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Roman mit allen Facetten des familiären Zusammenlebens, Insbesondere den Auseinandersetzungen der Eheleute sowie den Auswirkungen auf die eigenen drei Kinder. Die Geschichte beginnt mit den Vorbereitungen auf eine Ferienreise des Ehepaares zusammen mit dem jüngsten Sohn, der unter dem Unfrieden zwischen Vater und Mutter am meisten leidet. Er drängt sie immer wieder dazu, sich zu versöhnen. Auch deshalb wünscht er sich gemeinsame Ferien mit ihnen. Andrea, die unzufriedene, wenig kompromissbereite Ehefrau, versucht, ihren Mann aus der Wohnung zu drängen, aber Robert wehrt sich dagegen und möchte einen Neuanfang wagen. Monika, die älteste der Kinder, macht ihre Mutter für die Zwistigkeiten ihrer Eltern verantwortlich, wohingegen Jochen die Schuld bei beiden Elternteilen sucht. Er glaubt immer noch an eine friedliche Gemeinschaft. Er hat sich nach dem Supergau in Tschernobyl einer Antiatomkraftbewegung angeschlossen und engagiert sich für den Naturschutz im Friedenskreis "Bewahrung der Schöpfung". Nachdem der Urlaub in Kärnten nach einem unliebsamen Vorfall abgebrochen wird und sich die Beziehung der Ehepartner nochmals verschlechtert, hat Robert nach einiger Zeit einen letzten Einfall, die Ehe zu retten.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das Herz hat seine Gründe, von denen die Vernunft nichts weiß
(Blaise Pascale)
Anna Maria Luft
Roman
Handlungen und Namen von Personen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind Zufall.
Die Tatsachen in diesem Roman sind historischer Art.
© 2017 Anna Maria Luft
Umschlag: Thomas und Hans-Joachim Luft
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7439-2361-4
e-Book
978-3-7439-2362-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
München, August 1987, ein Jahr nach Tschernobyl.
Seit dem Morgengrauen lag Andrea wach in ihren Kissen, mit Gedanken wie ein verknotetes, nicht zu entwirrendes Wollknäuel. Immer noch wurde sie von den hässlichen Szenen des Vorabends verfolgt. Sie und Robert hatten einander mit bösen Worten verletzt. Dies geschah öfter in letzter Zeit, aber diesmal war ihre Auseinandersetzung eskaliert. Erst hatten sie sogar noch einmal in Ruhe über das Organisatorische ihrer Reise, die sie am nächsten Tag zusammen mit ihrem jüngsten Kind antreten wollten, gesprochen. Als dann Andrea zugegeben hatte, seine Wanderjacke nicht aus der Reinigung geholt zu haben, war Robert so sehr in Rage geraten, dass er ihr ein halbes Glas Wein ins Gesicht geschüttet hatte. Dabei war ihre weiße Bluse samt Unterwäsche mit großen roten Flecken beschmutzt worden. Drohend hatte sie die Hände erhoben und getobt: „Die Bluse ist hinüber, nicht mehr zu retten. Ich kann sie nur noch wegwerfen.“
Sie hatte daraufhin das Kleidungsstück ausgezogen und es zornig in den Mülleimer geschmissen. Robert war ihr nachgegangen, weil er geahnt hatte, was sie in ihrer Wut anstellen würde, und hatte die Bluse von ihr unbemerkt wieder herausgeholt. Er hatte sich vorgenommen, sie nach dem Urlaub zur Reinigung zu bringen.
Andrea hatte außer sich vor Zorn geschrien: „Du kannst morgen allein mit Steffi verreisen“, wozu er geschwiegen hatte, da es für ihn keinen Zweifel daran gab, dass seine Frau ihre Androhung nicht wahrmachen würde. Genau wie er wusste sie doch, dass sich Stephan nach einer Reise mit beiden Elternteilen sehnte. Er sprach seit Tagen von nichts anderem mehr.
Mit seinen neun Jahren hing er noch sehr an Mama und Papa. Als aufgeweckter, intelligenter Junge befürchtete er, seine Eltern könnten eines Tages auseinandergehen, da sie ständig einander in den Haaren lagen.
Die beiden erwachsenen Kinder, Jochen 19, Monika 21 Jahre alt, dachten nicht mehr daran, mit den Eltern etwas zu unternehmen. Sie gingen bereits ihre eigenen Wege.
Nachdem sich Robert am Abend schlafen gelegt hatte, war ihm die Auseinandersetzung mit seiner Frau nochmals durch den Kopf gegangen. Es hatte ihm leid getan, ihr den roten Rebensaft ins Gesicht geschüttet zu haben. Ihm war voll bewusst geworden, wie impulsiv er reagieren konnte, wenn er sich ärgerte. Doch nicht nur er verhielt sich so, auch Andrea fuhr allzu leicht aus der Haut. Robert wäre gerne zu einer Versöhnung bereit gewesen, aber sie hatte sich bereits in den Kopf gesetzt, sich von ihm zu trennen. Er jedoch würde gerne mit ihr zusammenbleiben, weil er sie immer noch liebte. Außerdem hätte er gerne der Kinder wegen diese Gemeinschaft aufrecht erhalten.
Als Andrea an diesem Morgen aufstand, lag Robert noch im Bett und schlief fest, weil es am Abend so spät geworden war. Sie jedoch war schon bald aufgewacht und erhob sich nun schwankend von ihrer Schlafstätte. Sie betrat den flauschigen, ihre nackten Füße umschmeichelnden Bettvorleger und tapste zum Fenster, um die beiden Schals der geblümten Vorhänge aufzuziehen. Beim Öffnen des Fensters blinzelte sie, als ihr die Sonne direkt ins Gesicht schien. Der Tag versprach wie gestern sonnig zu werden, hoffentlich nicht zu heiß, damit die Temperatur im Auto erträglich war.
Schon in wenigen Stunden sollte die Fahrt losgehen. Dabei war noch kein Gepäck im Auto untergebracht.
Gähnend trat Andrea in die Diele hinaus. Sie erschrak über das heillose, auch teilweise von ihr selbst angerichtete Durcheinander. Der Föhn lag auf der Badetasche, und, wie gedankenlos, die Badetücher hatte jemand auf das Schuhbänkchen gelegt. Wahrscheinlich war es Stephan gewesen. Oder doch Robert? Sie nahm die Wäsche herunter und legte sie im Schlafzimmer über die Betten.
Ein offener Koffer, in den der Junge seine Unterwäsche wahllos hineingeworfen hatte, einen Pulli und zwei Bücher obenauf, lag mitten im Raum. Dass Robert nun seine Wanderschuhe vor die Badezimmertür gestellt hatte, sodass man darüber stolpern konnte, ärgerte sie. Wollte er sie damit absichtlich erzürnen? Natürlich hätte sie sie des lieben Friedens Willen wegstellen können, aber um ihren Frust abbauen zu können, hielt sie es für gerechtfertigt, ihn zur Rede zu stellen. Leise fluchend hob sie ihre Füße und stieg darüber hinweg.
