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Geld und Erfolg waren nicht die einzigen Kriterien für ein glückliches Leben. Weil das Leben nach seinen eigenen Regeln spielte. Selbst eine erfolgreiche Schauspielerin wie Emmy, konnte dem Schicksal nicht entkommen. Eine einzige Entscheidung konnte weitreichende Konsequenzen haben. Und welche Entscheidung sollte sie treffen? Mann oder Kind? Und war dieser Mann der Richtige? Und wo kamen eigentlich immer diese vielen Kurven her, wenn Emmy versuchte geradeaus zu gehen? Das Leben war wunderbar. Und anstrengend. Und aufregend.
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Seitenzahl: 428
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Außerdem von Birgit Jott erschienen:
Lotto — Geld allein macht nicht glücklich
Alle Personen in Birgit Jott’s Büchern sind frei erfunden; erstunken und erlogen; nicht existent; Phantasieauswüchse; Übermut; mal Ying und mal Yang; persönliches ureigenes Gedankengut von Birgit Jott!
Birgit Jott
Emmy
Liebesschnulze mit Hindernissen
für Andreas und Monika
© 2014 Birgit Jott
Lektorat, Korrektorat: Gabriele Koske Cover-Bilder:© andreapetrlik + Vidoslava /Fotolia.com
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-8495-9497-8
Hardcover
978-3-8495-9093-2
e-Book
978-3-8495-9094-9
Printed in Germany
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Sie war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. In endlos vielen Filmen hatte sie mitgespielt. Und war die Ikone in Moony, der Soap-Opera schlechthin. Seit Jahren lief ihre Serie erfolgreich. Ihre Rolle war ohne Frage sehr gut. Sie war eine der wenigen Schauspielerinnen, die es geschafft hatte, im Fernsehen und im Kino gleichermaßen erfolgreich zu sein. Heute hatte sie ihren letzten Drehtag hinter sich gebracht. Sie hatte sich aus der Serie herausschreiben lassen.
Nach außen lächelnd ging Emmy in ihre Garderobe, wo bereits verlogene Mitarbeiter warteten, die sich ihrer pflichtbewusst, aber völlig gefühllos annahmen. Jeder von ihnen hätte sie für nur einen Dollar verkauft. Jeder Fehler, den sie machte, jedes Wort, das sie sprach, würde sie in den nächsten Tagen in der Zeitung wiederfinden. Verkauft.
Verlogene Welt, dachte sich Emmy und entkleidete sich. Irgendetwas würde sich ändern müssen. Aber was? Dieser Frage würde sie nachgehen müssen und würde es herausfinden.
Nun wollte sie aber erst einmal heim. Auf dem Weg durchs Foyer spürte sie einen Blick auf sich. So wie Frauen eben dieses Gespür haben, angeblickt zu werden. Aus den Augenwinkeln sah sie ihn. Er stand völlig ruhig am Geländer und schaute sie ungeniert an. Als wenn er sie provozieren wollte. Er lächelte nicht, schaute auch nicht grimmig. Nur ruhig und beherrscht. Emmy steuerte selbstbewusst mit erhobenem Kopf auf den Ausgang zu. Sie mochte die Aufmerksamkeit, derer sie sich bewusst war. Trotzdem hätte sie niemals zu erkennen gegeben, dass es ihr aufgefallen war. Männer sollten sich etwas einfallen lassen, wenn sie sie erobern wollten. Sie liebte Intelligenz. Und intelligente Männer sollten auf eine „normale“ Anmache verzichten können. Obwohl sie zugeben musste, dass sie nicht abgeneigt wäre, sich einen neuen Mann zuzulegen. So ganz ohne war das Leben auch nicht das, was es sein sollte.
Mit diesen Gedanken bestieg sie das Taxi, welches sie zu ihrem edlen Appartement an der East Side von New York bringen sollte. Ihr Appartement war dreihundert Quadratmeter groß, besaß neben ihrem Schlafzimmer noch zwei Gästezimmer, eine Bibliothek, einen Pool, welcher von drinnen nach draußen auf ihre Terrasse führte. Der Boden war in grauem Marmor gehalten, die Wände in zartem Flieder. Jeder Quadratmeter war liebevoll eingerichtet. Da Emmy Schmutz verabscheute, beschäftigte sie zwei Putzfrauen, die jeden Tag kamen und sich um die optimale Pflege ihrer vier Wände kümmerten. Um frische Blumen, ihre Wäsche. Handtücher und Bettwäsche mussten jeden Tag gewechselt werden. Wichtig war auch, dass sie keine Fragen stellten, sich unsichtbar machten, wenn Emmy daheim war. Sollten doch Fragen auftauchen, so mussten diese mit Carol, Emmys Managerin und Mädchen für alles, besprochen werden. Niemand anderen ließ Emmy an sich heran. Carol verlangte Unsummen dafür, dass sie Emily exklusiv managte, aber sie war jeden Penny wert. Sie kannten sich schon aus der Schule, waren in die gleiche Klasse gegangen, hatten sich über die gleichen Lehrer geärgert, viele Erfahrungen und Enttäuschungen ihres Lebens gemeinsam durchgestanden. Sie waren nicht immer einer Meinung, und doch vertrauten sie sich. Carol trieb Emmy immer weiter, ermutigte sie zu Neuem, holte sie auf den Boden zurück bei Erfolgen und tröstete sie bei Niederlagen. Sie war der beständigste Teil von Emmys Leben. Carol selbst war eine absolute Denkerin und Diplomatin. Misserfolge gab es für sie nicht. Misserfolge waren für sie Lernprozesse, die wichtig waren. Sie war Berufs-Optimistin und hatte unendlich viel Selbstvertrauen und Kraft. Sie fing an, Emmy zu managen, die von diesem Zeitpunkt an erfolgreicher und bekannter wurde.
Allerdings war Emmy nun total ausgepowert. Sie hatte sehr hart gearbeitet in den letzten Jahren. Freizeit war ein Fremdwort für sie. Deshalb war es nun Zeit zu gehen. Nach Carols Meinung spielte sie schon viel zu lang in der Soap. Man sollte gehen, solange es noch gut läuft, und nicht erst, wenn man gegangen wird. Um auf diese Weise wieder auf sich aufmerksam zu machen und hinterher die Auswahl zu haben. Finanziell war Emmy längst abgesichert. Sie hatte kluge Finanzberater beschäftigt und im Gegensatz zu den anderen dummen Gänsen nicht ihr ganzes Geld verprasst und verfeiert.
So konnte sie sich nun ganz entspannt auf Neues konzentrieren. Emmy hatte genügend Menschen kennengelernt in den letzten Jahren. Wichtige und Möchtegern-Wichtige. Reiche und Neureiche. Hübsche und Hässliche. Sie hatte Beziehungen in sämtliche Richtungen geknüpft, um in verschiedenen Branchen Fuß fassen zu können.
Sie könnte ein Buch schreiben. Denn sie hatte bereits mit ihren 35 Jahren mehr erlebt als andere in ihrem ganzen Leben. Es stellte sich nur die Frage, ob Roman oder Biographie.
Auf jeden Fall würde sie morgen erst mal in die Bibliothek gehen und sich nach Material umsehen. Sie war seit ihrer Schulzeit nicht mehr in einer Bibliothek gewesen.
Mit einem Mal fühlte sie sich jung und frei. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Vielleicht hätte sie nicht so lange damit warten sollen, etwas zu verändern. Aber nun, da ihr Entschluss gefasst war und sie ein Ziel vor Augen hatte, ging es ihr hervorragend. Und sie war sich sicher, dass man von ihr noch viel hören würde. Schließlich war sie Emily Beneteau.
Als sie die Stufen zur Bibliothek hinaufging, fühlte sie, wie ihr Herz schneller schlug. Die Erinnerung an die Schule würde wohl jeden Menschen ein Leben lang festhalten, stellte sie lachend fest.
Bis in die Gegenwart. Drinnen roch es noch immer muffig. Menschen huschten hin und her. Jugendliche saßen an Tischen und schrieben aus Büchern ab. Selbst der bedeutend komfortablere Einsatz von Notebooks konnte keine Begeisterung auf ihre Gesichter zaubern. Emmy genoss jede Sekunde dieses Anblicks. Erwachsen zu sein hatte doch wirklich etwas für sich. Nie mehr würde sie freiwillig hier sitzen müssen. Sie trug Jeans und Sweatshirt. Ihre Haare waren einfach zusammengebunden, ihr Gesicht ungeschminkt.
