Endstation Brexit - Ralf Grabuschnig - E-Book

Endstation Brexit E-Book

Ralf Grabuschnig

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Beschreibung

"Die spinnen, die Briten", wusste ja bereits der Gallier Obelix. Und tatsächlich, in den letzten tausend Jahren hat dieses merkwürdige Inselvolk das regelmäßig unter Beweis gestellt. Immer anders, immer unberechenbar und ja nicht zu europäisch, so kann man die britische Geschichte eigentlich in einem Satz zusammenfassen. Vom legendären Wilhelm dem Eroberer über den vollkommen verrückten Heinrich VIII. bis zur "Großmutter Europas" Königin Victoria – die Briten haben in ihrer Geschichte auf niemanden Rücksicht genommen. Nicht auf sich selbst und ganz besonders nicht auf Europa. Eine unterhaltsame Reise durch die britische Vergangenheit, auf der schnell klar wird: So eine große Überraschung ist der Brexit eigentlich gar nicht. Eine unterhaltsame Reise durch die britische Vergangenheit, auf der schnell klar wird: So eine große Überraschung ist der Brexit eigentlich gar nicht.

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Ralf Grabuschnig

Endstation Brexit

Ralf Grabuschnig

Endstation Brexit

Tectum Verlag

Ralf Grabuschnig

Endstation Brexit

 

© Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018

 

 

E-Pub 978-3-8288-7017-8

(Der Titel ist zugleich unter der ISBN 978-3-8288-4131-4 im Tectum Verlag erschienen.)

 

 

Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes# 92375736 von psdesign1 | www.fotolia.de

 

© Übersichtskarten: Rinalda Faraian

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Besuchen Sie uns im Internet:www.tectum-verlag.de

 

 

 

Dieses Werk wurde durch die Literaturagentur Beate Riess vermittelt.

 

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeAngaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Einleitung

Kapitel 1

Britannien und Rom: Aufstände gegen europäische Zentralgewalt haben in England eben Tradition

Kapitel 2

Von Angeln, Sachsen, Friesen, Jüten und anderen typischen Engländern

Kapitel 3

Hilfe, die Nordmänner kommen!

Kapitel 4

Wie Johann Ohneland den Kontinent verlor und zum David Cameron des 13. Jahrhunderts wurde

Kapitel 5

Heinrich VIII.: „Nein, nein, ich bin kein Protestant!“

Kapitel 6

Schon wieder Ausländer auf dem Thron! Von Schotten zu Deutschen

Kapitel 7

Königin Victoria. Das mit der Großmutter Europas ist durchaus wörtlich gemeint

Kapitel 8

Mit Europa hat man nur Ärger … Die Weltkriege

Kapitel 9

„Das lief ja nicht so rund“. Was die Briten nach Europa zwang

Wie wir hinkamen, wo wir heute sind

Stop banging on about Europe!

Ich danke David Cameron,der dieses Buch erst ermöglicht hat

Einleitung

84 Prozent für den Verbleib in der Europäischen Union – so ging das Brexit-Votum aus. „Der hat doch nicht mehr alle Teetassen im Kabinett“, denken Sie sich jetzt sicher, „es weiß doch jeder, wie dieses verfluchte Brexit-Referendum ausgegangen ist!“ Zugegeben, Sie haben recht. Aber es hätte auch anders kommen können! Und das tat es an ein paar Orten ja auch. Beispielsweise am Zeltplatz des Glastonbury-Musikfestivals im westenglischen Somerset. Hier wurde noch am Tag der Abstimmung eine Tafel aufgestellt, die ein ganz anderes Ergebnis zeigte: stolze 137 zu 26 Stimmen für das Remain-Lager! Wie ich schon sagte: 84 Prozent. Als ich am Morgen des 24. Juni 2016 dann selbst aus meinem verdreckten Zelt kletterte, das ich auf diesem Feld in Somerset aufgeschlagen hatte, und mein Handy rausholte, brach dementsprechend auf Anhieb die Hölle los. „You really did it. You voted to leave!“, entfuhr es mir etwas lauter als beabsichtigt. Sofort kamen von allen Richtungen die Antworten zurück. „Ahh damn it! It’s all the old bastards again that always go vote“ oder „I can’t believe how stupid this country is – a c***-ry, really“ gehörten noch zu den Aussagen, die man am ehesten wiedergeben kann.

Die europhilen Hippies des Glastonbury-Festivals standen unter Schock. Und das hielt den ganzen Tag an. In der Schlange zum Kaffeeholen kam ein älterer Herr auf uns zu und entschuldigte sich stellvertretend für seine Generation. Unsere Zukunft hätten sie verbaut, meinte er. Erstaunlich: Da erzählen uns die älteren Mitbürger seit Jahrzehnten, wie viel besser es früher doch gewesen sei, und dann das! In der Welt von Brexit und Präsident Trump kann man sich wirklich auf gar nichts mehr verlassen … Ganz verarbeiten konnte den Ausgang des Referendums auf diesem schlammigen Feld in Somerset aber ohnehin keiner. Es wussten doch alle: Die EU zu verlassen war blanker Selbstmord! Wem sollte so etwas Dummes einfallen? Nun, wie sich herausstellte, fanden einige diese dumme Idee ganz gut. Die Besucher des alten Hippie-Horts Glastonbury waren wohl doch kein repräsentatives Sample der britischen Bevölkerung. Wer hätte das gedacht?

