Enah - Liebe und Kampf - A. Späthe - E-Book

Enah - Liebe und Kampf E-Book

A. Späthe

0,0
3,49 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der Außerirdische Enah wurde in die 1770er-Jahre nach Nordamerika verbannt. Dort wurde er zum Sklaven, der andere Leidensgenossen beaufsichtigen musste. Aufgrund seiner Friedfertigkeit versuchte er seinen Herrn Falloch davon zu überzeugen, dass Erfolg auch ohne die Anwendung von Gewalt möglich ist. Seine Bemühungen zeigten kleine Erfolge, doch er konnte sie nicht fortführen, da er auf gewaltsame Art seinen Besitzer wechselte. Enah kommt nun auf eine andere Plantage und lernt andere Formen der Sklaverei kennen. Er arbeitet nun unter anderem unter widrigen Bedingungen in einem seiner erlernten Berufe als Arzt und lernt seine Liebe kennen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

1 Ein neuer Ort

2 Himmel und Hölle

3 Armbruch

4 Die gehetzte Frau

5 Enttäuschung

6 Inventur

7 Wonne und Trübsal

8 Hochzeit

9 Veränderungen

10 Verantwortung

11 Der Auftrag

12 Die Umstellung

13 Auf Menschenjagd

14 Kopflos

15 Der Untergang

16 Showtime

17 Blutsport

Enah

Folge 3

Liebe und Kampf

Kapitel 1 Ein neuer Ort

Kapitel 2 Himmel und Hölle

Kapitel 3 Armbruch

Kapitel 4 Die gehetzte Frau

Kapitel 5 Enttäuschung

Kapitel 6 Inventur

Kapitel 7 Wonne und Trübsal

Kapitel 8 Hochzeit

Kapitel 9 Veränderungen

Kapitel 10 Verantwortung

Kapitel 11 Der Auftrag

Kapitel 12 Die Umstellung

Kapitel 13 Auf Menschenjagd

Kapitel 14 Kopflos

Kapitel 15 Untergang

Kapitel 16 Showtime

Kapitel 17 Blutsport

Was bisher geschah:

Enah, der königsähnliche Jinouk des Planeten Welt, wurde auf die Erde verbannt.

Dort wurde er ein Sklave in Nordamerika.

Nach mehreren Herren kam Enah auf die Plantage High Oak. Dort wurde er von dem Aufseher Falloch gekauft, der ihn als Aufseher über andere Sklaven einsetzte.

Obwohl Falloch Enah schlecht behandelte, sah sich dieser jedoch verpflichtet, Falloch zu helfen und stellte dabei fest, dass der geheimnisvolle Falloch seine Art der Aufsicht zu akzeptieren begann.

Falloch kaufte sich allerdings den Sklaven Ted als zusätzlichen Aufseher. Ted führte die brutalen Vorgaben zur Überwachung der Sklaven ausgiebig aus. Ted verletzte auch eine Freundin Enahs schwer, aber Enah musste Falloch die Bestrafung der Tat überlassen.

Als Falloch ebenfalls von Ted schwer verletzt wurde, entschloss sich Enah, einen Notfallweg auf seinen Planeten für Falloch zu verwenden, womit er ihm das Leben rettete.

Als sie wieder zurück auf High Oak waren, wurde Falloch bald aus seiner Stellung entlassen.

Auf der Reise zu einem neuen Job änderte sich das Verhältnis zwischen Enah und Falloch, der begann in Enah mehr als nur seinen Sklaven zu sehen.

Da es Winter war und es nicht viel Arbeit auf den Feldern gab, vermietete Falloch Enah an den Tischler Middle.

Middle wurde jedoch ermordet und seine Mörder bereicherten sich an Enahs Verkauf. So kam Enah an mehrere neue Herren, wo Enah versehentlich bewies, dass er über größere körperliche Stärke verfügt als normale Erdenmenschen. Die Menschen dort hatten deswegen Angst vor ihm und wollten Enah, der nun Samuel genannt wurde, schnell weiterverkaufen.

Ein Händler namens Norman Tillman kaufte ihn …

1 Ein neuer Ort

Als die Plantage außer Sicht ist, wird Tillman redselig: „Ha! Du sollst also so besonders stark sein, was? So wie zehn Männer oder drei Ochsen, was?“ Er schaut neugierig vom Bock auf mich herunter.

Jetzt wird mir alles klar! Warum hatte ich bloß nicht mehr darauf geachtet? Natürlich! Der Pflug! Als ich kam, schafften es die fünf jungen Männer kaum, ihn von der Stelle zu ziehen und ich hatte ihn zu schnell gezogen. Wie dumm von mir! Deshalb hatten sie mich am Abend noch einmal davor gespannt! Wie konnte ich nur vergessen, darauf zu achten, dass ich etwas stärker als die Erdenmenschen bin? Das darf mir nicht noch einmal passieren! Ich darf nicht solche Aufmerksamkeit erregen …. Denn Aufmerksamkeit bedeutet Unannehmlichkeiten.

„Hey! Bist du wirklich so stark, wie dieser Dillinger da sagt?“, hakt Tillman nach.

Ich weiß ja nicht, was Dillinger ihm genau erzählt hatte, aber ich möchte es mir nun eigentlich nicht gleich mit meinem neuen Herrn versauen, auch wenn es nur ein Händler ist, und antworte deshalb ruhig: „Ich war nur stärker als die Jungen, … aber die waren auch sehr dünn.“

„Aha! … Und was kannst du so?“, fragt Tillman mit auf die Straße gerichtetem Blick.

„Ich hatte davor auf Baumwollplantagen gearbeitet“, sage ich. Das müsste ihm eigentlich sagen, dass ich mich mit den dortigen Tätigkeiten auskenne und bedarf selten einer Ergänzung, da die Aufgaben der Sklaven dort allgemein bekannt sind.

„Aha. Und was hast du dort gearbeitet, Samuel?“, fragt Tillman aber dennoch nach.

„Ich hatte dort Baumwolle gepflückt und gepflanzt … und was sonst noch so zu tun ist …“, sage ich wage.

