Enah: Der Schein des Seins, Teil 1 - A. Späthe - E-Book
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Enah: Der Schein des Seins, Teil 1 E-Book

A. Späthe

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Beschreibung

Im 1. Teil des 3. Bandes dieser Buchreihe über den unfreiwilligen Erdaufenthalt des Außerirdischen Enah hat er seine schwer erkämpften Menschenrechte wieder verloren. Er muss sich gegen machtgierige Menschen behaupten. Für einige dieser Menschen ist er wertvoll und nützlich, anderen steht er im Weg. Wieder einmal macht seine Unfähigkeit zum Lügen und seine Integrität die Sache nicht einfacher für ihn.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Der Schein des Seins

Enah III

Der Schein des Seins

Teil 1

Kapitel 1 Comeback

Kapitel 2 Blut

Kapitel 3 Andere Aussicht

Kapitel 4 Die zweite Jagd

Kapitel 5 Im Schnee

Kapitel 6 Die Übungen

Kapitel 7 Die Bücher

Kapitel 8 Falsche Arbeit

Kapitel 9 Telefonieren

Kapitel 10 Grünes Wasser

Kapitel 11 Die Künstlerin

Kapitel 12 Flugbegleiter

Kapitel 13 Armeezeit

Kapitel 14 Besuch daheim

Kapitel 15 Besuch in Moskau

Kapitel 16 Der gierige Schleimer

Kapitel 17 Im Hagel

Kapitel 18 Der Stellvertreter

Kapitel 19 Männerabend

Kapitel 20 Kontakt nach Moskau

Kapitel 21 Wolchoi

Kapitel 22 Der Park

Kapitel 23 Objekt E

Kapitel 24 Der Abteilungsleiter

Kapitel 25 Auskommen mit Jot

Kapitel 26 Das Baby

Was bisher geschah:

Der menschengleiche Außerirdische Enah wurde beim wiederholten Besuch auf der Erde gefangen gehalten und an ihm wurden wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt. Ihm gelang mehrmals die Flucht, er wurde aber immer wieder gefasst, bis es ihm gelang, Unterstützung zu finden: Leute, die ihn bei der Erlangung von Menschenrechten halfen. Eine davon war die Polizeikommissarin Christine Löffler, in die sich Enah verliebte und mit der er ein Kind bekam. Ein weiterer Unterstützer war Frank, einer der Forscher, mit dem sich Enah aber gut verstand.

Da die Wissenschaftler, besonders Allan Newman und William McGreen herausgefunden hatten, dass Enahs Körper Eigenschaften aufweist, die Menschen heilen können, wurde erwirkt, dass Enah seine Menschenrechte wieder verlor. Möglicherweise gingen Enahs Gegner dafür sogar so weit, Frank umzubringen.

1 Comeback

Mir ist es, als erwache ich in einem Albtraum! Als träume ich, dass mich das blanke Grauen ergreift und ich in ein tiefes Loch voller Angst und Hoffnungslosigkeit hinabtauche, sodass sich mein Körper auf dem Metalltisch hin- und her wendet, während ich tief schlafe. Doch ich bin mir sicher, dass ich wach bin und nicht träume!

Wie gut es doch wäre, zu träumen! Wenn ich gleich die Augen aufschlüge und vor Erleichterung juchzen könnte, da alles nur ein Traum war!

Schade, es wird nicht so sein!

Deprimiert lockere ich meine Lider, sodass sich meine Augen langsam an das Licht gewöhnen können. Es ist nicht ganz so hell wie sonst in diesem Rondell. Können sie das Licht jetzt dimmen?

Nun ist sie endgültig vorbei, meine Freiheit, denn diesmal bin ich nicht als Gast hier, das sagen mir die Fesseldrähte um meine Hand- und Fußgelenke, mit denen ich am Metalltisch festgebunden bin.

Ein Bild von meiner Frau Christine und meiner Tochter Marissa, wie sie mit mir am Frühstückstisch sitzen und mir beweisen, dass sie sehr ähnliche Grimassen aufsetzen können, huscht mir durch den Kopf und zieht meine Mundwinkel einen Augenblick zu einem Lächeln. Dann breche ich in Tränen aus. Ich habe verloren! Alles verloren!

Ich hatte ja damit gerechnet, dass es nicht für immer so bleiben würde, wie es war! Wie es für kurze Zeit war. War es ein und ein halbes Jahr? Etwas mehr oder weniger? Eineinhalb Jahre als Mensch unter anderen Menschen!

Die ganze Angst, das ganze Hoffen und Bangen, bevor ich als Mensch anerkannt wurde. Und dann war ich doch nur ein Mensch für etwas mehr als ein Jahr. Offiziell ein Mensch!

Ein Mensch, der anderen nicht guttut.

Ich schwelge im Trübsinn, suche den Moment, in dem ich meinen Geist in die schwarze Leere fallen lassen kann.

Franks Gesicht, grimmig, anklagend, kommt in meine Gedanken. „ … Und da du dich so hängen lässt, müssen das eben deine Freunde machen!", hatte er gesagt, als wir uns darüber gestritten hatten, dass ich zu wenig für mein Freibleiben tun würde. Und Frank wollte dann etwas tun! Er wollte vor Gericht ein neues Argument vorführen, einen Beweis, dass ich ein Mensch sein musste.

Und jetzt ist er tot. Wegen mir. Da bin ich mir sicher!

Nein, schon wegen ihm und wegen Christine, die sich so für mich eingesetzt hatten, darf ich mich jetzt nicht hängen lassen! Das haben sie nicht verdient!

Selbst wenn ich jetzt schon hier bin, gefangen im durchsichtigen Rondell des amerikanischen Instituts, vielleicht ist nicht alles zu spät?

Vielleicht hat die kurze Zeit, in der sie mir Menschenrechte zugestehen mussten, zu einer anderen Wahrnehmung über mich geführt?

William McGreen schien jedenfalls meine neuen Rechte akzeptiert zu haben. Er hatte wohl Ideen, seine Forschungen damit zu arrangieren, dass mir Rechte zustanden. Beim letzten Mal, als ich hier war, ging es mir nicht schlecht. Ich durfte mich relativ frei im Forschungszentrum bewegen und ihm reichte es, mich über mein Ortungshalsband zu überwachen, welches ich immer noch trage.

Auch wenn ich wenig Hoffnung habe, jemals wieder genauso gestellt zu sein wie für das letzte Jahr, so könnte ich doch wenigstens versuchen, eine gewisse Zusammenarbeit mit den Forschern zu erreichen! Anfangs, ja, zum Anfang meines Erdenbesuchs war ich dazu bereit, nur sie nicht! Aber jetzt könnten sie es sein! Ich könnte es nochmals versuchen!

McGreen, ich hoffe, dass er gleich kommt. Ich muss mit ihm reden! Er wird mir zuhören, da bin ich mir sicher.

Leider war ich es, der das letzte Mal, als ich hier war, die Kommunikation abgelehnte und er der von uns beiden, der sie anbot. Blöd, dass ich es nicht angenommen hatte. Aber ich hatte Angst.

Ich seufze laut.

Wenn er gleich hereinkommt, werde ich mit ihm reden!

Und in den anderen Forschungszentren, wenn ich dorthin komme, werde ich es auch versuchen!

Falls ich nicht betäubt nach dort geschickt werde …

Ich werde darum bitten, dass sie mich nicht betäuben!

Christine, ich strenge mich an, deinen Einsatz für mich zu würdigen!

#

Professor Dr. Jeff Cole starrt zerknirscht auf das Schreiben des Gremiums, dass seinem Forschungszentrum die Aufgaben zuteilt, sie überwacht und die Gelder bereitstellt.

In den nächsten vier Wochen soll dringend daran gearbeitet werden, mehr über den genauen Herkunftsort des Außerirdischen herauszufinden und diesen zu lokalisieren.

Das wäre eigentlich McGreens Aufgabe! Er selbst hatte sich vorgenommen, nicht mehr an dem Außerirdischen zu arbeiten, rein aus Prinzip!

