Melodie des Herbstes - Anna Maria Luft - E-Book

Melodie des Herbstes E-Book

Anna Maria Luft

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Beschreibung

Edgar und Helene, zwei betagte Menschen, leben auf derselben Etage eines Mehrfamilienhauses in Frohnau, nahe Starnberg. Durch Gespräche kommen sie einander näher. Es entwickelt sich eine Freundschaft. Immer noch plagen Helene Gewissensbisse, weil sie in jungen Jahren mit ihren Eltern gebrochen und ihre fränkische Heimat verlassen hat. Damals sind ihre Eltern gestorben, ohne mit ihnen Frieden geschlossen zu haben. Nicht einmal die letzte Ehre hat sie ihnen erwiesen. Ein Schülertreffen in Bamberg führt Helene auch in ihre Heimat und zu Johann, ihrem älteren Freund aus Kindheitstagen. Heimatliche Gefühle leben dabei wieder auf. Vor Jahren wurde Helene geschieden. Aus ihrer Ehe ist eine Tochter hervorgegangen, die jetzt in Bremen lebt und mit ihrer Mutter auf Kriegsfuß steht. Auch Edgar, der mit seiner Lebensgefährtin Ida in der ehemaligen DDR gelebt hat, hat einen Sohn. Ida hat Edgar und ihr damals dreijähriges Kind ohne Ankündigung verlassen. Für Edgars Vermutung, sie könnte Republikflucht begangen haben, gibt es jedoch keine Anhaltspunkte. Wie so oft im Leben, gerät auch bei Edgar und Helene die Beziehung in eine Krise. Die Erwartungen, die ihr Freund an sie stellt, will sie nicht erfüllen. Als Edgar zu seinem Sohn nach Wien zieht, ist Helene an einem Tiefpunkt angelangt. Überraschend wird sie von ihrem Freund zu seinem 80sten Geburtstag eingeladen und verbringt eine wunderbare Zeit mit ihm. Dennoch beendet Edgar die Beziehung, weil Helene weiterhin nicht mit einer Heirat einverstanden ist. Später kommt neue Hoffnung auf, und ihre Freundschaft erlebt eine Fortsetzung. Sie glauben beide an ihre große Liebe zueinander und heiraten endlich. Bei der Wohnungssuche stoßen sie auf Probleme, aber nach längerer Zeit haben sie Glück damit. So beginnt für die beiden eine harmonische Zweisamkeit in den neu gemieteten Räumen. Doch auch ihnen setzt die Coronakrise zu.

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Es geschieht zu jeder Zeitetwas Unerwartetesunter anderem ist auchdeshalb das Lebenso interessant.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Anna Maria Luft

Melodie des Herbstes

Roman

Handlungen und Namen von Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind Zufall.

Die Tatsachen in diesem Roman sind historischer Art.

© 2020 Anna Maria Luft

Umschlag, Illustration: Hans-Joachim Luft

Lektorat, Korrektorat: Autorin

Verlag & Druck: tredition GmbH,

Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Paperback

ISBN 978-3-347-09101-6

Hardcover

ISBN 978-3-347-09102-3

e-Book

ISBN 978-3-347-09103-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Kapitel 1

Als ich meine Wohnung im ersten Stock verlasse, steht auch mein Nachbar an seiner Wohnungstür. Er sieht zu mir herüber und kommt gleich auf mich zu. „Helene, guten Morgen. Da bist du ja. Ich wollte…“, äußert er und bricht ab. Sein Blick ist heute kühl. Kein Lächeln umspielt seinen Mund. Meistens erlebe ich ihn gut gelaunt und sehr freundlich. Ich frage mich, was heute mit ihm los ist. Er wirkt bedrückt. Vielleicht täusche ich mich auch.

„Guten Morgen, Edgar“, grüße ich zurück, worauf er undeutlich etwas brummt. Ich kann ihn akustisch nicht verstehen und frage nach: „Was hast du gesagt?“

Er holt tief Luft, bevor er antwortet: „Weißt du, wenn ein normaler, gesunder Mensch wie du…“ Ich unterbreche ihn sofort: „Stopp, Edgar, ich weiß, worum es geht. Ja, ich bin ein normaler, gesunder Mensch, aber…?“

Er verzieht sein Gesicht. „Um elf habe ich bei dir geläutet, und das dreimal in Abständen von zehn Minuten, aber du hast nicht aufgemacht. Ich nehme an, du hast noch tief geschlafen.“

„Hast du daran etwas auszusetzen?“

„Ein normaler Mensch ist doch um diese Zeit längst aus den Federn. Mir scheint, du bist etwas Besseres, eine Diva.“

Ich lache zum Schein, aber ich ärgere mich ein wenig. „Vielleicht bin ich wirklich eine“, sage ich zum Spaß. Dann werde ich ernst: „Was soll das, Edgar? Du kannst mir doch nicht vorschreiben, wann ich aufstehen soll.“

„Ich stehe schon um sieben Uhr auf. So kann ich mir den Tag besser einteilen.“

„Ich habe später immer noch genügend Zeit zum Einteilen. Bei mir geht die Gesundheit vor.“

Edgar lächelt versöhnlich. „Helene, du hast ja recht. Man sollte sich im Alter genug Schlaf gönnen. Entschuldige, ich habe es nicht böse gemeint.“

„So habe ich es auch nicht aufgefasst, aber etwas ist doch heute mit dir. Hast du Kummer?“

„Nein! Tust du mir einen Gefallen?“

„Gerne! Was soll ich für dich tun?“

„Ich möchte wissen, wie dir meine neue Jacke gefällt. Ich habe sie mir gestern gekauft. Ich könnte sie auch wieder Umtauschen.“

Erst jetzt bemerke ich, dass er ein neues Kleidungsstück trägt. Ich betrachte es genauer. Die braune Wildlederjacke sieht gut aus, vor allem steht sie ihm ausgezeichnet.

„An deiner Stelle würde ich sie nicht Umtauschen. Sie steht dir sehr gut, und du siehst zehn Jahre jünger damit aus“, erkläre ich ihm.

Er schüttelt den Kopf. „Bitte, Helene, was redest du da?“

„Ich rede so, wie ich es empfinde.“

Auf sein Äußeres, sein Outfit, legt Edgar großen Wert. Er ist trotz seiner 79 Jahre immer noch eitel. Ich mag sein gepflegtes Äußeres und auch seine Art, mit mir zu sprechen. Doch heute erscheint er mir anders als sonst. Woran kann das liegen?

