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Diese Kriminalsatire wird aus der Perspektive von sieben Protagonisten erzählt: Die Freischaffende, die einem Serienvergewaltiger entkommt und ihm nach Jahren wiederbegegnet, als er mit Hilfe eines Galeristen zum Künstlerstar emporgehoben wird; die Gutachterin, deren Expertise ignoriert wird; der Anwalt, der dem Schwerverbrecher ein freies Künstlerleben ermöglicht; der berühmte Filmemacher, der die Welt neu erklären möchte, und dessen Kunstagent, der ihn zu waghalsigen Investitionen verleitet. Wie in ihrem Debüt "EIN ZWEITES LEBEN" zeigt uns die Autorin, wie alles mit allem zusammenhängt, voneinander abhängt und einander bedingt und unser aller aus kosmischen Bausteinen kreiertes Leben in seiner irdischen Fragilität durch eine Häufung kosmischer Einschläge außer Kontrolle geraten kann.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Quellenverzeichnis
Nachwort
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Cover
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-972-7
ISBN e-book: 978-3-99130-973-4
Lektorat: BA
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Der Aufgang der Erde
Das Universum: grenzenlos, kalt, schwarz – ein Raum der Sehnsucht und des Schreckens zugleich. Der Mensch, hineinkatapultiert in diese unendliche Leere, erlebt nicht Weite, sondern Enge. Nirgendwo sonst offenbart sich die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens deutlicher als in einer Raumfähre oder auf einer Raumstation, einem Hightech-Kokon und Hochsicherheitsgefängnis in einem, in dem jede Sekunde Existenz davon abhängt, dass Maschinen funktionieren und Menschen einander nicht im Stich lassen.
Die „Apollo 8“-Mission hatte den Mond zum Ziel – und entdeckte dabei die Erde.
Im Dezember 1968, während die Kommandokapsel den Mond umkreist, richtet Astronaut William Anders seine Kamera nicht auf das Ziel der Mission, sondern zurück. Dort, über dem öden Horizont des Mondes, geht die Erde auf – ein zarter, farbiger Ball aus Blau, Weiß, Ocker und Grün, schwebend über dem toten Grau. Das Foto, das Anders in diesem Moment aufnimmt, wird als „Earthrise“ Geschichte schreiben. Es zeigt nicht nur einen Planeten, sondern ein Wunder, ein verletzliches Zuhause, treibend im Nichts, bewohnt von einer Spezies, die sich selbst durch unsichtbare Grenzen trennt.
Im Juni 2024 stürzt Bill Anders mit 90 Jahren in einem nur mit ihm besetzten und von ihm gesteuerten Kleinflugzeug nahe der San-Juan-Inseln im US-Bundesstaat Washington ins Meer.
Der Mann, der der Menschheit eines der bedeutendsten Bilder ihrer selbst schenkte, kehrt zurück in jenes Element, aus dem alles Leben stammt.
„Wie bist du vom Himmel gefallen, du Glanzstern, Sohn der Morgenröte!“1, so sprach Gott zu seinem einstigen Lieblingsengel Luzifer, der ihn herausgefordert hatte.
Die Freischaffende Autorin
Es ist ein schöner Tag und ein Licht, das für immer verändert: nicht hart, grell, brutal, sondern vage, gebrochen und diffus. Es wirft keine Schatten, sodass sie gezwungen ist, sich selbst zu suchen und zu finden.
Die Bordinstrumente zeigen schon am frühen Morgen 30 Grad Celsius an.
Das zeigt ihre Logbucheintragung vom 5. August 2015.
Sie liebt es zu laufen, allein zu laufen, allein davonzulaufen, allein allem davonzulaufen, allem, manchmal auch dem Leben.
Auf ihren Läufen nimmt sie ihr Handy mit, um sich im ihr unbekannten Gelände orientieren zu können.
Das Laufen ist ein wichtiger Ausgleich zu ihrem Leben an Bord geworden. Wenn sie auf Schiffswanderung ist, fühlt sie sich unbeschreiblich frei. Nicht nur frei, um dort anzulegen, wo es sich gerade gut anfühlt, sondern auch frei, die Strecken an den See-, Fluss- oder Kanalufern zurückzulaufen. So kann sie die Etappen, die sie auf dem Wasser zurückgelegt hat, noch einmal an Land nachverfolgen. Sie sucht sich dafür die Uferwege, an den Kanälen die Treidelpfade aus und ist immer wieder erstaunt, um wie viel schöner das Land dann doch vom Wasser aus ausgesehen hat.