Professor Cole ist noch immer tief beleidigt, dass seine Arbeit, seine erfolgreiche Arbeit an dem Außerirdischen mit so schlechter Kritik bewertet wurde. Als sei er das Übel und nicht der Alien! Sein ehemaliger langjähriger Kollege Professor Dr. Allan Newman und dessen ehemaliger Assistent, der nun zweifach promovierte und habilitierte McGreen hatten sich von dem Außerirdischen unter Kontrolle bringen lassen! Sie glauben, dass der Menschheit keine Gefahr durch diese Kreatur drohen könnte. Blödsinn!

Welchen anderen Sinn sollte es machen, die Erde auszuspionieren, als die besten Optionen für einen Angriff herauszufinden?

Professor Cole schaut auf den Dienstplan für die nächsten zwei Wochen. Sein letztes Langzeitraumflugsimulationsprojekt mit Häftlingen ist schon vor drei Wochen abgelaufen und er ist mit der Auswertung fertig. Eigentlich ist ihm langweilig. Die Häftlinge für sein nächstes Projekt kommen frühestens in einer Woche. Eigentlich könnte er sich jetzt Urlaub nehmen und sich an einen Strand voller Frauen in Bikinis legen, aber es ist gerade erst acht Wochen her, dass er das getan hatte. Eine enttäuschende Erfahrung! Er hatte keine davon ins Bett bekommen. Natürlich hätte er einige bezahlen können, doch er braucht echte Bewunderung.

Eigentlich möchte Cole doch noch mal beweisen, dass er mit dem Außerirdischen arbeiten kann! Er war schließlich für einige Zeit der Experte für ihn.

Und Cole hält sich für sachlich. Ein Vorteil, den er seiner Meinung nach gegenüber Professor McGreen hat, der zuletzt die Projekte mit dem Außerirdischen leitete, nachdem sich Professor Newman zur Ruhe gesetzt hatte.

Newman und McGreen hatten beide den Außerirdischen stets beim Namen genannt! Wie dumm! Damit ist eine persönliche Beziehung doch unvermeidbar!

Jeff Cole müsste McGreen ja noch nicht sofort Bescheid geben, dass der etwas klein gewachsene, aber gefährliche Außerirdische bereits gestern geliefert wurde!

Wenn er Glück hat, dann hat McGreen, der derzeit einen Kurs an einer Universität hält, noch gar nicht erfahren, dass das Gericht den Entscheid zu den Menschenrechten des Außerirdischen längst zurückgezogen hat.

Gewiss wurde nur diese einzige schriftliche Aufzeichnung des neuen Urteils vom Gremium an das Forschungszentrum übergeben, welches er eben in der Hand hatte. Ganz bestimmt haben sie es nicht in einer E-Mail an McGreen durchs weltweite Netz geschickt! Diese Information darf nicht an die Öffentlichkeit geraten!

Und Dr. Gomez, der neue Assistent von McGreen?

Ach, denkt Cole, der ist sicherlich noch immer so intensiv mit den alten Biopsien in der Gewebeprobenlagerhalle beschäftigt, dass er es noch gar nicht mitbekommen hat, dass der Außerirdische wieder hier ist!

Professor Cole sucht Dr. Gomez in der Lagerhalle auf.

Gomez ist gerade so vertieft in seine Arbeit, dass er erst erschrickt, als Cole schon direkt hinter ihm steht.

„Herr Dr. Gomez, ich möchte Sie informieren, dass der Außerirdische wieder im Hause ist. Wenn Sie also noch irgendwelche Proben brauchen, können Sie sich die nehmen", sagt Cole nüchtern. Ihm gefällt es nicht, dass Gomez, den McGreen als seinen Assistenten gewählt hatte, immer auf alle Fragen eine Antwort weiß und anscheinend alle Lehrbücher auswendig kennt, obwohl er gerade erst von der Uni kommt. Und dass er ständig versucht, Coles Assistenten Dr. Shanefield zu verbessern. Dabei ist Shanefield Arzt und Gomez nur Mikrobiologe!

„Oh, ... ja, ... der ist schon da?", fragt Gomez überrascht, noch halb auf seine Arbeit konzentriert, „Dann rufe ich gleich Professor McGreen an!"

„Das brauchen Sie nicht! Ich hatte ihn vorhin schon erreicht, aber sein Kurs ist noch nicht zu Ende und er will ihn erst abschließen. Er sagte auch, dass er wegen des Außerirdischen nicht gestört werden will. Er sagte, Sie hätten Ihre Arbeit schon im Griff! Aber wenn Sie Fragen haben oder Hilfe wegen der Proben brauchen, können Sie mich gerne fragen. Ich werde schon mal einen kleinen Auftrag für Professor McGreen vorbereiten", lügt Cole mit übertriebener Kollegialität, weil er hofft, Gomez so davon abhalten zu können, zu früh mit McGreen zu sprechen.

Da Gomez sich einverstanden zeigt, geht Cole wieder hinaus und liest sich in seinem Büro die Aufträge und die neuesten Arbeitsanweisungen zum Umgang mit dem Außerirdischen nochmals genau durch. Er will sich diesmal nicht wieder Ärger einhandeln, weil er gegen irgendwelche Vorgaben verstoßen würde.

Einige der Neuerungen erzürnen Cole. Die sind sicher auf McGreens und Newmans letzter Risikoeinschätzung gewachsen! So dürfen jetzt Elektroreize nur noch zur Gefahrenabwehr genutzt werden und nicht mehr für normale Befragungen

Schade, denkt er, die hatten recht gut gewirkt. Aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten …

Cole schreibt sich bei zwei Tassen Kaffee noch einen vorläufigen Arbeitsplan auf und geht dann ins Rondell.

#

Seit meinem Aufwachen sind schon einige Stunden vergangen, als ich durch das zischende Geräusch der sich öffnenden Rondell-Türen erschrecke.

Als ich erkenne, wer das Rondell betritt, bleibt mir vor Angst das Herz fast stehen. Es ist Cole!

Was will der denn bei mir?

Ich bemerke, dass ich mich völlig versteife und versuche meine Unsicherheit weg zu schlucken. Ich sollte ihm keine Angst zeigen!

Vorsichtig versuche ich, mit einigen sekundenschnellen Blicken in seine Richtung zu erkennen, was seine Mimik zeigt, dann starre ich in andere Richtungen. Wie oft hatte Cole mich schon dafür bestraft, dass ich ihn einfach nur angesehen hatte? Und dass ich spreche, mag er normalerweise auch nicht. Er hasst mich.

Cole kommt langsam auf den Tisch, auf dem ich liege, zu. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Nur keine Angst zeigen!

Defensiv schaue ich in eine andere Richtung. Bloß nicht in seine Augen sehen!

Er kommt an mich heran und überprüft die Festigkeit der Fesseln. Dann dreht er sich um und geht wieder hinaus. Erleichtert bin ich dennoch nicht.

Cole rollt kurz darauf zwei der Rollwagen aus der Rondell-Halle ins Rondell hinein.

Ich versuche so ruhig wie möglich zu atmen und so passiv wie möglich zu liegen, während Cole beginnt, mir die üblichen Elektroden für EKG und EEG anzulegen, was für Befragungssituationen üblich ist.

Ich dachte, ich sollte nur noch von McGreen befragt werden?! Ich erinnere mich, dass die letzten Befragungen durch Cole ganz furchtbar endeten. Ich merke, wie eine Angstattacke in mir hochsteigt.

In einer Tasche Coles erkenne ich die Umrisse eines Viehtreibers und er scheint auch den Taser zum Schießen dabei zu haben.

Nein! Nein, nur nicht in Panik geraten! Dann wird es wieder schlimm! Ich muss ruhigbleiben! Ob ich ihn frage, was er vorhat?

Er mag das nicht.

Ich reiße mich zusammen. Vielleicht hilft er McGreen nur bei der Vorbereitung für irgendeinen Test?

„Herr Professor Cole, was ... haben Sie vor?", bringe ich so ruhig wie möglich hervor. Meine Stimme klingt fremd.

„Ich werde dich befragen", sagt er erst einige Sekunden später.

Oh nein! Er soll mich nicht befragen! Mir bleibt fast die Luft weg vor Angst. Konzentrieren!

Cole wirkt ruhig. Er ist nicht aggressiv, nur autoritär oder?

„Wo ist Herr Dr., ... ähm, Professor McGreen?", wage ich nachzuhaken.