Sie schien hier nicht weiter aufzufallen, niemand erkannte sie. Jedenfalls nicht in diesem Aufzug.
Sie schaute sich in den Regalen um, auf der Suche nach Biographien. Es konnte ja nicht schaden, sich vorher ein paar davon anzusehen. Um sicherzugehen, dass ihre eigene interessanter, besser und intelligenter sein würde. Vor ihr waren schon einige Persönlichkeiten auf die Idee gekommen, eine zu schreiben, stellte sie fest. Du meine Güte, dachte sie sich. Halten alle diese Leute sich wirklich für so wichtig, dass sie die Welt mit ihrem drögen Leben belästigen müssen? Wie ein Teenie kichernd, stellte sie fest, dass sie sich ja eigentlich in diese Reihe der Biographen mit einreihen wollte. So what, besser sein, hieß die Devise. Dann musste eben das Sexkapitel ausgeweitet werden. Da konnten die anderen bestimmt nicht mithalten. Wenn sie vereinzelte Männer in Gedanken Revue passieren ließ … Oh ja, da waren schon gute Episoden dabei.
Während sie weiter die Werke ihrer Konkurrenz betrachtete, hörte sie ein Schluchzen. Nicht diese lauten, nervigen Schluchzer. Sondern ganz bescheidene, verletzliche Töne. Sie schaute sich um, ob sie den Urheber entdecken konnte, aber da war niemand zu sehen. Fluchend, dass sie sich durch ihre Neugier so schnell ablenken ließ, machte sie sich auf die Suche. Wenn sie sich schon hatte ablenken lassen, dann wollte sie wenigstens wissen, von wem. In eine dunkle Ecke gekauert, kaum wahrzunehmen, saß ein junges Mädchen. Den Kopf auf die Knie gesenkt. Allein mit seiner Traurigkeit weinte es verloren.
Emmy war augenblicklich klar, dass die Biographie dieses Mädchens sicher auch nicht uninteressant wäre. Sie ging zu ihm und setzte sich auf den Boden daneben. Sie kramte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und reichte es wortlos herüber.
Das Mädchen nahm das Tuch entgegen. Seine Tränen waren versiegt. Emmy vermutete, dass es einfach zu verblüfft war, um weiter zu weinen. Es war nicht zu übersehen, wie das Mädchen sie musterte. Da von Emmy aber keinerlei Vorwurf kam und sie sich auch nicht bemühte, das Mädchen mit klugen Sprüchen aufzuklären, entstand der erste zarte Hauch von Vertrauen.
So saßen sie gut fünfzehn Minuten. Kein einziges Wort wurde gewechselt. Beide warteten auf die Reaktion der anderen. Emmy war geduldig. Viel zu gern wollte sie wissen, womit oder wogegen dieses schätzungsweise elfjährige Mädchen kämpfte.
„Ich brauche dein Mitleid nicht“, zischte das Mädchen ihr leise entgegen. Emmy freute sich enorm, dass es nun losging. Sie antwortete äußerlich gelassen: „Das ist auch gut, denn von mir würdest du auch keins bekommen. Jeder ist seines Glückes Schmied.“
Sie wusste, es war gewagt, dem Mädchen ohne Hintergrundwissen die Schuld an seiner Situation zuzuschieben. Aber manchmal war Angriff die beste Verteidigung.
„Willst du damit sagen, dass ich selbst schuld bin? Die Gesellschaft ist schuld. Sie hat es so weit kommen lassen. Ihr Egoismus“, erboste sich das Mädchen, das Emmy wie selbstverständlich duzte.
„Willst du etwa sagen, dass du Probleme löst, indem du dich in eine Ecke der Bücherei verkriechst, heulst und auf Wunder wartest? Ist das auch die Schuld der Gesellschaft?“
„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig“, antwortete das Mädchen, das erkannte, dass dieses Gespräch anders war als die üblichen.
„Mein Name ist Emmy. Ich bin kinderlos. Habe wahrscheinlich all das, was du nicht hast“, stellte sich Emmy vor.
„Paige. Paige Jeremy. Elf Jahre“, sagte das Mädchen.
„Na ja“, sagte Emmy, „dann hätten wir ja erst mal die Formalitäten geklärt. Solltest du mal wieder hier heulen wollen und ich hier nach Büchern schauen, können wir ja noch mal plaudern.“ Damit ging sie davon und ließ das völlig verdutzte Mädchen zurück.
Emmy fiel es schwer zu gehen. Sie erkannte sich in dem Verhalten des Mädchens wieder. Störrisch und selbstbewusst.
Sie hatte sich genau überlegt, was sie tat. Sie hatte Paige zurückgelassen, bevor sie selbst zurückgelassen worden wäre. Denn wäre das Mädchen zuerst gegangen, wäre der Kontakt verloren gewesen. Das Mädchen wäre als vermeintliche Siegerin gegangen. Aber so hatte sie das Mädchen verblüfft und gleichzeitig in Aussicht gestellt, sie hier noch mal zu treffen. Doch vielleicht ging ihre Strategie auch nicht auf. Die Zeit würde es bringen.
I m Gegensatz zu den meisten anderen Menschen liebte Carol Buchhaltung. Ordnung auf einen vollgestopften Schreibtisch zu bringen, war eines ihrer Hobbys. Allerdings war es manches Mal schwierig, gegen das Chaos und die viele Arbeit zu gewinnen. Trotzdem konnte sie sich in ihrem Büro wunderbar entspannen. Sie hatte dort Ruhe. Und das Gefühl, alles in Ordnung zu bringen, liebte sie. Während sie mit einer dampfende Teetasse in der Hand das Chaos überblickte, überkam sie ein wohliger Schauer. Sie hatte einiges erreicht im Leben. Das hatte sie sicher ihrem unerschütterlichen Selbstvertrauen zu verdanken. Das Leben machte ihr Spaß. Erfolg erfüllte sie mit Glück. Geld machte sie unabhängig.
Während sie diesen Gedanken nachhing, klingelte es und sie wurde aus ihren Träumen gerissen. Verärgert ging sie zur Tür und öffnete. „Hi“, war das einzige, was sie hörte, als sie die Tür öffnete. Und schon rauschte Emmy an ihr vorbei, griff nach einer leeren Teetasse und ließ sich im Sessel nieder. Seufzend schloss Carol die Tür und wartete auf die nächsten Katastrophen. Dass sie möglicherweise Carol störte, kam Emmy nicht in den Sinn. Für solche Dinge fehlte ihr das Feingefühl. Aus diesem Grund hielt sie sich auch nicht mit langen Vorreden auf.
„Ich werde schreiben“, erklärte sie Carol. „Vorzugsweise meine Biografie. Allerdings sollte sie sich von anderen abheben. Ich war heute bereits in der Bibliothek, um mir einige anzusehen.“
„Du warst in der Bibliothek?“, fragte Carol erstaunt. „Für gewöhnlich bist du sogar zu eitel, selbst eine Zeitung kaufen zu gehen. Weil es ja deinem Ruf schaden könnte, wenn man dich dabei erwischt, sterbliche Dinge zu tun. Und nun gehst du in die Bibliothek, um dir Bücher anzusehen, die sogar schon andere Menschen vor dir in der Hand hatten? Was ist los mit dir? Habe ich was verpasst? Oder willst du irgendwas Bestimmtes damit erreichen?“
„Carol, du verkennst mich total“, sagte Emmy lachend. „Wie du mich beschreibst, da fange ich ja an, mich vor mir zu fürchten. So schlimm bin ich nun auch nicht. Und eine gewisse Arroganz bringt halt mein Beruf mit sich.“
„Emmy“, sagte Carol, die sich nicht sicher war, ob sie verärgert sein oder mitlachen sollte, „du gehst nie irgendwohin, ohne einen persönlichen Vorteil davon zu haben. Entweder hast du irgendwelche Zeitungsfuzzis bei dir oder du weißt, dass du einem wichtigen Produzenten begegnest. Und was die Arroganz betrifft, brauchen wir das ja wohl nicht vertiefen, oder?“
Emmy tat entsetzt, lächelte aber dabei.