Nach ihrer Morgentoilette nahm sie sich vor, Stephan zu wecken. Sie stürmte in das Zimmer ihres Sohnes, worauf der blonde Lockenkopf augenblicklich hochschnellte. Das Kind fragte schlaftrunken: „Mama, was ist los? Ist was passiert?“
„Nichts! Bitte, Steffi, könntest du aufstehen und das Frühstück machen? Die Zeit drängt.“
Stephan hüpfte aus dem Bett, seiner Mutter auf den rechten Fuß.
„Aua“, schrie sie, „mein Hühnerauge.“
Er grinste. „Pardon, gnädige Frau. Ja, ich mach schon das Frühstück.“
Stephan, ein lebhaftes Kind, manchmal auch unfolgsam, ging seiner Mutter oft zur Hand. Ab und zu richtete er am Sonntag die erste Mahlzeit des Tages. Jedoch musste man ihn höflich darum bitten, durfte ihn niemals direkt dazu auffordern.
Ihm fiel jetzt dazu ein: „Ich möchte aber kein glibberiges Legehennenbatteriezeugs machen, sondern harte Eier. Sonst könnte ich auch eine Matschpampe mischen, so wie Jochen sie isst.“
Ungehalten schüttelte die Mutter den Kopf. „Fällt dir nichts Besseres ein als Jochen zu kopieren?“
Er lachte. „Mams, die Eier solltest du aber nicht im Supermarkt kaufen, sondern aus dem Hühnerstall nehmen.“
Sie ging gerne auf seinen Spaß ein, weil sie ihm die gute Laune nicht verderben wollte. „Das überlass ich dem Fuchs“, äußerte sie schmunzelnd.
Fröhlich erwiderte der Sohn: „Der Fuchs holt sich doch lieber ein Huhn und lässt die Eier liegen.“
„Da hast du auch wieder recht, du Schlaumeier, du.“
Andrea teilte Stephans Vorfreude auf diese Reise nicht.
In der Diele ergriff sie die Tasche mit den Schuhen, die sie ins Treppenhaus hinaustrug und zwischen Tür und Rahmen des Aufzugs klemmte. Gleich darauf holte sie noch die Badetasche und den Kassettenrekorder aus der Wohnung. Mit diesen Gegenständen fuhr sie ins Parterre hinab. Sie schleppte das Gepäck hinüber zum Auto, wo sie es im Kofferraum verstaute. Hinterher rauchte sie auf dem Beifahrersitz eine Zigarette, ehe sie in die Wohnung zurückkehrte.
Robert war inzwischen aufgestanden. Als Andrea wieder eintrat, roch er schon von Weitem, dass sie geraucht hatte. Er verzog zwar verächtlich das Gesicht, schwieg jedoch, um die verfahrene Situation nicht noch schlimmer zu machen. Nachdem Stephan außer Sichtweite war, flüsterte er seiner Frau mit versöhnlicher Stimme zu: „Bitte, Andrea, lass uns im Urlaub nicht mehr streiten. Steffis Ferien und auch unsere sollen doch ungetrübt bleiben. Meinst du nicht auch?“
Ihre grünen Augen sahen ihn herausfordernd an.
„Ungetrübt? Schwierig, wenn du dich selbst nicht beherrschen kannst.“
„Das kann ich doch und tu es auch. Darauf kannst du dich verlassen. - Übrigens, deine Mutter hat angerufen, als du unten warst. Steffi hat mit ihr geredet. Ich habe gehört, wie er gesagt hat: Omi, kommt nicht in die Tüte, dass ich Mama heraufhole. Wir fahren nämlich gleich in Urlaub und haben keine Zeit. Sie hat sauer reagiert, hat Steffi gesagt.“
Andrea fuhr sich über die Stirn. Obwohl sie wütend auf ihre Mutter war, die in Walsrode lebte und hin und wieder bei ihr anrief, um sie mit unberechtigten Vorwürfen und unerfüllbaren Wünschen zu nerven, fand sie das Verhalten ihres Sohnes ungehörig. Sie suchte ihn in der Küche auf. „Steffi, so behandelt man seine Oma nicht“, rief sie tadelnd. „Papa hat mir erzählt, was du gesagt hast. Sie ist schließlich kein Staubsaugervertreter, sondern deine Großmutter. Du hast dich bei ihr zu entschuldigen. Am besten, Du schreibst ihr eine Ansichtskarte vom Urlaub aus.“
„Ja, mach ich schon“, erwiderte der Sohn gereizt. „Ich wollte dir nur Ärger ersparen. Den hast du doch immer mit ihr.“
„Ich setze mich schon selbst mit ihr auseinander. Für dich ist und bleibt sie deine Oma. Sie ist doch auch lieb zu dir. Warum kannst du es nicht auch sein?“
„Und warum ist sie es nicht zu dir?“
Wütend erwiderte Andrea: „Das ist meine und Omas Angelegenheit. Junge, schreibe dir das gleich mal hinter die Ohren.“
Stephan verzog das Gesicht und murmelte: „Mams, da hinten steht schon so viel geschrieben.“
„Mit Recht“, erwiderte Andrea, ohne ihre Miene zu verziehen.
Stephan kam nahe an seine Mutter heran und fuhr ihr schmeichelnd über die rechte Wange. „Mams, bitte, mach mir den Urlaub nicht kaputt. Ich hab mich so darauf gefreut. Und jetzt schimpfst du mich aus.“
„Das musste sein. Deshalb kannst du dich trotzdem weiter auf den Urlaub freuen.“
Eine Viertelstunde später frühstückten sie alle drei auf dem Balkon. Stephan schälte sein Ei ab und ließ die Schalen vom sechsten Stock aus hinabrieseln. Dabei landeten sie auf Herrn Kellers Haaren. Verärgert drohte dieser mit dem Finger und rief hinauf: „Ich weiß, dass du das bist, Steffi. Du bist und bleibst ein ungezogener Lausfratz. Deine Eltern sollten dich mal erziehen.“
„Das tun sie doch ununterbrochen“, rief der Junge hinunter.
„Siehst du, schon wieder gibst du eine freche Antwort.“
„Das ist aber die Wahrheit.“
Der ältere Herr verzog das Gesicht und machte sich an den Haaren zu schaffen. Robert und Andrea schüttelten zwar den Kopf über die schlechten Manieren ihres Sohnes, aber sie tadelten ihn nicht, vielleicht, weil sie diesen Hausbewohner, der an allem und an jedem etwas auszusetzen hatte, auch nicht leiden konnten. Zudem wurde ihre Abneigung noch dadurch verstärkt, dass er öfter nach einundzwanzig Uhr hämmerte und bohrte. Robert und Andrea fragten sich, ob er seine Wohnung als Werkstatt benutzte. Man erzählte sich, dass er deshalb bereits einen Prozess hinter sich habe und erst danach in diesen Block eingezogen war. Wenn man ihn grüßte, blickte er auf die andere Seite. Ein seltsamer Zeitgenosse!
