Emmis Hoffen und Bangen - Anna Maria Luft - E-Book

Emmis Hoffen und Bangen E-Book

Anna Maria Luft

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Beschreibung

1945 war der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. 4,8 Millionen deutsche Soldaten waren ihm zum Opfer gefallen, doch viele von ihnen blieben noch vermisst. Emmi Brunner, die mit ihren beiden Kindern im oberfränkischen Vierhofen, nahe der Porzellanstadt Selb im Fichtelgebirge, lebte, wartete auch auf ihren Ehemann. Einige Soldaten, die womöglich in Kriegsgefangenschaft festgehalten wurden, kamen im Laufe der Jahre nach Hause, aber Fridolin Brunner war nicht dabei. Emmi bat das Deutsche Rote Kreuz und andere Organisationen um Hilfe, ein Lebenszeichen ihres vermissten Mannes zu erhalten, aber auch diese konnten ihr nicht weiterhelfen. Die Sowjetunion, wo es vermutlich die meisten Kriegsgefangenen gab, hielt sich bedeckt. Die Hungersnot war groß in dieser Zeit. Auch Emmi mit ihrer Familie hatte nicht viel zu essen, doch sie mussten nicht so sehr hungern wie viele andere. Aber auch ihnen fehlte im sehr kalten Winter 1947/48 die Kohle. Mit den gesammelten dürren Ästen und dem Reisig, die rasch wieder verbraucht waren, konnten sie nicht die Räume erwärmen. Armin und Monika, Emmis Kinder, nahmen das Leben mit Freunden einerseits von der leichteren Seite, andererseits waren sie ständig hungrig und glaubten, nicht genügend zum Essen zu erhalten. Emmi konnte sie vorerst mit dem wenig verdienten Geld nicht zufriedenstellend mit Nahrung versorgen. Immer wieder kamen Soldaten in ihre Heimat zurück, aber Fridolin war nicht unter ihnen. Dennoch schlich sich bei Emmi der Funke Hoffnung ins Herz, er würde doch noch zurückkehren. Eines Tages geschah etwas, das ihr Leben verändern sollte.

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Seitenzahl: 231

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Es gibt ein Bleiben im Gehen Ein Gewinnen im Verlieren Im Ende einen Neuanfang.(aus Japan)

Anna Maria Luft

Historischer Roman der Nachkriegsjahre

Handlungen und Namen von Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind Zufall.

Die Tatsachen in diesem Roman sind historischer Art.

© 2021 Anna Maria Luft

Umschlag, Illustration: Hans-Joachim Luft

Lektorat, Korrektorat: Autorin

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback

978-3-347-41061-9

Hardcover

978-3-347-41062-6

e-Book

978-3-347-41063-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

1

In dem fränkischen Ort Vierhofen, nahe der Porzellanstadt Selb im oberfränkischen Fichtelgebirge, wohnte Emmi Brunner mit ihren beiden Kindern, dem zwölfjährigen Armin und der dreijährigen Monika.

Emmis Mann, der Vater der beiden, war noch nicht aus dem Krieg zurückgekommen, obwohl man bereits das Jahr 1947 schrieb. Emmi erlebte jedoch immer wieder, dass einzelne Kriegsgefangene auch jetzt noch zurückkehrten. Das brachte ihr vorübergehend einen Funken Hoffnung, aber ihr Leben bestand weiterhin aus Bangen und großer Sorge um ihren Mann. Vor allem in den Nächten wurde sie wach und musste an ihn denken. Wo war er nur? Lebte er überhaupt noch? Keiner konnte ihr diese Frage beantworten. Wie oft hatte sie sich an das Rote Kreuz und an andere Institutionen gewandt, doch immer ergebnislos.

Auch die Kinder vermissten ihren Vater sehr. Emmi erzog sie in der Hoffnung, er würde wieder nach Hause zurückkehren. Oft nahm sie ihren Nachwuchs tröstend in die Arme und versuchte, ihnen Wärme und Geborgenheit zu geben. Wenn es an der Haustür klingelte, hofften sie alle drei, der Vater sei zu ihnen zurückgekehrt, aber ihre Enttäuschung war jedes Mal groß, weil er es nicht war.