„Die Idee kam mir relativ spontan. Ich wollte einfach mal etwas ganz Normales tun. Außerdem wollte ich mal einen Blick in die Biografien der Konkurrenz werfen, um mich zu informieren. Aber du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass ich dafür Geld ausgegeben hätte. Da würde ich ja zur Erhöhung der Verkaufszahlen beitragen. Um Gottes Willen, so nett könnte ich wirklich nicht sein“, erklärte sie lachend. „Im Grunde genommen bin ich auch gar nicht dazu gekommen, mir tatsächlich Biografien anzusehen. Da war ein Mädchen, das mich total abgelenkt hat. Sie saß heulend in der Ecke. Da wurde mir klar, wie gut es mir geht.“
Carol war kurz vorm Platzen.
„Okay, vielleicht habe ich eine lange Leitung, aber ich kann dir nicht folgen. Du gehst so mir nichts, dir nichts in die Bibliothek, was ja an sich schon ungewöhnlich ist. Und prompt sitzt da ein heulendes Mädchen, das in dir die Erkenntnis zum Aufleuchten bringt, wie gut es dir geht. Habe ich das so weit richtig verstanden?“
„Sollte ich dich nerven oder stören, sag es mir. Ich habe keine Lust, ewig wie eine Doofe von dir behandelt zu werden. Für mich war das vorhin eine ungewöhnliche Erfahrung. Deshalb wollte ich sie mit dir besprechen. Aber das ist mir gründlich vergangen“, erklärte Emmy beleidigt. „ Ich habe die ganzen Jahre ständig nur gearbeitet. Musste immer nett sein. War ewig vom Gutdünken der Produzenten, der Regisseure, der Medien abhängig. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal irgendwohin gegangen bin, ohne mich zu schminken. Vielleicht könntest du einfach mal auf den Boden zurückkommen.“
Carol atmete tief durch. Sicher, Emmy war sehr extrovertiert und schwierig, aber sie war auch fleißig und beständig.
„Entschuldige bitte“, sagte Carol, „ich habe es nicht so gemeint. Aber auch für mich ist die Situation neu. Außerdem hatte ich mich auf einen ruhigen Bürotag gefreut. Immerhin ist auch für mich heute der erste Tag nach deinem Abgang. Also, nun erzähl schon.“
„Im Grunde genommen gibt es ja nichts Weltbewegendes zu erzählen. Nur dass ich mir das Geschreibsel der Konkurrenz ansehen wollte und dabei auf ein elfjähriges heulendes Mädchen gestoßen bin. Carol, sie tat mir echt leid. Aber sie hätte meine Hilfe sicher nicht angenommen, das spürte ich sofort. Deshalb habe ich es auch gar nicht erst versucht. Ich habe ihr ein Taschentuch gegeben.“
Carol prustete vor Lachen. „Du bist der Meinung gewesen, ihr nicht helfen zu können, aber hast dann in deiner spendablen Art ein Taschentuch springen lassen? Wow, du bist einfach zu nett.“
Die beiden Frauen lachten, obwohl natürlich eine gewisse Nachdenklichkeit mitschwang, über ein Mädchen zu lachen, welches sicher nichts für sein Schicksal konnte.
Er wusste genau, was Frauen wollen.
Im Grunde genommen war das auch nicht schwierig. Sie wollen Aufmerksamkeit. Das Gefühl der Einzigartigkeit. Und sie wollen ernst genommen werden.
Die meisten Männer wussten das. Aber es war ihnen viel zu mühselig, es in die Tat umzusetzen.
Das einzig Schwierige war, nicht schwach zu wirken. Männer müssen immer stark, selbstbewusst und überlegen sein. Die wenigsten Frauen wollen einen Mann, der nichts erreicht hat im Leben. Sie wollen sich fallen lassen können, ohne Angst zu haben.
Aber es ist wichtig, unerreichbar zu sein. Immer wenn sie das Gefühl bekommen, einen sicher zu haben, musste man sich wieder zurückziehen.
Denn alles, was man nicht haben kann, ist doppelt so interessant.
Im Moment wollte er Emmy Beneteau haben. Sie faszinierte ihn. Er hatte sie schon mehrfach im Theater gesehen. Und sie gefiel ihm ausgesprochen gut. Sie setzte sich in den Medien immer gekonnt ins Bild. Kein wichtiges Ereignis ohne sie.
Ihm lag nicht viel an medialer Präsenz. Da er aus einem wohlhabenden Haus kam, hatte er schon als Junge ohnehin immer mehr Aufmerksamkeit als die meisten anderen Kinder.
Seine Eltern waren kluge, gebildete Leute, die das Geld, welches sie bereits besaßen, auch noch in kürzester Zeit vermehrten. Somit war ihm ein Lebensstandard möglich, den die meisten seiner Mitschüler nicht hatten. In der Schule hatte er nie Schwierigkeiten. Das Wissen flog ihm nur so zu. Nach Beendigung der Schule hatte er Wirtschaftswissenschaften studiert. Möglicherweise auch mehr aus Liebe zu seinen Eltern.
Nun, mit zweiundvierzig Jahren, hatte er alles im Leben erreicht. Er arbeitete als Wirtschaftsberater. Wenn Firmen das Optimale aus ihrem Betrieb herausholen wollten, suchte er in den Unterlagen nach den finanziellen Schwachstellen. Oder schaute nach Optimierungsmöglichkeiten. Genauso gut konnte es sein, dass er engagiert wurde, um eventuelle firmeninterne Veruntreuungen aufzudecken. Er liebte seinen Job.
Er war unabhängig und konnte seine Aufträge frei wählen. Außerdem verdiente er damit eine Menge Geld, welches er optimal anlegte.
Genau wie seine Eltern verstand er es, Geld zu vermehren. Demnach hatte er seine finanzielle Unabhängigkeit erreicht, ohne auf das Erbe seiner Eltern warten zu müssen.
Das Einzige, was ihm noch fehlte, war eine Frau.
Man kann nicht sagen, dass er direkt nach ihr suchte. Bis jetzt hatte er sein Leben in vollen Zügen genossen. Er hatte viel gearbeitet, was ihn wirklich befriedigte. Ansonsten hatte er keinerlei Probleme, willige Frauen zu finden. Er hatte in seinem Leben zahllose Affären. Mal lange, mal kurze. Die verschiedensten Frauentypen tummelten sich in seinem Bett. Er hatte den Ruf, ein Charmeur und guter Liebhaber zu sein. Sicherlich war er kein Mister Universum, aber er hatte einen durchtrainierten Körper. Und vor allem hatte er Stil. Sein Gesicht war sehr markant, was sehr im Widerspruch zu seinem charmanten Wesen stand.
Leider langweilten ihn die Frauen nach kurzer Zeit immer, sodass er sie einfach zurückließ mit dem Hinweis, dass er ihnen keinerlei Versprechen gegeben hätte.
Die Frauen waren äußerst erstaunt, von Daniel verlassen zu werden. Zum Zeitpunkt der Trennung meinten die Damen immer, sie hätten ihn sicher für sich gewonnen und es könnte sich nur noch um Tage handeln, bis er die entscheidende Frage stellte.
Nun war es für ihn tatsächlich an der Zeit, an eine Familie zu denken. Vorzugsweise mit Emmy.
Er beobachtete sie schon einige Zeit. Aber es war noch zu früh gewesen. Sie sollte erst ihr Leben genießen, sich an Ruhm und dem allgemeinen Interesse an ihr sättigen.
Nun, wo sie sich aus dem offiziellen Leben zurückzog, war der Zeitpunkt gekommen. Er wusste, dass es sicher nicht leicht sein würde, sie zu beeindrucken. Aber er war selbstsicher genug, um sein Vorhaben durchzuziehen. Außerdem wusste er, dass sie heute Abend auf den Ball von Abdul El-Fatih ging. Emmy hatte den Scheich bei Dreharbeiten kennengelernt und im Laufe der Zeit war ein freundschaftlicher Kontakt entstanden.
Er selbst hatte für den Scheich in dessen amerikanischer Filiale einen Betrug aufgedeckt, der ihm seine Achtung eingebracht hatte. Entsprechend war auch er eingeladen worden.
