Wir sind Minister - Katrin Liebelt - E-Book

Wir sind Minister E-Book

Katrin Liebelt

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Beschreibung

Neue Runde im Berliner Polit-Karussell: Mit der schwarzroten Regierung übernimmt der bundesweit bekannte und streitbare Oberbürgermeister einer schwäbischen Universitätsstadt das Bundesministerium für Ernährung, Gesundheit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit, kurz BuEGeLN. Mit dem Amtsantritt Bernd Bäckerles beginnt auch für Redenschreiberin Mia ein neues Kapitel: Endlich wieder im Leitungsstab, betraut mit Grußworten, Statements, Artikeln und eben Redenschreiben. Die Aufbruchstimmung währt jedoch nicht lang. Erneut wird das politische Berlin von einem ruchlosen Verbrechen erschüttert. Bei einem Vor-Ort-Termin wird der Minister entführt. Fortan rätseln Staatsschutz, Medien, Öffentlichkeit und das gesamte Ministerium darüber, welche dunklen Mächte hinter dem Verschwinden Bernd Bäckerles stecken könnten. Egal wie die Sache ausgehen wird, fest steht vorerst nur: Es muss weiterregiert werden!

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Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2025

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für Herbert, Ulrike und Chris, meine Lieblingsschwaben in Berlin

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Von Schwaben an die Spree, Mai

The LÄND!, Mai

Master-Narrativ, Mai

Windhund-Prinzip, Mai

Teamseminar, Mai

Alles Alpaka, Juli

Eisbaden, Juli

Biodeutsche Kartoffeln, Juli

Filz, Juli

Talkshow, Juli

True Crime, Juli

Staatsschutz, Juli

Kontextualisierung, Juli

Exit-Strategie, Juli

Die kleinen Racker*innen, Juli

Klempner der Macht, Juli

Digital Natives, Juli

Brennpunkt, Juli

Brown Bag Lunch, Juli

Artenschutz, August

Jäger und Sammler, August

Samstag gehört Vati mir, August

Pflegenotstand, August

D-Day, August

Tag der Befreiung, August

Epilog

»Sie glauben gar nicht welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist.«

Joseph Roth, Autor (1894-1939)

»Es ist besser, nicht zu regieren als falsch zu regieren.«

Christian Lindner, Vorsitzender einer Kleinstpartei

(in der Nacht vom 19. auf den 20. November 2017)

Die folgende Geschichte ist frei erfunden.

Und auch jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen ist rein zufällig.

Alles andere wäre bedenklich.

Prolog

Ich war einmal mehr zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Bereits Minuten nach der Tat erschütterte eine Schlagzeile die gesamte Republik: »Minister entführt! Wo ist Bernd Bäckerle?«

Auch mich persönlich traf der schockierende Vorfall bis ins Mark. Denn erst vor ein paar Jahren war ich unfreiwillig Zeugin eines mutmaßlichen Anschlags auf die Chefin des Bundesministeriums für Ernährung, Gesundheit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit, kurz BuEGeLN, gewesen. Nur, dass damals nicht die Ministerin zu Boden ging, sondern Zwergpony Ernie, Liebling der Familie Frau Dr. Wanningers und der bunten Blätter, die man verschämt wie genüsslich beim Friseur oder im Wartezimmer durchblättert. Nach jener missglückten Homestory hatte ein politischer Tsunami das BuEGeLN durcheinandergewirbelt und auch mich aus dem Leitungsbereich in die Niederungen des Ministeriums gespült. Schon die Begrifflichkeiten suggerierten, dass das Leben in einer Fachabteilung um einiges härter war als das Dasein im Leitungsbereich. Fachlich zu arbeiten erforderte ein über viele Jahre erworbenes Expertenwissen, zu leiten lernte man notfalls on the job oder im Rahmen des zweitägigen Seminars »Leitung kompakt.«

Während ich im Redenschreiberreferat meiner Fantasie, angereichert um ein paar evidenzbasierte Fakten, freien Lauf hatte lassen können, musste ich in der Fachabteilung lernen, EU-Richtlinien zu dechiffrieren, Stellungnahmen zu Rechtsverordnungen zu formulieren und zu akzeptieren, dass immer irgendwer noch ein allerletztes Wort hatte. Aus knackigen Vermerken wurden auf dem Weg zur Abteilungsleitung hinauf und wieder zu mir zurück dank des Überarbeitungsmodus grellbunte Schriftstücke. Rein optisch mochten diese Werke künstlerisch wertvoll erscheinen, inhaltlich ließen sie die geneigte Leserschaft allerdings lange über eine mögliche Kernaus sage rätseln. Moderne Kunst vom Feinsten, die jedoch konkrete Auswirkungen auf das Leben der Bevölkerung hatte. Von einem großflächigen monochromen Gemälde in der Neuen Nationalgalerie konnte man sich achselzuckend abwenden. Eine Gesetzesnovelle aus dem BuEGeLN hingegen wirkte sich gegebenenfalls auf den eigenen Geldbeutel aus. Zuzahlungen, Pflegestufe, Mütterrente, Krankenkassenbeiträge oder Wohngeld, die Entscheidungen, die in den Ministerien getroffen wurden, waren für manche Bürgerin und manchen Bürger von geradezu existenzieller Bedeutung. In der Fachabteilung trug man also unmittelbar Verantwortung für das, worüber man als Redenschreiberin auf der Metaebene recht freigeistig fabulieren konnte. Aber das musste man mit einer gewissen Gelassenheit und Professionalität aushalten, beziehungsweise ausblenden. Es würde schließlich alle möglichen Berufsgruppen um den Schlaf bringen, wenn sie ihre Arbeit »mit nach Hause nehmen« würden. Man denke nur an Dermatologinnen oder Bestatter.

Nach ein paar mageren Jahren in der Fachabteilung war ich nach der vorgezogenen Neuwahl endlich zurück im Reich der unbegrenzten Möglichkeiten: im Referat »Reden und Textarbeit« im Leitungsbereich des BuEGeLN. Insofern war es auch für mich persönlich die Chance auf einen Neustart gewesen, als die alte Regierung sich öffentlich zerlegt, Neuwahlen ausgerufen und sich eine neue Koalition der Willigen zusammengerauft hatte.

Ich hatte nicht ahnen können, dass ich erneut Zeugin eines feigen Anschlags werden würde. Dieses Mal hatte zwar niemand aus dem Hinterhalt eine Waffe abgedrückt und ein unschuldiges Pony zur Strecke gebracht, um eine Ministerin wieder auf die erste Seite der Tagespresse zu katapultieren. Es war noch schlimmer gekommen: Der Minister war verschwunden. Bernd Bäckerle, Bundesminister für Ernährung, Gesundheit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit, war einfach weg. Am helllichten Tag gekidnappt von einer Tribüne auf dem schmucken Marktplatz einer verschlafenen schwäbischen Universitätsstadt.