„Und andere Neger bewacht, meinst du?“

„Ja, auch.“ Ich fühle mich erwischt. Man lässt es mich wohl nicht unterschlagen, dass ich zu so etwas genötigt wurde?!

„Das hört sich ja so an, als hätte es dir nicht gefallen. Hatte es dir nicht gefallen, die anderen Neger zu bewachen?“, fragt Tillman überrascht.

„Nein. Das Pflücken gefiel mir besser“, sage ich leise.

Tillman sieht wieder auf mich herunter: „Tss, das habe ich ja noch nie gehört! Wieso magst du nicht die anderen bewachen?“

„Ich möchte nicht anderen Leuten wehtun müssen.“

„Waaas? Haha! … Also das habe ich ja noch gar nicht gehört! … Und außerdem sind das gar keine „Leute“, es sind einfach nur Negersklaven wie du! Ihr braucht nun mal hin und wieder etwas Züchtigung, sonst … seid ihr faul wie die Schildkröten in der Sonne“, sagt Tillman, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob er das vollkommen ernst meint oder mich provozieren will.

„Aber Master Tillman, ich hatte meine Kolonnen fast gar nicht geschlagen und sie waren trotzdem meist besser als viele, die jeden Tag misshandelt wurden. … Der Arbeitswille von Menschen, auch von Sklaven, wird durch Schmerzen also nicht gefördert, sondern unterdrückt! Verstehen Sie das doch!“, versuche ich möglichst ruhig zu sagen, was mir angesichts dieser unerhörten Beleidigungen ziemlich schwerfällt.

„Ach! Was weißt du denn? … Ich kenne sehr viele Plantagenbesitzer. … Sie sagen alle, dass ihre Neger gar nichts tun würden, wenn sie sie nicht hart anpacken würden. Sie sagen, ihr wärt einfach viel zu dumm, um zu begreifen, dass eure Arbeit nicht nur zum Wohle eures Herrn, sondern auch zu eurem eigenen Wohle ist“, sagt Tillman auf die gleiche Art, aber ich bin zu empört, um mich zurückzuhalten:

„Master, Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass sich die Neger nicht besonders dafür interessieren, den Reichtum ihres Herrn zu erhöhen. Aber das liegt nicht daran, dass sie zu dumm wären, um für Wohlstand zu arbeiten. Sie haben nur eben fast nichts davon, wenn ihr Herr mehr verdient! Sie bekommen kein besseres Essen, keine besseren Hütten, keine bessere Kleidung, wenn ihr Herr mehr gute Baumwolle verkauft als im letzten Jahr. … Ihr Wohlstand ist es doch nur mehr Pausen zu haben, mehr Zeit zum Schlafen und sich mehr miteinander unterhalten zu können. Verstehen Sie Master Tillman? Wenn sie als Lohn für eine Arbeit unter ständigem Prügeln an jedem Abend nur noch mehr Prügel beziehen und sie nach den harten Arbeitstagen auf den Feldern nur eine schlechte Unterkunft, wenig Schlaf und schlechtes Essen erwartet, das meist kaum satt macht, dann haben die Leute einfach keinen Anreiz, keine Motivation, besser zu arbeiten als nötig. Nur wenn das Wohlergehen ihres Herrn ihnen auch Vorteile bringt, wenn ihr Herr nicht nur in mehr Arbeitskräfte, sondern auch in bessere Unterbringung und Versorgung investieren würde, hätten sie etwas davon, besser zu arbeiten, Master Tillman! Nur wenn gute Arbeit besser belohnt wird, sind sie motiviert, gut zu arbeiten.“ Ich schnappe aufgeregt nach Luft und bemerke, dass Tillman mich wohl grinsend angestarrt hatte, sich nun aber schnell wieder nach vorne dreht.

„Samuel, ich halte deine Aussagen für völligen Quatsch! Was schon so lange gut funktioniert, kann nicht schlecht sein! … Und außerdem retten wir euch ja nur davor, wie die dummen Affen in den Bäumen herumzuspringen und rohes Fleisch zu essen, indem wir euch hierherholen und euch an zivilisiertes Leben heranführen! Die können in Afrika ja nicht einmal sprechen! Wir Weißen sind euch doch total überlegen und deshalb ist es rechtens, euch zu gebrauchen wie Hunde oder Pferde“, sagt Tillman in vorwurfsvollem Tonfall.

Ich zittere vor Wut und Empörung über Tillmans Aussagen. Eine unsagbare Absage des Intellekts der Gefangenen! Mühsam atme ich meine Wut heraus, bevor ich ein weiteres Argument anbringen kann.

Ich hatte von einigen Leuten gehört, dass die Leute in ihrer Heimat in Afrika durchaus Kulturen haben, die sogar reich an Kunst und speziellen Fertigkeiten sein sollen. Und außerdem soll es dort sehr viele unterschiedliche Kulturen und Sprachen geben. Doch leider kenne ich das nur vom Hörensagen und kann es daher leider nicht als Argument benutzen.

„Master Tillman! Auf den Plantagen, auf denen ich bisher war, wurde aber gar nicht versucht, den Sklaven zivilisiertes Leben mit Kunst und Kultur nahezubringen. Es wurde auch nichts unternommen, um den Sklaven besser Sprechen beizubringen, eher wurde es verhindert. Ganz davon zu schweigen, dass sie die Möglichkeit gehabt hätten, sich weiterzubilden oder voneinander zu lernen! Welchen Sinn soll denn bitte ein Redeverbot machen, wenn ständiges Reden doch dazu beitragen kann, die Sprache zu erlernen?“

„Die reden sonst nur in ihrer Sprache.“, giftet Tillman, ohne sich umzudrehen.

„Sie haben doch eben noch gesagt, dass die nicht sprechen könnten!“, wende ich wütend ein.

„Sie können kein Englisch, also können sie nicht sprechen“, entgegnet er gereizt.