Der Ball war ein großes Medien-Ereignis. Die Einladungen waren begehrt. Der Scheich legte keinen Wert darauf, dass seine Gäste bereits zum heutigen Zeitpunkt wichtig waren. Aber er hatte ein Gespür für Menschen, von denen noch mehr zu erwarten war.
Intelligente Personen mit Ehrgeiz. Und dem Hunger, etwas erreichen zu wollen im Leben.
Die Gäste kamen aus den unterschiedlichsten Branchen. Schauspieler und Botschafter waren darunter, genauso wie Wirtschaftsasse und Ärzte.
Es bereitete ihm großes Vergnügen, sich mit diesen Menschen zu unterhalten. Mit ihnen zu philosophieren. Kein Buch konnte ihm so viel Wissen vermitteln wie diese Personen. Er war ein beliebter Gesprächspartner. Denn er war ein guter Zuhörer und stellte die richtigen Fragen. Neue Informationen speicherte er ab und rief sie in den passenden Situationen wieder auf.
So konnte es sein, dass er den richtigen Ansprechpartner kannte, wenn ein wichtiger Geschäftspartner ein Problem hatte. Einen Facharzt beispielsweise, der für die kranke Frau fehlte, oder einen Wirtschaftsjuristen, der in kniffeligen Situationen den Ausweg kannte.
Seine Vermittlungen brachten ihm den Dank der Hilfesuchenden ein. Und natürlich den Dank von den Ärzten oder Wirtschaftsbossen für sein Vertrauen und seine Empfehlung.
So hatte sich also eine illustre Runde zusammengefunden. Es war so arrangiert, dass die geladenen Gäste in einem großen Foyer eintrafen, wohin auch die Presseleute Zugang hatte. So konnten diese ihre Bilder schießen und sich Interviews geben lassen. Nach etwa einer Stunde zogen sich die Gäste in den eigentlichen Ballsaal zurück, wo ein ausgeklügeltes Fünf-Gänge-Dinner auf sie wartete.
Daniel hatte einen Platz, der weit entfernt von Emmys war. Aber das war kein Problem für ihn.
Nach dem Essen ging er zielstrebig auf sie zu. Emmy stand mit einem Glas Champagner in der Hand etwas abseits und beobachtete das Geschehen.
„Guten Abend, Miss Beneteau“, sprach er sie an, „gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Mein Name ist Daniel Holmey. Ich freue mich, Sie hier zu sehen.“ Er reichte ihr seine Visitenkarte.
Emmy erkannte ihn wieder, den Mann aus dem Theater, der sie so ungeniert angesehen hatte. ‚Daniel Holmey, Wirtschaftsingenieur‘, las sie.
„Angenehm“, sagte sie, „vorstellen brauche ich mich nicht, Sie scheinen mich bereits zu kennen.“
„Sie werden sich in mich verlieben. Was auch sehr gut ist, denn ich beabsichtige, Sie zu heiraten“, erklärte Daniel ihr ruhig.
Emmy wusste, sie hätte entsetzt sein müssen, hätte ihn links liegen lassen müssen. Aber sie konnte nicht umhin, so viel Frechheit zu bewundern. Er schien ein ausgesprochen interessanter Mann zu sein. Mit einem muskulösen, kräftigen Körper, der sicherlich viele Frauen schwach werden ließ. Außerdem wirkte er selbstbewusst und hatte nicht diese Milchbubi-Aura.
„Wie kommen Sie darauf, dass ich mich in Sie verliebe?“, fragte Emmy.
„Sagen wir, es ist Intuition“, antwortete Daniel. „Sie sind seit vielen Jahren bekannt und umschwärmt, haben aber nie geheiratet. Demnach auch noch nicht die wirkliche, wahre große Liebe gefunden. Sie sind also zugänglich für diese.“
„An die große Liebe glaube ich nicht. Ich will ja einigen Menschen nicht absprechen, sie gefunden zu haben. Aber das Glück wird halt nicht jedem zuteil.“
„Es spielt auch keine größere Rolle mehr für Sie, woran Sie glauben oder nicht. Nun bin ich da und werde Ihrem Leben einen Sinn geben. Da wir beide im Moment zeitlich noch sehr angespannt sind, werden wir das Problem über E-Mails lösen. Ich habe ihnen eine E-Mail-Adresse eingerichtet. Über diese können wir kommunizieren. Die Adresse sowie Ihr Kennwort stehen auf der Rückseite meiner Visitenkarte. Die Adresse darunter ist meine eigene E-Mail-Adresse. Leider muss ich nun gehen.“
Er zog sie an sich, küsste sie sanft auf den Mund und strich mit seinen Fingerspitzen über ihren Rücken. Dann drehte er sich um und ging zum Gastgeber, um sich zu verabschieden.
Emmy war völlig perplex. Sie war verärgert, wegen dieser Unverschämtheit. Und doch hatte sie weiche Knie bekommen.
Für gewöhnlich begannen Anmachen immer mit Lobhudelei. Niemals hatte ein Mann ihr derart direkt sein Vorhaben eröffnet. Selbstverständlich würde sie nicht auf ihn eingehen. Wer weiß, was das für ein Mann war.
Aber ihrem Ego hatte es trotzdem geschmeichelt. Und ihre Lippen brannten immer noch. Der Kuss war so tiefgründig. Und Daniel roch so gut.
Seufzend machte sie sich auf den Weg zur Verabschiedung. Routiniert bedankte sie sich für die Einladung und ging in Richtung Foyer. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich umschaute, ob sie Daniel vielleicht noch sah. Wobei das prinzipiell ja egal gewesen wäre. Denn selbstverständlich hätte sie ihn links liegen lassen. Nur um zu zeigen, dass sie die Situation absolut im Griff hatte. Sie wollte sich schließlich keine Schwäche nachsagen lassen. Und die Zeit, wo sie leichtfertig mit Männern ins Bett ging, war bereits eine Weile vorbei. Schließlich befand sich die Welt im Zeitalter von AIDS.
Sie trat nach draußen und wollte nach den Taxis schauen, welche für die Gäste bereitstanden. Doch ihr Blick kam nicht so weit. Ihr Atem stockte. Zu ihrem Entsetzen fing ihr Herz an zu schlagen, als stünde sie kurz vor einem Infarkt. Daniel stand vor seinem Auto und telefonierte. Schnell zurückgehen, das war Emmys erster Reflex. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Das war eine Binsenweisheit. Aber warum sollte sie sich eigentlich verstecken.
Selbstbewusst ging sie in Richtung Taxi, als Daniel sie bemerkte.
„Ich nehme dich mit“, sagte er. Das war keine Frage, in der Form von: Möchtest du mitfahren oder darf ich Sie ein Stück mitnehmen? Nein, zwischenzeitlich waren sie offensichtlich beim Du und er erteilte ihr eine Anordnung.
„Nein, danke. Sehr freundlich von Ihnen, mir meine Entscheidungen abzunehmen, aber das ist wirklich nicht nötig. Und heiraten werde ich Sie mit Sicherheit nicht. Wobei ich mich für Sie freue, dass Sie guten Geschmack bewiesen haben. Vielleicht finden Sie ja eine Frau, die mir ähnelt“, sagte Emmy mit leicht sarkastischem Unterton. Stolz auf sich, diese Situation derart souverän gemeistert zu haben.
„Emmy, ich habe nicht viel Zeit. Ich bringe dich nach Hause. Und solltest du mich nicht darum bitten, werde ich dich nicht anrühren“, sagte Daniel lächelnd.
Mit sich selbst hadernd stand Emmy da und bemühte sich, der Versuchung zu widerstehen, bei ihm einzusteigen.
„Emmy, spute dich. Oder muss ich dich tragen? Deine Bedenken, die dir ins Gesicht geschrieben stehen, können wir im Auto ausdiskutieren“, sagte er.
Leise vor sich hin fluchend ging sie zu seinem Fahrzeug und riss die hintere Tür auf. Sie würdigte ihn keines Blickes. Natürlich war es falsch einzusteigen. Aber es war auch eine gute Gelegenheit, ihm kräftig die Meinung zu sagen. Sie war schließlich nicht irgendwer. Damit die Sache dann vom Tisch war. So ein Schwachsinn, sie würde sicher keine E-Mails mit ihm austauschen. Der musste einen Knall haben.
Sie setzte sich auf die Rückbank. Er setzte sich neben sie. Ohne ein Wort zu sagen. Er war wieder völlig ruhig. Und er roch so gut.