Emmis Heimat war ursprünglich Berlin. Fünf Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sie als Neunzehnjährige Fridolin kennengelernt. Er war Porzellanmaler in einer Selber Manufaktur und hatte seinerzeit in der Berliner Zweigfirma einen vierwöchigen Malkurs belegt. Der großgewachsene junge Mann mit den pechschwarzen Haaren, den dunklen Augen mit dem freundlichen Blick, war durchaus nicht schüchtern. Als er am Kudamm das hübsche Mädchen Emmi mit den blonden langen Haaren vor einem Schaufenster entdeckte, sprach er sie an und lud sie gleich zum Kranzler, dem bekanntesten Berliner Café, ein. Erst überlegte sie, ob sie seine Einladung annehmen sollte. Doch dann sagte sie: „Danke, nett von Ihnen. Ich komme gerne mit.“

Bei Kaffee und Kuchen hatten sie sich einiges aus ihrem Leben zu erzählen. In den nächsten Tagen trafen sie sich täglich und verliebten sich ineinander. Eines Tages fragte er sie: „Emmi, willst du meine Frau werden und mit mir in meine fränkische Heimat ziehen?“

Er hatte nicht lange auf eine Antwort warten müssen. „Ja, das möchte ich gerne, deine Frau werden“, hauchte sie und ließ sich von Fridolin küssen. Aber gleich fiel ihr ein, dass sie noch nicht volljährig war und nicht selbst über ihr weiteres Leben entscheiden konnte. „Ich muss erst meine Eltern um Erlaubnis bitten. Ich bin noch keine 21 Jahre und darf noch nicht über mich selbst bestimmen“, hatte sie ihm erklärt. Er hatte genickt und gemeint, er würde um ihre Hand anhalten, und er hoffe, ihre Eltern würden ja sagen.

„Das hoffe ich auch“, hatte sie vernehmen lassen.

Nachdem Fridolin bei ihren Eltern seine Bitte vorgetragen hatte, waren sie über seine Frage so konsterniert, dass sie ihn ohne eine Antwort wieder wegschickten. Emmi hatte nun selbst versucht, mit ihnen zu reden.

Der Vater sagte: „Was fällt dir ein, Emmi. Du wirst diesen Mann nicht heiraten, verstanden? Wir haben das zu entscheiden, denn du bist noch nicht volljährig und viel zu jung für eine Ehe. Vielleicht würdest du eines Tages bereuen, ihn geheiratet zu haben. Was dann? Dann bist du weit weg von uns.“

„Wir lieben uns doch, Papa. Habt ihr euch nicht auch geliebt und geheiratet? Wie alt war damals Mama?“

„Spielt das jetzt eine Rolle?“

„Ja. Also, wie alt war Mama damals?“

„Sie war zwanzig.“

„Nur ein halbes Jahr älter als ich es jetzt bin. Ich werde in vier Monaten auch zwanzig.“

„Aber wir haben etwas gegen deinen Plan. Und jetzt bist du sofort still und erklärst deinem Liebhaber, dass nichts daraus wird.“

Emmi verzog das Gesicht. Sie atmete hastig aus und ein. Dann murmelte sie: „Ich werde ihn doch heiraten, meinen Fridolin.“

„Du kennst ihn ja nicht einmal genügend.“

„Doch, ich kenne ihn gut. Und ihr werdet mein Leben nicht zerstören. Ich bin alt genug, um zu wissen, was ich tun möchte.“

„Du zerstörst dir dein Leben selbst, wenn du heiratest und von Berlin fortziehst. Du hast dir das nicht genug überlegt. Lass dir damit doch Zeit. Emmi, der Sohn vom Rechtsanwalt Radke, der Bruno, hat schon lange ein Auge auf dich geworfen. Das wäre ein Mann für dich, ein sehr intelligenter, dir gleichgestellt. Er hat auch erst wie du das Abitur gemacht. Was ist mit deinen Vorstellungen, die du nach dem Abitur verwirklichen wolltest? Willst du deine Pläne verwerfen?“

Emmi verzog nur das Gesicht und antwortete nicht auf diese Frage. Stattdessen sagte sie: „Ein Angeber ist der Bruno. Er ist mir sehr unsympathisch. Ich will nichts mit ihm zu tun haben. Meinst du etwa, es kommt im Leben nur auf das Abitur an?“

„Nein, so habe ich es auch nicht gemeint. Wir müssen erst einmal mit Mama reden. Sie wird gleich da sein.“

Lisa, die Mutter, war in wenigen Minuten vom Einkaufen zurückgekommen. Als sie von ihrem Mann erfuhr, was die Tochter vorhabe, gab sie sich ebenso entsetzt wie er. Sie begann zu toben, was sich Emmi erlaube, gegen den Willen ihrer Eltern einen Mann zu heiraten, obwohl sie noch nicht einmal volljährig sei.