„Master Tillman, ich hatte eine Kolonne von zweiunddreißig Sklaven, die zuerst nur Spanisch sprachen. Nur eine Frau sprach Spanisch und Englisch. Sie haben alle innerhalb eines halben Jahres ausreichend englisch sprechen gelernt. Ich hatte gehört, dass es in einigen Ländern auch weiße Menschen gibt, die nur Spanisch sprechen. Sollen diese Leute dann auch nicht sprechen können, weil es kein Englisch ist?“, sage ich in Provokationslaune, um mich weiter abzureagieren.

„Samuel! Ich halte gleich an und schlage dir die Haut vom Leib, wenn du weiter so frech bist!“, sagt Tillman. Ich glaube, er ist jetzt sauer.

„Ich kenne ein Sprichwort … in einer anderen Sprache, aber das lautet etwa: Da wo die Klugheit aufhört, fängt die Gewalt an“, merke ich dennoch an.

Tillman antwortet nicht und fährt stumm weiter. Auch ich ziehe es jetzt vor, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.

Nach etwa einer Stunde spricht Tillman mich wieder völlig ruhig und nachdenklich an: „Samuel, du bist ein Indianermischling, ein Bastard, hm?“

„Das habe ich schon oft gehört“, antworte ich ebenfalls sehr ruhig.

„Ich glaube, ich weiß, an wen ich dich verkaufe“, murmelt Tillman und sagt kein weiteres Wort zu mir, bis wir an seinem Sklavenhof ankommen, der sich in einer kleinen Stadt befindet. Dort weist er mich ebenfalls ohne Worte zu einer kleinen Zelle ohne Fenster oder Gitter, in die er mich einsperrt.

Ob ich jetzt wieder an so einen Schinder komme wie Clarke oder Powell? Oder gelingt es mir, vorher zu fliehen?

Seltsamerweise bin ich jetzt nicht mehr so deprimiert wie noch heute Morgen. Der Disput mit Tillman hatte mir gutgetan, weil ich mal Frust ablassen konnte. Fragt sich nur, wie es ihm bekommen ist und ob es auch längerfristig gut für mich war!?

Bei Sonnenuntergang öffnet Tillman die Zellentür. „Samuel? Komm mal mit! Du kannst dir etwas zu essen holen“, sagt er, und ich folge ihm über den Hof, an dem sich nicht nur vier größere Zellen befinden, deren Türen offenstehen, sondern auch Ställe, in denen Rinder und Pferde angebunden sind.

Ich stelle belustigt fest, dass Tillman nicht nur mit Menschen zu handeln scheint.

Er bringt mich zu einem geschlossenen Vorhof, in dem ein dampfender Kessel über dem Feuer hängt. Vier Sklaven sitzen um ihn herum, die sich bereits eine Mischung aus Reis und Kartoffeln aus dem Kessel genommen haben.

Ich nehme mir eine der Schalen, die dort stehen und fülle sie.

Dann gibt mir Tillman einen Eimer und zeigt mir, wo ich Wasser holen kann und bringt mich zurück in die Zelle. „Du bleibst besser in der Zelle! Es ist gut, wenn du nicht mit den anderen sprichst, bis ich dich am Sonntag anbiete“, sagt Tillman, zwinkert mit dem Auge und verschließt die Zellentür.

Ich bin über sein Verhalten verunsichert, doch ich bin mir natürlich im Klaren darüber, dass die Weißen es für gefährlich halten, wenn Sklaven untereinander solche Gesprächsthemen hätten, wie ich es heute mit Tillman hatte.

*

Ich bleibe zwei Tage in der Zelle und werde nur zum Frühstück und zum Abendessen herausgelassen, um mir mein Essen zu holen und den Fäkalieneimer zu leeren.

Am Sonntagmorgen, nachdem ich bei offener Zellentür gefrühstückt habe, wirft mir Tillman ein Stück Seife zu: „Wasch dich ordentlich! Gleich kommt dich jemand ansehen. … Und … warte! Ich sehe mal nach, ob ich noch eine andere Hose für dich habe.“

Während Tillman nach einer Hose sucht, wasche ich mich möglichst gründlich mit dem Inhalt von zwei Eimern Wasser.

Tillman hat nicht nur eine dunkelgraue Hose, sondern auch ein langärmeliges, weißes Hemd für mich gefunden. Die Hose reicht mir bis zu den Knöcheln, wenn ich stehe und passt am Bund. Das Hemd ist etwas zu groß, wenn ich die Ärmel nicht aufkrempel, reichen sie mir bis zu den Fingerspitzen.

Ich fühle mich in den sauberen Sachen gleich wohler, wenn sie auch nicht neu sind.

„Gut. Das geht so. Dann komm mal mit!“, sagt Tillman zufrieden, bringt mich in den Vorhof und lässt mich dort alleine.

Ich warte etwa eineinhalb Stunden, dann kommt Tillman in Begleitung eines älteren, etwas kleinen und rundlichen Mannes, dessen graue Haare eine Halbglatze umrahmen. Der Mann wirkt auf den ersten Blick freundlich, doch ich weiß, dass man sich davon leicht täuschen lassen kann.

„Das ist Samuel“, stellt Tillman mich dem Mann vor.

„Ach, ich weiß nicht! … Ich brauche eigentlich keinen Neger, Norman“, sagt der andere.

„Aber du hattest doch gesagt, dass dein alter George gerade gestorben ist! … Und in einigen Wochen beginnt die Ernte. Da wird dir mindestens einer fehlen. Und der John ist doch auch nicht mehr so fit, hast du gesagt“, versucht Tillman den anderen zu überreden.

„Jaaa, schon! Aber ich kann mir im Moment keinen Neuen leisten, Norman.“

„Dann schlage ich dir vor, dass du ihn dir erst mal einen Monat leihst und entscheidest dann erst, ob du ihn kaufst! Du kannst ihn dann auch in Raten abbezahlen. … Schau mal! Ein kräftiger Indianermischling. Der soll stark sein wie zehn Männer! … Na ja, vielleicht wie zwei. Was ganz Besonderes! Er passt zu dir.“

„Hmm-mmm-mm! Gut, du hast mich überredet. Ich nehme ihn erst mal mit. … Wie heißt er noch gleich?“

„Samuel. … Das ist Samuel“, sagt Tillman und klingt dabei, als wäre er sehr froh, mich los zu sein.