„Geht es dir wieder gut?“, fragte er.
Emmy kochte über. „Was soll das eigentlich? Sie tauchen an meiner Seite auf, haben die Frechheit, mir mein Leben vorzuschreiben. Richten mir eine E-Mail-Adresse ein und erwarten tatsächlich, dass ich darauf reagiere. Und dann dieser Heirats-Unsinn. Was sind Sie? Ein Psychopath?“, erboste sie sich.
„Wollen Sie, dass ich sie noch einmal küsse? Mein Kuss hat Ihnen doch offensichtlich gefallen“, fragte Daniel, völlig ungerührt von ihren Vorhaltungen.
„Nein, ich möchte Sie ganz sicher nicht küssen“, hörte sie sich sagen. Leider war ihr Körper dabei, eine Eigendynamik zu entwickeln, die sie nicht begrüßen konnte. Sie sah Daniels Lippen langsam auf sich zukommen. Und leider bemerkte sie auch, wie ihr Körper sich auf ihn zubewegte.
Seine Lippen waren so vollkommen. Weich und besitzergreifend. Seine Hände bewegten sich ohne Eile ihren Rücken herunter bis zu ihrem Po. Sie umfassten ihr Gesäß und massierten es sanft. Emmy hätte sich am liebsten auf den Rücksitz gelegt und ‚nimm mich‘ geschrien. Seine Zunge liebkoste ihre Lippen, bevor sie ihren Mund erforschte.
Emmys Körper brannte lichterloh. Da hielt der Wagen.
„So, mein Engel, du bist zu Hause“, sagte Daniel. Er ließ sie los und stieg aus. Emmy, die weiche Knie hatte und eigentlich gar nicht wusste, wie ihr geschah, stieg ebenfalls aus.
„Danke für den netten Abend“, flüsterte Daniel. Er küsste sie sanft und stieg wieder ein. Die Tür schloss sich und der Wagen fuhr los.
Emmy stand auf dem Gehweg und konnte es nicht fassen. Langsam ging sie zum Eingang, grüßte den Portier und fuhr mit dem Fahrstuhl zu ihrem Appartement.
Sie öffnete die Tür, schmiss ihre Tasche und ihre Schuhe in die Ecke, ging zu ihrer Bar und öffnete eine Flasche Wein. Mit einem randvollen Glas in der Hand sank sie auf ihr Sofa und dachte an nichts. Denn selbst der kleinste Gedanke hätte sie zu sehr angestrengt. Ihr Körper brannte. Ihr Verlangen war nicht im Geringsten befriedigt. Sie konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Sie leerte das Glas in einem Zug, streckte sich auf ihrem Sofa aus, kuschelte sich in einen Plaid und fiel in einen traumlosen Schlaf.
D er Abend war besser verlaufen, als er gehofft hatte. Ihm war klar, dass sie beeindruckt war. Er konnte sicher sein, dass ihr Interesse geweckt war. Nun musste er dringend in sein Büro. Es waren verschiedene
Aufträge eingegangen, für oder gegen die er sich schnellstens entscheiden musste. Er hatte sein Büro 24 Stunden besetzt. Somit war er für Kunden in der ganzen Welt erreichbar. Schließlich musste er die Zeitverschiebung einkalkulieren. Er konnte von seinen Auftraggebern nicht verlangen, dass sie sich nach ihm richteten. Gedanklich hatte er Emmy bereits beiseitegeschoben. Er wusste, dass er Erfolg auf der ganzen Linie gehabt hatte. Deshalb konnte er seine Aufmerksamkeit nun voll auf die Arbeit lenken.
Darell wartete bereits auf ihn. Er nahm ihm seinen Mantel ab. Und folgte ihm mit den Anfragen. Dampfender Kaffee stand auf Daniels Schreibtisch bereit. Daniel war ein Perfektionist. Und Perfektion erwartete er auch von seinen Mitarbeitern. Diese wurden von ihm persönlich ausgewählt. Die Anforderungen waren hoch, dafür war die Bezahlung entsprechend gut.
„Guten Abend, Mr. Holmey, Ihre Mutter hat zweimal angerufen und lässt ausrichten, dass sie am 16. dieses Monats einen Empfang gibt, bei dem sie Sie erwartet. Geschäftspartner Ihres Vaters werden dort sein. Außerdem fünf neue Anfragen. Dreimal Amerika, eine Anfrage London und eine Frankreich. Ich habe sie in Ihre Mappe gelegt. Ebenso wie Ihre Post. Kann ich Ihnen noch etwas bringen, Sir?“
„Nein“, sagte Daniel und setzte sich an seinen Schreibtisch. Darell verließ das Büro und schloss die Tür hinter sich.
Daniels Büro war ein heller, etwa fünfzig Quadratmeter großer Raum mit moderner Ausstattung. Aus dem riesigen Schreibtisch hätte man drei machen können. Er war eine Spezialanfertigung, nahezu wie eine Ellipse geformt. An den Längsseiten schloss die Fläche in gerader Linie ab und an den kurzen Seiten ging sie in eine Kreisform über. Er brauchte Platz zum Arbeiten. Und brauchte Ordnung. Was seine Arbeit betraf, war er ein Pedant. Es war ihm ein Rätsel, wie Leute effektiv arbeiten konnten, wenn sie nicht mal auf ihrem Schreibtisch den Überblick hatten.
Außerdem gab es in seinem Büro noch einen Glastisch mit sechs unbequemen Stühlen. Er sah keinen Vorteil darin, Sessel an den Tisch zu stellen. Das würde die Kunden nur verführen, es sich gemütlich zu machen und seine Zeit zu rauben. Und seine Zeit war viel zu kostbar, um mit Geplänkel verschwendet zu werden.
Er blätterte in der Mappe. Die Aufträge waren alle sehr interessant. Für ihn war wichtig, welche Aufträge ihm zukünftig Vorteile brachten. Bezahlt wurden sie selbstverständlich alle gut.
Na ja, er würde erst mal die Auftraggeber zurückrufen, um das Geschäft abzuklären.
S ie erwachte recht zerknautscht. Und brauchte erst einen Moment zur Orientierung. Da schoss ihr der gestrige Abend ins Bewusstsein. Du meine Güte, dachte sie, wie hatte sie nur in solch eine Situation geraten können. Doch andererseits hatte sie auch nichts zu verlieren.
Sie stand auf und ging ins Bad. Dort duschte sie ausgiebig. Sie wusch ihre Haare. Cremte sich genussvoll ein. Lächelnd verließ sie das Bad, ging in ihren Ankleideraum und zog sich eine alte verwaschene Jeans an und ein weißes Hemd. Ihre Haare hatte sie einfach nur lieblos trocken geföhnt. Sie sah derart frisch und jugendlich aus, dass es bestimmt einigen Männern die Sprache verschlagen würde. Aber darüber war sie sich nicht im Klaren.
Sie begab sich in die Küche, dort wartete bereits eine Tasse Tee auf sie, leicht abgekühlt. Frisch aufgebrühter Vanilletee mit der richtigen Trinktemperatur, wie sie ihn bevorzugte. Selbstredend von ihrem unsichtbaren Personal bereits vorbereitet. Genau wie ein frisches Hörnchen, welches sie dazu zu essen pflegte. Sie fühlte sich rundum gut.
Sie freute sich auf den Tag, der vor ihr lag. Ihr Motto war ohnehin *Life is beautiful*. Auch über den gestrigen Abend musste sie mittlerweile lächeln. Wer geriet denn schon in so eine Situation? Vor allem, welcher Mann hatte schon so viel Mut? Sie erinnerte sich an die Visitenkarte in ihrer Tasche. Einen PC mit Internetzugang hatte sie, aber nur, weil man eben einen hatte. Umgehen konnte sie auch damit, aber war sicher kein Naturtalent. Also blieb wieder nur Carol.
Eine Stunde später fuhr sie bei Carol vor. Diese telefonierte gerade mit ihrem Jim, als Emmy eintrat. Sie beneidete Carol um ihre Ehe. Sicher hatten die beiden auch ihre Probleme. Aber sie hatten sich gefunden und genossen sichtlich ihr Zusammenleben.
„Hallo, Emmy, was gibt’s?“, fragte Carol, die ihr Gespräch beendet hatte.
