4,49 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,49 €
Der menschengleiche Außerirdische Enah wird ins Nordamerika der 1770er-Jahre verbannt. Im Gegensatz zu seiner friedlichen Heimat herrschen hier ganz andere Gesetze, die er auf erschreckende Weise kennenlernen muss. Wegen seiner Unfähigkeit zu lügen oder Versprechen zu brechen, wird er zum Sklaven. Trotzdem versucht er, seine friedliche Einstellung nicht zu verlieren und setzt sich stets für andere ein.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Enah
1 Der fremde Planet
2 Der Gefangene
3 Die Mine
4 Verhängnisvolle Entscheidung
5 Fosters Sklave
6 Der Junge
7 Mit Blut befleckt
8 In tiefer Dunkelheit
9 Beim Krämer
10 Powells Erbe
11 Das Talent des Verkäufers
12 High Oak
13 Clarkes Interesse
14 Die neue Kolonne
15 Auf Perkings Plantage
16 Eine neue Aufgabe
17 Der Aufseher
18 Der Wettkampf
19 Schwere Aufgaben
20 Der Zwischenbericht
Teil 1
Folge 1
Der fremde Planet
Kapitel 1 Der fremde Planet
Kapitel 2 Der Gefangene
Kapitel 3 Die Mine
Kapitel 4 Verhängnisvolle Entscheidung
Kapitel 5 Fosters Sklave
Kapitel 6 Der Junge
Kapitel 7 Mit Blut befleckt
Kapitel 8 In tiefer Dunkelheit
Kapitel 9 Beim Krämer
Kapitel 10 Powells Erbe
Kapitel 11 Das Talent des Verkäufers
Kapitel 12 High Oak
Kapitel 13 Clarkes Interesse
Kapitel 14 Die neue Kolonne
Kapitel 15 Auf Perkings Plantage
Kapitel 16 Eine neue Aufgabe
Kapitel 17 Der Aufseher
Kapitel 18 Der Wettkampf
Kapitel 19 Schwere Aufgaben
Kapitel 20 Der Zwischenbericht
In Gedanken verloren sitze ich inmitten dieses Ozeans aus trockenem Gras, das im leichten Wind leise rauscht und bewundere die Ähnlichkeit zu Landschaften, die es auch in meiner Heimat gibt.
Das weite Grasland breitet sich in sanften Hügeln vor mir aus, nur wenige windzerzauste Büsche und Bäume stehen in geschützten Senken oder an Bachläufen.
Langsam geht die Sonne am Horizont unter und taucht das Land in ein orange-rot betontes Farbenmeer.
Am Himmel tauchen immer mehr Sterne auf und funkeln in mir fremden Konstellationen.
Mein Name ist Enah.
In meiner heimatlichen Welt bekleide ich das Amt des Jinouk, welches mich dafür verantwortlich macht, dass Frieden eingehalten wird und es den Wesen, die meine Heimat bevölkern, gut geht. Meine Aufgabe ist es, als letzte Instanz bei Streitigkeiten zwischen den Völkern oder Arten zu schlichten, neue Gesetze zu bewilligen, dass die Ausbreitung von Krankheiten durch geeignete Maßnahmen eingedämmt wird, und dafür zu sorgen, dass Angriffe außerweltlicher Aggressoren abgewehrt werden.
Um diese Aufgabe bewältigen zu können, wurde ich von meiner Amtsvorgängerin Chii über unsere ganze Welt geschickt, um die Berufungen der Kaufleute und Ärzte zu erlernen, politische Erfahrungen zu sammeln und um noch vieles mehr zu erlernen.
Neben dem Vorsitz, den ich beim Großen Rat innehabe, stelle ich mit meinem Amt für die Bevölkerung meiner Heimat auch so eine Art Sinnbild des reinen Gewissens und anderer erstrebenswerter Tugenden dar, weshalb ich gut verstehen kann, dass mich der Große Rat dazu aufgefordert hatte, durch eine Zeit der Verbannung von unserer Welt Buße zu tun.
Zu meinem tiefsten Bedauern hatte ich nämlich letztes Jahr einen schweren Fehler begangen. Ich hatte zugelassen, dass meiner Heimat ein schwerer Schaden durch die Nemudneschem zugefügt wurde, während ich mein persönliches Vergnügen für wichtig hielt.
Den Nemudneschem — Menschen eines nahen Sonnensystems — war es nämlich gelungen, die Wasservorräte einer ganzen Region mitzunehmen, welche ohnehin schon unter Wassermangel litt, worauf es zu einer großen Dürre gekommen war, bei der viele Wesen unnötig verendeten.
Nun bin ich hier auf der Erde, die der Große Rat meiner Heimat als meinen Verbannungsort ausgewählt hatte.
Sie sagten mir, dass dieser Planet unserer Heimat ungemein ähnlich wäre: Flora und Fauna wären fast identisch und auch das Klima und die Auf- und Verteilung der Meeres- und Landflächen sollten weitgehend mit der Welt übereinstimmen. Allerdings wäre die Erde um einiges kleiner und somit währen die Tages- und Jahreszeiten kürzer.
Ich hoffe daher, dass die mir zugedachte Verbannungszeit nach der Erdenzeit berechnet wird!
Ich wurde nicht informiert, wie weit die Erde von der Welt entfernt ist. Ich habe jedoch vom Großen Rat einige Wege erhalten, die mich wieder in meine Heimat bringen können. Diese Wege sind allerdings an Bedingungen gebunden und geben mir nicht die Möglichkeit, meine Strafe einfach abzubrechen!
Einer dieser Wege ist vorgesehen, um einen Zwischenbericht abzugeben, denn natürlich haben die Mitglieder des Großen Rates einen Planeten für meine Verbannung gewählt, der nicht zu einem unserer intergalaktischen Handelspartner gehört und sie wissen nicht sicher, ob die Informationen, die sie über die Erde haben, noch aktuell sind. Deshalb habe ich auch noch zehn Wege für andere Wesen erhalten, damit sie zur Welt kommen können und einen Notfallweg.