Die enormen Emotionen, die mir an diesem Wochenende von der sonst so entspannten britischen Bevölkerung entgegenschlugen, verschwanden dann auch nicht mehr so schnell. Und das Referendum ist in der Zwischenzeit bereits zwei Jahre her. In einer solchen Zeitspanne erleben andere Länder (ich denke an euch, Italien) locker zwei bis drei Premierminister. Die Briten fetzen sich währenddessen noch immer wegen ihres ollen Brexits. Das Brexit-Votum war eben mehr als nur ein kleines Referendum. Für die Remain-Anhänger war der Ausgang der Volksabstimmung eine Absage an alle Werte, die sie vertreten und schätzen. Es war eine Wahl gegen die Vernunft, gegen die Weltoffenheit, gegen internationalen Zusammenhalt und für die englische Isolation vom Kontinent. Sieht man sich die Beschwerdeliste der Europaanhänger einmal an, könnte man den Eindruck gewinnen, England hätte sich dafür entschieden, an seiner gesamten Südküste Bootsmotoren anzubringen und langsam in den Atlantik hinauszutuckern.

Auf der anderen Seite sieht die Sache nicht besser aus. Die Brexit-Anhänger machen sich jetzt natürlich enorme, wenn auch noch so unrealistische Hoffnungen und lassen das ihre Mitbürger spüren. Mit der Trennung von der Europäischen Union könne Großbritannien, so ihre Auffassung, endlich wieder seine Unabhängigkeit zurückerlangen, die Autorität im eigenen Land wiederherstellen und zu alter Größe zurückkehren. Alte Größe … Worüber reden die denn da überhaupt? Was ist das, diese „gute alte Zeit“, und warum ist es den Brexiteers so wichtig? Nun, das scheinen sie selbst nicht so genau zu wissen, das Remain-Lager ebenso wenig, und so wirft man sich halt weiterhin munter alles Mögliche an den Kopf, bis einer nachgibt – sicher nicht der Klügere. Dabei könnten sie sich das alles sparen. Wenn man sich die „gute alte Zeit“ nämlich mal etwas genauer ansieht, wird schnell klar: England und Europa haben sich seit Jahrhunderten immer aufeinander zubewegt, nur um sofort wieder auseinanderzudriften. So ungewöhnlich ist der Brexit da gar nicht.

„Wir müssen aus der Geschichte lernen“, sagt man seit Jahrhunderten – bislang ohne Erfolg

„Geschichte wiederholt sich.“ Bei dieser Aussage überkommt gestandene Historiker der Brechreiz. Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht, wie sollte sie denn auch?! Jede Zeit hat ihre eigenen Rahmenbedingungen und Probleme. Man kann die Gegenwart nicht einfach mit der Vergangenheit gleichstellen oder, noch schlimmer, versuchen, die Zukunft mit der Vergangenheit vorherzusagen. So funktioniert die Welt einfach nicht. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, seine heutigen Alltagsprobleme mit den Methoden des 18. Jahrhunderts zu lösen. Wagen Sie doch einmal einen Selbstversuch. Spazieren Sie bei nächster Gelegenheit doch mit einem Bajonett in die Bankfiliale Ihres Vertrauens, um Ihren Kreditrahmen zu besprechen. Wahrscheinlich wird das eher weniger hilfreich sein. Auch wenn die Mär der sich wiederholenden Geschichte also Blödsinn ist, kennt doch jeder von uns diesen Gedanken: „Das kommt mir irgendwie bekannt vor“. Fast täglich passiert etwas in der Welt, das in uns ein gewisses Déjà-vu auslöst. Ob es nun Finanzkrisen und Migrationsströme sind – oder eben der Brexit. Es lohnt sich daher schon, solche Ähnlichkeiten und Zusammenhänge etwas näher anzuschauen – auch wenn Sie Ihren Bankberater damit sicher weniger beeindrucken als mit dem rostigen Bajonett.

Doch auch da gleich die schlechte Nachricht vorweg: Die Geschichte hat uns leider gelehrt, dass wir unfähig sind, aus ihr zu lernen. Wir wissen fast alles über die Weltwirtschaftskrise von 1929, trotzdem haben wir in den letzten zwanzig Jahren gleich zwei ähnliche Finanzkrisen erlebt. Griechenland war in den vergangenen zweihundert Jahren regelmäßig alle paar Jahrzehnte bankrott. Ein wirksames Mittel dagegen wurde offensichtlich bis heute nicht gefunden. Populistische Politiker mit unglaubwürdigen Versprechungen wurden im 20. Jahrhundert von Europa bis Lateinamerika mit überwältigenden Mehrheiten gewählt, und überall scheiterten sie spektakulär. Trotzdem ist Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten und Boris Johnson britischer Außenminister. Es scheint, die Menschheit wurde in den letzten paar Hundert Jahren keinen Deut klüger. Eher ist sie noch mehr verblödet.

