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5 Millionen Euro zu gewinnen war einfach wunderbar. Heather konnte ihr Glück kaum fassen. Nur leider wurde das Geld ausgeben schwierig, solange sie ihrem Mann nichts von dem Gewinn erzählte. Nur ihrer chaotischen Freundin erzählt sie davon. Zusammen versuchen sie das Geld auszugeben und das Leben und die Liebe zu meistern. Das Leben hält immer Überraschungen bereit. Ob mit oder ohne Geld. Und die Kunst ist es die Herausforderungen lächelnd zu bestehen und genau das versucht Heather.
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2012
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sehr willkommen.
Birgit Jott
LOTTO
für Vanessa
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© 2011 Birgit Jott
Umschlaggestaltung,: Wiktoria Kreblewska
Lektorat, Korrektorat: Gabriele Koske
Technik: Steve Wild
Verlag: tredition GmbH, Mittelweg 177,
20148 Hamburg
ISBN: 978-3-8424-9525-8
Printed in Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
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Die Autorin
Birgit Jott ist eine Autorin aus Hannover, die dort mit Kind und Mann dem Leben frönt.
Die kleinen Zufälle die das Leben bereit hält, die Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten, das Glück und die Liebe, bieten eine Fülle an Geschichten.
In ihren Büchern und Geschichten versucht Birgit Jott die vielen Eindrücke wieder zu geben, die sie mit dem Leben verbindet.
Mal kopfschüttelnd, mal augenzwinkernd.
Aber immer unterhaltsam.
1. Heather Weidenthal
2. Marie Tormeier
3. Kurpackung
4. Stringularhusten
5. Doro wartet im Park
6. Jamaika
7. Drei sind zwei zuviel
8. Vaterschaft
9. Es war einmal…
10. Einbruch
11. Scheidung
12. Ein Unglück kommt selten allein
13. Gestorben wird immer
14. Schwesterlich geteilt
15. Licht am Ende des Tunnels
16. Epilog
Ungläubig sah sie auf den Bildschirm. 6 für Sex, 7 für Glück, 29 und 11 für ihren Geburtstag, 21 für ihre Lieblingszahl und die 44, weil eine Schnapszahl dabei sein muss. Und nun??? Gewonnen. Sie hatte gewonnen! Wow. Das war ja ein starkes Stück.
Okay, dachte sich Heather, nur die Ruhe. Neben sich hörte sie ihren Mann stöhnen. „Wieder nichts. Bald spiele ich kein Lotto mehr, da gewinnt man sowieso nie.“
Berts Meckerei für sich genommen, einzeln betrachtet, war nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich war aber, dass Heather sich selbst gar nicht antworten hörte, obwohl sie ganz genau hinhörte. Da gab es kein „Liebling, dafür habe ich im Lotto gewonnen“ oder „Liebling, wir sind reich“. Sie hörte einfach nichts. Gut, dachte sie sich, ich bleibe jetzt hier einfach mal einen Moment sitzen und sehe, was passiert.
So saß Heather nun auf dem Sofa, auf dem sie immer saß, und wartete darauf, dass irgendetwas passierte. Aber ... es passierte nichts.
„Heather“, rief ihr Mann, „ich muss noch mal kurz in die Garage. Ich brauche noch Werkzeug für morgen.“
Heather saß immer noch auf besagtem Sofa und nickte gedankenverloren. Doch Bert schien keine Antwort hören zu wollen und ging hinaus. In der Sekunde, wo die Tür ins Schloss fiel, stürzte Heather zu ihrer Handtasche und zerrte den Lottoschein hervor. 6, 7, 11, 21, 29, 44. Lachend hüpfte sie im Kreise herum. „Gewonnen, gewonnen. Ich habe tatsächlich gewonnen.“ Bei näherer Betrachtung stellte sie fest, dass sie sogar die Superzahl richtig hatte.
Was sie dort auf dem Zettel sah, konnte sie nicht fassen. Es war einfach unglaublich. Schnell steckte sie den Lottoschein wieder ein. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihrem Mann mitteilen sollte, dass sie gewonnen hatte. Einmal was Eigenes. Etwas, was nur ihr gehörte. Würde ihr Mann von dem Gewinn erfahren, dann würde er wieder alles entscheiden, das war klar. Seit sie ihren Job aufgegeben hatte und Bert Alleinverdiener war, hatte sie zwar viel Zeit für sich und ihre Hobbies, aber Abhängigkeiten von einem Mann waren nicht gut. Schon gar nicht vom eigenen Ehemann.
Sie schnappte sich ihre Jacke und verließ die Wohnung. Sie musste sich unbedingt bewegen, auch wenn es in Strömen regnete. Aber das war Heather egal. Sie wollte nachdenken, und zwar störungsfrei.
„Okay, Heather, denk nach. Du hast gewonnen. Du hast keine Ahnung wie viel, aber sicherlich genug, um deinen Lebensstil zu verbessern. Bert weiß nicht, dass du gewonnen hast. Und – willst du es ihm sagen? Nein, ich glaube nicht. Nein, quatsch, warum sollte ich? Ich werde es ihm nicht sagen. Er hat es echt verdient, mal in Unwissenheit gelassen zu werden, schließlich macht er immer, was er will, ob es mir gefällt oder nicht, immer bin ich diejenige, die sich anzupassen hat. Ich rücke erst damit heraus, wenn ich mich entschieden habe, was mit dem Geld passiert. Damit er gar nicht erst in Versuchung gerät zu bestimmen, was gemacht wird.“
Während Heather durch das diesige Städtchen Hainhausen ging und ihren Gedanken nachhing, merkte sie, wie ihre Aufregung langsam einer absoluten Ruhe wich. Ihr wurde klar, welche Möglichkeiten ihr mit dem Gewinn gegeben wurden. Sie war frei, zumindest im weitesten Sinne, sie konnte alle ihre Träume verwirklichen! Nicht dass sie bislang eindrucksvolle Träume gehabt hätte, aber nun würde sie welche haben können! Beschwingt und glücklich machte sie sich auf den Heimweg.
„Heather, ich habe Hunger. Wollen wir nicht langsam zu Abend essen? Wo warst du denn so lange?“, schimpfte ihr Mann.
„Ja“, rief sie gereizt, „ich decke sofort den Tisch. Gib mir zwei Minuten.“
Während Heather die Lebensmittel aus dem Kühlschrank nahm, überlegte sie, wie aufregend es wohl wäre, statt der öden Kost der Normalsterblichen mal zum Abendessen Hummer zu speisen oder Champagner zu schlürfen anstelle von Mineralwasser und Tee.
„Haben wir noch Gurken?“, rief ihr Mann Richtung Küche.
