energie.wenden - Christina Newinger - E-Book

energie.wenden E-Book

Christina Newinger

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Beschreibung

Eine der großen Aufgaben unserer Zeit trägt den Namen Energiewende. Das durchaus anspruchsvolle Ziel lautet, Energie umweltverträglich, wirtschaftlich und sicher bereitzustellen. Das Deutsche Museum in München widmet diesem weltweit diskutierten Thema ab dem Frühjahr 2017 eine Sonderausstellung, die in den kommenden Jahren auch in anderen Städten Deutschlands zu Gast sein wird. Der Band energie.wenden erläutert nicht nur die Grundlagen und die aktuellen Herausforderungen, die die Umbrüche bei Bereitstellung, Verteilung und Speicherung von Energie heute und in Zukunft mit sich bringen. Wie man es vom Deutschen Museum erwarten kann, lernen die Leserinnen und Leser neben historischen Aspekten auch Innovationen aus der Welt der Energietechnik kennen und reisen zu vorbildlichen Projekten in aller Welt.

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Christina NewingerChristina GeyerSarah Kellberg(Hrsg.)
energie.wenden
Chancen undHerausforderungen einesJahrhundertprojekts

Impressum Buch

HerausgeberChristina Newinger, Christina Geyer, Sarah Kellberg für das Deutsche Museum
ÜbersetzungenSusanne Darabas (siehe Kapitel »Das Klimaabkommen von Paris«)
ExponatfotosReinhard Krause, Fotoatelier Deutsches Museum
Alle anderen Abbildungensiehe jeweils die Angaben in den Bildunterschriften
BildredaktionChristina Newinger, Torsten Mertz
Lektoratoekom verlag
SchlussredaktionSilvia Stammen
GestaltungJorge Schmidt, Matthias Reihs
Layout und SatzMatthias Reihs
UmschlaggestaltungAndré Judä, Linda Reiter, Deutsches Museum Jorge Schmidt
IllustrationenSpace4, Stuttgart, teamstratenwerth, Basel
Bildnachweis für Umschlag und EinstiegsseitenUmschlag: Serg64/www.shutterstock.comAuftaktbild »Essays«: Stock Solution, Inc./Getty ImagesAuftaktbild »Geschichte«: Niklaus Berger/Getty ImagesAuftaktbild »Bereitstellung«: Brad Wilson/The ImagebankAuftaktbild »Energieversorgung«: den-belitsky/istockAuftaktbild »Herausforderungen«: candymanphotomania/FotoliaAuftaktbild »Themen-Räume«: Michael Gottschalk/Getty ImagesAuftaktbild »Die Ausstellung«: Künstler: Ail Hwang, Chung-Ki Park, Hae-Ryun Jeong, Foto: Frank Peterschröder
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2017 oekom verlag MünchenGesellschaft für ökologische Kommunikation mbH,Waltherstraße 29, 80337 München
In Kooperation mit: Deutsches Museum Verlag
Deutsches MuseumMuseumsinsel 1D-80538 Münchenwww.deutsches-museum.de
E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-96006-180-9

