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Im 2. Teil des 3. Bandes dieser Buchreihe über den unfreiwilligen Erdaufenthalt des menschengleichen Außerirdischen Enah muss er sich weiterhin mit den machtgierigen Mächtigen auseinandersetzen, die nicht nur ihn benutzen wollen. Vielleicht kommt er seinem Wunsch auf eine Rückkehr zu seinem Heimatplaneten nun trotzdem näher?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Der Schein des Seins
Enah III
Teil 2
Kapitel 1 Ein Bekannter
Kapitel 2 Shoppen
Kapitel…3 Das Taxi
Kapitel 4 Der Lehrgang
Kapitel 5 Unbeliebter Lehrer
Kapitel 6 Die Teamprüfungen
Kapitel 7 Bewertungen
Kapitel 8 Über die Vergangenheit
Kapitel 9 In der Botschaft
Kapitel 10 Das Paket
Kapitel 11 Hohe Kosten
Kapitel 12 Patienten schaffen
Kapitel 13 Die Reisebegleitung
Kapitel 14 Riad
Kapitel 15 Zurück über Zürich
Kapitel 16 Ausbildungsabteilung
Kapitel 17 Ein schlechter Start
Kapitel 18 Unerwarteter Besuch
Kapitel 19 Unsanfte Landung
Kapitel 20 Die Arbeitsgruppe
Kapitel 21 Die Seereise der Newmans
Kapitel 22 Im Feldlazarett
Kapitel 23 Im All
Kapitel 24 Sehr alt
Kapitel 25 Die Abdankung
Kapitel 26 Besuch im Lager
Kapitel 27 Die intergalaktische Union
Kapitel 28 Die Eichel
Kapitel 29 William
Was bisher geschah:
Der Außerirdische Enah, dem es bei seiner zweiten Reise zur Erde gelang, als Mensch anerkannt zu werden, verlor dieses Recht nach kurzer Zeit wieder, weil sich die Forschungsinstitute zu sehr für seine körperlichen Besonderheiten interessierten. Doch kurz nachdem er seine Rechte verlor, erlosch das Interesse, ihn zu erforschen und so wurde er versteigert. Enah kam zu einem reichen Russen. Dieser wollte Enah eigentlich nur für eine Jagdtrophäe haben, doch Enah überzeugte den Mann, dass er mehr von ihm hätte, wenn er für ihn arbeitete. Wie sich herausstellte, war es für Enah nicht ungefährlich, seinem neuen Arbeitgeber zu dienen.
1 Ein Bekannter
Nun, an einem Dienstagvormittag, mitten im September, nach einer intensiven Besprechung mit dem Hotelmanagement, sitze ich nun im Wartebereich einer Brüsseler Polizeidienststelle und warte auf meinen nächsten Termin. Ich bin etwas zu früh. Meine Gesprächspartner sollen noch in einer anderen Sitzung sein, aber das macht mir nichts aus. Ich nutze die Zeit, um mich etwas von dem vielen Verkehr und der Hektik auszuruhen und lausche dem Treiben an den Schaltern und im Wartebereich.
Es ist viel los in Brüssel. Wichtige Sitzungen im Europaparlament locken nicht nur viele Journalisten, es sind auch viele Touristen unterwegs und damit wurden offensichtlich auch jede Menge Kleinkriminelle angelockt, die die Straßen unsicher machen. Der Warteraum ist jedenfalls voll von Menschen, die Diebstähle anzeigen möchten.
In meiner Ecke des Warteraumes falle ich nicht auf. Auf meine Dienstreisen in westliche Länder trage ich nur unauffällige Jacketts und nicht meine Uniform, wie ich sie z.B. in China tragen müsste. Meine Arbeitgeber und ich sind uns darüber einig, dass es besser so ist, da mein Präsident ja nicht gerade sehr beliebt in der Weltöffentlichkeit ist und seine Ankunft nicht schon im Vorfeld Aufsehen erregen soll. Die meisten Behördenvertreter waren überrascht, wenn ich mich als ihr russicher Ansprechpartner für die Sicherheit des Präsidenten vorstellte, denn offensichtlich erwarteten die meisten Leute, so einer würde anders aussehen.
Ich bin gespannt, ob es diesmal anders ist!
Da fallen mir plötzlich Stimmen mit amerikanischem Akzent im Stimmengewirr auf. Eine männliche und eine weibliche Stimme. Ich linse um die Ecke. Ein dezent elegantes Pärchen möchte den Diebstahl ihres gesamten Gepäcks anzeigen. Ich sehe die Dame schräg von vorne, der Mann steht mit dem Rücken zu mir. Sie wirkt müde und genervt. Ich lehne mich wieder zurück.
Morgen früh habe ich mich mit Christine verabredet. Wie ich mich schon darauf freue! Bei dem Gedanken an sie zieht sich wie automatisch ein Lächeln über mein ganzes Gesicht. Ob sie Marissa wohl überreden konnte mitzukommen? Sie geht sehr gerne in den Kindergarten und weiß mittlerweile, dass diese langen Fahrten sehr langweilig sein können. Nur für einen kurzen Besuch in einer für Kinder sehr langweiligen Großstadt? Ich hoffe sehr, Marissa kommt auch mit! Wir könnten in den großen Park gehen, den ich vorhin gesehen hatte. Dort gibt es mehrere Spielplätze. … Wenn es dann nicht mehr regnet!
Die Stimmen des amerikanischen Pärchens werden immer verzweifelter. Die des Mannes klingt doch vertraut! Ich beuge mich vor. Es ist William McGreen! Erschrocken mit klopfendem Herzen lehne ich mich schnell zurück. Was macht der denn hier?
Ein überraschtes Schmunzeln überkommt mich. So ein Zufall!
Ich lausche weiter und höre, dass ihnen nicht einmal Portemonnaie mit Karten und Ausweisen geblieben sind, als sie heute Morgen überfallen wurden. So können sie sich nicht einmal ausweisen, geschweige denn eine Unterkunft bezahlen.
Da fällt mir der Beamte auf, der mir gesagt hatte, ich müsse noch warten und er würde mir Bescheid sagen. Er schaut sich suchend im Wartebereich um. Schnell hebe ich die Hand, damit er mich nicht ausruft.
Als mich der Beamte durch eine Tür in den hinteren Bereich des Gebäudes leitet, werfe ich einen Blick zurück auf McGreen und die Frau. Wirklich ein sehr hübsches Pärchen, denke ich lächelnd. Ich glaube nicht, dass sie mich bemerkt haben, bei all dem Trubel hier.
Wieder einmal ernte ich überraschte Blicke bei meiner Vorstellung als russischer Vertreter, aber die Besprechung läuft sehr sachlich und ohne Vorbehalte ab. Man merkt, dass hier internationale Gäste alltäglich sind.
Eineinhalb Stunden später trete ich wieder in den vorderen Diensstellenbereich. Es ist noch immer voll. Ich entdecke William und die Frau im Wartebereich. Sie unterhalten sich mit unglücklichen Gesichtern.
Ich frage einen Beamten nach Stift und Zettel und schreibe den Namen des Hotels, in dem ich wohne und meine Handynummer auf. Ich atme tief durch, um meine Nervosität abzuschütteln, dann gehe ich rüber in den Wartebereich.
„Entschuldigen Sie bitte!“, spreche ich die beiden an, „Ich habe gehört, dass Sie sich in einer misslichen Lage befinden und würde Ihnen anbieten, meine Unterkunft mit Ihnen zu teilen, falls Sie keine andere Möglichkeit finden sollten!“
William McGreen starrt mich verblüfft mit offenem Mund an. Er findet keine Worte, als würde er einen Geist sehen.
Die Frau schaut überrascht von mir zu William, dann misstrauisch zu mir.
„Frau McGreen?“, rate ich.
Sie nickt überrascht und sieht mich fragend an.
Ich lächle sie beruhigend an. „Ihr Mann und ich, … wir kennen uns. Vor zweieinhalb Jahren …“
William McGreen räuspert sich laut. „Ähm, … ja, Enah … Jinouk!“, versucht er seine Stimme selbstsicher klingen zu lassen, doch er zieht eingeschüchtert die Schultern hoch.
Er soll keine Angst vor mir haben! Ich lächle sie beide entwaffnend an. „Tut mir leid, wenn ich Sie überrumpelt habe! … Also, ich habe zwei Räume in diesem Hotel, so viel brauche ich gar nicht. Es wäre kein Problem, wenn Sie einen davon nutzten. Ähm, … ich will es Ihnen nicht aufdrängen“, sage ich. Mir ist mein Vorstoß jetzt doch etwas peinlich. Vielleicht ist es den beiden unangenehm, dass ich sie ansprach? Ich übergebe der Frau mit einem höflichen Kopfnicken den Zettel. Sie blickt mich jetzt mit strahlendem Lächeln an und stupst dann McGreen an die Schulter, der mich wieder nur sprachlos anstarrt.
„Rufen Sie mich an! … Ich wünsche Ihnen viel Glück!“, sage ich in einer angedeuteten Verbeugung, drehe mich schnell um und eile aus der Polizeidienststelle.
Puh! Mein Herz klopft aufgeregt. Ich hätte nicht damit gerechnet, William irgendwann außerhalb eines Labores zu begegnen. Es würde mich sehr reizen, mit ihm zu sprechen!
Als ich beim Hotel ankomme, habe ich mich wieder abgeregt und kann mich voll auf die Eintragung der fehlenden Risikobereiche, die ich vorhin besprochen hatte, konzentrieren. Ich notiere alle wichtigen Punkte auf den Karten und kennzeichne, wo die belgische Polizei Sicherheitskräfte einsetzen will und wo ich lieber noch eigene Leute platzieren möchte. Das spreche ich dann telefonisch abermals mit den örtlichen Sicherheitskräften ab und gehe dann zu Fuß los, um mir einige Punkte selbst anzusehen.