Die Mitbewohner dieses Hauses kamen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten Die meisten gaben sich äußerst zurückhaltend und redeten nur Alltägliches im Aufzug oder im Treppenhaus. Es gab jedoch auch einige Familien, die sich mit anderen angefreundet hatten, so wie die Teschners mit den Dollingers. Christa Dollinger war Andreas Freundin, und Edgar Dollinger spielte öfter mit Robert Schach.
Aber ausgerechnet die liebenswerte Familie Dollinger verließ in den nächsten Tagen für immer dieses Haus, weil sie eine Eigentumswohnung geerbt hatte. Über ihren Auszug waren Robert und Andrea, die ihnen gerade jetzt im Treppenhaus begegneten, sehr traurig. Edgar wandte sich an die Familie: „Sagt mal, habt ihr von dem Flugzeugabsturz über München gehört?“, worauf Robert den Kopf schüttelte. „Nein, wir haben kein Radio angehabt“, erwiderte er.
„In Trudering ist‘s passiert“, berichtete Edgar. „Das Sportflugzeug hat ein McDonalds-Schnellrestaurant gestreift, das sofort in Flammen aufgegangen ist. Geparkte Fahrzeuge und ein mit Fahrgästen besetzter Linienbus fingen auch Feuer. Es gab Tote und Verletzte. Grausam! Und ihr habt wirklich nichts davon gehört?“
„Nein“, entgegnete Andrea. „Wir waren wohl zu sehr mit den Reisevorbereitungen beschäftigt.“
Christa ließ wissen: „Ich kenne eine Bedienung bei Mc Donalds. Hoffentlich ist ihr nichts passiert.“
„Das hoffen wir mit dir“, erwiderte Andrea.
Nachdem sich die beiden Familien voneinander verabschiedet hatten, stiegen die Teschners in den Aufzug und saßen wenige Minuten später in ihrem Auto. Robert lenkte den Mittelklassewagen durch den fließenden Verkehr der Stadt. Stephan, der mit seinen Späßen für gute Stimmung sorgen wollte, blieb erfolglos. Beide Elternteile gaben sich ziemlich muffig, sodass der Junge nur noch schweigend aus dem Fenster blickte. Auf der langen Fahrt wurde kaum gesprochen.
Nach der Ankunft in Feld am See wurde bei seinen Eltern die Stimmung gelöster, wozu die sehr gemütlich eingerichtete Ferienwohnung beitrug. Gleich begannen sie mit dem Auspacken der Koffer. Doch Stephan schlüpfte heimlich zur Tür hinaus, um sich im Haus zu orientieren.
Vorsichtig öffnete er im Parterre den Speiseraum und entdeckte ein Mädchen etwa seines Alters, das ihre Finger über die schwarzen und weißen Tasten eines Klaviers gleiten ließ. Stephan fand, dass sich ihr Spiel gut anhörte. Dennoch fasste er wortlos über ihre Schultern und schlug einen xbeliebigen Ton an. Ärgerlich wandte sich die Klavierspielerin um und rief: „Nimm sofort deine Finger weg. Jetzt spiele ich. In vier Wochen gebe ich nämlich ein Konzert.“
Stephan, der dies nicht für bare Münze nahm, lachte schallend, worauf sie erschrocken zusammenzuckte und ihre Finger vom Klavier nahm.
„Oh, eine Pianistin. Wenn du weiter hochstapelst, kommst du oben bei uns in der Wohnung raus."
Strafend blickte ihn das Mädchen an. Sie fühlte sich sehr gekränkt. Als sie etwas entgegnen wollte, lief der Junge bereits zur Tür.
Eine Stunde später betrat Stephan mit seinen Eltern eine Gaststätte. Er bestellte „eine Artischocken-Pizza mit viel Käse drauf.“ Robert entschied sich für einen Schweinebraten, Andrea für ein Jägerschnitzel mit Salat, auf dem zur Überraschung aller eine Schnecke saß. Der Junge entfernte sie mit Daumen und Zeigefinger und setzte sie auf den Tisch.
Andrea berichtete der Bedienung, dass sich eine Schnecke auf ihren Salat verirrt habe. Aber die junge Frau entdeckte dort keine.
„Mein Sohn hat sie heruntergenommen. Sehen Sie, hier auf dem Tisch kriecht sie“, erklärte Andrea, worauf Stephan das Tierchen wieder auf die Rohkost setzte.
Die Serviererin blickte entsetzt. „Du gibst eine Schnecke auf den Salat? Und deine Mutter behauptet, sie sei schon draufgesessen? Bringst du immer Schnecken mit in die Gaststätten?“
Ehe der leicht verwirrte Junge etwas erwidern konnte, schaltete sich sein Vater ein: „Wozu sollte er das tun? Er hat die Schnecke doch nur heruntergetan.“
„Und warum setzt er sie wieder drauf?“
„Um zu demonstrieren, wo dieses schleimige Ding gesessen hatte. Sie bringen jetzt augenblicklich einen frischen Salat. Aber Sie stellen ihn auf den Tisch, ehe Sie den andern mitnehmen. Sonst könnten sie vielleicht die Schnecke nur heruntertun und den selben Salat wieder bringen.“
Unwillig schüttelte die junge Frau den Kopf. Daraufhin verlangte Robert den Chef.
„Er ist nicht da“, antwortete die Serviererin kurz angebunden und verschwand. Nach etwa zehn Minuten brachte sie einen frischen Salat und nahm den andern mit.
Über diesen Zwischenfall amüsierten sich die drei noch auf dem Heimweg. Stephan verging jedoch bald das Lachen, als er erfuhr, dass er nicht, wie gewünscht, im Wohnzimmer auf der Couch übernachten durfte, sondern neben seinem Vater im Doppelbett schlafen musste. Er hatte sich vorgestellt, nachts noch lesen zu können, aber er wusste, sein Vater würde dies nicht dulden.
Während Stephan am Morgen noch die Augen geschlossen hielt, ließ sich Robert frühzeitig von den Sonnenstrahlen wecken, die ungeduldig die dünnen Gardinen durchdrangen. Als er in den Wohnraum stolperte, besserte Andrea auf ihrem Nachtlager Wäsche aus. Darüber war er so verblüfft, dass er kein Wort herausbrachte. Sie jedoch rief in einem scharfen Ton: „Guten Morgen könntest du zumindest sagen. Und wenn es dir nicht passt, dass ich deine Socken stopfe, kann ich sie auch wegwerfen.“
Ärgerlich schüttelte Robert den Kopf. „Andrea, bezähme deine schlechte Laune. Mir hältst du daheim Vorträge, ich solle mich beherrschen.“
„Du und Steffi, ihr seid in Urlaub. Ich bin nur pflichtgemäß mitgekommen. - Holst du jetzt Semmeln und Aufstrich für das Frühstück?“, fragte sie ihn barsch.