Nach allem, was der Staatsschutz an Infos preisgab, steckten dunkle Mächte hinter diesem niederträchtigen Verbrechen. Details und Ausgang waren zunächst völlig ungewiss. Seit dem erschütternden Vorfall zermarterte sich nicht nur die SoKo »Käpsele« das Hirn über mögliche Motive, potenzielle Hinterleute und vor allem über Strategien zur Beendigung dieser unerträglich ungewissen Lage. Auch das gesamte BuEGeLN war in heller Aufregung ob des Schicksals Bernd Bäckerles, unseres neuen Ministers. Womöglich wurde er, statt in seinem ergonomischen Bürostuhl mit Blick auf den beamten- und bienenfreundlich begrünten Innenhof des Ministeriums zu sitzen, in einem dunklen und feuchten Kellerverlies gehalten. Angekettet an undichten Fallrohren, frierend und hungrig, verzweifelt und hoffnungslos. Mit weniger Bewegungsfreiheit als die deutsche Legehenne, für deren Würde er gerade noch beherzt in Brüssel gestritten hatte. Nun befand er sich wahrscheinlich selbst in einer Art Käfighaltung, bewacht von grimmigen und gewaltbereiten Linksradikalen oder Reichsbürgern, die Angst und Schrecken verbreiten und unserer Demokratie nachhaltig Schaden zufügen wollten. Und ich hatte quasi danebengestanden, als sich die Falltür in der Tribünenmitte wie ein Höllenschlund aufgetan und Bernd Bäckerle verschluckt hatte.

Von Schwaben an die Spree, Mai

SoKo, Staatschutz und die Kolleginnen und Kollegen, die nahezu immer und überall in Grüppchen zusammenstanden und mögliche Szenarien durchdiskutierten – alle tappten nach dem Verschwinden des Ministers im Dunkeln. An Arbeit war im BuEGeLN ausnahmsweise nicht zu denken.

Zunächst gab es rein gar nichts Neues, nicht einmal das kleinste Lebenszeichen von Minister Bernd Bäckerle. Auch waren weder ein Bekennerschreiben noch Lösegeldforderungen eingegangen. Dabei hätte man sich schon über einen abgetrennten kleinen Finger gefreut, um zu wissen, dass noch Blut durch die Adern des Ministers floss.

Mit Bernd Bäckerle war ein politisches Naturtalent, streitbar, bundesweit bekannt und dauerpräsent, wie vom Erdboden verschwunden. Die Sache hätte einen spannenden Plot für eine Netflix-Serie hergegeben. Doch im wahren Leben passierte so etwas doch nicht! Mitten in Deutschland, wo sich die Menschen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld immer noch einigermaßen sicher fühlten. Gemeinhin sorgte nur das Hören eines der beliebten True Crime-Podcasts für einen beschleunigten Puls. Es sei denn, die Leute kamen auf die Idee, nach Anbruch der Dunkelheit auf Pilzsuche im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg zu gehen oder in Neukölln in einem öffentlichen Freibad Abkühlung zu suchen. Dann drohte tatsächlich Gefahr für Leib und Leben, zumindest, wenn man der BILD glaubte. Deren hochbetagter Kolumnist wurde nicht müde sich mit gut gemeinten Ratschlägen an die Berlinerinnen und Berliner zu wenden: »Liebe Hauptstädter, Ihr tut mir leid. Nicht mal Gassi oder baden gehen könnt Ihr, ohne dass Ihr ein Messer an der Kehle habt.«

Ich fühlte mich weiterhin recht sicher in Deutschland und seiner Hauptstadt. Die dunklen Ecken würde man schließlich nachts überall im Land meiden, auch in Görlitz, Gütersloh und sogar auf dem Gillamoos. Das zumindest hatten alle gedacht, mich eingeschlossen. Bis zu jenem heißen Sommertag auf dem historischen Marktplatz einer schwäbischen Universitätsstadt, bekannt für den hübschen Hölderlin-Turm und beschauliche Fahrten mit dem Stocherkahn auf dem sanft dahinplätschernden Neckar, umrahmt von schnuckeligen Fachwerkhäusern und heimeligen Besenwirtschaften.

Aber das Undenkbare war eingetreten. Vor den Augen tausender Menschen, die herbeigeeilt waren, um den Weisheiten ihres ehemaligen Oberbürgermeisters zu lauschen, war dieser wortwörtlich in der Versenkung verschwunden: Bernd Bäckerle, einer der ihren, wenn auch schlauer als die meisten. Ein pfiffiger, gewitzter Zeitgenosse. Im Schwäbischen also ein echtes Käpsele.

Das Entsetzen war groß, denn die Welt brauchte Bäckerle. Er hatte seine Stadt als Oberbürgermeister zum Vorzeigeobjekt für Nachhaltigkeit, Sauberkeit und Anstand gemacht. Als nächstes war ganz Deutschland dran, dann Europa und dann der Rest der Welt. Das wurde mein Chef nicht müde zu verkünden, seit er kurz nach Ostern das Zepter im BuEGeLN übernommen hatte. Und das war auch die Kernaussage der Rede, die ich ihm auf dem Weg zum Auftritt in seiner ehemaligen Wirkungsstätte in die Hand gedrückt hatte. Aber noch ehe Minister Bernd Bäckerle auf dem dortigen Marktplatz mit seiner Ansprache hatte loslegen können, war er weg. Und das war er bis heute. Niemand wagte eine Prognose, wie das Drama sich weiterentwickeln, geschweige denn, wie es enden würde.

Nach dem Exil in der Fachabteilung hatte ich, kaum waren die Ressorts nach der Neuwahl verteilt, meine Kisten gepackt und war wieder ein Stockwerk höher gezogen: in die Bel Étage des BuEGeLN. Mein altes und neues Metier, das einzige, in dem ich es zu einer gewissen Fertigkeit gebracht hatte, war das Verfassen von feurigen Reden, spitzfindigen Grußworten und scharfsinnigen Namensartikeln aller Art. Wie nach jeder Wahl hieß es, sobald die Tinte unter dem Koalitionsvertrag der Regierung getrocknet war: Auf ein Neues! Oder, wie in verlässlicher Regelmäßigkeit bei der Verkündung des Minimalkonsenses der neuen Ehe auf Zeit betont wurde: »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.« Dass es sich dabei auch um einen Schadenszauber handeln konnte, raunten sich nur die ewigen Bedenkenträger zu. Alle anderen Beteiligten strahlten optimistisch um die Wette und posteten Bilder mit knackigen Sprüchen, gern unterlegt mit siegesgewissen Oldies à la »We are the champions« oder »Simply the best.«

Auch die besten Champions werden irgendwann von der neuen Nummer Eins abgelöst, so läuft es im Sport wie in der Politik. Und so war Frau Dr. Roswitha Wanninger, die alte Ministerin, längst Geschichte und lächelte uns nur noch aus der Ahnenreihe ihrer Vorgänger an, auf Zelluloid gebannt und hinter Glas, also aus sicherem Abstand. Inzwischen war sie mit dem Botschafterinnenposten beim Heiligen Stuhl bedacht worden. Zu ihren Aufgaben gehörte es, hochrangige Gäste aus Deutschland zu den Audienzen des Heiligen Vaters zu begleiten und im Namen ihres Landes in vorderster Reihe auf dem Petersplatz den Segen Urbi et Orbi zu empfangen. Bisweilen galt es auch, sich in die nicht enden wollende Schlange der Trauern den einzureihen, wenn ein Papst das Zeitliche gesegnet hatte und, mit Mitra und putzigen roten Schühchen, im Petersdom aufgebahrt war wie andere große Führer vor ihm. Lenin, Mao oder Ho Chi Minh zum Beispiel. Ob Botschafterin Wanninger ihre Familie mit nach Rom genommen hatte, entzog sich meiner Kenntnis. Nach der verunglückten Homestory und dem die gesamte Republik bewegenden Drama um das gemeuchelte Zwergpony Ernie hatte die ehemalige Chefin des BuEGeLN ihre Strategie um hundertachtzig Grad gedreht und hielt die Presse völlig aus dem Privatleben ihrer Familie und des heimischen Streichelzoos heraus. Das machte es für die Paparazzi, in deren Ursprungsland sie nun schaltete und waltete, nur verlockender, sie außerhalb des Dienstes abzupassen und abzulichten. Bisweilen sah man also doch ein Bild von ihr: zum Beispiel in der Südtiroler Sommerfrische, an der Seite ihres Gatten, mit Käppi, großer Sonnenbrille und in zünftiger Wanderkluft in einem Sessellift auf dem Weg nach oben. Der Weg nach oben war immer ihre Lebensmaxime gewesen. Da war ein Posten als Chefdiplomatin in der Stadt der sieben Hügel nicht die schlechteste Abfindung nach der denkwürdigen Ära in den Niederungen bundesrepublikanischer Politik. Nach dem Ministerinnenamt im BuEGeLN, dem Ressort mit dem größten Budget, war es schwierig, eine angemessene Anschlussverwendung zu finden. Vor allem, wenn man in allen Ehren die Entlassungsurkunde entgegengenommen hatte. Wenn man also nicht durch die Hintertür hatte verschwinden müssen, weil man sich ein Bobbycar oder einen billigen Baukredit erschlichen oder kostenlos Urlaub auf der Luxusjacht eines windigen Wettbürokönigs gemacht hatte. Es gab selbst in Deutschland inzwischen einige unrühmliche Beispiele, auch wenn man offiziell immer noch gerne über angebliche Bananenrepubliken herzog, bei denen Vetternwirtschaft und Gefälligkeiten zur Staatsräson gehörten.