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William McGreen ist immer noch total durch den Wind. Eine Stunde zuvor war noch der Diebstahl ihres ganzen Gepäcks das aufregendste, was er sich für diesen Tag vorstellen konnte. Und dann tauchte, wie aus dem Nichts Enah auf! Was macht der Außerirdische in Brüssel? Er hatte ihn in diesem schwarzen teuren Anzug und mit Kurzhaarfrisur, erst auf den zweiten Blick erkannt! Er hätte nie damit gerechnet, ihm jemals irgendwo allein unterwegs zu begegnen! Nicht in einem Labor, nicht in Ketten oder bewacht von irgendwelchen Aufsehern. Aber da stand er plötzlich vor ihm: mit gesunder, glänzender Hautfarbe, mitten in einem Polizeirevier in Brüssel! Nicht als Gefangener, das war sicher, aber aus welchem Grund war er dann dort?
Ein Polizist kommt nun endlich heran. Umständlich erklärt er ihm und seiner Frau, warum die Polizei nicht für eine vorübergehende Unterkunft für sie sorgen kann. Dafür sei die Polizei nicht zuständig, aber sie könnten ja bei der Bahnhofsmission um Rat fragen oder einen Platz in einer Obdachlosenunterkunft suchen. Schließlich konnte bisher nicht bewiesen werden, dass ihnen tatsächlich alles gestohlen wurde! Im ersten Moment findet William McGreen das unverschämt, schließlich ist er ein angesehener Universitätsprofessor, aber das weiß die hiesige Polizei natürlich nicht. Er regt sich ab, bevor er laut wird und seufzt resigniert. Obdachlosenunterkunft? Auf keinen Fall! Nicht mit seiner Frau, das hat sie nicht verdient! Er blickt sie entschuldigend an.
„Will, was ist mit diesem netten Mann? Ihr kennt euch doch?“, überlegt sie.
Er zuckt erschrocken zusammen. „Was? … Nein! … Nein, das wäre …, das geht nicht!“ Wie lange hatte er versucht sein schlechte Gewissen zu verarbeiten, dass er gegenüber Enah hatte? Versucht, nicht an ihn zu denken? Enah musste ihn hassen, nach allem, was er und seine Kollegen mit ihm Forschungszentrum angestellt hatten! Gut, Enah hatte ihm nie gesagt, dass er ihn hassen würde, aber sie mussten ja notgedrungen irgendwie miteinander auskommen. Sie konnten einander nicht ausweichen. … Na ja, Enah konnte ihnen nicht ausweichen! Das schlechte Gewissen nagt wieder an William McGreen.
Aber Enah war vorhin freundlich zu ihm. Warum nur? In seinem Bauch scheint sich ein Stein zusammenzuballen. Er hat es nicht verdient, besser als gleichgültig von Enah behandelt zu werden!
Der Gedanken an das Gefühl, Enah zu berühren, kommt in ihm auf. Es fühlte sich seltsam gut an. Verdammt!
„Komm Schatz, lass uns erst mal bei der Mission fragen!“, sagt William McGreen, um auf andere Gedanken zu kommen und sie gehen hinaus in das regnerische Wetter.
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Kurz bevor ich am Abend wieder das eindrucksvolle Luxushotel erreicht habe, klingelt mein Handy.
Ein unsicheres „Hallo?“ ist zu hören, „Das mit dem Zimmer … ist das vielleicht noch möglich?“ Es ist McGreen!
Überrascht atme ich tief durch. „Ja, natürlich! … Am besten, Sie kommen zum Hintereingang, ich warte dort“, sage ich, als ich mich gefasst habe. Ich gebe noch einen Hinweis, wie der Hintereingang zu finden ist.
Wenige Minuten später habe ich den Hintereingang erreicht und warte gebannt auf William und seine Frau. Ich bin ganz aufgeregt, aber ich weiß nicht warum. Seltsamerweise freue ich mich eher auf William, als dass es meine Laune trübt.
Zehn Minuten später, es regnet noch und ist bereits dunkel, erreichen sie mich. Ich nicke ihnen nur zu und öffne mit meiner Schlüsselkarte die Tür. Die Zugangsberechtigung für die Hintertür habe ich bekommen, damit das ständige Kommen und Gehen des Personals um Jot nicht über den prestigeträchtigen Vordereingang abgewickelt werden muss. Und so muss dafür nicht extra Personal des Hotels abgestellt werden.
„Bitte!“, sage ich, als ich sie in mein schmuckloses Zimmer mit den zwei Räumen lasse. Für Jot ist die ganze Etage reserviert. Ich habe das Stabszimmer neben seiner Suite. Für die Wachleute und Iranow sind weitere Zimmer vorgesehen.
Erschrocken erinnere ich mich an die ganzen Pläne auf dem Tisch und führe die beiden gleich, ohne das Licht einzuschalten, weiter durch den kleinen Flur mit dem Bad, in den als Schlafzimmer vorgesehenen zweiten Raum. Am Planungstisch steht ein Sofa. Darauf kann ich schlafen.
„Bitte sehr! Das Bad müssten wir uns aber leider teilen“, sage ich, nehme meinen noch nicht geöffneten Koffer und schließe die Tür hinter ihnen. In ihrem Schlafbereich befindet sich ein breites Bett, wenn auch kein Doppelbett.
Zurück im Stabsraum überfliege ich nochmals die Karten, konzentriere mich aber eher auf die gedämpften Geräusche aus dem anderen Zimmer.
Nach einer Weile geht die Frau ins Bad und kommt kurz darauf wieder hinaus.
„Hatten Sie schon Abendessen?“, frage ich sie, bevor sie wieder durch die Tür geht.
Sie verneint und so lasse ich gleich drei Abendessen aufs Zimmer bestellen.
„Vielen Dank!“, sagt die Frau, „Woher kennen Sie und mein Mann sich eigentlich?“
„Wir hatten uns im Forschungszentrum kennengelernt“, sage ich ruhig, gerade als er die Tür des Schlafzimmers öffnet.
William McGreen wird etwas blass. „Ja genau! … Ich hatte dir doch erzählt, dass ich an Forschungen zur Raumfahrt … - Raumfahrtsimulationen - mitgearbeitet hatte!“, sagt er hastig und schaut mich flehentlich an.
„Ach, sind Sie auch Forscher?“, fragt sie interessiert.
Ich lächle freundlich. „Nein. … Ich hatte dort andere Aufgaben. Ich hatte nur … mitgearbeitet“, sage ich beruhigend.
William McGreen entspannt sichtbar erleichtert.
Ich denke, er durfte seiner Frau aus Vertragsgründen nichts Näheres über seine Forschungen erzählen.
„Ah! … Und was arbeiten Sie jetzt? Hier in Brüssel? Sind sie im Hotel beschäftigt?“, fragt sie neugierig.
„Nein. … Ich bin im Personenschutz tätig und soll den Aufenthalt meines Arbeitgebers vorbereiten“, erkläre ich.
Sie nickt verständnisvoll und William sieht mich nachdenklich an. Bestimmt sind damit einige Fragen für ihn geklärt.
Es klopft an der Tür zum Flur, das Essen wird gebracht.
Während sie im Schlafzimmer essen, organisiere ich Hygieneartikel für die beiden und lasse mir etwas Geld für sie auszahlen, damit sie sich morgen neue Kleidung kaufen können.
Danach betrachte ich wieder die Pläne und spiele gedanklich einige Vorfälle durch, überlege Ausweichrouten und die kürzesten Wege für meine Leute.
Als ich gerade einige Gebäude vom Balkon des Stabsraumes aus, der zur Vorderseite des Hotels zeigt, mit dem Fernglas betrachte, kommt William in den Raum.
„Hallo!“, begrüße ich ihn und eile schnell zum Tisch, um die Karten mit der obersten Stadtkarte abzudecken.
„Hallo Enah! … Warum … hilfst du mir, äh, uns?“, flüstert er.
„Ihr saht aus, als wenn ihr Hilfe brauchtet“, sage ich schulterzuckend.
William sieht aus, als wolle er etwas erwidern, atmet dann aber nur laut aus und blickt über den großen Tisch voller Papier.
„Ähm, für wen arbeitest du?“, fragt er dann.
Ich sehe ihn unentschlossen an. Mir wäre es ihm gegenüber peinlich, das zu sagen, und außerdem würde er wahrscheinlich sofort wieder aus dem Hotel flüchten, wenn er wüsste, wer seine Unterkunft bezahlt.
„Bieter Nummer achtzehn“, sage ich nickend.
William nickt wach, als er meine Andeutung erkennt. Er wusste also tatsächlich nicht, wer das war?
„Dann bist du also nicht so viel rumgekommen“, stellt er fest.
„Na ja, räumlich komme ich viel rum“, sage ich lachend.
„Ich hatte gleich, nachdem du weg warst, meine Stelle bei der Universität angetreten. Hatte ich die erwähnt?“
Ich nicke.
„Tja, seitdem bin ich dort. Es macht mir Spaß“, sagt er leise.
„Das freut mich für dich.“
„Warst du denn noch … irgendwo …“,druckst er.
„Nein. Fast von Anfang an sollte ich für ihn, … Bieter achtzehn arbeiten. … Es könnte schlimmer sein!“, sage ich und lache wieder aufmunternd, denn er sieht aus, als hätte er ein sehr schlechtes Gewissen.
„Und was ist mit deiner … Frau und deiner Tochter? Konntest du sie wiedersehen?“, fragt er neugierig.