„Ich hätte gern einen Mini-Computerkurs, einschließlich Internet-Nutzung. Für mein Buch, du weißt schon. Das Wichtigste beherrsche ich ja schon, aber einige Kniffe benötige ich noch, für den optimalen Umgang.“
„Okay. Dann lass uns mal schauen, was du drauf hast“, sagte Carol. Emmy schwang sich auf den Stuhl vor dem PC.
Carol hielt ihr nun einen gut zweistündigen Vortrag über Computer- und Internetnutzung. Emmys Kopf rauchte. Aber trotzdem hatte sich die Minischulung gelohnt.
Es war Emmy ein Rätsel, wie manche Leute den ganzen Tag mit dem Computer arbeiten konnten. Ihr war das schon nach zwei Stunden genug. Sie erhob sich, um sich gleich darauf wieder in einen der bequemen Sessel fallen zu lassen, die glücklicherweise auch in Carols Büro standen.
Carol lächelte bei Emmys Anblick.
„Wie war dein Ball gestern?“, fragte sie.
„Ach, nichts Besonderes“, erzählte Emmy. „Der Scheich hatte wieder alles perfekt durchorganisiert. Man hat immer das Gefühl, er kümmert sich selbst um so große Ereignisse mit einer absoluten Leichtigkeit. Das Essen war hervorragend und auch nicht so kalorienreich. Wofür ich ihm sehr dankbar bin.“ Emmy grinste. „Na ja, und dann war da noch ein frecher Kerl, der mich direkt anbaggerte, ohne irgendwelche Hemmungen“, erklärte sie so beiläufig wie möglich. Sie konnte Carol unmöglich die ganze Wahrheit sagen. Carol wäre durchgedreht. Und hätte ihr sofort unterstellt, Daniels Verhalten provoziert zu haben. Sie würde Emmy niemals glauben, dass diese total unschuldig war. Emmy konnte es ja selbst kaum glauben.
„So, ich muss los. Ich wollte noch in die Bibliothek, Taschentücher verteilen“, sagte Emmy. „Und danke für deinen PC-Kurs. Du erwartest ja wohl keine Bezahlung. Denn dafür hättest du mir mehr bieten müssen. Arbeitsmappen, tolle Plastikkugelschreiber und so weiter“, schob sie lachend hinterher.
„Raus hier, sonst ruf ich das Wachpersonal“, rief Carol gackernd.
„Bye“, rief Emmy und verschwand durch die Tür.
Kopfschüttelnd blieb Carol zurück. Emmys Lebensfreude war zurückgekehrt. Carol freute sich für ihre Freundin. Vielleicht waren die letzten Jahre doch zu stressig. Die viele Arbeit, das Medieninteresse. Es war ungewohnt, Emmy so entspannt und gelöst zu sehen. Blieb abzuwarten, ob das so bleiben würde.
Leichtfüßig sprang Emmy die Stufen zur Bibliothek hoch. Es war heute ziemlich viel Betrieb, zumindest im Gegensatz zum letzten Mal.
Sie ging direkt zu ihrer Regalreihe und schaute auf dem Weg dorthin, ob sie Paige irgendwo sitzen sah. Doch diese war nicht zu sehen.
Emmy sah die Biographien durch. Sie wählte fünf aus und ging zu einem der Tische, um dort einen genaueren Blick in die Bücher zu werfen.
„Hallo, Emmy“, hörte sie eine Stimme. Hinter ihr saß auf einem Sessel das Mädchen.
„Hallo, Paige“, sagte Emmy, „ist heute ein tränenfreier Tag?“
„Nein, die Tränen wollte ich mir für dich aufsparen. Ich dachte, du stehst darauf“, erwiderte Paige schlagfertig.
„Setz dich zu mir, wenn du möchtest“, bot Emmy ihr lächelnd an. Paige stand auf und ging betont locker zum gegenüberliegenden Stuhl.
„Was tust du“, fragte sie Emmy.
„Ich schreibe ein Referat über Biografien“, log Emmy. „Ich versuche herauszufinden, nach welchem Schema sie geschrieben wurden. Welche interessant sind, welche sachlich. Und so weiter, du weißt schon.“
„Aha“, kam von Paige.
„Wenn du nichts Besseres vorhast, kannst du mir gern helfen. Aber nur, wenn du magst“, sagte Emmy.
Paige zögerte.
„Vielleicht feuer ich dich schon in einer Stunde wieder, weil wir nicht gut zusammenarbeiten. Es ist für beide Seiten ein unheimliches Risiko. Aber ich bin bereit es einzugehen.“
„Du kannst dir deine Philomatie sparen. Ich helfe dir, aber ich bin sofort weg, wenn es mir stinkt“, erklärte Paige ihre eigenen Regeln.
„Gut, dann lass es uns testen. Im Übrigen heißt es Diplomatie und nicht Philomatie. Such dir auch fünf Biografien aus dem Regal. Möglichst unterschiedliche“, sagte Emmy.
Paige ging los und Emmy freute sich sehr über ihren Erfolg. Sie mochte Paige. Aber das behielt sie lieber für sich. Der Zeitpunkt für irgendwelche persönlichen Äußerungen war noch nicht gekommen.
Die nächsten zwei Stunden verbrachten die beiden damit, die Biografien, die vor ihnen lagen, zu kommentieren. Die Zeit verging wie im Fluge. Leider hatte Emmy nicht daran gedacht, Papier und Stifte einzustecken. Das nächste Mal.
„Lass uns Schluss machen“, sagte Emmy. „Ohne dass es schleimig klingen soll, möchte ich dir noch sagen, dass es mir Spaß gemacht hat, mir dir zusammenzuarbeiten. Ich weiß, dass es nicht ganz einfach ist, mit mir zurechtzukommen, weil ich so viel mecker. Danke also für deine Geduld.“ Paige sah sie mit großen Augen an. Noch nie war jemand so geduldig mit ihr umgegangen wie Emmy. Und diese entschuldigte sich noch fast.
„Geduld ist eben meine Stärke. Als Jugendliche ist man den Erwachsenen eben ausgeliefert“, antwortete Paige.
„Wie sieht dein Zeitplan aus, finden wir vielleicht diese Woche noch einen gemeinsamen Termin, um unsere Arbeit fortzusetzen? Zu zweit kommt man einfach schneller voran“, sagte Emmy.
Sie verabredeten einen neuen Termin und machten sich auf den Weg nach draußen.
„Kann ich dich irgendwo absetzen, Paige?“, fragte Emmy. „Nein, danke. Ich habe es nicht weit“, antwortete diese.
Als sie hinaustraten, schien die Sonne. Es war ein absolut schöner Tag. Nicht zu warm, nicht zu kalt.
„Hättest du Lust, noch ein paar Meter mit mir zu gehen? Ich schwöre, ich versuche nicht, dich auszuhorchen. Ehrenwort“, schwor Emmy mit dramatischer Miene, die Hand auf dem Herz.
Lächelnd nickte Paige. Und so schlenderte das ungleiche Paar durch den angrenzenden Park.
Sie beobachteten die Leute, lästerten über ihre Verhaltensweisen. Zu Emmys Erstaunen hatte Paige eine sehr gute Beobachtungsgabe. Und sah nicht nur alles negativ, wie Emmy eigentlich erwartet hatte. Aber Paige fielen händchenhaltende Menschen genauso auf wie schimpfende Mütter. Es war ein sehr schöner Spaziergang.
Paige begleitete Emmy noch bis zu ihrem Auto und wartete, bis diese abgefahren war.
Emmy hatte das Gefühl, ihr Leben ging gerade erst los. In der letzten Woche passierten die unglaublichsten Dinge. Und es gefiel ihr. Nach dem ganzen Stress der letzten Jahre lechzte sie nach Abwechslung. Und das Schicksal bemühte sich sichtlich, es ihr Recht zu machen.