Auch in unserer stolzen Demokratie existierten Netzwerke wie die berüchtigten Frogs, die sich um einen ehemaligen Kanzler scharten. Diese »Friends of Gerd« hatten von Hannover aus ihre Fäden bis in den Kreml gesponnen. Das konnte man den Titelstorys und Bestsellern der Enthüllungsjournalisten entnehmen. Für diesen Beruf gab es zwar weder eine Ausbildungsnoch eine Prüfungsverordnung, er stand aber beim journalistischen Nachwuchs hoch im Kurs, versprach er doch, entgegen einer tristen Tätigkeit als Knecht der Mainstreampresse, regelmäßige Einladungen in Talkshows und Polit-Podcasts. Diese Karriereaussichten hatte auch jene Journalisten angetrieben, die den Frogs auf die Schliche gekommen waren und die Mitglieder des ominösen Männer-Geheimbundes und ihre Machenschaften ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hatten.

Allerdings gehörten die Frogs inzwischen zum alten Eisen. Herrenabende mit reichlich Merlot und Cohibas gehörten der Vergangenheit an. Fitness und Veganismus waren angesagt. Auch die derzeit amtierenden Politiker ließen sich lieber beim Stand-Up-Paddling oder vor einer Thai-Bowl ablichten als beim Skat-Spielen in verrauchten Hinterzimmern. Einige der Frogs vegetierten inzwischen in noblen Senioren-Residenzen vor sich hin, die sich Normalsterbliche niemals würden leisten können. Andere wurden von ihren vitalen Ehefrauen Nummer Vier oder Fünf in einem Dachzimmerchen in ihrer Villa gehalten. Dort kümmerte sich osteuropäisches Pflegepersonal darum, dass sie ab und an etwas frische Luft bekamen und abends satt, sauber und sediert einschlummerten und von vergangenen Heldentaten träumten. Der wenn auch eintönige, so doch komfortable Lebensabend brachte einigen der in die Jahre gekommenen »Friends of Gerd« und ihren Artgenossen wenig Freude. Der Alkohol hatte ihre Körper aufgeschwemmt und ihre Hirne aufgeweicht. Dadurch stellten sie allerdings auch keine Gefahr mehr dar. Sie würden den Nachwuchsreportern, die ihnen in den weitläufigen Parks ihrer Domizile auflauerten, um ihnen Skandalgeschichten zu entlocken, nur noch Kinderlieder vorsingen oder Anekdoten aus der Grundschulzeit erzählen können. Wie man aus der Apothekenrundschau wusste, erlosch das Langzeitgedächtnis als letztes.

Der ehemalige Kanzler und Namensgeber der illustren Truppe war inzwischen offiziell zur Persona non grata erklärt worden. Was er trieb, konnte man dem Insta-Account seiner aktuellen Gattin entnehmen. Hier sah man gelegentlich, wie er der jungen Frau eine rote Nelke überreichte oder in einem Topf herumrührte: »Das Rezept findet Ihr in der Bio!«, hauchte die Frau an seiner Seite dann kokett ins Mikro. Lediglich seine nicht verblassende Haarfarbe erinnerte noch an den einst vor Kraft strotzenden Mann, der einer beliebten Legende nach am Zaun des Kanzleramtes gerüttelt und in die Nacht gebrüllt hatte: »Ich will da rein!«

Bei aller Häme musste man sagen, dass alles ein ziemliches Trauerspiel war: Denn das Erbe des ehemaligen Regierungschefs würde darin bestehen, dass er als der einzige Kanzler der Bundesrepublik in die Geschichte eingehen würde, nach dem weder Schulen noch Plätze oder Straßen benannt würden, nicht mal für die Patenschaft über einen ICE oder einen Pandabären im Zoo seiner Heimatstadt würde es reichen.

Nach Frau Dr. Roswitha Wanninger hingegen würde später bestimmt alles Mögliche benannt werden. Ihr Antlitz würde Briefmarken zieren, namhafte zeitgenössische Künstler würden Reiterstandbilder erschaffen, in ihrem Namen würden Stiftungen für benachteiligte Kinder, alleinerziehende Mütter oder gefährdete Jugendliche gegründet und Stipendien vergeben wer den. Frau Dr. Wanninger hatte ihren Abgang als Ministerin nämlich keineswegs einem persönlichen Fehlverhalten zu verdanken. Sie war Opfer eines schäbigen Komplotts geworden: Ihr damaliger Pressesprecher Bruno Mützweiler-Gräbing hatte während eines Pressetermins auf dem Hof von Familie Wanninger ein Attentat inszeniert, um der Ministerin die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl der Wählerschaft zu sichern, nachdem ihre Umfragewerte in den Keller gerauscht waren. Von vornherein sollte es das Pony treffen, das Leben der Ministerin war nie ernsthaft in Gefahr gewesen. Aber eine solch unverfrorene Tat traute anfangs freilich niemand einem gestandenen Staatsdiener zu. Zuerst schien der Plan daher aufzugehen. Als dann herausgekommen war, dass es sich um ein abgekartetes Spiel handelte, waren Presse und Öffentlichkeit schockiert und nicht nur die Tage des Pressesprechers, sondern auch die der Ministerin gezählt. Der damalige Kanzler hatte abgewartet, bis sich die Wogen glätteten und neue Skandale das Frühstücksfernsehen und die Talkshows beherrschten, um Frau Dr. Wanninger dann still und heimlich nach Rom wegzuloben. Für Mützweiler-Gräbing hatte man ebenfalls eine neue Verwendung gefunden. Am Rhein statt an der Spree wachte er nun über den Social Media Auftritt einer der internationalen Organisationen, die man seinerzeit als Ausgleich für den Regierungsumzug in Bonn angesiedelt hatte: Fleißig postete er Storys seines neuen Arbeitgebers, des UNEP/EUROBATS. Dahinter verbarg sich das Sekretariat des Abkommens zur Erhaltung der europäischen Fledermauspopulationen. Ich hatte gegoogelt, ob es diese Behörde tatsächlich gab. Es gibt sie.