Edgar ist groß und schlank. Sein Gesicht ist markant, etwas faltig zwar, aber nicht so sehr wie bei vielen Männern in diesem Alter. Seine Haare sind noch voll, aber ergraut. Die kleinen, doch sehr munteren Augen sind stets wach und suchend. Das liegt an seiner Neugier, alles sehen und verstehen zu wollen. Edgar ist ein intelligenter und gebildeter Mann. Sein Wissensdurst ist enorm. Er war einst Lehrer in der damaligen DDR.

Jetzt schweigen wir beide und gehen zusammen ein paar Stufen die Treppe zum Parterre hinunter, bis ich stehen bleibe und er mit mir. Ich sage: „Edgar, bitte, misch dich nicht in mein Leben ein. Weißt du, ich mache das, was ich für richtig halte.“

Er fährt sich über sein Haar und flüstert: „Gut, das musst du auch tun. Ich will nichts mehr dazu sagen, nur, dass ich keine Nachteule bin wie du, aber manchmal kann ich auch nicht schlafen, weil ich mich so über die Politik aufrege, dass ich im Bett lange keine Ruhe finde. Daran sind diese Inselbewohner schuld.“

Ich grinse über seine Worte: „Du meinst die Briten mit ihrem Brexit? Geht dir das so nahe? Ich kann mich darüber nicht aufregen. Es gibt bessere Theaterstücke im Fernsehen, zum Beispiel das Ohnsorg-Theater.“

Jetzt muss Edgar laut lachen. „Helene, ich mag deinen Witz. Ja, es ist wirklich ein Theaterspiel, eine wahre Tragödie.“ Er fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Ich weiß, dich regt Politik nicht auf, du bleibst gelassen.“

„Nicht immer! Von Politik habe ich wirklich wenig Ahnung. Du bist im Gegensatz zu mir natürlich der Alleswisser und Alleskönner.“

„Das klingt aus deinem Mund sehr negativ. Habe ich dich verletzt, Helene? Dann entschuldige bitte.“

Ich seufze. „Das kommt schon mal vor, dass wir einander verletzen. Nie ist das Absicht. Du musst dich nicht immer für alles entschuldigen.“

Wieder gehe ich zwei Schritte weiter. Er folgt mir und bleibt dann auch, wie ich, stehen.

„Helene, ich merke, dass ich heute meinen kritischen Tag habe. Was musst du von mir denken?“

Ich sage nichts und sehe, wie sich Edgar plötzlich am Treppengeländer festhält.

„Ist dir nicht gut?“, erkundige ich mich besorgt.

„Doch! Das ist nur eine Angewohnheit!“

„Das bezweifle ich. Du kannst doch sagen, wenn es dir nicht gut geht.“

Er geht nicht darauf ein und meint: „Ich möchte hier nicht weiter diskutieren, denn das Treppenhaus hat Ohren! Trink lieber mit mir am Nachmittag ein Glas Wein oder einen Tee. Ich habe sogar Kartoffelchips für dich besorgt. Darauf stehst du doch - oder?“

Ich lächle. „Es ist reizend von dir, mich einzuladen, auch, dass du Chips besorgt hast, aber ich besuche heute die Ausstellung Florentiner Maler in München Und ehrlich gesagt, ärgere dich nicht, wenn ich sage, dass ich nicht mehr auf Chips stehe, weil ich abnehmen muss. Sieh mich doch an.“

Er zuckt mit den Schultern. „Du bist doch nicht dick, gerade richtig. Ich glaube, du kannst dich selbst nicht leiden.“

„Zum Teil stimmt es.“

„Du siehst noch gut aus mit deinen 72 Jahren.“

„Vielleicht war ich mal schön, aber doch jetzt nicht mehr.“

„Dir kann man keine Komplimente machen. Du kannst sie nicht annehmen, weil du denkst, es ist nur Schmeichelei.“

Ich zucke mit den Schultern. Wie er mich wirklich sieht, weiß ich nicht. Natürlich wünsche ich mir, für ihn doch ein bisschen hübsch auszusehen.

Manchmal versuchen wir, uns mit negativen Äußerungen zurückzuhalten, weil wir einander nicht verletzen wollen, doch ab und zu passiert es, dass wir Bemerkungen machen, die keinem von uns gefallen, so wie vorhin. Andererseits verteilen wir auch Komplimente. Wir sind Freunde, Kameraden. Bei Edgar habe ich keine Schmetterlinge im Bauch, wie man so sagt, aber ich habe das wundervolle Gefühl, dass er zu mir hält und dass er mich gut leiden kann.

Wir haben uns vor zwei Jahren näher kennengelernt. Beide wohnen wir Tür an Tür im ersten Stock dieses Mehrfamilienhauses. Jeder von uns besitzt eine Eigentumswohnung. Öfter laden wir einander zum Tee oder abends zu einem Glas Wein ein, weil wir uns gerne miteinander unterhalten. Wir führen sehr lebhafte und interessante Gespräche, manchmal auch knallharte Diskussionen, die wir beide mögen. Ich glaube, wir fühlen uns dennoch etwas einsam in diesem Haus, das Menschen mit so verschiedenen Charakteren bewohnen.

Edgar macht sich öfter die Mühe, für mich eine Käseplatte und Weißbrot zum Weißwein herzurichten. Das finde ich sehr aufmerksam von ihm. „Nur diese eine Sorte Käse, die so unglaublich stinkt, könntest du weglassen“, habe ich mich einmal beklagt. Damit habe ich ihn verletzt, weil er ein großer Käsekenner ist. Er hat verärgert geantwortet: „Ein besonderes Käsearoma ist das wirklich. Aber dafür fehlt dir der Sinn.“

Ich hatte zynisch bemerkt: „Er ist wirklich einmalig, dein Käse. Man riecht ihn noch unten am Eingang.“

Das hätte ich nicht sagen sollen. Beleidigt hatte er mich angestarrt: „Von Käse hast du wirklich null Ahnung!“

„Vom Riechen und Schmecken aber schon.“

„Ich lass ihn weg, wenn wir uns wieder treffen. Sonst kommst du nicht mehr, aber unsere Gespräche sind mir sehr wichtig.“

„Mir doch auch, Edgar. Nur solltest du nicht immer in das politische Fahrwasser geraten.“

„Ich weiß, ich mute dir sehr viel zu.“

Einige hier im Haus betrachten Edgar als Sonderling, ich nicht. Ich finde, er ist ein sehr interessanter Mann, sehr aufgeschlossen und beinahe immer freundlich. Dass er über die Bundeskanzlerin schimpft, mag ich nicht. Er sagt, dass ich nicht weiß, was Angela Merkel an richtet. Ich glaube, so viel zu verstehen, dass ich sagen kann, sie ist eine solide, gewissenhafte Bundeskanzlerin. Keiner der Politiker kann ein so gutes Gewissen haben wie sie. Sie hat sich sehr um die Flüchtlinge gekümmert und tut es immer noch. Manche Politiker haben kein Gewissen, höchstens ein schlechtes, und sie treffen deshalb nicht immer die richtigen Entscheidungen.“

