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Der Außerirdische Enah wurde in die 1770er-Jahre nach Nordamerika verbannt, wo er zum Sklaven wurde, der andere Leidensgenossen beaufsichtigen musste. Aufgrund seiner Friedfertigkeit versuchte er stets die Situation für seine Mitmenschen zu verbessern, auch wenn es nicht unbedingt zu seinem Vorteil war. Er verliebte sich in eine Frau und bekam mit ihr einen Sohn, wurde jedoch von den beiden getrennt. Bald verlor er die Hoffnung auf die Möglichkeit, sie wiederzusehen und versuchte nur noch die frustrierenden Herausforderungen und tödlichen Kämpfe zu überleben, während er auf einen Weg in seine Heimat wartete. Enah hat überlebt. Er trifft einen alten Bekannten wieder. Ein neuer Besitzer stellt ihn vor neue Herausforderungen.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
1 Wiedersehen
2 Treibgut
3 Erkenntnisse
4 Schwarz wie Kohle
5 Das Haus auf dem Land
6 Methodische Ausbildung
7 Die Schwester
8 Briefe
9 Verbotener Heimweg
10 Strafen auf See
11 In der Wüste
12 Eine neue Sprache
13 Die Hafenstadt
14 Dunkle Zeiten
15 Geteilte Sorgen
16 Heimat
Enah – Der fremde Planet
Folge 4
Licht und Dunkelheit
Kapitel 1 Wiedersehen
Kapitel 2 Treibgut
Kapitel 3 Erkenntnisse
Kapitel 4 Schwarz wie Kohle
Kapitel 5 Das Haus auf dem Land
Kapitel 6 Methodische Ausbildung
Kapitel 7 Die Schwester
Kapitel 8 Briefe
Kapitel 9 Verbotener Heimweg
Kapitel 10 Strafen auf See
Kapitel 11 In der Wüste
Kapitel 12 Eine neue Sprache
Kapitel 13 Die Hafenstadt
Kapitel 14 Dunkle Zeiten
Kapitel 15 Geteilte Sorgen
Kapitel 16 Heimat
Was bisher geschah:
Enah, der königsähnliche Jinouk eines Planeten namens Welt, wurde zur Verbüßung eines Fehlverhaltens ins Nordamerika der 1770er verbannt, wo er sich notgedrungen als Sklave verpflichten musste.
Nach mehreren anderen Herren kam er auf die Plantage High Oak, wo er von dem Aufseher Falloch als Aufseher eingesetzt wurde.
Enah übte seine Pflicht anders als erwartet, aber erfolgreich aus und erweckte damit die Neugierde Fallochs.
Enah fand Freunde unter den Sklaven, hatte aber ständig mit den unterschiedlichen Erwartungen zu kämpfen, die an ihn gestellt wurden.
Als er sich gerade gut mit seinem Herrn Falloch zu verstehen begann, vermietete dieser Enah an einen Tischler, der ermordet wurde und dessen Mörder Enah weiterverkauften.
Enah kam dann auf die Plantage der Familie Driver in Georgia, die ihr Gut im Gegensatz zu den Plantagen, wo er bisher war, auf humane Art führten und wo es den Sklaven verhältnismäßig gut ging.
Die Bewohner dieser Plantage stellten fest, dass Enah, der dort Samuel genannt wurde, bewandert in der Versorgung von Wunden und Krankheiten ist. Er sollte sich um eine verletzte Sklavin einer Nachbarplantage kümmern, in die er sich verliebte.
Enah übernahm zudem Verwaltungsaufgaben für Familie Driver und es gelang ihm, mit der Behandlung Kranker so viel Geld zu sammeln, dass er Sana für die Drivers kaufen konnte.
Sie heirateten und bekamen einen Sohn, den sie Sabo nannten.
Einige Jahre später sollte Enah vorübergehend bei Verwandten der Familie Driver unterkommen, um sie bei der Umnutzung ihrer Plantage zu unterstützen.