Gurken! Er wollte Gurken. Wenn der wüsste! Sie öffnete brav das Gurkenglas und legte die Gurken auf den Teller, wie gewünscht.
Ihr Mann betrat die Küche, nahm Platz und begann zufrieden sein Brot zu schmieren.
„Auf den Straßen war heute wieder die Hölle los, da war doch ein Autofahrer, der glatt …“, erzählte Bert von seinem Tag. Er beschrieb in aller Ausführlichkeit seine Erlebnisse. Doch Heather fand plötzlich alles langweilig, was er erzählte, und doch konnte sie nicht aufhören zu lächeln, bei jedem Bissen, den sich ihr Gatte in den Mund steckte. Bert, der ihr Lächeln bemerkte, missdeutete es als Ermunterung und kam nun richtig in Fahrt. Er erzählte ihr alles und jedes in aller Ausführlichkeit. Dann stand er auf, küsste seine Frau und schlurfte ins Wohnzimmer zum Fernseher, während Heather sich daran machte, den Tisch abzuräumen. Sie betrachtete jedes einzelne Teil, das sie in die Hand nahm. Alles würde sie neu kaufen können, wenn sie wollte.
Am nächsten Morgen fuhr Heather mit dem Auto in die Stadt und parkte vor einer Bank, mit der sie sonst nichts zu tun hatte. Sie betrat die Schalterhalle und wandte sich dort suchend nach einem Mitarbeiter um.
„Kann ich Ihnen helfen?“, sprach sie ein junger Mann an.
Heather nickte. „Ich möchte gern ein Konto bei Ihnen eröffnen.“
Nachdem sie diverse Fragen beantwortet und eine Reihe von Formularen ausgefüllt hatte, verließ sie die Bank als Besitzerin eines neuen Bankkontos. Der erste Schritt war getan.
Ihr zweiter Schritt war der Gang in einen Handyshop. Dort kaufte sie sich ein Handy. Kein extravagantes. Einfach nur ein funktionelles. Sodass sie es ohne Kopfschmerzen schaffte, damit zurechtzukommen. Die Freischaltung sollte eine halbe Stunde dauern. Bis dahin würde sie längst zu Hause sein.
Während der Fahrt fühlte sie sich bereits wie eine Geheimagentin. Es war echt aufregend. Natürlich könnte es auch sein, dass die ganze Aufregung umsonst war und ganz viele Personen die richtigen Zahlen getippt hatten. Das würde ihren Gewinn erheblich mindern. Außerdem hatte Heather ja noch keine Ahnung, wie hoch der Gesamtgewinn überhaupt war.
Sie schloss die Haustür auf, zog ihre Jacke aus, hängte diese ordentlich auf, kochte sich seelenruhig eine Tasse Kaffee und begann dann ihr Handy auszupacken. Sie betrachtete es, als wäre es ihr Schlüssel zum Glück. Sie holte tief Luft und rief die Lottogesellschaft an.
Die weiteren Minuten vergingen wie in Trance. Nachdem man sie hin und her verbinden musste, bis sie endlich an der richtigen Stelle gelandet war, teilte ihr eine freundliche weibliche Stimme mit, dass es nur einen Gewinner gebe und, wie es schien, sei das sie, Frau Heather Weidenthal. Vorausgesetzt, sie sei im Besitz des Lottobelegs. Und das war Heather.
Der Gewinn, so wurde sie weiter informiert, belaufe sich auf fünf Millionen Euro. Sobald sie sich mit dem Lottobeleg legitimiert habe, überweise man ihr das Geld.
F Ü N F Millionen. Heather hinterließ ihre neue Bankverbindung und ihre neue Handynummer. Dann setzte sie sich, lächelte und war ganz ruhig. Fünf Millionen Euro. Nur für sie. Heather Weidenthal. 48 Jahre. Hausfrau. Reich.
Die Woche zog sich wie Kaugummi. Jeder Tag schien 26 Stunden zu haben, doch nun war alles erledigt. Sie verließ gerade ihre neue Bank, wo man ihr den Geldeingang bestätigt hatte und natürlich sehr erstaunt war. Sofort wollte man ihr einen Termin mit einem Anlageberater aufquatschen, aber daran hatte Heather kein Interesse. Sie fuhr in das teuerste Delikatessengeschäft der Stadt und kaufte hemmungslos ein. Hummer, französischen Käse, teuren Schinken, Baguette und viele Delikatessen, deren Namen sie nicht mal aussprechen konnte, Hauptsache kaufen. An der Kasse bezahlte sie ungerührt die Rechnung über vierhundert Euro. Damit kam sie sonst mehrere Wochen aus!
Beglückt verstaute sie alles im Wagen. Eigentlich hätte sie gern noch mehr Geld ausgegeben, aber ihr fiel nicht ein, was sie sonst noch hätte kaufen können. Sie hatte ja auch noch Zeit. Viel, viel Zeit, das Geld unter die Leute zu bringen.
„Was ist denn das?“, fragte Bert am Abend. „Gibt es was zu feiern?“ Er betrachtete den gedeckten Tisch, auf dem sich die Delikatessen türmten.
„Du weißt doch, man sollte nie mit Hunger im Bauch einkaufen gehen“, antwortete Heather. „Außerdem dachte ich, wir könnten es uns mal ein wenig schön machen und uns ein Glas Wein gönnen. Im Supermarkt waren französische Wochen, da habe ich das eine oder andere mitgebracht. Zur Abwechslung, dachte ich.“
Sie schenkte ihnen beiden ein Glas Wein ein, immerhin fast hundert Euro die Flasche, und ließ sich dann restlos glücklich auf ihren Stuhl fallen.
„Heather, es ist ja toll, was du für Ideen hast, aber gibt es außer dem Baguette auch noch normales Brot?“
Seufzend stand Heather wieder auf und stellte Bert sein heißgeliebtes Graubrot hin.
Bert ließ seinen Blick über den Tisch schweifen und begutachtete Schinken, Pasteten und den bereits ausgelösten Hummer, den er natürlich nicht als solchen identifizierte. Er griff nach dem Schinken und sah erwartungsvoll zu seiner Frau.
„Hast du denn keine Gurken mitgebracht?“
„Gurken? Warum willst du nur immer Gurken. Probier doch mal etwas anderes.“
Missmutig biss Bert in sein Brot.
„Und wie schmeckt es dir?“, fragte Heather lächelnd.
Bert nickte, was wohl gleichbedeutend mit einem „Es schmeckt mir“ sein sollte.
Heather selbst aß mit Genuss von den vielen Köstlichkeiten auf dem Tisch. Labte sich am Hummer, den sie dann genießerisch mit Wein herunterspülte, probierte ein wenig Käse da, ein wenig Schinken dort, widmete sich jeder Pastete – bis sie bald zu platzen drohte. War das traumhaft. Ein Hochgenuss für ihren Gaumen.