Emmi hatte den Kopf geschüttelt: „Und hast du nicht auch Papa geheiratet, weil du ihn geliebt hast?“

„Ich habe doch Zeit genug gehabt, mir das genau zu überlegen. Aber du konntest dir doch noch keine Gedanken über alles machen, weil euch die Zeit dazu gefehlt hat. Warum musst du unbedingt diesen Bayern heiraten und dein geliebtes Berlin verlassen?“

„Weil ich Fridolin mehr als meine Heimat liebe. Warum wollt ihr das nicht kapieren?“

Konsterniert über Emmis schnippische Art, rief sie: „Dieses Benehmen hast du also schon von diesem bayrischen Jüngling übernommen.“

Lange noch stritten die Eltern mit ihrer Tochter weiter, bis der Vater und die Mutter zu dem Schluss kamen, ihr Einverständnis zu dieser Ehe abzugeben. Der Vater sagte: „Emmi, du wirst das selbst ausbaden müssen, was du dir einbrockst, wenn du fortgehst und Fridolin heiratest. Versuche aber nicht, reumütig zurückzukehren.“

Diese Worte waren hart für Emmi. Dennoch zog sie eine Woche später mit Fridolin nach Vierhofen. Sie wollte mit diesem Mann für immer zusammen sein.

So ließen sie sich bald in dem kleinen Kirchlein in Vierhofen trauen.

Mit ihrem Schwiegervater Johannes verstand sich Emmi prächtig. Sie hatte das Gefühl, er war froh, dass sein Sohn eine Frau gefunden hatte, die ihn glücklich machen konnte. Die Mutter Fridolins war schon lange tot. Noch jung war sie bereits aus dem Leben gerissen worden. Die Krankheit Krebs nahm keine Rücksicht darauf, ob ein Mensch jung oder alt war.

Emmi stellte bald in ihrer neuen Heimat fest, dass sie nicht bereute, von daheim weggegangen zu sein, weil sie sehr glücklich war. Sie versuchte jedoch, mit ihren Eltern in Verbindung zu bleiben. Leicht war das nicht. Sie gaben nur selten eine Antwort auf die Zeilen ihrer Tochter. Dabei hielten sie ihre Gefühle vollkommen zurück.

Nach einem Jahr bekamen Emmi und Fridolin einen Sohn. Das schmiedete die beiden Eheleute noch fester zusammen. Auch dieses freudige Ereignis teilte Emmi ihren Eltern mit. Ihre Antwort darauf fiel kühl aus. So hatte Emmi das Empfinden, dass es sie nicht weiter berührte, jetzt einen Enkel zu haben.

Im Jahr 1940 war Fridolin zum Entsetzen seiner Frau und seines Vaters in den Krieg eingezogen worden. Traurigen Herzens hatte er Abschied von seiner Familie genommen. Seinen kleinen Sohn hatte er noch einmal zärtlich an seine Brust gedrückt, seine Frau leidenschaftlich geküsst. Seinen Vater, der ihm auf die Stirne ein Aschekreuz gezeichnet hatte, nahm er in die Arme und meinte, dass der Krieg sicher nicht lange dauern könne und er bald wieder daheim sein würde. „Gott behüte dich, mein Sohn“, flüsterte ihm der Vater zu. Emmi fing heftig an zu weinen. Schwiegervater Johannes versuchte sie zu trösten, aber es konnte ihm nicht gelingen, zumal er selbst Trauer in seinem Herzen trug. Beide winkten sie Fridolin nach, bis er ihren Blicken vollkommen entschwunden war.

Drei Jahre später, 1943, hatte Fridolin einen Heimaturlaub erhalten, da seine Kompanie verlegt werden musste. Sein Vater war bereits 1942 verstorben und konnte die vorübergehende Heimkehr seines Sohnes nicht mehr erleben.

Emmi hätte am liebsten Fridolin nicht mehr fortgehen lassen wollen, so sehr gewöhnte sie sich wieder an das Eheglück. In dieser Zeit wurde ein kleines Mädchen gezeugt, das 1944 geboren wurde. Sie ließen es auf den Namen Monika taufen. Auch dieses Ereignis schrieb die Tochter ihren Eltern. Darauf bekam Emmi nicht einmal eine Antwort. Darüber wurde sie tieftraurig.

Anfang 1945 schickte Cousine Margarete aus Berlin an Emmi eine sehr schmerzhafte Nachricht. Sie teilte ihr mit, dass ihr Vater und ihre Mutter im Keller der Nachbarn bei einem Fliegerangriff verschüttet worden waren und dabei erstickten. Emmi war darüber sehr betrübt. Sie fühlte sich schuldig, weil sie ihre Eltern damals verlassen hatte. Tagelang weinte sie. Etwas Trost spendete ihr die Nachbarin Maria, mit der sie sich schon einige Zeit angefreundet hatte.

