Endlich wieder gute Bilder - Katrin Liebelt - E-Book

Endlich wieder gute Bilder E-Book

Katrin Liebelt

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Beschreibung

Raumschiff Berlin: Ein heiter-ironischer Blick auf das Alltagsgeschäft hinter den Kulissen der großen politschen Bühne - rein fiktiv natürlich ... Irgendwann war der Spuk, der die Welt und das politische Berlin in Atem gehalten hatte, vorbei. Es sollte endlich wieder richtig gute Bilder geben. Auch von Ministerin Dr. Roswitha Wanninger. Aber aus der generalstabsmäßig geplanten Homestory wird nichts: Statt guter Bilder gibt es eine unschöne Überraschung. Zeugin der Ereignisse ist auch die junge Redenschreiberin Mia Unruh. Nach dem Vorfall blickt Mia auf das vergangene Jahr zurück, in dem sie nicht nur privat, sondern auch beruflich großes Ungemach erleiden musste. Denn nach dem Wahldesaster für Mias Partei ist Frau Dr. Wanninger als neue Ministerin im Bundesministerium für Ernährung, Gesundheit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit eingezogen und führt es seitdem mit eiserner Hand. Mia ist nur eines der Opfer des neuen Führungsstils. Ein Racheakt scheint vorprogrammiert. Und doch bleibt bis zum Schluss die spannende Frage, wer den wichtigsten Termin des Jahres verhagelt hat.

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2020

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für Rolf und Tom

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Homestory, Oktober

Wahldesaster, September des Vorjahres

Personaltableau, Oktober

Wechsel an der Spitze, November

Die ersten hundert Tage, Dezember

Führungsqualitäten, Januar

Narrativ, immer noch Januar

Textarbeit, Februar

Vor-Ort-Termin, immer noch Februar

Macherqualitäten, März

Gewinnerthema, immer noch März

Kreatives Schreiben, April

Inner Circle, immer noch April

Sprachregelungen, Mai

Sommerpause, Juli

Sitzungswoche, September

Beliebtheitsgrad, immer noch September

Teambuilding, Oktober

Homestory, Oktober

Sieg des Gewissens, Dezember

Epilog, ein Sommer

Gestern warst du fröhlich und heute bist du froh,

dass dein Gegenüber dich nicht schlägt,

wenn sich intelligentes Leben in dir regt.

Stell' dich einfach tot,

Stell' dich einfach tot.

Iss, trink, schlaf', träum’,

Iss, trink, schlaf’.

Das ist heute nicht dein Tag.

(Element of Crime, Nicht Dein Tag)

Die folgende Geschichte ist frei erfunden.

Und auch jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen ist rein zufällig.

Alles andere wäre bedenklich.

Prolog

Endlich war der Spuk vorbei. Hatten sich die optimistischen Zeitgenossen der Illusion hingegeben, danach würde alles anders sein, holte sie schnell die Realität ein. Wir radelten nicht rücksichtsvoll und entspannt über autofreie Hauptverkehrsadern durch eine Welt, die frei von Abgasen, Borkenkäfern und Glyphosat war. Wir lächelten uns nicht mehr mit den Augen zu, ließen uns den Vortritt oder übten uns in Verzicht und Achtsamkeit. Was erstaunlich war, denn ich erinnerte mich noch gut an all die Gespräche, in denen zwar bedauert wurde, dass es einer solch verheerenden Pandemie bedurfte, um »endlich mal runter zu kommen«, man aber mit dem Blick in den Abgrund zu guter Letzt zu erkennen meinte, »was wirklich zählt«. Die allgemeine Tiefgründigkeit war schnell verflogen, mit ihr Entschleunigung und Rücksichtnahme. Irgendwie war danach alles wieder wie davor, wenn nicht schlimmer.

Nach dem Reset konnten die Leute gar nicht schnell genug Sitze in voll besetzten Billigfliegern buchen, die sie an verlängerten Wochenenden in Barcelona, Tallinn oder Istanbul ausspuckten. Auf den U-Bahnsteigen rempelten sich wieder Berufspendler und Touristen an und verfluchten die Existenz der jeweils anderen Spezies. In den überfüllten Bussen atmeten sich genervte und schwitzende Menschen in den Nacken und sehnten sich nach den FFP2-Masken zurück. Auf Kreuzfahrtschiffen stürmten Horden von Weltenbummlern die Buffets und feierten allabendlich die wiedergewonnene Freiheit. Vor den Eingangstüren der Flagship Stores der internationalen Ketten, die mit Hilfe der Steuerzahler überlebt hatten, bildeten sich schon nachts lange Schlangen, damit eben diese Steuerzahler sich als erste das neueste Sneaker- oder Smartphone-Modell sichern konnten. Konsumkritik war gestern. Man kaufte auch nicht mehr lokal, um die kleinen Läden vor Ort zu retten. Stattdessen wurde wieder fröhlich im weltweiten Netz geshoppt, um die Weltwirtschaft anzukurbeln. Auch Globalisierungskritik war nur noch Erinnerung. Wellnesstempel lockten mit satten Rabatten, Fitnesscenter unterboten sich gegenseitig, und überhaupt war Geiz wieder geil. In den Clubs der Hauptstadt tauschten Unbekannte wie ehedem ungehemmt Körperflüssigkeiten aus. Und nicht jeder verlangte vorher einen Blick auf den Immunstatus des anderen. Auch Wissenschaft und Politik hatten die größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg hinter sich gelassen, zumindest in den meisten Staaten der nördlichen Hemisphäre. Die Kräfteverhältnisse hatten sich verschoben, woran nicht immer der Zufall, sondern meist die politische Führung schuld war.

Die Virologen durften endlich wieder ihrem Kerngeschäft nachgehen und erholten sich in ihren einsamen Laboren von dem medialen Rummel, der ihnen oft ungefragt zuteil geworden war. Sie dürften sich aber noch lange auf dem ersten Platz bei Befragungen von Vorschulkindern nach deren Berufswunsch halten.