Aber nicht alles ist schlecht. Für liberal denkende Menschen mögen Brexit und die Präsidentschaft Donald Trumps zwar ein Desaster sein. Zumindest ist es aber schön zu sehen, dass es ähnliche Katastrophen auch früher schon gab. Und wir leben immer noch! Wenn man sich die Geschichte genau anschaut, hat sich sogar einiges verbessert. Zugegeben, wir müssen uns heute mit allerlei dummen politischen Ereignissen herumschlagen, die Jugend sieht die Welt überhaupt nur noch durch ihre Smartphone-Bildschirme, die Autokonzerne belügen uns, und ohnehin geht alles den Bach runter, ich weiß schon. Aber zur Erinnerung: Noch 1929 warf eine Weltwirtschaftskrise die westliche Welt über Nacht um Jahrzehnte zurück und führte in Europa zu einem politischen Extremismus ganz neuen Ausmaßes. Das tun Krisen zwar auch heute noch, für einen neuen Hitler scheint es dann aber doch nicht zu reichen. Ging Griechenland im 19. Jahrhundert pleite, bedeutete das für viele Griechen Hungersnot und Tod. Heute wandern sie nach Irland aus und arbeiten in einem Pub. Wurden populistische Politiker vor 80 Jahren gewählt, bedeutete das KZ, und wenn sie sich ohne Wahl an die Macht brachten, Gulag. Heute heißt das dumme Tweets und noch dümmere Forderungen nach Solar-Mauern oder sowas. Ja, ich vereinfache ein bisschen, und nein, ich verstehe Donald Trumps Gedankengänge auch nicht.

Der Brexit soll sich mal nicht so aufspielen

Auch beim Thema Brexit lohnt es sich, tief durchzuatmen und sich die Geschichte in Ruhe anzuschauen. Oder um den großen österreichischen Kanzler Bruno Kreisky zu zitieren: „Lernen’s biserl Geschichte, dann werden’s sehn, wie sich das damals entwickelt hat.“ Für das biserl Geschichte zu lernen scheint beim Brexit nur leider keine Zeit zu sein. Statt tief durchatmen steht Panikmache auf dem Programm. Seit Juni 2016 hören wir ja wirklich pausenlos selbst ernannte Brexperten auf uns einbrüllen. Das alles gibt uns das Gefühl, so etwas wie den Brexit hätte es noch nie gegeben. So dumm und kurzsichtig waren die Leute in der Vergangenheit eben noch nicht! Da gab es noch gemeinsame Werte und moralische Standards! Ein bisserl Geschichtelernen verdeutlicht aber: Die Leute waren schon immer so dumm und kurzsichtig. England und Europa können ja auf eine lange und komplizierte Beziehung zurückblicken, und sie hatten dabei reichlich Gelegenheit für dumme Aktionen. Der Brexit und seine Anhänger müssen das Rad beileibe nicht neu erfinden.

Das fängt schon in der Keltenzeit an. Da spalteten sich unsere englischen Cousins ja bereits von den kontinentalen Verwandten, den Galliern und wie sie sonst noch alle hießen, ab und zogen seitdem ihr eigenes Ding durch. Weit wegbewegt haben sie sich vom Kontinent trotzdem nie. Die Angelsachsen, die zumindest sprichwörtlich immer noch die Grundlage der englischen Nation bilden, waren später wieder allesamt Einwanderer aus Deutschland. Das britische Königshaus ist sogar heute noch im Kern deutsch, auch wenn es das manchmal selbst gern vergessen würde. Irgendwie ist ein deutsches Adelshaus heute nicht mehr so en vogue wie noch im 19. Jahrhundert. Ich frage mich wieso … Es kommt aber noch viel schlimmer: England war ja selbst die längste Zeit eine politische Macht auf dem Kontinent! Die Hälfte von dem, was wir heute als Frankreich kennen, war über Jahrhunderte hinweg von englischen Königen beherrscht, und im Mittelmeerraum erstreckte sich der englische Einfluss von Gibraltar über Malta bis nach Zypern. Viel europäischer geht es nun wirklich nicht!

Es kann also nicht überraschen, dass der europäische Kontinent für England immer von ganz großer Bedeutung war, ob das nun auf der Insel selbst gut ankam oder nicht. England und Europa bewegten sich über all die Jahrhunderte aufeinander zu und voneinander weg. Meistens geschah das sogar gleichzeitig. Politiker behaupteten dann immer das, was bei der Bevölkerung gerade besser ankam. Spin-Doktoren sei Dank. Nun kann man natürlich auch ohne solch historisches Hintergrundwissen vortrefflich über den Brexit streiten, wie der politikbegeisterte Leser vielleicht aus dem täglichen Leben zu bestätigen vermag. Mit diesem Wissen macht es aber viel mehr Spaß! Und wer weiß: Vielleicht reicht, was Sie in diesem Buch lernen, sogar für den ein oder anderen cleveren Anmachspruch?

Make history sexy again

In der heutigen Zeit scheint es keine Schande mehr zu sein, wenn man ein wenig „politikverdrossen“ ist. Die Welt um uns herum ist ja auch wirklich ein „steaming pile of sh**“, wie die Kollegen auf der Insel es bezeichnen würden. Geschichtsverdrossen ist die Öffentlichkeit aber zum Glück nicht! Geschichte ist heute sogar überall. Historische Romane gehören seit Jahren zu den meistverkauften Literaturgenres, Bücher wie „Game of Thrones“ wurden zu Geschichten einer Generation und zur erfolgreichsten Fernsehserie unserer Zeit. Nun sind diese Bücher und Serien zwar historisch angehaucht, echte Geschichte sind sie aber natürlich nicht. Gleichzeitig hat es die „echte“ Geschichtswissenschaft geschafft, die Menschen abzuschrecken und das eigene Auditorium ganz klein zu machen. Dabei kann ich durchaus nachvollziehen, warum der Durchschnittsbürger wenig Lust verspürt, sich von einem alten Professor die Welt erklären zu lassen, der geistig in den 1960er-Jahren und modisch im frühen 19. Jahrhundert hängengeblieben zu sein scheint. Das ist furchtbar schade. Die Geschichte war doch immer schon eine der zugänglichsten Wissenschaften überhaupt! Nicht ohne Grund hat kaum ein Fach so viele Hobby-Wissenschaftler wie die Geschichte. Aber gut, die sind auch wieder alle über siebzig und teilen sich das Modebewusstsein mit dem oben genannten Professor. Es bleiben ja nur die Alten! Die heutige Jugend schaut lieber aufs Handy und so. Früher war eben doch alles besser.