2

Heute trippelte Armin am frühen Vormittag die Treppe hinunter, um hinter dem frei stehenden Haus im Hühnerstall nach Eiern zu suchen.

Das Federvieh war so laut, dass er sich die Ohren zuhalten musste. Plötzlich war ein Huhn so aufgeregt, dass es über sein Haar flatterte. Der Junge befürchtete, es würde sich, wie schon einmal, darin verfangen. Doch das passierte diesmal nicht.

Armin entdeckte kein einziges Ei. Sollte das Federvieh keine gelegt haben? Leicht ärgerlich rief er: „Seid endlich still! Habt ihr denn heute keine Eier gelegt?“

Auch während er weiter suchte, beruhigten sich die Hühner nicht. Bald kam ihm die Idee, im Schuppen nebenan nachzusehen. Es war schon öfter vorgekommen, dass sie hier ihr Gelege versteckt hatten.

Tatsächlich fand Armin zwischen dem rostigen Werkzeug, das sein Opa hinterlassen hatte, drei Eier. Eines davon war bereits zerbrochen und lief aus.

Dieser Schuppen hatte einst Johannes Brunner, Armins und Monikas Opa, gehört.

Nachdem der Junge fündig geworden war, stieg er wieder nach oben, um den Herd anzufeuern. Das Holz reichte gerade noch, um eine Mahlzeit zubereiten zu können. Es kamen ein paar Schinkenstücke in die Eierspeise hinein, worum ihn alle Welt beneidete. Es schmeckte wundervoll. Leider ging das Geräucherte allmählich zur Neige. Armin hatte es von einem Bauern für seine Mithilfe bei der Heuernte erhalten.

Er schnitt vom Brotlaib ein paar Scheiben ab. Die Stücke durften nicht zu dick ausfallen. Darauf bestand seine Mutter. Brot war zu dieser Zeit eines der wichtigsten und verhältnismäßig teuersten Nahrungsmittel. Es musste also gut eingeteilt werden. Emmi achtete stets darauf, dass sparsam damit umgegangen wurde. Eine Scheibe Brot war sehr kostbar, besonders für Flüchtlinge und Heimatvertriebene.

Es gab zu dieser Zeit viele Menschen, die jeden Tag Gott darum baten. Sie beteten: Herr, gib uns unser tägliches Brot.

Armin hatte seit einigen Tagen von seiner Mutter die Aufgabe übernommen, täglich das Frühstück zuzubereiten. Damit konnte er sie entlasten, da sie sich bereits in der Früh um seine kleine Schwester Monika kümmern musste.

Heute, als Emmi mit der Kleinen zur Tür hereinkam, entdeckte sie sofort auf ihrem Teller die von Armin zubereitete Eierspeise. „Danke, Armin, das hast du wieder gut gemacht“, lobte sie. Ehe sie zu essen begann, bereitete sie rasch für Monika einen Brei aus Trockenmilch und Mehl zu. In einer Schublade befand sich sogar noch ein winziger Restbestand an Zucker. Davon streute sie etwas auf die Speise. Danach brühte sie Malzkaffee auf. Die Kinder waren damit zufrieden. Sie selbst jedoch hätte gerne Bohnenkaffee getrunken, und wenn es nur eine einzige Tasse gewesen wäre, aber wovon sollte sie ihn bezahlen? Sie verdiente in der Firma nicht genug, um sich Besonderheiten leisten zu können.

Sie litt immer noch sehr darunter, dass ihre Eltern verstorben waren, vor allem einen so schlimmen Tod erlitten hatten. Immer öfter dachte sie an sie. Wie weh ihr das jetzt tat, dass sie zu ihnen in deren letzten Lebensjahren nicht wieder die innige Beziehung von früher herstellen hatte können.

Auch dachte sie oft an ihren Mann, der jetzt, 1947, immer noch nicht heimgekehrt war. Sie überlegte, ob Fridolin womöglich in russischer Gefangenschaft sein würde. Die Sowjets weigerten sich jedoch, die Namen der in Gewahrsam befindlichen Personen bekannt zu geben.

Einmal hatte Emmi erfahren, dass man sogar Soldaten nach Amerika verschleppt hatte. Auch die Namen dieser Männer waren unbekannt.