„Der kommt nicht. ... Und ab jetzt redest du nur noch, wenn du meine Fragen beantwortest, klar?", sagt er mit immer noch wenig Aggression in der Stimme.

Ich nicke deutlich.

Nach den Elektroden legt mir Cole auch noch Venenzugänge und nimmt mir Blut ab, misst meinen Blutdruck und meine Temperatur und scheint sich jeden Quadratzentimeter meines Körpers genau zu betrachten. Er braucht unendlich lange dafür, sodass es mich sehr anstrengt, nicht vor Angst zu weinen und weiterhin Ruhe zu simulieren. Ich weiß, dass er es bemerkt. Er genießt meine Angst.

Nach einer Weile kann ich die Anspannung nicht mehr halten. Ich überlasse ihm meinen Körper. Es tut mir leid, Christine, ich bin heute nicht stark genug!

Am nächsten Morgen kommt der Pfleger, Herr Shipper herein.

Shipper ist eher wie Cole und Shanefield, sie sehen mich als Feind. Ich mag Shipper nicht, aber er ist meinen Anblick, so wie ich hier liege, gewöhnt und wird nur seine Arbeit verrichten. Ich muss mich nicht auch noch mit seinen eigenen Entscheidungen auseinandersetzen. Nicht, wenn ich auf dem Tisch fest bin. Shipper bekommt Vorgaben, wie er seine Arbeit zu erledigen hat.

„Herr Shipper, bitte, darf ich mich alleine waschen? Ich muss auch auf die Toilette", frage ich dennoch unterwürfig, als ich merke, dass er Vorbereitungen trifft, mich zu waschen. Bei Newman und McGreen durfte ich mich zuletzt immer selbst waschen und zur Toilette gehen. Angebunden wurde ich nur als Strafmaßnahme. Anscheinend ist das hier auch gerade eine Strafmaßnahme. Ich bin angebunden. Aber wofür? Ist das die Rache dafür, dass ich vom Gericht zum Menschen erklärt wurde? Reicht es ihnen denn nicht, dass dieses Urteil rückgängig gemacht wurde?

„Nein! Halt's Maul!", keift Shipper.

Missmutig lasse ich mich von ihm waschen und uriniere in den Behälter, den er mir hinhält.

Shipper geht kurz hinaus und kommt dann mit der unappetitlichen Essensmasse, die ich hier üblicherweise gewöhnt bin, herein und will mich damit füttern.

„Ich möchte bitte selber essen!", sage ich verärgert und zerre an den Fesseln.

Shipper reißt den Viehtreiber aus seiner Tasche und hält ihn mir seitlich an den Bauch. Ich kneife in angstvollem Schrecken die Augen zu und drücke mich steif auf den Tisch. „Vergiss es! Professor Cole hat gesagt, du bleibst liegen!", sagt er, drückt aber nicht ab, sondern steckt den Treiber wieder weg.

Erleichtert entspanne ich etwas. Wenn ich nicht selbst essen darf, esse ich eben gar nichts! Eine Welle der Verärgerung rollt in mir erneut den Bauch hinauf.

Als Shipper mir den Löffel mit dem Zeug vor den Mund hält, presse ich Zähne und Lippen zusammen und schüttele den Kopf hin- und her.

Shipper versucht noch mehrmals, mir die Masse in den Mund zu geben, auch indem er mir die Nase zuhält, aber er schafft es nicht. Dann eilt er ärgerlich hinaus und kommt kurz darauf mit Cole und Shanefield wieder.

Ihr Anblick macht mich wieder steif vor Angst, aber sie reizen mich nicht, sondern drücken mir die Maske mit der Betäubungsgaskartusche aufs Gesicht.

Als ich wieder zu mir komme, steckt der Schlauch einer Magensonde in meiner Nase. Cole schaut triumphierend grinsend auf mich herunter und zieht sie wieder hinaus. Offensichtlich ist meine Mahlzeit beendet. Ich seufze resigniert. Cole scheint mit meiner Reaktion zufrieden zu sein. Er wendet sich einem der Rollwagen zu, und als er sich wieder zu mir umdreht, hat er ein Klemmbrett in der Hand, mit dem er sich auf einem Stuhl neben mich setzt.

Der Tisch ist weit heruntergefahren und Cole wirkt übermächtig über mir.

„Also," beginnt er, „ich möchte von Dir nur eine kurze Beschreibung haben, wo der Planet ist, von dem du kommst. Dann sind wir auch ganz schnell fertig und du kannst dir Unannehmlichkeiten ersparen. Und werde bloß nicht wieder ohnmächtig, dann wirds auch unangenehm! ... Wo von der Erde aus gesehen, befindet sich dein Planet?"

Ich seufze laut. Wie soll ich das denn vermeiden? Ich brauche noch einen Augenblick, um mich zu auf die Frage zu konzentrieren.

„Herr Professor Cole, ... ich habe euch doch schon so oft gesagt, dass ich das nicht weiß!", sage ich angstvoll. Ich befürchte, dass er trotzdem versuchen wird, seine Antwort zu bekommen. Auf sehr unangenehme Art für mich.

„Wie heißt euer Sonnensystem? Wie heißen die Nachbarsonnensysteme?", fragt Cole ungeduldig.

Ich seufze erneut tief. Ist Cole so dumm? Diese Information wird ihm doch nichts nutzen!

„Unseres heißt Nedeire-Fe. ... Und eines heißt, Te-ik-chrrr-gh, glaube ich, aber ich weiß nicht, welches. ... Herr Professor Cole, ... selbst wenn ich wüsste, wie man von der Erde aus dorthin kommen würde und ich Ihnen die Orte unterwegs benennen könnte, es würde Ihnen doch nichts nützen! Ihr hättet ganz andere Bezeichnungen für diese Orte als wir! Wie wolltet ihr feststellen, ob wir dieselben Orte meinen?", sage ich in der Hoffnung, dass ihn diese Überlegung vielleicht davon abhält, mir wehzutun.

„Ha! Guter Versuch. ... Tu nicht so! ... Wie heißen denn die Planeten hier in unserem Sonnensystem, he?", lacht er herablassend.

Ich überlege. In Jonas' Zimmer hing ein Poster mit den Planeten dieses Sonnensystems. „Ähm, Erde, Mars, ...Venus, Jupiter, ... Saturn? ... Vielleicht noch irgendwelche?", sage ich unsicher.

„Und wie heißen die bei euch?", fragt er und verzieht genervt sein Gesicht, als entlarve er, dass ich ihn verarsche.

„Ich weiß es nicht", sage ich leise und wiege den Kopf hin und her.

„Und die Erde? ... Wie habt ihr die Erde genannt?", hakt er lungernd nach.

Ich überlege einen Moment. Hatte ich jemals eine Bezeichnung für diesen Planeten gehört, bevor ich hierhergeschickt wurde und erfuhr, dass die Erdenmenschen sie Erde, Earth, Tierra, Welt, Mundo und so weiter nennen? Nein, ich glaube, ich selbst hatte den Namen mit auf unsere Welt gebracht, wo er sich inzwischen als Ere verbreitet hat.

„Ich weiß nicht", sage ich bedrückt.

„Verarsch mich nicht!", sagt er bedrohlich, „Dir muss doch dein Auftragsort, dein Zielort genannt worden sein!"

Cole sieht jetzt schon wirklich wütend aus. Ich drücke mich verkrampft auf den Tisch. Ich kann ihm nicht ausweichen. Mein psychisches Entkommen von gestern fällt mir ein. Ich glaube, ich bin wieder nahe dran! Das Denken fällt mir schwer.

„Ich ... wurde ... beim ersten Mal ... in die Fremde verbannt. .... Ich ...", plötzlich fällt mir etwas ein! „Nein, es wurde da auch schon „Ere“ genannt, ähnlich wie auf Deutsch!" Ich sehe Cole verwirrt an. War es Zufall, dass wir fast eine auf der Erde benutzte Bezeichnung verwenden? Diese Erkenntnis und die Unsicherheit lassen eine leichte Panik in mir aufsteigen. Cole wird mir nicht glauben, dass es mir gerade eben erst eingefallen ist! Ich zerre voller Angst an den Fesseln. Ich will hier nur weg!