Dabei gibt es doch überhaupt keinen Grund, Geschichte professorenhaft-trocken zu erzählen. Schon gar nicht die gemeinsame Geschichte Englands und Europas. Denn die ist zum Wegschmeißen komisch! Die englisch-europäische Geschichte wimmelt nur so von abstrusen Gestalten, wie sie kein Fantasy-Autor besser erfinden könnte, wenn er denn wollte. Da hätten wir zum Beispiel König Johann Ohneland oder „John the Bad“, der es in nur zwei Jahren schaffte, von den Franzosen fast vollständig vom Kontinent geschmissen zu werden, und dann auch noch von den eigenen Adeligen zur Unterzeichnung der Magna Carta gezwungen wurde. Autsch! Oder Heinrich VIII., der sich aus reinem Irrsinn, Übermut und persönlichen Allmachtsfantasien mit der katholischen Kirche überwarf und England damit auf den Weg zum Protestantismus brachte, ohne das selbst jemals einzusehen. Oder Königin Victoria, die sprichwörtliche „Großmutter Europas“, deren – sagen wir – ambitionierte Heiratspolitik dazu führte, dass große Teile des europäischen Adels bald mit ihr verwandt waren und sogar ihre kleine Besonderheit teilten: Sie waren Bluter. Solche Anekdoten möchte ich in diesem Buch erzählen. Davon können wir zwar offensichtlich nichts lernen, aber zumindest können wir im nächsten Brexit-Streitgespräch ein bisschen mit unserem Wissen angeben. Nichts kommt so gut an wie ein Satz à la „David Cameron ist wirklich der Johann Ohneland des 21. Jahrhunderts!“. Vertrauen Sie mir, damit schlagen Sie jedes Argument. Und ein besserer Anmachspruch, um das Eis zu brechen, muss auch erst mal gefunden werden.

Auf diesem Streifzug durch die Zeit steigen wir gleich im ersten Jahrhundert nach Christus ein. Denn schon unter den Römern gab es in England Aufstände gegen die europäische Zentralgewalt, die damals noch von Italien ausging (Mann, ist das lange her). Manche Dinge ändern sich eben nie. Über die Migration der Angeln, Sachsen und sonstiger Völker, die man schneller vergessen hat, als sie ihren eigenen Namen nennen konnten (ernsthaft: Wo sind die Grenzbeamten, wenn man sie mal braucht?), arbeiten wir uns vor zur ganz großen Invasion der Britischen Inseln: die der Wikinger und Normannen. Wie das daraus entstandene Großreich dann systematisch verhökert wurde, sehen wir in der Geschichte des schon erwähnten Johann Ohneland, bevor wir uns dem ganz großen Star der englischen Geschichte, Heinrich VIII., zuwenden. Mit der zweiten deutschen Invasion Englands, der der Hannoveraner, steigen wir schließlich in die jüngere Vergangenheit ein und hangeln uns über die gute Königin Victoria und den finalen europäischen Konflikt im Ersten und Zweiten Weltkrieg bis zum letzten Aufbäumen britischer Großmachtfantasien in der Suezkrise 1956. All diese Geschichten erzählen uns von der wechselhaften Beziehung zwischen England und Europa, und eines wird dabei schnell klar: So besonders ist der Brexit gar nicht. Der soll sich mal nicht so aufspielen.

Brexit, Engxit und Walexit sind nicht gleich Scoxit oder Ulstxit

Mit britischer Geschichte hat dieses Buch übrigens weniger zu tun, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Wenn wir ganz ehrlich sind, dürfte der Brexit auch gar nicht Brexit heißen. Die Schotten und Nordiren haben ja nicht nur im Referendum anders abgestimmt als ihre englischen Mitbürger (es können ja nicht alle so behämmert sein), sie sind auch in der Geschichte vollkommen anders zu bewerten. Daher macht es Sinn, diesem Buch eine kleine Begriffserklärung voranzustellen. Ich weiß: furchtbar langweilig. Aber vielleicht lernen Sie ja dabei etwas über die Geografie Großbritanniens!