Als die Personalie Wanninger publik wurde, zuckten die meisten Menschen mit den Schultern und schlossen sich der Lesart an, dass man die ehemalige Ministerin in eine Art vorzeitigen Ruhestand abgeschoben hatte. Frau Dr. Wanninger allerdings empfand den Heiligen Stuhl wahrscheinlich als adäquate Zwischenstation nach ihrer Zeit als Ministerin, noch dazu gut dotiert und mit allerlei Privilegien ausgestattet. Bundespräsidentin oder UNO-Generalsekretärin konnte sie danach immer noch werden. Und damit waren mindestens die Briefmarke und das Reiterstandbild ausgemachte Sache.

Frau Dr. Roswitha Wanningers neuer Posten setzte diplomatisches Geschick und dezente Zurückhaltung voraus. Eigenschaften, die bei ihrem Nachfolger im BuEGeLN, gelinde gesagt, ausbaufähig waren. Als Oberbürgermeister der unbestritten schönsten schwäbischen Universitätsstadt war eine gewisse Robustheit sicher nicht verkehrt. An der Spitze eines so wichtigen Ministeriums wie dem BuEGeLN und in der illustren Runde seiner Kabinettskolleginnen und -kollegen irritierte das derbe Auftreten Bernd Bäckerles gelegentlich sein neues Umfeld. Aber auch seinem Chef, dem neuen Kanzler, eilte der Ruf voraus, bisweilen recht hemdsärmelig zu Werke zu gehen. Dabei kam er aus dem Sauerland, dessen indigener Bevölkerung nicht gerade nachgesagt wurde, ihre Gefühle ungehemmt auszuleben und ihre Gedanken auf der Zunge zu tragen. Im Gegenteil: Dieser kleinen westfälischen Ethnie wurden gern Attribute verpasst wie schweigsam, stur und verstockt. Der neue Kanzler hingegen war schon als einfacher Abgeordneter dadurch aufgefallen, in der Auseinandersetzung mit politischen Gegnern äußerst dünnhäutig zu sein und über eine ausbaufähige Impulskontrolle zu verfügen. Im neuen Amt würde er daran arbeiten müssen. Ein gewisses Mindestmaß an Zurückhaltung und Seriosität war gerade im internationalen Kontext hilfreich, um im Kreis der Mächtigen mitzuspielen.

Bernd Bäckerle, den der Kanzler aus dem Sauerland als neuen Chef des BuEGeLN in sein Kabinett geholt hatte, war ebenfalls der impulsive Typus. Aber im Gegensatz zum Regierungschef hatte man als Minister eine gewisse Narrenfreiheit. Die Leute mochten es sogar, wenn es nicht allzu dröge zuging und die handelnden Personen freitagsabends in der »Heute Show« Anlass zu Heiterkeit boten. Das hatte schließlich etwas Menschliches.

Bernd Bäckerle hatte es schon von Schwaben aus in jede Satiresendung geschafft. Und in jede Talkshow. Denn das schwäbische Urgestein garantierte eine gute Quote: Er nahm kein Blatt vor den Mund und sprach stets selbstbewusst steile Thesen in die Mikros. Dabei löste er gelegentlich einen handfesten Skandal aus. Etwa, wenn es um brisante Themen wie Geflüchtete, das Gendern oder die korrekte Benennung von ethnischen Minderheiten ging. Letzteres hatte Bernd Bäckerle vor einigen Jahren fast das Amt als Oberbürgermeister gekostet, als er während einer Veranstaltung seiner Alma Mater mindestens zehnmal das N-Wort in den Mund nahm, um zu erklären, dass es nicht okay war, das N-Wort in den Mund zu nehmen. Oder so ähnlich. Ich war irgendwann aus der Diskussion ausgestiegen, die in Echtzeit auf allen Kanälen tobte. Am nächsten Tag konnte ich in der Zeitung lesen, dass Bäckerle sich, wie so oft, bewusst missverstanden und ungerecht behandelt fühlte. Seine Betrachtungen seien aus dem Zusammenhang gerissen, also ent-kontextualisiert und gegen ihn instrumentalisiert worden. Dennoch hatte er angekündigt, freiwillig aus den GRÜNEN auszutreten, um »Schaden von der Partei abzuwenden.« Bäckerle wollte das als Akt der Selbstlosigkeit und letzten Beweis verstanden wissen, dass es ihm immer nur um die Sache und niemals um seine Person selbst ging. Bei den GRÜNEN knallten die Sektkorken.

Außerdem wolle er, so Bäckerle damals, während einer Auszeit professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, um seine aufbrausende Art unter Kontrolle zu bekommen. Erst danach wolle er, genesen und gefestigt, wieder in den Dienst des Volkes treten. Die Information, ob diese professionelle Hilfe in Person einer Psychotherapeutin, eines Tantra-Lehrers oder in vertraulicher Runde einer Selbsthilfegruppe für auffällig gewordene Lokalpolitiker bestand, gelangte nie an die Öffentlichkeit. Dank eines überraschend spannenden Abstiegskampfes in der Fußball-Bundesliga und des nahenden Finales von »The Masked Singer« hatte es rasch wichtigere Themen gegeben, die einer breiten öffentlichen Debatte bedurften.

Bäckerle konnte die Sache aussitzen, auf der Couch, auf der Yoga-Matte oder im Stuhlkreis, das war im Prinzip egal. Nach ein paar Wochen hatten sich die Wogen geglättet und Bäckerle kehrte zurück. Er hatte sich während seiner Auszeit einen Dreitagebart zugelegt und sich vom Optiker seines Vertrauens eine neue Brille anpassen lassen. Die Zuschauer einer Talkshow staunten nicht schlecht ob der äußerlichen Verwandlung und horchten gespannt auf, als Bäckerle dem Moderator und dem Millionenpublikum glaubhaft versicherte, geläutert in die Politik zurückkehren und dem Land, dem er so viel verdanke, nun noch mehr zurückgeben zu wollen, ja geradezu zurückgeben zu müssen: »Wissen Sie«, sprach Bernd Bäckerle in die Kamera, nahm die neue Brille ab und putzte sie bedächtig mit seiner grünen Krawatte, »in Schwaben habe ich gezeigt, wozu die Menschen fähig sind, wenn man sie empowert und mitnimmt.«

Er setzte die Brille wieder auf und strich sich durch den Bart: »Und warum sollte das nicht in ganz Deutschland möglich sein?«

»Exakt! Das ist der Punkt«, rief der Moderator begeistert aus und ermunterte Bäckerle, weitere wertvolle Erkenntnisse mit den Menschen da draußen zu teilen. Bäckerle zierte sich ein wenig: »Ich will hier keine klugen Ratschläge erteilen«, raunte er bescheiden in die Kamera, »aber ich sehe meine Heimatstadt schon irgendwie als Blaupause für das ganze Land.«

Den Exilschwaben in Prenzlauer Berg fielen in diesem Moment die Espresso-Martini-Gläser aus den Händen, oder was auch immer in dieser Saison der neue heiße Scheiß in den Cocktailbars der Hauptstadt war. Hatten sie sich im fernen Berlin in Sicherheit gewogen, holte sie nun der Länderproporz ein, der bei der Verteilung von Kabinettposten zum Tragen kam: Auch sechshundert Kilometer weit weg von der Stadt am Neckar waren sie nicht sicher vor der Mission ihres ehemaligen Oberbürgermeisters.