„Warum auf Deutsch?", hakt er drängend nach. Ich schüttele heftig den Kopf. „Ich möchte nichts mehr dazu sagen!", hauche ich nur noch, denn die Panik nimmt mir die Kontrolle über mich.

#

Cole blickt verärgert auf den Monitor. „So ein Dreck! Schon wieder!", murmelt er für sich, als er feststellt, dass die Überwachung die Werte, die für eine Angstattacke sprechen, anzeigt. Jedenfalls bezeichnen Newman und McGreen diesen Zustand als Angstattacke. Cole glaubt, dass es sich dabei eher um einen Zustand handelt, den der Außerirdische bewusst hervorruft, um seiner Befragung zu entgehen, so wie gestern.

Er sieht einige Augenblicke zu, wie der Puls des Außerirdischen immer schneller wird, wie er hyperventiliert, nach Luft ringt und mit weit aufgerissenen Augen ins Leere starrt. Er nimmt die Maske mit dem Betäubungsgas aus dem Rollschrankfach und hält sie dem Außerirdischen auf das Gesicht, bevor er mit schnellen Handgriffen eine intravenöse Betäubung zusammenstellt. „Dann eben auf eine andere Tour!", murmelt er bei einem letzten Blick auf das schlafende Wesen, bevor er das Rondell verlässt.

Am nächsten Morgen reibt sich Cole erwartungsvoll die Hände, als er dabei zusieht, wie der Pfleger Shipper die Sachen, die er benutzt hatte, zusammenräumt und das Rondell verlässt.

Er ist gespannt, wie und ob der Außerirdische ihm mehr über sich sagen wird, wenn er ihm Heroin verabreicht.

Das Institut hatte vor einiger Zeit einen Posten reines Heroin zu Forschungszwecken erhalten, welches er zuletzt eigentlich für einen der Häftlinge aus seinem letzten Raumfahrtsimulationsprojektdurchgang verwenden sollte, der bei seiner Anmeldung noch heroinsüchtig war. Dieser war aber kurz vor Versuchsbeginn auf einen Ersatzstoff umgestiegen.

Da die neuen Vorschriften für den Außerirdischen zu Coles Bedauern keine mechanischen, verstärkenden Maßnahmen mehr zulassen, die sonst bei den Befragungen sehr hilfreich waren, wird er nun Heroin verwenden. Schließlich war Heroin ursprünglich ein normales Medikament und so was darf er verwenden.

Gut, es gibt noch andere Medikamente, die das Bewusstsein verändern, aber die hat er gerade nicht in ausreichender Menge vorrätig und leider müsste eine Neubestellung, wenn es für den Außerirdischen ist, von McGreen unterschrieben werden, der ja nichts davon erfahren soll, dass Cole ihm diesen Auftrag des Gremiums abgenommen hatte ...

Cole geht ins Rondell hinein und überprüft den Sitz aller Elektroden und Zugänge.

Der Außerirdische ist wach, starrt aber regungslos die Wand an, vermeidet Blickkontakt. Cole fixiert seinen Kopf, damit er ihn nicht mehr abwenden kann.

Der Außerirdische hatte Cole nach dem Aufwachen gesagt, dass er nichts weiter zu dem Befragungsthema sagen würde, also nimmt Cole an, dass er bei normalem Bewusstsein nichts mehr dazu sagen wird, schließlich kann er angeblich nicht lügen oder Versprechen brechen. Mal sehen, wie es aussieht, wenn er sehr durcheinander ist!

Professor Cole ist sehr gespannt, ob das Heroin so oder so ähnlich wirkt wie bei Menschen. Er hat bereits einen Kolben voll potenziertem Heroin vorbereitet. Der Außerirdische braucht meistens viel weniger eines Wirkstoffs für das gleiche Ergebnis als ein Mensch, das hat Cole berücksichtigt.

Die Dosis, die er aufzieht, würde ein Mensch kaum bemerken. Der Alien vielleicht auch nicht, aber Cole möchte lieber vorsichtig an die Sache herangehen. Nicht dass er ihm gleich eine Überdosis verpasst!

Shanefield, Coles Assistent, kommt in die Rondell-Halle. Cole winkt ihn ärgerlich zu sich ins Rondell. „Sie sind fast zu spät! Stellen Sie sich hinter den Kopf!", sagt Cole mürrisch. Er hatte gestern doch mit Shanefield besprochen, was er vorhat und wie gespannt er auf das Ergebnis ist, und ausgerechnet heute verspätet Shanefield sich mal wieder!

Cole stellt sich so hin, dass er die Überwachungsmonitore und das Gesicht des Außerirdischen im Blick hat und injiziert das Mittel.

Gebannt zählt er die Sekunden, bis sich irgendeine Veränderung bemerkbar macht.

Einen Moment geschieht nichts, doch plötzlich reißt der Außerirdische seine Augen auf und zerrt wild an den Fesseln. Cole und Shanefield zucken erschrocken zusammen. Cole schaut schnell auf die Augen des Außerirdischen: Die Pupillen verengen sich und dann sinkt der Außerirdische entspannt auf den Tisch zurück. Er sieht verwundert aus und scheint sich erstaunt im Rondell umzusehen und stöhnt erleichtert.

„Hey! ... Weißt du, wie du heißt?", fragt Cole gebannt, doch der Außerirdische nickt nur, soweit es die Fixierung zulässt.

Cole wirft einen Blick auf den Monitor. Puls und Blutdruck fallen ab. Cole versucht seine Aufregung durch tiefes Durchatmen zu beherrschen.

Der Puls des Außerirdischen sinkt bis auf vier Schläge die Minute, das ist noch normal für ihn, beruhigt sich Cole. Für den Blutdruck hat sich Cole einen Mindestwert ausgerechnet, der nicht unterschritten werden sollte. Mit ihrer speziellen Technik kann der Blutdruck auch mit einem einzigen Pulsschlag gemessen werden. Mit solch einer heftigen Reaktion hat Cole dennoch nicht gerechnet! Wie gut, dass er das Heroin so weit herunterpotenziert hatte! Cole wischt sich einen Tropfen kalten Schweiß von der Stirn und sieht zu Shanefield herüber, der ebenso nervös auf den Monitor starrt.

„Ziehen Sie das Etilefrin auf", sagt Cole drängend.

Der Außerirdische starrt mit leichtem Lächeln zur Decke, sein Körper ist ganz entspannt. Der Blutdruck sinkt noch weiter.

Cole nickt Shanefield zu, der eine geringe Menge, so wie gestern abgesprochen, injiziert.

Cole, der den Außerirdischen noch immer gebannt beobachtet, entspannt wieder, als er bemerkt, dass sein Blutdruck nicht weiter fällt.

Plötzlich beginnt der Außerirdische zu würgen. „Schnell! Mach den Kopf los!", ruft Cole Shanefield zu und wühlt selbst nach einer Schale im Rollschrank, die er dem Außerirdischen gerade noch rechtzeitig an den Mund hält, bevor dieser auf den Tisch und den Boden erbricht.

Der Pfleger Shipper hat diese Woche nur morgens den Außerirdischen zu waschen und danach gleich frei, um seine Überstunden vom Raumflugsimulationsprojekt abzubauen und Cole hätte keine Lust darauf, die Schweinerei selbst zu beseitigen.

Cole stellt dem Außerirdischen dann mehrmals Fragen, doch dieser schaut sich nur mit leichtem Lächeln im Raum um, ohne etwas zu fixieren.

Eine Weile später ändert sich sein Verhalten. Cole beobachtet, dass sein Lächeln verschwindet und er ernster aussieht.

„Hey! Kannst du mir jetzt ein paar Fragen beantworten?", fragt Cole, als er sich sicher ist, die Aufmerksamkeit des Außerirdischen gewonnen zu haben.

„Vielleicht", antwortet der Außerirdische mit etwas verwaschener Stimme.

Cole ist erleichtert. Die gleichgültige Stimmung, auf die er gehofft hatte, scheint eingesetzt zu haben. „Gut. Wie heißt du?", fragt Cole dicht über den Außerirdischen gebeugt, damit seine Aufmerksamkeit durch nichts von ihm ablenkt wird.

„En-nah", antwortet er deutlich.

„Bist du gerne hier im Institut?"

„Nein.“

„Weißt du, wer ich bin?", fragt Cole frohlockend. Der Außerirdische scheint so weit orientiert zu sein!