Ich nicke. „Ja. Und morgen früh wollen wir uns treffen. … Ich habe jetzt zwei Töchter …“, sage ich lächelnd und dann ernst blickend hinterher: „… für die ihr nicht verantwortlich seid.“
William fällt wieder zusammen.
„Entschuldigung, ich wollte dich nur ärgern“, sage ich lachend, denn er tut mir fast leid in seinem schlechten Gewissen. „Ist sie deine Frau?“, frage ich, denn ich hatte es ja nur geraten.
Er nickt bei dem Gedanken entspannt. „Ja … seit fünf Tagen.“
„Oh, dann gratuliere ich euch! … Ihr seht nett zusammen aus.“
William sieht verlegen zu Boden.
Sagt man das so nicht? Unsicher schaue ich aus dem Fenster.
„Ähm, … ich gehe dann mal wieder rüber zu Sarah“, sagt er und verschwindet im Schlafzimmer.
Ich seufze tief und beginne, mich aufs Schlafen vorzubereiten. Ich will morgen fit für Christine und die Kinder sein!
2 Shoppen
Als ich am nächsten Morgen in Freizeitkleidung aus dem Bad komme, ist es im Schlafzimmer noch immer still. Ich lege einen Zettel vor die Tür, auf dem ich die Nummer für die Frühstücksbestellung geschrieben habe, und schreibe, dass ich Geld für neue Kleidung ins Bad gelegt habe. Außerdem den Hinweis, dass eine Schlüsselkarte für sie an der Rezeption bereitliegt.
Danach gehe ich hinaus, denn wenn alles klappt, müsste Christine gleich da sein.
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William McGreen hört die Tür zum Flur ins Schloss fallen. Er ist schon eine Weile wach, aber Sarah schläft noch. Außerdem möchte er nicht in der Unterwäsche, die er seit etwa dreißig Stunden trägt, Enah begegnen. Jetzt drückt aber seine Blase und er muss hoch!
Leise öffnet er die Tür. Er hat richtig gehört, Enah ist weg.
Auf dem Boden entdeckt er einen Zettel. Er hat ihnen auch noch Geld für Kleidung ausgelegt? Das ist unangenehm, aber sie brauchen wirklich dringend frische Kleidung. Sie werden es zurückzahlen, sobald das möglich ist!
Nach dem Toilettengang geht er neugierig auf den großen Tisch zu. Was das wohl für Karten sind? Enah hat sie mit einer Karte abgedeckt. Er kann nur einen mit rotem Filzstift gezeichneten Kringel am Rand erkennen. Nein. Er wird nicht unter die Karte schauen! Er möchte Enahs Vertrauen nicht missbrauchen. William McGreen seufzt und schaut nachdenklich aus dem Fenster, während er sich eine Reihenfolge für Erledigungen überlegt.
Dann fällt ihm eine blonde Frau mit zwei Kindern auf dem Bürgersteig gegenüber des Hotels auf. Er sieht Enah über die Straße gehen und dann die Kinder und die Frau begrüßen. Ein schönes Bild. Er kennt die Frau aus Videotelefonaten. Es ist die deutsche Polizistin, mit der Enah verheiratet war. Er lächelt. Alle Anspannung des letzten Tages fällt von ihm ab. Er geht zurück ins Schlafzimmer, um Sarah zu wecken und zu verwöhnen.
Später, nach dem Frühstück, gehen er mit seiner Frau Kleidung kaufen und danach zurück ins Hotel, um zu duschen und die frische Kleidung anzuziehen, bevor sie sich dann wieder aufmachen, um die Sache mit dem gestohlenen Gepäck zu verfolgen und sich um neue Ausweise zu kümmern.
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Draußen erblicke ich Christine und die Kinder auf der anderen Straßenseite. Mir fällt es schwer, auf den Verkehr zu achten, als ich zu ihnen herübergehe. Dann begrüßen wir uns herzlich. Zu meiner großen Freude hat Christine Marissa überreden können, mitzukommen. Ich freue mich so sehr sie alle endlich wiederzusehen!
Wir frühstücken in einem kleinen Café. Christine trinkt ein Kännchen Kaffee alleine, da sie jetzt ziemlich müde nach der langen Fahrt und dem frühen Aufbruch ist. Sie sind mitten in der Nacht losgefahren, um mich um acht Uhr zu treffen. Das kann ich ihr gar nicht hoch genug anrechnen! Ich bewundere, was sie mir zuliebe alles auf sich nimmt! Die Kinder hatten unterwegs geschlafen und so kann ich mich anschließend im Park mit ihnen beschäftigen, während sich Christine ausruht, denn sie möchte gleich heute Mittag, wenn ich mich um meine Arbeit kümmern muss, wieder nach Wietze aufbrechen.
Viel zu schnell ist die Zeit um und ich muss zurück ins Hotel, denn der ganze Pulk um Jot erscheint gleich in zwei Etappen: Zuerst meine Wachtruppe, die für die Sicherung des Hotels eingeteilt ist, danach der ganze Rest zusammen mit Jot. Mir werden nur etwa zehn Minuten bleiben, um die vorab planmäßig geschickten Standpunkte in den realen Räumen zu zeigen. Normalerweise klappt das ganz gut, aber wie immer sind auch zwei unerfahrene Leute zur Innenraumabsicherung eingeteilt.
Kaum habe ich mich geduscht und angekleidet, meldet die Rezeption schon meine Leute an.
Immer noch beseelt von meinem Treffen mit meiner Familie, eile ich hinunter und hole sie hoch ins Stabszimmer, um ihnen die Pläne mit den wichtigen Einrichtungen im Hotel zu geben und die Funkfrequenzen abzustimmen. Dann führe ich sie durch die Etage und zeige ihnen Jots Suite. Danach lasse ich sie ihre Kleidung richten und die vorgesehenen Plätze in der reservierten Hoteletage einnehmen. Dann gehe ich in die Lobby, um Jot zu empfangen.
Ich begleite ihn in seine Suite und kläre ihn grob über die geplanten Sicherheitsmaßnahmen und Fluchtwege auf. Kaum bin ich damit fertig, höre ich plötzlich laute Stimmen und einen spitzen Schrei auf dem Flur. Siedeheiß fallen mir McGreen und seine Frau ein!
Ich nicke Jot entschuldigend zu und eile sofort hinaus auf den Flur.
Die am Treppenaufgang positionierten Neulinge sind etwas über-engagiert und drücken die McGreens laut schimpfend an die Wand.
„Lasst sie los! Sie sind meine Gäste! Und bitte dämpft eure Stimmen! Das ist ein Hotel. Ihr müsst leise bleiben!“, ermahne ich sie auf Russisch mit ruhiger Stimme und hebe beschwichtigend die Arme.
Sie lassen die McGreens los und ich schiebe sie in das schnell geöffnete Stabszimmer.
„Entschuldigung, ich hatte nicht an Sie gedacht. Ich erwartete Sie erst gegen Abend“, sage ich schuldbewusst auf Englisch.
Die beiden sind noch kreidebleich. Es muss sehr erschreckend für sie gewesen sein, von schwarz gekleideten, schwer bewaffneten Wachleuten überrascht worden zu sein!
„Das sind meine Kollegen. Sie sind noch neu. Mein Arbeitgeber ist angekommen“, erkläre ich, „Sie dürfen natürlich weiterhin das Zimmer benutzen. … Waren Sie mit Ihren Ausweisen denn erfolgreich?“ Mir ist das furchtbar peinlich. Wie konnte ich sie nur vergessen? Zum Glück lief es glimpflich für sie ab!
„Puh, … also … ich glaube …“, stammelt William McGreen leise.
„Wirklich, sie wissen jetzt Bescheid. Ich sage ihnen gleich noch, dass Sie durchgelassen werden dürfen. … Spricht sonst etwas dagegen?“, frage ich verlegen.
„Na ja, … kann ja mal passieren oder Will?“, sagt sie verständnisvoll.
„Hmpf!“, macht er nur.
Ein Funkcode beordert mich zurück in Jots Suite.
„Entschuldigung, ich muss rüber. Wenn Sie bleiben möchten, bleiben Sie bitte möglichst auf dem Zimmer! Ansonsten kann ich nachher auch ihre Schlüsselkarte wegbringen“, verabschiede ich mich.
Wahrscheinlich werden sie ihre Sachen gepackt haben und gegangen sein, wenn ich nachher wieder ins Stabszimmer komme!
Als ich reinkomme, sieht mich Iranow schulterzuckend an und zeigt aufs Badezimmer. „Er möchte, dass Sie ihn unterstützen.“
Seufzend sehe ich auf die Uhr. Es ist halb vier. Um vier kommt ein Europa-Abgeordneter für eine Vorab-Besprechung in die Suite. Jot muss sich beeilen!
Als ich das Bad betrete, steht er unter der Dusche. Ich ziehe mein Jackett aus und warte, bis er fertig ist. Um Viertel vor vier steigt er grinsend aus der Duschkabine. Zum Glück hat mir Iranow seine Kleidung schon hereingegeben, doch der ganze Raum ist voller Dunst und klamm. So lässt sie sich schlecht anziehen.
„Enah?“, spricht er mich an, als ich seine Hemdsärmel zuknöpfe, „Wer sind eigentlich deine Gäste?“
Mist! Er hat es mitbekommen! Ich tue, als überhöre ich die Frage.
„Ist es deine Ex-Frau und die Kinder?“, fragt er lungernd.
„Nein. Sie sind schon weg“, gebe ich zu.
„Wer ist es dann?“, fragt er überrascht.
Ich möchte es ihm nicht sagen. Um mir eine Ausrede zu überlegen, zupfe ich Fussel von seinem Jackett.