Versunken in diese Gedanken lege ich mich, eingehüllt in ein großes Bisonfell zur Ruhe und versuche den Wehmut über den vorübergehenden Verlust meiner Heimat gegen Neugier auf diese Erde zu tauschen.
*
Als ich vor sechs Tagen hier ankam, musste ich mir erst einmal etwas zum Anziehen suchen, denn ich hatte meine sommerliche Tuchkleidung auf dem Weg verloren.
In dem kahlen Talkessel, der zwischen hohen Bergwänden lag und in dem ich gelandet war, blies der Wind spätwinterlich kalt und nachts kroch der Frost über den Boden. An einigen schattigen Stellen taute es auch tagsüber noch nicht.
Über einer dieser schattigen Stellen sah ich aber einige Raben kreisen und begab mich dorthin. Erfreut stellte ich fest, dass das Interesse der Raben dem Kadaver eines alten Bisons galt, der vermutlich in diesem Winter starb. Er war noch so festgefroren, dass er von keinem Raubtier angefressen war. Auch die Zersetzung hatte gerade erst begonnen und so war der Gestank noch gut auszuhalten.
Ich legte mich also vor der Seele es Bisons nieder, bat sie darum, mir ihre Haut, Sehnen, die Blase und einige Knochen zu überlassen und bedankte mich dafür mehrmals. Was war das für ein Willkommensgeschenk der Natur der Erde, dass sie mir einen der Ihren gab?! Ich fühlte mich gleich gut aufgehoben.
Ich hatte dann das Fell mit einem angebrochenen Stein vom Fell des angefrorenen Körpers gelöst und es gleich in zwei Teile getrennt. In das eine Teil hatte ich mich eingewickelt und mich auf die Suche nach einem behaglicheren Platz gemacht, um mit der Bearbeitung fortzufahren.
Der Bach zeigte mir den Ausweg aus dem von hohen, kahlen Bergen gesäumten Tal und führte mich schon gleich am nächsten Tag hinunter in diese Ebene, in der es bereits viel wärmer war.
Dann hatte ich eines der Fellteile mit einem verbesserten Stein und der Rinde der vorhandenen Bäume bearbeitet und mir daraus ein ärmelloses Hemd, Beinkleider und einen Schurz angefertigt und das zweite Stück zur Verarbeitung vorbereitet. Ich bin recht zufrieden mit meinem Werk, wenngleich die Schneiderleute meiner Heimat darüber bestimmt amüsiert wären, denn man erkennt deutlich mein mangelndes Geschick in dieser Sache.
Aus dem zweiten Stück möchte ich noch Schuhe und eine Jacke herstellen sowie einige Bänder aus den Resten. Auf Ziererei an der Kleidung will ich erst noch verzichten und sie auf reine Funktionalität erstellen.
*
In der Morgendämmerung erwache ich und gehe zu dem Bach, in dessen Nähe ich mein Lager unter drei windschiefen Bäumen errichtet habe, und verrichte meine Morgenwäsche.
Ein Stück bachabwärts gibt es Beeren, die wie essbare Beeren meiner Heimat aussehen. Misstrauisch stecke ich mir eine in den Mund und tatsächlich, sie schmeckt genauso wie Zu Hause! Vorsichtshalber esse ich aber nur wenige Beeren, um zu prüfen, ob ich sie vertrage.
Danach mache ich mich daran, das Bisonfell weiter zu bearbeiten.
*
Bis zum Mittag habe ich die Jacke zugeschnitten und halb zusammengenäht oder gebunden, da ja nicht sehr viel Sehne vom Kadaver abfiel. Den längsten Teil Sehne werde ich mir nämlich für später für den Bau eines Bogens aufheben, denn das hier vorhandene Holz eignet sich nicht dafür.
*
Es ist genau zwischen Mittag und Sonnenuntergang, als ich in der Ferne einige Menschen auf Pferden angeritten kommen sehe.
Ich bemerke, dass diese Pferde bunt sind. Zu Hause gibt es hin und wieder bunte Pferde bei den umherziehenden Völkern, doch die meisten sind Falb-farben.
Da ich gerade kein Feuer anhabe und sie etwa einen Hügel seitlich an meinem Lagerplatz vorbeikommen würden, wenn sie ihre Richtung beibehielten, wähne ich mich von ihnen nicht entdeckt und verberge mich so, dass ich sie gut sehen kann.
Ich stelle fest, dass die vier Männer Lederbekleidung nach Art der umherziehenden Jäger tragen, ganz so, wie ich sie gerade für mich herzustellen versuche. Obwohl sie gerade nur zur Jagd oder Kundschaft unterwegs zu sein scheinen, ist ihre Kleidung doch verziert.
Ihre Haare, die sie mit Lederbändern geschmückt haben, sind schwarz und lang wie meine, aber ziemlich glatt. Ihre Haut hat einen ähnlich rötlichen Schimmer, wie meine, scheint aber etwas heller zu sein. Ihre Statur und Größe gleicht ungefähr meiner. Ich werde also nicht besonders auffällig aussehen, wenn ich mich irgendwann unter die Erdenmenschen begebe!
Da ich die Beeren heute Morgen gut vertragen habe, halte ich sie für ein irdisches Gegenstück zu den Beeren meiner Heimat, und da mein Magen inzwischen laut knurrt, begebe ich mich zum Beerenschmaus, bis ich satt bin. Meine erste Mahlzeit auf der Erde. Dass ich mir erst solche Sorgen gemacht hatte, die hiesigen Früchte könnten giftig für mich sein, kommt mir jetzt fast lächerlich vor. Ich Narr!
Froh und gestärkt sammele ich meine Sachen zusammen, denn ich möchte morgen weiterziehen.
*
Einige Tage streife ich nun schon umher und denke darüber nach, was sich wohl gerade auf der Welt ereignen könnte.
Ich mache mir große Sorgen, der Große Rat könnte meinen Fehler als so schwerwiegend einschätzen, dass er erwägen würde, einen neuen Jinouk zu wählen. Einen, den ich nicht selbst ausbilden werde.