Die Gesundheitsexperten der Parteien hatten ihre Stammplätze in den Talkshows wieder an Fußballtrainer, Fernsehköche und Filmstars abgetreten. Alle sehnten sich nach Spaß, Unbeschwertheit und Vergnügen ohne Auflagen, Hygiene- und Abstandsregeln.

Das freilich wusste auch die Politik. Die Menschen hatten genug von Kurven und Statistiken, niemand hatte mehr Lust, auf täglichen Pressekonferenzen über Reproduktionszahlen, Verdoppelungszeiten oder Testverfahren aufgeklärt zu werden. Statt flatten the curve hieß es hochfahren, was das Zeug hält. Nach dieser seltsamen und unwirklich anmutenden Zeit erwarteten die Menschen von der Politik vor allem eins: endlich wieder gute Bilder. Und die sollten sie bekommen.

Homestory, Oktober

Frau Ministerin blickte frohgemut in die Kamera, ganz wie es die Öffentlichkeit und der politische Freund und Feind von ihr gewohnt waren. Das Kinn in die Höhe gereckt, mit hochgezogenen Brauen und strahlendem Lächeln. Das blonde Haar fiel frisch geföhnt und locker auf die schmalen Schultern. Diese steckten heute statt in einem dunkelblauen Blazer über einer hellblauen oder rosa Bluse in einem dem Anlass angemessenen rustikalen Karohemd. Dazu trug Frau Dr. Roswitha Wanninger eine sportliche Leinenhose und flache Schuhe. Ihr Gatte hielt sich vornehm im Hintergrund. Er überragte seine Frau und die beiden fast erwachsenen Töchter um Haupteslänge und blickte stolz auf die Seinen herab.

Die Ministerin plauderte mit den anwesenden Journalistinnen und Reportern und erzählte freimütig, wie sehr sie sich darauf freue, am Nachmittag auf dem nahen Golfplatz an ihrem Handicap zu arbeiten. Am Abend wollte sie mit Mann und Töchtern einen langen Spaziergang über die ausgedehnten Wiesen und Felder unternehmen, die ihr Vater über die Jahre in den Besitz der Familie gebracht hatte. Das Anwesen hatte nichts gemein mit der bayerischen Hofstelle, die der Alte in den fünfziger Jahren von einem studierten, aber praxisuntauglichen Agrarökonomen aus Westfalen übernommen und dann mit Fleiß und Willenskraft auf Vordermann gebracht hatte. Heute gehörte der Vater der Ministerin zu den vermögendsten Landwirten Oberbayerns. Dass ein Spross der Familie in die Politik ging und im fernen Berlin den Interessen der Milch- und Ackerbauern eine starke Stimme gab, war logische Folge dieser Erfolgsstory.

Bevor die Ministerin in ihre Golfkleidung wechseln und ein paar Bälle schlagen konnte, musste der generalstabsmäßig vorbereitete Fototermin über die Bühne gebracht werden. Schließlich hatte der Herrgott vor das Vergnügen die Arbeit gestellt.

Die gesamte Leitungsebene des Bundesministeriums für Ernährung, Gesundheit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit, über dessen Kürzel BuEGeLN die Heute-Show nicht müde wurde flache Witze zu reißen, war vor Ort. Wir waren seit Wochen mit den Vorbereitungen des »wichtigsten Termins des Jahres« beschäftigt gewesen und standen kurz vor dem Startschuss erheblich unter Strom. Im Dateiverzeichnis des Leitungsstabs waren die entsprechenden Vermerke, Papers und Non-Papers im Ordner »Homestory-Ponyhof« abgespeichert. Presseleute und die gesamte Öffentlichkeitsarbeit, vom Referatsleiter bis zu den Praktikanten, hatten jedes einzelne Detail überprüft, überworfen und feingetunt, damit am Ende alles so natürlich und spontan wie möglich wirkte. Eben damit es endlich wieder richtig gute Bilder gab.

Ich sah auf die Uhr und sehnte den Moment herbei, in dem Pressesprecher Uli Boeck die versammelten Fotografen und Reporter mit den Worten »Vielen Dank, meine Damen und Herren« in den kläglichen Rest des Wochenendes entlassen würde. Ungeduldig trat ich von einem Fuß auf den anderen. Vor zwei Tagen waren wir frühmorgens mit dem Flieger aus Berlin in München gelandet. Nun, da sich Fridays for Future nach der Zwangspause wieder lauter zu Wort meldete und Flugscham verbreiten wollte, war diese Gruppenreise an Bord einer Lufthansamaschine mit einem gewissen Risiko verbunden. Schließlich hätte irgendeine sensationshungrige Volontärin an Bord sein und ein Foto vom Tross der Ressortchefin für Nachhaltigkeit schießen können, um daraus eine Skandalstory zu fabrizieren. Aber mit einer Kolonne von Dienstwagen nach Bayern zu heizen war auch keine Alternative. Erst vor ein paar Tagen war wieder eine Rangliste mit den CO2-Werten der Fahrzeugflotte der Kabinettsmitglieder veröffentlicht worden, die wie jedes Jahr für Erregung sorgte. Immerhin waren auf Druck des Kanzlers inzwischen einige Fahrzeuge aus dem Verkehr gezogen und durch Elektroautos ersetzt worden, aber bis das Kabinett klimaneutral unterwegs war, würden noch einige Eisbären ihr Leben lassen.

Wir waren also vor zwei Tagen angemessen verschämt in den Flieger gestiegen und vom Erdinger Moos mit Minibussen in ein Hotel am Starnberger See verfrachtet worden. Am Abend vor dem Abflug ins Voralpen-Idyll hatten wir im Ministerium noch bis in die Puppen Teambuilding betrieben und bei Bier und Wein Karaoke gesungen. Diese denkwürdige Zusammenkunft steckte den meisten von uns noch in den Knochen, als wir uns in die Finalisierung der Homestory stürzten.