„Na, dann komm mal mit Samuel!“, sagt der andere nachdenklich und geht aus der Außentür.

Als ich ihm folgen will, hält mich Tillman an der Schulter zurück und flüstert in mein Ohr: „Mach bloß keinen Blödsinn! Hörst du? So eine Chance wie bei Theodor Driver bekommst du nicht noch einmal!“

Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt ein gut gemeinter Rat war oder nur bösartige Ironie, aber eigentlich war Tillman nicht so übel wie all die anderen Händler, die ich bisher kennenlernen musste.

Draußen wartet Theodor Driver schon auf einem Einspänner, der nur einen gepolsterten Bock hat und eine kleine, einen Schritt lange Ladefläche. Davor steht ein kräftiger Schimmel in der Schere.

„So, Samuel, dann steig da hinten auf!“, sagt Driver und ich befolge schnell seine Anweisung. Kaum, dass ich mich festhalte, fährt Driver mit einem Ruck an.

Als wir die Stadt hinter uns gelassen haben, spricht er mich an: „So, Samuel. Ich bin Theodor Driver. ... Ich habe eine Plantage in Missfield. … Das ist diese Stadt hier und der ganze Bezirk drumherum. Mein Land ist fünfzehn Meilen von hier. … Für mich arbeiten im Moment hunderteinundzwanzig Neger. … Dann bist du also der Hundertzweiundzwanzigste. … Ich baue Baumwolle an … und was man sonst so braucht. … Meine Frau heißt Mathilda. … Oh, Mathilda wird gar nicht begeistert sein, dass ich dich mitbringe!“ Driver sieht mich beim Sprechen immer wieder an. Beim letzten Satz verdreht er reumütig die Augen.

Nach einer Pause spricht er weiter: „Ich hatte Mathilda nämlich nur gesagt, dass ich nach der Kirche noch zum Kreisrat gehe, da bin ich nämlich Vertreter meines Ortsteils, aber ich hatte ja selbst nicht mit dir gerechnet.“

Wieder macht Driver eine längere Pause. „Demnächst wird es auch in dieser Gegend unruhig werden“, sagt Driver, als wir an einem uniformierten Mann mit einer Armbinde vorbeifahren. „Wer weiß, wie lange wir noch Frieden haben? … Und? … Du hast also schon in der Baumwolle gearbeitet, Samuel?“

„Ja, Master Driver.“

„Na ja, das hatte mir Norman ja vorhin schon gesagt. … Ach, ich werde einfach mal sehen, ob ich etwas mit dir anfangen kann!“

Ich kann meinem Eindruck kaum glauben, aber der Mann scheint wirklich freundlich zu sein, ähnlich wie Wackstern! Ich bin jedenfalls sehr neugierig, seine Plantage zu sehen.

Etwa eine Stunde nachdem wir bei Tillman losgefahren sind, fährt Driver eine lange Einfahrt hoch, einer Allee aus Obstbäumen, an deren Ende ein weiß gestrichenes, von Rabatten umgebenes Herrenhaus steht, auf dessen Haupteingang man direkt zufährt. Links und rechts neben dem Haus führen Wege auf das dahinter liegende Grundstück. Von der Einfahrt aus kann man nicht sehen, ob es dort noch weitere Gebäude gibt, denn die Frontlinie des Hauses wird von einem mit Bäumen und dichten Büschen besetzten Wall fortgeführt.

Driver fährt links am Haus vorbei auf einen Platz hinter dem Haus. Gegenüber dem Haus befindet sich ein Wagenschuppen und links und rechts befinden sich Viehunterstände, die bis auf den Hühnerstall gerade alle leer sind. Wahrscheinlich kommen hier sonst die Pferde und Kühe rein, die ich auf den Wiesen neben der Obstbaumallee gesehen hatte. Zwischen der Remise und den Unterständen führen zwei Wege weiter nach hinten.

Driver hält vor der Remise und wir steigen vom Wagen ab. Kaum bin ich nach vorne gegangen, um das Pferd festzuhalten, kommt ein junger, kraushaariger, dunkelbrauner Mann aus dem Hintereingang des Hauses und steuert auf uns zu. Er hat eine gute braune Hose an, trägt über seinem naturweißen Hemd eine passende braune Weste und hat halbhohe, braune Stiefel an. Er sieht mich irritiert an, bevor er Driver begrüßt: „Guten Tag, Master Driver! Hatten Sie eine gute Fahrt?“

„Ja sehr, Bennett! … Du kannst dich mal eben um Samuel kümmern, während ich reingehe und Mathilda von ihm beichte!“, sagt Driver mit einem Fingerzeig zu mir und verschwindet dann verschmitzt lächelnd in die Hintertür.

Bennett sieht mich einen Moment ratlos an und nimmt mir dann das Pferd aus der Hand. Erst als er es einige Schritte geführt hat, dreht er sich mit geschürzten Lippen zu mir um und sieht mich noch mal von oben bis unten an. „Hat Master Driver dich gekauft?“, fragt er ungläubig.

„Nein, er hat mich vorerst geliehen“, antworte ich freundlich.

Bennett zieht die Augenbrauen hoch: „Warum?“

„Das weiß ich nicht. Ich war bei Master Tillman und der hatte mich Master Driver angeboten, weil er zu wenig Leute für die Ernte hätte …“, sage ich.

„Ahaaaa! … Dann bist du also noch ein Sklave?“, fragt er nachdenklich, dennoch erstaunt mich seine Frage sehr.

Wieso fragt er, ob ich „noch“ ein Sklave bin? „Bist du denn kein Sklave?“

Bennett scheint etwas erschrocken über meine Frage zu sein: „Wie? … Äh, nein, … also doch! Ich bin auch ein Sklave.“ Sein Gesicht verfinstert sich und er wendet sich wieder dem Pferd zu und schirrt es ab.

Ich stehe ratlos herum und sehe ihm zu, denn beim Abschirren kann ich ihm nicht helfen. Doch da kommt Driver schon wieder aus der Hintertür, gefolgt von einer ebenfalls kleinen und rundlichen, weißen Frau, die ihre langen, blonden Haare auf dem Kopf hochgesteckt hat. Sie trägt ein rotes Kleid mit weißen Punkten und weißen Rändern und darüber eine weiße Schürze. Sie sieht mich in einer Mischung aus Neugier und Skepsis an, als sie mit Driver auf dem Hof stehen bleibt.