„Ja. ... Du bist ... Herr ... Professor Cole.“

„Und? Magst du mich?", provoziert Cole.

Der Außerirdische guckt Cole einen Augenblick entrüstet an, sieht dann aber wieder gleichgültig aus. „Nein, ... ich mag dich nicht. Du bist gemein!"

Cole blickt zu Shanefield und schnaubt verächtlich.

„Und weißt du, wer das da ist?", fragt Cole weiter und lenkt den Blick des Außerirdischen auf Shanefield.

Der Außerirdische überlegt kurz.

Ganz leicht fällt ihm das Nachdenken nicht, stellt Cole fest.

„Dr. Shanefield", antwortet er lustlos.

„Wo hast du diese deutsche Frau kennengelernt und wie heißt sie?", fragt Cole nun. Ihren Namen hat er zwar schon erfahren, aber er will auf diese Weise testen, ob der Außerirdische ihm etwas verrät, was er ihm unter normalen Umständen bestimmt nicht verraten würde. Er weiß, dass der Außerirdische nichts freiwillig über die Details seiner Fluchten sagen würde, damit er seine Gedankengänge verschleiern kann, da das ihnen Hinweise geben könnte, wie er sich bei einer möglichen nächsten Flucht verhalten könnte. „Hey! Antworte!"

„Sie heißt Christine Löffler und ich hatte sie auf einem Spargelfeld in Norddeutschland kennengelernt", sagt der Außerirdische monoton auf Deutsch.

Cole verzieht grimmig das Gesicht. Er versteht kein Deutsch.

„Wiederhole das auf Englisch!", befiehlt Cole.

Der Außerirdische sieht Cole verständnislos an und wiederholt den Satz genauso wie eben.

Cole sieht genervt zu Shanefield hinüber. „Egal, das werden wir übersetzen lassen!" Schließlich werden vom Innenraum des Rondells permanent Video- und Audioaufzeichnungen gespeichert.

„Ist die Atmosphäre auf deinem Heimatplaneten genauso wie auf der Erde?", fragt Cole weiter. Er geht davon aus, denn schließlich haben Auswertungen von Enahs Knochenstruktur ergeben, dass er lebenslang einer solchen Atmosphäre ausgesetzt gewesen sein muss, wie sie auf der Erde herrscht. Auch die Geologie muss der irdischen Zusammensetzung ähneln, das ergab eine Isotopenanalyse.

Wieder denkt der Außerirdische kurz nach und antwortet mit unverständlichen Lauten, wahrscheinlich seiner heimischen Sprache, denkt Cole. Er hält aber seinen Ärger zurück, obwohl er sich vom Außerirdischen verarscht fühlt. Aber erstens ist der schließlich nicht bei klarem Bewusstsein, und zweitens können sie die Sprache später bestimmt noch entschlüsseln.

Cole stellt dem Außerirdischen weitere Fragen, die er ungewöhnlicherweise alle beantwortet, wenn allerdings auch nur in der jeweiligen Sprache des jeweiligen Ortes, um den es geht. Er scheint also unbewusst Orte mit Sprachen zu verbinden, stellt Cole fest.

Nach vier Tagen hat Cole mehr Daten gesammelt, als er erwartet hatte. Sie müssen allerdings erst ausgewertet werden. Er ist dennoch recht zufrieden mit dem Erreichten, denn so viel haben Newman und McGreen noch nie in so kurzer Zeit aus dem Außerirdischen herausgeholt, denkt Cole triumphierend. Das mühselige Auswerten kann er McGreen überlassen, aber das Wichtigste ist seine Leistung! Cole hofft, dass das Gremium sie Sache ebenso sieht.

Cole hätte den Test gerne noch die ganze nächste Woche fortgesetzt, aber Gomez hatte ihm gerade gesagt, dass McGreen doch schon heute Nachmittag ins Institut kommen wird und nicht erst am Ende der nächsten Woche.

Einerseits ärgert es Cole, dass er nun nicht noch selbst einen weiteren Berg von Antworten vorweisen können wird, andererseits wurde es jeden Tag schwieriger, die Antworten zu erhalten. Der dumme Außerirdische hatte wohl nach dem ersten Rausch doch bemerkt, dass Cole ihm Antworten abgerungen hatte, die er ihm eigentlich nicht geben wollte und hatte sich dann immer mehr dagegen gesperrt. Er hatte sogar versucht, gegen die durch die Droge verursachte Gleichgültigkeit anzugehen! Zum Glück reichte sein Rausch, zusammen mit dem ergiebigen Nachrausch, jeweils aus, um fast ganze Arbeitstage für Cole und Shanefield zu füllen, denkt Cole, als er von außen ins Rondell auf den Außerirdischen blickt, der bereits unter Entzugserscheinungen leidet. Die hatte er bereits gleich nach der ersten Gabe gezeigt. Aber nur körperliche. Der Außerirdische hatte dann richtig gegen die weiteren Gaben angekämpft! Er hätte es beim letzten Mal sogar beinahe geschafft, eine Fessel zu lösen, als Cole ihm die das Heroin in den Zugang geben wollte! Die Wirkung trat aber glücklicherweise ein, bevor er es geschafft hatte, denkt Cole erleichtert daran zurück.

2 Blut

#

William McGreen wühlt nervös im Staufach der Mittelkonsole seines Autos nach seinem Ausweis, als er an der Einfahrt der Militärbasis hält. Der Wachsoldat schaut ihn bereits ungeduldig an. Zu blöd, dass ausgerechnet heute ein paar Neulinge an der Wache stehen, die ihn nicht erkennen!

Endlich hat er seinen Ausweis gefunden und zeigt ihn dem jungen Soldaten, der ihn dann durchwinkt. Er gibt Gas und fährt eine Spur zu schnell in Richtung des Instituts. Er hatte sich unterwegs schon mehrmals dabei erwischt, dass er zu schnell geworden war. Hoffentlich hatte er sich keine Strafzettel eingehandelt, denkt er sich, aber das ist jetzt seine kleinste Sorge.

Am Morgen hatte ihn sein Assistent Dr. Gomez angerufen. Er sagte, dass er einen neuen Hinweis über die Vorgänge im Körper des Außerirdischen gefunden hatte, die bewirken könnten, dass er fremde Organe heilen kann. Gomez müsste dafür aber dem Außerirdischen noch eine frische Biopsie entnehmen, um dies zu verifizieren, hatte er gesagt.

Als McGreen ihm dann sagen wollte, dass er das gleich machen sollte, sobald der Außerirdische wieder ins Institut käme, hatte Gomez ihm völlig irritiert mitgeteilt, dass dieser doch schon seit einigen Tagen dort ist und er McGreen eigentlich nur fragen wollte, ob er wisse, ob sich eine Biopsie zurzeit lohnen würde oder ob der Heroinkonsum die Werte zu sehr beeinflussen würde.

McGreen war bei dieser Information fast das Frühstückssandwich im Halse stecken geblieben. Der Außerirdische ist schon da? Und ihm wurde Heroin verabreicht? McGreen hatte Gomez gesagt, dass er sich noch heute auf den Weg ins Institut machen würde, war dann zu seinem Kurs gegangen und hatte den Studenten dann in der ersten Stunde im Superschnelldurchlauf den Rest des Kursinhaltes vorgetragen. In der zweiten Stunde hatte er die Bescheinigungen für die Studenten ausgestellt, sich bei der Verwaltung abgemeldet und hatte sich dann auf den Weg gemacht.

Cole hatte ihn nicht informiert und Gomez belogen!

McGreen hatte gedacht, dass er Cole im Bezug zur Arbeitsaufteilung vertrauen könnte. Das ist jetzt vorbei!

McGreen steigt aus seinem Wagen, grüßt beim Vorbeigehen kurz die Institutswachen und zieht sich dann in der Hygieneschleuse um.

Auf direktem Weg eilt McGreen in die Rondell-Halle, in der Cole am Computerarbeitsplatz sitzend auf ihn wartet.

Mit unterdrücktem Ärger hört er sich Coles zusammengefasste Darstellung seiner „Leistung“ an und versucht dabei so sachlich wie möglich zu wirken.