„Heather, Liebes, lass uns morgen aber bitte wieder normal zu Abend essen. Ich habe es nicht so mit diesem neumodischen Schnickschnack“, sprach der Herr des Hauses, bevor er im Wohnzimmer Richtung Fernseher verschwand.
Doch Heather konnte nichts aus der Ruhe bringen. Sie war einfach nur glücklich. Während sie abräumte, überlegte sie hin und her, was sie noch alles anstellen könnte, jetzt, wo sie fünffache Millionärin war. Merkwürdig.
Prinzipiell gab es ja immer vieles, was man verändern oder kaufen könnte, wenn man Geld hatte.
Aber hatte man dann plötzlich welches, so waren all diese Dinge mit einem Mal nicht mehr so wichtig.
Sie ging ins Wohnzimmer zu ihrem Mann, der die Nachrichten sah. Während sie Bert so dasitzen sah, überlegte sie unwillkürlich, ob sie ihn behalten sollte. Bedächtig setzte sie sich zu ihm. Sofort legte er seinen Arm um sie und küsste sie auf die Wange. Sie lächelte. Bert war sicher nicht der perfekte Mann, aber er war ihrer.
„Hast du gesehen, dass man in dem Preisausschreiben der Fernsehzeitung einen Farbfernseher mit allem Drum und Dran gewinnen kann?“, fragte sie ihn.
Bert schaute sie stirnrunzelnd an. „Liebes, du weißt doch, dass wir noch nie was gewonnen haben. Ist doch alles Humbug. Da gewinnt man nie.“
„Ich glaube, ich versuche es trotzdem. Vielleicht sollten wir unserem Glück mal auf die Sprünge helfen. Es sind Fußballfragen. Du musst mir nur bei den Antworten helfen.“
Nicht gerade überzeugt, aber durchaus stolz auf sein Wissen, beantwortete Bert ihr die Fragen. Immer noch besser, als mit ihr zu streiten, dachte er sich wohl.
Heather füllte alles ordnungsgemäß aus, klebte den Umschlag zu, frankierte den Brief und legte ihn auf die Garderobe, wohl wissend, dass sie ihn nie abschicken würde. Wie originell sie doch war, das gefiel ihr. Sie würde ihren Mann einfach alles gewinnen lassen, was sie sich wünschte.
Als sie am nächsten Morgen das Haus verlassen wollte, fiel ihr auf, dass ihr Mann den Brief wohl mitgenommen haben musste, denn er war verschwunden. Doch das sollte sie nicht daran hindern, ihren Plan umzusetzen, schließlich war das Risiko zu gewinnen gering.
Sie fuhr zu einem Laden, in dem man sich Hochzeitskarten und allerlei anderes drucken lassen konnte. Sie wolle sich ein Schreiben entwerfen lassen, auf dem stehe, dass man in einem Preisrätsel gewonnen habe, erklärte sie dort. Interessant war, dass ihr merkwürdiges Anliegen den Typen hinter der Ladentheke nicht sonderlich umhaute. Ob wohl viele Frauen heimlich im Lotto gewannen? Ihr wurde zugesichert, innerhalb einer Woche das Schreiben fertig zu haben.
Ihr nächster Gang führte sie in ein Elektronikgeschäft. Dort ließ sie sich von einem arroganten Verkäufer sämtliche Fernseher erklären, bis es ihr in den Ohren rauschte. Sie entschied sich für einen riesigen Apparat mit sämtlichen Neuheiten, die überhaupt nur möglich waren. Da das Gerät schlappe 5.000 Euro kostete, war sie mit einem Mal die beste Freundin des Verkäufers. Sie hinterließ ihre Adresse und vereinbarte einen genauen Liefertermin. Schließlich musste Bert ja erst mal über seinen Gewinn informiert werden.
Eine Woche später holte sie ihren Gewinnbrief ab, der hervorragend geworden war, und steckte ihn ein. Geduldig wartete sie am Folgetag auf die Post, die sie wohlweislich nicht hereinholte. Sie wollte, dass Bert den Briefkasten leerte.
„Heather, du wirst es nicht glauben. Wir haben im Preisausschreiben gewonnen. Du weißt doch noch, die Fußballfragen und der Fernseher. Ist das nicht unglaublich?“, fragte Bert sie abends, vor Glück taumelnd.
Heather tat überrascht und beglückwünschte sich wieder einmal zu ihrer Idee.
„Der Fernseher wird schon in den nächsten Tagen zugestellt“, freute sich Bert. Heather hatte es so eingerichtet, dass noch drei Tage vergehen sollten, bis es zur Lieferung kam. Umso überraschter war sie, als es abends zur besten Fernsehzeit an der Haustür klingelte.
„Guten Abend, gnädige Frau. Ich hoffe, wir stören nicht. Wir sind von der Zeitung Schöner Fernsehen und möchten Sie beglückwünschen zu Ihrem Hauptgewinn“, verkündete ein Mann im Anzug mit strahlendem Lächeln, als Heather die Haustüre öffnete. In der Hand hielt er einen Strauß Blumen, und während er ihn überreichte, blitzte auch schon ein Blitzlicht. Bert kam dazu, nicht besonders überrascht, schließlich wusste er ja schon, dass sie gewonnen hatten. Sicher, es war ungewöhnlich, dass nun doch jemand persönlich vorbeikam, um ihnen zu gratulieren. Aber so waren nun mal die Leute von der Zeitung. Also nahm er seine Frau in den Arm, die ihren Mund gar nicht wieder zu bekam, und posierte lächelnd für die Kamera.
„Liebling, nun sei doch nicht so überrascht, du wusstest doch, dass wir gewonnen haben“, kritisierte Bert seine Frau.
Der ganze Zauber zog sich eine Stunde hin, mit Sekt trinken, lächeln, dankbar sein, nicht erstaunt aussehen usw. Dann wurde das gute Stück sofort von Bert fachmännisch angeschlossen, während Heather immer noch nicht glauben konnte, was passiert war. Sie ging zum Fenster und sah hinaus.
„Unglaublich, vielleicht bin ich eine Spielernatur und habe es nur nie gewusst. Vielleicht stehen meine Sterne so gut, dass ich jederzeit alles gewinne“, sinnierte Heather, während sie einem Lieferwagen zusah, der vor dem Haus parkte. Zuerst verband sie damit nichts Ungewöhnliches, obwohl sie sah, dass der Wagen einen Schriftzug ihres Elektronikhandels trug. Aber als zwei Männer ein wirklich sehr großes Paket entluden, begannen in ihrem Kopf ganz leise die Alarmglocken zu läuten. Als dann auch noch einer der Männer auf die Klingelknöpfe an ihrer Haustür zuging und dieses Klingeln dann ganz eindeutig in ihrer Wohnung zu hören war, wusste sie, dass sie nun ein Problem hatte. Bert sah vom Bedienungshandbuch auf.
