinnen sind regelmäßig am Wochenende dort unterwegs, halb Seoul scheint die Sonntage mit Bummeln in Gangnam zu verbringen. Viele haben nicht nur Kaffeebecher aus Plastik, sondern auch Einkaufstaschen in der Hand, denn in Korea haben nicht nur die Cafés, sondern fast alle anderen Geschäfte auch am Sonntag geöffnet. Emmi trinkt keinen Kaffee. Dafür viel lieber Bubble Tea.

»Ich seh ihn nicht«, sagt Emmi und kneift die Augen zusammen.

»Wo kuckst du denn auch hin?«, ruft Anne. »Da! Schnell!« Sie wedelt mit dem Zeigefinger vehement in Richtung einer großen Eingangstür, die zu einem der Wolkenkratzer auf der anderen Straßenseite gehört. An der Fassade hängen an jedem Stockwerk diese schrill-bunten und typischen koreanischen Werbeschilder. Für Emmi sind sie immer noch wie Hieroglyphen. Zwar kann sie die Schrift nach nur wenigen Monaten dank des Koreanischunterrichts an der Schule gut lesen, das heißt aber noch lange nicht, dass sie auch versteht, was sie da liest…

»Jetzt habt ihr ihn verpasst!«, sagt Anne fast ein wenig enttäuscht. »Er ist gerade dort reingegangen.«

»Fuchs! Fuchsilein!«, ruft Jeon-Kyeong und zieht den kniehohen Mischling von etwas weg, das wie ein Stück Reiscracker aussieht. Fuchs ist damit ganz und gar nicht einverstanden und stemmt sich gegen die Leine. Wenn es um verlockende Snacks geht, die einfach so auf der Straße herumliegen, entwickelt Fuchs immer einen untrüglichen Spürsinn. Und erstaunlich viel Kraft.

Jeon-Kyeong schaut auf und hebt erstaunt die Augenbrauen. »Dort ist er reingegangen?« Sie schaut Anne an. »Bist du dir sicher?«

»Klar bin ich mir sicher«, erwidert Anne.

»Nee«, sagt Jeon-Kyeong nach kurzem Zögern und schüttelt den Kopf. »Du musst ihn verwechselt haben.«

»Hab ich aber nicht!«, gibt Anne stur zurück. Um ihre Nase bilden sich zusätzlich zu ihren Sommersprossen kleine rote Flecken. Ihr Kinn, das sie sich am Berg Hallasan aufgeschlagen hat, als sie Emmi vor ihrem Sturz retten wollte, ist zum Glück sehr gut verheilt. Nur noch eine dunkle Stelle ist zu erkennen, die bald verblassen wird. »Er ist dort reingegangen, ich schwöre!«

Emmi versteht mal wieder nur Bahnhof. Wie so oft seit sie in Seoul ist. »Ist das denn jetzt so wichtig, wo er reingegangen ist?«, fragt sie und schaut von Anne zu Jeon-Kyeong und schließlich zu Fuchs, der interessiert am Hosenbein eines älteren Mannes schnüffelt.

»In dem Gebäude ist eine… Fuchs, pfui!«, macht Jeon-Kyeong und zieht ihn erschrocken von dem Mann weg. Viele Koreaner mögen keine Hunde, hat sie Emmi und Anne vor ein paar Wochen erzählt, vor allem keine großen. Emmi hat darüber gelacht, denn Fuchs ist in Emmis Augen alles andere als groß.

Groß sind Schäferhunde oder Huskys, aber Fuchs geht ihr mit seinem Kopf gerade einmal bis kurz über das Knie. Aber nachdem sie beim Gassigehen darauf geachtet hat, ist nun auch Emmi schon öfter aufgefallen, dass koreanische Hundebesitzer tatsächlich keine großen Hunderassen zu mögen scheinen – eher kleine Pudel oder Malteser, diese kleinen weißen Hunde mit dem lockigen Fell. Im Vergleich zu diesen Schoßhunden ist Fuchs mindestens zwei Nummern größer. Auch wenn er seinen Kopf nur allzu gern auf Emmis Schoß legt und sich kraulen lässt.

»In dem Gebäude ist eine… «, Jeon-Kyeong scheint ein paar Momente nach dem richtigen deutschen Wort zu suchen, »eine Tanzschule.«

Emmi lacht auf. »Eine Tanzschule?«, wiederholt sie wie ein Papagei. »Was will Min-Jun denn in einer Tanzschule?«

»Das ist nicht irgendeine Tanzschule«, erwidert Jeon-Kyeong prompt. »Das ist die Tanzschule!«

Emmi glotzt ihre neugewonnene koreanische Freundin verständnislos an. »Und was lernt er da? Walzer?«

»Oh man, Emmi!«, schaltet sich Anne ein und lacht laut los. Dann verschluckt sie sich und hustet. Und das ganz ohne Bubble-Tea-Bubbeln. »Jetzt bist du schon monatelang in Korea«, krächzt sie, »und hast immer noch nicht geschnallt, dass sich hier alles immer nur um K-Pop dreht.«

Fuchs bellt, als ob er Emmi ebenso auslachen würde. Aber eigentlich hat er nur einen dieser in Korea so beliebten kleinen blonden Pudel auf der anderen Straßenseite entdeckt.