Nach einigen Sekunden greift er demonstrativ nach seinem Handy auf der Waschbeckenablage. Eine Drohung, mein Halsband zu aktivieren. „Enah?!“
Mist! Mir fällt keine Umschreibung ein. „Es ist ein … Bekannter.“
„Wer?! … So viele Bekannte hast du ja nicht! Wer befindet sich auf Kosten Russlands in deinem Zimmer? Wer?!“, fordert er streng eine Antwort.
„Hmpf! … Er heißt William McGreen. Er und seine Frau“, sage ich verdrossen.
Jot überlegt grimmig, dann zieht sich ein Grinsen über sein Gesicht. „McGreen? Heißt so nicht der Wissenschaftler, der die Heilungskräfte deines Körpers erforscht hatte?“, fragt er sehr überrascht.
Ein Blick über den Spiegel in mein Gesicht reicht ihm, um in herzhaftes Gelächter auszubrechen. „Nein, wie interessant! … Wie kommt der denn in dein Zimmer?“
„Ich hatte sie zufällig im Polizeirevier getroffen. Sie wurden beraubt. Ich wollte ihnen helfen“, sage ich.
Jot beobachtet mich grinsend, während ich seine Haare trockne und er sich rasiert.
„Neunzehn Uhr zum Dinner! Sorge dafür, dass sie erscheinen!“ Jots Stimme lässt keine Widerrede zu.
Ich nicke resigniert. Hoffentlich sind sie noch nicht weg! Obwohl, eigentlich wäre mir das lieber. Verdammt, wie peinlich!
Als ich ins Stabszimmer komme, ist die Tür zum Schlafzimmer zu. Ich klopfe an.
„Yes?“, höre ich von innen.
Mist! Ich trete ein.
Die beiden sehen fertig zum Aufbruch aus.
Ich räuspere mich mehrmals und sage dann krächzend: „Mein Arbeitgeber lädt Sie beide zum Abendessen ein. … Neunzehn Uhr in der Suite nebenan. … Er erwartet dringend Ihre Anwesenheit!“ Ich kann ihnen nicht in die Augen sehen und wende mich nach einer angedeuteten steifen Verbeugung um und schließe die Tür hinter mir. Puh, die Einladung wäre raus!
Kurz nach siebzehn Uhr, der Abgeordnete ist gerade gegangen, komme ich wieder ins Stabszimmer, um mit meinen Leuten den Ablauf für morgen zu besprechen.
Gegen Viertel nach sechs sind wir fertig und ich schicke sie auf ihre Zimmer oder an ihren Posten. Aus dem Schlafzimmer ist die ganze Zeit nichts zu hören. Sind die McGreens doch ausgezogen?
Dann, als ich halb umgezogen bin, höre ich strenge Stimmen, diesmal leise, auf dem Flur. Gleich darauf geht die Flurtür auf und die McGreens kommen mit Tüten mit neuer Kleidung herein. Ich nicke ihnen zu und ziehe mir vor dem Wandspiegel den Frack und die weiße Fliege an. William schaut mir dabei gedankenverloren zu.
„Bis gleich!“, sage ich überdeutlich und nicke auf die Tüten in seiner Hand, um ihn daran zu erinnern, dass er sich auch noch umziehen sollte.
In Jots Suite soll ich mit Iranow die Spuren des letzten Besuchs entfernen und den Esstisch aufdecken.
Um neunzehn Uhr sind wir gerade damit fertig, da klopft es schon an der Tür.
Unsicher schaue ich mich um. Jot ist noch im Schlafbereich. Er wollte sich umziehen.
Ich lasse die McGreens herein und weise ihnen die Plätze am Tisch zu, da kommt schon der Hotelservice mit den Speisen, die Jot bestellt hatte.
Ich überlasse es Iranow, sich darum zu kümmern und gehe in das Schlafzimmer, um nach Jot zu sehen.
„Sind sie da?“, fragt er, während er sich ein frisches Hemd überzieht.
Ich nicke bestätigend.
„Weißt du, ob sie oder einer von ihnen Russisch spricht?“
„Nein“, sage ich und gehe auf seinen unzufriedenen Blick hin, gleich zurück zum Esstisch.
„Entschuldigung? … Verstehen Sie Russisch?“, spreche ich beide an.
Die McGreens sehen sich an und schütteln dann beide den Kopf.
Ich nicke und gehe zurück ins Schlafzimmer, um es Jot zu sagen, der sich gerade den Binder umlegt.
„Enah, … ich möchte, dass du mir zum Übersetzen zur Seite stehst! In beide Richtungen!“, sagt er selbstzufrieden über seine Idee.
Ich seufze genervt. Er versteht doch Englisch! Gut, ich weiß, dass er nicht gerne Englisch spricht. Es würde also völlig reichen, wenn ich nur für ihn spreche. Ich glaube, er hat gemerkt, dass er mir vor den McGreens peinlich ist und möchte mich ärgern! Na gut! Mache ich, was er will! Ich möchte mich nicht vor William entwürdigen lassen.
Jot grinst über meine grimmige Entschlossenheit. Er hat wieder gewonnen.
Resigniert folge ich ihm zum Esstisch und helfe ihm beim Setzen. Ich wage kaum in Williams Gesicht zu sehen, erkenne aber trotzdem seinen entsetzten und verunsicherten Gesichtsausdruck, als er den Gastgeber erkennt. Ich nicke Iranow zu, damit er sich um den Service kümmern kann und stelle mich demonstrativ steif und unaufdringlich neben Jot, um auf meinen Einsatz zu warten. Jot blickt mich an.
„Ihr Gastgeber, Herr Pjotr Sokolow, … Frau Sarah McGreen, Herr Professor Doktor - Doktor William McGreen“, sage ich, wie mechanisch. Meine Knie sind etwas weich und ich zittere leicht vor Anspannung. Hoffentlich hat sie nicht auch irgendwelche Titel! Ich vergaß, danach zu fragen.
„Ich freue mich, dass Sie meine Einladung angenommen haben. Ich habe mir herausgenommen, ein Vier-Gänge-Dinner für uns zu bestellen …“, beginnt er und fährt dann damit fort, die McGreens über ihre Reise nach Belgien auszufragen.
Wie unbeteiligt übersetzte ich alles: Sowohl das Russiche ins Englische als auch umgekehrt und versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich Jot am Liebsten anbrüllen wollte, er solle doch selbst sprechen!
Aber Jot genießt sein Spielchen.
Eine ganze Stunde, solange das Essen dauert, zuckt Jot nicht mit der Wimper, wenn er etwas Interessantes hört, bis ich es übersetzt habe. Die ganze Zeit über fragt fast nur Jot und die McGreens antworten. Ich sehe ihnen an, dass ihnen das unangenehm ist, es aber nicht wagen, etwas zu sagen, was unhöflich wirken könnte.
Dann winkt er mich mit einem Finger, mir etwas zuzuflüstern. Ich beuge mich neben ihn.
„Du nimmst dir jetzt den Umschlag dort von der Kommode und gehst mit der Dame einkaufen! Keine Ausrede! Es haben noch viele Geschäfte geöffnet“, flüstert er in mein Ohr.
Ich räuspere mich und vergewissere mich mit einem Blick, dass Frau McGreen fertig mit dem Essen ist. Dann gehe ich neben sie und sage leise: „Frau McGreen? Herr Sokolow möchte Sie zu einer Shoppingtour bitten. Ich werde Sie fahren.“
Ich stelle mich dicht neben sie und weise auffordernd mit der Hand zur Tür, um ihr hoffentlich unmissverständlich zu zeigen, dass sie sofort aufbrechen soll. Eigentlich nichts anderes als ein höflicher Rausschmiss!
William sieht uns hilflos hinterher, als ich seine Frau aus der Suite leite. Ich kann mir vorstellen, dass Jot mit ihm über mich sprechen möchte.
Ich lasse mir vom Wachpersonal die Schlüssel des gepanzerten Leihwagens geben und sie recherchieren, welche gehobenen Einkaufsmöglichkeiten um diese Zeit noch geöffnet haben, während ich mir den zum Frack passenden Mantel und Hut aus dem Stabsraum hole. Dann fahre ich sie schweigend zum herausgesuchten Einkaufszentrum.
„Ach, ich habe eigentlich keine Lust auf Schnickschnack oder Klamotten kaufen“, sagt sie nörgelig, sieht mich aber entschuldigend an.
Ich überreiche ihr den Umschlag, in dem sich Geld befindet. „Hier! Wenn Sie das ausgegeben haben, fahre ich Sie zurück zum Hotel.“
Sie schaut in den Umschlag und reißt die Augen auf. „Dreitausend Euro?“
Ich zucke mit den Schultern.
„Wie soll ich das denn ausgeben? … Ach, … eigentlich möchte ich kein Geld von Herrn Sokolow annehmen“, sagt sie ärgerlich.
Ich nicke verständnisvoll.
„Ich komme mir dann vor, … als ließe ich mich bestechen. … Nein! Ich möchte das nicht annehmen. … Auch wenn Herr Sokolow dann beleidigt ist!“, sagt sie grimmig, von meinem Blick ermuntert.
„Es beleidigt Herrn Sokolow nicht. Er wird sich nur freuen, dass er das Geld nicht ausgeben musste“, sage ich sachlich.
„Ach! … So viel Geld für Tand ausgeben? Ich habe jetzt genug Klamotten. Und das Geld bekommen Sie wieder. … So viele Menschen können sich gar nichts leisten und ich soll mich von diesem … dieser Person beschenken lassen? Damit hätte ich ein schlechtes Gefühl. … Wissen Sie? Ich bin seit Jahren in der weltweiten Flüchtlingshilfe engagiert und sammle Spenden und organisiere mit anderen die Transporte. … Ich kann einfach nicht Hunderte Dollar für ein einfaches T-Shirt ausgeben!“, sagt sie jetzt rot vor Ärger.