Über weite Teile dieses Buches benutze ich den Begriff „England“, wenn es um das kleine Ländchen jenseits des Ärmelkanals geht. Das hat seine guten Gründe: Die längste Zeit über ging es schlicht und ergreifend nur um das Königreich England. Vom 9. bis ins 18. Jahrhundert war das eben der große Player auf der britischen Insel. Wales und Schottland spielten, gerade für Europa, eine viel kleinere Rolle. Klar, es gab dazwischen auch schon mal eine Union Englands mit Wales, die ignoriere ich aber. Da bin ich übrigens nicht der Einzige, und wenn doch ein Waliser dieses Buch in die Hand bekommen sollte und sich nun beschwert: Erstmal wow! Das ist ja wirklich reichlich unwahrscheinlich! Zweitens: Ich bitte, es mir nachzusehen. Sie wissen ja, wenn man mit den Walisern erst mal anfängt, wo hört das dann auf? Bald wollen die Iren ihre Extrawurst, und ehe man sich versieht, steht irgendein bulliger Kerl von der Isle of Man vor der Tür und droht, einen grün und blau zu knüppeln, wenn man seiner Heimat nicht auch noch ein Kapitel widmet. Naja, vielleicht übertreibe ich auch etwas …

In der römischen Zeit und kurz danach spreche ich dann aber doch hin und wieder von „Britannien“. Das war schließlich der Name der römischen Region. Ab 1707, als Schottland in die englisch-walisische Parlamentsunion eintrat, verwende ich dann auch das moderne Wort „Großbritannien“. Das ist aber in Wirklichkeit ein furchtbar schwieriger Begriff. Er bezieht sich auf alles, was auf der britischen Hauptinsel liegt, also England, Schottland und Wales. Dazu kommen aber noch deren jeweilige Inseln mit unterschiedlich großer Selbstständigkeit, und schon wird die Sache wieder kompliziert. Deshalb benutze ich auch in dieser Zeit oft das Wort „England“. Die Könige waren damals ja auch getrennt Könige Englands und Könige Schottlands. Und was die da oben im Norden so trieben, ist in diesem Buch selten von Belang. Das „Vereinigte Königreich“ umfasst dann auch noch Nordirland, was für dieses Buch noch weniger eine Rolle spielt als Schottland oder Wales. Endlos viele Inseln und Überseegebiete wie Gibraltar gibt es dann auch noch, aber auch das kann man getrost ignorieren. Zu genau müssen wir es mit der politischen Geografie ja auch wieder nicht nehmen. Wenn es Sie wirklich interessiert, können Sie ja mal die gesamten Herrschaftstitel von Queen Elizabeth googeln. Herzlichen Glückwunsch, wenn Sie da nicht spätestens nach der Hälfte einschlafen: Sie sind der geborene Historiker. Der Elfenbeinturm wartet auf Sie.

Eine weitere – wenn auch reichlich offensichtliche – Warnung betrifft den Umfang dieses Buches. Wie Sie sich anhand seiner Dicke vielleicht schon denken können, erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Niemand kann zweitausend Jahre englischer Geschichte in ein Buch packen. Und selbst wenn er oder sie das könnte, wäre es ein reichlich dummes Unterfangen. Dafür haben wir doch das Internet erfunden! Was dieses Buch stattdessen tun soll, ist eine Serie von unterhaltsamen und lehrreichen Anekdoten zu erzählen. Diese sind zwar aus hoffentlich nachvollziehbaren Gründen chronologisch gereiht und halbwegs schlüssig miteinander verbunden. Dass dazwischen trotzdem vieles ausgelassen wird, liegt aber auf der Hand. Es kann ja auch nicht jedes einzelne Jahr superspannend sein – nicht mal im verrückten England.

Aber ich erhebe nicht nur keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr behaupte ich auch nicht, dieses Buch wäre Wissenschaft. Ganz im Gegenteil: Ich schaffe hier überhaupt kein Wissen. Ich möchte es nur vermitteln, zumindest ein bisschen. Sollten Sie also Fußnoten und Verweise vermissen, ist genau das der Grund. Stört Sie das etwa?! Dann ist es höchste Zeit für Sie, endlich diesen Mietvertrag im Elfenbeinturm zu unterzeichnen. Aber davor tauchen wir ganz unbefangen ein in die faszinierende Geschichte Englands und seines Europas. Was Sie hier lesen, verstehen Sie bitte als eine Art Brexit-Beipackzettel. Der kommt natürlich mit Risiken und Nebenwirkungen. Wie etwa die Ohrfeige, die Sie sich fast unweigerlich für den Johann-Ohneland-Anmachspruch gefangen haben.

Kapitel 1

Britannien und Rom: Aufstände gegen europäische Zentralgewalt haben in England eben Tradition

Beziehungen zwischen den Britischen Inseln und dem europäischen Festland gab es schon immer. Seit das heutige Großbritannien um 7.000 vor Christus vom Festland abgetrennt wurde – so lange ist das also noch gar nicht her! –, gab es eigentlich zu jeder Zeit mehr oder weniger rege Kontakte. Gerade die ab dem 5. Jahrhundert vor Christus vorherrschenden Kelten und ihre unendlich vielen Stämme, deren Namen man sich wirklich nicht merken muss, blieben mit ihren Verwandten auf dem Festland immer in Verbindung. Eine Einheit bildeten die vielen Keltenstämme Europas jedoch nicht. Die Unterschiede zwischen den Gruppen im Alpenraum, im französischen Gallien oder eben in Britannien waren nicht unerheblich. Während die heutigen Briten sich über die Franzosen lustig machen, weil diese sich eigenartig anziehen, komisch riechenden Käse essen und so furchtbar lustig reden, dürften die Inselkelten vor zweitausend Jahren gegen die Gallier ganz ähnliche Vorbehalte gehabt haben. Zu schade, dass sie keine schriftlichen Spuren hinterlassen haben, sonst könnten wir uns heute sicher an wunderbaren englisch-trockenen Gallierwitzen erfreuen …