„Wer ist es denn?“
„Vermutlich Werbung“, antwortete Heather, „ich schaue noch mal in den Briefkasten.“
In Windeseile lief sie die Treppen hinunter.
„Was machen Sie denn schon hier? Ich erwarte die Lieferung erst in zwei Tagen“, fauchte sie die Männer an.
Verwundert sahen die beiden erst sich, dann Heather an.
„Nun bekommen Sie Ihren neuen Fernseher eben jetzt schon. Wir haben halt einen sehr guten Lieferservice.“
„Nein, nein, nein. Ich kann den Fernseher jetzt wirklich nicht entgegennehmen. Er ist ein Geschenk für meinen Mann zur Silberhochzeit. Und die ist nun mal erst in zwei Tagen. Bitte nehmen Sie ihn wieder mit. Ich bezahle den Transport auch. Ganz egal, nur bitte nehmen Sie ihn wieder mit.“
Leicht irritiert machten sich die beiden Männer nun daran, den Fernseher wieder zurück ins Auto zu tragen, während Heather schnell wieder hinauf in ihre Wohnung lief.
„Was war denn los? Du warst so lange fort!“, schimpfte Bert.
„Ich habe noch Frau Dunbeil getroffen.“
„Hast du? Ich dachte, die wäre im Urlaub?“, fragte ihr Mann erstaunt, doch zu Heathers Erleichterung hatte er wohl keine große Lust, näher auf dieses Thema einzugehen.
Völlig erledigt ließ sie sich aufs Sofa fallen. Was für eine verrückte Sache. Nie wieder Preisrätsel, schwor sie sich. Außerdem musste sie sich schnellstens etwas mit dem Fernseher einfallen lassen. Sie konnte ihn unmöglich zurückgeben, das würde ihr einfach zu peinlich sein, bei dem Zirkus, der in dem Laden um sie veranstaltet worden war. Nur, was sollte sie denn mit dem Kasten tun? Vielleicht sollte sie ihn irgendwem anonym spenden. Das wäre eine Idee. Aber wem? Dem Kinderheim? Aber nein, es war nicht gesund, wenn Kinder zu viel fernsahen. Oder Bekannten? Nein, zu riskant. Heather nahm sich die Gelben Seiten, um sich dort anregen zu lassen. Nachdem sie einige Minuten ziellos hin und her geblättert hatte, wusste sie die Antwort. Die Feuerwehr. Perfekt! Sie würde den Fernseher der Feuerwehr schenken. So konnten sich die Männer während ihrer Bereitschaft etwas ablenken. Schließlich taten sie ja viel Gutes und hatten es verdient. Das würde sie dann nur morgen den Leuten vom Elektronikgeschäft beibringen müssen. Aber letztlich würde denen sicher egal sein, wohin sie lieferten, Hauptsache, die Ware war bezahlt. Wichtig war nur, dass Heathers Name nicht erschien.
Inzwischen war Bert mit dem Anschließen des nigelnagelneuen Fernsehers fertig, er setzte sich zu Heather aufs Sofa und hielt eine kurze Schweigeminute. Danach küsste er seine Frau und sagte:
„Heather, bin ich nicht ein Glückskind? In zwei Tagen ist ein wichtiges UEFA-Cup-Spiel.“
Automatisch nickte sie. Urlaub, sie brauchte dringend einen Urlaub. Sie würde sich morgen mal in einem Reisebüro umschauen.
„Bert, ich würde so gern mal zur Kur fahren. Ich muss endlich etwas für meine Gesundheit tun. Du weißt ja, mein Rücken ist nicht mehr der gesündeste. Du würdest doch bestimmt ohne mich zurechtkommen, oder?“
Bert, der noch in seiner Fernseher-Glückseligkeit taumelte, murmelte nur, dass es für ihn nicht das geringste Problem sei.
Na ja, für eine „Kur“ musste sie wenigstens kein Preisausschreiben bemühen.
Es hatte sie am nächsten Morgen viel Überredungskunst und den Kauf einer sündhaft teuren Espressomaschine gekostet, dass der Lieferwagen des Elektronikfachhandels sie auf seiner Auslieferungstour mitnahm. Denn unweigerlich würde ihr Name bekannt werden, wenn der Lieferschein unterschrieben werden musste, und auf dem prangte schließlich ihr Name. Also wollte Heather mitfahren, um das selbst zu übernehmen.
Der verantwortliche Mann im Elektronikgeschäft hatte anfangs nicht wirklich verstehen können, warum sie unbedingt bei der Auslieferung des Fernsehers dabei sein wollte, schließlich habe der Lieferservice noch nie zu Klagen von Kunden Anlass gegeben. Doch die Espressomaschine beschleunigte sein Verständnis. Die Auslieferung des Fernsehers sollte am nächsten Tag sein.
Am nächsten Morgen waren die Transporteure mit Heather im Schlepptau auf dem Weg zur Feuerwehr. Während der Fahrt zogen die Männer alle Register des Smalltalks, doch Heather schaffte es einfach nicht, ihren Stimmbändern Laute zu entlocken. Stattdessen saß sie mit krampfhaftem Dauerlächeln im LKW und hoffte einfach nur, dass sie die Sache schnell hinter sich bringen konnte.
Als sie auf dem Hof der Feuerwehr angekommen waren, stieg Heather mit Herzklopfen aus und während die Männer im Lieferwagen den Fernseher aus der Verpackung schälten, betrat sie die Feuerwache. Ein freundlich schauender Feuerwehrmann sah sie an.
„Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Ihnen danken für den mutigen Einsatz, den Sie immer zeigen, und dachte mir, ich könnte Ihnen eine Freude machen. Eine Spende übergeben, sozusagen. Man darf doch der Feuerwehr etwas spenden, oder?“, stammelte Heather.
„Aber sicher, gnädige Frau. An welche Art von Spende dachten Sie denn?“
„Na ja, an einen Fernseher. Meine Spende wäre ein Fernseher. Den nehmen Sie doch an, oder?“
Der Feuerwehrmann zog seine Augenbrauen hoch. Sicherlich war er in dem Glauben, Heather hätte zu Hause einen alten Fernseher ausrangiert.