Ich lächle sie entzückt an. Sie gefällt mir. „Wissen Sie was?“, sage ich beruhigend, „Sie nehmen jetzt am besten das Geld von Herrn Sokolow, kaufen diesen teuren Tand, verkaufen ihn gewinnbringend und verwenden das Geld für Ihre Zwecke! Vielleicht finden Sie da drin ja auch etwas Nützliches? … So könnten Sie dieses anrüchige Geld in etwas Sinnvolles wandeln! … Herrn Sokolow ist es egal, ob Sie oder sein nächster Gast das Geld für Luxus ausgeben, es zurückgeben oder ob es in Russlands Wirtschaft bleibt und dafür vielleicht Waffen gekauft werden oder Gefängnisse gebaut. Für ihn ist es nur Taschengeld.“
Sie sieht mich eine Weile nachdenklich an. „Na gut. Lass uns reingehen!“, sagt sie dann.
Die Begleitung eines elegant gekleideten, vorgeblichen Butlers verhilft Frau McGreen zu einem außergewöhnlichen, sonst wohl vermiedenen Einkaufserlebnis in noblen Geschäften. Mit wohlüberlegter Wahl, was in welchen Größen sich am besten wieder zu Geld machen ließe, schafft es Frau McGreen, das ganze Geld auszugeben. Am Ende bleiben nur noch ein paar Euro übrig, für die wir uns einen Kaffee gönnen wollen, obwohl die Vorbereitungen zum Schließen bereits beginnen.
„Danke!“, sagt sie müde, als wir uns setzen.
„Was machen Sie denn beruflich, Frau McGreen?“
„Oh, ich bin Hausmeisterin“, sagt sie.
„Oh“, sage ich überrascht lächelnd. Ich hätte wegen ihres Auftretens einen Bürojob erwartet.
„Wie haben Sie William kennengelernt?“
„Ja, …also, ich arbeite bei der Universität … und manchmal bekomme ich da schon mal etwas von den Vorträgen mit. Und die von William sind sehr unterhaltsam. … Die hatte ich mir dann schon in der Freizeit angehört, als ich noch Single war. … Ja, und dann ging mal mitten in der Vorlesung, die Tischleuchte am Rednerpult kaputt …“ Sie lächelt verschmitzt.
Ich lache auch.
„Wissen Sie etwas über Williams Forschungsarbeit im NASA-Institut?“, frage ich nach einer Pause.
Sie schüttelt den Kopf. „Nein nur wage. … Darüber darf er mir ja nichts erzählen.“
„Denken Sie denn, dass er möchte, dass sie es wissen?“, hake ich nach.
Sie überlegt einen Moment ernst. „Ja, ich glaube, ihm fällt es sehr schwer, nichts darüber zu sagen. … Er hat Angst davor, es könnte unserer Beziehung schaden, es nicht zu sagen, … aber auch, es zu sagen. Ich glaube, das ist ein schwieriges Thema für ihn.“
„Ja, das verstehe ich“, sage ich seufzend.
„Wie meinen Sie das?“, fragt sie verunsichert, „Was soll denn mit diesen Raumfahrtsimulationen so schwierig gewesen sein? … Ich hatte mal etwas über das Projekt gefunden, sie hatten dafür Häftlinge benutzt. … Aber die hatten doch alle keinen Schaden davongetragen?!“
Ich nicke beruhigend.
Sie entspannt etwas.
Ich seufze tief. „Ihr Mann musste sich verpflichten, zu schweigen. … Ich musste das nicht.“
„Weil Sie ein einfacher Mitarbeiter waren?“, rät sie.
„Jeder einfache Mitarbeiter musste sich verpflichten zu schweigen. Auch die Sanitätssoldaten und Wachleute.“
„Aber, …“ Ihre Stirn kräuselt sich nachdenklich.
„Ich hatte mitgearbeitet, aber ich war kein Mitarbeiter“, sage ich seufzend, „Ja, dort wurden Raumflugsimulationen durchgeführt, aber das war nicht das Forschungsgebiet Ihres Mannes. … William war zuerst der Assistent von Professor Newman. Hatte er ihn erwähnt?“
Sie nickt aufmerksam.
„Sie … wollten … Also, Ihr Mann hatte sich zum Beispiel mit der Erforschung der Unterschiede zwischen organischem Gewebe befasst, …irdischem und nicht-irdischem. Da …“
„Gewebe? … Nicht irdisch? … Sie wollen mich verarschen! … Ein paar Steine, okay, aber sagen Sie nicht, die hätten da wirklich einen Alien gehabt!“, ruft sie und lacht herzhaft.
Meine Unsicherheit ist weg und ich lache ebenfalls erheitert. „Und wenn doch?“, frage ich verschmitzt.
„Neeee! … Ey, jetzt muss ich mir gerade vorstellen, wie Will an so einem schleimigen Monster rumschnippelt!“, sagt sie belustigt angeekelt.
„Vielleicht sieht es gar nicht aus wie ein schleimiges Monster?“, frage ich grinsend.
„Haben Sie es denn dann auch schon gesehen?“, fragt sie und lehnt sich skeptisch, aber nicht ernst zurück.
„Ja. Jeden Tag, … wenn ich in den Spiegel schaue“, sage ich schulterzuckend.
Ihr Grinsen verschwindet ganz langsam. „Sie verarschen mich!“
„Glauben Sie etwa, Ihr Mann hätte im NASA-Forschungslabor den ganzen Tag nur Häftlingen den Blutdruck gemessen und sie beim Wäschewaschen beaufsichtigt, um seine Erfahrungen über Gewebezellen zu sammeln, über die er jetzt im Hörsaal spricht?“
Sie schaut mich betroffen an, zuckt ratlos mit den Schultern.
Ich seufze und schaue zur Angestellten des Cafés herüber, die am Tresen steht und mit übertriebener Geste auf ihr Handgelenk tippt.
„Wir sollten gehen!“, sage ich augenrollend und stehe mit einem Ruck auf. Ich gehe vor bis zum Wagen und lasse Frau McGreen auf der Beifahrerseite einsteigen, statt hinten.
Einige Minute starrt sie mich nachdenklich an. „Selbst, wenn ich Ihnen das glauben sollte, Sie sehen aus wie ein normaler Mensch“, sagt sie dann.
„Ja, das finde ich auch. … Und ich habe auch zwei Kinder mit Christine aus Deutschland, so ähnlich sind wir uns genetisch. … Aber leider bewerten die Behörden das anders. Sie sagen, ich wäre kein Mensch.“
„Ja, … genau!“ Sie fühlt sich verarscht.
„Glauben Sie mir, mit Menschenrechten würde ich ganz bestimmt nicht für Herrn Sokolow arbeiten, … sondern in einem Baumarkt in Deutschland.“
Wir lachen beide, während ich den Wagen in der Garage des Hotels parke und sie höflich, vollgepackt mit Taschen vom Auto in Jots Etage begleite.
Auf meine Frage sagen mir die Wachleute, dass William wieder ins Stabszimmer gegangen ist, und so gehen wir dort hinein.
William steht nachdenklich auf dem Balkon, ein Glas Wein in der Hand und eine halb volle Flasche neben sich.
„Oh, da seid ihr ja!“, sagt er müde, als wir den Balkon betreten.
Frau McGreen umarmt ihn von hinten und küsst ihn liebevoll. „Ja. … Wir hatten viel Spaß. … Dein Bekannter hat mich verleitet, viel Geld für unnütze Dinge auszugeben“, scherzt sie, „… und erzählt, dass du an ihm geforscht hättest.“
William zuckt so zusammen, dass sein Glas überschwappt und räuspert sich.
„Ja. Ihr hattet nicht verlangt, dass ich nichts darüber sage“, sage ich beruhigend, „Und? Was wollte Herr Sokolow von Dir? … Ging es um meinen Körper, ähm, das mit den Organen?“, frage ich unsicher, denn ich kann seine Stimmung nicht ganz deuten.
„Ja. Er will, dass ich ihn mit dir behandle, wenn er krank würde oder dass ich zumindest Dr. Kavic eine Einweisung geben sollte. Und natürlich wollte er die passende Dialysemaschine dazu haben“, gibt er resigniert zu. Er blickt mich an und wischt sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Ich wollte eigentlich nicht wieder mit dir laborieren!“, sagt er voller Unwillen. Wer weiß, mit was Jot im vorhin gedroht hatte!
„William, es ist in Ordnung, wenn du das machst, oder Professor Newman oder Gerhard oder wenn Kavic es könnte. Bei euch fühle ich mich sicher. Ihr könntet das! Bitte überlasst das nicht irgendwem, oder hmmm, … du weißt schon!“ Ich bringe es nicht fertig, den Namen „Cole“ auszusprechen. „Du kennst dich am besten mit … meinem Körper aus“, sage ich eindringlich.
William sieht mich elendig an, setzt sich und legt das Gesicht in die Hände.
„Wovon sprecht ihr?“, fragt Frau McGreen fassungslos.
„Wie gesagt, William hatte mich schon oft operiert und so was. Er kennt sich wirklich gut aus mit meinem Körper.“ Ich schaue sie schulterzuckend an und dann aus dem Fenster. „Und er hatte versucht, mich fair zu behandeln“, ergänze ich leise.
„Will, was meint er?“, flüstert sie schrill.
„Er …“, William blickt kurz zu mir und versteckt dann wieder sein Gesicht in den Händen, „ … war unser Versuchsobjekt.“
Sie schaut zwischen uns hin und her, langsam begreifend.
„Du wurdest viel zu oft unfair behandelt“, korrigiert William mich.
Ich nicke. „Aber du, William, schuldest mir nichts. Ich glaube, wir sind quitt miteinander“, sage ich ruhig.