Was uns Comics über Geschichte lehren

Kontakte zwischen Inselkelten und ihren Cousins auf dem Kontinent waren auch der Grund für das erste Zusammentreffen Britanniens mit einer echten europäischen Großmacht, mit Rom! In Zeiten Julius Cäsars versuchte das Römische Imperium ja, wie jedem Asterix-Leser bekannt sein sollte, Gallien einzunehmen und die dortigen Kelten zu unterwerfen. Das gelang ihnen auch um einiges besser, als die Asterix-Serie uns weismachen möchte. Oder was glauben Sie, warum die heutigen Franzosen so ein eigenartiges Ganovenlatein reden? Wahrscheinlich nicht, weil sie die Römer erfolgreich zurückgeschlagen und ihre keltischen Wurzeln verteidigt hätten. Und der Zaubertrank der Gallier war in Wahrheit wohl auch eher der Rotwein, der weniger für Superkräfte, als für gute Laune sorgte. Ich weiß nicht, wie hilfreich das im Kampf war. Derselbe Julius Cäsar, der da in Gallien sein Unwesen trieb, griff etwas später auch Britannien an. Auch das könnte aus den Asterix-Comics noch bekannt sein. Das war im Jahr 55 vor Christus, und damit beginnt die große, konfliktbeladene Geschichte zwischen der britischen Insel und dem europäischen Kontinent, die bis heute nicht enden will.

Anlass für den ersten Angriff Roms auf die Insel war die Tatsache, dass die Briten ihre gallischen Verwandten auf der anderen Seite des Ärmelkanals in deren Verteidigungskampf unterstützten. Julius Cäsar wollte die britischen Hilfslieferungen an die aufsässigen Gallier schnellstmöglich unterbinden. Darüber hinaus stellte das aber auch eine gute Ausrede dar, Britannien gleich einzunehmen. Im alten Rom war man als Feldherr ja nichts, wenn man nicht in irgendeiner Form das Imperium vergrößerte. Mehr ist immer besser! Ist man als erfolgreicher Feldherr erst einmal bekannt, kann das übrigens ganz schnell den Wechsel in die Politik bedeuten, wie ja gerade Julius Cäsar beweist. Es lohnte sich für einen Militärführer wie ihn also, auf abenteuerliche Eroberungsfeldzüge zu gehen und da gerne etwas weiter auszugreifen. Der Angriff auf Britannien stellte sich im Jahr 55 vor Christus zunächst aber als eine einzige große Enttäuschung heraus. Nachdem Cäsar mit seiner Flotte über den Kanal getuckert war, konnte er nach längerer Suche zwar ein Feldlager an der südenglischen Küste errichten, musste sich aber aufgrund von Gegenangriffen gleich wieder zurückziehen. Es stellte sich überraschenderweise heraus, dass ein Lager in einer von Klippen und Hügeln umgebenen und feindlich besetzten Bucht nicht der beste Weg war, um eine Übernahme der Insel vorzubereiten. Die britischen Stämme der Region mussten die Römer nicht mal in einer Schlacht stellen. Sie platzierten sich einfach auf den Klippen und bewarfen die glorreichen Soldaten mit Steinen ... So viel zum Militärgenie Julius Cäsar.

Für ihn selbst war die Exkursion dennoch ein großer Sieg, das muss wohl nicht sonderlich erwähnt werden. Und weil das von Cäsar selbst verfasste Buch über die Invasion so ziemlich die einzige Quelle ist, die zum ersten römischen Angriff auf Britannien existiert, stimmten ihm spätere Gelehrte in seiner Einschätzung lange zu. In der späteren englischen Geschichtsschreibung wiederum wurde die geografische Begebenheit der englischen Klippen oft reichlich übertrieben. Die „Klippen von Dover“ sind so etwas wie die Grundlage einer englischen Sonderweg-Geschichte. Die Story geht ungefähr so: Wegen der Klippen und dem Wasser und so weiter ist die britische Insel nur selten eingenommen worden. Deshalb konnten sich in England die eigenen Traditionen stärker erhalten als anderswo, und das macht England letzten Endes zu einem besseren Land als andere. Das hätte der besorgte, UKIP-wählende Bürger zwar gerne, wahr ist es deswegen aber noch lange nicht.

Cäsar selbst bewies bereits, dass die mächtigen Klippen von Dover gar nicht so allmächtig waren. Nach der erfolglosen ersten Überfahrt versuchte er es im Jahr darauf nämlich gleich noch einmal. Diesmal hatte er seine Lektion aber gelernt, nahm um einiges mehr Truppen mit und suchte sich besser geeignete Lagerplätze als beim letzten Mal. Und siehe da: Nun konnte er auch gleich einige Siege gegen die Briten erringen. Er blieb aber trotzdem nicht längerfristig auf der Insel. Stattdessen sah er den zweiten Feldzug wohl als Rache und als Abschreckung, um die keltischen Stämme davon abzubringen, ihre gallischen Verwandten weiter mit Nachschub zu versorgen. Cäsar konnte das Imperium letzten Endes also doch nicht um Britannien erweitern. Aber was sollen wir von einem Feldherrn auch erwarten, der es nicht mal schafft, ein kleines gallisches Dorf voll maßlos betrunkener Guerillakrieger zu befrieden? Napoleon hielt Cäsar dafür noch 1.800 Jahre später für einen Versager ersten Ranges. Andererseits war es ja nicht Cäsar, der einsam auf einer Insel im Südatlantik an einem elenden Magenkrebs starb …