Trotzdem kann er einige besorgte Blicke zum Inneren des Rondells nicht unterdrücken und ist froh, als Cole ihm endlich die Mappe mit den Messwerten und Notizen reicht und mit der Bemerkung, dass er jetzt einen Kaffee trinken geht, aus der Rondell-Halle verschwindet.

Wäre Cole noch ein paar Minuten länger geblieben, wäre McGreen bestimmt doch noch eine wütende Bemerkung darüber entwichen, dass der Außerirdische schon wieder auf entwürdigende Weise auf dem Tisch festgebunden ist und nicht in seinem Bett liegen darf, aber dann hätte er sich von Cole abermals als unprofessionell beschimpfen lassen müssen ... Gut, das könnte ihm jetzt eigentlich egal sein, wo er doch inzwischen die gleiche Entscheidungsbefugnis im Institut besitzt wie Cole, doch hat dieser bei den meisten Mitgliedern des Gremiums einen kleinen Ansehensvorteil durch sein höheres Alter und seine langjährige Erfahrung.

Trotzdem hat ihm Cole nicht in sein Projekt zu pfuschen, denkt McGreen verärgert. Es war abgemacht, dass nur er die Projekte mit dem Außerirdischen leitet!

Blöd, dass Cole jetzt gerade kein Projekt hat und das Gremium um Eile gebeten hatte! Da hätte er, wenn er selbst im Gremium gesessen hätte und den Außerirdischen nicht persönlich kennen würde, wahrscheinlich selbst erlaubt, dass Cole das Projekt stellvertretend beginnen dürfte.

Aber McGreen kennt ihn. Er seufzt tief. So ganz unrecht hat Cole nicht, wenn er sagt, er wäre weich mit dem Außerirdischen, denkt McGreen. Ihm geht es wirklich sehr nahe, wenn er sieht, dass es dem Außerirdischen, Enah, nicht gut geht und er beispielsweise auf dem harten, kalten Metalltisch liegen muss, anstatt im Bett. Dabei ist das nicht einmal gegen die Vorschriften! Der Metalltisch ist viel leichter zu reinigen und zu desinfizieren, als das Bett. Außerdem kann er darauf besser gesichert werden, wie das mit den Stahlseilfesseln Fixieren auch genannt wird. Trotzdem, der Metalltisch wirkt auf McGreen manchmal wie eine Schlachtbank.

McGreen seufzt ein zweites Mal und öffnet die Tür des Rondells, welches er dann mit der Mappe in der Hand betritt.

Enah ist wach. Er sieht McGreen müde an. Seine Augen sind gerötet, als hätte er viel geweint. Er zittert leicht am ganzen Körper und seine Haut glänzt von einem leichten Schweißfilm im grellen Licht.

McGreen wird erneut von einer kleinen Welle Ärger und Mitleid erfasst und starrt in die Mappe, ohne etwas von dem Inhalt wahrzunehmen. Er sollte sich vor Enah keine Sentimentalität leisten, denkt er. Er räuspert seine störenden Gedanken weg.

„Hallo. Wie gehts dir?", fragt er fast so sachlich wie beabsichtigt. Den noch fehlenden Ernst versucht er mit leicht grimmigem Gesichtsausdruck zu unterstreichen.

„Nicht gut", antwortet Enah nach einigen Sekunden.

McGreen nickt. „Hast du Schmerzen?"

„Ja. Überall.... Gelenke, Knochen, mehr und weniger. ... Ich fühle mich nicht gut. ... Mir ist übel", klagt Enah mit trauriger Stimme.

McGreen nickt wieder und schürzt dabei die Lippen, damit er weniger mitfühlend und mehr sachlich wirkt. „Hat dich jemand geschlagen oder gereizt?", fragt McGreen vorsichtshalber nach, denn er hat die Aufzeichnungen noch nicht angehört oder gesehen und kann sich nur auf die Äußerungen Coles und Gomez' stützen.

Enah schüttelt langsam den Kopf. „Nein. .... Was hatte ich alles verraten, William?", fragt er dann traurig.

McGreen sieht, dass seine Augen feucht werden. „Das weiß ich noch nicht. ... Muss ich mir erst ansehen. ... Ich hatte erst heute Morgen erfahren, dass du schon hier bist", folgt McGreen seinem plötzlichen Drang, sich zu erklären und ärgert sich schon im nächsten Moment darüber. Das war's jetzt mit Sachlichkeit! Er muss hier raus, denkt McGreen. „Ich sehe mir die Aufnahmen jetzt an", sagt er bereits abgewendet und verlässt das Rondell, das er sofort hinter sich verschließt.

Auf dem Weg zu seinem Büro schaut er noch in die Personalküche, wo er Shipper entdeckt. „Herr Shipper, machen Sie gleich bitte das Bett für ... äh, den Außerirdischen bereit!", haspelt er und schließt sich in seinem Büro ein, wo er sich gleich an seinen Schreibtisch setzt und sich mit geschlossenen Augen in seinem Sessel zurücklehnt, um sich zu beruhigen.

Einige Minuten später beginnt er die Aufzeichnungen anzusehen und vergleicht sie zwischendurch immer mal wieder mit den schriftlichen Notizen, die wie üblich mit den genauen Zeitangaben versehen sind, um sie besser zuordnen zu können.

Erst am Abend ist McGreen mit der Durchsicht fertig und verlässt sein Büro. Er trifft nur noch Shanefield an, die anderen haben bereits Feierabend gemacht. Er bittet Shanefield, ihm zu helfen, wenn der Außerirdische vom Tisch auf das Bett wechselt.

Enah ist schläfrig, als sie das Rondell betreten und lässt sich, ohne Probleme zu verursachen, vom Tisch losbinden. Er wartet auch ruhig ab, bis das Bett im Boden eingerastet ist und legt sich gleich hinein.

McGreen fragt ihn noch nach seinen Bedürfnissen wie Hunger, Durst, Toilettengang, bevor er und Shanefield die Rollschränke und Geräteständer hinausschieben, doch Enah lehnt müde alles ab.

McGreen verabschiedet sich bis zum nächsten Morgen bei ihm, geht hinaus und schaltet das Licht im Rondell aus. Enah hat wegen der Entzugserscheinungen nämlich Probleme damit zu schlafen, obwohl er ständig müde ist. Das hatte McGreen bei der Durchsicht der Aufzeichnungen festgestellt und sah dies gerade bestätigt.

Dann geht er mit Shanefield in die Personalküche, um sich einen Tee zu gönnen, wobei er sich noch Notizen zu seinen Plänen für den nächsten Tag machen möchte, während Shanefield seine Urlaubswünsche auf dem Dienstplan einfügt.

Als er seine Tasse halb geleert hat, fällt McGreen plötzlich ein, dass er dem Außerirdischen doch lieber noch etwas zu trinken hinstellen sollte, denn es ist schon Stunden her, seit der seine letzte Flüssigkeit in Form einer Infusion erhalten hatte und er schwitzt viel.

McGreen steht auf, holt Enahs Becher aus der Spül- und Medikamentenküche und füllt ihn mit Wasser. Dann geht er damit in die Rondell-Halle, schaltet das Licht an und lässt erschrocken den Becher fallen, als er sieht, was im Rondell geschehen ist.

McGreen ruft so laut er kann nach Shanefield und rennt zum Rondell, in das er bereits eindringt, als die Tür noch nicht ganz geöffnet ist.

Um Enah herum, der auf dem Boden liegt, hat sich eine große Blutlache gebildet. McGreen stellt entsetzt fest, dass Enah sich am Gestell des Bettes die Pulsadern aufgerissen haben muss. Hektisch tastet er in seiner Kitteltasche nach Verbandmaterial, was er darin aber nicht findet. Er zieht den Kittel aus und knotet dessen Ärmel fest um die noch blutenden Wunden.

Dann erscheint Shanefield, der erst einige Sekunden braucht, bis er die Situation erkennt und hektisch nach Verbandmaterial in den Rollschränken wühlt. McGreen denkt unterdessen fieberhaft über die nächsten Schritte nach, die nötig sind, sobald er den straffen Zug der Ärmel lockert.