„Klar mach ich das. Ich gehe nur noch rasch ins Bad.“
„Dann gehe ich selber.“ Gleich sprang sie auf, zog sich ein Kleid über, nahm die Einkaufstasche, den Geldbeutel, den Schlüssel und verschwand aus der Wohnung.
Robert wusste nicht, wie ihm geschah. In friedlicher Absicht hatte er das Zimmer betreten und nun diese Abfuhr? Was hatte sie nur?
Wie oft ärgerte er sich über ihre schnippische Art. Meistens gab er eine entsprechende Erwiderung. Aber heute wollte er alles friedlich angehen. Manchmal verstand er nicht, warum er sie trotz allem noch liebte und heftig begehrte. Jede Art Verletzung schien er ihr zu verzeihen. Wenn sie sich weigerte, mit ihm Sex zu haben, hoffte er auf eine bessere Gelegenheit, die dann auch kam, aber leider nur zu selten. Als ein Mann in den besten Jahren litt er unter diesen Zurückweisungen.
Andrea blieb auf einmal im Parterre stehen und lauschte dem Schlager, der aus einem Zimmer kam. „Life shows no mercy...“ (Das Leben kennt keine Gnade). Dabei überlegte sie, dass ihr Leben bei all den Problemen, die sie zu bewältigen hatte, auch nicht mit Gnade überhäuft war.
Sie wünschte sich frei zu sein, ohne jede Verantwortung, wie Gisela, ihre Chefin, die weder Mann noch Kinder hatte.
Beim Weitergehen dachte sie auch kurz an ihre Mutter, die sicher wegen Stephan beleidigt war. Sie nahm sich vor, bald eine Ansichtskarte loszuschicken, um sie wieder zu besänftigen.
Bei der Rückkehr von ihrem Einkauf nahm sie sich vor, freundlich zu sein. Ihr wurde bewusst, wie schändlich sie sich vorhin Robert gegenüber benommen hatte.
Als sie eintrat, war sie erstaunt, dass Stephan bereits den Tisch deckte. Und Robert war schon dabei, den Tee aufzubrühen. Eine Entschuldigung wegen vorhin lag ihr zwar auf der Zunge, doch sie sprach sie nicht aus. Sie legte die Semmeln in das bereitstehende Brotkörbchen, die Wurst auf einen Teller, den Käse daneben, und so konnten sie gleich mit der ersten Mahlzeit des Tages beginnen.
Nach dem Essen wurde der Rucksack gepackt. Sie fuhren mit dem Auto bis zu einer Hütte, von wo aus sie über saftige grüne Matten, so weich wie ein Perserteppich, zum Mirnock hinaufwanderten. Als leidenschaftlicher Fotograf mit Vorsatzlinsen und Zwischenring ausgerüstet, nahm Robert Alpenrosen und Bartglockenblumen auf. Auf der Blüte einer Distel entdeckte er zu seiner Freude eine Spinne. „Seht mal her“, rief er begeistert, „eine Krabbenspinne. In ihrer Farbe passt sie sich total der Blüte an. Das nennt man Mimikry.“
Andrea kam näher, aber sie nickte nur, weil sie nichts Besonderes daran fand, Stephan schon gar nicht. „Hm, ich sehe“, sagte er gelangweilt und stolperte weiter.
„Diese Bergwelt ist wunderschön“, stellte Robert nach einer Weile fest. Zu seiner großen Überraschung erwiderte Andrea bestätigend: „Ja, das ist sie. Selbst ich als Nordlicht bin davon begeistert.“
„Wirklich? Das sind gute Aussichten für die Zukunft.“
Sie schwieg.
Als Naturliebhaber entdeckte Robert immer wieder etwas Neues. Er hörte seinen Sohn sagen: „Paps, warum ist der Berg so niedrig? Gibt es hier keinen höheren?“
„Hier gibt’s keinen Mount Everest. Den nehmen wir uns im nächsten Jahr vor. Vom Mirnock habe ich gelesen, dass er in vorgeschichtlichen Zeiten sein Haupt verloren hat und die Steinmassen ins Tal hinabgerollt sind.“
Andrea blieb stehen, weil ihr die Pusste ausging. Sie japste nach Luft, während Stephan jammerte, dass der Berg nicht hoch genug sei.
Robert packte seine Kamera wieder ein. Soeben war es ihm noch leichtgefallen, sich auf den Urlaub zu konzentrieren, aber auf einmal schoss ihm seine Firma durch den Kopf. Er war Abteilungsleiter bei Kniefalter AG und ärgerte sich über die Chefetage, die ihm verboten hatte, einer Angestellten den Jahresurlaub in Raten zu gewähren. Marika Rössert kümmerte sich um ihren behinderten, in einem Heim lebenden Sohn und benötigte ab und zu für ihn diese Freizeit. Die Firma hatte ihr wegen dieses Antrags sogar eine Kündigung angedroht, die jedoch niemals beim Sozialgericht durchgegangen wäre. Herr Nümmermich hatte erklärt: „Ein produktives Unternehmen kann sich derartige Eskapaden nicht leisten.“ Da Robert seine Sekräterin in ihrem Wunsch unterstützt hatte, wurden ihm persönliche Motive unterstellt. Er hatte sich zu wehren versucht: „Das stimmt nicht. Und Eskapaden sind es von dieser Angestellten schon gar nicht. Etwas sozial sollte unsere Firma schon sein. Frau Rössert bekommt doch nicht mehr Urlaub als ihr zusteht. Wo also liegt das Problem, Herr Nümmermich?“
So oder ähnlich argumentierte Robert. Ihm wurden immer wieder nicht vertretbare Entscheidungen abverlangt. Er hatte schon öfter selbst an eine Kündigung gedacht. Seine Migräne, die er beinahe jeden Monat erleiden musste, schob er auch auf die ständigen Auseinandersetzungen.