„Können wir eine Nacht drüber schlafen? Oder hundert Jahre?“

Die tatsächliche Eroberung Britanniens durch Rom ließ noch einige Jahre auf sich warten – bis zu einem Zeitpunkt, an dem Gallien, Zaubertrank hin oder her, endgültig befriedet war. „Befriedet“ ist wirklich ein wunderbares Wort für feindliche Unterdrückung. Britannien konnte sich damit jedenfalls einer fast hundertjährigen Galgenfrist erfreuen. Dazwischen hatte Rom es zwar immer wieder mal versucht, Cäsars Werk wiederaufzunehmen, scheiterte aber stets bereits an der französischen Küste. In einer besonders absurden Episode versagten die Soldaten Kaiser Caligula einmal sogar das Gefolge, als dieser sie zwingen wollte, den Ärmelkanal zu queren. Frustriert ließ er sie daraufhin Muscheln sammeln, denn Muscheln sind ja der Schatz des Meeres. Damit war das Meer selbst quasi besiegt. Erstaunlich, aus was die Römer so alles einen Sieg machen konnten …

Erst im Jahr 43 nach Christus raffte sich das Römische Reich ein weiteres Mal dazu auf, einen Angriff auf die widerspenstige britische Insel zu wagen. Dieses Mal meinten sie es aber todernst, und sie kannten sich inzwischen auch mit den Gegebenheiten vor Ort um ein Vielfaches besser aus als noch unter Cäsar. Als Vorwand für ihre Invasion wählten die Römer eine einfache Strategie: Sie antworteten auf die Beschwerden eines britischen Fürsten in Südengland, eines gewissen Verica vom Stamm der Atrebaten. Dieser Verica war den Römern schon länger freundlich gesinnt, was seinen Nachbarn nicht ganz gefallen haben dürfte, insbesondere den nahen Catuvellaunen nicht. Im Jahr 43 fühlte Verica sich von diesen wohl so sehr bedroht, dass er schnurstracks nach Rom reiste und Kaiser Claudius um Hilfe bat. Die kam dann auch gleich in Form einer geballten Invasionsarmee.

Claudius machte sich aber nicht gleich selbst auf den beschwerlichen Weg, sondern schickte einen Gesandten, um die römische Armee zu leiten. Erst als die gröbsten Schlachten gegen die widerspenstigen britannischen Stämme gewonnen waren, kam Claudius nach, um „den Rest der Insel einzunehmen“ und sich als Held feiern zu lassen. Ganze sechzehn Tage war er vor Ort, um diese Meisterleistung zu vollbringen … Seinen entsandten Heerführer dürfte das alles sehr gefreut haben. Wer arbeitet nicht gerne ohne jegliche Anerkennung? Wer übrigens denkt, so eine Invasion allein auf der Basis eines dubiosen Hilfegesuchs eines Stammesfürsten wäre heute vollkommen unmöglich, mag folgendes Gedankenspiel anstellen: Ersetzen wir doch einfach mal den Namen Verica durch Wiktor Janukowytsch, die Catuvellaunen mit Demonstranten auf dem Kiewer Maidan-Platz und Kaiser Claudius mit Wladimir Putin. Kommt Ihnen das Ganze nicht doch irgendwie bekannt vor?

Dieser neue römische Angriff erwies sich schnell um einiges erfolgreicher als noch unter Julius Cäsar. Die Römer landeten an mehreren Stellen Südenglands gleichzeitig und konnten sich dort schon nach kurzer Zeit etablieren. Viele der regionalen britischen Stammesfürsten schlugen sich mehr oder weniger rasch auf die Seite der Römer, da sie sich von einer Koalition mit der Invasionsmacht Vorteile erhofften. Oder sie waren schlicht von der militärischen Macht der Römer eingeschüchtert. Auch das ist etwas, das sich in den letzten paar tausend Jahren nicht dramatisch verändert hat. Denken Sie an die zahlreichen Gruppierungen im syrischen Bürgerkrieg, die sich mit voller Überzeugung dem IS, den USA oder Russland angeschlossen haben. Für Rom allerdings sollte die Herrschaft über Britannien schon wenige Jahre nach der Etablierung der Besatzung auf eine ernsthafte Probe gestellt werden. Was nun folgt, ist nämlich der erste britische Aufstand gegen eine europäische Zentralmacht!

Diese ungemütlichen Kelten!

Fremdherrschaft und Aufstand gehören in der Geschichte untrennbar zusammen. Das ist eine Lektion, die auch die Briten später in ihrem eigenen Empire auf die harte Tour lernen sollten. Im ersten Jahrhundert nach Christus waren allerdings sie selbst es, die den Aufstand probten. Und dieser Aufstand ist fest mit einer der ältesten Sagengestalten der englischen Geschichte verbunden: Königin Boudicca. In England wird sie heute gerne als erste Nationalheldin gesehen, und an der Westminster Bridge in London befindet sich sogar eine Statue von ihr und ihren zwei Töchtern auf einem Streitwagen. Doch außerhalb Englands ist die Person der Boudicca kaum bekannt. Höchste Zeit, das zu ändern!