Edgar besitzt einen Computer. Er rät mir, mir unbedingt auch einen anzuschaffen. „Ich bring dir alles bei, was du willst. Oder möchtest du weiterhin hinterm Mond leben?“

Ich stoße die Luft aus und sage: „Warum nicht? Als alte Frau lebt es sich dort gut.“

„Du bist keine alte Frau, sondern eine ältere Dame und intelligent dazu.“

Ich lache. „Ein schönes Kompliment, aber wo ist da der Unterschied? Es ist doch nur die Höflichkeit, die aus einer Frau eine Dame macht.“

„Stimmt doch nicht. Es gibt große Unterschiede.“

Ich lächle und er sagt: „Demnächst kaufen wir für dich auch einen Computer und ein Smartphone. Das Geld hast du ja dazu. Du musst mehr mit der Zeit gehen, Helenchen.“

Oh, er hat He!enchen gesagt. Zum ersten Mal höre ich das aus seinem Mund. Ich schüttle den Kopf. „Ich muss nicht mit der Zeit gehen. Meine beiden Freundinnen schimpfen dauernd über diese komplizierte Technik. Ich als ungeduldiger Mensch würde dabei verrückt werden.“

„Dass nicht immer alles funktioniert, kann ich bestätigen. Das braucht natürlich Geduld.“

„Weil ich keine habe, lasse ich es lieber bleiben.“

„Ach was! Das Internet ist so informativ.“

„Es macht die Menschen nervös und halb verrückt, weil sie nichts anderes mehr im Kopf haben. Das Fernsehen kann auch gut informieren. Man kann es abschalten.“

„Den Computer und das Smartphone ebenfalls. Musst du deinen Freundinnen alles nachplappern?“

Ich schweige und denke auf einmal daran, dass Edgar letztes fahr einen Roman begonnen und mir gesagt hat, dass er nicht weiter weiß. Vielleicht auch deshalb, weil er viel mit dem Smartphone spielt. Ich würde ihm den Erfolg, ein Buch zu veröffentlichen, von Herzen gönnen. Er hat Fantasie und ist dazu begabt.

Außer Edgar gibt es in meinem Leben noch zwei Freundinnen, die jedes Mal im Doppelpack erscheinen. Sie schnattern wie Gänse und reden nur von sich. Meine Worte kommen nicht zur Geltung. Sie verurteilen mich, weil ich geschieden bin. Susanne hatte mal zu mir gesagt: „Du hättest nicht gleich aufgeben sollen“, worauf ich geantwortet habe: „Er ist doch davongelaufen, um eine jüngere zu heiraten.“

Lange schon habe ich mir vorgenommen, mich nicht mehr mit Susanne und Roberta zu treffen, aber ich bin zu feige, um ihnen das zu erklären. Edgar schlägt vor, ich solle ihnen einen Brief schreiben. Nein, ich möchte es ihnen persönlich sagen. Bis jetzt fehlt mir der Mut dazu. Edgar ist anders. Wen er nicht mag, dem sagt er es ins Gesicht, wie zum Beispiel Herrn Kirnau unten im Parterre. Diese Antipathie beruht auf Gegenseitigkeit.

Edgars Sohn ist mit einer Wienerin verheiratet. Die beiden haben eine kleine Tochter, die mir ans Herz gewachsen ist. Sie sieht immer bei mir vorbei, wenn sie mit ihrem Vater zu ihrem Opa kommt. Ihre Mutter habe ich bis jetzt noch nicht kennengelernt. Lörchen ist ein herziges Kind. Sie kann so reizend lachen, und ich amüsiere mich gerne mit ihr. Die Kleine wird im Herbst sechs Jahre alt. Für sie scheine ich so etwas wie eine Oma zu sein, auch wenn sie Tante Helene zu mir sagt. Ich bedaure sehr, dass ich selbst keine Enkelkinder habe.

Mein Exmann hat sich im Urlaub vor ungefähr zwanzig Jahren in eine junge Italienerin aus Venedig verliebt, die ihm zwei Kinder geschenkt hat. Unsere gemeinsame, bereits 40 Jahre alte Tochter, ist alleinstehend und lebt in Bremen. Sie will nichts von mir wissen. Sie gibt mir immer noch die Schuld an der Scheidung. Ab und zu fährt sie zu ihrem Vater nach Italien. Nur einmal im Jahr ruft sie mich an, um mir ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen. Das ist alles. Ich habe das unausweichliche Gefühl, dass wir nie mehr zueinander finden werden.

Oben im zweiten Stock wird es jetzt laut. Jemand öffnet eine Wohnungstür, es ist ein Streitgespräch zu vernehmen, und gleich darauf wird die Tür wieder zugeschlagen. Eine Minute später kommt die sechzehnjährige Tochter vom Ehepaar Krotezky die Treppe heruntergesprungen, grüßt freundlich und bleibt stehen. Sie trägt einen dunkelroten Minirock, den Edgar grinsend anstarrt. Er sagt: „Mädchen, geht es noch etwas kürzer mit deinem Röckchen? Genierst du dich nicht damit?“

Sie macht eine ruckartige Bewegung, sodass ihre langen rotblonden Haare nach hinten fliegen, und murmelt: „Was geht Sie das an, Herr Frömmler?“

Er grinst und äußert: „Die Jugend will stets mit Gewalt in allem glücklich sein, doch wird man erst…“

„Bitte, lassen Sie Ihre Sprüche. Ich kenne sie doch alle schon“, unterbricht sie ihn. Er streckt jetzt seinen Arm nach ihr aus, um sie aufzuhalten. „Moment, eine Frage habe ich an dich.“

„Ich habe wenig Zeit“, behauptet Gloria. Edgar beißt sich auf die Lippen und wendet sich an mich: „Helene, sag du mal, warum haben es die heutigen jungen Menschen so eilig?“

Erst zucke ich die Schultern, dann versuche ich zu erklären: „Jeder Mensch kommt einmal in die Situation, es eilig zu haben, ob jung oder alt. Das Leben ist kein ständiger Spaziergang. Auch junge Leute haben Pflichten zu erfüllen.“

Edgar verdreht die Augen. Die Antwort gefällt ihm nicht. „Aha, so ist das“, erwidert er gedehnt. Wir hören das Mädchen sagen: „Ich muss zum Bus gehen.“ Sie steigt zwei Stufen hinab, aber Edgar ruft ihr zu:„Bleib bitte mal kurz stehen. Ich will dich was fragen: Warum heißt du Gloria? Bist du eine Adelige?“

Die Sechzehnjährige kichert. „Nein! Meine Eltern haben mich so genannt. Ist es bei Ihnen nicht auch so?“

„Ja, natürlich. Aber Gloria finde ich altmodisch.“

„Ist es nicht,“ wehrt sich das junge Mädchen. „Über Geschmack lässt sich streiten. Aber Sie, Frau Münder, haben einen wohlklingenden Vornamen…“ Sie singt ihn beinahe: „He-le-ne. Sind Sie auch noch fromm dazu?“

„Ach, du denkst an die fromme Helene, wie?“

„Ja. Ist es so, dass Sie fromm sind?“

Ich zucke mit den Schultern und schweige. Das geht sie nichts an, finde ich.