An den letzten beiden Tagen hatte ich mehrmals mit unserer polnischen Pflegekraft telefoniert. Wir konnten von Glück sagen, dass wir Natalia hatten. Sie betreute in der Nachbarschaft eine alte Dame, sprang aber gelegentlich bei uns ein, wenn wir Unterstützung brauchten. Wer nicht die finanziellen Mittel hatte, privat jemanden zu engagieren, hatte halt Pech. Während der Pandemie hatte endlich auch die Politik das Thema Pflegenotstand auf die Agenda gesetzt. Die Heldinnen und Helden wurden beklatscht und bejubelt, bekamen einmalige Boni und einen Wellness-Gutschein, wenn sie an vorderster Front gedient hatten. Spannend war, was von der Wertschätzung ganz konkret übrigbleiben würde. Jedenfalls machte es sich mehr denn je wunderbar, wenn die Gesundheitsministerin den weißen Kittel überstreifte und in ihrem Wahlkreis für ein Stündchen im Altenwohnheim hospitierte. Auch ein solcher Einsatz garantierte gute Bilder. Der entsprechende Ordner trug den vielsagenden Titel »Zwischenmenschliches«. Auf der an das Fotoshooting anschließenden Pressekonferenz wurde dann ein Masterplan vorgestellt, der versprach, den Mangel an Pflegekräften binnen kürzester Zeit zu beheben, auch, um für einen erneuten Ernstfall gut gerüstet zu sein. Man musste nur den Lohn um ein paar Euro erhöhen und drei Urlaubstage drauflegen, und schon würden Massen junger Menschen sich für eine Ausbildung in der Pflege entscheiden. Nicht nur wegen des neuen Heldenmythos und der attraktiven Arbeitsbedingungen in diesem sexy Beruf, sondern auch, weil sie der Gesellschaft »etwas zurückgeben« wollten. Was sie angesichts der maroden Schulen, Spielplätze, Schwimmbäder und Sportanlagen eigentlich in so jungen Jahren zurückgeben wollten, war eine nicht ganz unberechtigte Frage, wie ich fand.

Natalia jedenfalls kümmerte sich um Papa, wenn ich dienstlich außerhalb Berlins unterwegs war, was zum Glück selten vorkam. Und noch seltener so wie jetzt drei ganze Tage am Stück. Die Tatsache, so lange nicht bei ihm in Berlin zu sein, zerrte zusätzlich an meinem angegriffenen Nervenkostüm.

Am Tag des Fototermins setzten wir ab sechs Uhr morgens die letzten Haken hinter unsere To-do-Listen. Ministerin, Gatte, Töchter und das Pony wurden frisiert und gepudert, die langsam eintrudelnde Journalistenschar mit Kaffee, Mettbrötchen und Smalltalk bei Laune gehalten und schaulustige Dorfbewohner hinter die Absperrungen aus weiß-rotem Flatterband verwiesen.

Jetzt war es elf Uhr und endlich konnte es losgehen mit der Homestory des Jahres. Dank des Klimawandels spielte auch das Wetter an diesem Morgen im Oktober mit. Die Sonne schien verlässlich und heiß vom wolkenlosen Himmel. Das verbrannte Gras auf den Wiesen im Hintergrund konnte man später für Instagram und Facebook mit einem Mausklick in sattes Grün verwandeln. Und damit in die Farbe der Hoffnung. Das Spätsommerlicht würde sich auf den Bildern gut machen, warme Farben kamen immer gut rüber und ließen das Lächeln der Ministerin weicher erscheinen. Sobald das hier vorbei war, würde ich mit den Kolleginnen und Kollegen nach Berlin zurück jetten, Papa kurz Gesellschaft leisten und mir dann meine Schwimmtasche schnappen. Und dann nichts wie ins Wasser. Das Schwimmen hatte mir schon oft das Leben gerettet. Wenn es mir mit Papa zu viel wurde oder ich von Ebbi mit einer WhatsApp-Nachricht abgespeist wurde, weil er kurzfristig seiner Frau die Hand halten musste, statt unsere Verabredung einzuhalten. Oder wenn ihn mal wieder Skrupel überkamen und er mir mitteilte, dass er es nicht länger mit seinem Gewissen vereinbaren könne, seine depressive Frau mit einer Jüngeren zu hintergehen.

Bevor ich in düstere Stimmung versank, den ganzen Tag statt mit Ebbi mit Netflix im Bett verbrachte und in Selbstmitleid zerfloss, musste ich die Kurve kriegen und ins Schwimmbecken steigen. Nach zweitausend monotonen Metern ging es mir besser. Der Kopf war frei, die dunklen Wolken verzogen sich und ich glaubte wieder fest daran, dass auch für mich bald alles gut würde. Vor meinem geistigen Auge sah ich ganz deutlich die Alpenvereinshütte, auf der ich unbeschwerte Sommer verbrachte und die Geschichten zu Papier brachte, die schon lange in mir schlummerten. Ich schloss die Augen und beschwor gerade das herrliche Gefühl herauf, wenn die Fingerspitzen ins kühle Nass tauchten und mein Körper ins Wasser glitt, als ein ohrenbetäubender Knall die sonntägliche Idylle auf dem Gutshof der Familie Wanninger jäh zerriss.

Selbst denjenigen Zeugen der Szene, die nicht zu den eingeschworenen Fans von True Crime-Serien und -Podcasts zählten, gefror augenblicklich das Blut in den Adern. Allen war in diesem Moment klar, dass es sich bei dem Geräusch um nichts anderes handeln konnte als um einen Schuss, abgefeuert aus einem Hinterhalt.

Der Beweis folgte mit grausamer Heftigkeit. Der eben noch wenn auch kleine, so doch stolze Körper des Opfers sank zu Boden. Die in alle Richtungen ausgestreckten Gliedmaßen vollführten irre Zuckungen. Schmerz und Schreck mussten unerträglich sein und verwandelten das von Familie, Freunden und den Leserinnen der einschlägigen Klatschpostillen geliebte Wesen in eine gequälte Kreatur.

Aus der in adrettem Freizeitlook gekleideten und exakt gescheitelten Familie Wanninger wurde binnen Sekunden ein hysterisch kreischendes Knäuel. Um ihr Leben in Sicherheit zu bringen, stoben auch alle Umstehen den auseinander und überließen Zwergpony Ernie seinem grausamen Schicksal. Das so nett anmutende Gruppenbild war nicht mehr als Erinnerung. Allein das Pony blieb in seinem Todeskampf einsam und verlassen auf der Wiese zurück.