Bei diesem Gedanken zieht sich mein Magen gramvoll zusammen. Natürlich tut es mir unendlich leid, was geschehen war und mein Gewissen sagt mir, dass ich eine große Strafe verdient habe! Aber wenn sie mich aus der Jinouk-Reihe ausschließen würden?
Ich fühle mich bei diesem Gedanken wertlos und verstoßen.
Ich versuche mir vorzustellen, wie meine Stiefmutter Chii, meine Amtsvorgängerin, sich jetzt verhalten hätte. Meine geliebte und hochverehrte Chii. Ich hatte bei ihr immer das Gefühl, sie würde nie Fehler machen! Sie hatte immer einen passenden Rat und die Gabe, selbst die übelsten Verbrecher mit ihrer unglaublichen Güte und Freundlichkeit zu einem friedlicheren Lebensstil zu bekehren.
Und nun? Ich schäme mich gegenüber Chii. Ich stelle mir vor, wie sie mich mit sehr vorwurfsvollem Blick ansieht, weil ich doch als Mensch geboren, mit solch geistigen und anatomischen Vorteilen gesegnet bin, wie lange kein Jinouk vor mir! Ich bin in der Lage, selbst die kompliziertesten Hilfsmittel zu bedienen und kann ein umfangreiches Spektrum an Lauten erzeugen.
Menschen haben auf der Welt einen gewissen Sonderstatus, da sie eine der geistig am weitesten entwickelten Spezies sind. Sie nehmen sich mehr als alle anderen Wesen der Welt den Vorteil heraus, andere Arten zu ihrem Vorteil einzusetzen und sogar eine gewisse Auslese zu treffen. Aber mehr Rechte bringen natürlich auch mehr Pflichten! So sind wir Menschen ganz besonders für das Wohlergehen aller Lebewesen verantwortlich!
Menschen dienen auf der Welt als Beschützer, als Vermittler, als Übersetzer und noch vieles mehr. Keine andere Art hat die Verantwortung für so viele Aufgaben zu tragen wie die Menschen. Mir hätte ein solcher Fehler also erst recht nicht passieren sollen! Ich hätte gleich auf die ersten Warnungen reagieren sollen!
Ich schwelge in hilfloser Reue.
Wie gerne wäre ich jetzt wieder der kleine Junge und schwämme angestrengt Chii hinterher, um annähernd mit ihr mitzuhalten!
Selbstverständlich war es mir schon aufgrund meiner Anatomie kaum möglich, ihr in ihrem normalen Tempo durch die Ozeane zu folgen, doch sie gab mir nie das Gefühl, dass ich ihr lästig war. Wenn sie es sehr eilig hatte, lud sie mich ein, mich an ihrer Finne festzuhalten, oder sie übergab mich in die Obhut anderer Delfine.
Ich begleitete sie, sobald ich von meiner leiblichen Mutter entwöhnt war und selbst essen und laufen konnte, so wie es vom Großen Rat bestimmt war.
An meine leiblichen Eltern erinnere ich mich nicht mehr und ich weiß, dass es ihnen nicht erlaubt wäre, sich als diese zu erkennen zu geben, wenn ich ihnen irgendwann begegnen sollte.
Ich bin mit dem glücklichen Vorteil geboren, an Land und Wasser zurechtzukommen, was vielen meiner Amtsvorgänger nur eingeschränkt möglich war. Weil ich die Möglichkeit habe, mit fast allen Bewohnern der Welt persönlich zu kommunizieren, hielt ich mich für perfekt geeignet, Jinouk zu werden.
Chii hatte zwar, wie manche Wesen der Welt, die Gabe, die Gestalt zu wandeln, doch das war wegen des enorm hohen Energieverbrauchs nur für kurze Zeit — also höchstens für einen halben Tag — möglich. Deshalb beschränkten sich ihre Audienzen mit Landbewohnern auf die Küstengebiete und die Ufer der Flüsse und sie musste sich danach lange erholen.
Ich kann eine Wasserform annehmen, bei der ich unter Wasser atmen kann und weniger Energie verbrauche, aber ich habe sie seit der Zeit bei Chii nicht mehr beansprucht. Mir ist es angenehmer, auf einem Boot über das Wasser zu fahren, das ist nicht so kalt und anstrengend und außerdem kann ich dann Dinge trocken mitnehmen!
*
Meine Aufmerksamkeit wird jäh von meinen Erinnerungen abgerissen, als ich hinter einem Hügel ein breites Bachbett entdecke, in dem ein hölzerner Wagen feststeckt. Zwei braune Pferde sind davor angespannt. Ein Mensch, ein hellhäutiger Mann mit einem Bart auf der Oberlippe, in etwa mittlerem bis zu fortgesetzten Alter, springt verärgert um die beiden ängstlichen Pferde herum und zieht und schiebt an dem Wagen, dessen Räder über dreiviertel im Bachbett feststecken. Der Mann brüllt die Pferde an, damit sie weiterziehen, obwohl sie immer wieder sagen, dass sie nicht stärker ziehen können und keine Kraft mehr haben.
Ich sehe, dass der Mann anfängt, mit einem Stock auf die beiden einzuschlagen.
Das kann ich nicht zulassen! Warum hört der Mann den beiden nicht zu? So bekommen sie den Wagen dort nicht weg!
Laut rufend renne ich den Hügel hinunter und halte den Mann so erfolgreich davon ab, weiter auf die Pferde einzuschlagen, da er mir nun verdutzt entgegensieht.
Als ich erkenne, dass der Mann eine verteidigungsbereite Haltung einnimmt, verringere ich mein Tempo und laufe nicht mehr frontal, sondern in einem kleinen Bogen auf ihn zu und spreche derweil in ruhigem Ton auf ihn ein.
Der Mann hat inzwischen ein hohles Metallrohr, vermutlich ein Blasrohr, vom Wagen heruntergeholt und richtet es auf mich.
Besänftigend hebe ich die Hände und zeige ihm meine leeren Handflächen, wobei ich mich ihm langsam nähere.
Dann schiebe ich mich ruhig redend an ihm vorbei zu den Pferden. Sie zeigen mir, dass sie sehr erschöpft sind und von den Geschirren befreit werden wollen.