»Ach so!« Emmi klatscht sich mit der Hand auf die Stirn. »Ich hatte die ganze Zeit so eine altmodische Tanzschule im Kopf, wo meine Eltern hingegangen sind.« Sie kichert über ihre eigene Dummheit. Natürlich wird hier kein Walzer getanzt! Oder vielleicht doch?

»Tanzschule ist vielleicht auch nicht die richtige Übersetzung«, sagt Anne und überlegt.

»Aber es steht doch so dran.« Jeon-Kyeong zeigt auf eines der vielen bunten Werbeschilder, die an dem Gebäude angebracht sind.

Emmi braucht ein paar Sekunden um zu entziffern, was dort auf Hangeul steht: Dan-ce A-ca-de-my. Der englische Begriff steht dort auf Koreanisch geschrieben. Emmi ist das schon öfter bei anderen Worten aufgefallen, ham-bur-ger zum Beispiel oder salad-e, an das die Koreaner beim Sprechen noch ein kurzes -e ranpacken.

»So so, Min-Jun geht also am Wochenende in diese Tanzschule«, Emmi betont das Wort extra, weil sie es witzig findet. »Und dort tut er was genau? Choreografien von K-Pop-Songs nachtanzen?« Sie hat das schon ein paar Mal in Hongdae, einem beliebten Ausgeh- und Shoppingviertel, gesehen. Dort treffen sich regelmäßig kleine Teenager-Grüppchen und tanzen in aller Öffentlichkeit eben solche Choreografien ihrer Idole nach. Und zwar super professionell und bis auf die kleinste Drehung genau! Um diese kleinen Tanzgruppen – manchmal sind es gleich ein paar nebeneinander – bilden sich dann immer riesige Menschentrauben und schauen beim Tanzen zu, filmen, jubeln und applaudieren, obwohl es gar nicht die echten K-Pop-Bands sind.

Emmi findet es immer witzig, diesem Spektakel zuzusehen. Von Deutschland kennt sie so etwas überhaupt nicht. Zumindest nicht einfach so mitten in einer Fußgängerzone, sondern maximal als Auftritt einer Tanzgruppe auf der Bühne des jährlichen Stadtfestes. Aber Min-Jun hat sie noch nie in einer dieser Grüppchen in Hongdae gesehen. Sie kann sich auch überhaupt nicht vorstellen, dass Min-Jun sowas tun würde. Dafür wirkt er viel zu schüchtern.

»Ich glaube, es ist viel mehr als das!«, antwortet Jeon-Kyeong geheimnisvoll.

Täuscht Emmi sich oder hat Jeon-Kyeong gerade ein ganz komisches Glitzern in den Augen?

»Diese Schule«, fährt Jeon-Kyeong fort und zeigt erneut auf das eher unscheinbare Gebäude, das mit seiner verglasten Fassade und den mindestens 15 Stockwerken aussieht wie ein ganz normales Seouler Bürohaus, »ist eine der bekanntesten und teuersten Academies in ganz Südkorea!«

»Teuer?«, fragt Emmi überrascht nach. Warum sollte jemand unsinnig viel Geld bezahlen, um tanzen zu lernen?

»Du meinst«, Anne scheint auf einmal seltsam aufgeregt, »Min-Jun wurde gecastet?«

»Wofür?«, fragt Emmi. Prompt erntet sie ein paar hochgerollte Augen von Jeon-Kyeong und beantwortet sich ihre Frage gleich selbst. »Für eine K-Pop-Band? Min-Jun?« Emmi bläst die Backen auf und starrt die dunkel verglasten Fenster an, als könne sie Min-Jun hinter einem der Fenster dabei entdecken, wie er tanzt und dabei die Hüften schwingt. »Quatsch! Der kriegt doch den Mund nicht auf!«

Zwar hat Min-Jun in den letzten Monaten immer mehr Deutsch gelernt – als Emmi ihn am ersten Schultag kennengelernt hat, konnte er nicht mehr Worte sprechen als ein Kleinkind – aber sonderlich mitteilungsbedürftig ist er immer noch nicht. Was Emmi auch kein bisschen verwundert: Wäre sie auf einer koreanischen Schule, sie würde sich noch viel, viel weniger trauen zu sprechen. Dazu kommt, dass er Emmi wahrscheinlich immer noch böse ist, dass sie ihn kurz nach Beginn ihres ersten gemeinsamen Schuljahres in Korea hat abblitzen lassen. Wegen Jan.