In der Zwischenzeit jedoch starben die älteren Drivers und ihr Sohn Vincent übernahm die Plantage. Vincent verkaufte Enah an seinen Verwandten und erzählte Enah, dass er alle Frauen und Kinder bereits verkauft hatte.
Daraufhin unternahm Enah einen kopflosen Fluchtversuch, um Sana und seinen Sohn zu finden, den er aber mit Einsicht der Sinnlosigkeit abbrach. Trotzdem wurde er auf die übliche Art fürs Entlaufen bestraft. Die Bestrafung übernahm der Aufseher Munier.
Der Plantagenbesitzer Cole behielt Enah trotzdem, damit er die Plantage für ihn verwaltete.
Enah gab sich Mühe, doch seine Arbeit wurde immer wieder durch die Verschwendungssucht Coles und seiner neuen Frau behindert.
Schließlich verwettete Cole Enah an Munier.
Munier hatte einst Enahs besondere Stärke bemerkt und brachte Enah zu illegalen Kampfshows, bei denen sich Sklaven bewusstlos schlagen mussten.
Da Enah stets gewann, rentierte er sich auf diese Art nicht mehr für diese Shows und fand sich plötzlich bei einer anderen Art Show wieder, bei der die Gegner nicht nur bewusstlos geschlagen wurden, sondern sogar getötet werden sollten.
Schon bald verlor der erschöpfte Enah.
*
„Enah?“
Eine Stimme dringt zu mir vor. Hmm, dieses Wort! Dieser Name! Wie lange hatte ich ihn schon nicht mehr gehört! Es ist mein “richtiger” Name. Ich höre ihn gern.
„Enah?“
Jemand schüttelt meine Schulter, doch er vermag nicht, meine Hülle in Bewegung zu versetzen. Mein Körper ist sehr schwach. Ich liege warm und weich, aber mir ist schwindelig. Der Boden scheint unter mir zu wanken.
Ich muss zu Hause sein!
Eine Woge des Glücks beruhigt mich und ich kann mich wieder in heilsamen Schlaf sinken lassen. Ich bin in Sicherheit!
Mein Körper wird bewegt. Ich merke, dass mir Verbände gewechselt werden.
Ich versuche, meine Augen zu öffnen, doch das gelingt mir nicht.
„Enah? Bist du wach?“, fragt mich eine männliche Stimme. „Hast du Durst?“
Ich kenne diese Stimme, aber ich kann sie jetzt nicht zuordnen.
Jemand richtet meinen Oberkörper auf und ich bekomme wohltuendes, kühles, aber etwas abgestandenes Wasser aus einer Schale an dem Mund gehalten und trinke es. Mehr als zwei Schalen voll schaffe ich aber nicht und schlafe wieder ein.
Dann erwache ich erneut, ich bin wieder durstig. Mühsam schaffe ich es, die Augen zu öffnen, aber ich kann nur verschwommen sehen. Außer meinen Augen kann ich mich noch kaum bewegen, aber das macht nichts, denn ich fühle mich sicher.
Wieder bekomme ich etwas zu trinken und döse wieder ein.
Irgendwann werde ich wacher und mache mir nach und nach ein Bild von dem Raum, in dem ich mich befinde, obwohl ich immer noch alles verschwommen sehe.
Das Bett, in dem ich liege, steht der Ecke eines Raumes, meine Füße zeigen zur Wand. Die Decke des Raumes hängt niedrig und der Raum ist weiß getüncht und daher trotz des sehr kleinen Fensters angenehm hell.
In der Nähe des Fensters sitzt ein Mann auf einem Stuhl und liest in einem Buch. Jetzt schaut er zu mir herüber. „Ach Enah! Bist du aufgewacht?“
Mir bleibt mein Schlucken im Halse stecken und ich drücke mich vor Schreck wieder aufs Bett zurück, als ich den Mann erkenne.