Vorsichtig untersuche ich, wie die Geschirre, die denen meiner Heimat ähneln, geöffnet werden. Behutsam befreie ich beide Pferde, die gleich ans Ufer gehen, um sich zu wälzen und zu grasen.
Ich drehe mich zu dem Mann um, der sofort wieder sein Eisenrohr auf mich richtet, welches er zuvor abgesenkt hatte, während er mich misstrauisch beobachtete.
In ruhigem Ton erkläre ich ihm nun, dass es auf seine Art nicht möglich ist, seinen Wagen da herauszuholen und dass es ihm keinen Vorteil bringt, mehr von den Pferden zu verlangen, als sie leisten können.
Ich schaue mir genau an, wie der Wagen im Wasser feststeckt und erkläre dem Mann dann, dass wir erst den Wagen entladen könnten und es danach nicht mehr so schwer für die Pferde wäre, ihn vom unter dem Wasser liegendem Baumstamm herunterzuziehen, auf dem der Wagen mit beiden Achsen aufliegt. Anschließend könnte man den Wagen dann ein Stückchen weiter sicher durch den Bach zu ziehen. Meinen Vorschlag untermale ich mit deutlichen Gesten, da er meine Sprache offensichtlich nicht versteht.
Darauf nimmt der Mann nickend sein Rohr herunter, was ich als Zustimmung auffasse und wir entladen gemeinsam den mit schweren Kisten beladenen Wagen.
Anschließend spannen wir die Pferde erst hinter und dann wieder vor den Wagen und schaffen es so, ihn auf die gewünschte Seite des Baches zu bringen.
Als das geschafft ist, spannt der Mann die Pferde wieder aus und lädt mich zum Abendessen ein, was ich dankend annehme.
Während er sein Abendlager einrichtet, mache ich uns ein Feuer und denke über diese Begegnung nach. Sicherlich steckte der Wagen schon eine ganze Weile im Bach fest, als ich ihn entdeckte und der Mann war so verzweifelt darüber, dass er sogar die Pferde geschlagen hatte! Nach meinen heimatlichen Gesetzen hätte er die Pferde nun wählen lassen sollen, ob sie bei ihm bleiben oder ihren Dienst aufgeben wollten. Meiner Meinung nach hätte er sich deshalb jetzt eigentlich Mühe geben sollen, sein Verhältnis zu den beiden zu verbessern, aber stattdessen hat er ihnen sogar noch Bänder zwischen die Vorderbeine gebunden, damit sie sich nicht zu weit entfernen können!
Nach dem Abendessen verabschiede ich mich lieber, um mir ein anderes Nachtquartier zu suchen. Der Mann hatte mich irgendwie irritiert, denn die Art, wie er mich beim Essen dauernd angestarrt hatte, besaß einen gierig anmutenden Ausdruck, obwohl wir miteinander lachten. Außerdem finde ich es nicht so gut, wie er mit seinen Pferden umgeht, aber ich kenne ja die hier üblichen Sitten noch nicht! Trotzdem möchte ich die nächste Nacht nicht in seiner Gesellschaft verbringen ...
*
Bis Mitternacht wandere ich noch weiter und finde dann eine Stelle, an der ich mich ohne weiteren Aufwand einfach zur Ruhe legen kann.
*
In den folgenden Tagen wird die Gegend, durch die ich komme, immer wärmer, trockener und steiniger, sodass ich mich entschließe, nach Nordosten weiter zu gehen.
Meine Vermutung, dass es in diese Richtung weniger verdorrt wird, bestätigt sich offensichtlich, denn die Landschaft ähnelt wieder mehr der, durch die ich anfangs kam.
Alle paar Tage kann ich mir mit meinem neuen Bogen ein Kaninchen oder anderes Niederwild schießen, womit ich dann einige Tage auskomme und zusätzliche Felle gewinne.
*
Nach etwa zwei Wochen langsamen Herumstreichens stoße ich in einer weiten Ebene, die mit wasserspeichernden Pflanzen und hartem Gras spärlich bewachsenen ist, auf die Spuren pferdegezogener Wagen. Offensichtlich wird dieser Weg hier häufiger befahren, aber die letzten Spuren sind etwa zwei Tage alt.
Neugierig entschließe ich mich, dem Weg zu folgen.
Nach einigen Stunden brennt die Sonne schon mehr als behaglich auf meinen Kopf, aber ich schlendere halb dösend weiter, anstatt mir eine Ruhepause zu gönnen.
Plötzlich trete ich mit meinem linken Fuß ins Leere, stolpere aber mit dem anderen Fuß über ein Grasbüschel. Ich höre es ekelhaft krachen, während sich ein fürchterlicher Schmerz in meinem linken Bein ausbreitet.
Ich habe mir das Bein gebrochen!
Stöhnend ziehe ich es aus dem Loch und setze mich vorsichtig auf den Boden.
Schienbein und Wadenbein sind beide durch. Ich kann mich gar nicht entscheiden, ob ich jetzt wütend auf mich sein sollte oder mich bedauern sollte!
Ich entscheide mich für wütend, besonders, weil mir schnell klar wird, dass ich nichts dabeihabe, um meinen Bruch zu stützen, zu verbinden oder zu behandeln. Und wann hatte ich die letzte Wasserstelle gesehen? Warum hatte ich dort nicht die Blase aufgefüllt? Ich könnte mich jetzt totärgern! Und die Sonne brennt so heiß!
Ich denke nach. Mein selbst gebauter Bogen und die Pfeile sind viel zu dünn, um sie zum Schienen zu verwenden, selbst wenn ich sie bündele. Zum Glück ist es wenigstens kein offener Bruch und er scheint auch ziemlich glatt zu sein! Trotzdem schmerzt jede kleine Bewegung unterhalb der Hüfte sehr.
In der Ferne erblicke ich eine kleine Staubwolke, die langsam auf mich zukommt. Bald erkenne ich, dass es ein Pferdefuhrwerk sein müsste. Die sind hier offenbar sehr verbreitet!