Shanefield eilt wortlos mit dem Verbandmaterial heran, welches er in wortloser Professionalität um Enahs Handgelenke anlegt und den Druck verstärkt, während McGreen seinen Zug lockert. Wenigstens das hat er drauf, denkt McGreen und sieht erleichtert, dass kein weiteres Blut durch den Verband dringt, aber vielleicht ist auch einfach nicht mehr genug da.

„Wir haben noch Blutvorräte von ihm in der Spülküche. Bereiten Sie sie vor ... und alles andere!", sagt McGreen zu Shanefield, während er Enahs Arme hochhält und nochmals die Blutlache betrachtet und einschätzt, wie viel Enah verloren haben könnte.

Enahs Hose und sein Shirt sind voller Blut und auch McGreens rechtes Hosenbein ist nass vor Blut, da er sich hineingekniet hatte. McGreen hört Shanefield in der Spülküche wühlen. Hoffentlich ist er gleich fertig!

Enah regt sich nicht und ist sehr grau. McGreen ist sich nicht ganz sicher, ob er noch lebt, entdeckt dann aber ein leichtes Zittern, das sich über seinen ganzen Oberkörper erstreckt.

McGreen ärgert sich, dass er ihn nicht am Bett fixiert hatte. Er hätte die Zeichen bemerken müssen, die darauf hindeuteten, dass Enah so etwas antun würde! Verdammt noch mal! Schon allein die Situation, in der er sich befindet, hätte ihn doch schon darauf hinweisen sollen, denkt sich McGreen. Enah hatte sowieso schon mehrmals deprimierte Phasen wegen seiner Gefangenschaft und den unmenschlichen Behandlungen, denen er ausgesetzt war! Und jetzt kam noch der Entzug seiner Rechte und seiner Freiheit dazu und auch noch die Verabreichung dieser Droge, unter der er wahrscheinlich viel mehr zugegeben hatte, als er ertragen konnte und die dafür bekannt ist, dass sie Depressionen erzeugen oder verstärken kann!

McGreen beißt sich gramvoll auf die Lippen. Hoffentlich überlebt Enah das! Er wollte es ihm doch nur angenehmer machen! Was wäre passiert, wenn er ihm jetzt nicht mehr hätte Wasser bringen wollen?

McGreen könnte sich für seine eigene Fahrlässigkeit ohrfeigen

Endlich kommt Shanefield mit den vorbereiteten Substanzen!

McGreen legt Enahs Arme, die er die ganze Zeit hochgehalten hatte, auf die Brust, schmeißt die Matratze auf der anderen Seite hinunter und hebt Enah mit Shanefields Hilfe auf das Bett. Dann legt Shanefield neue Zugänge, während McGreen schnell die Rollständer und Gerätewagen hereinschiebt.

Einige Minuten später ist alles fertig aufgebaut und angeschlossen.

McGreen steht neben dem Bett und beobachtet abwechselnd die Anzeigen, die mit leichtem Druck einfließende zweite Konserve und den Körper des Außerirdischen.

Beruhigt stellt McGreen fest, dass die Zufuhr zu wirken scheint und der Körper alles annimmt.

Er bemerkt, dass seine eigenen Beine vor Anspannung zittern und stützt sich auf das harte Bettgestell, während er Blut von Enahs Körper abwischt. Wenn nachher alles so weit sicher ist, dass er sich von seinem Patienten entfernen mag, wird er Enah wieder auf den Tisch legen. Das Bett muss gereinigt werden.

McGreen wirft durch die offene Rondell-Tür einen Blick auf Shanefield, der missmutig am Computerarbeitsplatz sitzt und darauf wartet, dass sie beide endlich mit allem fertig sind.

Am nächsten Morgen wird McGreen von seinem Wecker geweckt, etwa eine halbe Stunde bevor die anderen Mitarbeiter ins Institut kommen sollten. Er hat in seinem Büro auf dem Boden geschlafen und ihm tun alle Knochen weh, obwohl er sich drei Wolldecken aus dem Textilien-Raum mitgenommen hatte, nachdem er geduscht hatte und sich frische Kleidung von dort genommen hatte.

Nun zieht er sich ein einfaches OP-Hemd und eine solche Hose über und eilt zum Rondell.

McGreen stellt erleichtert fest, dass die Monitore relativ zufriedenstellende Werte anzeigen und untersucht dann die Wunden und den Rest des Körpers.

Enah schläft tief, das ist gut, findet McGreen, denn er hatte ihm gestern Abend lieber keine zusätzlichen Mittel zur Sedierung oder zur Schmerzlinderung verabreicht, um seinen Kreislauf nicht noch zusätzlich zu belasten. Sie hatten gestern nur saugfähige Unterlagen unter Enah gelegt und ihn mit einer Wolldecke zugedeckt. Kopf, Arme, Schultern und der ganze Rücken bis hinunter zum Gesäß kleben noch vom Blut und auch der Fußboden fühlt sich noch nicht sauber an. Wenn Shipper gleich kommt, wird er viel zu tun haben, denkt sich McGreen und geht an dem Haufen vollgebluteter Textilien, die in der Rondell-Halle auf dem Bett liegen, vorbei in die Personalküche.

McGreen hat sich gerade eine Schale Müsli vorbereitet, als Shipper hereinkommt. McGreen beauftragt ihn, erst den Außerirdischen zu waschen, dann den Boden des Rondells, die Textilien zu entsorgen und danach das Bett zu reinigen. Anschließend soll er es frisch beziehen, es zum Rondell bringen und ihm dann Bescheid sagen, damit sie Enah drauflegen können.

McGreen frühstückt schnell und geht dann in sein Büro, um mit der Auswertung der Aufzeichnungen zu beginnen. Draußen hört er Shipper hin und wieder laut fluchen. Ihm fällt ein, dass heute Samstag ist und Shipper nur für zwei Stunden da sein sollte.

Gegen Mittag hat McGreen bereits die Antworten übersetzen können, die Enah Cole auf Deutsch gegeben hatte, aber von der fremden Sprache kann er sich keinen Reim machen. Ihm kommt es sogar so vor, als würde es sich dabei nicht nur um eine Sprache handeln, denn der Lautklang ist sehr unterschiedlich.

Plötzlich klopft es an der Tür und Cole kommt herein. McGreen hatte gar nicht mit ihm gerechnet, aber schließlich hat Cole ein Haus innerhalb der Militärbasis.

„Guten Tag, Dr. McGreen! ...Haben Sie die Antworten schon übersetzen können?", fragt er neugierig, worauf McGreen nickt und den Zettel mit den Übersetzungen hochhält. Er ist nicht gerade begeistert, Cole zu sehen.

„Haben Sie ihm heute noch mal etwas verabreicht und ihn weiter befragt?", fragt Cole.

„Nein, … und ich werde ihm auch nichts mehr geben! ... Niemand wird ihm das nochmals geben! Es geht ihm zu schlecht davon", sagt McGreen ernst.

„Zu schlecht?", antwortet Cole, wie McGreen es ungefähr erwartet hätte, „der stellt sich doch nur an!"

„Hm, ja, er stellt sich so sehr an, dass er gestern Abend fast gestorben wäre", sagt McGreen leise.

„Was? ... Wieso wäre der denn fast gestorben?", fragt Cole überrascht.

McGreen stöhnt genervt. Jetzt muss er wohl doch zugeben, dass er eine falsche Entscheidung getroffen hatte und Cole wird das sicherlich nutzen, um ihn schlecht zu machen.

„Er hätte sich beinahe umgebracht. Ich hätte ihn fixiert lassen müssen! Ich hatte seine Stimmung falsch eingeschätzt", gibt McGreen knapp zu.

Cole lässt sich von McGreen noch genauer erklären, was passiert war und lacht ihn dann unverhohlen aus.

McGreen hatte damit gerechnet. Er kennt Cole ja schon eine Weile und hatte mitbekommen, wie Cole stets über Newman hergezogen war, wenn diesem Fehler unterlaufen waren. Bestimmt würde Cole nun auch versuchen, ihn vor dem Gremium schlecht darzustellen. Aber da muss er durch! Er will sich von Cole nicht kleinkriegen lassen, denkt er. Er will mit einem guten Eindruck beim Gremium das Institut verlassen.

McGreen ist im Laufe des Morgens klar geworden, dass er so nicht mehr weiterarbeiten kann. Nicht auf diese Art! Schon der Ansatz, wie sie mit dem Außerirdischen begonnen hatten, war völlig falsch, findet er. Auch Newman hatte schon so was gesagt und er stand schon damals Newmans Ansicht näher, als den Vorgaben des Gremiums.