Überhaupt, der Proporz. Ihm hatte so manch ein Spitzenpolitiker seine Diäten, Spesen, Übergangsgelder und Pensionsansprüche zu verdanken. Wie sonst ließe sich erklären, dass eine Frau wie Franka Zwischenfeldt als neue Bundesministerin für Bauern- und Tierwohl nach Berlin berufen worden war? Bis zu ihrer Vereidigung hatte sie sich um den landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern gekümmert. Sie verfügte zwar seit ihrem sechzehnten Lebensjahr über das richtige Parteibuch, aber über keinerlei praktische politische Erfahrung. Franka Zwischenfeldt hatte seit ihrer Jugend im Brandenburgischen Familienbetrieb mit angepackt und sich eigenhändig um hunderttausende Legehennen gekümmert. Es gab Jugendfotos der neuen Ministerin für Bauern- und Tierwohl, auf denen sie in Gummistiefeln und Karohemd, mit Mistgabel oder Schaufel, inmitten tausender Freiland-Hennen zu sehen war. Das stärkte den Glauben an eine Jugend, der allzu oft nachgesagt wurde, aus faulen, hedonistischen Egoisten zu bestehen. Franka Zwischenfeldt war eine fleißige, selbstlose junge Frau aus dem Osten, die ihr Metier von der Pike auf gelernt hatte. Das musste als Qualifikation für ein hohes Staatsamt genauso reichen wie Bernd Bäckerles Hintergrund als beherzt zupackender langjähriger Oberbürgermeister über ein kleines Völkchen widerspenstiger Schwäbinnen und Schwaben.

In besagter Talkshow hatte Bernd Bäckerle seinerzeit kundgetan, dass er die Auszeit für eine »ehrliche Bestandsaufnahme und Selbstreflektion« genutzt habe. Damit eroberte er die Herzen noch der letzten Zweifler an seiner Person. Inmitten all der selbstgewissen, eitlen, beratungsresistenten Narzissten, die inzwischen die Welt beherrschten, war es wohltuend, dass der geläuterte Bernd Bäckerle Ehrlichkeit, Authentizität und Selbstzweifel verkörperte. Er kündigte dann noch an, dass jede und jeder Interessierte seine Erleuchtungen demnächst nachlesen und sich davon inspirieren lassen könne: Er habe die letzten Jahre Revue passieren lassen und endlich »ein größeres Buchprojekt«, mit dem er schon lange geliebäugelt habe, in Angriff genommen. Die großen Verlage horchten auf und überboten sich mit Vorschüssen für das noch unvollendete Werk. Bernd Bäckerles Autobiografie war pünktlich zum Weihnachtsgeschäft erschienen, kurz nachdem die gescheiterte Ampel-Regierung Neuwahlen für den Februar des kommenden Jahres angekündigt hatte. Ein gut gewählter Zeitpunkt, munkelte man doch längst, der Autor werde heiß gehandelt, was die Besetzung von Ministerposten in der nächsten Regierung betraf.

Bernd Bäckerles Autobiografie trug den verheißungsvollen Titel: »Bäckerle: Übernehmen Sie! Von Schwaben an die Spree. Erster Band«. Das Buch ließ die übrigen Neuerscheinungen in den Bestsellerlisten schnell hinter sich und lag auf manchem Gabentisch der Republik. Und das bei ernstzunehmender Konkurrenz wie einem weiteren Prequel von »Harry Potter« und den neuesten Erkenntnissen aus der Kemenate DES deutschen Starphilosophen: »Warum denken, wenn reden zum Erfolg führt?«

Angesichts der beunruhigenden Weltlage hatte man sich nach den Neuwahlen in Rekordzeit auf eine Regierung geeinigt: Auf die Sondierungsgespräche folgten rasch ernsthafte Koalitionsverhandlungen. Anders als beim letzten Mal hatte man in dieser Phase auf Selfies verzichtet, auf denen die Chefunterhändler Optimismus und Begeisterung ausstrahlten und sich verzückt anschmachteten. Die Bilder sprachen eine andere Sprache: Wie in einer langjährigen Ehe würde man sich mit den Macken des Partners arrangieren, sie nervten unendlich, aber eine attraktive Alternative war nicht in Sicht. Schließlich hatten die Beteiligten schon kurz vor Ostern den Minimalkonsens für die neue Legislaturperiode verkünden können. Demütig tat jede Seite kund, man habe zum Wohle des Landes, seiner Menschen und seiner Wirtschaft eigene Herzensprojekte hintenangestellt und würde sich in diesen herausfordernden Zeiten in den Dienst der großen Sache stellen. »Nicht ohne Bauchschmerzen«, hörte man von allen Beteiligten. Aber es sei nicht die Zeit für Befindlichkeiten oder gar Dogmatismus, sondern für Pragmatismus.

Der Koalitionsvertrag trug den vielsagenden Titel »Aufbruch!« und enthielt auf eintausenddreihundertachtzig Seiten ausnahmslos Vorhaben, die jeder sofort unterzeichnet hätte. Nur der Bund der Steuerzahler und ein paar schlecht gelaunte Finanzexperten stellten zaghaft die Frage, wer das alles letztendlich bezahlen solle. Und würden die Hunderte von Milliarden an Sondervermögen überhaupt ausreichen für die ambitionierten Vorhaben und Versprechungen der neuen Partner? Immerhin war jahrzehntelang nichts passiert außer kleineren kosmetischen Reparaturen. Das Schienennetz war genauso marode wie Schulen und Krankenhäuser. Wie man die dringend notwendige grundlegende Sanierung von Infrastruktur und sozialer Sicherung bezahlen würde, wenn aus allen Ecken der Ruf nach mehr Geld erklang, blieb auch im Koalitionsvertrag recht vage. Aber die Details könnte man später regeln, zum Beispiel, wenn das Bundesverfassungsgericht einen dazu verdonnerte, so die neu gebackenen Koalitionäre.

Abseits der Mäkeleien der üblichen Verdächtigen herrschte, verordnet durch den Titel des Koalitionsvertrags, Aufbruchstimmung. Um dies zu untermauern, sollte das neue Kabinett mit ein paar frischen Gesichter aufwarten. Und so kam es zur Ernennung von illustren Persönlichkeiten wie dem inzwischen parteilosen Bernd Bäckerle, der jungen Ostdeutschen Franka Zwischenfeldt und anderern Debütantinnen und Debütanten. Das Zauberwort hieß »unverbraucht.« Außerdem war das neue Kabinett sichtbar divers, bestand aus Frauen, Männern, queeren Personen, stellte ebenso ein Bekenntnis zum Einwanderungsland Deutschland dar wie zur Religionsfreiheit und ließ Ost, West, Nord und Süd gleichermaßen zum Zuge kommen.

Reibung erzeugt Energie, entgegnete der neue Kanzler routiniert auf die Frage, wie diese sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten konstruktiv zusammenarbeiten sollten. Denn Zweifel am Gelingen waren durchaus angebracht, nachdem es, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik, zweier Wahlgänge und einer Änderung der Geschäftsordnung bedurft hatte, damit es am Tag der Kanzlerwahl dann letztendlich doch noch klappte und der hoch gewachsene Sauerländer am Abend die Ernennungsurkunde aus den Händen des Bundespräsidenten entgegennehmen konnte. Der hatte stundenlang geduldig auf seinen Gast gewartet und sich die Zeit zwischen den beiden Wahlgängen damit vertrieben, unverfänglich mit der wartenden Journalistenschar zu plauschen. Das unverfängliche Plaudern war zum Glück eine Kernaufgabe und -kompetenz des deutschen Staatsoberhauptes. Am Ende war es gerade nochmal gut gegangen und das Land hatte eine neue Regierung. Mit einigen Stunden Verspätung, aber das kannte man ja zur Genüge. Den holprigen Start würde man in den Gremien diskutieren, analysieren und evaluieren, hieß es aus den Reihen der frischgebackenen Koalitionäre. Es sei aber bezeichnend, dass das Konklave in Rom nur wenige Tage später doppelt so viele Wahlgänge benötigt hätte, um sich auf einen neuen Hirten über eine Milliarde Katholiken zu verständigen. Diese Tatsache strafe die Kritik am vermeintlichen Fehlstart Lügen. Der Start in Berlin sei dagegen geradezu wie geschmiert über die Bühne gegangen und zudem ein Zeichen lebendiger Demokratie.