Ich hadere mit den Gedanken, mich weit abseits des Weges zu verbergen - dass müsste wegen des spärlichen Grases aber schon ziemlich weit sein - oder auf den Wagen zu warten.
Ich entscheide mich für Letzteres, denn sicher haben die Menschen, die mit dem Wagen kommen – ich gehe davon aus, dass es Menschen und Pferde sind — meine Spuren schon längst auf dem Weg entdeckt.
Als der Wagen bei mir ist, erkenne ich den Mann und die beiden Pferde wieder, denen ich aus dem Bach geholfen hatte. Ich freue mich sehr, denn nun kann er mir für meine Hilfe eine Gegenleistung bringen!
Der Mann steigt grinsend ab, kommt zu mir und reicht mir seine Hand, um mir aufzuhelfen und stützt mich bis zum Wagen. Als ich an den Pferden vorbeikomme, halte ich kurz inne, weil die Pferde mich begrüßen und sie mir mitteilen, dass sie es gut finden, dass ich ihnen eine Pause verschaffe. Den hellhäutigen Mann beachte ich in diesem Moment nicht.
Im nächsten Moment verspüre ich einen wuchtigen Schlag auf meinen Kopf und versinke in schwarze Bewusstlosigkeit.
*
Ich erwache mit rasenden Kopfschmerzen. Die Sonne blendet rot durch meine geschlossenen Augenlider, die sich verkrustet und trocken anfühlen, so wie meine ganze Gesichtshaut eigentlich. Ich möchte mir mit der Hand die Augen freiwischen, aber irgendetwas hindert mich daran, die Hand dort hinzubekommen. Oh, diese Kopfschmerzen! Und mein Bein schmerzt. Kopf und Bein puckern und dröhnen. Ich sitze auf hartem, steinigen und staubigem Boden. Es ist so heiß hier. Wieder will ich mit der Hand über mein Gesicht wischen, aber es geht nicht.
Plötzlich fällt mir auf, dass ich mir nicht übers Gesicht wischen kann, weil meine Hände über meinem Kopf festgebunden sind!
Jetzt reiße ich die Augen trotz der Verklebung auf und werde so von der gleißenden Sonne geblendet, dass auch noch meine Augen schmerzen. Auch um meinen Hals ist etwas gelegt, was ihn an der Stelle fixiert. Es klimpert. Eiserne Ketten umschließen meine Handgelenke und meinen Hals!
Könnte ich klar denken, wäre ich jetzt einfach nur fassungslos!
In diesem Moment tritt der Mann vom Bach neben mich - jedenfalls glaube ich, dass er es ist, denn ich kann nur seine Silhouette erkennen. Seine Schuhe knirschen auf dem Boden und er stößt ein leises, triumphierendes Lachen aus. Dann tritt er gegen mein gebrochenes Bein. Ich könnte schreien vor Schmerz, doch meine Kehle ist so trocken, dass ich nur ein Stöhnen zustande bringe und mir wird wieder schwarz vor Augen.
*
Als ich wieder erwache, ist es dunkle Nacht. Es ist frostig kalt und ich friere sehr. Die mir umgelegten Eisenschellen verstärken dieses Empfinden noch. Außer dem Schurz habe ich nichts mehr an und mein Körper fühlt sich völlig steif an. Mein ganzer Körper fühlt sich eigentlich unbeschreiblich unangenehm an und ich bin fast amüsiert, dass sich dagegen der Schmerz meines Beinbruchs etwas geringer anfühlt.
Einige Stellen meiner Haut sind mit von Steinchen gespickten Schürfwunden überdeckt, als wäre ich über den Boden geschleift worden. Sie brennen fürchterlich. An vielen Stellen habe ich starken Sonnenbrand. Meine Lippen sind vor Trockenheit aufgesprungen und ich habe Durst. Wenigstens haben meine Kopfschmerzen jetzt nachgelassen und ich kann mich wieder etwas konzentrieren!
Ich schaue mich, soweit es geht, um. Das trockene Gras wächst hier wesentlich spärlicher und ist kürzer als an dem Ort, an dem mir mein Missgeschick geschah.
Ich bin mit den Händen oberhalb meines Kopfes und mit dem Hals an die Speichen eines der großen Hinterräder des Wagens gebunden.
Der Himmel über mir ist sternenklar, weshalb es wohl auch so durchdringend kalt ist. Ich schätze, dass es hier tagsüber dafür sehr heiß wird, denn vielleicht war ich bei meinem letzten Erwachen auch schon hier.
Ein leises Schnarchen ist von der anderen Seite des Wagens her zu hören. Ich vermute, dass es von dem Mann kommt, dem ich am Bach geholfen hatte und der sich nun derart furchtbar bei mir „bedankt“.
Wut steigt in mir hoch. Wie kann er nur so undankbar sein? Wieso hatte er mich bloß niedergeschlagen und auch noch mitgenommen und gefesselt? Er hätte meine paar Habseligkeiten doch auch so rauben können, als ich wehrlos war!
Hält er mich vielleicht für einen Feind? Aber ich hatte ihm doch mit meiner Hilfsbereitschaft deutlich gemacht, dass ich ihm nicht feindlich gesinnt war!?
Ich bin empört. Ich werde ihn jetzt zur Rede stellen!
Entschlossen rufe ich laut nach dem Mann vom Bach und zerre und reiße an den Ketten, die sich leider trotzdem nicht lösen.
Plötzlich steht er vor mir.
Wütend fahre ich ihn an, was ihm einfiele, mich derart festzuhalten. Der Mann, es ist der Mann vom Bach, schaut mit eiskalter Wut auf mich herab und anstatt sich anzuhören, was ich von ihm will, nimmt er sich eine lange Latte vom Wagen herunter und beginnt damit auf mich einzuschlagen.
Ich bin rasend wütend und versuche ihn mit meinem gesunden Bein zu treten, doch ich erreiche ihn nicht, obwohl ich mich drehe und winde. Das gebrochene Bein und die Schläge, die Fesseln und die Schürfwunden vermindern aber meine Beweglichkeit und ich merke schnell, dass ich mich nicht gegen die Schläge wehren kann.
Meine Wut schlägt in Angst um.