McGreen hatte die Funktion Newmans aber trotzdem voller Stolz übernommen. Er hätte gedacht, dass er sich damit gut fühlen würde. Das war anfangs auch so, aber mittlerweile nagt es ziemlich an seinem Gewissen, selbst entscheiden zu müssen, wann und wie weit der Bewegungsspielraum dieses Lebewesens eingeschränkt wird. Wenn es wenigstens ein Lebewesen wäre, dass zur Kommunikation kaum fähig wäre wie ein Kaninchen oder so, aber Enah ist fast ein Mensch. Nein, im Grunde ist er ja ein Mensch, nur keiner von der Erde!

Wäre er vor ein paar Tagen, als Enah wieder ins Institut kam, doch bloß dort gewesen!

McGreen denkt an den letzten Forschungstermin ein paar Monate zuvor zurück.

Der Außerirdische war trotz seiner berechtigten Vorbehalte und ohne zu jammern, selbstständig zu seinem Forschungstermin erschienen und dass, obwohl er ganz genau wusste, dass dieser für ihn hätte mehr als unangenehm werden können!

So viel Schneid muss man erst mal haben, denkt McGreen.

Dass Enah dann die ganzen zwei Wochen keine gute Laune hatte und nicht mehr als nötig mit ihm reden wollte, war da nur verständlich, obwohl McGreen zuerst etwas enttäuscht darüber war.

Und dann, als Enah plötzlich wieder seine Freiheit verlor und zurück ins Institut musste, wurde er derart beschämend empfangen, wie McGreen es auf den Aufzeichnungen ansehen konnte. Anstatt ihm auch nur die geringste Dankbarkeit für seine Dienste zu zeigen, wurde er wie ein gefährliches Monster behandelt. McGreen könnte vor Scham im Boden versinken!

Und dann war Enah auch noch so antwortbereit wie nie zuvor, als Cole mit seiner Befragung begonnen hatte! McGreen hatte sich die Haare gerauft, als er das gesehen hatte! Hätte er sich in Ruhe mit Enah hingesetzt und auf Augenhöhe mit ihm die Fragen besprochen, hätte er bis heute ganz sicher alles erfahren, was Enah zu dem Thema weiß! Alles!

McGreen schlägt seine Faust derart auf den Tisch, dass alles wackelt und ein Becher voller Kugelschreiber zu Boden fällt. Wäre er bloß dort gewesen!

McGreen kann sich nicht weiter konzentrieren, er muss sich erst beruhigen!

Er geht ins Rondell. Cole ist schon wieder weg, hat hier aber wohl noch einen Blick hineingeworfen, vermutet McGreen.

„Oh, du bist ja wach!", sagt McGreen überrascht, als Enah ihn traurig ansieht. „Geht es dir besser?"

Enah schüttelt leicht den Kopf, zieht an den Fesseln und sieht unendlich traurig aus, findet McGreen. Er hat Verständnis. „Ich möchte noch ein paar Tage abwarten, bis die Entzugserscheinungen nachlassen und dann mal sehen, ob ich dir etwas gebe, was deine Stimmung verbessert. Vielleicht wird die aber auch mit dem Nachlassen der Entzugserscheinungen besser. Das musst du leider so lange aushalten, Enah!", sagt McGreen dann mitfühlend. Ihm fällt wieder ein, was er in dem deutschen Bericht gelesen hatte und legt seine Hand flach und ruhig auf Enahs Bauch unter der Decke.

Enah stöhnt unwillig und spannt seinen Körper dagegen an, schließt dann aber die Augen, entspannt und beginnt leicht zu weinen, als McGreen hartnäckig die Position seiner Hand beibehält.

Nein, denkt McGreen, er will auf keinen Fall länger auf diesem Posten bleiben! Die Uni hatte ihm eine feste Stelle angeboten, die wird er annehmen!

Er stellt sich vor, als Universitätsprofessor alt zu werden. Eigentlich ist der Gedanke angenehm. Außer vielleicht einigen kritischen Benotungen keine unangenehmen Entscheidungen mehr!

Ihm fällt einer seiner Professoren ein, der sehr humorvoll war und bei dem jeder gut gelernt hatte. So will er auch sein! Er will Scherze machen und freundlich sein. Scheiß auf Karriere! Was bringt ein Leben ohne Spaß und Freude?

McGreen hält noch eine Weile seine Hand auf Enahs Bauch, bis dieser schon eine Weile eingeschlafen ist, und verlässt dann mit unheimlich zuversichtlicher Stimmung das Rondell.

3 Andere Aussicht

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Es ist schon etwa zwei Wochen her, seit ich meinen misslungenen Selbstmordversuch durchgeführt hatte.

Ich will noch nicht sagen, dass ich mich schon wieder auf irgendetwas richtig freuen kann, aber ich glaube inzwischen, dass es ein schönes Gefühl wäre, sich wieder auf etwas zu freuen und bin nicht mehr so traurig darüber, dass es nicht geklappt hatte.

Einen hilfreichen Beitrag dazu leistet mir William McGreen, der seitdem mindestens einmal am Tag bei mir ist und sich wirklich Mühe gibt, mich aufzumuntern und mir eine positive Zukunftsaussicht einzureden. Er hatte dafür sogar Frau Costner überreden können, mich fünf Mal für je eine Stunde zu besuchen, in der sie meine Hände und Füße auf sehr wohltuende Art massiert hatte. Nur leider durften wir nicht miteinander reden, da sie nicht mehr zum Personal des Instituts gehört.

Ich fühle mich aber trotzdem noch nicht so gut, wie McGreen vielleicht denkt, aber er lässt mich in Ruhe, wenn er denkt, dass es mir schon ein bisschen besser geht als am Tag davor. So ganz linear ändert sich meine Stimmung jedoch nicht, wie er sich das vielleicht vorstellt! Ich bemerke, dass er unter Zeitdruck steht und viele Fragen an mich loszuwerden möchte, die mit dem Grund für meine traurige Stimmung zu tun haben. Er traut sich aber nicht, sie mir zu stellen, weil er einen Rückfall befürchtet. McGreen kommt mir ein wenig so vor, als arbeite er ein Lehrbuch an mir ab, von dem er jeden Tag einige Seiten mehr liest und dies dann umzusetzen versucht. Ich bin ihm ganz dankbar für seine Bemühungen, doch letztendlich stellen all diese Versuche, meine Stimmung zu heben, einen weiteren Baustein dafür dar, Informationen von mir zu erhalten, die ich ihnen nicht geben sollte!

Sollte?! ... Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich sie geben darf. Hatte ich mir das Verbot selbst gegeben? Ich bin mir da nicht mehr sicher. Aber niemand könnte mir in meiner Heimat etwas verbieten! Ich bin dort nur an Richtlinien gebunden, die ich einhalten sollte, denn dort ist meine Verantwortung unheimlich groß. ... Ich bin die letzte moralische Instanz dort. Aber ich kann das nicht! Nicht mehr. Ich bin unsicher ... und ich habe mein selbst gestelltes Verbot missachtet! Soll ich etwa anderen Wesen Fehler vorwerfen, ihre moralischen Fehler tadeln, wenn ich selbst nicht einmal in der Lage bin, meine eigenen Verbote zu beachten?

McGreen versichert mir zwar immer wieder, dass es nicht meine Schuld gewesen war, dass ich zu viel verraten hatte, denn die Droge hätte meine Gedanken manipuliert, aber hätte ich meine Gedanken nicht irgendwie unter Kontrolle halten können? Er sagt, dass ich nichts dafürkonnte, dass die Droge meine Gedanken manipuliert hatte, da sie mir gegen meinen Willen verabreicht wurde, aber hätte ich mich nicht noch mehr dagegen wehren können?

Ich habe so ein schlechtes Gewissen gegenüber den Wesen meiner Heimat!

Ja, aber umbringen sollte ich mich dennoch nicht einfach, bevor sie erfahren haben, dass ich kein Jinouk mehr sein kann! Sie haben ein Recht darauf, eine Erklärung von mir zu erhalten!

---ENDE DER LESEPROBE---