Impressum Ausstellung

Konzept und InhalteDeutsches Museum
KonzeptChristina Geyer und Sarah Kellberg
ProjektleitungDr. Dirk Bühler (bis Dezember 2015),Dr. Sabine Gerber-Hirt (ab Januar 2016)
Wissenschaftliches TeamKolja Bauer, Sandra Frank, Christina Geyer, Moritz Heber, Sarah Kellberg, Dr. Christina Newinger, Melanie Saverimuthu
ProduktionsleitungThomas Hofberger, Christian Fritz
ProjektmanagementAlexandra Ogrinz
GrafikLinda Reiter
FachbeiratProf. Dr.-Ing. Manfred Fischedick,Prof. Dr. rer. nat. Armin Grunwald,Prof. Dr. rer. nat. Clemens Hoffmann,Prof. Dr. phil. Patrick Kupper,Dr. rer. pol. Felix Christian Matthes,Prof. Dr. rer. pol. Karen Pittel,Prof. Dr.-Ing. Ulrich Wagner
Mit freundlicher Unterstützung vonLinde AGBundesministerium für Wirtschaft und EnergieBayerisches Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologieinnogy Stiftung für Energie und Gesellschaft
Global IdeasOpen Grid Europe GmbHStadtwerke München GmbH
und vielen weiteren.
AusstellungsgestaltungSpace4 Stuttgart | teamstratenwerth Basel
GestaltungskonzeptSpace4 | teamstratenwerth: Sarah Klocke, Alexander Minx, Christoph Stratenwerth
Ausstellungsplanung und -grafikSpace4: Alisa Kostenko, Sarah Klocke, Alexander Minx, Laura Menges, Fabian Rossel, Carolin Wershoven, Kristina Witt
Medienplanungteamstratenwerth: Roland Brönnimann, Christoph Stratenwerth
Mediengestaltungteamstratenwerth: Steffi Giaracuni, Knut Jensen, Claudia Klausner, Kate Koyama, Marina Riegger
LichtplanungLDE Belzner Holmes
Ausführende FirmenBEL-TEC, C.O.P. Messe & Display, Ekruth Werbetechnik, Elektro Bawiedmann, Designprojekt, Fißler & Kollegen, gemelo, Kunamo Film, m.o.l.i.t.o.r., Museumstechnik, UnternehmenForm, 235 Media

Inhalt

Impressum Buch
Impressum Ausstellung
Vorwort des Generaldirektors
Essays
Geschichte Die Entstehung eines Zukunftskonzepts
Energie und Fortschritt
Eine universalhistorische Annäherung an die Energiewende(n)
Patrick Kupper
Die Geschichte der Energiewende
Herkunft, Einbettung und Perspektiven eines energiepolitischen Zukunftskonzepts
Felix Chr. Matthes
Bereitstellung Die Herkunft der Energie
Am Anfang war die Kohle
Die Rolle fossiler Energieträger gestern und heute
Karen Pittel
Risikomündigkeit nach Fukushima
Zur ethischen Bewertung der Atomenergie
Markus Vogt
Vielfalt mit Mengenbegrenzung