„Mein Bus fährt gleich. Reden wir ein andermal“, meint Gloria noch im Gehen.

„Gerne“, rufe ich ihr nach.

Edgar schüttelt den Kopf. Zum Glück sieht das Gloria nicht. Vermutlich mag er die Sechzehnjährige nicht. Er hat sich schon öfter negativ über sie geäußert.

Gloria rennt die Stufen hinab. Sie stolpert, wobei ihr das Täschchen aus der Hand fällt. Sie hebt es auf, läuft weiter und verlässt das Haus.

Edgar seufzt: „Die jungen Leute sind heutzutage frech“, worauf ich erwidere:

„Gloria doch nicht. Ich gebe zu, dass sie etwas keck ist, vor allem selbstbewusst. Die meisten Jugendlichen heute, auch schon Kinder, wissen, was sie wollen.“

„Sie sind egoistischer als wir es waren und wenig sozial“, vertritt Edgar seine Meinung.

„Nicht alle sind so. Das Leben verlangt ihnen mehr ab als uns damals. Deshalb müssen sie so sein.“

Ärgerlich verzieht Edgar das Gesicht. „Helene, warum entschuldigst du alles bei den jungen Leuten? Wir Alten haben doch mehr zu kämpfen als die Jugend, die nur durchs Leben flattert.“

Ich fahre mit der Hand über meine Augen und denke, dass Edgar für junge Leute nicht so viel übrig hat wie für alte Menschen. Oder mag er nur Gloria nicht? Ich finde sie für ihr Alter sehr vernünftig und denke dabei an das Gespräch, das wir einmal vor der Haustür geführt haben.

Auf einmal öffnet Edgar seine Tasche und kramt darin herum. Er klagt, er habe seinen Geldbeutel oben in seiner Wohnung liegen gelassen. Er benötige ihn zum Einkäufen. Deshalb will er noch einmal umkehren.

Bei dieser Gelegenheit verabschiede ich mich von ihm. Ich wünsche ihm einen schönen Nachmittag, er mir Spaß beim Museumsbesuch. Ich merke jedoch, dass er über mein schnelles Weggehen enttäuscht ist. Womöglich hätte er sich gewünscht, dass ich auf ihn warte, bis er wieder zurückkommt.

Unten im Parterre steht Matthias Kirnau vor seiner geöffneten Wohnungstür. Sein Bart sieht heute ungepflegt aus, stelle ich auf den ersten Blick fest. Ich mag diesen Nachbarn deshalb nicht, weil er die meisten Leute im Haus kritisiert. Er belauscht gerne seine Mitbewohner und redet dann bei anderen über sie. Mit Sicherheit hat er vorhin auch unser Gespräch verfolgt. Grinsend bemerkt er: „Ja, ja, unser lieber Edgar. Er ist ein Spinner. Ich ärgere mich, wenn er sich so großkotzig gibt. Außerdem ist er ein Rabulist.“

„Wie kommen Sie darauf, dass er großkotzig ist? Er ist ein bescheidener Mensch. Und was bitte ist ein Rabulist? Ist das etwa ein Bösewicht?“

„Ein penetranter Wortverdreher ist er. Jedes Wort verdreht er mir, wenn wir miteinander reden.“

Ärgerlich erwidere ich: „Wenn man normal mit ihm redet, tut er das nicht.“

Herr Kirnau blickt mich böse an. Sein Ton ist schrill, als er sagt: „Denken Sie, ich rede nicht normal mit ihm? Natürlich, Sie sind eine Frau und er mag Sie.“

„Was hat das jetzt damit zu tun?“

„Sehr viel.“ Herr Kirnau seufzt erst, dann redet er weiter: „Ich weiß, warum Sie nichts Negatives über ihn sagen wollen. Weil er Ihr Freund ist, und über Freunde sagt man nur Positives, stimmt’s?“

Ich lächle und erwidere: „Stimmt schon, aber mir fällt nichts Negatives an ihm auf.“

„Kunststück!“, grinst er.

Sogleich lenke ich ihn ab: „Wie geht es Ihrer Frau? Ist sie noch im Krankenhaus?“

„Ja, aber nur noch zwei Tage.“

Jemand im Haus hat behauptet, dass sie Parkinson habe und das Gleichgewicht verlöre. Außerdem würde sie zittern. Ich denke: Vielleicht hat sie nur Kreislaufstörungen Manche Menschen glauben, von einem ändern mehr zu wissen als derjenige selbst. Solche Mitbewohner gibt es einige in diesem vierstöckigen Haus mit dreizehn Parteien. Ich finde Frau Kirnau sympathisch, ihren Mann jedoch nicht.

Die Haustür öffnet sich, und Frau Schröter stürzt keuchend herein. Als sie uns sieht, japst sie aufgeregt: „Stellt euch vor: Drüben in der Amselstraße brennt ein Haus. Frau Lingmann, meine Freundin, hat vergessen, den Herd auszuschalten. Das Fett in der Pfanne ist zu heiß geworden und hat angefangen zu brennen. Die Vorhänge und alles hat gebrannt. Ich habe es soeben von ihrer Nachbarin erfahren. Frau Lingmann hat sich ins Bett gelegt, obwohl sie den Herd eingeschaltet hat. Beinahe wäre sie mit verbrannt. Man hat sie gerettet.“

Ich atme auf. „Welch ein Glück. Die arme Frau!“

„Sie sollte doch besser in ein Heim gehen“, äußert Frau Schröter. „Ich habe ihr schon zugeredet. Sie glaubt, sie lebt um 1800 herum. Wenn es mit ihr so weitergeht, brennen demnächst alle Häuser in der Nachbarschaft.“

Herr Kirnau wirft ihr einen drohenden Blick zu. „Wie absurd. Warum sollten hier alle Häuser brennen? - Sonderbar, dass ich den Brand in der Amselstraße nicht mitgekriegt habe.“

„Ich auch nicht“, gebe ich zu. „Ich kann verstehen, dass Frau Lingmann nicht ins Heim gehen will.“

„Ich nicht“, meint Frau Schröter. „Sie ist zwar meine Freundin, aber ich finde, dass sie einen Knall hat. Sie glaubt, mit Friedrich Schiller befreundet zu sein. Den Großteil seiner Gedichte kennt sie auswendig.“

Frau Schröter fahrt sich über ihre feuchte Stirn, und Herr Kirnau meint: „Dann sollte sie doch in ein Heim gehen. Dort wird man ihr die Flausen austreiben.“

Die beiden sprechen weiter, aber ich verlasse das Haus. Draußen höre ich Stimmengewirr und rieche den Brand. In der Seitenstraße sehe ich den Dachstuhl des Zweifamilienhauses brennen. Ich fasse mich an die Brust und sage laut: „Um Himmels Willen!“ Aufgeregt rufen die Feuerwehrmänner einander etwas zu. Ein kleines Mädchen schreit ängstlich nach seiner Mutter, die sie nicht gleich finden kann. Doch dann taucht sie auf.