„Samuel? Komm mal her!“ ruft Driver, als ich schon einige Schritte auf sie zugekommen bin.

Ich bleibe dann etwa zwei große Schritte vor ihnen stehen.

„Das ist Missis Driver, meine Frau. … Mathilda? Das ist Samuel. Was meinst du?“, fragt Driver etwas unsicher und als ob er vor Spannung auf die Reaktion seiner Frau die Luft anhält.

Mathilda sieht mich intensiv von unten bis oben an und schürzt dabei nachdenklich die Lippen. Dann bleibt ihr Blick an meinem Gesicht und an meinen Haaren hängen, die sich mit ihren drei Fingern breite, gerade an den Spitzen wellen. Dann schreitet sie plötzlich los und sieht mich eine scheinbare Ewigkeit von hinten an, was mich verunsichert. Dann wendet sie sich an ihren Mann: „Na guuut! … Aber lass den bitte erst mal nicht ins Haus, ja? … Der ist irgendwie unheimlich.“

Unheimlich? Ich ziehe erstaunt die Brauen hoch und schaue ihr mit offenem Mund nach, als sie ins Haus geht. Mir fällt ein kleiner Kloß in den Magen. Warum finden mich bloß alle weißen Frauen, denen ich gehören soll, unheimlich? Missis Wackstern fand mich auch unheimlich.

Driver muss mein betroffenes Gesicht bemerkt haben: „Du siehst nun mal aus wie eine Rothaut, Samuel. Frauen fürchten sich vor Rothäuten. … Oder zumindest vor den Gerüchten über deren bestialische Wildheit.“ Er lächelt mich entschuldigend an und klopft mir auf die Schulter. „Ich glaube, du solltest diesen stechend scharfen Blick vermeiden! Das würde dir helfen, harmloser auszusehen!“

Ich sehe ihm fragend in die Augen.

„Genau den meine ich, Samuel!“

Erschrocken senke ich den Blick auf meine Zehenspitzen.

„Weißt du“, fährt Driver fort, „für meinen Großvater hatten noch einige Indianer hier aus der Gegend gearbeitet, aber für meinen Vater schon nicht mehr. Er fand, dass die Neger viel zuverlässiger arbeiten und hatte sich solche Sklaven gekauft. Ich hatte zur Erntezeit auch schon mal Indianer eingestellt, aber die fingen schon in der Mittagspause an, sich zu betrinken und bekamen dann nichts mehr zustande. Das ist sehr ärgerlich! … Samuel, kommst du hier aus der Gegend?“

„Nein Master Driver.“

„Woher dann?“

„Aus Mississippi?“, sage ich unsicher, aber schließlich war ich dort zuletzt für längere Zeit.

Jetzt sieht mich Driver erstaunt an, überlegt eine Weile und legt dann seine Hand auf meine Schulter. „So, dann will ich dir mal deine Unterkunft zeigen!“

Ich folge ihm an der Remise vorbei auf einen breiten Weg. Rechts und links des baumgesäumten Weges stehen einige Scheunen und dahinter zweigen zahlreiche, ebenfalls baumgesäumte Stichwege ab, an denen sich mit einigem Abstand zueinander viele kleine Hütten reihen.

Mit Erstaunen erkenne ich, dass zu fast jeder Hütte ein eigener kleiner Gemüsegarten gehört.

Driver geht nun mit mir in den fünften Stichweg links hinein, an dem sich einige etwas größere Hütten befinden, die aber ebenfalls kleine Gärten haben. Vor einer dieser Hütten bleibt Driver stehen. „Hier kannst du erst mal mit rein, Samuel! Hier wohnen noch Jack, Teddy und der große George. Alles Männer ohne Familie wie du. Die anderen haben mit ihren Familien eigene Hütten. Warte hier einfach! Sie müssten gleich zur Mittagspause herkommen, dann kannst du sie alles fragen, was du wissen möchtest!“ Er verabschiedet sich von mir mit einem Nicken und geht.

Jetzt habe ich ihn gar nicht gefragt, wie ich an Essen und Essgeschirr komme, aber das kann ich gleich bestimmt die anderen fragen.

Schon einige Minuten später füllen sich die Wege mit vielen Männern, Frauen und auch Kindern, die ihre Hütten aufsuchen. Viele der Frauen tragen hier bunte Kleider und einige haben ihre kleinen Kinder mit Tüchern auf den Rücken gebunden. Ich kann mir vorstellen, dass es ganz schön schwierig für sie ist, neben der Arbeit und der Obacht vor den Aufsehern auch noch auf die Kinder zu achten, die sie offensichtlich alle mit zum Feld genommen haben, denn alle Leute und Kinder haben erdige Füße. Mir fällt aber auf, dass hier erstaunlich viele Leute Schuhe tragen. Ein Luxus, den weder Powell noch Clarke seinen Sklaven gegönnt hatte. Und Falloch auch nicht.

Neugierig beobachte ich an den Türrahmen gelehnt die vielen Menschen.

„Hey! Wer bist du?“, spricht mich plötzlich ein großer, sehr dunkler Mann an.

„Master Driver nennt mich Samuel. Ich bin neu hier“, antworte ich mit einem grüßenden Nicken.

Der Große sieht mich skeptisch an und drängt sich an mir vorbei in die Hütte. „Ich soll auch in diese Hütte, hatte Master Driver gesagt.“

„So? Sollst du?“, sagt der Mann, der offensichtlich nicht begeistert davon ist, sich die Hütte mit einer weiteren Person zu teilen.

„Ja. Wer bist du?“, frage ich jetzt ebenfalls weniger freundlich.

„Man nennt mich den großen George … Dann sollst du wohl den alten George ersetzen, hm?“, fragt er, während er sich aus seiner Jacke schält.

„So etwas hatte Master Tillman erwähnt …“, sage ich nachdenklich.