Rita Reusner, Emmis Nachbarin im übernächsten Haus, wartete auf ihren Mann und verlor allmählich den Glauben daran, dass ihr Günter noch am Leben war. So suchte sie das Standesamt auf, um ihn für tot erklären zu lassen. Damit erhoffte sie sich eine Hinterbliebenenrente, denn das bisschen Geld, das sie von der Gemeinde erhielt, reichte nicht zum Ernähren ihrer drei Kinder. Man erklärte ihr jedoch, sie müsse noch eine längere Zeit warten, weil es sein könne, dass ihr Mann doch noch heimkehre. Das wünschte sich Frau Reusner selbst auch. Sie fand bald eine Putzstelle und kam mit dem zusätzlich verdienten Geld so einigermaßen über die Runden. Zumindest konnten sich ihre Kinder wieder satt essen.

Bald darauf kehrte Ritas Mann zurück. Er war in französischer Gefangenschaft gewesen. Oh, welche Freude! Die Reusners wurden wieder eine glückliche Familie.

Von den zwei Soldaten, die 1947 auch wieder heimkehrten, war einer aus Russland gekommen. Emmi gelang es, mit ihm zu reden. Der Heimkehrer sprach von fürchterlichen Misshandlungen. Er war der Auffassung, die deutschen Soldaten müssten hemmungslos für die Verbrechen Hitlers büßen. Viele Soldaten kostete die schlimme Behandlung der Russen das Leben. Die Lagerkommandanten hatten der Zivilbevölkerung verboten, die Kriegsgefangenen mit Lebensmitteln zu unterstützen. Eher ließen sie sie verhungern. Auch wurden viele Soldaten erschossen.

Der andere Heimkehrer hatte sein linkes Bein verloren. Zu Emmis Fragen schwieg er hartnäckig. Sie konnte verstehen, dass ihm nicht nach Reden zumute war. Sie nahm sich vor, dies ein andermal zu versuchen.

Man hatte erfahren, dass Hitler am 30.4.1945 im Bunker der Berliner Reichskanzlei selbst seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. In den Jahren vorher waren alle Pläne der Widerstandsbewegung zu seiner Beseitigung gescheitert. Seinen Maßnahmen zur „Endlösung der Judenfrage“ in den Konzentrationslagern und seiner Rassenpolitik fielen Millionen Menschen zum Opfer.

Heute saß Emmi mit ihren Kindern länger als sonst beim Frühstück. Armin wollte von seiner Mutter etwas über Adolf Hitler wissen. Emmi rümpfte die Nase, ehe sie begann: „Diesem Scheusal haben wir den grausamen Krieg zu verdanken. Er wollte beinahe die ganze Welt besiegen. Alle Juden ließ er in den Konzentrationslagern umbringen. Und auch noch viele andere Menschen…“

Emmi wollte weiter berichten, doch Armin meinte, er müsse gleich zur Schule gehen, aber sie könnten am Abend noch einmal darüber reden. Er war sich sicher, dass seine strenge Lehrerin, Fräulein Keller, keine Verspätung dulde.

„Mit dem Rad bist du doch schnell hingefahren“, sagte die Mutter. „Und mach dir bitte noch ein Pausenbrot zurecht. Ich habe gestern 100 Gramm Mettwurst gekauft. Davon kannst du dir etwa die Hälfte aufstreichen.“

Armin lächelte. „Prima Mutti, danke.“

Emmi war großzügig, dennoch sparsam. Sie konnte ihre Nahrungsmittel gut einteilen. Die andere Hälfte Wurst wurde noch für den Abend benötigt. Die Mutter strich dick Margarine auf die Brote, dann kam eine dünne Schicht Mettwurst darauf. Zum Trinken reichte sie Pfefferminztee oder einen Tee aus Lindenblüten. Beides hatten die Kinder bereits über, aber sie tranken das Angebotene dennoch. Ansonsten hätten sie ihren Durst an der Wasserleitung löschen müssen. Die Kinder taten dies bereits öfter an den Nachmittagen.

Nun machte sich Armin bereit, mit dem Rad zur Schule zu fahren. Als er zu seinem Fahrrad kam, das er am Tag vorher an die Hauswand gelehnt hatte, wurde er darüber ärgerlich, dass abermals die Luft aus dem Reifen gelassen worden war. Erneut hielt er Karli für den Übeltäter. Einmal hatte er ihn bereits dabei ertappt.

Der Flüchtlingsjunge Karli schien ihm das Fahrrad zu missgönnen. Er war vor einem Jahr mit seiner Mutter und seinem großen Bruder aus dem Sudetenland vertrieben worden und auf Umwegen in Vierhofen angekommen. Sein Vater hatte seine Angehörigen gesucht, wobei ihm das Rote Kreuz geholfen hatte. So war die Familie wieder vereint.