Auf einer Liege im Freien befindet sich eine mit einem Laken zugedeckte Frau. Ich frage sie, wie es ihr geht? „Schlecht“, äußert sie. „Ich habe zu viel Rauch eingeatmet.“

„Ich sorge dafür, dass Sie ins Krankenhaus kommen“, will ich versprechen, aber sie hebt den Kopf und sagt: „Der Krankenwagen kommt gleich.“ Dann lässt sie sich auf die Liege zurückfallen.

Während ich weitergehe, fällt mir wieder die Tragödie aus meiner Kindheit ein. Meine Wurzeln sind oberfränkisch. Mein Heimatort liegt nur ein paar Kilometer von Bamberg entfernt. Er nennt sich Talbach.

Ich war zwölf Jahre alt, als die Kunstmühle unseres Ortes brannte. Wir Kinder hatten bei diesem riesigen Feuer gezittert. Beinahe wäre auch noch das Rathaus mit unseren Klassenzimmern abgebrannt. Über den Unterrichtsausfall hätten wir uns allerdings sehr gefreut.

Vieles habe ich noch so in Erinnerung, als wäre es erst vor einer Woche gewesen. Der ganze Ort war in Aufregung geraten. Es hatte einige Schaulustige gegeben, aber auch Helfer, die die Wohnräume und die Mühle ausgeräumt hatten. Auch meine Eltern hatten mitgeholfen. Vor allem hatten die Feuerwehrleute alles getan, um das Gebäude zu retten.

Carola, meine damalige Freundin, und ich, haben auf einer Bank am Eingang der Mühle gesessen. Wir haben einiges beobachtet, vor allem, wie meine Mutter auf den alten Mühlenbesitzer zugegangen ist, ihn in die Arme genommen und ihn getröstet hat. Immer noch ist mir der genaue Wortlaut zwischen ihr und Heiner Mönch in Erinnerung geblieben. Sie hat gesagt: „Heiner, nicht traurig sein. Es wird alles wieder gut.“ „Nichts kann gut werden, es ist vorbei. Siehst du das nicht?“, hatte er geklagt.

Eine Woche später war er bereits tot. Ihm ist womöglich der Brand und die Krankheit seiner Enkelin zu Herzen gegangen.

Carola und ich hatten heimlich zwei Männer beobachtet, die Spirituosen gestohlen und sich damit betrunken hatten. Zwei andere hatten sich auf den Mehlsäcken niedergelassen und untätig bei der Arbeit der anderen zugesehen. Meine Freundin war sehr mutig gewesen und hatte sie gefragt: „Wollt ihr nicht helfen? Es ist doch Not am Mann.“ Einer von ihnen war aufgesprungen und hatte sie angeschrien: „Was willst du kleine Rotznase, du. Kleine Kinder stehen hier nur im Weg herum. Also haut schleunigst ab, ihr zwei.“

Tagelang hatte ich mich mit der Angst herumgequält, es könnte auch unser Haus brennen, denn, wie man damals vermutete, aber nicht beweisen konnte, sollte es sich bei diesem Großbrand um Brandstiftung gehandelt haben. Feinde und Neider hatte diese Familie einige gehabt.

Das Gebäude war eine Ruine geworden. Es musste wieder neu aufgebaut werden.

Zu meiner damaligen Freundin Carola habe ich leider den Kontakt verloren. Sie hat in die Schweiz geheiratet. Seitdem sind mehr als fünfzig Jahre vergangen. Ich würde gerne wieder einmal mit ihr Zusammenkommen, aber ich habe ihre Adresse nicht.

Edgar hat gemeint: „Im Internet kann man es herausfinden.“ Ich habe ihn gefragt, ob er mir den Gefallen tun würde. „Klar, Helene“, hat er letztes Jahr geantwortet, aber es konnte ihm nicht gelingen, weil er weder Carolas Nachnamen noch ihren Wohnort kennt.

Traurig ist auch, dass ich zu meinem Heimatort den Kontakt verloren habe. Nicht einmal zur Beerdigung meiner Eltern bin ich in Talbach gewesen. Meine Schwester und ich hatten das Haus geerbt, aber wir haben es an unsere Cousine weitergegeben. Wir waren davon überzeugt, dass sie das Erbe verdient hat, weil sie sich rührend um unsere Eltern gesorgt hatte, und wir dagegen uns nicht um sie gekümmert haben. Außerdem haben wir nichts mit diesem Haus anzufangen gewusst. Meine Schwester ist mit ihrem Ehemann, einem amerikanischen Soldaten, nach Amerika ausgewandert. Ich habe meine Heimat danach auch verlassen und versucht, nicht mehr an den Streit mit meinen Eltern zu denken, aber ich habe ihn nicht vergessen können. Sie hatten mir ziemlich zugesetzt: Sie hatten verlangt, ich solle studieren. Außerdem hatten sie vieles an meinem Beruf und an meinem Ehemann auszusetzen, obwohl sie ihn nie kennengelernt haben. Es kam noch hinzu: dass sie versucht haben, mir ihren Glauben aufzudrängen, aber ich wollte darin frei sein und habe mich durchgesetzt. Außerdem haben sie mich darum gebeten, Felizitas davon abzubringen, dass sie mit ihrem Ehemann in die USA gehe.

In meiner Kindheit waren meine Eltern sehr nett zu mir und zu meiner Schwester gewesen. Sie haben uns eine schöne, unbeschwerte Zeit beschert. Leider wurde später alles anders.

Meine Cousine Veronika, der Felizitas und ich das Gebäude mit Garten und Garage vermacht haben, hat es viel zu schnell wieder verkauft, und ist auch von Talbach weggezogen. Davor hatte sie eine Familie mit der weiteren Grabpflege beauftragt. Ich möchte bei Gelegenheit endlich herausfinden, wer sich jetzt um unser Elterngrab kümmert. Warum habe ich das nicht längst schon getan?