Warum nur musste er gerade jetzt an seine Firma denken, wo alles um ihn herum so wundervoll war? Die eindrucksvollen Berge, das herrliche Wetter, selbst Stephan und Andrea waren bester Laune. Seine Frau schien schon wieder neue Kräfte gesammelt zu haben. Sie fasste ihren Sohn am Arm und wanderte mit ihm weiter den Berg hinauf, während sich Robert nur langsam fortbewegte, weil er seinen Kopf nicht freibekommen konnte. Er hörte seinen Sohn rufen:
„Paps, träumst du? Mama und ich sind gleich oben.“
Der Vater rief hinauf: „Wartet nur, euch Gipfelstürmer hol ich gleich ein. Dann habt ihr nichts mehr zu lachen.“
„Tust du nicht“, rief Stephan vergnügt hinunter und lief mit seiner Mutter weiter. Erst kurz vor dem Gipfel konnte Robert die beiden erreichen. Er schlang seine Arme um Andreas Taille, in der Hoffnung, sie ließ es geschehen. Tatsächlich, sie wehrte sich nicht dagegen. Ob sie diese Zärtlichkeit wegen Stephan geschehen ließ oder ob sie seine Berührung als angenehm empfand?
Zum zweiten Mal in kurzer Zeit keimte Hoffnung in ihm auf.
Auf dem Gipfel ließen sie sich nieder und genossen den imposanten Blick auf die bizarre Bergwelt, wobei sie zu ihrer Brotzeit griffen. Auf einmal spürte Stephan am Hosenboden seiner Jeans Feuchtigkeit. Er sprang auf und rief: „Huch, ich hab mich in einen Kuhfladen gesetzt.“ Er nahm ein Grasbüschel, um an der beschmutzten Stelle zu reiben. Ungeniert zog er im nächsten Augenblick seine Jeans aus, um sie an einem Strauch bei Wind und Sonne trocknen zu lassen.
Andrea schloss kurz die Augen, lehnte ihren Rücken an den Rücken ihres Mannes, was diesen sehr erfreute. Doch hörte er sie klagen: „Wahrscheinlich bin ich für so eine Tour ungeeignet.“
„Nein, bist du nicht. Vorhin hat es ausgesehen, als wolltest du zusammen mit Steffi einen Rekord aufstellen.“
„Das hat mich aber viel, viel Kraft gekostet.“
„Kann ich mir denken. Du bist nur etwas ungeübt. Ansonsten machst du das gut.“
Sie lächelte. „Wirklich? Meinst du das ehrlich?“
„Ja, ganz und gar ehrlich.“
Nachdem Stephan seine Hose wieder angezogen hatte und eine Jugendgruppe mit lautem Hallo erschien, nahm sich die Familie den Abstieg vor.
Im Auto war Robert so vergnügt, dass er ein Liedlein vor sich hinpfiff, doch bald wurde ihm die Laune verdorben, weil es auf der Straße einen Stau gab, der sich lange nicht auflösen konnte. Ein Lastwagen stand wegen eines Unfalls quer auf der Fahrbahn.
Die Familie war froh, wieder in die Ferienwohnung zurückkehren zu können. Während es Andrea und Robert nur nach Relaxen zumute war, holte Stephan seinen Ball aus der Ecke und verschwand damit. Unten im Hof waren einige Kinder versammelt, um Handball zu spielen. Aber bald gab es unter der Gruppe ein Handgemenge, und Stephan kam schimpfend die Treppe heraufgesprungen. Er klagte: „Melanie, die dumme Ziege, hat mich am Kopf getroffen.“
Andrea schlug ihrem Sohn vor, es mit einem kalten Umschlag zu versuchen. Aber stattdessen füllte der Junge eine Spritze mit Wasser und verschwand wieder.
Eine Viertelstunde später klingelte es an der Wohnungstür. Eine Frau stand draußen, die sich mit Miller-Schmidtbauer vorstellte. Sie behauptete: „Ihr Sohn hat meine Tochter with cow-shit vollge… All friends run away. Terrible!”
Andrea lachte. „Mit cow-shit? Sagen Sie doch gleich Jauche. Nein, ich habe gesehen, wie er die Spritze mit Wasser gefüllt hat.“
„No, it was liquid manure.”
„Ich bin sicher, dass es Wasser war.“
Robert, der hinzugekommen war, glaubte Frau Miller-Schmidtbauer. Er stieg mit ihr die Treppe hinab. Auf der Bank vor dem Haus saß das mit Jauche bespritzte, stinkende Kind, in Tränen aufgelöst. Seinen Sohn fand er hinter der Scheune. Er konnte kaum glauben, was er sah: Im Beisein von zwei älteren Jungen zog Stephan an einer Zigarette. Wütend riss ihm der Vater den Glimmstengel aus dem Mund. „Und jetzt entschuldigst du dich bei diesem Mädchen, das du mit Scheiße...“
Stephan rümpfte die Nase. „Nein, tu ich nicht. Erst haut sie mir den Ball an den Kopf, dann nennt sie mich komisches Äffchen.“
„Du entschuldigst dich bei ihr und sagst, dass du das Kleid reinigen lässt. Wenn du es nicht tust, ist der Urlaub zu Ende“, drohte der Vater.
Zögernd bewegte sich der Junge auf das schluchzende Mädchen zu und murmelte eine Entschuldigung. Er versprach, ihr Kleid zur Reinigung zu bringen.
„Das nächste Mal ziehste Hosen an und nennst mich nicht mehr komisches Äffchen“, ließ er sich vernehmen, worauf sie ihre Zähne fletschte. Dann ging sie ins Haus und kehrte bald mit dem beschmutzten Kleid unter dem Arm zurück. Als sie es Stephan reichte, streckte sie ihm die Zunge heraus.
In die Wohnung zurückgekehrt, erhielt Stephan von seiner Mutter eine Gardinenpredigt. Beleidigt ließ er sich auf sein Bett fallen und las nach wenigen Minuten wieder in seinem Lieblingsbuch Die gefiederte Schlange. Er vertiefte sich so sehr in die Handlung, dass er die Stimme seiner Mutter nur wie aus weiter Ferne vernahm. „Steffi, leg das Buch weg. Wir gehen zum Essen. Oder bist du schon vom Fingernägelkauen satt?“
Gleich hörte er auch noch die tadelnde Stimme seines Vaters, diesmal in voller Lautstärke: „Ich schlage dich windelweich, wenn du noch einmal eine Zigarette in den Mund nimmst.“
Stephan versprach, es nicht mehr zu tun und begab sich mit seinen Eltern zur nächsten Gaststätte, um ein Abendessen einzunehmen. Hinterher spielten sie in ihrer Ferienwohnung noch eine Stunde Mensch ärgere dich nicht.
In der Nacht erwachte Andrea von einem Geräusch. Noch ehe sie das Lämpchen anschalten konnte, spürte sie Roberts Arm auf ihrem Arm. Er bat sie, im Bett Platz zu machen. Als er neben ihr lag, fragte sie ihn:
„Robert, was willst du jetzt mitten in der Nacht?“
„Liebling, kannst du es dir nicht denken? Ich möchte mit dir schlafen“, hauchte er.
„Aber ich nicht mit dir. Außerdem bin ich nicht mehr dein Liebling“, flüsterte sie.