Immerhin würde sich schon bald zeigen, dass der Unterhaltungswert des neuen Kabinetts um einiges größer war als in der abgelaufenen Legislaturperiode. Das einzige mediale Highlight während der letzten Regierung war die rauschende Hochzeit eines Ministers auf Sylt gewesen. Und auch das wurde nicht einfach mal unbeschwert gefeiert, sondern gleich zu einer fiesen Neiddebatte hochgezogen. Kein Bild des strahlenden Paares ohne den hämischen Hinweis, dass es dem Berliner Normalbürger aufgrund der chronischen Überlastung der Bürgerämter nicht einmal gelänge, das Aufgebot für die Eheschließung zu bestellen.

Endlich würde das Ensemble aus schillernden Figuren und starken Charakteren für ein bisschen Freude und Ablenkung in diesen insgesamt düsteren Zeiten sorgen. Schließlich hatte man in Deutschland keine Royals, sondern einen Kanzler aus dem Sauerland, eine Ministerin für Bauern- und Tierwohl aus Brandenburg und einen ehemaligen schwäbischen Oberbürgermeister. Sex-Appeal sah anders aus. Deshalb hieß das neue Motto: »Bunt ist das neue Schwarz-Rot-Gold.« Man wollte der schlechten Stimmung etwas entgegensetzen, auf die vor allem die Rechten im Wahlkampf gesetzt hatten. Ihre Plakate hatten ausgesehen wie eine Kinowerbung für eine rabenschwarze Dystopie. Sie hatten Slogans getragen wie »Im freien Fall – Deutschland stürzt ab!« oder »Zukunft war gestern!« Die Rechtspopulisten hatten im Wahlkampf auch gleich die vermeintlich Schuldigen mitgeliefert: eine kriminelle Bande aus Grünen, Linken und Sozis. Bei den Rechten war die Endzeitstimmung bereits Realität: Deutschland hatte sich abgeschafft, Clans beherrschten die Straßen und die Fleißigen waren die Dummen. Das einzig Positive bei den Schreihälsen am äußeren rechten Rand: Es gab den Klimawandel nicht! Er war ihnen zufolge eine genauso perfide Erfindung der Mainstreampresse und der Altparteien wie die Pandemie, die man seinerzeit ersonnen hatte, um die Menschen in ihren Wohnungen einzusperren, bis man sie massenweise mit Mikrochips impfen und den gesunden deutschen Volkskörper vergiften konnte. Hoffentlich entzauberten sich die Rechtspopulisten allmählich selbst, wenn sich herumsprach, dass einige ihrer Landräte, Bürgermeister oder gar Abgeordneten entweder auf ganzer Linie versagt hatten oder von den Strafverfolgungsbehörden dabei ertappt worden waren, wie sie für den chinesischen Geheimdienst agierten oder die öffentlichen Kassen plünderten, statt die versprochenen Laternen und Parkbänke aufzustellen.

In der Causa Bäckerle hatte Volkes Stimme gegen die anfänglichen Bedenken des neuen Kanzlers und seines Beraterstabs gesiegt. Bernd Bäckerle war nach seiner Läuterung politisch rehabilitiert, er hatte im Vorjahr in seiner Heimatstadt auch die siebte Wahl zum Oberbürgermeister haushoch und im ersten Wahlgang gewonnen, seine Beliebtheitswerte waren, zumindest im Ländle, grandios. »Endlich mal einer, der die unangenehme Wahrheit ausspricht«, war der Tenor bei Befragungen von Menschen, derer man an einem Samstagvormittag in verödeten Fußgängerzonen habhaft wer den konnte. Diejenigen, bei denen er nicht beliebt war, kannten immerhin sein Gesicht und seinen Namen.

Das gab letztendlich den Ausschlag für die Personalie, mit der der Kanzler die Kaffeesatzleserei mit einem Coup beendet hatte: »Bernd Bäckerle. Von der Provinz nach Berlin!«, titelten die Tageszeitungen, als der Regierungschef vor der versammelten Hauptstadtpresse die Besetzung seines Kabinetts verkündet hatte. Das Schwäbische Tagblatt triumphierte: »Wir sind Minister!«

Der Bekanntheitsgrad hatte einmal mehr den Ausschlag gegeben, denn dagegen war schnöde Beliebtheit vergänglich. Die goldene Regel lautete: »Besser schlechte Presse als keine Presse! Hauptsache gute Quote!« Schließlich war Beliebtheit vergänglich. Respekt konnte man auf einen Schlag verspielen. Beispiele dafür gab es zuhauf. Ein wirrer Tweet nach einer weiteren einsamen Flasche Rotwein nachts um halb drei. Ein unglückliches Selfie oder selbstgedrehtes Handyvideo, nachdem man die Profis von der Agentur in den Feierabend entlassen und sich auf das eigene sichere Gespür verlassen hatte. Gelegentlich ging das gründlich schief. Wenige Sekunden reichten, um in der Gunst der Medien und des Wahlvolks abzustürzen wie Ikarus im gleißenden Sonnenlicht. Die Bekanntheit hingegen war eine Konstante. Sie war nicht nur immun gegen Ausfälle und Peinlichkeiten, sie profitierte sogar davon. Immerhin zeigte ein Politiker, der wutentbrannt auf einen Demonstranten losstürmte und ihm die geballte Faust vor die Nase hielt, das Quäntchen Menschlichkeit, welches der politischen Nomenklatura meist abgesprochen wurde. Auch ein konfuser achtzehnteiliger Thread im Morgengrauen nach einer durchzechten Nacht sprach eher dafür, dass ein Politiker Mensch geblieben war. Wer kannte sie nicht, die unbedacht abgeschickten WhatsApp Nachrichten, mit denen eine lebenslange Freundschaft jäh aufgekündigt wurde oder die Liebe des Lebens mit einem einzigen Klick in die Wüste geschickt wurde? Nichts war im digitalen Zeitalter menschlicher als eine spontane Gefühlsregung, an der die ganze Welt teilhaben durfte.

Bernd Bäckerle hatte sich dem Bundeskanzler mit seiner Dauerpräsenz als telegener und wortgewaltiger Provinzfürst empfohlen, auch wenn er mit seiner polternden Art zuweilen irritierte. Der streitbare Schwabe war immer für eine schmissige Schlagzeile und eine hervorragende Quote gut. Und manchmal kam es nicht ungelegen, wenn die Öffentlichkeit über eine Personalie stritt und nicht mitbekam, was hinter den Kulissen ausgeheckt wurde. Von dieser Warte aus betrachtet, konnte man der Entführung des Ministers bei aller Tragik sogar etwas Positives abgewinnen.