„Ach! Von Tillman hat er dich? … Gekauft?“, fragt George nun überrascht.

„Nein, nur geliehen.“

„Ach so! Das hätte mich auch gewundert! Hatten letztes Jahr nämlich Pech mit der Ernte, weißt du? Master Driver muss gerade ziemlich knapsen, damit die Plantage nicht drauf geht“, erklärt er.

Ich nicke nur.

Der große George macht sich daran, in dem kleinen Ofen, der in der Mitte der dichten Hütte steht, Feuer anzuzünden. Da kommen zwei weitere Männer zur Tür herein und sehen mich erstaunt von oben bis unten an.

Bevor ich etwas sagen kann, erklärt George meine Anwesenheit: „Das ist Samuel. Master Driver hat ihn von Master Tillman geliehen und er soll bei uns schlafen.“

Mit abschätzenden Blicken gehen die beiden an mir vorbei. „Ja, also ich bin Jack“, stellt sich ein haselnussbrauner, mittelgroßer Mann vor, der mehr wellige denn krause Haare hat und einen stoppeligen Bartansatz. Er zieht sein etwas kürzeres, steifes linkes Bein etwas nach. Bestimmt hatte er mal einen schweren Unfall damit.

„Teddy“, stellt sich nun der andere vor und reicht mir die Hand. Er ist noch kleiner und zierlicher als ich, aber sein kurzes, sehr krauses Haar ist bereits zum größten Teil ergraut. Ich schätze ihn trotz seiner Zierlichkeit als flinken und starken Arbeiter ein, denn unter seiner fast schwarzen Haut zeichnen sich an harte Arbeit gewöhnte Muskeln ab.

Alle drei haben braune, lange Hosen an und trugen beim Hereinkommen braune Arbeitsjacken über ihren Hemden.

George stellt zwei Töpfe mit Wasser auf den Ofen und die Männer fangen an, sich auszuziehen.

Ich blicke George fragend an.

„Wir sind für heute fertig mit der Arbeit. Normalerweise arbeiten wir sonntags gar nicht, aber heute mussten wir mal raus, weil es letzte Woche fünf Tage nur geregnet hatte und wir in Verzug gekommen sind. Jetzt machen wir uns für den Gottesdienst am Nachmittag fertig.“

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich jetzt lieber nicht danach fragen sollte, was das ist, aber ich bin sehr erstaunt über seine Aussage und neugierig, mehr über das Leben hier zu erfahren. Was das für ein Gottesdienst ist, werde ich sicher auch so herausfinden! Mit allem was man nicht gleich über ihre undurchsichtigen Religionsangelegenheiten weiß, sind die Erdenmenschen so empfindlich! Synagoge war also immer samstags, das meint er bestimmt nicht. Aber bei Wackstern musste ich immer samstags arbeiten, damit die Christen einkaufen konnten, die sonntags nicht arbeiten durften. Und auch meine Kameraden bei Clarke hatten öfters davon gesprochen, dass sie es vermissen würden, sonntags Gottesdienste abzuhalten. Es scheint sich also um eine gesellige Veranstaltung von Christen zu handeln.

„Ich habe noch einige Fragen“, wende ich mich an George. „Ja, dann frag!“, sagt er lustlos.

„Ich möchte gerne wissen, wie ich hier an Essen und Trinken komme und wo hier noch ein Platz für mich frei ist?“

„Ach, ähm, du kannst da drüben die Ecke haben! Wir bekommen immer eine für jede Hütte abgemessene Portion Getreide und Speck. Wer noch etwas anderes wie Gemüse haben will, muss es sich selbst anbauen oder kann sich was kaufen. Wenn du keine Samen hast, kannst du sie dir auch bestimmt von jemandem von hier kaufen“, ergänzt er, als ich wieder fragend meine Brauen hebe.

„Ich meine, womit kann ich mir hier denn etwas kaufen?“, frage ich verwundert.

„Na mit Geld natürlich! … Wenn du kein Freier bist, kannst du Driver fragen, ob er dir auch Geld gibt.“ George sieht mich etwas herablassend an, als ihm klar wird, dass meine Kleidungsstücke und die Decke das Einzige sind, was ich besitze.

Ich nicke und lege die Decke in die zugewiesene Ecke.

„Seid ihr denn frei?“, frage ich in den Raum.

„Na ja,“ raunt Jack mir zu, „George und ich sind Schuldknechte. … Nur Teddy ist ein Freier. Er arbeitet aber trotzdem noch für Master Driver. Stimmt’s, Teddy?“ Den letzten Teil betont Jack lauter und neckischer denn er reagiert damit auf Teddys grimmigen Blick.

„Na und? Was ist schon dabei? Bei Master Driver ist es doch so gut wie bei jedem anderen auch! Oder?“, verteidigt sich der alte Teddy.

„Was meinst du damit, Teddy?“, frage ich.

Teddy wirft den beiden anderen, die ihn belustigt angrinsen, einen grimmigen Blick zu und kommt mir zwei Schritte entgegen. „Ich meine, dass ich jetzt schon seit achtundzwanzig Jahren bei Master Driver bin und hier ein sicheres, nicht allzu schlechtes Einkommen habe und nicht das Risiko eingehen möchte, auf meine alten Tage noch als Tagelöhner herumreisen zu müssen“, sagt er zu mir.

„Driver bezahlt schlecht, Teddy“, wirft Jack ein.

„Ja und? Andere bezahlen auch nicht besser, Jack! Und einige bezahlen noch viel schlechter als Driver. Aber sicher Jack, wenn du eines Tages frei bist, kannst du ja das Weite suchen und natürlich reich werden! Du wirst ja auch noch viel jünger sein als ich, wenn du frei wirst!“

Mir ist das Ganze jetzt unangenehm, denn ich wollte wirklich keinen Streit zwischen den Männern auslösen.

Nun funkeln sich Jack und Teddy böse an und George verdreht genervt die Augen. Dann hebt er den Topf mit dem gekochten Reis vom Ofen und brät in einer flachen Pfanne platte Weizenfladen.