Er schaut zu mir auf. „Glaubst du?“, fragt er, unentschlossen den Kopf wiegend.
Nochmals nicke ich und sehe mich mit einem lauten Seufzer um. „Ich gehe jetzt lieber noch mal zu Jot, ähm, Herrn Sokolow! … Sie sollten jetzt miteinander reden!“, fordere ich sie aufmunternd auf und gehe hinaus.
3 Das Taxi
Als ich in Jots Suite komme, ist Iranow schon gegangen.
Jot schaut in seinem Bett fern. „Ach, Enah! … Konntest du Frau McGreen gut unterhalten?“, fragt er entspannt.
„Ja“, sage ich und räume seine Kleidung vom Boden auf einen Stuhl.
„Wie viel hat sie ausgegeben?“
„Alles.“
Jot verzieht überrascht das Gesicht. „Sie wirkte gar nicht gierig.“
Ich zucke nur mit den Schultern. „Möchten Sie noch etwas? Sonst würde ich gehen …“
„Nein … eigentlich nicht“, sagt er, obwohl er fast unzufrieden wirkt, dass ich nichts über sein Gespräch mit William wissen möchte.
Ich verbeuge mich kurz, schließe die Tür zum Schlafzimmer und gehe wieder rüber, in das Stabszimmer.
Die McGreens scheinen schon zu schlafen und so schaue ich noch kurz nach, ob bei den Wachleuten alles in Ordnung ist und mache mich dann bettfertig.
Am nächsten Morgen klingelt mein Wecker früh. Jot hat heute seinen offiziellen Termin und ich muss die Platzierung der Wachleute und Fahrer überwachen. Es soll nichts schiefgehen!
So ist es schon halb zehn, als ich endlich wieder ins Hotel komme und Frühstücken kann. Mein nächster Termin ist erst am Nachmittag und so kann ich mir Zeit lassen.
„Hallo! Hatten Sie mit ihren Pässen Erfolg?“, frage ich William und seine Frau, als ich ins Zimmer komme, um überflüssige Kleidungsteile abzulegen. Sie sehen fast abreisebereit aus.
„Na ja, wir haben erst mal nur vorläufige Dokumente bekommen. … Um nach Hause zu kommen, reicht es. Dann müssen wir unseren Flitterurlaub eben im nächsten Jahr weiterführen!“, antwortet Sarah McGreen, „Was machen Sie denn jetzt?“
„Ach, ich wollte jetzt Frühstücken gehen. Ich habe bis zum Nachmittag frei. … Das ist ja schade für Sie!“, sage ich und weise mit einem Nicken zum Kleiderständer, auf dem Williams Jacke hängt, denn offensichtlich sucht er sie.
„Ah, ja! … Ähm, wir müssen dringend los! Unser Flug geht schon in drei Stunden. Aber wir müssen uns wohl noch Koffer besorgen! Mit den ganzen Tüten …?“, haspelt William, während er versucht, den Inhalt der Tüten und Taschen auf weniger Tüten und Taschen aufzuteilen.
Ich ziehe mein Portemonnaie aus meiner Hosentasche und ziehe einige Geldscheine heraus und halte sie den McGreens entgegen.
„Arch, ich …!“, knurrt William ärgerlich und verlegen, ergreift es dann aber.
„Ist ja nur geliehen!“, sage ich, um seine Verlegenheit abzumildern.
„Ja. Danke!“, sagt er leise, „Ich brauche dann noch die Bankdaten!“
„Also, wenn ihr vielleicht …? Es ist so, dass ich das übliche Reisegeld, das jeder vom Wachpersonal bekommt, benutzen darf, wie ich will, während ich auf Dienstreise bin, aber Herr Sokolow hatte mir leider verboten, meiner Frau etwas davon zu überweisen. Es wäre nett, wenn ihr es dann an meine Frau überweisen könntet, statt an die Zahlstelle! Dann würde sie es nicht direkt von mir bekommen. … Ich gebe euch auch die Bankdaten der Zahlstelle mit!“, sage ich, während ich die Bankdaten notiere.
William nimmt den Zettel und blickt mich ernst an. „Danke!“
Ich fahre damit fort, unnötige Sachen abzulegen, als Zeichen, dass das Thema nun für mich erledigt ist.
Ich höre, wie sie sich einigen, dass Frau McGreen losgeht, um Koffer zu besorgen.
„Wie findest du es überhaupt, für Herrn Sokolow zu arbeiten? … Ich meine, … er erwähnte, dass du ziemlich ungern für ihn arbeiten würdest und dass er dir gegenüber deiner Frau sogar peinlich gewesen wäre. Hattest du mir diese … klitzekleine Überraschung zur Person deines Arbeitgebers etwa auch nicht vorher geben wollen, weil er dir mir gegenüber ebenfalls peinlich war? Hattest du Bedenken, weil er sozusagen das Gegenteil der amerikanischen Werte ist?“, fragt William McGreen etwas vorwurfsvoll, nachdem seine Frau gegangen ist.
Ich drehe mich grimmig zu ihm. „Ja. … Das war mir peinlich. Aber nicht wegen der amerikanischen Werte. … Die sind auch oft ganz schön zwiespältig. Es war eher, weil ich mich so leicht habe erpressen lassen, für diesen …!“ Verärgert bemerke ich, dass ich McGreen eigentlich keinen Hinweis geben sollte, womit ich erpressbar bin. Wer weiß, was Jot ihm darüber erzählt hatte? Ich atme tief durch. „Und, weil ich es nun mal peinlich finde, jemandem loyal sein zu müssen, nur weil er Geld dafür an andere gezahlt hat! Noch dazu, jemandem der daran beteiligt war, dass ich meine Menschenrechte nicht behalten durfte!“
William sieht mich überrascht an: „Wieso? Wie ist Herr Sokolow daran beteiligt? Das Gremium hatte doch entschieden, dass du verkauft wurdest!“
Ach, Mist! Das sollte ich ihm nicht sagen! Aber ich hatte es auch schon Dr. Kavic gesagt: „Er hatte Herrn Astonow, den vorletzten Abteilungsleiter des Personenschutzes, beauftragt, dafür zu sorgen, dass ich ganz bestimmt meine Menschenrechte verlieren sollte. Das Ergebnis war, das Dr. Frank Scholte bei einem fingierten Verkehrsunfall umgekommen war.“
William sieht mich entsetzt an. Ich bin mir sicher, dass ihm der Name ein Begriff ist.
„Ich hatte eindeutige Beweise dafür gefunden. Und kurz davor musste ich verhindern, dass der letzte Abteilungsleiter Herrn Sokolow ermordete und bin jetzt selbst als Abteilungsleiter verantwortlich dafür, dass meine Leute ihn gefoltert hatten. … Und, es tut mir leid, ich fürchte, ich habe dich jetzt auch noch in Bredouille gebracht, weil ich auf die vorschnelle, blöde Idee gekommen war, euch aus der Patsche helfen zu wollen!“, sage ich grimmig.
William McGreen überlegt einen Moment. „Ach, was! Das war nett. Ich komm schon mit dem Schock klar, plötzlich von Pjotr Sokolow zum Annehmen von Aufträgen gedrängt worden zu sein, die wahrscheinlich sehr übel für dich sein werden“, sagt er und verzieht angestrengt sein Gesicht zu einem künstlichen Lächeln.
Ich schnaufe aus. „Nein, das meine ich nicht! Es kann Konsequenzen für dein Leben haben. Für deine Laufbahn. Stell dir vor, du willst oder musst irgendein politisches Amt annehmen. Wenn Herr Sokolow dich nun irgendwo als Berater erwähnt? … Ich hätte dich nicht einladen dürfen!“
William seufzt laut. „Ach! Selbst wenn ich mal Hochschuldirektor werden wollte, dass interessiert doch niemanden in den Staaten! Mach dir darüber keine Sorgen! … Du hast wieder einen Halsring um?“
Erschrocken greife ich an den metallenen Ring und ärgere mich, dass ich meinen Binder so weit gelockert habe, dass man ihn sehen kann.
„Fürchtet Herr Sokolow denn, dass du abhaust? Er wirkte doch, als wenn er wüsste, dass …“
„Der ist nicht nur zum Orten. Und jetzt ist er aus“, unterbreche ich ihn nervös.
„Wofür noch?“ William McGreen hebt fragend die Brauen.
„Er hat eine App für das Drahtseil darin“, gebe ich zu und ziehe den Binder wieder fester.
William seufzt, als er versteht. Im nächsten Moment melden sich die verbliebenen Wachleute über Funk: Frau McGreen ist zurück.
Ich gebe die Anweisung, sie noch einmal durchzulassen, dann beobachte ich die McGreens dabei, wie sie eilig ihre Sachen in die Koffer umpacken.
Als sie dann abreisebereit vor der Tür stehen, verabschiedet sich Frau McGreen freundlich von mir und geht hinaus auf den Flur.
William bleibt unentschlossen an der Tür stehen und überlegt wohl, was er sagen sollte. „Danke noch mal … und auf Wiedersehen!“, sagt er dann doch und sieht mich ernst an.
Ich lächle ihn entschuldigend an. „Für mich wäre es besser, wenn ich dich nicht wieder treffen müsste. … Mach’s gut!“
William nickt ernst und folgt seiner Frau, die bereits am Lift ist.