„Das hat vorhin bei unserer Wanderung anders ausgesehen.“
Sie drehte sich zur Seite und griff nach dem Kopfkissenzipfel. „Lass mich jetzt bitte, bitte schlafen.“
Er begann mit den Füßen zu strampeln. „Weißt du was“, knurrte er ärgerlich, „du bist kalt und starr wie steifgefrorene Wäsche. Mich lässt du im Regen stehen und mit Frank hast du es getan.“
Mit Frank Leroux, dem Bruder ihrer Freundin und Chefin, hatte Andrea damals, als es in ihrer Ehe zu kriseln begonnen hatte, eine kurze Affäre gehabt. „Es ist doch nur ein Ausrutschergewesen“, erklärte sie jetzt Robert. Sie hatte angenommen, er habe es ihr damals verziehen, aber nun bewies seine Bemerkung das Gegenteil.
Robert unternahm noch den letzten Versuch, sie an sich zu ziehen, doch sie schlug so heftig um sich, dass er beinahe von der Liege heruntergefallen wäre. Enttäuscht kehrte er in sein Schlafzimmer zurück.
Andrea wälzte sich noch einige Zeit hin und her. Sie dachte daran, wie glücklich sie in den Anfangsjahren ihrer Ehe gewesen waren. Sie hatten sich in Hannover kennengelernt, wohin Robert von seiner Münchner Firma versetzt worden war. Nach ihrer Heirat war er mit ihr nach München zurückgekehrt.
Hier in Oberbayern hatte Robert oft sonntags seine sportlichen Tätigkeiten mit Freunden wieder aufgenommen. Viel später erst hatte er begriffen, dass seine Familie dabei zu kurz gekommen war. Andrea hatte ihren Mann oft gefragt, warum ihm die Familie so gleichgültig geworden war, aber er hatte behauptet, dass dies nicht der Tatsache entspreche und von seiner Frau und später von den Kindern verlangt, sich auch an kurzen, einfachen Wanderungen zu beteiligen. Aber Andrea war dem Sport völlig abgeneigt gewesen und hatte auch die Kinder entsprechend beeinflussen können. Die Kluft war immer tiefer und tiefer geworden. Andrea hatte stets die Schuld bei ihrem Ehemann gesucht, und er die Schuld bei seiner Frau. Lange schon hatte sie ihrer Ehe keine Zukunft mehr gegeben, und eines Tages hatte sie ihrem Mann den Vorschlag unterbreitet, professionelle Beratung und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Er hatte den Standpunkt vertreten, dass ihnen fremde Menschen nicht helfen könnten. Sie müssten schon selbst an sich arbeiten, um ihre Ehe zu festigen. Aber es war ihnen nicht gelungen. Noch heute litt die Familie unter dieser Disharmonie. Am meisten davon belastet war das jüngste Kind Stephan.
Am nächsten Morgen saß Andrea in der Ferienwohnung als Erste am Frühstückstisch. Es dauerte einige Zeit, bis endlich Robert und Sephan erschienen. Der Junge sorgte für Ablenkung: „Paps, warum sagen die Österreicher zu den Aprikosen Marillen und zu den Tomaten Paradeiser? Und warum reden die Österreicher deutsch und nicht österreichisch?“
Robert lächelte: „Weil für die Österreicher Aprikosen eben Marillen sind und die Tomaten Paradeiser. Meines Wissen kommt der Begriff Marillen aus dem romanischen Sprachbereich. Und die Paradeiser haben ihren Namen vom Paradiesapfel.“
Stephan grinste. „Paps, ein bisschen hinkt deine Erklärung, so wie ein Mann mit einem Krückstock hinkt.“
Andrea und Robert blickten einander an und lachten. Für Stephan klang dieses Lachen sehr befreit. Erst blickte er in die Augen seiner Mutter, dann in die des Vaters. Er war davon überzeugt, dass sie einander zu verstehen versuchten. Der Gedanke machte ihn so froh, dass er beinahe vor Freude geweint hätte.
Robert erkundigte sich bei Andrea, ob sie auf der Fahrt nach Klagenfurt mit einem Umweg zum Ossiacher See einverstanden sei. Sie entgegnete: „Selbstverständlich bin ich das.“
Er erzählte von der kleinen Pension der Moosbacher, in der er mit seiner Familie öfter den Urlaub verbracht hatte. Er meinte, ihn interessiere, wie dieses Haus heute aussehe.
Doch dort stellte Robert enttäuscht fest, dass sich an der Stelle der Pension ein Hotel mit Swimmingpool befand. Wehmütig erinnerte er sich an die blitzsauberen Zimmer mit Holzbalkonen und an die herzliche Vermieterin, die in Abschiedstränen ausgebrochen war, als die Familie Teschner wieder heimfahren wollte, und dass sie einmal gesagt hatte: So a liabs Madl, die Mona. Und euer Bua is so g’scheit und so nett. Er hat mir vor zwei Tagen den Mülleimer aus der Hand g’nommen und wegtragn. Ich war ganz platt. Gell, des wisst ihr gar ned? „Das waren meine schönsten Ferien. Abends Unterhaltung mit Musik und Wein. Mona und ich haben nur Limonade trinken dürfen. Herr Moosbacher hat auf einer Zither Volkslieder gespielt. Und was ist jetzt? Jetzt regiert nur noch das Geld.“
Andrea war anderer Meinung: „Robert, du urteilst zu hart. Die Leute hier müssen vom Tourismus leben. In so einem unkonfortablen, wenn auch romantischen Häuschen will keiner mehr Urlaub machen.“
Robert zuckte mit den Schultern, und Stephan rief: „Wenn ich Geld hätte, würde ich in Amerika Urlaub machen. Mit dem Flugzeug hinfliegen oder mit dem Schiff hinfahren.“
Andrea lachte, und Robert stieß einen Seufzer aus. Eine Reise nach Amerika zu unternehmen, war auch einer seiner Wachträume.
Wehmütig schweifte Roberts Blick über all die neuen Häuser und über die Gondelbahn, für die eine Trasse in die Landschaft geschlagen worden war. Musste nicht gerade er Verständnis dafür aufbringen, wo er selbst Skiläufer und Bergwanderer war? Der Fremdenverkehr forderte von den Bewohnern, dass sie sich nicht dem Fortschritt verschlossen. Hier gab es keine andere Möglichkeit, Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen.