„Ja, ich werde hingehen, wo es was zu verdienen gibt! Die beste Bezahlung! Dann kriege ich auch jede Frau, die ich haben will!“, sagt Jack träumerisch.

„Haaach! Womit willst du denn was groß verdienen? Du kannst doch bloß Baumwolle! Und die Weiber stehen dann trotzdem nicht auf dich“, lacht Teddy auf.

Jack wird langsam rot vor Wut: „Dann geh ich eben nach dem Norden! Da werde ich mit meinen vielen Talenten schon was finden.“

„Essen ist fertig!“, brüllt George plötzlich dazwischen. George und die beiden anderen nehmen sich Reis in ihre Schalen und legen sich ein Fladenbrot darüber, bevor sie sich damit auf ihre Betten setzen, die aus über Haltegestelle gelegte Bretter bestehen, über die mehrere Decken gelegt sind.

George erinnert sich, dass ich nichts weiter dabeihabe, steht auf und holt eine alte, sandige Holzschale aus dem Garten, von der eine Kante abgesprengt ist.

Ich nicke ihm dankbar zu, reibe die Schale mit meinem Ärmel sauber und nehme mir etwas Reis und Fladenbrot. Da in meiner Ecke noch kein Bett steht, setze ich mich dort auf den Boden.

2 Himmel und Hölle

Nach dem Essen waschen sich die Männer und ziehen sich um.

Zu meiner Überraschung besitzen sie alle noch eine weitere bessere Garnitur Kleidung und alle drei haben neben ihren ausgetretenen Schuhen noch ein ordentliches Paar Halbschuhe.

Ich halte mühsam meine neugierigen Fragen darüber zurück, ob dieses oder jenes, was ich hier nun sehe als normal gilt, denn ich möchte ungern zugeben, dass mir ihr Lebensstandard ungewöhnlich gut für Sklaven vorkommt. Sicher kann ich mit etwas Geduld auch so die Antworten auf meine Fragen erfahren — was sie zum Beispiel mit „frei sein“ und mit der Bezeichnung „Schuldknecht“ meinen. Ob diese Freiheit wohl das ist, was ich mir darunter vorstelle oder ob es eine verwirrende Bezeichnung für etwas anderes ist?

Dann folge ich den dreien zum Gottesdienst und entdecke weitere faszinierende Umstände über das Leben der Leute hier. Unauffällig möchte ich mehr über das Leben auf dieser Plantage erfahren.

Auf einer umwallten Fläche in der Nähe des Haupthauses, die von Blumenrabatten gerahmt ist, wurden einige Reihen von Bänken halbkreisförmig aufgestellt. Dorthin setzen sich nun alle Leute.

Mir fällt auf, dass es hier im Vergleich zu den Plantagen, wo ich bisher war, ungewöhnlich viele Frauen gibt: Etwa die Hälfte der Leute ist weiblich.

Viele der jüngeren und älteren Paare haben auch Kinder dabei und es scheint, als ob auch einige Enkelkinder haben. Die Leute tragen ausnahmslos so gute Kleidung, dass meine neue Hose und das zu große Hemd dagegen wie einfache Arbeitskleidung wirken. Ich vermute, dass sie allesamt diese Kleidungsstücke nicht zur Arbeit benutzen.

Plötzlich verstummen das fröhliche Geplapper und Gelächter der Leute und ein weißer Mann in einem schwarzen, plumpen Kleid tritt hinter ein kleines Pult und hebt beruhigend die Arme.

„Guten Tag, meine Schäfchen! … Heute ist wieder der letzte Sonntag im Monat und euer Pfarrer Morgan freut sich, euch zu sehen.“ Der Mann macht eine rituelle Bewegung mit den Armen.

Ich frage mich, ob er sich gerade selbst mit der Vorstellung gemeint hatte oder jemanden anderen. Ich sehe aber außer ihm nur drei weitere Weiße: Mister Driver, seine Frau und einen jüngeren Mann, der vielleicht ein Sohn von ihnen sein könnte.

Pfarrer Morgan liest einige kurze Sätze aus einem Buch vor und zieht damit Vergleiche zu Begebenheiten, die den Leuten im Alltag passieren könnten und die die Leute ermahnen sollen, immer ihrem Herrn zu gehorchen. Manchmal bezieht er sich dabei auf den Gehorsam zu einem Gott und manchmal auf den Gehorsam zum Plantagenbesitzer, so wie ich es verstehe. Außerdem sollen sie noch zwei weitere Personen verehren, bei denen ich aber nicht ganz durchschaue, wer gemeint ist. Die Rede ist auch manchmal von einem „Sohn“ und von einem „heiligen Geist“.

Nun denn!

Ich beobachte, wie die Leute gemeinsam in eine Art Ekstase geraten, andächtig singen und bei bestimmten Zeichen des Pfarrers die Hände hochreißen, vor der Brust falten, stillstehen oder aufstehen oder mehreres davon gleichzeitig. Ein interessantes Schauspiel, welches sich mir darbietet.

Ich frage mich, ob die Leute dort davon überzeugt sind, dass es den Gott, den sie preisen, tatsächlich gibt? Irgendwie widersprechen sich die Aussagen des Pfarrers dauernd und wollen manchmal so gar nicht zu der Reaktion der Anwesenden passen. Ich muss aber zugeben, dass das Verhalten der Leute gegenüber dem Pfarrer oder dem, was er sagt, gewisse Ähnlichkeit mit dem aufweist, wie sich die Leute in meiner Heimat mir gegenüber verhalten. Ich muss schmunzeln: Ich bin gewiss kein Gott!

Zum Ende der Veranstaltung hin werden die Drohungen, die der Priester ausspricht, immer intensiver. Wenn die Leute nicht brav wären, würden sie vor dem großen Gericht am Ende ihres Lebens bitter zu zittern haben, weil sie dann, nachdem der Tod sie ereilt hätte, nicht in den Himmel kommen würden, sondern in einem Höllenfeuer verbrannt würden.