Nachwachsende Rohstoffe als Teil der globalen Energiewende
Matthias Gaderer
Wärme ohne Ende
Erneuerbare Energien aus Himmel und Erde
Hans-Peter Ebert
Energieversorgung Verteilen, Nutzen und Einsparen von Energie
Strom und Strukturwandel
Wie Elektrifizierung die Energiewende voranbringt
Isa Ryspaeva und Jens zum Hingst
Mobilität und Nachhaltigkeit
Die Energiewende braucht eine Verkehrswende
Barbara Lenz
Zum Fenster hinaus geheizt
Warum eine energetische Gebäudesanierung entscheidend ist
Karsten Voss
»Mit unseren technischen Möglichkeiten vorangehen«
Ein Interview mit Professor Clemens Hoffmann und Professor Ulrich Wagner
Herausforderungen Der gesellschaftliche Prozess der Energiewende
Keine Energiewende ohne ausreichende Akzeptanz
Keine Energiewende ohne ausreichende Akzeptanz
Warum die Bevölkerung in die Prozesse der Energiewende eingebunden werden muss
Kann Energiekonsum nachhaltig sein?
Über die Rolle der Bürgerinnen und Bürger bei der Energiewende
Armin Grunwald
Das Klimaabkommen von Paris
Der Weg zur Dekarbonisierung im internationalen Vergleich
Miranda A. Schreurs
Die Herausforderungen der Energiewende
Ein zusammenfassender Blick auf einen komplexen langfristigen Gestaltungsprozess
Manfred Fischedick
Themen-Räume
Nachwachsende Rohstoffe
klimaneutrale Multitalente
Christina Geyer
Fossile Energieträger
die Endlichen
Christina Newinger
Kernenergie
die große Spalterin
Christina Newinger
Erdwärme und Wasserkraft
die Stetigen
Sandra Frank
Sonne und Wind
die Sprunghaften
Christina Newinger
Speicher
Mittler zwischen Erzeugungund Verbrauch
Moritz Heber
Netze
Verteiler mit Engpässen
Moritz Heber
Mobilität
eine Frage der Flexibilität
Sarah Kellberg
Bauen und Wohnen
ungenutzte Energiesparpotenziale
Sarah Kellberg
Produktion und Konsum
Melanie Saverimuthu
Die Ausstellung
Die Ausstellung
Die Ausstellung energie.wenden
Eine partizipative Auseinandersetzung mit einer globalen Herausforderung
Energiewende gestalten
Ein Spiel auf politischem Parkett
Didaktik und Gestaltung
Klare Linien für einen komplexen Inhalt
Die Energielandschaft der Zukunft
Ein interaktives Demonstrationsmodell
Gekauftes Glück
Besucherobjekte
Energieforschung
Archäologische Grabung im Jahr 3049
Global Ideas
Unterwegs zu grünen Ideen in der ganzen Welt
Manuela Kasper-Claridge
ANHANG
Autorinnen und Autoren
Danksagung