Der Mann schlägt aber immer weiter auf mich ein, seine Wut scheint sogar zu steigen.
Mir wird nun bewusst, wie dumm die Idee war, den Menschen unter dieser Benachteiligung und aus dieser Wut heraus anzusprechen. Ich fordere ihn auf, nachzulassen, doch er reagiert nicht. Mein Bitten wird immer eindringlicher, bis ich schließlich verzweifelt weine und um Einsicht flehe.
Endlich hört er auf. Er ist genauso außer Atem und durchgeschwitzt wie ich, als er die Latte fortschmeißt. Er sieht verächtlich auf mich herab und bespuckt mein Gesicht, bevor er sich umdreht und wieder hinter dem Wagen verschwindet.
Erleichtert, dass seine Schläge aufgehört haben und verzweifelt darüber, dass ich mich noch nie so ausgeliefert gefühlt hatte, beruhige ich mich wieder.
So durchgeschwitzt und stellenweise blutend spüre ich die Kälte noch mehr als zuvor, dennoch schlafe ich bald ein.
*
Den ganzen nächsten Tag über passiert gar nichts. Der Mann scheint weggeritten zu sein und ich versuche immer wieder meine Schmerzen dadurch zu minimieren, indem ich mich auf die Stellen meines Körpers konzentriere, die mir nicht wehtun.
Ab dem Vormittag sitze ich dann auch noch schutzlos in der prallen Sonne und mein Durst wird unerträglich und ich dämmere immer wieder weg.
Der Mann, der abends wieder zu seinem Lager kommt, kommt nicht zu mir, aber ich verzichte auch gerne auf ein weiteres Gespräch nach der Art des Gestrigen!
*
Auch am nächsten Tag lässt er mich allein.
*
Dann, vermutlich am nächsten Morgen, tritt der Mann an mich heran und reißt mich aus meinem Dämmerzustand, indem er gegen mein Bein tritt und meinen Kopf am Schopf hochreißt. Schemenhaft sehe ich seine Gestalt vor mir, denn meine Augen sind vor Staub und Trockenheit ganz verklebt.
Er spricht mich an.
Ich verstehe nicht, was er von mir will.
Er hält mir ein Gefäß mit Wasser vor den Mund und ich kann daraus etwa fünf Mundvoll trinken, ehe er es wieder wegnimmt. Dann löst er die Ketten von den Radspeichen — nicht aber die von meinem Körper — hängt sie so zusammen, dass ich meine Hände eine Hand-breit auseinandernehmen kann und stützt mich dann hoch in den Wagen, der nun bis auf einige Säcke und Kisten leer ist.
Die Wände des Wagens bestehen aus einem Gitter aus massiven Balken, jeder etwa armdick. Darüber ist eine Plane aus dichtgewebtem, dunklem Stoff so gespannt, dass es innen fast dunkel ist.
Am Bach hatte ich nicht darauf geachtet.
Der Mann deutet mir, mich an der Vorderseite auf den Boden zu setzen und schließt die Ketten wieder um das Gitter fest. Dann geht er hinaus und ich höre Geräusche, die darauf schließen lassen, dass er sich für den Aufbruch fertigmacht.
Ich kann mir vorstellen, dass eine Fahrt auf diesem Gelände holprig wird und schaffe es noch, ehe er losfährt, mir mit dem rechten Bein drei der Säcke heranzuziehen und sie so um mein linkes Bein zu drapieren, dass es recht ruhiggestellt ist.
In den Säcken scheinen sich Ketten zu befinden, denn es klimpert dementsprechend.
In dem Wagen ist es zwar heiß und stickig, aber ich kann mich wenigstens ausruhen und dösen, was meinem Körper hoffentlich so guttut, dass er sich erholt!
Gelegentlich schrecke ich auf, wenn der Wagen durch Löcher rumpelt und ab und zu muss ich mal wieder die Säcke heranrücken, doch sonst bringt mir die Fahrt viel Erholung.
*
Irgendwann bekomme ich mit, dass der Wagen an einem Ort hält, an dem es viele Menschen gibt, denn ich höre verschiedene Stimmen. Nach einer Weile geht es weiter.
Am Abend mit dem Sonnenuntergang hält der Wagen wieder, doch der Mann schaut nicht zu mir herein.
Mein Durst quält mich wieder sehr. Mein ganzer Körper sehnt sich nach Flüssigkeit. Ich höre, dass der Mann Wasser hat. Er gibt den Pferden Wasser und kocht sich ... Bohnen. Dieser Duft!
Ich bin hin- und hergerissen, ob ich den Mann nochmals auf mich aufmerksam machen sollte, um ihn darauf hinzuweisen, dass ich auch hungrig und durstig bin oder es lieber sein lassen sollte, um keine weiteren Schläge zu riskieren.
Da höre ich den Mann nach hinten zur Tür am Wagen gehen. Er hängt den Vorhang zur Seite und schließt die Tür auf, die mit mehreren Riegeln versehen ist, die mit Splinten gesichert sind. Von innen sind diese Riegel nicht erreichbar.
Er zieht die Tür auf und wirft mir von einem einsilbigen Wort begleitet — ich nehme an, es heißt „iss“ — ein fersengroßes Stück Brot vor die Füße, lacht herablassend und verriegelt die Tür wieder.
Ich schaue mir das Stück Brot einige Sekunden unentschlossen an. Es liegt etwa zwei Fußlängen vor meinen Füßen. Ich strecke mich, um das Brotstück mit dem Fuß heranzuholen. Ich rieche, dass es sich, wie vermutet, um ein Stück Brot handelt, aber mir steigt auch der scharfe Geruch von Schimmel in die Nase. Egal! Beim Geruch der Bohnen hatte mein Magen fürchterlich angefangen zu knurren. Ich muss ihm jetzt etwas geben, und wenn es ein Stück Holz ist!