Ich sehe mich um und stelle erstaunt fest, dass diese Drohung die Leute ernsthaft in Furcht versetzt. Das finde ich seltsam lustig und lässt mich an ihrem Verstand zweifeln: Wieso ist die Aussicht, dass sie, wenn sie tot sind und sowieso nichts mehr fühlen können, verbrannt zu werden, so viel furchterregender für sie als die ständige Aussicht im Leben gequält zu werden? In einigen Gegenden meiner Heimat werden die Leute nach dem Tod auch verbrannt und es hat sich noch keiner darüber beschwert — weder davor noch danach!

Tatsächlich finden sich nach Ende des Gottesdienstes etwa drei Dutzend Leute ein, die dem Pfarrer und Master Driver von Vergehen berichten, die niemand bemerkt hätte.

Nachdenklich schaue ich dabei zu, wie die Menge langsam wieder den Platz verlässt. Ich verstehe diese Erdenmenschen einfach nicht!

Mitten in meinen Gedanken bemerke ich plötzlich, wie Driver den Pfarrer auf meine Richtung hinweist. Ich sehe mich um. Ich bin fast der letzte Mensch hier, der nicht weiß ist. Schnell stehe ich auf und möchte gerade unauffällig verschwinden als ich bemerke, dass Driver mich zu sich winkt. Mist! Das kann ich jetzt nicht ignorieren.

Widerstrebend gehe ich zu Driver und versuche dabei ein möglichst neutral-freundliches Gesicht aufzusetzen, obwohl mir mein Misstrauen in diese Situation rät, lieber von hier wegzugehen.

„Das ist Samuel! Den habe ich heute erst geholt, Pfarrer Morgan. Ich habe ihn erst mal zur Probe, aber es schadet ja nicht, wenn Sie ihn schon kennenlernen.“

Ich frage mich, warum der Mann mich kennen muss?

Der Pfarrer wendet sich mit einem milden Lächeln mir zu: „Du bist also Mister Drivers neues Schäfchen? Bist du denn auch getauft?“

Was zum Kuckuck, meint er damit? Unsicher senke ich den Blick und antworte: „Ähm, nein?“

„Du meine Güte! Bist du etwa kein Christ?“, ruft Driver entsetzt aus.

Verwirrt von seiner Reaktion sehe ich ihn an. Ein Kloß setzt sich in meinem Hals fest. Was soll ich denn jetzt nur antworten, um ihn zu beruhigen? Ich versuche es mit einem sachlichen Ton: „Nein, Master Driver, ich bin kein Christ.“

„Du meine Güte!“ Driver sieht sich erschrocken um und scheint beruhigt zu sein, dass seine Frau gerade ins Haus verschwindet und nichts mitbekommt. „Dann musst du sofort dem Pfarrer deine Sünden beichten und dich taufen lassen!“

Ich verstehe seine plötzliche Eile nicht. „Warum denn das, Master Driver?“

Driver schnappt nach Luft, als er nach einer Antwort sucht.

„Damit du von deinen Sünden reingewaschen wirst und du nicht in die Hölle kommst“, hilft ihm Pfarrer Morgan weiter.

Driver nickt zustimmend.

Mit Hölle scheinen hier einerseits schlechte Orte gemeint zu sein, andererseits auch das Feuer, in das ihrem Glauben nach die toten Menschen kommen. Welche davon ist wohl gerade gemeint? Unsicher schaue ich von Morgan zu Driver. „Ich wurde doch schon für meine Vergehen bestraft und in der Hölle war ich, glaube ich, auch schon?“, sage ich kleinlaut.

Driver starrt mich mit offenem Mund an, als wenn ich verrückt wäre.

Der Pfarrer reißt die Brauen hoch und einen Moment habe ich den Eindruck, als wenn er am liebsten loslachen würde. „Neiiiin mein Sohn! Die Sünde ist gemeint, dass du geboren wurdest. Du musst dich von der Sünde deiner Existenz reinwaschen und davon, dass du so lange ohne Gott gelebt hast! … Oder bist du etwa ein Muselmann?“, fällt ihm entsetzt ein.

Mir fällt es schwer, ruhig und konzentriert zu bleiben. Ich finde es eine Unverschämtheit — eine sehr starke Beleidigung — meine Geburt als eine Sünde zu bezeichnen! Sicher aber war das aus ihrer Sicht gerade nicht so unverschämt gemeint, beruhige ich mich. Und was meint er bloß mit Muselmann? … In diesem Zusammenhang ist das bestimmt eine Bezeichnung für eine andere Religion — so wie Jude oder Wilder. Ja! Bei Wackstern hatte ich den Ausdruck schon mal gehört! „Ähm nein“, antworte ich schnell, als ich bemerke, dass die beiden mich erwartungsvoll anstarren.

Sofort sinkt die Anspannung aus Drivers Schultern. Das war ihm also eine angenehme Antwort. Driver lächelt mich an: „Dann kannst du dich ja jetzt taufen lassen!“

Ich fürchte, dass mir nun doch nichts anderes überbleibt, als zuzugeben, dass ich keine Ahnung habe, was er damit meint: „Master Driver, was meinen Sie denn damit, mich taufen zu lassen?“

Driver reißt erneut die Brauen hoch und sieht Morgan fragend an.

„Das ist das Ritual, das dich in die große Familie der Christen aufnimmt und dich unter den Schutz Gottes stellt, mein Sohn!“, spricht Morgan zu mir wie zu einem kleinen Kind.

Wahrscheinlich war diese Frage in ihren Augen äußerst dumm und ich lasse mir jetzt lieber nicht noch eine genaue Beschreibung ihres Gottes geben! Bestimmt würde Driver mich dann umgehend zurück zu Tillman bringen! … Oder vor Entsetzen in Ohnmacht fallen. … Oder beides.

„Kann ich dafür bitte Bedenkzeit bekommen?“, frage ich und muss dabei wohl ziemlich überfordert aussehen.

Morgan runzelt die Stirn und sieht mich streng an: „Na gut, Samuel. Wir können auch bis zu meinem nächsten Besuch hier damit warten!“ Er sieht wenig begeistert aus und scheucht mich dann mit den Händen weg wie eine lästige Fliege.

Ich nutze den Moment, um zu gehen, bevor den seltsamen Männern noch etwas anderes einfällt.

---ENDE DER LESEPROBE---