Dabei läuft sie immer barfuß, um die Welt zu spüren und den Kontakt zum Boden nicht zu verlieren.
Heute breitet sich vor ihr eine Landschaft aus, wie sie Paula Modersohn-Becker hätte malen können, mit einem Himmel, so unendlich weit und hoch, dass die Erde darunter zu einem dünnen, braunen Streifen zusammenschmilzt. Das Licht schimmert irisierend, weich und diffus, als sei es der Eingang zu einem unsichtbaren Labyrinth, in dem sie sich verlieren könnte. Auch Tangermünde zeigt sich so – am einst stolzen Stadthafen, der nun still geworden ist. Ein Lastenkahn, der jetzt Touristen statt Ziegel transportiert, zieht im Zeitlupentempo flussaufwärts vorüber, ein paar Gänse flanieren am Flussufer. Die Elblandschaft liegt so friedlich da, als wohnten Engel und Seraphe in ihr.
Seraphe leben bekanntlich im siebten Himmel, haben die Aufgabe, das Universum mit all seinen Planeten zu planen und zu ordnen, diskutieren im ‚Höchsten Rat‘ über die Erschaffung der Menschheit und müssen dafür sorgen, dass sich bösartige Kreaturen nicht zu stark ausbreiten.
Sie verliebt sich in diese Landschaft. Vielleicht ist sie eine verborgene Schatzkarte einer heilen Welt – oder aber eine stille Warnung davor, an ihre Existenz zu glauben.
Die Elbauen durchtränken die Luft beständig mit Feuchtigkeit, wodurch einzigartige Lichtspiele entstehen. Mitunter lässt dieser Dunst den Himmel in zartem Violett leuchten.
Aus diesem heiteren siebten Himmel überfällt sie der Moment der Erkenntnis, dass Grausamkeit und Schönheit, Leben und Tod einander bedingen.
Als sie erkennt, dass er ihr nicht zufällig folgt, hat sie sich längst im Labyrinth der Elbauen verloren.
Es ist kein Flirt. Es ist kein Spiel. Es ist eine Jagd. Er ist kein Förster. Er ist ein Jäger. Ein Menschenjäger. Sie wird gejagt. In dem einen Augenblick, mit dem einen Wimpernschlag erkennt sie ihre Ausweglosigkeit. Sie ist in der Falle. Sie sitzt in der Falle. Sie ist von ihm gezielt in diese Falle getrieben worden. Es ist eine Treibjagd. Das Opfer ist sie.
„Die dir zugemessene Zeit ist so kurz, dass du, wenn du eine Sekunde verlierst, schon dein ganzes Leben verloren hast. Denn es ist nicht länger, es ist immer nur so lang, wie die Zeit, die du verlierst.“2
Sie hat sich an der Weggabelung bewusst für diesen Trampelpfad entschieden, weil er offen und parallel zum Flussufer hinter hohem Schilf zu mäandern scheint, während der ausgewiesene Pfad direkt in den nahegelegenen Wald führt.
An dieser Abzweigung ist er ihr auf seinem Motorrad entgegengekommen. Sie hat noch kurz darüber nachgedacht, dass es sich wegen seiner olivgrünen Kleidung um einen Förster handeln könnte, wenn auch das leuchtende Rot der geländetauglichen Maschine diesem Eindruck deutlich widersprach.
Und als sie ihn nach ihrer Begegnung wenden hört, läuft sie instinktiv den hinter hohem Schilf scheinbar offenen Uferweg entlang, nicht den Waldweg, aus dem er gekommen ist, wundert sich nur, dass er sofort umdreht und ihr nachfährt. Hat sie sich falsch verhalten? Will er sie als Förster zurechtweisen?
Und hat er sie aus der Dunkelheit des Waldes heraus schon eine Weile beobachtet?
Kurz zuvor hat sie einen völlig überflüssigen Anruf von einem Bankberater bekommen, ist stehengeblieben, hat sich bei ihrem Morgenlauf einfach nur gestört gefühlt und ist entsprechend abgelenkt gewesen.
Sie hat nicht voraussehen können, dass dieser Trampelpfad zu einer sumpfigen kleinen Landzunge, von hohem Schilf umgebenden Halbinsel führt und am Ende in ein kleines Rondell mündet, ein Treffpunkt, eine Lagerstelle mit Spuren einer Feuer- und Grillstätte.