Vorwort des Generaldirektors

Mit der Ausstellung »energie.wenden« nimmt sich das Deutsche Museum erneut eines erdweit bedeutenden gesamtgesellschaftlichen Themas an und präsentiert es publikumsnah als großangelegte Sonderausstellung, die diesmal sogar auf Wanderschaft gehen wird. Der Erfolg der Anthropozän-Ausstellung hat uns dazu ermutigt, erneut ein Thema aufzugreifen, das uns in seiner Vielschichtigkeit alle betrifft und bewegt. Denn die heutige Energiewende bedeutet einen gewaltigen Umbruch für Technik und Gesellschaft, weil sie sich als bewusste Abkehr vom fossilen Zeitalter hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung versteht. Sie ist nichts weniger als eine enorme globale Herausforderung, denn nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Verknappung der Ressourcen machen diesen Wandel tatsächlich überall notwendig. So sehen wir uns als Deutsches Museum in der Verantwortung, unseren Teil zum Erfolg der Energiewende beizutragen.
Natürlich sollen in der Ausstellung zunächst geschichtliche Grundlagen und moderne Technik mit ihren erdweiten Ursachen und Folgen gezeigt werden, das wird von uns erwartet und Sie werden auch diesmal nicht enttäuscht sein! Ganz in der Tradition des Deutschen Museums wird der Dreiklang aus Energiebereitstellung, Energieverteilung und Energiekonsum anhand von einzigartigen Exponaten und spannenden Demonstrationen vertieft. Dabei werden sowohl bedeutsame historische Objekte, als auch neueste technische Errungenschaften gezeigt.
Doch weil es sich über die Technik hinaus um ein gesellschaftliches und politisches Thema handelt, haben wir uns etwas Neues und Besonderes ausgedacht: eine partizipative Ausstellung, wie es sie bisher nicht gegeben hat. Hier soll sich der Besucher aus der Sicht eines Entscheidungsträgers mit den vielfältigen Wirkungszusammenhängen der heutigen Energiewende auseinandersetzen und spielerisch verstehen lernen, welche vielschichtigen Faktoren die heutige Wende notwendig machen und welche nicht immer einfachen Lösungsmöglichkeiten uns als gesellschaftlichen Wesen, aber auch als Individuum zur Verfügung stehen. Diese gesellschaftliche Verantwortung spiegelt sich auch im Titel der Ausstellung »energie.wenden« wider: Er will zum Nachdenken und zum aktiven Handeln jedes Einzelnen auffordern. Im Zentrum steht dabei die Frage »Energiewende ja – aber wie!?«.
Das Thema »Energie« ist in den Ausstellungen des Deutschen Museums, seiner grundlegenden Bedeutung entsprechend, schon seit der Museumsgründung allgegenwärtig, denn ohne Energie wäre all unsere Technik gar nicht denkbar. Das gilt natürlich vor allem für die Technik im digitalen Zeitalter. So begleitet das Thema unsere Ausstellungen wie die Physik, die Starkstromtechnik, die Kraftmaschinen, den Wasserbau und natürlich viele andere mehr auf Schritt und Tritt. Doch was wir heute »Energiewende« nennen, hat neben den technischen Seiten, die wir bisher im Museum zeigen, noch viele andere: gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche etwa, die wir unserem Bildungsauftrag entsprechend genauso in unseren Ausstellungen aufnehmen wollen, wie die physikalischen und technischen Fakten, die – für sich alleine betrachtet – für viele Besucher doch manchmal nicht einfach einzuordnen sind.
Aus diesen Gründen kam für uns nur eine partizipative Ausstellung infrage, die wir Ihnen nun erstmals im Deutschen Museum präsentieren: Wir wollen bei dem Thema Energiewende mit dieser neuartigen Präsentation Vorreiter sein und haben daher die Ausstellung so angelegt, dass sie auch wandern kann. So ist diese Ausstellung mit ihren Neuerungen auch im Hinblick auf unsere Zukunftsinitiative ein bedeutender Markstein: So wollen wir viele der jetzt neu geschaffenen Ansätze und Erfahrungen auch in Zukunft nutzen und weiterentwickeln.
Es waren die erdweite Bedeutung des Themas und die Vorreiterrolle Deutschlands bei der Erarbeitung von Lösungsvorschlägen (immerhin befinden wir uns in einem beispiellosen landesweiten Großversuch!), die uns veranlasst haben, gerade diese Ausstellung auf Wanderschaft zu schicken und in anderen Ländern zu zeigen. Mit der Ausstellung »energie.wenden« hat das Deutsche Museum daher erstmals eine Wanderausstellung konzipiert, die in großen internationalen Technik- und Wissenschaftsmuseen weltweit nachgefragt wurde und dort zu sehen sein wird. Die Fähigkeit zu wandern stellte das Team vor große gestalterische, organisatorische und kuratorische Herausforderungen, die erfolgreich gemeistert wurden.