„Es ist ein neuer Fernseher. Keine Sorge, ich wollte nicht bei Ihnen meinen Sperrmüll abladen.“
Lächelnd sagte er: „Sehr gern, wir haben hier ja immer viel Wartezeit, Frau ...?“
„Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich würde gern anonym bleiben. Aber der Fernseher ist wirklich ordnungsgemäß bezahlt. Die Herren von der Lieferfirma können Ihnen das bestätigen.“
Mittlerweile kämpften sich die Transporteure in die Wache und es hatten sich auch bereits vier weitere Feuerwehrmänner dazugesellt, um das Spektakel zu beobachten.
„Wo soll er hin?“, fragten die Lieferanten.
Mit fragendem Blick schaute Heather zu den Feuerwehrmännern, die nun sprachlos mit offenem Mund auf den gigantischen Fernseher starrten und ihr Glück nicht so recht begreifen konnten. Einer von ihnen wies mit seiner Hand auf den angrenzenden Raum, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Die Transporteure stellten den Fernseher dort ab, ließen sich von Heather den Lieferschein gegenzeichnen und gingen zum Ausgang. Heather drehte sich um, um ihnen zu folgen, und sah, dass die Feuerwehrmänner noch immer sprachlos an exakt der gleichen Stelle standen.
„Schönen Tag noch“, sagte sie lächelnd und eilte ebenfalls nach draußen. Sie sprang in den Lieferwagen und atmete tief durch. Sehr erleichtert, den Fernseher los zu sein.
Ihr nächster Weg führte sie in ein Reisebüro, dort ließ sie sich ganze Berge von Reisezielen zeigen. Schnell hatte sie sich entschieden. Es war unglaublich, aber sie würde nach Gran Canaria fliegen. Auf die K A N A R E N.
Bert würde sich sicherlich wundern, warum sie so braungebrannt wiederkäme aus ihrer Kur, aber das Braunwerden würde sich bei drei Wochen Sonne kaum vermeiden lassen.
Beschwingt fuhr sie heim. Irgendwie war ihr Leben im Moment ein einziges Hin und Her zwischen Glücksgefühlen, Entsetzen und Herzklopfen.
Als sie zu Hause ankam, war Bert schon da. Gutgelaunt saß er, wie nicht anders zu erwarten, vor dem Fernseher.
„Bert, Liebling, ich habe heute bei der Krankenkasse angerufen und die sagen, dass das mit der Kur überhaupt kein Problem sei. Wahrscheinlich könnte man mich sogar recht kurzfristig unterbringen. Was sagst du dazu?“
Ihr Mann sah sie lächelnd an. „Na siehst du, Liebling, ich habe dir doch die ganze Zeit gesagt, du solltest mal eine Kur machen. Du musst dich nur kümmern“, sprach er und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Fernseher zu.
Kopfschüttelnd deckte Heather den Tisch. Noch nie zuvor hatte einer von ihnen ein Wort über eine Kur verloren. Aber wahrscheinlich wollte Bert sie gern los sein, um in Ruhe fernsehen zu können.
„Bert, komm bitte essen. Und schalte den Fernseher aus“, schimpfte Heather ungeduldig.
„Wie war dein Tag, Liebling?“, fragte sie ihren Mann, als er sich in der Küche an den Tisch setzte. Heute beschränkte sich Bert in seiner Berichterstattung aufs Wesentliche. In kurzen und knappen Worten schilderte er gerade so viel, dass er Heather nicht noch mehr verärgerte. Dann widmete er sich wieder seinem Brot und seinen Gurken. Mit einem Mal hörte er auf zu kauen, sah sie an und sagte: „Heather, das war heute echt der Hammer. Mein Arbeitskollege, du weißt schon, hat nun endlich rausgefunden, dass seine Frau ihn tatsächlich betrügt. Er hatte doch die ganze Zeit darüber gerätselt.“
„Ach, das ist ja ein Ding. Wie hat er es rausgefunden?“
Wichtigtuerisch erzählte Bert weiter. „Zuerst fand er ja nur ihr Verhalten seltsam. Alles musste mit einem Mal perfekt sein. Nie war ihr irgendwas recht. Und dann fing sie damit an, dass es von allem nur noch das Beste sein musste. Und gestern kam dann der große Knall. Schon seit ihrer Hochzeit hatten sie diese Kaffeemaschine, die ihm viel bedeutete, und das wusste sie auch. Und du glaubst nicht, was sie gemacht hat?“
Heather sträubte sich das Nackenhaar. „Sag es mir einfach“, bat sie ihn.
„Sie hat die Kaffeemaschine mir nichts, dir nichts gegen eine neumodische Schnickschnack-Espressomaschine ausgetauscht. Da sind natürlich alle Lichter bei ihm angegangen. So was kaufen doch nur Leute, die sich wichtig tun wollen, aber doch keine glücklichen Ehefrauen. Ich sage dir ehrlich, Heather, das hätte mich auch misstrauisch gemacht.“
„Nie wieder in meinem Leben spiele ich Lotto“, schwor sich Heather.
Mittlerweile waren sie per du. Sinnigerweise hießen beide Transporteure Tom.
„Heather, wieso kaufst du denn so teure Elektro-Artikel, um sie dann in diese Feuerwache zu bringen? Haben die dir mal das Leben gerettet oder so?“
Heather nickte schweigend.
Peinlich berührt schwiegen nun auch die beiden Toms, während ihr Lieferwagen wieder einmal vor der Feuerwache vorfuhr.
Herr Schweiger vom Elektronikfachgeschäft, der sie jedes Mal darauf hinwies, dass schweigen nicht seine Stärke sei, war diesmal nicht mal mehr erstaunt gewesen über Heathers Ansinnen, möglicherweise sah er in ihr längst echtes Potenzial als Kundin, wo es doch so viele Feuerwachen gab.
Auch an diesem Morgen ging Heather schon einmal hinein zu den Feuerwehrleuten, während Tom und Tom noch in ihrem Lieferwagen kramten. Die Feuerwehrmänner erkannten sie natürlich gleich wieder, es war ja schließlich auch erst ein einziger Tag vergangen seit ihrem letzten Besuch.
„Entschuldigen Sie, ist es möglich, Ihnen noch mal was zu spenden?“
„Noch mal?“, wurde sie erstaunt gefragt. „Sie waren doch erst gestern hier und der Fernseher ist echt super.“
Die beiden Toms betraten das Gebäude.
„Heather, wo soll sie hin?“, fragten sie.
„Was ist es denn diesmal?“, fragte einer der Feuerwehrmänner.
„Eine Espressomaschine.“
Daraufhin nickte er und wies den Toms den Weg Richtung Küche.
„Ich nehme an, es handelt sich wieder um eine anonyme Spende?“, fragte einer der Feuerwehrmänner. Heather nickte und spurtete hinter den Toms her zum Ausgang.
„Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder“, rief ein Feuerwehrmann hinter ihr her. „Sie wissen doch, alle guten Dinge sind drei.“
Mich seht ihr nie wieder, dachte sich Heather und stöhnte innerlich. Wer hätte gedacht, dass Lottogewinne so kompliziert sein konnten.
Als sie zu Hause die Haustür öffnete, schlug ihr jede Menge Lärm entgegen. Ihr Gatte hatte seine Freunde eingeladen, bei ihnen auf dem neuen Fernseher das „wichtige“ Fußballspiel zu sehen.
„Du hast doch nichts dagegen, Liebling?“, fragte Bert. Wohl in dem Wissen, dass Heather sowieso nichts mehr an der Situation ändern konnte.
„Heather, es macht dir doch nichts aus, uns noch eine Kleinigkeit zum Essen zu besorgen, oder?“
„Ja, Ja. Das hast du dir ja schön ausgedacht“, seufzte Heather. „Was wolltest du denn essen? Oder besser gesagt ihr? Wie viele seid ihr denn überhaupt?“
„Du bist ein Schatz, Heather. Ehrlich. Wir sind acht. Ich denke, Pizza wäre super. Und ein bisschen was zu knabbern. Übrigens, in der Küche sitzt Dorothea. Und sie wirkt nicht sehr entspannt auf mich.“
Heather seufzte. Seit sie im Lotto gewonnen hatte, war sie Doro aus dem Weg gegangen. Sie und Doro waren alte Arbeitskolleginnen. Sie hatten bei derselben Behörde gearbeitet. Oder vielmehr Heather hatte alle Anträge bearbeitet, während Doro sie unterhielt oder sich durchs Gebäude flirtete. Als Doro sich dann vor einigen Jahren mit einem Tee- und Kaffeegeschäft selbstständig gemacht hatte, war das für Heather der Anstoß gewesen, ebenfalls mit der Schreibtischarbeit aufzuhören. Ohne Doro war es einfach nicht mehr dasselbe gewesen. Sie war so lebendig und wunderbar. Außerdem wurde Heather nie das Gefühl los, Dorothea könnte direkt in Heathers Kopf sehen – wie sollte sie da ihr den Lottogewinn verheimlichen können?
„Also, was ist los?“, begrüßte Doro sie, sobald Heather die Küche betrat.
„Nichts, ehrlich. Ich hatte nur so viel zu tun.“
„Heather, du bist nicht berufstätig. Schon vergessen? Also komm mir jetzt bloß nicht mit irgendwelchen Ausflüchten. Ich kenn dich, Heather, und sehe dir jede Lüge an der Nasenspitze an. Also komm schon.“
„Dorothea Barleben, du nervst total. Echt. Es muss doch nicht gleich was sein, wenn ich mich mal nicht melde.“
„Heather, sonst rufst du mich schon an, wenn du schlechten Stuhlgang hast. Also sag es mir. Gibt es einen anderen Mann? Bist du fremdgegangen?“
„Doro, bitte! Ich bin nicht fremdgegangen. Ich schwöre! Außerdem muss ich jetzt für die Truppe nebenan Essen besorgen. Kommst du mit?“
„Darauf kannst du wetten. Ich werde mich so lange an deine Fersen heften, bis ich weiß, was hier los ist.“
So stapften die beiden Frauen gemeinsam los und schwangen sich in Heathers Auto. Die gesamte Fahrt über redete Doro auf Heather ein und Heather musste zugeben, dass sie ihr großes Geheimnis auch liebend gern endlich mal jemandem erzählt hätte. Nur ob Dorothea die Richtige war? Sie würde sicher nicht neidisch sein und ihr das Geld von Herzen gönnen, aber sie redete immer so viel. Was, wenn es ihr mal bei irgendeiner dummen Gelegenheit rausrutschen würde? Nicht auszudenken. Andererseits würde es sicher Spaß machen, mit ihr als Verbündete etwas auszuhecken. Schließlich standen ihnen mit so einer riesigen Summe Geld unendlich viele Möglichkeiten offen.
„Jetzt weiß ich“, vernahm sie Doro neben sich. „Du bist schwanger und willst das Kind heimlich abtreiben, ohne dass Bert es mitbekommt. Richtig?“
Heather musste von Herzen lachen. Doro war einfach einmalig. Während sie weiterfuhren, wurde Heather weiter gelöchert.
„Nun sieh dir das mal an. Die stehen auf uns“, sagte Dorothea und zeigte zur Seite. Ein wirklich witziges Bild war dort zu sehen. Auf der Spur neben ihnen wartete ein Zug der Feuerwehr vor der roten Ampel und alle Feuerwehrmänner winkten Heather, ihrer Wohltäterin, mit einem breiten Grinsen zu. Doro, die nicht wusste, warum die Männer so freundlich waren, fühlte sich unheimlich geschmeichelt und setzte ihr schönstes Lächeln auf. Da brachen bei Heather alle Dämme. Sie lachte und lachte und lachte. Tränen liefen ihr über die Wangen, längst war die Ampel auf Grün gesprungen. Der Verkehr hinter ihnen war zum Stillstand gekommen, was ein Hupkonzert zur Folge hatte. Doch Heather konnte sich nicht beruhigen. Sie lachte die ganze Spannung der letzten Wochen einfach weg. Und Doro wusste nicht so recht, was eigentlich so lustig war. Trotzdem stimmte sie in das Lachen ihrer Freundin ein, auch wenn alles etwas seltsam war.
Bis sich Heather beruhigt hatte, hatte sie sich diverse Autofahrer zum Feind gemacht, doch sie fühlte sich gut.
„So, Heather, nun rück raus mit der Sprache.“
Heather sah ihre beste Freundin an und grinste. „Ich sage es dir, aber in diesem Fall darfst du tatsächlich nicht darüber sprechen. Und ich meine kein ‚Ich darf zwar nicht darüber sprechen, aber wenn du es keinem sagst, erzähle ich es dir trotzdem‘, sondern ein ‚Ich darf kein Sterbenswort darüber verlieren‘. Verstehst du das, Dorothea?“
Erwartungsvoll sah ihre Freundin sie an und nickte.
„Du musst es schwören, Dorothea.“
Daraufhin legte Doro dramatisch ihre Hand auf ihr Herz und schwor feierlich, das Geheimnis niemandem, unter keinen Umständen, zu erzählen.