Boudicca war die Königin des britischen Stamms der Icener, die zur Zeit der römischen Invasion im Gebiet des heutigen Ostanglien, also nordöstlich von London, siedelten. So weit, so gewöhnlich. Boudiccas Mann und damit König der Icener war ein gewisser Prasutagus, und der war einer der oben genannten Überläufer, die sich auffallend schnell mit der römischen Herrschaft über Britannien arrangierten. Schon im Jahr 43, also wirklich direkt nach der Landung der Römer auf den Britischen Inseln, ging er einen Vertrag mit ihnen ein. In diesem unterwarf er sich offiziell dem Imperium und durfte als von Rom geduldeter Klientelkönig weiterregieren. Nicht gerade heldenhaft, in Anbetracht der militärischen Überlegenheit der Römer aber durchaus nachvollziehbar. Es können in der Geschichte ja auch nicht alle Helden sein. Helden neigen dazu, früh zu sterben, und das ist nicht jedermanns Sache.

Ganz so einsichtig war Prasutagus’ Frau jedoch nicht. Und sie sollte nicht lange warten müssen, bis sie das demonstrieren konnte. Nach dem dank seines sagenhaften Mutes natürlichen Tod des alten Königs im Jahr 60 wurde es nämlich ungemütlich für Boudicca und ihren Icenerstamm. Eigentlich hatte Prasutagus sein Land zum einen Teil seinen beiden Töchtern und zum anderen Teil dem römischen Kaiser Nero vermacht. Er glaubte wohl, ganz clever zu sein und damit das Römische Reich freundlich stimmen zu können. Leider war das keine besonders kluge Idee, wie sich schnell herausstellte. Nun gut: Prasutagus war halt nicht nur nicht der Mutigste, sondern auch nicht ganz der Hellste. Das Römische Reich erstreckte sich zu jener Zeit, das muss man sich vor Augen halten, von Britannien bis ans Rote Meer, von Portugal bis nach Georgien. Da sollte es niemanden wirklich überraschen, dass ein Drittel des in Rom zu Recht vollkommen unbekannten Icenerkönigreichs in Ostanglien den Römern als Erbe doch etwas unangemessen erschien. Rom entschied sich jedenfalls dazu, stattdessen einfach in das Land einzufallen, die Frau und die beiden Töchter des toten Königs zu vergewaltigen, die Töchter gleich noch zu entführen und das Land von da an als ihr Privateigentum zu betrachten. Ach Rom, du Wiege der Zivilisation …

Zu diesem Zeitpunkt war die römische Herrschaft in Britannien allerdings noch immer recht frisch. Sie waren ja erst vor gut siebzehn Jahren auf der Insel gelandet, und wie jeder weiß, der in seinem Leben schon mal mit Sack und Pack in ein anderes Land gezogen ist, kann es etwas dauern, bis man sich so richtig eingefunden hat. Jetzt stellen Sie sich aber vor, Sie ziehen nicht mit einem IKEA-Lieferwagen, sondern mit einer Kriegsflotte samt Soldaten, Handwerkern und Kaufleuten um. Da braucht die Akklimatisierung halt ihre Zeit. Und das nutzte Boudicca eiskalt aus.

So eine Invasion geht nicht von heute auf morgen

Knappe zwei Jahrzehnte nach ihrer Ankunft in Britannien waren die Römer dort also bestenfalls halb etabliert. Im Südosten vermochten sie zwar relativ schnell Fuß zu fassen. Weiter in Richtung Norden und Westen sah die Sache aber ganz anders aus. In Wales konnten sich zum Beispiel noch sehr lange rebellische Keltenstämme halten, und auch den Norden Englands konnten die Römer nicht so schnell einnehmen, wie ihnen das vielleicht lieb gewesen wäre. Bis heute ist der Norden das Sorgenkind Englands, es kann also nicht wirklich überraschen. Von Schottland, das in den nächsten Jahrhunderten ein ganz anderes Problem für die Römer werden sollte, reden wir hier noch gar nicht. Doch auch im Süden und Osten konnte keine Rede davon sein, dass die Römer einfach aufgetaucht wären, alle britischen Einwohner in einer einzigen großen Schlacht besiegt und das Land von da an zentral von Rom aus regiert hätten. So etwas ist ja nicht einmal heute möglich: Jeder deutsche Politiker, der versucht, in Berlin ein Gesetz für Bayern durchzubringen, kann davon ein Lied singen. Was das Römische Reich stattdessen tat, war, sich mit den britischen Stämmen in Britannien einzeln zu arrangieren.

Neben den Atrebaten des alten Verica, ihren Konkurrenten, den Catuvellaunen, und den Icenern, die wir ja schon kennengelernt haben, gab es auf der Insel zahlreiche andere Stämme. Die trugen so einprägsame Namen wie Trinovanten, Silurer, Carvetier, Durotrigen oder Briganten. Und da rege sich einer über die Kleinstaaterei auf dem heutigen Balkan auf … Einige dieser Stämme stellten sich den Römern tatsächlich in den Weg und wurden sodann einer nach dem anderen in der Schlacht geschlagen, etwa die Catuvellaunen, was unserem guten Freund Verica sicher viel Freude bereitet hat. Anderswo begaben sich Stämme wie die Icener eben in mehr oder weniger freiwillige römische Untertanenschaft. Das Wort „freiwillig“ sollte man hier allerdings mit Vorsicht genießen. Es meint nicht die Bereitschaft, wenn man einem guten Freund beim Umzug hilft. Es geht eher darum, dass man plötzlich 20.000 bewaffnete Italiener vor der Haustür stehen hat, die wenig höflich um Einlass bitten.

Take back control!