The LÄND!, Mai

Das BuEGeLN war, wie konnte es anders sein, an Bernd Bäckerle gegangen. Er war zwar inzwischen parteilos, hatte aber bis zu seinem Austritt den größten Teil seines politischen Lebens bei den GRÜNEN verbracht. Seine Berufung war deshalb auch parteipolitisch ein echter Coup des neuen Kanzlers: Bernd Bäckerle stand für grüne Politik, ohne mehr Mitglied der Partei zu sein, die quasi das Copyright für Lebensqualität und Nachhaltigkeit hatte und der gleichzeitig das Etikett einer Verbotspartei und Spaßbremse anhaftete. Und die nun in der Opposition versuchen würde, ihr Profil zu schärfen.

Allerdings war auch das parteipolitische Taktieren inzwischen nicht mehr so einfach. Brandmauern und Nichtvereinbarkeitsbeschlüsse machten es immer schwerer, das moralisch Richtige zu tun. Zumindest, wenn man auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen bleiben wollte und nicht bereit war, seine Prinzipien für einen kurzen Applaus über Bord zu werfen.

Die GRÜNEN waren fest entschlossen, standhaft zu bleiben. Das gehörte schließlich zu ihrer DNA: Sie hatten seit den achtziger Jahren gepredigt, dass Wachstum endlich war. Bäckerles ehemalige Partei ging seit über vierzig Jahren den Menschen mit ihrem Ruf nach Verzicht auf die Nerven. Doch selbst die Konservativen hatten inzwischen eingesehen, dass man Wirtschaft und Nachhaltigkeit irgendwie unter einen Hut bringen musste. Wir lebten schließlich in Zeiten, in denen in Brandenburg ganze Landstriche versandeten, während im Rheinland manch abgelegenes Tal nur noch mit dem Tretboot erreicht werden konnte.

Eine Lanze für Klimaschutz und Verzicht zu brechen, diese Zukunftsaufgabe würde dem neuen Stern am bundespolitischen Himmel zufallen: Bernd Bäckerle.

Mit Bäckerle kam ein echter Pragmatiker der ökologischen Bewegung nach Berlin. Ein Realo, ein »Macher«, schrieb die Hauptstadtpresse. Noch dazu stammte Bäckerle aus THE LÄND. So vermarktete sich das südwestliche Bundesland seit geraumer Zeit. Über die Aufkleber »Schön hier, aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?« stolperte der ahnungslose Weltreisende inzwischen in jeder abgelegenen Ecke des Globus, von Swakopmund bis São Paulo, von Hội An bis Houston. Ich wollte gar nicht wissen, wie viel Steuerzahlergeld eine hippe Agentur für dieses Label kassiert hatte. Wahrscheinlich ähnlich viel wie jene Ideenschmiede, die sich vor ein paar Jahren für Berlin den genialen Slogan »be berlin« ausgedacht hatte. »Be the nicht-funktionierender Teil Deutschlands« war offenbar nicht mehrheitsfähig gewesen. Dabei klang das beinahe nach »arm, aber sexy«, dem kessen Spruch, mit dem die Hauptstadt lange erfolgreich kokettiert und damit die chronische Verzweiflung seiner Bewohner nonchalant weggelächelt hatte.

Noch bevor sein Umzugswagen die Stadtgrenze Berlins erreicht hatte, bedachte die Presse Bernd Bäckerle mit reichlich Vorschusslorbeeren. Hatte er nicht als Oberbürgermeister in der schwäbischen Universitätsstadt bewiesen, wie Lebensqualität und Nachhaltigkeit es aus verstaubten Aktendeckeln in den lebendigen Alltag der Menschen schafften: in Form von verkehrsberuhigten Zonen, veganen Kantinen, renaturierten Parkflächen und plastikfreien Unverpacktläden. Bernd Bäckerle würde seine Vision, die er im schwäbischen Versuchslabor über Jahre erfolgreich erprobt hatte, die also gewissermaßen evidenzbasiert war, in der neuen Legislaturperiode in die Fläche bringen. Nicht nur Baden-Württemberg sollte THE LÄND sein. Ganz Deutschland würde sich unter dem ehemaligen OB in ein Paradies der Lebensqualität und Nachhaltigkeit verwandeln: THE DEUTSCHLÄND – das war die Vision. Ein Vorbild für Europa und die ganze Welt, wenn es schon mit dem Breitbandausbau und der Bildungsoffensive zuletzt nicht recht hatte klappen wollen.

Mich schmerzte es sehr, dass ich den Neustart im BuEGeLN zunächst aus der Ferne hatte beobachten müssen. Nach dem Eklat um das ermordete Pony von Frau Ministern Dr. Roswitha Wanninger war ich mit zahlreichen Kollegen aus dem Leitungsstab in der Versenkung der Abteilung für Nachhaltigkeit verschwunden. Im Ministerium kam das einer Verbannung in den Gulag gleich. Statt Dolce Vita im Leitungsbereich knochenharte Strafarbeit. Ich persönlich hatte zwar keinerlei Anteil an dem Komplott gehabt, aber für den Leitungsstab galt eine Art Sippenhaft. Außer, man be setzte einen Premiumplatz im Herzen der scheidenden Ministerin. Dann konnte es sogar geschehen, dass man statt mit einer öden Abteilungsleitung im BuEGeLN mit einem lukrativen Auslandsposten abgefunden wurde. So war es dem Pressesprecher eines anderen Ressorts ergangen, nachdem erin der vergangenen Legislaturperiode ein zentrales Vorhaben seiner Ministerin kommunikativ völlig vor die Wand gefahren hatte. Der von der inländischen Presse arg gescholtene ehemalige Pressesprecher war kurzerhand an das Auswärtige Amt abgeordnet und von diesem nach Paris versetzt worden. An der dortigen deutschen Botschaft bekleidete er nun den neu kreierten Posten eines »Senior*innenreferenten.« Auf missgünstige Presseanfragen bezüglich dieser ungewöhnlichen, auch ungewöhnlich kostspieligen, Personalie hatte das AA routiniert pariert: »Die Beobachtung und Begleitung der Senior*innenpolitik unseres Partnerlandes Frankreich ist für die Wahrung und Stärkung der Beziehungen unserer beiden Länder elementar und absolut alternativlos. Vive l’amitié franco-allemande!«

Dieser Fall war eine der vielen unrühmlichen Ausnahmen. Wenn es einer so richtig vermasselte, wurde normalerweise die gesamte Mannschaft vom Hof gejagt und durch neue, ergebene Mitarbeitende ersetzt. Das Resultat war ein farbenfroher Haufen langgedienter Vertrauter, deren mangelnde Verwaltungserfahrung durch unbedingte Loyalität wettgemacht wurde.

Die Fachabteilungen hingegen waren von gestandenen Juristinnen, Sozialwissenschaftlern und Volkswirten bevölkert. Sie brachten für die viel zitierten Mühen der Ebene das notwendige Rüstzeug und die erforderliche Kondition mit. Immerhin hatte ich in der Abteilung für Nachhaltigkeit eine Nische für mich gefunden, ein warmes Nest, sozusagen. Die von der Klimakatastrophe bedrohten Tiere waren ein Thema, für das ich brannte wie die Naturschutzgebiete in Australien oder den USA. Da musste ich mich gar nicht verbiegen. Folglich hatte ich mich im Vorstellungsgespräch für den Job im Referat »Flora und Fauna des Alpenraums« glaubhaft ins Zeug gelegt. Im Brustton der Überzeugung hatte ich die Bedeutung der Tier- und Pflanzenwelt in den heimischen Bergregionen für den Fortbestand der Schöpfung beschworen: »Erst verstummen die Bergdohlen, dann unsere Kinder! Erst verkümmern die Alpenblumen, dann der Mensch!« Ich kam schließlich von den Redenschreibern und wusste, was Pathos ist.