Niemals hatte ich damit gerechnet, ihn jemals wieder zu sehen!
Ich brauche eine Weile, starre auf die Decke über mir, um meine Kehle zum Sprechen zu bringen, schaffe es dann aber doch: „Master Falloch?“
„Ja, Enah?“, antwortet er mit freundlicher Stimme.
Ich wende mich wieder ihm zu und versuche ihn klar sehen zu können. Er sieht teuer gekleidet und gepflegt aus.
„Ich dachte, ich wäre tot“, sage ich leise.
„Ja, das hatte ich zuerst auch gedacht. … Die hatten dich ziemlich zugerichtet und dann hatten sie dich einfach in die Gosse geworfen! Aber bevor sie dich beseitigen konnten, hatte ich dich mitgenommen.“
Ein Schreck durchfährt mich bei dem Gedanken, was er nun wohl von mir denken würde, denn die Zeit, als ich aus seinen Diensten gerissen wurde, fällt mir wieder ein. „Master Falloch? Ich bin … kein Mörder! Das müssen Sie … mir … glauben! Bitte!“ Das Sprechen fällt mir schwer und ich muss einige Male schlucken, um Hals und Mund feucht genug dafür zu bekommen.
„Du wurdest auch nicht als Mörder angekündigt. … Sie hatten gesagt, dass du zu feige zum Töten wärst“, füllt Falloch meine Pause.
„Ich meine Middle!… Ich hatte dem Tischler Mister Middle … nichts getan. … Er wurde ermordet“, sage ich weniger krächzend, aber immer noch angestrengt. Ich hatte mich damals und jetzt wieder davor gefürchtet, darüber mit Falloch sprechen zu müssen, also sage ich es lieber gleich! Wenn ich dafür zur Rechenschaft gezogen werden soll, muss ich es nicht mehr lange vor mir herschieben, denn früher oder später wird er wissen wollen, wie ich ihm abhandengekommen bin.
Falloch zögert einen Moment, bevor er etwas dazu sagt: „Ach ja? Erzähl doch mal!“
Ich konzentriere mich eine Weile, um mir die Begebenheiten von damals wieder ins Gedächtnis zu rufen. Zugegeben, ich habe jahrelang nicht mehr an dieses unangenehme Ereignis gedacht, das mich unberechtigt in den Besitz verschiedener anderer Herren gebracht hatte, und es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren.
Falloch wartet geduldig auf meine Erklärung.
„Mister Middle wurde von den Aufsehern der Plantage, auf der er einen Auftrag hatte, ermordet. … Als er damals seinen Lohn erhalten hatte, wollte er noch eine Nacht dortbleiben. Am nächsten Morgen hatte ich ihn tot in einem Gebüsch gefunden.“ Angestrengt versuche ich zu erkennen, welche Reaktion meine Aussage bei Falloch auslöst, aber ich kann keine erkennen.
„Und was hattest du dann gemacht?“ Seine Stimme klingt nur interessiert.
„Nichts. Sie waren sofort bei mir, als ich Middle entdeckt hatte und hatten mich beschuldigt, ihn umgebracht zu haben. … Als sie mich dann aber nicht zu einem Sheriff oder so etwas gebracht hatten, konnte ich mir denken, dass sie ihn selbst umgebracht hatten. … Sie hatten mich dann geschlagen und weit weggebracht. Dann wurde ich mehrmals weiterverkauft. … Einer von ihnen hieß … Wayne, glaube ich.“ Ich habe Angst, Falloch ins Gesicht zu sehen und starre wieder an die Decke. Mir ist schummrig und alles scheint noch mehr zu wanken. Wird er mir glauben?
Falloch scheint meine Furcht zu bemerken. „Du wurdest auch nie verdächtigt. … Soweit ich weiß, wurden die Täter gefasst und sie hatten zugegeben, Middle ermordet und dich verkauft zu haben. Aber ich hatte deine Spur schnell verloren. Sagt er in beruhigendem Tonfall.