Niemand hatte es kommen sehen. Und doch beschlich mich der Gedanke, dass es früher oder später so hatte kommen müssen. Nach einem Jahr unter ihrem Regime gab es im BuEGeLN den einen oder anderen, der eine saftige Rechnung mit Frau Ministerin Dr. Roswitha Wanninger offen hatte. Ganz abgesehen von den Frauen und Männern, die sie über die Jahre auf ihrem Weg in die Führungsriege ihrer Partei ausgebootet hatte. Nun allerdings hatte es Ernie getroffen, das unschuldige Zwergpony, das seit Jahren einen festen Platz im Streichelzoo der Familie Wanninger eingenommen hatte.

Mich persönlich wunderte an der Sache eigentlich nur Folgendes: erstens, warum es so lange gedauert hatte, bis jemand Ernst gemacht hatte. Und zweitens, wieso der Stümper sein eigentliches Ziel verfehlt hatte.

Aber der Reihe nach.

Wahldesaster, September des Vorjahres

Ebenfalls an einem Sonntag, ein knappes Jahr zuvor, überstieg die Zahl der leeren Rotweinflaschen, wie immer bei diesen Zusammenkünften, deutlich die Zahl der anwesenden Personen. Zwar gab es gute Gründe, das Glas zu erheben, denn endlich war Licht am Ende des Tunnels. Das Oktoberfest würde stattfinden und die Rezession fiel nicht ganz so schlimm aus, wie es die Schlechte-Laune-Professoren der führenden Wirtschaftsinstitute noch vor Kurzem gebetsmühlenartig vor jeder Kamera wiederholt hatten. Es schien kurz vor der Wahl durchaus gerechtfertigt, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Meine Partei aber hatte mal wieder kein bisschen vom positiven Stimmungswandel profitiert. Geschweige denn vom durchaus souveränen Krisenmanagement der Regierung in den vergangenen Monaten. Im Gegenteil, das internationale Lob und die hohen Zustimmungswerte der Bevölkerung heimsten die anderen ein, während meine Partei weitgehend unsichtbar blieb. Und nun hatten wir die Quittung bekommen, weswegen es für uns rein gar nichts zu feiern gab. Wir hatten an diesem Tag, einem trüben und regnerischen Spätsommerabend, den Frust über eine Zahl ertränken wollen: gerade noch zweistellig.

Allen war klar: Das würde nicht reichen. Vielleicht noch nicht einmal als Juniorpartner in einer der vielen Farbvarianten, die im Vorfeld der Bundestagswahl in endlosen Talkshow-Schleifen diskutiert worden waren. Als meine Partei den Wahlkampf einläutete, musste man schon an kompletter Realitätsverweigerung leiden, um ernsthaft einen Kanzlerkandidaten zu präsentieren. Aber auf diesem Gebiet hatte meine Partei seit längerem die Nase ganz vorn. Leider nicht in den Hochrechnungen, die sich schon vor dem Morgengrauen in ein absolut desaströses Endergebnis verwandeln würden.

Das einzig Spannende war, wer die Kanzlerin beerben würde. Der Kandidat aus den eigenen Reihen oder der Kandidat der Grünen. Wer hatte nicht alles versucht, die Kanzlerin doch noch umzustimmen. Nach all den Monaten, in denen sie mehr Vertrauen bei der Bevölkerung genoss denn jemals zuvor, in denen sie den verunsicherten Menschen das Gefühl gab, niemand könne sie besser durch diese existenzielle Krise bringen, hatte sie dankend abgelehnt. Sie hatte einfach klipp und klar wiederholt, dass mit der Wahl das Ende ihrer Ära gekommen war. Sie stand zu ihrem Wort. Und während mit ihr an der Spitze sogar die absolute Mehrheit in greifbarer Nähe gelegen hätte, hatten ihre Kronprinzen das scheinbar Unmögliche hinbekommen und den sicher geglaubten haushohen Sieg auf den letzten Metern versemmelt. Die drei Alphatiere hatten sich in ihrem Streit um die Nachfolge der Kanzlerin gegenseitig so sehr demontiert, dass es allem Anschein nach nun sogar nur zum Juniorpartner reichen würde. Der Sieger der parteiinternen Diadochenkämpfe war angeschlagen und hatte an Ansehen verloren. Er würde den Vizekanzler geben und in die Geschichtsbücher eingehen als ein König ohne Land.

Das alles konnte die Kanzlerin am Wahlabend kalt lassen. Ein wenig Bedauern über den suboptimalen Umgang miteinander und ein paar mahnende Worte bei der Übergabe des Staffelstabs. Die Aufarbeitung würden Biographen, Historiker und Soziologen erledigen. Endlich neuer Stoff für Dissertationen und Habilitationsschriften über die erste deutsche Kanzlerin. Ihre Ära war Geschichte. Sie würde künftig auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, bei UNO-Vollversammlungen oder anlässlich der Verleihung des Friedens-Nobelpreises weise und warnende Worte finden. Außerdem konnte sie endlich in Bayreuth jedes Dekolleté tragen, das ihr gefiel, in Ruhe die Zutaten für ihre Kartoffelsuppe einkaufen, Kuchen mit viel Streuseln backen und beim Wandern in Sulden unbehelligt von Paparazzi ihr Jausenbrot mampfen.