Es hätte für mich deutlich schlimmer kommen können: In der Abteilung Gesundheit etwa gab es ein Referat, das für den Morbi-RSA zuständig war, also für den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Ähnlich gruselig ging es in Referaten zu, in denen bemitleidenswerte Kolleginnen und Kollegen für die gesetzlichen Grundlagen und die Genehmigungsverfahren für Windräder verantwortlich zeichneten. Oder für die Sicherheitsstandards von Balkonkraftwerken, die es inzwischen nicht nur im Fachhandel, sondern auch bei Tchibo und beim Discounter gab.

Ich wähnte mich also im Referat »Flora und Fauna des Alpenraums« zunächst glücklich. Aber die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Es war naiv zu denken, dass ich gelegentlich mit einem attraktiven Bergführer eine Seilschaft bilden und gemeinsam den Großglockner besteigen würde, um mich vor Ort von den bedrohten Herren der Lüfte zu überzeugen oder den blauen Enzian zu suchen. Meine einzige Exkursion in Sachen Schutz der Singvögel und Blütenpracht im Alpenraum hatte mich in das mit Kita- und Seniorengruppen überfüllte Naturkundemuseum geführt. Dort hatte ein mindestens siebzigjähriger Ornithologe in beigen Jack-Wolfskin-Cargo Hosen und mit Cordflicken an den Ellbogen seines Islandpullis ausgestopfte Vögel in die Luft gereckt und verzückt ihre Anmut gepriesen.

Häufig legte ich mein müdes Haupt auf die Schreibtischplatte und ließ meine Gedanken schweifen. Was hielt diese Legislaturperiode, dieser weitere Vierjahresabschnitt meiner begrenzten Lebenszeit, für mich an Überraschungen bereit? Bitte keine weiteren bösen, betete ich und wiederholte diesen frommen Wunsch wie ein Mantra. Schon als kleines Mädchen hatte ich mir eingeredet, dass man nur fest genug mit zusammengekniffenen Augen an etwas glauben musste, dann würde es wahr. Ich hätte wissen müssen, dass ein Bundesministerium kein Märchenland war, bevölkert von freundlichen Feen und gütigen Zauberern.

Das Blatt hatte sich jedoch schneller gewendet als gedacht. Dank der vorgezogenen Neuwahlen hatte ich nach meinem Intermezzo unter Raubvögeln, Edel weiß und anderen bedrohten Arten als Redenschreiberin eine zweite Chance bekommen. Ehrlich gesagt war das nicht allzu schwer gewesen, denn die Bewerbungen auf die Stellenausschreibungen in der Schreibstube des BuEGeLN tendierten verlässlich gegen Null. Da die meisten Kolleginnen und Kollegen sich nicht vorstellen konnten einen solchen Job zu machen, war es ein Leichtes gewesen, mich ins Spiel zu bringen und mein altes Büro wieder in Beschlag zu nehmen. Friedbert, mein alter Kumpel, hatte die Gelegenheit ebenfalls beim Schopf gepackt, um heimzukehren ins Reich der Aphorismen und Appelle. Wir konnten es kaum erwarten und waren hoch motiviert, beherzt die Feder zu schwingen und dem Volke mit schmissigen Worten dröge Sachthemen näher zu bringen. Wir würden im Herzen eben immer Redenschreiber bleiben, egal wohin man uns zwischenzeitlich verbannte. Man kam davon nicht los. Deshalb fühlten wir uns wie Spätheimkehrer, die wir den Fesseln der Fachabteilung entronnen waren und uns, an Körper und Seele versehrt und auf wunden Sohlen, nach Hause geschleppt hatten: in den Leitungsbereich!

Einen Wermutstropfen mussten Friedbert und ich allerdings schlucken. Unsere neue Chefin im Referat »Reden und Textarbeit« war keine Geringere als unsere ehemalige Kollegin Bine Schlöz. Eigentlich war das kein Wermutstropfen, sondern ein bis zum Rand gefüllter Schierlingsbecher. Aber egal. Man sollte sich stets auf den sinnstiftenden Inhalt konzentrieren und sich von unliebsamen Zeitgenossinnen nicht beirren lassen. So redete ich es mir am Vorabend meines Dienstbeginns unter den Fittichen von Bine Schlöz mantraartig ein.

An einem Montagmorgen kurz nach Ostern, als die neue Regierung endlich stand und sich die Beschäftigten nach der Völlerei an den Feiertagen schwerfällig wieder in die obersten Bundesbehörden schleppten, um den Koalitionsvertrag der neuen Regierung mit Leben zu füllen, trat ich meinen Dienst an. Uschi saß bereits an ihrem Platz im Vorzimmer zum Büro von Bine Schlöz. Freudig sprang sie auf, als ich meinen Kopf zur Tür hereinsteckte: »Mensch, Mia! Super! Da ist die alte Truppe ja wieder beisammen! Friedbert kommt auch bald, habe ich gehört!«

»Ja, wenn er aus dem Urlaub zurück ist«, antwortete ich und herzte Uschi, die auch in früheren Zeiten die Seele unseres Referats gewesen war. So manches Mal hatte ich ihr mein Herz ausgeschüttet und ihren mütterlichen Trost empfangen, während meine leibliche Mutter, von meinen Sorgen und Nöten unbehelligt, im sonnigen Südfrankreich an der Töpferscheibe saß und sich selbst verwirklichte.

»Was ist denn mit Tristan von Herrlinghaus?«, fragte ich Uschi nach dem Verbleib unseres alten Chefs.

»Ach, der ist ins Kanzleramt, aber frag mich nicht, was der da genau macht. Gruppenleiter oder so«, antwortete Uschi gleichmütig und machte eine weg werfende Handbewegung.

Das Kanzleramt war wie ein Schwamm, der alle aufnahm, für die das BuEGeLN und die befreundeten Ressorts keine Abteilungsleitung oder Projektgruppe mehr zu vergeben hatten. Nur dass dieser Schwamm nicht irgendwann tropfte und ausgewrungen werden musste, sondern wie eine Art Wonder Sponge über schier unbegrenzte Aufnahmekapazitäten verfügte. Im Kanzleramt wurde jedes Ressort »gespiegelt«, wie es so schön hieß. Und da die Ressorts während jeder Legislaturperiode wuchsen, musste auch der Spiegel immer größer werden. Spannend würde, wie jedes einzelne Ressort ein Schlupfloch aus dem groß angekündigten Ziel der Personaleinsparungen in der gesamten Bundesverwaltung finden würde. Aber die Verwaltung war immer recht kreativ, wenn es darum ging, zu wachsen statt zu schrumpfen. Ich nahm mir vor, das Organigramm des Bundeskanzleramtes nach bekannten Namen zu durchforsten, sobald ich mich in meinem Büro eingerichtet hatte. Vorerst war die aktuelle Lage vor Ort entscheidend.

»Ist Bine schon da?«, fragte ich Uschi.

»Nein, die kommt immer erst nach halb zehn«, antwortete Uschi, »außer es ist Leitungsrunde, aber das hat sich noch nicht richtig eingespielt.«

»Da muss Bine ihren Wecker bei Bernd Bäckerle aber vermutlich ein Stündchen vorstellen«, gab ich zu bedenken, »immerhin ist er Schwabe.«