„Okay. Es ist so, dass ich ein wenig Glück hatte und etwas Geld gewonnen habe. Aber Bert weiß nichts davon und auch sonst niemand.“
Doro nickte. „In Ordnung, Heather. Von welcher Summe reden wir? Was verstehst du unter einem bisschen Geld? Mehr als ein Jahresverdienst?“
Heather nickte. „Bitte, Doro, ich möchte dir keine Summe nennen, aber es ist schon bedeutend mehr als ein Jahresverdienst. Auf jeden Fall mehr als ein Jahresverdienst von Bert.“
Dorothea pfiff durch die Zähne. „Wow. Und was hast du damit vor? Und vor allem, warum sagst du deinem Mann nichts davon? Ihr könntet euch doch was Schönes davon kaufen.“
Heather seufzte. „Ja, du hast natürlich Recht, aber ich wollte einmal was Eigenes haben. Ich habe keine Arbeit, keine Kinder. Gar nichts! Ich habe nur Bert. Und nun habe ich eigenes Geld. Das will ich einfach erst etwas genießen, bevor ich mir da reinreden lassen muss. Verstehst du das?“
„Ob ich das verstehe, Heather-Schatz? Ich finde das super! Stell dir mal vor, was du alles machen kannst mit dem Geld.“
Und schon begannen die beiden Frauen zu planen, was man alles kaufen oder tun könnte.
„So, Heather, wir müssen jetzt mal ganz analytisch vorgehen und deine kurzfristigen Wünsche von deinen langfristigen Wünschen trennen. Okay. Kurzfristig wären da Gebrauchsgegenstände. Wäre da etwas, was du gern hättest?“
„Ich weiß nicht so recht, bis jetzt hat das immer nicht funktioniert. Wobei, andererseits haben wir ja nun einen neuen Fernseher, wenn auch nicht von mir gekauft. Vielleicht hätte ich gern eine Musikanlage. So eine wie aus dem Fernsehen. Wo man nur in die Hände klatscht und schon beginnt die Musik. Das wäre schon echt toll. Nur, wie soll ich das Bert beibringen?“
„Heather, meine Liebe, wozu hat man denn Freundinnen. Ich spreche einfach mal mit ihm und erzähle ihm, wie gern du eine Musikanlage hättest und dass ich rein zufällig jemanden an der Hand hätte, der diese günstig besorgen kann. Was denkst du? Vielleicht klappt das ja. Wir versuchen es auf alle Fälle. So, weiter, was möchtest du noch? Was ist mit Klamotten, Urlaub, Schmuck?“
„Oh, einen Urlaub habe ich bereits gebucht. Auf die Kanaren, Gran Canaria. Ich habe Bert erzählt, ich würde in Kur fahren.“
„Wow!“, entfuhr es Doro. „Gran Canaria, wo du ja noch nie Hainhausen verlassen hast.“
Heather sah ihre Freundin an. „Wie wäre es, wenn du mich begleiten würdest? Ich lade dich ein. Natürlich vorausgesetzt, du kannst dein Geschäft in der Zwischenzeit alleinlassen.“
Die Begeisterung war so ungeheuerlich, dass ich mir als Autorin erlaube, sie nicht näher zu beschreiben. Eine „normale Frauenbegeisterung“ eben.
Die Frauen begannen nun in aller Ausführlichkeit den Urlaub zu besprechen. Heather hatte auch nicht die geringste Sorge, dass für Doro noch Flug und Zimmer zu bekommen sein würden, schließlich war mit Geld einfach alles möglich.
Irgendwann kamen sie zurück auf den Boden der Realität. Sie mussten sich endlich um die Pizza für die Fußballbegeisterten in Heathers Wohnung kümmern.
Sie fuhren zu einem Pizza-Bringdienst. Gaben dort eine große Bestellung auf, bezahlten und fuhren weiter zum Elektronikgeschäft. Kaum dass sie das Geschäft betreten hatten, stürmte Herr Schweiger auf sie zu.
„Schweiger. Eduard Schweiger“, stellte er sich Doro vor. „Und schweigen ist nicht meine Stärke“, stellte er wieder einmal fest und nahm keinen Anstoß daran, dass nur er sich über seinen Scherz amüsierte. Die beiden Frauen ließen sich von ihm alle Musikanlagen vorführen, die in Frage kamen, und entschieden sich dann für ein Hi-Fi-Soundsystem der Spitzenqualität. Als es um die Zustellung ging, schlug Herr Schweiger augenzwinkernd vor, lieber noch keine Lieferadresse einzutragen, falls es in den nächsten Tagen wieder zu einer spontanen Änderung käme. Heather mochte nicht widersprechen.
Unter anderen Umständen hätte Heather es den Männern übelgenommen, dass sie Doro und sie nicht einmal zur Kenntnis nahmen, als sie die Wohnung betraten. Geschweige denn ein Danke für die Pizza äußerten, die bereits unübersehbar verschlungen worden war. Und wer das Ganze wieder saubermachen durfte, war auch nicht schwer zu erraten. Dieser Tross echter Männer hätte es sicherlich nicht mal gemerkt, wenn Heather und Doro nackt vor ihnen getanzt hätten. Es sei denn, sie hätten ihnen dabei die Sicht auf den Fernseher versperrt. Aber heute war Heather so viel Ignoranz gleichgültig. Im Grunde genommen genoss sie sogar die ausgelassene Stimmung der Männer, denn sie war auch in ausgelassener Stimmung, wenn auch nicht wegen eines Fußballspiels.
In der Halbzeitpause nutzte Doro die Gunst der Stunde, ließ sich mit einem Stück Pizza neben Bert nieder und bearbeitete ihn fachmännisch in Bezug auf höchsten Musikgenuss und Frauenwünsche. Zu ihrem großen Erstaunen fand er die Idee gut, Heather eine Anlage zu schenken, und dass Dorothea so gute Beziehungen hatte, wusste er gar nicht. Er schlug vor, Doro am nächsten Tag anzurufen, um die Sache genauer durchzusprechen, und nahm Doro das Versprechen ab, Heather nichts davon zu erzählen.
Es lief also alles nach Plan. Endlich mal etwas mit Aussicht auf Erfolg.
Nach zwei Tagen schien es Heather, als wenn es mit ihrer neuen Anlage klappen könnte. Bert verhielt sich so verschwörerisch, dass sogar einer Taubstummen ohne Augenlicht aufgefallen wäre, dass etwas im Busche war. Immer diese Last mit den Männern, man hatte gar nicht die Chance, sich überraschen zu lassen, so auffällig, wie sie sich verhielten.
Heather konnte also im Elektronikladen tatsächlich ihre eigene Adresse angeben. Auch mit der Umbuchung ihrer Reise auf die Kanaren hatte alles ganz wunderbar geklappt. Es war überhaupt kein Problem gewesen, Dorothea nachträglich unterzubringen. Geld öffnete eben alle Türen.