Wenn Emmi gewusst hätte, dass Jan sich überhaupt nicht für sie interessiert! Und wenn Emmi gewusst hätte, dass Min-Jun vielleicht der nächste große koreanische Superstar wird…

»Beim Tanzen ist das ja erstmal egal«, sagt Anne und grinst. »Aber sonderlich viel wissen wir über Min-Jun wirklich nicht. Er ist immer total still. Oder weißt du mehr, Jeon-Kyeong?«

»Haha, you wish«, sagt Emmi und beobachtet amüsiert, wie Jeon-Kyeong rot anläuft und die Lippen aufeinanderpresst. So sehr wie sie diese schlaue kleine Koreanerin mittlerweile doch ins Herz geschlossen hat, so sehr freut sich Emmi doch, sie mit irgendetwas aufziehen zu können. Und mit Min-Jun kann man Jeon-Kyeong besonders gut aufziehen. Zum Glück hat Emmi Min-Jun damals auf ihrem ersten Schulausflug nicht geküsst! Nicht auszudenken, wenn Jeon-Kyeong das mitbekommen hätte.

»Aber jetzt mal im Ernst«, Emmi streichelt Fuchs, der sichtlich keine Lust mehr auf Herumstehen hat, über den rötlich-blonden Kopf und die niedlichen spitzen Ohren, »ihr denkt doch nicht wirklich, dass Min-Jun Teil von so einer K-Pop-Band ist. Dann hätten wir doch schon längst etwas von ihm gehört!« Emmi glaubt nicht die Bohne daran, dass an der Geschichte was dran sein könnte.

Ausgerechnet Min-Jun! Ihr Banknachbar! Der Emmi ja sogar schon küssen wollte! Nicht irgendein Model aus Seoul, nein sie – Emilie Mayer, dreizehneinhalb, begriffsstutzig, aufgewachsen hinter dem Mond!

»Vielleicht bereiten sie sich erst vor«, antwortet Jeon-Kyeong sofort. »Das ist immer total geheim. Und dann – sack – gibt es plötzlich eine neue Band.«

»Zack«, berichtigt sie Anne prompt. »Du meinst zack.«

»Von mir aus« Jeon-Kyeong winkt ab. »Wollen wir warten, bis er wieder rauskommt?«

»Auf keinen Fall«, antwortet Emmi und nimmt ihr die Hundeleine ab. »Sonst fängt Fuchs hier gleich an, K-Pop zu tanzen.«

»Mein Bubble Tea ist auch schon alle«, sagt Anne und zuckt mit den Schultern, »und ich muss eh bald heim.«

Jeon-Kyeong zieht eine Schnute. »Ach, kommt schon! Emmi?«

»Sorry«, Emmi schüttelt den Kopf. »Er ist doch gerade erst reingegangen. Wenn er wirklich dort trainiert, dauert das doch mindestens eine Stunde. Musst du nicht auch langsam heim?«

Jeon-Kyeong lebt mit ihren Eltern fast am Rand von Seoul. Es dauert jedes Mal mindestens eine Stunde für sie, in die Innenstadt zu kommen. Auch ihr täglicher Weg zur Deutschen Schule, die nördlich des großen Flusses Han in einem Viertel namens Hannam-dong liegt, ist dementsprechend lang.

»Ja«, gibt Jeon-Kyeong schließlich zu und seufzt enttäuscht. »Ich muss noch Geige üben.«

****

»Fuchs!« quietscht Benno aufgeregt, als Emmi zur Wohnungstür hereinkommt. Dabei lispelt er immer das s am Ende so süß. Er ignoriert Emmi und stürzt sich sofort mit ausgestreckten Armen auf den Hund, der nur unwesentlich kleiner als Emmis fast zweijähriger Bruder ist. Zumindest wenn Benno aufrecht steht.

Emmi kennt das schon. Seit Fuchs da ist, ist Emmi bei Benno völlig abgemeldet, ebenso Papa. Nur Mama kommt manchmal noch vor Fuchs. Aber nur, wenn er sich weh getan oder Hunger hat.

Emmi ist jedes Mal aufs Neue erstaunt, wieviel sich Fuchs von Benno gefallen lässt, obwohl der Hund erst ein paar Wochen bei ihnen ist. Benno greift mit seinen kleinen Händchen manchmal richtig fest ins Fell, anstatt ihn zu streicheln. Oder er zieht ihn am Schwanz, lacht dabei und wartet auf Fuchs Reaktion.

Zum Glück scheint Fuchs ein wirklich schlauer Hund zu sein, denn er hat schnell begriffen, dass Ignorieren am ehesten dazu führt, dass Benno mit solchen fiesen Sachen wie am Schwanz ziehen aufhört.

»Emmi! Da bist du ja!«, ruft Mama aus dem Schlafzimmer. Sie hat sich dort einen kleinen Arbeitsplatz mit einem Mini-Schreibtisch und ihrem Laptop eingerichtet.

»Machst du schon wieder Hausaufgaben?«, ruft Emmi zurück.

Kurz nach ihrer Rückkehr von der Insel Jeju zum Ende der Herbstferien hat Mama Mayer eine Online-Weiterbildung begonnen.

---ENDE DER LESEPROBE---