Die Familie fuhr nach Klagenfurt weiter, um den Reptilienzoo zu besuchen. Im Innenhof hielt ein Mann in weißer Hose und weißen Turnschuhen, vermutlich der Zoodirektor, eine Kreuzotter mit einem Stock in die Höhe. Mit humorvollen Worten versuchte er sein Publikum zu faszinieren. „Kreuzottern bringen ihre Jungen oftmals in den Heidelbeersträuchern zur Welt. Meine Damen, stellen Sie sich vor, Sie könnten wie dieses Reptil bei schlechter Laune das freudige Ereignis auf den übernächsten Tag verschieben. Das sollten Sie lieber diesen Schlangen überlassen, die wahre Meister darin sind.“
Der Herr in Sportskleidung sprach weiter: „Wie Sie wissen, gibt es in Oberbayern viele Schwarze. Von Kreuzottern ist hier die Rede.“ Demonstrativ hielt er wieder den Stock mit der Schlange hoch. „Das hier ist eine lebhafte Kärntnerin. Meine Herren, sind Sie schon einmal einer langweiligen Kärtnerin begegnet? Ich habe leider nur Erfahrungen mit Schlangen. Spaß beiseite! Wenn Sie sich ein solches Tier im Garten halten wollen, rechnen Sie damit, bald keine Mäuse, keine Ratten, aber auch keine Nachbarn und Gäste mehr zu haben. Wollen Sie wie Adam und Eva im Paradies allein leben? Beim Umgang mit den Schlangen dürfen Sie nie auf Handschuhe und Stiefel verzichten. Adam und Eva waren noch unerfahren. Sie haben sich durch die Unverfrorenheit und Schläue des Reptils verführen lassen.”
Stephan und seine Eltern amüsierten sich über diesen fröhlichen Schlangenbeschwörer, der jetzt die Kreuzotter auf die Erde hinabgleiten ließ, wo sich das Tier verängstigt hinter einem Fichtenbäumchen verkroch. „Wie gut, dass es um dieses Gelände herum eine Mauer gibt, sonst gäbe es hier keinen einzigen Besucher mehr“, verkündete der Mann zum Abschluss seiner Vorführung.
In einem Gebäude gab es Glaskästen mit grünen und orangefarbenen Färberfröschchen, die zwar niedlich aussahen, aber als sehr giftig eingestuft wurden. Stephan hatte mehr Freude an dem munteren Nashornleguan, und er versuchte, wie drei andere Jungen, mit dem Reptil um die Wette zu züngeln. Robert kam hinzu und meinte: „Mama wartet draußen auf uns. Ihr ist von der haarigen Vogelspinne übel geworden.“
Stephan grinste. Er meinte, sie habe sie doch nicht streicheln müssen.
Vater und Sohn ließen sich auch noch von der Schwarzen Mamba, der Königin der afrikanischen Schlangen, beeindrucken. Die Information, zwei Tropfen ihres Giftes reichten aus, um einen Menschen zu töten, ließ sie erschauern.
Draußen vor dem Tor wartete bereits Andrea voller Ungeduld auf Robert und Stephan. „Habt ihr es wirklich übers Herz gebracht, den Schlangen und Spinnen Lebwohl zu sagen?“, bemerkte sie spöttisch.
„Es ist uns schwergefallen, weil wir schon mit ihnen Freundschaft geschlossen haben“, entgegnete Robert augenzwinkernd.
Bestens gelaunt fuhren die drei in ihre Wohnung zurück.
Am nächsten Tag, es war heiß, stürzte sich die Familie mit Vergnügen in das Nass des Millstätter Sees. Stephan paddelte etwas später mit seinem Schlauchboot auf dem See umher, während sein Vater tauchte. Nach zehnminütigem Schwimmen ließ sich Andrea auf der mitgebrachten Decke nieder und vertiefte sich in eine Zeitschrift. Auf einmal legte sie das Blatt beiseite, weil ihr so viele Gedanken durch den Kopf schossen. Sie sinnierte über ihre Situation mit Robert nach. Wie sollte es mit ihnen weitergehen? In manchen Augenblicken, wie zum Beispiel beim Bergwandern, waren sie einander nähergekommen, was Stephan sofort registriert hatte. Sie sah es ihm an, weil sich jedesmal sein Gesicht zu einem Lächeln entspannte. In dieser Hinsicht hatte er einen scharfen Blick. Ihm entging keine gutgemeinte Geste. Genau wie Robert schöpfte der Junge Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde, aber Andrea war fest entschlossen, eine Trennung herbeizuführen. Leicht war das für keinen von ihnen.
Plötzlich blickte sie auf und erheiterte sich, wie andere Anwesende, über einen Mann, dem es nicht gelingen wollte, seinen Liegestuhl aufzustellen. Bei jedem Handgriff fiel das Objekt wieder in sich zusammen. Ein Badegast wollte den Hilflosen bei seinen Bemühungen unterstützen, aber auch er musste passen. Wieder großes Gelächter! Jetzt bot ein zwölfjähriger Junge seine Hilfe an. Der Mann meinte: „Ach, lass den verdammten Liegestuhl. Ich lege mich auf die Decke.“ Der Schweiß stand ihm bereits auf der Stirn. Er resignierte. Doch der Jugendliche wollte nicht nachgeben und griff energisch nach dem Corpus Delicti. Im nächsten Moment rastete der Aufstellbügel tatsächlich ein, und es dauerte nicht lange, bis der Liegestuhl in die richtige Position kam. Die Leute, die vor kurzem noch in Gelächter ausgebrochen waren, waren baff und gaben keinen Laut mehr von sich. Stolz erklärte der Junge: „So haben Sie es doch bequemer. Jetzt brauchen sie nicht mehr auf der Decke zu liegen.“ „Tausend Dank. Du bist ein Genie“, lobte der ältere Herr den Jungen, woraufhin der hilfsbereite Knabe erwiderte: „Mir reicht schon ein einziger Dank. Schönen Urlaub wünsche ich Ihnen.“
Als Robert und Stephan vom Baden zurückkehrten, erklärte ihnen Andrea, dass sie ein schönes Schauspiel verpasst hätten. „Zuschauen, wie ein Mann mit einem Liegestuhl kämpft, ist interessanter, als wenn ein Torero es mit einem Stier aufnimmt.“
Die Familie kehrte später wieder zufrieden in die Wohnung zurück. Doch am nächsten Morgen zog ein heftiges Gewitter auf. Es donnerte und blitzte so stark, dass sich Andrea ängstlich auf ihrer Liege die Decke über den Kopf zog. Stephan starrte mit seinem Vater aus dem Fenster, an dem klatschend die Regentropfen zerplatzten. Dabei kam Robert der Gedanke, heute in der Ferienwohnung etwas für die Familie zu kochen. Über diese Idee freute sich Andrea, auch wenn sie verwundert war, weil er sich daheim nie um’s Kochen gekümmert hatte.