Drei Monate später, Anfang Dezember, begleite ich Jot mit dem üblichen Wachleutepulk zu einem Wochenendausflug bei seinem Freund Achmatow Wasilijewitsch Novikow. Sie treffen sich diesmal in einem großen Wohnhaus, das in einer Stadt, etwa zweihundert Kilometer von Moskau entfernt liegt. Ich fahre hinten neben Jot mit, damit ich ihm unterwegs auch als Diener behilflich sein kann, denn Iranow hat frei. Blöderweise hatte Jot bisher jeden abgewiesen, der sich als sein Dienstbote bewarb, und ich glaube mittlerweile kaum noch daran, dass er irgend jemanden annehmen wird. Iranow macht das Ganze zwar voller Stolz mit, doch auch ihm werden die langen Arbeitszeiten langsam zu viel. Nun war er ganz dankbar, dass ich mich dafür eingesetzt hatte, dass er jetzt einer familiären Verpflichtung nachkommen darf.
Ich habe diesmal nur erfahrene Wachleute mitgenommen, deshalb kann ich nebenbei etwas Service leisten. Außerdem hat Wasilijewitsch auch eigene Dienstboten, die einspringen können.
Einige Kilometer vor dem Ziel kommen wir an einer Autohalde vorbei, auf der zur Ausschlachtung bereite Autos stehen. Ein Schandfleck auf dieser Route, denke ich und bin erleichtert, dass wenigstens Büsche um das Areal gepflanzt wurden, um den Unrat wenigstens einigermaßen zu verdecken.
Für zwei, drei Sekunden sticht mir ein Fahrzeug ins Auge. Das sieht doch aus wie das Taxi, mit dem ich entführt wurde!
Erschrocken blicke ich zu Jot. Er telefoniert immer noch - seit einer halben Stunde - mit einem Minister.
Na ja, es gibt sicherlich Hunderte solcher Taxis in Moskau! Wenn diese Stadt auch nicht gerade dafür bekannt ist, dass unzählige Taxen ihre Straßen verstopfen …
Aber mein Gefühl …? Ach, Blödsinn!
Wir erreichen Novikows Anwesen.
Ich weiß immer noch nicht, wer mich entführt hatte und wer diesen Wolchoi ermordet hatte. Die Ermittlungen sind lange eingestellt, doch jetzt gerade bin ich wieder sehr unzufrieden damit. Der Anblick des Taxis auf diesem schmuddeligen Platz im grauen Schneeregen hat mich wieder daran erinnert. Jedenfalls war Pasonows Körpersprache ziemlich verneinend, als ich ihn fragte, ob er mit Wolchois Tod zu tun hatte. Warum hätte er in seiner Situation einen Mord an ihm leugnen sollen?
Jot schubst mich an. Der Wagen hat gehalten, er telefoniert aber immer noch und möchte, dass ich ihm aus der Tür und in die Jacke helfe.
Von meinen Leuten mit Regenschirmen überdacht, geht Jot telefonierend bis zur Haustür, wo er sein Gespräch beendet. Ich folge ihm und verschaffe mir währenddessen einen Überblick über die zahlreichen Überwachungskameras und Wachleute, die im parkähnlichen Garten, auf Hochsitzen und Dächern der Gebäude positioniert sind. Novikow hat gut ausgebildete Wachleute. Mit einigen von ihnen war ich auf dem militärischen Lehrgang. Zwei bis drei von ihnen waren dort Ausbilder. Alle seine Leute haben davor beim Militär, dem FSO oder anderen Diensten gearbeitet. Mir gefällt es nicht, dass es schwierig ist, genug Mittel für die Ausbildung meiner Leute zu erhalten, während dieser Novikow einfach durch gute Bezahlung Leute abwerben kann. Zum Glück ist Frau Tastina ebenfalls der Meinung, dass mehr für die Ausbildung und Bindung des Personals getan werden muss! Es geht aber nur sehr langsam voran.
Nach einer kurzen Besprechung mit meinen Leuten kümmere ich mich um den persönlichen Service für Jot, bis das Abendessen vorbei ist. Dann übernehmen Novikows Leute den Service. Ich soll mich erst wieder um Jot kümmern, wenn er ins Bett will. Gut.
Nach weiteren Anweisungen an meine Leute nehme ich mir eines der Dienstfahrzeuge und fahre los in Richtung des Schrottplatzes. Mich lässt der Gedanke nicht in Ruhe, es könnte sich um das manipulierte Taxi handeln. Wenn es das nicht ist, bin ich beruhigt und kann mich wieder voll auf das Hier und Jetzt konzentrieren!
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Pjotr Sokolow sitzt mit seinem Kumpel Wasilijewitsch entspannt und zufrieden auf der großen, gemütlichen Sofagarnitur und trinkt einen feinen Wodka mit Beerensirup. Endlich mal wieder ein ruhiges Wochenende ohne Verpflichtungen, bis auf das anstrengende Gespräch mit dem Verkehrsminister. Doch er ist zuversichtlich, dass er den Minister nun so weit hat, dass er keine weiteren Einwände zum Thema Straßenbaufinanzierung äußert.
Wasilijewitsch kennt er schon seit seiner Studienzeit und war zeitweise mit ihm zusammen in einer Abteilung der Überwachungsbehörde. Er beneidet Wasilijewitsch manchmal in der Hinsicht, dass sich dieser noch immer an keine Frau gebunden hat und es wohl auch nicht tun wird. Wasilijewitschs Nachschub an jungen, bereitwilligen, hübschen Frauen scheint kein Ende zu haben. Er versteht es, sie immer wieder rechtzeitig abzuservieren, bevor sie ihm teurere Wünsche abschwatzen können. Auch von den zahlreichen Kindern, die sie ihm schon andichten wollten, hat er kein einziges anerkannt.
Leider ist ihm das nicht gelungen und er bedauert, dass er sich zu einer Heirat verleiten ließ. Na ja, immerhin tat das seiner politischen Laufbahn ganz gut. Nun lebt er sein Leben und seine Frau ihres. Sie müssen nur für Öffentlichkeitszwecke miteinander auskommen. Und seine Kinder will er auch nicht missen.
Hier bei Wasilijewitsch, bekommt er bestimmt wieder eine Gelegenheit, sich wie ein begehrter junger Mann zu fühlen, dafür sorgt sein Kumpel zuverlässig.
„Hey! … Weißt du eigentlich, was dein Außerirdischer so treibt, wenn du ihn nicht im Blick hast?“, unterbricht Wasilijewitsch seine Gedanken.
„Ja sicher! … Das kann ich ja auf meinem Mobiltelefon sehen“, sagt Jot nörgelig. Er hat keine Lust, jetzt an seinen immer ernsten Außerirdischen zu denken. Er öffnet seine Überwachungsapp für das Halsband, um Wasilijewitsch den Standort des Außerirdischen zu zeigen. Dann reißt er überrascht die Augen auf und schnauft: „Tss! Der ist gerade weggefahren!“ Kurz hält Jot Wasilijewitsch das Handy hin, damit dieser einen Blick auf den sich bewegenden Punkt auf der Landkarte werfen kann. Wohin zum Teufel will Enah fahren? Er hatte nichts erwähnt. Nein, mit seiner Frau wird er sich nicht treffen wollen, die darf nicht nach Russland einreisen.
„Du lässt deinen Alien einfach, ohne sich abzumelden machen, was er will?“, lacht Wasilijewitsch erstaunt, „An deiner Stelle würde ich ihm das nicht durchgehen lassen! Merkst du überhaupt, wie er dich manipuliert? Du lässt dir ganz schön von ihm auf der Nase herumtanzen!“
Jot blickt Wasilijewitsch grimmig an. Er hat recht, denkt Jot, er lässt sich viel zu viel von Enah gefallen! Er muss ihn mal wieder richtig zusammenstauchen, ihm zeigen, wer sein Herr ist! Er will sich von Wasilijewitsch deswegen nicht auslachen lassen. Jot wählt Enahs Nummer und lässt es durchklingeln, bis es automatisch auflegt. Verdammt! Er hat ihm zu antworten! … Oder wird er gerade wieder entführt?
Nachdenklich öffnet Jot erneut die Halsband-App und lässt es leicht zusammenziehen. Wenn Enah sich nicht gleich meldet, muss er nach ihm suchen lassen. Der Punkt auf der App wird langsamer, hält an, bewegt sich dann auf der Stelle.
Einige Sekunden später leuchtet Enahs Nummer auf dem Display auf. Er ruft zurück. Jot stellt den Halsring auf locker und nimmt ab.
„Entschuldigen Sie bitte! …Ich wollte gerade etwas nachsehen fahren und hatte das Handy in der Jacke auf der Rückbank liegen“, sagt Enah heiser.
„Was willst du nachsehen?“, fragt Jot streng.
„Das … das möchte ich jetzt lieber nicht sagen. … Ich, ich muss es erst überprüfen, … vielleicht ist es nichts …“, weicht Enah aus.
„Nein. Du kommst jetzt sofort wieder hierher! Sofort! … Sonst holen wir nachher deinen Kopf und Körper einzeln ab!“, knurrt Jot streng. Er sieht Wasilijewitsch zufrieden lächeln.
„Aber … Ja“, sagt Enah leise und legt auf.
Der Punkt bewegt sich zurück.
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Ärgerlich sehe ich mich um. Ich habe den Schrottplatz gerade erreicht. Was will Jot nur so Dringendes von mir? Eigentlich wollte ich doch nur schnell nach dem Taxi schauen. Das dauert bestimmt nicht lange. Aber besser, ich kehre sofort um! Jot hörte sich wirklich verärgert an. Warum reicht es ihm nicht als Begründung, dass ich etwas kontrollieren möchte?
Ich werfe noch einen kurzen Blick über den Platz. Es ist auch ein Zaun drumherum, den hatte ich von der Straße aus nicht gesehen. Und zwei Hunde bewachen das Areal. Natürlich, Schrott ist gefragt.
Ich setze mich wieder ins Fahrzeug und fahre zurück.