Wir alle hatten uns an die Bundeskanzlerin gewöhnt wie an die nette Nachbarin in der Mietwohnung gegenüber. Ich wohnte in meiner ersten WG und war Studienanfängerin, als die taz am 11. Oktober 2005 titelte: »Es ist ein Mädchen!« Seitdem war sie wie selbstverständlich da gewesen, in jeder Tages schau, in jeder Heute-Sendung, auf den Titelblättern und am Silvesterabend, wenn sie uns in ihrer jährlichen Neujahrsansprache Zuversicht gab für die Herausforderungen in dieser komplexer werdenden Welt. Vor der Krise war die Bundeskanzlerin allerdings weniger durch das Anpacken handfester Probleme aufgefallen als durch herzige Auftritte mit ihrem französischen und tapfer absolvierten Begegnungen mit ihrem amerikanischen Amtskollegen. Die Kärrnerarbeit hatte sie ihrem Kabinett überlassen, bis die Welt eine andere wurde und plötzlich wieder Tugenden gefragt waren, mit denen man in Zeiten von Fake News und Tweets eigentlich einpacken konnte: emotionslose Sachlichkeit, rationaler Umgang mit nie dagewesenen Herausforderungen und nicht zuletzt die Fähigkeit, auf Experten zu hören, Einschätzungen verschiedener Disziplinen nüchtern gegeneinander abzuwägen und auf dieser Grundlage lautlos Entscheidungen zu treffen, statt auf das Bauchgefühl zu hören und immer als erster eine einfache Lösung aller Probleme in die Welt hinauszuposaunen. Vielleicht hatten deswegen selbst die schärfsten Kritiker der Kanzlerin das Gefühl, dass das Land einigermaßen heil durch diese schwere Zeit gekommen war. Die Kanzlerin machte einen ehrenvollen Abgang und ließ ein Land zurück, das mit einer neuen Regierung wieder optimistischer in die Zukunft blicken wollte. Die spannende Frage war: Wer von den fleißigen Arbeitsbienen würde sich hinüberretten können in die neue Zeit? Und die Hochrechnungen warfen noch eine viel existentiellere Frage auf: Würden wir tatsächlich einen grünen Kanzler bekommen? Das war die Variante, die in den Fernsehstudios gerade am heftigsten diskutiert wurde. Jamaika statt Groko, danach sah es an diesem Abend tatsächlich aus.

Deshalb schwante auch den Parlamentarischen Staatssekretären, dass sie nur noch einfache Abgeordnete sein würden. Künftig würden sie ihre Zeit statt auf Neujahrsempfängen, Sommerfesten, Parlamentarischen Abenden oder Klausurtagungen in edlen Wellnessresorts vor allem in langweiligen Ausschusssitzungen verbringen. Sitzungen, bei denen Selters statt Sekt gereicht wurde, dänische Buttercookies statt feinem Teegebäck aus dem KaDeWe. Und an Ausschussarbeit stand nicht wenig an. Während der Auswärtige Ausschuss weltbewegende Themen behandelte oder der Verteidigungsausschuss über Auslandseinsätze der Bundeswehr debattierte, konnte eine Sitzung im Ausschuss für Ernährung, Gesundheit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit gewisse Längen entwickeln. Das war mir klar geworden, als ich einen Sprechzettel für eine solche Ausschusssitzung vorbereitet und mich in das Thema Tierfutterverordnung vertieft hatte. Auch die hausärztliche Versorgung der alternden Bevölkerung in der Uckermark oder die Kennzeichnung von Lebensmitteln als frei von Gluten, Laktose, Gentechnik und anderen Übeln waren Dauerbrenner im Ausschuss für Ernährung, Gesundheit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit. Neuerdings stand das Impfen von Katzen auf der Agenda. Denn ein neuer Impfstoff machte es möglich, dass auch Katzenhaar-Allergiker sich endlich das lang ersehnte süße Katzenbaby anschaffen konnten ohne Gefahr zu laufen, einen Asthmaanfall zu erleiden. Allerdings wurden nicht die Menschen geimpft, sondern die Katzen. Und das war der heikle Punkt. Zwar waren Impfungen an sich ja inzwischen ein wenig rehabilitiert, aber trotzdem tobten auf Facebook wieder erbitterte Wortgefechte zwischen Impfgegnern und Allergikern. Wenn man schon Kinder nicht fragte, ob sie überhaupt geimpft werden wollten, war diese ethische Frage doch bei niedlichen kleinen Kätzchen viel brisanter. Sie konnten ihren Willen schließlich noch weniger deutlich artikulieren. Die Sache würde gewiss bald im Ausschuss und dann vor dem Deutschen Ethikrat landen.

In den zahlreichen Ausschüssen des Deutschen Bundestages konnte sich jeder Hinterbänkler als Experte gerieren. Manchmal reichte die Fachkenntnis eines Nischenthemas sogar für eine Einladung ins Morgenmagazin. Man bekam dann die Moma-Tasse und konnte zuhause im Wahlkreis erzählen, dass man dauernd im Fernsehen war.

Eingeladen wurden zuständige Expertinnen und Experten etwa, wenn eine junge Frau an einem Allergieschock verstorben war, weil auf der Popcorn-Packung im Multiplex-Kino der Hinweis fehlte, dass dieses Produkt Spuren von Mais enthalten könnte. Die BILD musste nur mit einer Schlagzeile auf machen wie »Junge Blondine im Kino erstickt – Politik versagt beim Verbraucherschutz!« Schon war Expertise in Sachen Lebensmittelsicherheit gefragt. Dann durfte ein mit dem Thema vertrauter ehemaliger Hoffnungsträger seiner Partei auf allen Kanälen beherzt an die Verantwortung der internationalen Konzerne appellieren und eine »ehrliche Grundsatzdebatte« über die Folgen der Globalisierung einfordern.

Rund um alle erdenklichen Fragestellungen wurde so viel Papier produziert, dass für die Nachhaltigkeit statt der Abschaffung der Plastiktrinkhalme eine Abschaffung mancher Ausschüsse sinnvoller gewesen wäre. Ich dachte, dass man Greta Thunberg und ihren Mitstreitenden einmal eine Übersicht über die sogenannten Tischvorlagen schicken müsste, die vor jeder Sitzung verteilt wurden. Für diese einseitig bedruckten Papierstapel wurde wahrscheinlich in der Summe soviel Wald vernichtet wie durch die verheerenden Buschbrände in Australien.

Wenigstens waren die Parlamentarier während der Sitzungen ein paar Stunden hinter verschlossenen Türen beschäftigt und konnten weder medial noch politisch Schaden anrichten.