Erleichtert stoße ich die Luft aus, die ich angehalten hatte und entspanne mich wieder. Ich war ganz verkrampft vor Angst. „Ähm, …Sie hatten nach mir gesucht?“, frage ich überrascht.
„Natürlich! Du bist schließlich nicht ohne Wert! … Aber du warst schon drei Wochen weg, als ich die Suche begann. Die von den Tätern angegebenen Händler hatten sich natürlich unwissend gestellt. … Ich kam dann beruflich noch viel herum und hatte in jedem Sklavenhof, an dem ich vorbeikam, nach dir gefragt, aber nur einige Wochen lang. Nirgends hatte man von dir gehört, oder ich nehme an, man wollte mir nichts über dich sagen. Ich hatte auf jeder Plantage, auf die ich gekommen war, nach dir gesehen, aber da sind so viele!“ Er verzieht kopfschüttelnd das Gesicht.
Natürlich konnte er mich nicht finden, wenn er nach einem „Enah“ gefragt hatte! „Ich wurde Samuel genannt, Master.“
Er nickt einsichtig. Sicher hatte auch er mit so etwas gerechnet.
„Waren Sie als Aufseher auf den Plantagen?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein. Ich war als Vertreter für Landgeräte unterwegs. Der Job in South Carolina war mein letzter als Aufseher. … Deshalb war ich auch viel herumgekommen. … Hauptsächlich im Süden. Ich dachte, da könnte ich dich am ehesten finden?“ Er zieht fragen die Braune hoch.
„Ich war etwa fünf Jahre in Georgia in Missfield. Danach noch etwa drei Jahre in Mississippi, in Okatibeesands“, sage ich nachdenklich und beobachte dabei Fallochs Gesicht. Er sieht nicht weniger nachdenklich aus. „Ja, da war ich wohl auch in der Nähe“, murmelt er halblaut.
Beim Gedanken an Missfield läuft mir ein aufwühlender Schauer über den Rücken. „Master Falloch? … Bitte erlauben Sie mir, wenn es mir wieder besser geht, nach Missfield zu gehen? … Ich habe dort eine Frau und einen Sohn. … Na ja, sie wurden verkauft, als ich in Mississippi war, aber bitte erlauben Sie mir, nach ihnen zu suchen? Bitte!“, sage ich schnell und hastig, denn ich befürchte, dass seine freundliche Laune nicht lange halten wird. Aber vielleicht kann ich ihn jetzt noch eher überreden, noch eine Weile länger auf mich zu verzichten! Ich versuche mich aufzusetzen, was mir unter großer Mühe gelingt.
Falloch sieht mich ernst, aber auch mitfühlend an und schüttelt langsam den Kopf. „Tut mir leid, Enah, … aber das geht nicht! Unmöglich!“
Meine Brust fühlt sich vor Angst und Verzweiflung wie zugeschnürt an. Er muss sich doch irgendwie überreden lassen! „Bitte Master Falloch! Ich beeile mich auch und wenn ich nicht schnell einen Hinweis darauf finde, wo sie sind, komme ich zurück! Nur zwei Wochen!“, rufe ich mit vor Angst zitternder Stimme.
„Nein Enah! Un-mög-lich!“ Er starrt mich immer noch ernst und mitfühlend an, seufzt dann laut und blickt aus dem kleinen Fenster. „Es geht deshalb nicht, weil wir auf dem Weg nach England sind. Wir haben Nordamerika vor zwei Tagen verlassen … Wir sind mitten auf dem Meer!“
Eiskalte starre Fassungslosigkeit ergreift mich, als mir klar wird, dass ich jegliche Hoffnung aufgeben muss, nach Sana und Sabo zu suchen. Ich kann kaum noch atmen.