Ich fühle, dass ich große Schuld auf mich geladen habe, weil ich mich damals nicht mit meinen Eltern versöhnt habe. Warum bin ich nur so stur gewesen?

Kapitel 2

Zwei Tage, nachdem Edgar und ich einander im Treppenhaus begegnet sind, läutet er um die Mittagszeit an meiner Wohnungstür. Ich koche mir gerade eine Mahlzeit. Das Frühstück habe ich ausfallen lassen, weil ich wieder einmal spät aufgestanden bin. Die halbe Nacht habe ich mir um die Ohren geschlagen, weil mir so vieles durch den Kopf gegangen ist. Warum fällt mir das Abschalten so schwer?

Es klingelt zum zweiten Mal. Ich nehme rasch die Pfanne vom Herd und öffne die Tür. Beim Eintreten grinst mein Nachbar und sagt: „Nun, auch schon aus den Federn, Helene?“

Er neckt mich gerne damit. Ich nehme es ihm nicht übel. Er meint es auch nicht böse.

„Schon lange“, erwidere ich.

Er beginnt zu schnuppern: „Hm, riecht das köstlich“, wispert er, worauf ich erschrocken denke, dass er eingeladen werden will. „Wolltest du etwa bei mir essen?“, frage ich vorsichtig, worauf er eine hilflose Handbewegung macht. „Nein, du kannst beruhigt sein. Darf ich mich einen Augenblick setzen.“

„Selbstverständlich! Ich kann doch später essen.“

Er nimmt auf der Couch Platz und ich setze mich ihm gegenüber. Jetzt trägt er seine Bitte vor:

„Helene, könntest du mir wieder deinen Klappsessel leihen? Mein Sohn kommt mit seiner Familie zu Pfings­ ten. Meine Enkelin hat beim letzten Besuch so gut darauf geschlafen.“

„Klar kannst du ihn haben. Und schicke dein Lörchen zu mir herüber, wenn sie da ist. Sie ist ja so süß. Das letzte Mal hat sie bei ihrem Besuch den Teddybären fest an sich gedrückt.“

Edgar nickt. „Ja, sie liebt Stofftiere heiß und innig, besonders ihren Teddy. Ich habe ihr einen schneeweißen Eisbären besorgt. Sie hat ihn abgeknutscht. - Hör mal, Helene, meine Schwiegertochter möchte, dass du zu Pfingsten zum Mittagessen zu uns kommst. Du wirst sie endlich einmal kennenlernen. Von mir, meinem Sohn und Lörchen, bist du selbstverständlich auch herzlich eingeladen.“

Ich lächle. „Danke, reizend von euch. Ich freue mich für dich, dass deine Familie kommt, aber eure Einladung kann ich nicht annehmen. Ich will nicht stören.“

„Du wirst doch nicht stören. Wir möchten alle gerne, dass du zu uns kommst, besonders ich. Und wehe, du kommst nicht.“

Ich schweige und beiße mir auf die Lippen.

„Hast du mich verstanden, Helene?“

„Ja! Wenn euch so viel daran liegt, komme ich. Als was willst du mich deiner Schwiegertochter vorstellen? Hoffentlich nicht als Bettgesellin.“

Er lacht laut. „Nein, nein, als eine liebe Freundin natürlich. Das bist du ja auch.“

Plötzlich packt mich wieder der seelische Schmerz, weil ich an meine Tochter denken muss. Ich halte die Hände vor die Augen und weine, worüber Edgar erschrickt.

„Helene, habe ich was Böses gesagt?“

„Nein! Ich muss an meine Tochter denken. Ihr versteht euch so gut und ich mich nicht mit ihr. Ich hätte Dietlinde auch gerne eingeladen, das heißt, ich habe es ja schon oft versucht, aber sie kommt nicht.“

Edgar erhebt sich und zeigt Mitgefühl, indem er über meine Schulter streicht. „Tut mir leid, Helene. Du musst ihr endlich klarmachen, wie sehr du darunter leidest.“

Ich atme hastig ein und aus, ehe ich erkläre: „Ich habe schon so oft versucht, mit ihr Frieden zu schließen. Sie ist jedoch hart wie Stahl. Sie behauptet, dass ich an der Scheidung schuld bin.“

„Wie hartherzig“, urteilt Edgar und setzt sich wieder.

Ich fahre mir mit den Händen über die Augen und stammle: „Ich habe meine Tochter für immer verloren. Das tut sehr, sehr weh.“

Edgar meint: „Irgendwann wird sie begreifen, was sie dir antut. -Ich habe eine Idee: Jetzt rufe ich bei ihr an. Ich bin gespannt, was sie mir sagen wird.“

Ich schüttle den Kopf. „Sinnlos! Du wirst dich nur über ihre Sturheit ärgern. Sie wird wieder auflegen.“

Kürzlich habe ich mit meinen beiden Freundinnen über mein Problem gesprochen. Ich erzähle jetzt Edgar, was Susanne zu mir gesagt hat: Warum läufst du ihr nach? Die soll bleiben, wo der Pfeffer wächst, diese dumme Pute.“

„Unsinn“, meint Edgar. „Man sollte nichts unversucht lassen. Mein Sohn wollte auch einige Zeit nichts mehr von mir wissen. Er hat mir vorgeworfen, ihm nicht zu sagen, wer seine Mutter ist. Dabei habe ich doch keine Verbindung mehr zu ihr, seitdem sie mir unser dreijähriges Kind überlassen hat. Sie wollte nur zum Einkäufen gehen, aber sie ist nicht mehr zu uns zurückgekehrt. Das war damals schlimm für mich, ein echter Horror. Ich als Vater musste auch noch die Mutterrolle übernehmen. Ich habe arbeiten müssen und habe meinen kleinen Sohn zu einer Tagesmutter gebracht, die ich bereits gekannt hatte. Sie war sehr lieb zu meinem Kind. Nie wieder habe ich etwas von meiner Lebensgefährtin gehört. Vier Jahre waren wir zusammen gewesen. Was habe ich nur falsch gemacht?“

Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht hast du überhaupt nichts falsch gemacht. Eine Mutter, die ihr Kind verlässt, ist in meinen Augen eine Verbrecherin.“

„So empfinde ich es auch. Mein Sohn war mir bald schon ans Herz gewachsen. Aber mit 16 hat er wieder Abstand von mir genommen. Seit einiger Zeit verstehen wir uns prima, aber auch mit meiner Schwiegertochter und mit Lörchen verstehe ich mich gut. Zweimal im Jahr fahre ich nach Wien. Vielleicht ziehe ich hin.“