Die Runde der selbsternannten Strippenzieher, Einflüsterer und Entscheidungsträger würde nach dieser Wahl zu einem Grüppchen Bedenkenträger mutieren und in der politischen Bedeutungslosigkeit versinken. Statt in Talkshows mit großer Geste die angespannte Weltlage zu analysieren, würden sie in Zukunft in ihren Wahlkreisen im Kreise von Provinz-Honoratioren Bänder durchtrennen, um das Wahlvolk mit zu Kunsthallen umfunktionierten Hallenbädern, mit Radwegen und öffentlichen Wasserspendern zu beglücken.

Die Gesichter um mich herum spiegelten Verzweiflung und Zukunftsangst wider, wie man sie aus den Einspielern zum Thema Hartz IV kennt.

Etwas gelassener konnten die beamteten Staatssekretäre auf die Hochrechnungen blicken. Als politische Beamte würden sie zwar genau wie die meisten Abteilungsleiter ihren bequemen Bürostuhl räumen müssen, aber das Schicksal meinte es besser mit ihnen. Im Geiste überschlugen die Damen und Herren ihre Pensionsanwartschaften und scannten ihre Adresslisten auf der Suche nach wertvollen Kontakten in der freien Wirtschaft oder an den privaten Lehranstalten der Republik. Zur Not würde man mit den ebenfalls in den einstweiligen Ruhestand entlassenen Kollegen einen Think Tank gründen oder sich als Lobbyist einem der zahlreichen Verbände andienen. Davon konnte es gar nicht genug geben im politischen Berlin. Und dann gab es noch Brüssel oder den Botschafterposten im Vatikan. Nicht die schlechteste Endstation einer Karriere.

Auf Referentenebene gestaltete sich die Zukunftsplanung schwieriger. Hier gab es mehrere Handlungsoptionen: Eigeninitiative, Lethargie oder Opportunismus.

In den kommenden Wochen würde sich zeigen, welchen Weg die Kolleginnen und Kollegen eingeschlagen hatten, die sich noch vor wenigen Wochen als Berufsoptimisten hervorgetan hatten. Klar würde unser Kanzlerkandidat das Ruder in letzter Sekunde herumreißen! Die Wahl wurde am Wahltag entschieden! Die Demoskopen hatten schließlich schon oft völlig daneben gelegen. So würde der wieder estarkte Hype um die Grünen an den Urnen verpuffen. Und alle, die wutentbrannt ins Mikro geiferten, sie würden den etablierten Parteien diesmal einen Denkzettel verpassen und Rechts außen wählen, würden sich kurz vor Schließung der Wahllokale auf ihre staatsbürgerliche Verantwortung besinnen und ihre Stimme der Demokratie, der Toleranz und der Vielfalt geben.

Ich teilte den Zweckoptimismus seit Monaten nicht mehr und war mir sicher: Die anderen logen sich selbst in die Tasche. Dass ich Recht behielt, machte meine Lage allerdings keinen Deut besser. Darauf schenkte ich mir noch einen Rotwein ein und stellte zufrieden fest, dass die bunten Balken auf dem riesigen Bildschirm des Besprechungsraums, in dem die kleine Wahlparty stieg, mit steigendem Alkoholpegel an Bedrohlichkeit verloren. Alles blieb schön bunt, wenn die Zukunft auch eher düster ausfallen würde. Immerhin standen uns Redenschreibern, die wir uns im Vorfeld der Wahl die Finger wund getippt hatten, ein paar gemütliche Wochen bevor. Denn nach einer Wahl passierte erst einmal: gar nichts. Jedenfalls nicht auf Arbeitsebene. Man hatte reichlich Zeit für Spekulationen und Zukunftsszenarien. Im Grunde wusste keiner, wohin die Reise ging. Namen und Gerüchte kursierten, Unsicherheit machte sich breit und die Anspannung der Wochen zuvor wich einer bleiernen Schwere. Zumindest auf Leitungsebene, wo Posten mit Vertrauten besetzt wurden. Pressestelle, Öffentlichkeitsarbeit und die Positionen der Schreiberlinge überließ jede politische Seite nur ungern denjenigen, die in der Vergangenheit für die Konkurrenz die Reden und Grußworte, Pressemitteilungen, Dementis und Kampagnen entworfen hatten.

Das war in gewisser Weise verständlich und meine Kolleginnen und Kollegen im Leitungsstab des Ministeriums sahen das nüchtern. Einige hatten sich schon frühzeitig bei den Leitern der Abteilungen »Lebensqualität« oder »Nachhaltigkeit« angebiedert. Dort konnte man auch als Nichtjurist bis zur nächsten Legislaturperiode ein einigermaßen unbehelligtes Dasein fristen. Andere waren entweder zu optimistisch, loyal oder einfach zu dämlich gewesen und harrten der Dinge, die da kommen würden. Ich gehörte offensichtlich zur dritten Kategorie.

Natürlich würde auch ich gerne während der neuen Legislaturperiode in einem kuscheligen Referat in der Präventionsabteilung darüber sinnieren, wie man dicken Kindern den Kampf ansagen oder ihre adipösen, kettenrauchenden Eltern dazu bewegen könnte, die lieben Kleinen weg von der Playstation hinein in die Wohnküche zu locken, wo die Familie gemeinsam Karotten schälte und Bio-Äpfel schnippelte und dabei fröhliche Lieder trällerte. Es wäre auch reizvoll, einen Masterplan zum Umbau von verwaisten Musikschulen in Senioren-Sportclubs zu entwickeln. Themen, die einer intensiven Neubetrachtung bedurften, gab es genug. Als belesene und interessierte Generalistin könnte ich mich ausgezeichnet einbringen. Leider waren die zahlreichen Projektgruppen, die die Kolleginnen und Kollegen mit Weitblick frühzeitig vor der schicksalhaften Wahl in die Haushaltsplanung eingebracht hatten, alle schon besetzt.

Ich selbst hatte es schlichtweg verschlafen, mich beizeiten um meine berufliche Zukunft zu kümmern.