Sie fuhr erst mal in ein Schreibwarengeschäft, um beim nächsten Bibliotheksbesuch besser ausgerüstet zu sein. Dort hatte sie nicht das Glück, unerkannt zu bleiben. Die Verkäuferin wusste sofort, wer sie war, und kam gleich auf sie zugestürmt. Also spannte Emmy sie gleich ein, indem sie ihre noch nicht ausgereiften Wünsche kundtat. Die Tatsache, dass Emmy nicht sonderlich häufig, um nicht zu sagen nie, in Schreibwarengeschäften einkaufte, bescherte ihr nun das Vergnügen zu sehen, was es alles Neues gab. Neben Bleistiften und Buntstiften kaufte sie noch Stifte, die leuchteten, welche, die vermeintlich gut rochen, und eine ganze Ladung Blöcke. Sie konnte nur hoffen, dass die Verkäuferin am Umsatz beteiligt war. Zur Sicherheit gab sie ihr noch ein Autogramm mit persönlicher Widmung als Dank für ihre Freundlichkeit. Mit ihren Einkäufen beladen fuhr sie heim. Sie würde sich gleich an ihren PC setzen und anfangen, ein Konzept für ihre Autobiographie zu entwerfen. Ihr Abendessen könnte sie beim Pizza-Bringdienst bestellen. Das hatte sie ewig nicht mehr gemacht.
Sie schloss ihre Tür auf, entledigte sich ihrer Schuhe und Tüten und steuerte direkt aufs Schlafzimmer zu. Sie zog sich nackt aus und ging zu ihrem Pool. Ihre Putzfrauen waren längst nicht mehr da. Für gewöhnlich kamen sie am Vormittag, es sei denn, Emmy forderte sie zusätzlich an. Auch vom sonstigen Personal war niemand mehr da. Ihre Einkaufswünsche notierte sie am Abend und steckte sie an die Pinnwand. Am Morgen wurden diese dann erledigt.
Emmy mochte ihren Körper. Sicher, es gab immer Stellen, die sie nicht optimal fand. Aber alles in allem war sie zufrieden. Sie glitt ins Wasser und fing an zu schwimmen. Das Wasser streichelte ihren Körper. Ganz sanft. Es war wie eine kühle Umarmung. Nackt zu schwimmen war ohnehin eine sehr sinnliche Erfahrung. Sie spürte das Wasser, wie es ihren Körper umspielte. Sie tauchte unter und machte zwei, drei Schwimmzüge. Wie eine Meerjungfrau fühlte sie sich. Ihr Schwimmbecken war der pure Luxus und viele ihrer Bekannten konnten nicht nachvollziehen, was eine alleinstehende Frau damit wollte. Die Unterhaltungskosten wären viel zu hoch. Aber das war Emmy egal. Das Gefühl, das Becken mit niemandem teilen zu müssen, wog alles andere auf. Sie schwamm fünfhundert Meter. Danach fühlte sie sich angenehm schlapp. Sie stieg aus dem Becken und griff nach einem Bademantel, trocknete sich ab, schmiss sich in eine Jogginghose und ein Shirt und begab sich an ihren PC. Sie hatte sich bereits Gedanken über ein grobes Konzept gemacht. Enthusiastisch begann sie es niederzuschreiben. Sie konnte sogar mit zehn Fingern schreiben, was viele sicher beeindruckt hätte. Vor etwa hundert Jahren hatte sie mit Carol in der Schule einen Schreibmaschinenkurs belegt. Noch an richtigen Schreibmaschinen. An Computer war in dieser Zeit noch nicht zu denken gewesen. Damals schon hatte es ihr viel Spaß gemacht, ihre Hände über die Tastatur zu jagen. Anfangs hatte sie zwar das Gefühl gehabt, es nie zu begreifen, aber sie hatte wohl eine gewisse Begabung. Zumindest konnte sie mittlerweile problemlos schreiben. Sie schrieb zwei Stunden. Allerdings kam sie nicht so recht vorwärts, weil sie sich nicht hundertprozentig klar darüber war, in welchem Stil sie ihr Buch halten wollte.
Außerdem knurrte ihr Magen. Sie begab sich in die Küche, wo die diversen Pizza-Service-Karten hingen, die ihren Briefkasten belagerten und bis dato noch nie richtig zum Einsatz gekommen waren. Obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, dass so ein Bringdienst genießbare Essen hervorbrachte, bestellte sie todesmutig Spaghetti mit Spinat. Sie fühlte sich so herrlich normal dabei. Als wenn sie nun endlich ein vollständiges Mitglied der Gesellschaft wäre.
Spontan fügte sie ihrer Bestellung Tiramisu hinzu. Schließlich musste sie nun nicht mehr auf jedes Gramm achten. Schon seit Langem beneidete sie die Frauen, die bedenkenlos essen durften, was sie wollten, ohne gleich runtergemacht zu werden.
Als sie in ihrer Handtasche nach Kleingeld kramte, fiel ihr Daniels Visitenkarte in die Hand.
Schaden konnte es ja nicht, nachzusehen, ob irgendwelche E-Mails auf sie warteten. Er würde es nicht mal merken. Sie würde nur kurz nachschauen, und wenn tatsächlich Post für sie da wäre, würde sie diese durchlesen und sich wieder ausloggen. Kein Problem.
Sie wählte sich ins Internet. Das dauerte immer einen Moment. Im Grunde rechnete sie nicht damit, etwas vorzufinden. Obwohl es ihrem Ego sicher schmeicheln würde, wenn eine Nachricht von Daniel da wäre. Ihre Adresse hatte er bei AOL angemeldet. [email protected]. Sie kämpfte sich durch die AOL-Homepage, um zu ihrer Mailbox zu kommen. Irgendwie ging das nicht so einfach. Nun packte sie der Ehrgeiz. Es konnte ja nicht sein, dass Tausende von Menschen mühelos ihre AOL-Adresse nutzten und sie nicht mal bis zur Mailbox kam. Die Türklingel unterbrach sie. Pizza!
Sehr gut. Sie war ohnehin am Verhungern. Sie nahm ihre Bestellung einem superfreundlichen Fahrer ab, bezahlte ihn und lümmelte sich auf einen Küchenstuhl. Carol, dachte sie. Die könnte sie fragen, ob sie sich mit AOL-E-Mail-Adressen auskennt. Nur rein informativ. Für den Fall, dass sie sich dort eine Adresse zulegen wollte.
„Hi, Carol, sorry, dass ich schon wieder nerve. Kannst du mir mit AOL-E-Mails weiterhelfen?“, fragte sie.
„Hi, Emmy, klar, das ist nicht weiter schwierig“, antwortete Carol. „Ich setze mich eben an meinen Computer, dann ist es für mich einfacher zu erklären.“
Carol gab ihr spontan eine kleine AOL-Einführung. Schon unglaublich, welche Möglichkeiten einem die moderne Technik bot. Man konnte Briefe innerhalb von Sekunden verschicken oder erhalten. Man musste nicht nach draußen, um einen Postkasten aufzutreiben, von den Briefmarken ganz zu schweigen. Emmy dankte dem Allround-Talent Carol und beendete das Gespräch.
Okay. Dann wollen wir mal schauen. Sie wählte sich erneut ins Netz und klickte sich zu ihrer Mailbox durch. Leichte Nervosität überkam sie.
Sie hatte zwei neue Mails. Wow. Beide kamen vom gleichen Absender. [email protected].
Er hatte ihr also geschrieben. Sie öffnete die erste.
Willkommen! Daniel
Mehr stand dort nicht. Sie war geschrieben am Tag vor dem Ball. Er musste sich also seiner Sache ziemlich sicher gewesen sein. Es konnte natürlich auch sein, dass er bereits Hunderten von Frauen Adressen eingerichtet hatte und es immer so machte. Wer wusste das schon.
Sie öffnete die zweite. Das Absendedatum war der Tag nach dem Ball.
Hallo Emmy,
ich bin momentan sehr im Stress. Ich werde heute noch für mehrere Tage nach London fliegen. Über meine E-Mail-Adresse bin ich aber durchgehend für Dich erreichbar. Solltest Du also Sehnsucht bekommen, kannst Du jederzeit schreiben.
Du hast gestern bezaubernd ausgesehen. Im Übrigen bin ich nicht wie andere Männer. Aber das wird Dir sicher bereits aufgefallen sein. Ich weiß genau, was Du anhattest. Leider weiß ich nicht, was Dudrunter hattest. Aber das werde ich noch herausfinden. Zudem hast Du gut gerochen. Obwohl Dein Parfüm eine Spur dezenter sein könnte. Eine Frau sollte sich nicht durch ihren Geruch in Szene setzen, sondern durch ihr Erscheinungsbild. Und selbst das hast Du nicht nötig, denn Du bist eine schöne Frau.