Armin fehlte jetzt die Zeit, sein Rad wieder fahrbereit zu machen. Es war nicht sein eigenes, sondern das alte, eiserne Fahrrad seiner Mutter. Vorher hatte es seinem Opa gehört. Das Rad war schwer und ließ sich nicht gut lenken. Trotzdem war Armin glücklich, es benutzen zu dürfen. Jetzt ließ er es stehen und ging zu Fuß. Warum auch nicht? Alle anderen Schüler und Schülerinnen, bis auf ein paar Ausnahmen, taten dies täglich, weil sie über kein Fahrrad verfügten. Selbst Otto, dessen Eltern einen großen Bauernhof bei Wiesenbrunn besaßen, hatte täglich etwa 40 Minuten Schulweg und das auch bei Kälte und Schnee. Armin benötigte zu Fuß fünfzehn, mit dem Fahrrad nur acht Minuten.

Heute traf er bei der nächsten Kreuzung seinen Freund Herrmann. Er war zwei Jahre älter und besuchte eine Klasse über ihm. Ihm erzählte er sein Malheur. „Karli hat wieder einmal die Luft aus meinem Rad gelassen. Er will mich unbedingt schädigen, weil er neidisch ist. Ich weiß mit Sicherheit, dass er es war.“

Im nächsten Moment ärgerte sich Armin über seinen Freund, der eine Grimasse zog und entgegnete: „Wundert dich, dass er so ist? Er hat seine Heimat verloren und er hat mit seiner Familie nur ein einziges Zimmer zum Wohnen, Schlafen, Essen und Kochen. Das hält doch keine Sau aus, vier Personen in einer Stube. Und ihr habt ein ganzes Haus.“

Armin entgegnete ärgerlich: „Aber wir haben kein Geld, es richten zu lassen. Das müsste dringend sein. Der Putz fällt von den Wänden und von der Decke. – Bist du mir etwa auch neidisch?“

„Nein! Wir haben Glück gehabt. Unsere Verwandten haben uns die Hälfte des Hauses zur Verfügung gestellt. Stell dir vor, mein Vater will mir ein Rad basteln. Er hat schon fast alle Teile zusammen. Bald fängt er damit an.“

Armin lächelte. „Prima! Schön, dass du einen Vater hast. Meiner kommt nicht mehr vom Krieg zurück.“

„Weiß man das? Er könnte ja in Kriegsgefangenschaft sein. Der Ludwig Maier ist auch wieder heimgekommen.“

Armin zuckte mit den Schultern. Er glaubte nicht mehr an die Rückkehr seines Vaters, seine Mutter auch nicht mehr. Wenn sie abends handarbeitete, beobachtete er oft, dass Tränen über ihre Wangen tropften. Er wusste, dass sie manchmal auch heimlich in ihrem Schlafzimmer weinte. Emmi strickte für den kommenden Winter Socken für ihren Mann, von dem sie nicht wusste, ob er noch zurückkehren würde. Für Armin fertigte sie ebenfalls welche an, für die kleine Monika Strümpfchen und einen Pulli. Da die Wolle sehr teuer war, trennte sie viele gestrickte Kleidungsstücke, die nicht mehr gebraucht wurden, auf.

Langsam ging Armin mit seinem Freund weiter, bis Herrmann abrupt stehenblieb. „Mir ist was eingefallen“, verkündete er.

Armin blickte seinen Freund neugierig an. Herrmann hatte meistens sehr gute Ideen. „Und was?“

„Ihr habt doch hinter eurem Haus eine Wiese. Wir haben dort schon öfter Ball gespielt. Könntest du das mit Karli auch mal machen? Er würde sich darüber sehr freuen.“

Armin blickte böse. „Bist du deppert? Er lässt die Luft aus meinem Rad und ich soll ihn einladen? Außerdem mag er mich nicht.“

„Ob er dich mag, kannst du erst feststellen, wenn er bei dir gewesen ist. Karli ist nicht ohne.“

Armin ballte heimlich die Fäuste in seiner Hosentasche. „Meinetwegen kann er dein Freund sein.“

Herrmann durchschaute ihn. „Sei nicht eifersüchtig. Wir bleiben doch auch Freunde.“

Armin zweifelte daran. „Stimmt das wirklich?“

„Ja. Armin, du bist nett, aber dir fehlt das Mitleid mit uns Flüchtlingen. Ich bin auch einer von ihnen.“

Vorerst schwieg der Freund, worauf Herrmann sagte: „Du machst ein Gesicht, als hättest du Spinnen gefressen.“