Beim Besorgen der Zutaten für die Mahlzeit half Stephan seinem Vater, aber vom Kochherd hielt er sich fern, ebenso Andrea, die ihren Liebesroman weiterlas. Stephan verfasste inzwischen an seine Freunde Oliver und Theo einen sehr fantasievollen Brief: „Die Schwarze Mamba riss ihr großes Maul so weit auf, dass man bis zu ihrem Bauch hinuntersehen konnte. Sie hatte etwas Komisches verschluckt, wahrscheinlich einen Menschenarm. Meine Mama ist beim Betrachten der Vogelspinne umgekippt. Um den Hals des Zoodirektors lagen zwei Riesenschlangen. Er hat schon zehn Kreuzotterbisse überstanden. Die giftigen Färberfröschchen kamen aus ihrem Glaskasten heraus, weil jemand den Deckel nicht zugemacht hat. Wir liefen alle davon. Sonst ist dieser Urlaub prächtig. Wir haben auch schon viele Gipfel bestiegen. Herzlich grüßt Euch Euer Steffi.“
Eine Stunde später saßen sie zu Tisch. Robert füllte die Teller mit Schweinefleisch in feuriger Paprikasoße und Reis, und er wurde von Stephan und Andrea sehr gelobt. Sie staunten über die wohlschmeckende Mahlzeit. Andrea wollte wissen, wo er sich solche Fähigkeiten angeeignet habe, weil er doch daheim nie eine Mahlzeit zubereite, aber er zeigte nur ein geheimnisvolles Lächeln.
Später unterbreitete er seinen Familienmitgliedern den Vorschlag, in den nächsten Tagen auf Burg Landskron einmal ein Rittermenü einzunehmen. Dazu schwieg Andrea, aber Stephan rief voller Begeisterung: „Eine prima Idee, Papa!“
Während Stephan wieder unten im Hof Ball spielte, nahmen sich seine Eltern einen Cafébesuch vor. Sie genossen die köstliche Kirschtorte und den besonders aromatischen Kaffee. Als dann die Tür aufging und ein Mann in den mittleren Jahren eintrat, zuckte Andrea wie vom Blitz getroffen zusammen. Robert merkte sofort ihre Erregung. „Was hast du?“, fragte er sie. „Hat es mit diesem Mann dort was zu tun?“
„Ja, ja, hat es“, stotterte sie.
„Dann sag mir bitte, wer das ist.“
Sie antwortete nicht. Der soeben angekommene Gast entdeckte Andrea und ging auf sie zu. „Hallo, Andrea, schön, dich zu sehen. Sag mal, machst du auch hier Urlaub?“
„Ja. Und woher kommst du jetzt?“
„Von daheim selbstverständlich. Eine schöne Gegend ist das hier, nicht wahr?“
„Ja, ist es wirklich“, entgegnete sie benommen.
Er wollte ihr die Hand reichen, doch sie zog ihre zurück.
„Auch okay, wenn du nicht willst. Hat der Herr Gemahl dir verboten, Männern die Hand zu geben? Nun ja, ich muss mich erst einmal vorstellen: Ich bin Frank Leroux, von dem Sie sicher schon gehört haben.“
Robert rümpfte die Nase und zischte: „Und ob ich schon von Ihnen gehört hab.“
„Ich hoffe doch, was Gutes.“
„Gehen Sie mir aus dem Weg.“
„Was haben Sie nur? Ihr Rivale bin ich doch schon lange nicht mehr.“
Andrea stieß ihren Mann an. „Robert, lass ihn. Er wollte mich doch nur begrüßen.“
Frank nickte. „Das habe ich jetzt getan. Wissen Sie, Herr… Herr Teschner, ich konnte mich bloß nicht gleich an der Tür in Luft auflösen. Vielleicht tu ich das jetzt“, grinste er. Doch dann lächelte er Andrea an und meinte: „Wenn du Lust hast, dich noch mit mir zu unterhalten, ich sitze hier irgendwo und trinke gemütlich meinen Kaffee.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nee, Lust habe ich wirklich keine dazu.“
„So ist es auch okay.“ Er ging nun ein paar Schritte weiter und nahm am Fenster an einem kleinen runden Tisch Platz.
„Das ist ja unerhört“, zischelte Robert. „Muss der Mann hier auch Urlaub machen? Ist das wirklich Zufall?“
„Das musst du mir schon glauben. Damit habe ich wirklich nichts zu tun“, flüsterte sie. „Ja, es war damals ein Fehler von mir. Ich dachte, du hast mir verziehen.“
„Verziehen schon, aber meinst du, ich kann das so plötzlich aus meinen Gedanken löschen?“
„Ich kann doch nichts dafür, dass Frank hier Urlaub macht.“
„Robert zuckte mit den Schultern. „Komisch, es ist gerade so, als ob er gewusst hätte, dass du hier bist und sein Glück nochmal versuchen will.“
„Jetzt höre bitte damit auf. – Bezahle und wir gehen.“
„Warum jetzt auf einmal so eilig?“
Andrea brummte: „Meinst du, mir ist das nicht unangenehm? Und auch noch deine Verdächtigungen. Also bitte, machen wir, dass wir weiterkommen.“
Andrea drehte sich kurz nach Frank um. Er hob die Hand und rief: „Hallo.“
Robert begriff nicht. Er wisperte: „Gerade sagst du noch, du willst nichts mit ihm zu tun haben, und jetzt drehst du dich nach ihm um. Was soll ich jetzt glauben?“
„Glaube doch, was du willst. Ich wollte nur sehen, wo er Platz genommen hat. Ist das verboten?“
„Ich verbiete dir auch nicht, sich zu ihm zu setzen. Aber ich muss dir sagen, dass mir die Lust zu diesem Urlaub vergangen ist. Wir fahren morgen heim. Und heute packen wir noch unsere Sachen zusammen.“
Andrea fiel vor Schrecken die Kuchengabel aus der Hand. Sie piepste: „Das können wir nicht tun. Was glaubst du, was Steffi dazu sagen wird? Ihm gefällt es hier so gut. Robert, was ist denn daran so schlimm, dass dieser Mann auch hier Urlaub macht?“
„Wir werden ihm wahrscheinlich immer wieder begegnen. Und das ist für mich entsetzlich. Ich bestehe darauf, dass wir morgen fahren. Sonst musst du allein mit Steffi hierbleiben. Dann kannst du dich mit deinem Frank treffen.“
„Mit meinem Frank? Ich will mich nicht mit ihm treffen. Ich will aber auch nicht nach Hause fahren.“
Robert schwieg. Er rief die Bedienung herbei und bezahlte. Draußen ging der Streit weiter. Mit Absicht übersahen sie Stephan, der im Hof mit den Kindern Ball spielte.
Tatsächlich begann Robert gleich mit dem Einpacken. Er zog die Unterwäsche aus dem Schrank, doch Andrea riss ihm das Bündel wieder aus der Hand und legte es ins Fach zurück. Darüber wurde Robert wütend.
Als Stephan heraufkam, sah er verwundert von einem zum andern. „Was tut ihr denn da?“
„Wonach sieht es aus? Wir packen“, erklärte ihm der Vater.
„Wieso? Wir fahren doch noch nicht heim.“