Deshalb saß ich am Tag Eins nach dem Wahldesaster immer noch im »Referat für Reden und Textarbeit« und hoffte, dass sich auch für mich ein warmes Plätzchen in einer Zielsteuerungsgruppe oder Task Force finden würde. Bei der Schaffung von Versorgungsposten für unliebsame, aber unkündbare, da verbeamtete Mitarbeiter hatte unsere Personalabteilung in der Vergangenheit überraschende Kreativität bewiesen. Der Leiter des Referates »Vorhabenplanung« zum Beispiel hatte schon vor Monaten dafür gesorgt, dass er nach der Wahl eine eigens für ihn eingerichtete »Task Force Mensch und Wolf« übernehmen würde. In ihr sollten sich künftig sämtliche Mitarbeiter seines ehemaligen Planungsreferates und weitere Angehörige unserer bedrohten Art tummeln und zukunftsweisende Strategiepapiere entwerfen. Was sie dort inhaltlich genau machten, war der Fantasie überlassen. Wahrscheinlich ging es in Richtung Artenschutz versus Interessen von Schäfern, aber das klang viel zu banal und abgeschmackt für die illustre Truppe, die der ehemalige Oberstratege nun anführen würde.

Mensch und Wolf und ihr Verhältnis zueinander waren schließlich sehr en vogue, verging doch kaum ein Tag, an dem die BILD nicht wahlweise Tierschützer, verängstigte Bürger oder in ihrer Existenz bedrohte Schäfer zu Wort kommen ließ. Erst letzte Woche hatte das Springer-Kampfblatt mit der Titelzeile aufgemacht: »Erste Kita schließt wegen Wolf.« Wen das kalt ließ, der hatte wahrlich kein Herz in der Brust. Allerdings rührte auch der Anblick des blutüberströmten Wolfsbabys zu Tränen, das zwei Tage später mit dem rhetorisch raffinierten Kommentar abgedruckt worden war: »Wütender Wanderer greift zur Waffe –Wolfsbaby verblutet im Wald.«

Es erforderte also großes politisches Fingerspitzengefühl und Ausdauer, um im Spannungsfeld Mensch und Wolf einen Ausgleich der widerstreitenden Interessen zu erreichen. Nebenbei mussten hochsensible Termine koordiniert werden, bei denen die künftige Leitung des BuEGeLN entweder mit flauschigen Wolfbabys oder mit verängstigten Kita-Kindern und ihren besorgten Müttern abgelichtet werden konnte. Schäferinnen wären im Sinne des Gender Mainstreaming natürlich noch besser. Sie aufzutreiben war eine Aufgabe, für die man einen erfahrenen Experten wie besagten Referatsleiter brauchte. Und dann bekäme man, was in der Politik mindestens die halbe Miete war: gute Bilder.

Das Problem in den Wochen nach der Wahl war, dass es im Leitungs- und Planungsstab noch nichts zu leiten und zu planen gab. Selbst als bekannt wurde, wer das Ressort übernehmen sollte, war es noch ein langer Weg vom Koalitionsvertrag bis zur Umsetzung des darin bekundeten politischen Willens.

Es gab rein gar nichts, aus dem man eine Pressemitteilung mit Nachrichtenwert hätte stricken können, keine Kampagnen, die ausgeschrieben, und keine Reden, die entworfen werden mussten. Wer hätte die auch halten sollen, solange sich die handelnden Personen noch mit der Endabstimmung des Koalitionsvertrages beschäftigten und ausgelotet werden musste, wer die neuen Würdenträgerinnen und -träger in der Regierung sein würden. Was die »Menschen da draußen« nicht ahnten, waren die komplexen Regeln bei der Besetzung der Posten von Ministern, Staatssekretärinnen, Ausschussvorsitzenden und Sprecherinnen. Hätten sie es gewusst, wäre manche Personalentscheidung, über die in den Schankstuben der Dorfkneipen heftig debattiert wurde, plötzlich nachvollziehbar und logisch gewesen. Die Zauberformel hieß Proporz, also das Austarieren der erstrebenswerten Anteile von Frauen und Männern, Menschen mit und ohne Behinderungen, Katholiken und Protestantinnen, neuerdings Muslimen, am besten auch Menschen jüdischen Glaubens, Alleinerziehenden mit und ohne Migrationshintergrund und von Hoffnungsträgerinnen und alten Hasen aus allen Teilen der Republik. Je nach Partei wurden auch Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender- und Inter-Personen in die komplizierten Berechnungen mit einbezogen. Man musste ein mathematisches Genie sein, um den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Und wenn er endlich errechnet war, konnte es passiert sein, dass man den Bock zum Gärtner gemacht hatte.

Mit Frau Dr. Roswitha Wanninger aus Oberbayern als neuer Ministerin für Ernährung, Gesundheit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit hatte ihre Partei allerdings einen Volltreffer gelandet. Zum einen hatte sie über die »Signifikanz von Pausengymnastik für die psychische Gesundheit in der Arbeitswelt« promoviert. Und bislang hatte Vroniplag an der Doktorarbeit nichts auszusetzen gehabt. Sie musste auch nicht fürchten bei der nächsten Pandemie schlechte Botschaften überbringen zu müssen. Das war dem Kollegen vorbehalten, der das neue Bundesministerium für Infektionsschutz und Krisenmanagement leiten würde. Bei der Besetzung hatte ausnahmsweise Professionalität über Proporz gesiegt. Dem Professor für Virologie würde nach seinen besonnenen Auftritten in der Hochzeit der Krise jede Bürgerin und mancher Bürger widerspruchlos in den nächsten Lockdown folgen. Aus seinem Mund klang sogar der Begriff Polymerasekettenreaktion wie eine Verheißung.