Ich habe den Abend sehr genossen und ich gehe davon aus, dass ich im Moment alle Deine Gedanken beherrsche. Aber das kann Dir niemand verübeln. Bei so einem Mann.
Daniel
Emmy las die Mail bestimmt dreimal. Sie wusste ja längst, dass Daniel viel zu arrogant war. Aber was sollte sie machen? Sie war beeindruckt. Außerdem wollte sie sich gern verlieben.
Dieser Mann war sicher nicht auf ihr Geld aus. Und er war selbstbewusst, brauchte sie also nicht fürs Ego. Und er konnte so unheimlich gut küssen.
Sie entschloss sich zurückzuschreiben. Carol musste davon ja nichts wissen.
Guten Abend Mr. Holmey,
Sie scheinen sich ja Ihrer Sache sehr sicher zu sein. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass ich es nicht nötig habe, mich dem Erstbesten in die Arme zu werfen. Aus reiner Menschlichkeit schreibe ich Ihnen, weil ich mir sonst Sorgen machen müsste, wie Sie mit meiner Abfuhr zurechtkommen. Es ist sicher schwierig für Sie, ein Leben ohne mich aufzubauen. Seien wir ehrlich, wer will schon ohne mich leben? Aber leider muss ich Ihnen mitteilen, dass es nur wenigen Menschen vergönnt ist, ihr Leben mit mir zu teilen.
Sie gehören nicht dazu. Aber trotzdem wünsche ich Ihnen alles Gute für Ihr Leben.
Emily Beneteau
Wieder mal beglückwünschte sie sich. Sie war sicher, dass er sofort entweder frech oder empört antworten würde. Und sie musste sich nichts vorwerfen, weil sie ja die Verhältnisse unmissverständlich geklärt hatte.
A m nächsten Morgen klingelte das Telefon. Carol.
„Guten Morgen, Em, ich habe verschiedene Einladungen und Angebote für dich erhalten. Wir sollten uns heute treffen“, sagte Carol.
„Ja, das ist eine gute Idee“, meinte Emmy. „Lass uns zusammen essen. Ich wollte ohnehin einkaufen gehen. Hast du Lust und Zeit mitzukommen?“
Sie verblieben so, erst gemeinsam einen Einkaufsbummel zu machen und danach essen zu gehen.
Am frühen Nachmittag trafen sie sich. Dann bummelten sie durch verschiedene Boutiquen. In einer der größeren arbeitete Cynthia, eine ehemalige Schulfreundin der beiden. Sie hatten dort eine Menge Auswahl und ihre Freundin übte ehrliche Kritik. Das war eine Menge wert. Bei den horrenden Preisen äußerten die meisten Verkäuferinnen nicht ihre ehrliche Meinung, sondern versuchten lediglich den Umsatz zu steigern. Hier stellte sich dieses Problem nicht. Außerdem herrschte in der Boutique, die bezeichnenderweise den Namen ‚Changing‘ trug, einfach immer eine gute Stimmung. Und wenn man nichts kaufen wollte, war das auch kein Problem, denn man ging auf jeden Fall mit dem neuesten Tratsch in der Tasche heim. Cynthia war immer über alles informiert. Da sollte noch mal jemand behaupten, dass nur Friseure über alles Bescheid wüssten. Das konnte auch für Verkäuferinnen gelten. Cynthia liebte Tratsch. Entsprechend hörte sie auch überall zu und merkte sich alle interessanten Dinge bis ins Detail. Und Emmy und Carol erzählte sie alles gern weiter. Denn sie bekam von den beiden auch immer gute News zurück.
Während Emmy durch die Regale stöberte und nichts Bewegendes fand, schien Carol den Laden leer kaufen zu wollen. Bei jedem Schritt fand sie etwas anderes, worauf sie unmöglich verzichten konnte.
„Carol, soweit ich mich erinnere, war ich diejenige, die was einkaufen wollte, und du solltest mich begleiten, und nicht umgekehrt“, schimpfte Emmy.
„Ja, Em, solltest du mal drüber nachdenken. Ich scheine es wohl nötig zu haben. Du anscheinend nicht“, erwiderte Carol lachend.
Sie bezahlte. Dann verabschiedeten sich die beiden Frauen von Cynthia und machten sich auf den Weg zum Essen.
„Mein Magen knurrt schon, weil du so lang mit deiner Einkauferei gebraucht hast“, meckerte Emmy.
„Siehst du, ich hatte die ganze Zeit überlegt, welche deiner Eigenschaften wohl am liebenswertesten ist. Ganz einfach. Du bist immer so neidlos. Und gönnst allen Menschen, egal ob Freunden oder Fremden, immer das Beste“, zog Carol sie auf.
Lachend gingen die beiden Frauen zu einer Sushi-Bar. Sie suchten sich einen ruhigen Ecktisch mit einer wunderbaren Aussicht auf die Straße. Hier konnte man stundenlang sitzen, ohne sich zu langweilen.
„Es sind verschiedene Offerten für dich gekommen“, begann Carol. „Da hätten wir diverse Einladungen. Ich habe sie dir sortiert, die meiner Meinung nach nicht so interessanten nach oben. Je weiter unten, desto besser wird es. Dann sind da mehrere Interview-Anfragen. Ich denke, da sollten wir kategorisch vorgehen. Wir lehnen den Großteil ab und bieten ‚Hallo‘ ein Exklusiv-Interview mit Bildern. Was meinst du?“
Emmy war wirklich froh, dass sie Carol hatte. Wenn die Anfragen bei Emmy ankamen, hatte Carol schon ganze Arbeit geleistet. Bei Einladungen wusste sie Bescheid, wer noch geladen war. Wer für Emmy wichtig war. Sie hatte ein Feingefühl für Journalisten und Zeitungen. Schlug Carol eine Exklusiv-Story vor, erwies sich das im Normalfall auch als beste Lösung.
„Carol, ich begebe mich da in deine Hände“, sagte Emmy. „Bei den Einladungen nehme ich die Kinopremiere, die AIDS-Gala und irgendwas Wohltätiges. Was denkst du? Vielleicht was mit Kindern?“
„Wenn du dich plötzlich für Kinder einsetzt, wird man dir sofort unterstellen, dass ein geheimer Kinderwunsch ans Licht kommt und so weiter. Ich denke, das ist nicht das Richtige“, sagte Carol. „Ich denke, wir sollten es erst mal bei der AIDS-Gala und der Kinopremiere belassen. Wir haben ja Zeit. Zudem kommen doch ständig neue Angebote.“
Der Kellner bat um ihre Bestellung. Da sie schon viele Male hier gegessen hatten, wussten sie bereits, was sie wollten. Und gaben ihre Bestellung auf.
„Übrigens“, sagte Carol, „von Scheich El-Fatih ist eine Danksagung gekommen. Die solltest du dir aber selbst ansehen. Ich muss nicht erwähnen, dass sie wieder einmalig ist.“
Der Text der Danksagung war auf den Stiel einer getrockneten Rose geschrieben. Diese wiederum lag in einer hellgelben Schachtel. Mit goldener Schrift stand dort: ‚Vielen Dank für das Licht, welches Sie meiner Gala gegeben haben. Es war mir eine Ehre.‘
„Wow“, entfuhr es Emmy. „Das ist ja unglaublich. Wie kann man nur solche Ideen haben? Hast du schon mal so eine Danksagung bekommen? Manchmal bekommt man ja so etwas Originelles nicht mal als Geburtstagsgeschenk. Wobei es bei den meisten wohl auch kitschig rüberkommen würde, aber bei dem Scheich unseres Vertrauens passt es.“
„Übrigens, Jim fliegt nächste Woche nach Massachusetts, um dort mit einem Auftraggeber zu sprechen“, wechselte Carol das Thema. „Ich werde ihn begleiten. Dann werde ich für etwa fünf Tage weg sein, aber das dürfte ja kein Problem sein, oder?“
„Nein, nein“, winkte Emmy ab, „du bist doch nicht meine Mutter. Ich schaffe es schon allein, mich zu versorgen. Außerdem nimmst du doch dein Handy mit.“
„Ja, richtig. Ich habe schon so lang nichts mehr mit Jim allein unternommen, das werden wir in vollen Zügen genießen“, sinnierte Carol.