„Glaubst du etwa, dass uns Einheimischen alles in den Schoß fällt?“

„Na ja! Von deinem Frühstück mit Eiern und Speck hast du mir doch erzählt. Ihr lebt ja wie die Made im Speck.“

„Jetzt reicht’s mir aber“, schrie Armin wütend. „Ich hab von einem Bauern etwas Speck gekriegt, weil ich bei ihm gearbeitet hab. Irgendwann haben wir nichts mehr davon.“

„Karli und seine Familie haben ein CARE-Paket gekriegt. Sie sind wirklich arm und brauchen das.“

Armin hatte noch nie etwas von einem CARE-Paket gehört. Deshalb erkundigte er sich: „Was ist denn das, ein CARE-Paket?“

„Die Amis schicken sie an arme Deutsche.“

„Sag mal, Herrmann, was ist in so einem Paket drinnen?“

„Gute Sachen: Frühstücksfleisch, Rindfleisch, Zucker, Mehl, Trockenobst, Schokolade und Kaffee. Aber jetzt muss der Karli mit seiner Familie wieder hungern, weil alles aufgegessen ist.“

„Herrmann, wohin muss ich mich wenden, um so ein Paket zu kriegen?“, wollte Armin wissen.

Der Freund gab sich entsetzt. „Du? Du willst ein Paket haben? Lass es lieber den Armen. Ihr haut euch ein Ei in die Pfanne, holt Tomaten und Salat aus dem Garten und ….“

„Sei still“, unterbrach Armin ihn. „Auch wenn du es mir nicht glaubst, wir hungern trotzdem. – Du tust so, als wärest du der Präsident der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge. – Jetzt habe ich nur noch eine Frage: Kommst du heute Nachmittag oder nicht?“

„Meine Antwort kennst du. Wenn Karli nicht mitkommen darf, komme ich auch nicht.“

Wütend erwiderte Armin: „Dann lass es bleiben, du dummer Esel, du dummer!“

„Der Esel bist du, Armin. Karli ist ein wirklicher Kumpel. Er macht alles mit. Stell dir mal vor: Wir sind zusammen auf einen Zug gestiegen und haben Kohlen geklaut. Sonst wären wir daheim erfroren.“

Armin blickte Herrmann ungläubig an. „Das ist doch nicht wahr, was du sagst. Du willst nur angeben. – Oder seid ihr wirklich Kohlendiebe?“

„Das waren wir.“

„Weißt du nicht, dass es Brennstoffmarken gibt?“

„Brennstoffmarken? Bist du so naiv? Der Brennstoff reicht nicht für alle aus. Wir Armen kriegen ohnehin nichts. Jetzt kommt bald der Winter. Hoffentlich müssen wir nicht in der Schule und daheim frieren. Die Krankenhäuser werden bevorzugt, sagt mein Papa.“

„Ist ja auch richtig so. Wir sammeln im Wald Holz. Wir holen uns Reisig und dürre Äste.“

Herrmann fragte seinen Freund: „Hast du schon mal was von Kahlschlag gehört?“

„Ja, aber wir sägen doch keine Bäume ab. Ich möchte jetzt endlich wissen: Kommst du heute?“

„Nein! Wie oft muss ich das noch sagen? Ohne Karli komme ich nicht.“

Armin biss sich auf die Lippen: „Dann geh hin, wo der Pfeffer wächst. Bist du mein Freund oder nicht?“

„Bald nicht mehr.“

Armin erzählte am Abend den Vorfall seiner Mutter. Sie meinte dazu: „Lass Karli doch mal zusammen mit Herrmann kommen.“

„Nein, Karli hat die Luft aus meinem Rad gelassen.“

„Er ist verbittert, weil er selbst kein Rad hat.“

„Aber er muss mich deshalb nicht schädigen.“

„Stimmt! Trotzdem könntest du ihn mit deinem Rad fahren lassen.“

Armin war verblüfft. „Mama, meinst du das im Ernst? Er macht mir das Rad kaputt.“

„Iwo! Dieses Rad ist sehr, sehr stabil.“

Armin war enttäuscht von seiner Mutter. Er hatte sich gewünscht, sie würde seine Meinung vertreten.

Am nächsten Tag trafen Armin und Karli beim Werken zusammen. Sie saßen nahe beieinander. Karli suchte Armins Blick, um ihn anlächeln zu können. Er hatte sich vorgenommen, sich bei seinem Schulkameraden zu entschuldigen, aber da dieser so unfreundlich blickte, hatte er keinen Mut mehr dazu.