Falloch steht auf und kommt zu mir. Er legt seine Hand auf meine Schulter. „Es tut mir wirklich leid für dich, Enah! Ich hätte dir sonst erlaubt, nach ihnen zu suchen. … Wir sind von Savannah aus in See gestochen.“ Er bleibt eine Weile neben mir stehen, aber ich bringe kein Wort hervor und sinke langsam zurück in die Kissen. Daher das Schwanken! Warum hatte ich das nicht gleich bemerkt? … Sana! Sabo! Die Trauer über ihren Verlust erfüllt wieder mein Herz.
Falloch lässt mich allein und bald schlafe ich gequält ein.
Unbestimmte Zeit später wache ich auf, weil meine Blase drückt. Es ist Nacht.
Leise ächzend setze ich mich auf und überwinde mühsam meinen körperlichen Schmerz, um aufzustehen. Der Schmerz ist sehr stark, aber er kann gerade nicht so stark sein wie der in meiner Seele! Ich schaffe es aufzustehen.
Falloch schnarcht ruhig in einer Hängematte.
Ich angle mir ein Tuch von der Lehne des Stuhles und wickle es mir um die Hüfte, denn ich habe nichts an. Dann öffne ich die Tür und schleppe mich die fünf Stufen hinauf, die aufs Deck führen. Auch hier schlafen einige Männer in Hängematten zwischen den Masten und der Reling. Es ist ein großes Schiff. Ich sehe nur zwei wache Menschen beim Steuerrad. Ich begebe mich weiter nach hinten an die Reling und erlöse meine Blase von dem Druck. Dabei schaue ich auf das im Halbmondschein glitzernde Meer. Die See ist fast glatt und das Schiff treibt im viel zu leichten Wind. Außer dem Knarzen des Schiffes und dem leisen Plätschern ist es still.
Schon zwei Tage auf dem Meer! Ich überlege, ob ich einfach ins Wasser springen sollte, um zurückzuschwimmen. Natürlich könnte ich das, in meinem Wasserzustand kein Problem! Aber was würde das helfen? Ich könnte dort trotzdem nicht einfach herumlaufen und nach Sana und Sabo fragen und sie dann mitnehmen! Wohin auch? Einen Weg in meine Heimat konnte ich nicht einmal nehmen, als ich in dieser fürchterlichen Kampfshow war. Die Wege in meine Heimat scheinen nicht zu funktionieren, wenn ich irgendwo festgebunden oder eingesperrt bin. Und außerdem fühle ich mich jetzt zu schwach, um so weit zu schwimmen. Ich muss mich wohl damit abfinden, sie nicht wiederzusehen!
Warum hatte ich es damals nur versäumt, Sana einen Weg in meine Heimat zu geben? Sabo hatte ich mit einem Weg bedacht, aber er weiß es wahrscheinlich nicht. Ob er schon alt genug war, um zu verstehen, dass ich ihm eine Reise in meine Heimat geschenkt hatte? Ich zweifle daran!
Ich schaue eine Weile verträumt auf das weite Meer hinaus. Meine Sehnsucht nach den beiden verbirgt sich langsam wieder dort in mir, wo ich sie schon aufbewahre, seit Vincent Driver mich verkauft hatte.
„Hey! Was hast du vor?“, fragt Falloch plötzlich leise.
Ich drehe mich um.
Er sieht besorgt aus.
Ich wende mich wieder dem Meer zu. „Ich betrachte das Meer“, antworte ich ruhig und leise.
„Komm wieder mit in die Kabine!“, flüstert er und ich folge ihm matt dorthin.
Ich fühle meine körperlichen Schmerzen, die sich nach meinem letzten Kampf angesammelt hatten, nun wieder stark.
Falloch zündet eine Öllampe an, als wir wieder in der Kabine sind und sieht mir eine Weile prüfend in die Augen, bis ich ergeben seufze.
„Ich hatte schon lange Zeit, den Verlust meiner Frau und meines Sohnes zu verarbeiten“, beruhige ich ihn.
Falloch scheint das zufriedenzustellen und er kriecht wieder in die Hängematte.