Der Übergang von fossilen zu erneuerbaren Energien und ein bewussterer Umgang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen und der Energie können nur erfolgreich sein, wenn Wissenschaft, Gesellschaft, Industrie und Politik an einem Strang ziehen und verschiedenste Disziplinen zusammenarbeiten. Daher haben wir ein multidisziplinäres Expertengremium einberufen, das uns bei der inhaltlichen und gestalterischen Konzeption der Ausstellung unterstützt hat: Neben Natur- und Ingenieurwissenschaftlern sind etwa auch Historiker und Soziologen mit dabei. In einem Workshop »Globale Energiewenden« vom 5. bis 7. März 2015 kamen diese Experten erstmals im Deutschen Museum zusammen und diskutierten untereinander und mit den Kuratoren, wie sich das komplexe und vielschichtige Thema im Museum darstellen lässt. Mit ihrer Kompetenz begleiteten sie das Entstehen der Ausstellung in weiteren Workshops und Beratungsgesprächen.
Der vorliegende Band präsentiert nun ergänzend zur Ausstellung eine Einführung und Essays zu diesem komplexen Thema. Zahlreiche Experten stellen hier die verschiedensten Aspekte nachhaltiger Energieversorgung verständlich dar. Dabei startet der Katalog mit einem historischen Überblick über vergangene »Energiewenden« und begibt sich auf die Spuren des Begriffes »Energiewende«. Danach werden die technischen Herausforderungen für den nachhaltigen Umgang mit Energie eingehend thematisiert und der aktuelle Stand von Technik und Wissenschaft beleuchtet. Am Ende des Essay-Teils werden moralische Verantwortung, gesellschaftliche Akzeptanz und sozialverträgliche Integration der Technologien angesprochen. Im folgenden Teil werden die zehn »Themenräume« der Energiewende vorgestellt, wie sie auch in der Ausstellung zu sehen sind. Diese decken den gesamten Bereich von Energiebereitstellung über Energieverteilung bis hin zu Energiekonsum ab und werden durch die Exponate und Demonstrationen der Ausstellung unterstützt. Abschließend erfahren Sie neben Einzelheiten zur Entwicklung des Ausstellungskonzepts und zum Aufbau der Ausstellung mehr über einzelne Stationen und herausragende Elemente der Ausstellung.
Schließlich schulden wir den Ministerien und Firmen großen Dank, die wir wegen der Aktualität und Bedeutung des Themas als Stifter und Förderer für die Ausstellung gewinnen konnten. Darunter sind Ministerien wie das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in Berlin und das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie in München, aber auch Unterstützer aus der Wirtschaft wie die Linde AG und die innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft gGmbH.
Ein herzliches Dankeschön geht außerdem an die verschiedenen Abteilungen unseres Hauses, wie Ausstellungsgestaltung, Grafik, Fotoatelier, aber auch an die Abteilungen Bildung, Kommunikation, Sammlungen, Publikationen, ohne die das Projekt nicht durchführbar gewesen wäre. Dank gilt auch unserem interdisziplinären Kuratorenteam aus der Ingenieur- und Naturwissenschaft, der Soziologie und Anthropologie sowie aus den Ernährungswissenschaften und den Projektleitern. Unseren externen Gestaltern, der Firma Space4 aus Stuttgart mit dem teamstratenwerth aus Basel, gebührt höchste Anerkennung für ihre engagierte, anregende und immer gute Zusammenarbeit mit unserem Hause.
Prof.Dr. Wolfgang M. Heckl
München, November 2016
Der Übergang vom fossilen Zeitalter hin zu einer klimafreundlichen und sozialverträglichen Energieversorgung ist eine Jahrhundertaufgabe und eine globale Herausforderung. Diese Transformation kann nicht nur durch technische Neuerungen allein umgesetzt werden. Sie kann nur erfolgreich sein, wenn Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft Lösungen und mögliche Probleme diskutieren und an einem Strang ziehen.
Hochrangige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betrachten das Thema Energiewende aus den verschiedensten Perspektiven: Ihre Essays geben einen umfassenden Überblick über Fortschritte, Möglichkeiten und Herausforderungen des globalen Projekts.
Geschichte
Die Entstehungeines Zukunftskonzepts