Ich zucke zusammen. „Bitte, tu das nicht, Edgar“, flehe ich. „Ich würde dich sehr vermissen.“

Er lächelt. „Wirklich? Würdest du mich vermissen?“

„Sehr sogar!“ Ich putze mir mit dem Taschentuch, das meine Tochter einst im Kindergarten für mich gestickt hat, umständlich die Nase und äußere danach: „Bitte, Edgar, lass mich jetzt weiterweinen. Meine Tränen spülen alles heraus, was mich in letzter Zeit so traurig macht. Und danke, dass du mir so geduldig zugehört hast. Auch für eure Einladung danke ich.“

Er sieht mich an, als wollte er etwas sagen. Er macht erst den Mund auf, dann klappt er ihn wieder zu. Dabei lächelt er. Im nächsten Augenblick erhebt er sich. Ich merke, dass er gerne länger bleiben würde. Doch er respektiert meinen Wunsch, geht langsam zur Tür und dreht sich noch einmal nach mir um, wobei er fragt: „Bin ich jetzt zu lange geblieben?“

„Ach nein, Edgar, es hat mir so gut getan, dass wir uns unterhalten haben.“

„Helene, überlege dir, wie wir dein Problem gemeinsam angehen können“, bemerkt er, ehe er die Wohnung verlässt.

Edgar meint es eigentlich immer gut mit mir, auch wenn er mich ab und zu neckt, aber ich finde das harmlos. Erstaunlich ist, dass unsere Freundschaft, die sich immer weiter zu entwickeln scheint, auch einmal eine schlechte Laune oder unüberlegte Worte erträgt.

Ich begleite Edgar hinaus in den Flur und flüstere: „Nochmals danke dafür, dass du mich angehört hast. Aber mehr kannst du wirklich nicht für mich tun.“

„Das sehe ich anders“, erwidert er augenzwinkernd und öffnet seine Wohnungstür. Ich denke: Was wird er sich noch alles bezüglich meiner Tochter einfallen lassen, aber ich muss mich selbst um eine bessere Beziehung zu ihr bemühen.

Während ich etwas später die Bratkartoffeln und das Ei verzehre, laufen mir heiße Tränen über die Wangen. Mich ärgert es, dass ich jetzt nicht abschalten kann. Andererseits befreit mich dieses Weinen aus den Ketten meiner Gefühle. Ich bin nun mal ein Gefühlsmensch, im Gegensatz zu Edgar. Oder täusche ich mich in ihm? Ich will nicht sagen, dass er gefühlsarm ist. Er kann sehr warmherzig zu mir sein, aber er ist meiner Meinung nach ein Verstandesmensch. Manchmal wirkt er sehr sachlich. Von sich selbst sagt er, dass er ein Verkopfter ist.

Ich lasse den Rest meiner Mahlzeit stehen, obwohl ich erst die Hälfte davon gegessen habe, und werfe mich schluchzend auf die Couch. Mein Schmerz überwältigt mich und ich finde so schnell nicht mehr heraus. Zum Glück übermannt mich bald der Schlaf. Später, beim Erwachen, denke ich sofort wieder an meine Tochter. Ich rufe sie an, bekomme aber keine Verbindung zu ihr. Gegen Abend habe ich mehr Glück. Dietlinde sagt, sie müsse sich erst einmal überlegen, ob sie es überhaupt für angebracht halte, mich zu besuchen. Ich hätte mich schändlich benommen.

Schändlich? Was für eine Wortwahl!

Wie das ausgehen wird, ahne ich schon. Sie wird mit Sicherheit nicht zu mir kommen. Ich sage ihr noch einmal, dass ihr Vater an der Scheidung schuld war. „Dietlinde, hör mir mal zu: Dein Papa hat sich wegen einer Jüngeren von mir getrennt. Ich wollte diese Ehe aufrecht erhalten.“

Sie antwortet frech, dass ihr Vater etwas anderes gesagt habe. Er habe ihr erklärt, dass die Ehe schon vorher den Bach runter gegangen sei.

„Merkst du nicht, dass er lügt? Immer will er gut dastehen. Wir haben eine sehr gute Ehe geführt, bis er sich verliebt hat.“

„Als du arbeiten gegangen bist, war plötzlich alles anders. Du hast dich auch nicht mehr um mich gekümmert. Wenn Papa heinigekommen ist, hat er mich in die Arme genommen und für mich gesorgt.“

„Danke für deine Ablehnung“, stöhne ich und will auflegen, aber sie tut es noch vor mir. Keinen Schritt bin ich weitergekommen. Ob ich ihr einen Brief schreiben soll. Das mache ich am nächsten Tag. Selbst nach zwei Wochen kommt keine Antwort zurück. Ich nehme mir vor, sie erst in den Adventstagen wieder anzurufen, um sie zu Weihnachten einzuladen. Womöglich sollte ich ihr jetzt etwas Zeit zum Nachdenken lassen. Ich sehne mich nach Frieden mit ihr.

Am Freitag vor Pfingsten um die Nachmíttagszeit kommt bei Edgar der Besuch aus Wien. Längst hat er meinen Klappsessel abgeholt. In der nächsten halben Stunde besucht mich Lörchen. Ich sehe sie an und denke, dass sie schon wieder gewachsen ist. Ein halbes Jahr lang habe ich sie nicht gesehen. Sie trägt ein weitschwingendes kurzes Kleidchen in Rosa, worunter ihr weißer Schlüpfer zu sehen ist, dazu weiße Kniestrümpfe. Ihre braunen Haare sind zu zwei Zöpfen geflochten, die je eine Schleife in der Farbe ihres Kleides Zusammenhalten. Ich finde ihr Aussehen und ihre Art zauberhaft und drücke sie fest an mich. Als ich sie lange in meinen Armen halte, befreit sie sich aus meiner Umarmung. Sie lächelt mich an und sagt: „Tante Helene, ich freue mich schon auf die Schule.“

„Gut so. Dann braucht dir bald keiner mehr etwas vorlesen. Dann kannst du selbst Geschichten lesen.“

„Und schreiben. Ich möchte Geschichten schreiben wie mein Opa.“

„Dann willst du Schriftstellerin werden? Eine gute Idee. Dein Opa wird sich riesig darüber freuen.“

Sie lächelt. „Warum schreibst du keine Geschichten, Tante Helene?“, fragt sie mich.

„Weil mir nichts einfällt. Meine Fantasie reicht dazu nicht aus.“

Sie grinst mich an. „Dir fällt doch immer was ein, meistens was Gescheites“, bemerkt sie, worüber ich lachen muss.