Bevor ich mich aber wieder hinlege, mache ich mir einen Überblick über meine Verletzungen. Es handelt sich hauptsächlich um Prellungen, von denen noch immer mein ganzer Körper geschwollen ist, aber ich habe auch gebrochene und angebrochene Rippen, Schnitte und nicht sehr tiefe Stiche in Armen, Beinen, Bauch und Rücken und meine Kopfhaut fühlt sich an vielen Stellen verkrustet an. Dort habe ich wohl am Meisten abbekommen! Mein durchschossener Unterschenkel ist entzündet. Umständlich lege ich mich wieder hin und schlafe ein.
Am nächsten Morgen bin ich vor Falloch wach. Mein Unterschenkel schmerzt reißend und scheint zu glühen. Alles schmerzt viel mehr als gestern Abend. Ich bin kaum imstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich muss Fieber haben! Sicherlich hatte ich auch schon gestern welches, aber das ist mir bei der all der Aufregung wohl nicht aufgefallen. Die neuen Umstände hatten mich zu sehr davon abgelenkt.
Ich muss unbedingt etwas gegen die Entzündungen unternehmen, denn wie es aussieht, wurden meine Wunden nur gereinigt und verbunden.
Zum Glück wacht Falloch von selbst auf, bevor ich entschieden habe, ob ich ihn wecke.
Ich versuche mich an die Bettkante zu setzen, rutsche aber herunter und bleibe erst mal auf dem Boden liegen, um wieder zur Ruhe zu kommen, denn ein starker Schwindel hat mich ergriffen.
Falloch zieht sich schnell an und sieht mich dabei besorgt und ärgerlich an. „Du solltest doch im Bett bleiben!“, sagt er, während ich angestrengt darüber nachdenke, welche Möglichkeiten ich hier auf dem Schiff haben könnte, um meine Wunden zu behandeln.
„Master Falloch? … Gibt es hier … Medikamente gegen … Entzündungen?“
Er sieht mich überrascht an: „Hier auf dem Schiff? … Nein, ich hatte schon nachgefragt, es gibt nichts außer Verbände“, sagt er nachdenklich.
„Auch kein Ediew… ähm, … ich weiß das Wort nicht. …Irgendwas zum … Reinigen, Ausspülen, ähm … starken Alkohol oder … gekochtes … Salzwasser … aach, … ausspülen?“, sage ich mühsam und muss mich zusammenreißen, nicht in die verlockende Ohnmacht zu fallen. Mein Kopf dröhnt so sehr!
„…machen? … He! Was willst du damit machen?“, ruft Falloch nah meinem Ohr und rüttelt an meiner Schulter.
„Was?“, ich ziehe fragend die Brauen hoch.
„Mit dem Salzwasser? An etwas anderes komme ich hier nicht heran. … Kochen! Und dann?“, fragt er streng und bemüht, mich wach zu halten.
„Wieder kalt … Bein … durchgeschossen, … damit ausspülen!“ Ich schaffe es nicht länger, meinen Blick zu halten.
Ich schrecke hoch, weil mein Bein von tausend Nadelstichen gestochen zu werden scheint, aber meine Beine und Arme werden zu Boden gedrückt. Nach einem Moment erkenne ich, dass genau das gemacht wird, wonach ich verlangt hatte: Einige Männer spülen meine Wunden mit Meerwasser aus. Ich versuche ruhig liegen zu bleiben, um den Männern keine Mühe zu machen. Ich bemerke, dass ich an Deck liege, ungefähr dort, wo ich mich in der Nacht erleichtert hatte.
Die warme Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich sehe die Umrisse von drei Männern um mich, die mich festhalten und ein Vierter, Falloch steht ein Stück daneben, schaut zu und gibt einige Anweisungen. Das Wasser kann hier ins Meer abfließen, weshalb sie mich wohl hierhergebracht haben.