Frau Dr. Roswitha Wanninger würde sich also eher um die Wohlfühl-Themen kümmern. Sie verfügte mit einem Promotionsthema aus dem Bereich Gesundheit und Prävention im Gegensatz zu anderen Mitgliedern des neuen Jamaika-Kabinetts über die verbriefte Fachkompetenz für das ihr an vertraute Ressort. Zum anderen kam sie aus dem Land der Laptops und Lederhosen und würde künftig in Berlin dafür streiten, dass die Interessen des Freistaats nicht der Inkompetenz von Ossis, Preußen oder Nordlichtern zum Opfer fielen. Ein Begriff wie »morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich« kam ihr ebenso leicht über die Lippen wie warme Worte über Wertegemeinschaft und Familie. Sie konnte überzeugend über Künstliche Intelligenz referieren, gleichzeitig wirkte sie völlig authentisch, wenn sie im Stuhlkreis mit alten Leuten Weihnachtslieder sang oder mit Kleinkindern im Bällebad herumtollte. Und authentisch kam in der Politik immer gut.

Außerdem waren Fr au Dr. Roswitha Wanninger und ihre Brüder die ersten in ihrer Familie, die studiert und promoviert hatten. Solche Aufstiegs-Stories kannte man sonst eher aus meiner Partei, wo die Wortführer sich stolz darauf beriefen, Kinder von verwitweten Putzfrauen oder erwerbsgeminderten Metallarbeitern zu sein, wenn man ihren biografischen Angaben Glauben schenkte. Jetzt hatte die Konkurrenz selbst eine Spitzenpolitikerin vorzuweisen, deren Eltern aus ärmlichen, kleinbäuerlichen Verhältnissen stammten, sich aus eigenem Antrieb hochgearbeitet und ihren fünf Kindern den sozialen Aufstieg ermöglicht hatten. Die vier Brüder von Frau Dr. Roswitha Wanninger standen ihrer Schwester in nichts nach. Der älteste war ein bekannter Münchener Promi-Anwalt, der sich auf Verleumdungsklagen spezialisiert hatte. Ein anderer war Terrorismus-Experte und tingelte in diesen unruhigen Zeiten von einer Brennpunkt-Sendung zur nächsten. Ein weiterer Bruder hatte sich als Orthopäde einen Namen gemacht. Seine Ratgeber mit Titeln wie »Nach der Bandscheiben-OP in 60 Tagen zum Boston-Marathon« oder »Mit künstlicher Hüfte auf den K2« landeten regelmäßig auf der Spiegel-Bestsellerliste in der Sparte Sachbücher. Und schließlich gab es noch den jüngsten Spross. Er hatte von seinem Vater die Führung des inzwischen hochmodernen Agrarbetriebs übernommen und war vor kurzem zum Vorsitzenden des Bayerischen Bauernverbandes gewählt worden. Für den Gesamtdeutschen Bauernverband war er mit Mitte vierzig noch einige Jahrzehnte zu jung, aber auf Landesebene konnte man sich, das hatte seine Schwester gerade bewiesen, bestens für Höheres empfehlen.

Die erfolgreiche Politikerin befand sich im Kreis ihrer Brüder also in bester Gesellschaft. Frau Dr. Roswitha Wanninger war zudem praktizierende Katholikin, aber alles andere als eine langweilige Betschwester. Sie war auch mit Mitte Fünfzig eine attraktive und flotte Erscheinung, spielte hervorragend Golf und hatte den ein oder anderen Pokal nach Hause geholt. Außerdem genoss sie das volle Vertrauen ihres Parteivorsitzenden. Künftig würde er dank Frau Dr. Roswitha Wanninger von München aus in der Hauptstadt mitregieren und den künftigen Koalitionspartnern das Leben schwer machen. Uns standen also in jeder Hinsicht spannende Zeiten bevor.

Personaltableau, Oktober

Bis alle Personalentscheidungen gefällt waren, saßen wir, die aus der letzten Legislaturperiode übrig Gebliebenen, wochenlang auf verwaisten Fluren. Wir bummelten Überstunden ab, verhalfen dem Kantinenpächter zu zusätzlichen Einkünften und verdaddelten die Zeit bis zum Feierabend im Internet. Eine solche Hängepartie ging merklich zu Lasten meines Kreditkartenkontos. Aus purer Langeweile hatte ich ausgiebiger als sonst kleine Haushaltshelfer und Deko-Artikel erstanden und Bademode geordert. Das war für mich das eigentliche Plus am Online-Handel: Man musste nicht in einer zu engen und grell beleuchteten Umkleidekabine halbnackt vor dem Spiegel stehen und den Bauch einziehen. Außerdem bekam niemand mit, wenn man das Teil wieder in den Karton stopfte und den Retour-Schein ausdruckte. Keine lächelnde Zwanzigjährige in Kleidergröße 34, die zuckersüß fragte: »Na, soll ich Ihnen den Artikel eine oder besser gleich zwei Nummern größer bringen?«

Dank meiner über die letzten Monate angehäuften Überstunden machte ich früher als sonst Schluss und konnte mich mehr um Papa kümmern. Nach der Arbeit packte ich ihn in den Rolli und schob ihn durch den Park oder machte mit ihm eine Bootsfahrt auf dem Wannsee. Diese Ausflüge hatten wir während der Pandemie schmerzlich vermisst, denn sie machten uns beiden Spaß und verschafften mir ein gutes Gewissen. Sonst war Papa den ganzen Tag alleine, nachdem ich ihn morgens versorgt hatte, denn vor achtzehn Uhr war ich selten zuhause. Und Natalia kostete uns schon genug, wenn sie während meiner Dienstreisen einsprang oder wenn ich mir ab und zu ein Wochenende für mich gönnte.

Vor sechs Jahren hatte ein Fahrradunfall meinen Vater von einem Tag auf den anderen von einem agilen Sechzigjährigen in einen schwerbehinderten Frührentner verwandelt. Was wir in Berlin immer wieder in der Zeitung lasen und was ganz weit weg von uns schien, war uns plötzlich selbst passiert. Beim Überfahren einer Behelfsampel an einer Baustelle war mein Vater von einem SUV-Fahrer erwischt worden. Der 22-Jährige hatte die rote Ampel missachtet und war mit Tempo 70 durch die verkehrsberuhigte Zone gekachelt. Für ihn hatte das ein vierstelliges Bußgeld und einen mehrmonatigen Führerscheinentzug zur Folge. Für meinen Vater einen