Bevor sie geht, schenke ich ihr eine Tafel Schokolade. Ich verspreche ihr, übermorgen zum Mittagessen zu kommen. Sie hält mir die Hand hin. „Schlag ein, dass du es machst. So machen es Viehhändler auch, wenn sie eine Kuh kaufen.“

Erstaunt blicke ich Lörchen an. „Wie? Warst du schon einmal dabei, weil du das so genau weißt?“

„Meine Mama hat mir erzählt, dass mein Opa, der einen großen, großen Bauernhof hat, es so macht, wenn er die Viecher verkauft oder kauft. Er hat zehn Kühe und zwei Pferde. Eine von den Kühen heißt Lörchen wie ich. Wir sind ja miteinander verwandt.“

Ich muss lachen, was mir die Kleine übel nimmt. Sie rennt aus meiner Wohnung, ohne sich zu verabschieden.

Am Pfingstsonntag um die Mittagszeit läutet sie bei mir und holt mich zum Essen ab. Ihren Ärger hat sie längst wieder vergessen.

Ich begrüße zuerst Edgars Sohn, weil er mir am nächsten steht und dann seine Frau, die ich zum ersten Mal sehe. Ich überreiche ihr einen Sommerstrauß. Außerdem schenke ich ihr noch eine Schachtel Pralinen. Lörchen will danach greifen, aber ihre Mutter klopft ihr auf die Finger und sagt: „Du kleine Naschkatze, fetzt wird erst einmal etwas Anständiges gegessen.“

„Ich heiße Marielia“, stellt sich Edgars Schwiegertochter bei mir vor. „Ist es Ihnen recht, wenn wir uns duzen?“

„Gerne“, erwidere ich. „Ich bin Helene.“

Mariellas volles, rundes Gesicht strahlt Freude aus, als wir uns die Hand reichen. Die Familie bittet mich an den großen, langen Tisch, der in Edgars kleinem Wohnzimmer viel Platz ein nimmt. Ich setze mich zwischen Edgar und Lörchen. Sie lächeln mich beide so nett an, dass mir warm ums Herz wird. Ich sitze zwar öfter hier zusammen mit Edgar, aber heute macht es mir besondere Freude, an diesem Tisch Platz nehmen zu dürfen.

Marielia, die das Essen gekocht hat, trägt es zusammen mit Lörchen auf. Es gibt einen riesigen Serviettenkloß, von dem die Köchin Stücke rund wie Plätzchen abschneidet. Dazu gibt es einen Kalbsbraten mit einer leckeren Soße. Mariella hat eine Gemüseplatte mit Karotten, Bohnen und Erbsen vorbereitet. Darüber hat sie Petersilie gestreut und geschmolzene Butter geträufelt. Es gibt auch noch einen Salat dazu. Danach erhält jeder ein Schälchen mit Mangopudding. Lörchen isst noch eine zweite große Portion. Sie packt auch noch die von mir geschenkte Schokolade aus und nascht davon zwei Rippchen. Sie bietet ihrer Mutter etwas davon an, aber Marielia schüttelt den Kopf und sagt: „Kind, kriegst du immer noch nicht genug von den Süßigkeiten?“

„Lörchen lacht. „Süß ist besser als sauer und salzig.“

„Du hast recht“, lacht ihr Vater. Lörchen erklärt mir schmunzelnd: „Papa ist auch ein Süßer, sagt Mama.“ Ihre grünschillernden Augen leuchten dabei.

Ich fasse nach der Mahlzeit an meine Magengegend und stöhne, dass ich zu viel gegessen habe. Edgar beobachtet mich, und ich sehe, dass sich seine Lippen zu einem Lächeln verziehen, aber er schweigt.

„Das hat prima geschmeckt“, lobe ich die Köchin. Grinsend bemerkt Edgar: „Helene hat Angst, sie wird zu dick. Sie hält sich sonst mit Essen sehr zurück. Und weil sie viel gegessen hat, ist es für dich, Marielia, ein besonderes Lob.“

Marielia lächelt, als sie sagt: „Helene, möchtest du in deinem Alter lieber eine Bohnenstange sein?“

Meinen Namen spricht Mariella so als, als wären wir schon sehr miteinander vertraut. Das tut mir gut.

Georg, der Sohn sagt: „Sehen Sie meinen Vater an. Er ist so dünn wie ein Zaunpfahl. Ist das etwa schön im Alter? Er könnte doch etwas mehr auf die Waage bringen.“

Edgar sieht von einem zum ändern und grinst. „Leute, was habt ihr für Sorgen? Man ist so wie man ist. Georg, wenn ich dir zu wenig auf die Waage bringe, lege ich noch einen Stein drauf.“

Darüber amüsiert sich Lörchen. Sie meint: „Papa, bei mir musst du gleich vier Steine drauflegen.“

Mariella macht erst ein nachdenkliches Gesicht, ehe sie verlauten lässt: „Dass man zu- oder abnimmt, dick oder dünn ist, liegt nicht allein am Essen. Man bringt auch eine gewisse Veranlagung mit. Georg, du bist so wie dein Vater, kein Gramm mehr. Man kann nicht viel dafür oder dagegen tun.“

Wir nippen jetzt alle, bis auf Lörchen, von einem Gläschen mit Kirschlikör. Der Vater schenkt seinem Töchterchen in ein Glas, auf dem die sieben Zwerge abgebildet sind, Zitronenlimonade ein. „Die Zwerge sollen alles austrinken“, sagt sie „Dann kann ich auch Kirschlikör trinken.“

Ich verabschiede mich und bedanke mich für das Essen.

„Einen schönen Nachmittag“, rufen sie mir nach.

„Den wünsche ich euch auch“, sage ich.

Drüben in meiner Wohnung lege ich mich auf die Couch und verschiebe meinen Spaziergang auf später.

Nachdem ich etwas ausgeruht habe, suche ich den Wald auf. Bäume haben für mich eine große Anziehungskraft. Auch das Grün der Natur erweckt Lebensfreude in mir. Ich bleibe stehen, weil ich einen Specht klopfen höre. Man bezeichnet ihn als Zimmermann des Waldes. Er sucht kranke hohle Stämme, denn meistens gibt es hinter der Rinde, die oftmals locker ist, Borkenkäfer und sonstige Schädlinge. Der Specht vertilgt sie und ist deshalb sehr nützlich.

Durch das Geäst scheint die Sonne, für kurze Zeit verschwindet sie wieder, weil sich Wolken davorschieben, aber bald kehrt sie zurück.

An diesem Pfingstsonntag, es ist der 20. Mai, ist das Wetter sehr mild, für einen Spaziergang gerade richtig. Ich gehe gemächlichen Schrittes wieder heim und finde, dass ich mich ausgezeichnet erholt habe.

Kapitel 3