Sie drehen mich noch mehrmals hin und her und begießen mich überall, dann gehen sie weg und Falloch hockt sich neben mich. „Ist es so in Ordnung?“, fragt er ruhig und legt eine Decke über mich.
Ich nicke. „Du bleibst besser erst mal hier oben! Du stinkst ganz schön!“
Wieder nicke ich und er geht.
Es ist angenehm warm in der Sonne und außerdem bin ich mir sicher, dass es nicht nur ein Vorschlag von Falloch war, besser hierzubleiben, deshalb versuche ich an Ort und Stelle zu schlafen.
Die Salzwasserspülung wird hoffentlich einiges an Verschmutzungen aus der Wunde herausgespült haben! Doch auch wenn das jetzt regelmäßig gemacht würde, bezweifle ich, dass es schnell zu einer Heilung führen wird. Ich müsste es richtig gründlich reinigen lassen und etwas benutzen, was die Keime tötet! Wenn wir doch an ein Riff kommen würden!
Mir fällt ein, dass es bestimmt auch auf der Erde Tiere an Riffen geben könnte, die die Wunden anderer reinigen und welche die Gifte besitzen, die desinfizieren. Doch solche Riffe gibt es in meiner Heimat hauptsächlich in wärmeren Regionen und nicht in solch gemäßigten Zonen wie hier und auch nicht mitten auf dem insellosen Ozean.
Ich döse fiebrig vor mich hin und schaue verträumt über das fast glatte, spiegelnde Meer. Es weht so gut wie kein Wind mehr. Das Schiff dümpelt nur so vor sich hin, die großen Segel hängen einfach herab.
Ich bemerke, dass sich auch die Mannschaft des Schiffes nur noch träge herumfläzt. Ich würde sagen, es herrscht eine Flaute.
Nach etwa zwei Stunden fällt mir eine Stelle auf dem glatten Meer auf, die sich etwas hervorhebt. Einige Seevögel halten sich dort auf und nach einigem Beobachten erkenne ich, dass es sich dabei um einen großen Haufen Treibgut handeln müsste.
In den folgenden Stunden kann ich Schildkröten beobachten, die auf das Treibgut zuschwimmen und auch ein Rochen schwimmt dorthin, der sich erst eine Weile im Schatten des Schiffes aufhält.
Am Abend werde ich nochmals mit abgekochtem Salzwasser übergossen, dann ziehen sich fast alle Menschen unter das Deck zurück und scheinen dort etwas zu feiern.
Als es schon dunkel ist, wird der Steuermann abgelöst. Der Neue scheint allerdings nicht mehr ganz nüchtern zu sein.
Die Treibgutinsel ist nun näher am Schiff. Die Wasseroberfläche ist spiegelglatt, auf dass sich der Halbmond zweimal zeigt.
Wieder zieht es eine Schildkröte zum Treibgut.
Vielleicht sollte ich es auch mal versuchen? Möglicherweise gibt es dort eine Station von Putzerfischen? Ich könnte ja mal nachsehen! Wenn nicht, ist das eben so und ich kann wieder zurück aufs Schiff kommen! … Oder ich folge einer der Schildkröten zu einem Riff! Ach! All das hört sich besser an, als darauf zu warten, dass mir das Bein abfault! … Oder dass sie es mir abschneiden und danach alles abfault!
Schon am Nachmittag hatte ich bemerkt, dass noch ein Stück weiter seitlich am Heck die Strickleitern aufbewahrt werden, über die die Matrosen in die Beiboote steigen können, wenn diese im Wasser sind.
Ich robbe ohne Eile dorthin und binde eine der Strickleitern an einen Haken, der für das Vertäuen des Schiffes gedacht ist. Das Ende der Strickleiter lasse ich über die Schiffswand hängen. Sie reicht bis kurz über die Wasseroberfläche. Das reicht mir!
Langsam und leise lasse ich mich hinunter ins Meer und achte beim Erreichen der Wasseroberfläche darauf, keine Geräusche zu verursachen.