Mit einiger Anstrengung schiebe ich das Brot mit dem rechten Fuß näher heran, kann es auf mein linkes Bein heben und darauf entlangführen, bis es auf meinem Oberschenkel liegt. Doch dann komme ich nicht weiter! Ich kann das Brot noch bis zu meinem Unterbauch schieben und eigentlich möchte ich es dann mit den Bauchmuskeln weiter nach oben bringen, aber dafür müsste ich mich flacher legen. Sobald ich aber mein Becken bewege, schmerzt das linke Bein unerträglich und ich gebe nach einigen Versuchen enttäuscht auf.
Ich bin dem Mann vom Bach jetzt sehr böse. Bestimmt zielte dieses scheinbare Entgegenkommen nur darauf ab, mich wieder zu quälen!
Was hat er nur davon oder was habe ich aus seiner Sicht verbrochen, frage ich mich zum wiederholten Male.
Hunger und Durst sind jetzt fast unerträglich. Ich kann an fast nichts anderes mehr denken. Ich falle in einen tiefen Schlaf.
*
Als ich erwache, steht die Sonne bereits ganz hoch am Himmel und der Wagen fährt gleichmäßig rumpelnd in mäßigem Tempo dahin. Es ist so windig, dass die Plane am Wagen flattert und es nicht ganz so heiß darin ist wie sonst. Die Luft ist verheißungsvoll feucht.
Nachmittags wird es böiger und die Sonne verschwindet manchmal hinter Wolken. Ich nehme Gewitterdonnern wahr, welches immer lauter wird.
Kurz nachdem der Wagen anhält, höre ich die ersten Regentropfen auf die Plane fallen. Ich ergreife sofort eine Falte der strammen Plane und versuche sie so zu ziehen, dass das Regenwasser von der so entstandenen Rinne durch die Plane dringen kann und so über meine Hand den Arm hinabrinnen kann, dass ich es dort ablecken könnte.
Nach einigen kleinen Korrekturen gelingt mir dies und ich empfange den ersten Tropfen, der meinen Mund erreicht, mit glücklichem Entzücken. Die ersten paar Tropfen schmecken zwar nach Staub und Salz, doch dann kommen mehr und ich kann etwa zwölf gefüllte Händevoll trinken.
Dann höre ich den Mann laut fluchen und einige Sekunden später wird von außen etwas Hartes gegen meine Hand geschlagen.
Die Plane wird aus der Reichweite meiner Hände abgespannt, aber ich habe mich erfolgreich mit dem Lebenselixier versorgt! Ich fühle geradezu, wie das Wasser durch mich rinnt und Wohltun verbreitet! Ich habe einen kleinen Gewinn gegen meinen Kontrahenten erzielt und fühle mich euphorisch, etwas mehr in der Lage, ihm weiter die Stirn zu bieten. Das triumphierende Lachen ist für einen Moment meines!
Der Regen lässt schon kurz darauf nach.
Die Wagentür wird geöffnet. Der Mann hält ein Seil mit einer Schlaufe und einen längeren Stock, der am Ende zwillenförmig auseinandergeht in den Händen.
Misstrauisch setze ich mich an der Wand auf.
Der Mann drückt mit dem Stock ruckartig mein linkes, gebrochenes Bein herunter.
Ich versuche impulsiv mit meinem rechten Bein den Stock wegzuschlagen und hebe es dafür vom Boden ab.
Schon zieht sich die Schlinge um mein rechtes Fußgelenk fest! Der Mann führt das andere Ende des Seiles aus dem Wagen hinaus, zieht hinter mir die Plane hoch und löst die Ketten vom Gitter.
Mit Schrecken beobachte ich, dass er sein Pferd besteigt, an dessen Sattel er zuvor das Ende des Seiles gebunden hatte. Schon lässt er das Pferd an schreiten.
Ruckartig werde ich aus dem Wagen herausgezogen und lande schmerzhaft mit dem Rücken auf dem harten, staubig-steinigen Boden.
Voller Angst und Schmerz versuche ich mich so zu drehen und zu wenden, dass mein linkes Bein auf meinem rechten zu liegen kommt, damit es an der Bruchstelle nicht abknickt, was mir nach einigen Schritten gelingt.
Der Mann hält wieder an und tritt neben mich.
Ich bin gelähmt vor Angst und starre ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
Da drückt er meinen Hals mit dem Zwillenstock an den Boden, löst das Seil von meinem Fuß und knotet es an die Kette zwischen meinen Händen, während er auf meiner rechten Hand steht.
Nun werde ich mit den Händen voran gezogen. Ich ächze und stöhne, zu mehr bin ich nicht in der Lage, während ich immer wieder versuche, nicht nur auf einer Stelle zu liegen, sondern mich am Seil so hoch wie möglich zu ziehen, um den Abrieb meiner Haut zu minimieren.
Als er nach einer Weile wendet, kann ich erkennen, dass der Wagen nur etwa zweihundert Schritte entfernt steht, mir kam es aber sehr viel länger vor!
Ich bemerke, dass er mich ansieht.
Als hätte er auf Blickkontakt gewartet, deutet er mir jetzt an, das Pferd in Galopp zu treiben.
Ich zeige meine Angst deutlich und bringe einige flehende nihn zustande, worauf er „Nein!?" ruft und ich dies hektisch, aber ohne Kraft in der Stimme einige Male wiederhole.
Er zieht mich dennoch im Zockeltrab zum Wagen zurück.
Dort angekommen bin ich nicht in der Lage, mich aufzurichten oder mich koordiniert zu bewegen. Also knotet er das Seil vom Sattel ab, führt es um die Gitter an der Vorderseite des Wagens herum und bindet es wieder ans Pferd. So zieht er dann meinen schlappen Körper in den Wagen hinein.
Ich fühle mich furchtbar! Ich spüre alles zwischen brennendem Schmerz und Taubheit. Zu klaren Gedanken bin ich nicht fähig.
Als er meine Hände wieder anbindet, diesmal an einen Ring im Wagenboden, bekomme ich das kaum mit. Er rückt jetzt mein linkes Bein in die richtige Stellung und fixiert es so, dass es während der Fahrt nicht bewegt wird.