Rundum zufrieden fuhr Heather in die City, um sich mit den entsprechenden Reise-Outfits zu versorgen. Sie streifte durch die einzelnen Geschäfte, mit dem Wissen, kaufen zu dürfen, was sie wollte. Als sie die ersten Kleidungsstücke in die Hand nahm, fiel es ihr schwer, den Preis zu ignorieren. Eine Hose für 200 Euro war einfach zu teuer, auch wenn man es sich leisten konnte. Obwohl ihr die Hose ausgesprochen gut gefiel. Doch der Gedanke, beim ersten Waschgang das gute Stück zu ruinieren, ließ sich einfach nicht verdrängen.
Vielleicht waren Hosen kein guter Einstieg für das Sorglos-Shoppen.
Sie entschied sich, ihr Glück mit Blusen zu versuchen. Als sie eine traumhaft schöne Bluse gefunden hatte, vereinbarte Heather mit sich selbst einen Deal. Sie würde diese Bluse kaufen, sofern der Preis zweistellig war. So würde sie lernen, überteuerte Kleidung zu kaufen. Ab 100 Euro durfte sie kneifen und die Bluse fluchend zurückhängen. Gespannt drehte sie das Preisschild um. 19,99 Euro.
Also das war ihr nun entschieden zu billig. Ein bisschen kostspieliger sollte sich der Einkauf schon gestalten. Auf dem benachbarten Ständer fand sie die nächste Bluse, die ihr gefiel. Ein Blick auf das Preisschild ließ sie vor Glück jubilieren. 89,99 Euro. Geht doch, dachte sich Heather.
Mit einem Mal ging ihr das Shoppen viel leichter von der Hand. Wenn man von den schweren Tüten absah, die ihre Arme nach unten zogen.
Die Einkäufe wurden mit jedem Meter schwerer. Als sie an einem Job-Office vorbeikam, kam ihr die Idee einen Träger zu mieten.
So betrat sie das Büro und trug ihr Anliegen vor. Dass sie jemanden benötige, der ihre Taschen trug, aber ihr nicht auf die Nerven ging und sie nicht vollquatschte. Obwohl ihr Wunsch nicht gerade zu den täglichen Anfragen gehörte, konnte ihr geholfen werden, und ein etwa zwanzigjähriger junger Mann namens David stand parat, um ihr zu Diensten zu sein. Heather beglückwünschte sich zu ihrer Idee, denn dieser Typ würde sie weder beklauen noch belästigen, da er ja wohl in der Kartei des Büros gespeichert war. Sie drückte David alle Taschen und ihren Autoschlüssel in die Hand und ließ ihn die bis jetzt erworbenen Schätze verstauen, während sie selbst in einem Café bei einem Latte Macchiato auf ihn wartete.
Während sie entspannt dasaß und ihre Blicke schweifen ließ, dachte sie plötzlich an Bert. Irgendwann würde sie ihm sagen müssen, dass sie gewonnen hatte. Schließlich konnte sie dieses Versteckspiel ja nicht monatelang aufrechterhalten, abgesehen davon, dass ihr die Geheimnistuerei langsam zu kompliziert wurde. Sie musste sich wirklich einmal ernsthafte Gedanken darüber machen, was sie vom Leben erwartete und wie sie es zukünftig zu gestalten gedachte. Aber nach dem Urlaub wäre es für Grundsatzfragen immer noch früh genug.
Trotzdem musste sich Heather eingestehen, dass sich langsam ein schlechtes Gewissen in ihr breitmachte. Als sie aufsah, bemerkte sie, dass ihr „Träger“ wiederkam. Sie fand es witzig, dass sie sicherlich zu den Frauen gehörte, die seine Abneigung hervorriefen, wie es allen Männern zu eigen ist, wenn es darum geht, Frauen beim Einkaufen zu begleiten. Endloses Warten vor Umkleidekabinen, Unentschlossenheit statt Entscheidungsfreudigkeit, Anstehen in elend langen Schlangen vor den Kassen. Trotzdem war Heather stolz auf sich, welche Frau hatte schon die gute Idee, sich einen Träger zuzulegen. Und seltsamerweise fühlte sie sich auch nicht unwohl dabei, mit einem fremden Mann einkaufen zu gehen, wobei das Wort „Mann“ bei einem Zwanzigjährigen wohl etwas übertrieben war.
Sie betraten gemeinsam eine Nobelboutique, in der sie nie zuvor eingekauft hatte. Sofort stürmte eine Verkäuferin auf sie zu, die entweder dachte, Heather hätte ihren Sohn bei sich oder sie würde sich einen jugendlichen Liebhaber leisten. Nachdem Heather der Verkäuferin beschrieben hatte, was sie sich in etwa vorstellte, suchte diese einige Teile für sie zusammen, mit denen Heather dann in der Umkleidekabine verschwand. David wartete geduldig davor. Die erste Kombination war ein Set aus Hose und Bluse in Grautönen. Als Heather aus der Kabine trat, um sich im Spiegel zu betrachten, schüttelte David den Kopf.
„Entschuldigen Sie, es geht mich wirklich nichts an, aber das ist doch wirklich nicht Ihr Stil.“
Heather sah ihn verwundert an. „Ist es nicht?“
„Nein, in so was sehen Sie viel älter aus, als Sie wahrscheinlich sind. Sie sollten Mut zur Farbe haben. Wenn Sie erlauben, würde ich mich mal für Sie umsehen“, bot er ihr an.
Erstaunt nickte Heather. Ihr war gar nicht die Idee gekommen, dass so ein Träger auch eine Meinung hatte und diese sogar äußern könnte. Aber was sollte es, es konnte ja nicht schaden, eine zweite Meinung einzuholen. Also sah sie mit Spannung, wie David die Regale und Ständer durchstöberte. Dann brachte er ihr ein hellblaues Top und eine weiße Hose. Dazu einen hellen Ledergürtel und eine hellblaue Handtasche.
Du meine Güte, fuhr es Heather durch den Kopf, dieser Knirps scheint wirklich etwas von Mode zu verstehen. Erstaunlich. Sie probierte alles an und stellte fest, dass es sowohl passte als auch noch gut aussah. Sie sah darin richtig frisch und lebendig aus.
„Ich danke Ihnen, David. Wieso wussten Sie, dass es zu mir passen würde? Haben Sie eine Freundin, die Ihnen Modeunterricht gegeben hat?“
David lachte. „Nein, wirklich nicht. Wissen Sie, ich bin ja nicht hauptberuflich Tütenträger. Ich bin eigentlich Modedesigner. Nur leider arbeitslos. Es ist nicht einfach, in diesem Beruf nach dem Studium unterzukommen.“
„Sie haben studiert? Wie alt sind Sie denn, wenn ich fragen darf. Sie sehen so jung aus.“
„Ich weiß, das höre ich ständig. Aber ich bin bereits 27, also volljährig und raus aus den Windeln“, antwortete er schlagfertig.