Nun steht sie atemlos mitten auf diesem von hohem Schilf umschlossenen Platz. Als sie sich umdreht, um den Weg aus dieser Sackgasse heraus zurückzulaufen, steht er bereits lauernd am Ausgang und hat den Rückweg mit seinem Motorrad blockiert. Der Motor ist ausgestellt. Und während er sie unverwandt beobachtet, zündet er sich vollkommen gelassen eine Zigarette an. Das dauert eine Weile, weil sein Feuerzeug nicht funktioniert.
Er bleibt dabei ruhig und scheint gut vorbereitet zu sein. Wofür? Er scheint den Ort zu kennen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ringsum ist hinter hohem Schilf totes Wasser und Sumpf und er verstellt mit seinem Motorrad den einzigen Zugang und Rückweg zum Ufergelände.
Sie erstarrt. Sie kann nicht mehr klar denken, versucht instinktiv, ihm nicht in die Augen zu schauen. Obwohl er ihre Augen hinter ihrer großen, verspiegelten Sonnenbrille gar nicht sehen kann, weiß sie um die Blickwirkung. Sie zittert und ist vollkommen außerstande, einen Notruf abzusetzen oder die Nummer ihres geliebten Lebensmenschen zu wählen. Panisch hält sie ihr Telefon ans Ohr und simuliert ein Telefonat, in der Hoffnung, dass in dieser Situation niemand anruft und ein Klingeln ihr Manöver verraten könnte.
Sie täuscht ein völlig belangloses Telefonat vor, eine vermeintliche Verabredung, schaut scheinbar unbeabsichtigt und abwesend in seine Richtung und beginnt dabei langsam, die etwa fünf Meter große Distanz zwischen ihnen vorsichtig und scheinbar zufällig zu verkürzen.
Er raucht seine Zigarette und beobachtet sie weiter unverwandt. Er hat alle Zeit der Welt.
Sie versucht einzuschätzen, wie viel Zeit er braucht, um den Motor zu starten. Es ist ein altes Motorrad. Ein Neustart muss angetreten werden.
Sie beendet das Scheintelefonat mit dem Ausruf: „So machen wir’s!“, und rennt einfach los – rechts ganz dicht am Schilf an seinem Motorrad vorbei.
Sie ist eine gute Läuferin und weiß, dass sie jetzt den Vorsprung nutzen muss, bis er sein Motorrad neu starten kann. Und sie weiß auch, dass sie als Läuferin – auf dem Weg bleibend – ihm mit Motorrad nicht entkommen kann. Bevor er auftaucht, muss sie sich längst abseits vom Weg ins Schilf oder Gebüsch geschlagen haben, ohne dabei Spuren zu hinterlassen. Sie rennt um ihr Leben.
Hinter ihr bleibt es immer noch still.
Endlich erreicht sie eine geeignete Stelle, eine dichte, nicht einsehbare Uferböschung, die sie durchdringen kann, ohne Zweige zu zerbrechen und dabei Spuren zu hinterlassen. Sie wirft sich in das dahinterliegende, kniehohe Gras und bleibt – am Boden gepresst – liegen, als sie das Motorengeräusch sich langsam nähern, es laut und wieder leiser werden hört.
Sie bleibt in ihrem Versteck und ist endlich in der Lage, ihren Lebensmenschen anzurufen. Sie redet völlig zusammenhanglos. Er kann sie nicht verstehen, auch nicht, warum sie flüstert.
Doch nach und nach begreift er, dass sie in Gefahr ist.
Er ist an Bord ihrer Yacht geblieben, die abseits des Flusses, in dem von hohen Kaimauern umgebenen Stadthafen liegt. Er registriert, dass sie flussaufwärts gelaufen ist, und wird ihr nun am Ufer entgegenkommen.
Vorsichtig steht sie auf. Erst jetzt nimmt sie wahr, dass sie blutet, verdreckt und zerkratzt ist. Sie läuft nicht zurück zum Weg, sondern streift weiter durch das Gras Richtung Flussufer. Auf einer Sandbank entdeckt sie ein Paar mit einem großen Hund. Sie winkt ihnen aufgeregt zu. Das Paar erkennt, wie verstört sie ist. Sie haben den Motorradfahrer gesehen. Er ist ihnen unangenehm aufgefallen und ja, es ist kein Förster.