*
Als ich wieder zu mir komme, befinde ich mich in einem kleinen, dunklen, rechteckigen Raum in einem aus Steinen gemauerten Gebäude. Ich liege auf einer dünnen Decke über einer fingerdicken Schicht Stroh auf dem Boden. Zu meinen Füßen befindet sich ein zwei Hände großes, aber vergittertes Fenster ohne Glas und gegenüber eine dichte, schwere Holztür.
Mein Bein ist geschient und fühlt sich viel besser an. Ich habe Kräutergeschmack im Mund und fühle mich nicht sehr durstig.
Mein Kopf aber fühlt sich ganz dumpf an und ich schwitze stark, obwohl es hier nicht besonders warm sein kann, weshalb ich annehme, dass ich Fieber habe.
Über dem Gedanken, wie viel Zeit inzwischen wohl vergangen sein mag, schlafe ich wieder ein.
*
Zarte Hände streichen über meinen Körper und verteilen Hautöl auf meiner borkigen Haut. Dann wird ein mit Pflanzenessenzen getränktes Tuch auf mein Bein gelegt und mein Gesicht gereinigt.
Nein, das träume ich nicht, aber ich bin zu müde und zu schwach, um meine Augen zu öffnen.
*
Irgendwann kommt wieder jemand in den Raum und nimmt das Tuch von meinem Bein, um es wieder mit dem Essenzen-Wasser zu tränken.
Ich kann die Augen öffnen und schaue einer älteren, sehr dunkelhäutigen Frau mit kurzen, grauen, krausen Haaren dabei zu, wie sie mein Bein erneut umwickelt. Beim Aufstehen bemerkt sie, dass ich sie ansehe. Ich lächle sie verlegen an. Sie erwidert es mit einem mitleidigen, irgendwie vorwurfsvollen Lächeln, schüttelt leicht den Kopf, wendet sich schnell um und geht hinaus. Die Tür wird verriegelt. Ich bin jetzt zwar nicht mehr gefesselt, aber die Schellen liegen noch um meine Handgelenke und meinen Hals.
*
Ich liege etwa elf weitere Tage in diesem Raum und werde zweimal täglich von der älteren Frau besucht, die mein Bein und meine Wunden versorgt. Einmal am Tag bringt sie mir Brot und einen Krug Wasser und leert den Eimer, der für meine Notdurft in der Zelle steht.
Meine Versuche, sie zum Sprechen zu bewegen, quittiert sie immer nur mit einem entschuldigenden Lächeln. Ich bin darüber etwas enttäuscht, doch sicher wurde sie von jemandem — wahrscheinlich dem Mann vom Bach — damit beauftragt, mich zu versorgen, aber nicht mit mir zu sprechen.
*
Nun bin ich schon vier Tage ohne Fieber. Die Frau bringt mir seit zwei Tagen nur noch das Essen herein. Ich fühle mich wieder stark genug, um aufzustehen und mein Bein für zwei Runden um die Zelle zu belasten, wenn ich mich dabei an der Wand abstütze.
Nach einer Pause kann ich weitere zwei Runden drehen.
*
Im Laufe der nächsten fünf Tage steigere ich die Anzahl der Runden und die Belastung meines Beines. Ich schaffe es nun schon zwei Runden lang mein Bein voll zu belasten.
Als ich an diesem Vormittag gerade dabei bin, drei Runden zu versuchen, wird die Tür aufgeschlossen und es stehen der Mann vom Bach und vier weitere große und kräftige Männer davor.
Beim Anblick des Bachmannes steigt mir sofort eine Mischung aus Angst und bis dahin ungewohnten Hass auf. Als die Männer hereindrängen, schlucke ich meine Gefühle aber herunter - so wie ich es seit je her gewöhnt bin, um zu schlichten. Um ungefährlich und beruhigend zu wirken, halte ich meine Hände schulterbreit auseinander und zeige den Männern meine Handflächen.
Ungeachtet dessen stürmen die vier Männer am Bachmann vorbei und drängen mich an die Fensterwand, wobei sie mir irgendetwas zwischen die Füße halten, auf dass ich taumele. Ich werde am dabei am Arm herumgerissen und lande auf den Knien und schlage mit dem Kopf gegen die Wand. Dann wird mein Hals mit dem Zwillen-Stock an die Wand gedrückt, während meine Arme hinter den Rücken gezogen werden und eine kurze Kette zwischen den Schellen befestigt wird. An die Halsschelle knoten sie ein Seil.
Trotz meiner Wut und Empörung über dieses unangemessene Verhalten erwäge ich noch einen Versuch zu starten, meine Gesprächsbereitschaft auszudrücken. Aber als ich mich umdrehe und ins grimmige und herablassende Gesicht des Bachmannes blicke, sind in mir nur noch Wut und Hass.
Ich weiß genau, dass mir mein heimatliches Amt die Unterdrückung solcher Gefühle vorschreibt, doch ich habe noch nie solch einen Hass gefühlt! Ich will mir diese Behandlung nicht weiter gefallen lassen! Auch ein gefangener Feind muss angehört werden — zumal ich gar keiner bin! Das ist alles ein Missverständnis!
Ich atme tief durch, springe auf die Füße und hinke auf ihn zu.
Damit hatte er nicht gerechnet. Ich sehe kurz Unsicherheit in seinen Augen aufflackern, aber er hat sich schon das Seil in die Hand genommen und die anderen Männer halten mich an den Ketten zurück. Der Mann vom Bach zieht ein langes Messer aus einer Scheide an seinem Gürtel und ruft sich weitere zwei Männer mit Blasrohren heran, während er das Seil straffzieht.
Mir wird bewusst, dass mir ein Wutausbruch jetzt nicht weiterhilft und versuche meine restliche Entschlossenheit damit auszudrücken, dass ich meine Augen bedrohlich zusammenkneife und das Kinn trotzig vorrecke.
Der Bachmann erkennt, dass ich meine Unterlegenheit begriffen habe und sieht mich warnend an. Dann lässt er die Mitte des Seiles zu Boden fallen, um sich daraufzustellen und zieht mich dann daran langsam darauf entlanglaufend nach unten. Die anderen Männer drücken mich ebenfalls an der Kette zwischen meinen Händen nach unten, damit ich auf die Knie gehen muss.