Erwartungsvoll gehe ich direkt ins Wohnzimmer, wo ich Jot vermute. Die beiden Wachleute, die ich im Bordell umgehauen hatte, stehen grimmig vor der Tür, lassen mich aber wortlos hinein.
„Ach, da bist du ja! Ich möchte nicht, dass du Ausflüge machst!“, sagt Jot entspannt.
„Meine Leute und ich kennen die Gegend in- und auswendig. Da ist nichts, was noch kontrolliert werden müsste!“, lacht Novikow, doch seine Augen blicken ernst. „Wohin wolltest du denn?“, fragt er lungernd.
„Ich möchte mit Ihnen nicht darüber sprechen“, sage ich sachlich.
Novikow sieht Jot empört an, doch der zuckt nur mit den Schultern. Jot weiß jetzt, dass ich nur mit ihm allein darüber sprechen möchte.
Bis Jot ins Bett möchte, muss ich zwar keinen Service machen, darf aber das Haus nicht verlassen. Novikow hatte schon wieder Prostituierte organisiert, die dafür gesorgt hatten, dass Jot jetzt sehr müde und betrunken ist, als ich ihm beim Ausziehen helfe.
„Wo wolltest du heute denn hin?“, fällt ihm ein, als er die Bettdecke über sich zieht.
„Ich habe noch keine Bestätigung für meinen vagen Verdacht. … Reicht es, wenn ich morgen darüber spreche?“, frage ich leise.
Jot sieht mich unzufrieden an, nickt dann aber müde.
Ich gebe meinen Wachleuten noch die Anweisung, dass sie sich nicht von Novikows Leuten ablösen lassen dürfen und nehme mir wieder ein Fahrzeug.
Der Schrottplatz ist nicht beleuchtet und es ist stockfinster. Der Schneeregen wird etwas stärker, als ich über den Zaun steige, aber wenigstens haben mich die Hunde noch nicht bemerkt. Schnurstracks gehe ich auf die Reihe Autos zu, in der ich das Taxi gesehen hatte, doch auch nach mehrmaligem hin- und hergehen und auch dem Abgehen der anderen Reihen finde ich kein blassgelbes Fahrzeug. Das gibt es doch nicht! Heute Nachmittag hatte ich es doch noch gesehen! Und sonst ist hier noch alles, wie am Nachmittag.
Ich gehe noch näher an die Holzgebäude, in denen die Hunde bellen.
Da! In einer Ecke mit zusammen gepressten Fahrzeugen entdecke ich das Taxi. Es ist kaum noch etwas vom Inneren zu erkennen. Plötzlich höre ich ein leises Knacken bei den Gebäuden und kurz darauf, wie die Hunde auf mich zu rennen. Ich steige schnell auf einen Schrottwagen. „Lasst mich in Ruhe! Ich beanspruche euer Revier nicht. Legt euch hin, bis ich euer Gelände verlasse!“, sage ich ihnen auf Echari und tatsächlich laufen sie nur noch zwei Mal bellend um den Wagen, auf dem ich stehe, herum und legen sich dann etwa zehn Meter entfernt ab. Ich steige wieder vom Wagen und versuche die hinteren Türen des Taxis zu finden. Da alles sehr deformiert ist, sind die Teile kaum auseinanderzuhalten, doch dann entdecke ich ein Teil, das eine hintere Tür gewesen sein müsste. Ich taste die Innenseite ab. Ja, es befindet sich kein Schließknopf mehr daran und auch keine Kurbel zum Fenster öffnen, obwohl Teile der Innenpolsterung noch daran sind. Aber das könnte auch beim Pressen abgefallen sein. Ich fühle abermals nach. Ja, die Löcher der fehlenden Teile sind mit Silikon ausgefüllt, wie bei dem Taxi!
Dann hat also Novikow etwas mit meiner Entführung zu tun? Gut möglich, denn er wollte mich ebenfalls ersteigern. Aber was ist mit Wolchoi? Er rief mich doch an, weswegen ich in dieses Taxi gestiegen war! Daraufhin wurde er ermordet. Ich war mir sicher, dass das alles nur passierte, damit ein Anschlag auf Jot geplant werden konnte. Wolchoi wird doch sicherlich nicht nur deswegen umgebracht worden sein, um mich zu entführen!? Aber Pasonow wollte dafür auch nicht verantwortlich sein. Hatte er ihn vielleicht versehentlich umbringen lassen? Das kann ich mir kaum vorstellen! Ich werde, wenn ich wieder im Kreml bin, nachsehen, wer alles Dienst zu dem Zeitpunkt hatte! Und ich werde versuchen, mehr über Novikow herauszufinden! Warum sollte auf dieser wenig genutzten Abstellhalde ausgerechnet nur das Fahrzeug zusammen gepresst worden sein, welches als Entführungsfahrzeug genutzt wurde? Innerhalb weniger Stunden, nachdem Novikow erfahren haben müsste, dass ich mich für diesen Ort interessiert haben könnte? Ich hätte ja auch einen anderen Ort meinen können! Etwas zu viel für Zufälle!
Nachdenklich gehe ich an den wartenden Hunden vorbei zum Dienstfahrzeug und fahre zurück. Mir fällt ein, dass ich Novikow allein mit Pasonow sah. Es sah aus, als hätten sie miteinander gesprochen. Doch was heißt das schon?
Mir ist flau im Magen, als ich ankomme.
Statt alles ruhig anzutreffen, scheine ich aufgeregt erwartet worden zu sein. Nicht von meinen Leuten, sondern von Novikows! Sie geben mir mit Handzeichen zu verstehen, dass ich ins Wohnzimmer gehen soll. Dort sitzen Jot im Schlafanzug und Novikow nebeneinander, Jots Handy liegt vor ihnen auf dem Tisch. Ich seufze leise. Sie wissen also, wo ich war.
Kaum bin ich eingetreten, blickt Jot Novikow entschlossen an, nimmt sein Handy und steht auf. „Ich hatte dir gesagt, dass du keine Ausflüge machen sollst!“, erinnert er mich.
Ich nicke beklommen.
Novikow grinst kurz und sagt dann zu Jot: „Denk dran, was ich gesagt habe! Lass das nicht durchgehen!“
Die beiden nicken sich zu und ich folge Jot in das Schlafzimmer und schließe die Tür hinter uns.
„Also? Warum hältst du mich von meinem wohlverdienten Schlaf ab?“, fragt Jot grimmig.
„Ich bin mir sicher, dass ich auf dem Schrottplatz, wo ich eben war, das Taxi entdeckt habe, mit dem ich damals entführt wurde, bevor Herr Wolchoi umgebracht wurde. Ich vermute, dass Herr Novikow etwas damit zu tun hat“, fasse ich zusammen.
„Das Taxi? … Nur weil es in der Nähe seines Hauses auf einem Schrottplatz ist?“, fragt Jot fassungslos.
Ich nicke.
„Das ist Blödsinn! Ich kenne Wasilijewitsch schon ewig. Er hat keinen Grund, dich entführen zu lassen und dafür gar noch jemanden umbringen zu lassen! Das ist völliger Quatsch, Enah! Wasilijewitsch könnte dich jederzeit von mir ausleihen, dass weiß er. Du solltest dich schämen, ständig Misstrauen zwischen mir und anderen zu säen! Und so ein Taxi ist gar kein Beweis! Wie willst du es denn von anderen unterschieden haben?“, schimpft Jot.
„Es war zwar zusammen gepresst, aber die Stellen, wo Fensterverriegelung und Fensterheber waren, waren mit Silikon verklebt, genau wie in dem Fahrzeug, mit dem ich entführt wurde. Und es roch genauso“, erwidere ich sachlich.
Jot lacht. „Papperlapapp! Woher willst du wissen, dass das nicht gang und gäbe für Taxen ist? Es könnte jedes Taxi gewesen sein! Vielleicht wollte auch nur irgendjemand Wasilijewitsch etwas anhängen und hat das Fahrzeug deswegen in die Nähe seines Hauses gebracht. Hast du daran vielleicht mal gedacht?“
„Das könnte sein. Aber es ist merkwürdig, dass das Fahrzeug heute Nachmittag noch nicht zusammen gepresst war, obwohl auf diesem Platz wenig Betrieb zu herrschen scheint“, merke ich an.
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„Scheint, Enah! Du weißt es nicht! … Aber ich weiß, dass du mir gehörig auf die Nerven gehst! Du benimmst dich schlecht, du gehorchst mir nicht genug. Zieh dich aus, damit ich dich schlagen kann!“, sagt Pjotr Sokolow ärgerlich und müde. Hätte ihn bloß keiner von Wasilijewitschs Leuten geweckt, um ihm zu sagen, dass sein Außerirdischer schon wieder weggefahren war! Eigentlich keine schlimme Sache. Er wäre schon wiedergekommen! Aber er hatte Enah heute noch ausdrücklich gesagt, dass er keine Ausflüge machen sollte. Das kann er tatsächlich nicht ohne Weiteres hinnehmen, noch dazu, wenn Novikow ihm sowieso schon vorwarf, zu nachlässig mit dem Außerirdischen zu sein. Sokolow sieht dem Außerirdischen geduldig dabei zu, wie der seine Oberbekleidung auszieht. Inzwischen zieht Sokolow den Gürtel aus seiner Hose, die über einen Stuhl hängt. Dann steht Enah schon nackt bis auf die Unterhose vor Sokolow und starrt ihn trotzig an. Er befiehlt mit einer Handbewegung, dass Enah sich mit dem Rücken zu ihm an den Spiegelschrank stellen soll. Enah dreht sich sofort um und stellt sich angespannt an die Wand. Guter, bemuskelter und genährter Zustand. Zwischen den unzähligen Narben leuchtet die Haut in einem dunklen rot-braun und schimmert gesund.