Armin dachte: Was für ein falscher Hund. Er tut so, als wenn nichts gewesen wäre und lächelt mich frech an. Mit ihm soll ich Mitleid haben? Was denken sich Herrmann und meine Mutter dabei, mir solche Vorschläge zu machen?

Die Hühner legten keine Eier mehr, weil Emmi das Hühnerfutter ausgegangen war. Für ihre Kinder war das Frühstück eine fürchterliche Enttäuschung, weil es nur noch Margarinebrot zu essen gab.

Armin suchte für das Federvieh Regenwürmer. Dies jedoch war nur ein kleiner Leckerbissen.

Emmi kam die Idee, bei einem Landwirt in Wiesenbrunn nach Körnern zu fragen. Sie nahm zu einem eventuellen Tausch das Porzellan mit, das sie noch von den Berliner Tagen besaß. Es waren vier bunt bemalte Suppentassen mit Untertassen. Der Landwirt gab Emmi gerne für das Porzellan einen Sack Körner. Seine Frau freute sich über das schöne Geschirr.

Die Hühner legten auch wieder Eier, nachdem sie genügend zu fressen hatten.

Überall nahm der Hunger zu. Jeder vermisste etwas, vor allem Brot, Butter, Fleisch, Mehl, Wurst, Zucker, Milch, auch Eier und Schokolade. Aus der Not ergaben sich viele Tauschgeschäfte.

Zwei Mädchen kamen in das Haus der Brunners. Emmi öffnete ihnen die Tür und fragte: „Was wollt ihr?“

Die eine von ihnen sagte: „Eine Scheibe Brot für jede, möglichst ein Butterbrot.“

„Fällt euch nichts Besseres ein? Wir haben weder Brot noch Butter zum Verschenken.“

Traurig entfernten sich die beiden jungen Frauen wieder. Emmi sah lange danach noch ihre enttäuschten Gesichter vor sich.

Sie dachte an ihr Zuhause in Berlin. Dort hatte sie alles in Hülle und Fülle gehabt. Es war noch vor dem Krieg gewesen. Jetzt hatte sie nicht einmal eine Scheibe Brot für Hungernde, ja, nicht einmal für die eigene Familie hatte sie genügend zu essen. Wie sollte das weitergehen? Wäre Fridolin dagewesen, hätte er bestimmt einen Rat für die Familie gehabt.

Auch Armin war nachdenklich gestimmt. In erster Linie überlegte er jetzt, ob er den Vorschlag seiner Mutter aufgreifen und Karli doch einmal Rad fahren lassen sollte? Als er es seinem Kameraden anbot, erwiderte dieser, dass er nie Radfahren gelernt habe.

„Kein Problem. Ich kann es dir doch leicht beibringen“, schlug Armin vor.

„Das willst du wirklich tun?“

„Warum nicht? Abgemacht, also heute Nachmittag kommst du zu mir.“

„Gern! Ich möchte mich auch dafür entschuldigen, dass ich bei deinem Rad zweimal die Luft herausgelassen hab. Ich tu es nie wieder.“

Am Nachmittag erschien Karli bei den Brunners. Das Werken in der Schule fiel aus. Das kam öfter vor, weil der Lehrer im Krieg ein Bein verloren hatte und sich nicht immer wohlfühlte.

Armin ließ jetzt seinen Kameraden aufs Rad steigen und hielt ihn hinten am Gepäckträger fest. Langsam fuhr Karli los und wurde auf einmal schneller, sodass Armin nicht mehr mitkam. „Stopp, Karli, du musst langsam fahren. Ich kann dich sonst nicht halten.“

Karli zügelte jetzt sein Tempo, aber er fuhr im Zickzack weiter, sodass das Rad wackelte. Armin befürchtete, dass er herunterfallen könnte. Karli klagte, das Radfahren sei viel zu schwer für ihn. Er wolle nicht weitermachen.

„Doch, das musst du unbedingt. Wenn du es kannst, darfst du öfter mit meinem Rad fahren.“

Das war ein großes Versprechen. Karli machte weiter und Armin hielt ihn wieder am Gepäckträger fest. Er glaubte schließlich, er könne loslassen, weil es aussah, als käme sein Kamerad ohne gehalten zu werden, zurecht. Aber leider vergaß Karli plötzlich das Lenken und fuhr in den Zaun von Brunners Nachbarn, dem Ehepaar König. Karli wollte schnell weglaufen, aber Armin hielt ihn fest: „Ehrensache, Karli, dass wir uns entschuldigen. Du hast hierzubleiben.“ Also blieb Karli.