Energie und Fortschritt

Eine universalhistorische Annäherung an die Energiewende(n)
von Patrick Kupper
1  Die Industrielle Revolution, die auch durch die Erfindung der Eisenbahn angetrieben wurde, markiert den Wandel vom solaren hin zum fossilen Energieregime.
Foto: danm/Moment Open/Getty Images
Seit der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima im Frühling 2011 und dem darauffolgenden Richtungswechsel in der bundesdeutschen Energiepolitik ist die »Energiewende« in aller Munde. Auch der Duden führt den Begriff inzwischen in seinen Wörterbüchern. Allerdings handelt es sich um einen Begriff, der zwar auch in Österreich und der Schweiz weite Verbreitung gefunden hat, für den sich aber in anderen Sprachen kein Äquivalent findet. So spricht man sowohl im Englischen wie im Französischen nicht von einer Energiewende, sondern von einem Energieübergang (energy transition). Dies ist aber nicht dasselbe: Übergänge ereignen sich; Wenden werden bewusst angestrebt und – im erfolgreichen Fall – vollzogen. Der Bedeutungsunterschied wurde bereits wahrgenommen und im Englischen hat man begonnen, von der German Energiewende zu reden. Wird sich der Begriff einbürgern? Und wird er in Zukunft positiv konnotiert sein oder eher eine deutsche Absonderlichkeit charakterisieren wie die German Angst?
Zunächst gilt es einmal festzuhalten, dass der Begriff nicht so neu ist, wie die jüngsten Diskussionen vermuten lassen. Bereits 1980 legte das Öko-Institut Freiburg eine Studie mit dem Titel »Energie-Wende« vor (vgl. den Beitrag von Felix Chr. Matthes in diesem Buch).1) Deren Untertitel »Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran« verrät, dass sich die Wortbedeutung seither kaum verschoben hat, liest sich doch der Eintrag bei Duden online: »Energiewende: Ersatz der Nutzung von fossilen und atomaren Energiequellen durch eine ökologische, nachhaltige Energieversorgung«2). Wird diese Begriffsverwendung zugrunde gelegt, kann der historische Rückblick an dieser Stelle abgebrochen werden – oder er müsste sich auf die letzten knapp fünfzig Jahre beschränken. Hier soll allerdings ein anderer Zugang gewählt werden, der die historische Dimension maximal ausdehnt: In menschheitsgeschichtlicher Perspektive soll ermessen werden, ob sich in der Vergangenheit Umwälzungen ereigneten, in denen sich die gesellschaftliche Energieversorgung grundlegend änderte. Und wie lassen sich solche vergangenen Veränderungen angemessen charakterisieren: eher als Übergänge oder als Wenden? Schließlich interessiert, wie die heute diskutierte Wende in der langen historischen Sicht zu stehen kommt. Die wenigen zur Verfügung stehenden Zeilen erfordern, die Entwicklung in groben Strichen zu skizzieren.3)

Auf dem Weg in die Sesshaftigkeit

Am Anfang der globalen Energiegeschichte steht das Feuer. Wer die Kunst des Feuermachens beherrschte, dem eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten, sein Leben und dasjenige seiner Gemeinschaft zu gestalten. Am Feuer konnten sich Menschen wärmen und Speisen zubereiten, was ihr Nahrungsspektrum enorm erweiterte. Zudem konnte Feuer für die Bearbeitung von Werkzeugen und Waffen eingesetzt werden oder auch für die Treibjagd. Und schließlich sollte dem Feuer eine wichtige Rolle bei der Rodung und der anschließenden Kultivierung von Land zukommen: Im – sowohl in tropischen wie gemäßigten Gebieten weit verbreiteten – Wanderfeldbau wurden kleinere oder größere Flächen periodisch abgebrannt und dann über einige Jahre bewirtschaftet, bevor man sie wieder verwildern ließ. In einigen Weltgegenden wird diese Anbaumethode bis heute gepflegt, in anderen wurde sie in jüngster Zeit, nachdem sie im 20. Jahrhundert von den Obrigkeiten unterbunden worden war, als nachhaltige Bewirtschaftungsform wiedereingeführt, etwa für Savannen oder Steppen.
2  In einigen Gegenden, wie zum Beispiel beim Reisanbau in Madagaskar, wird der Wanderfeldbau noch heute praktiziert.
Foto: picture alliance/Mint Images/Frans Lanting
Dies führt uns zu einer weiteren Epochenschwelle in der menschheitsgeschichtlichen Entwicklung, die üblicherweise mit dem Begriff der »Neolithischen Revolution« gefasst wird. Kennzeichnend ist vor allem die Aufnahme des Ackerbaus, welcher höhere Erträge abwarf, als das bis dahin praktizierte Jagen und Sammeln. Der Ackerbau bedingte die Sesshaftigkeit, erlaubte die Produktion von Überschüssen und damit die Anlage von Nahrungsreserven. Ein höheres Bevölkerungswachstum wurde möglich und die Begründung größerer Ansiedlungen bis hin zu Städten. Neben dem Ackerbau war die Domestizierung von Nutztieren die zweite Basisinnovation, welche die verfügbare Arbeitskraft erheblich vergrößerte. Für beides, die Einführung des Ackerbaus und die Domestizierung, ist der Revolutionsbegriff jedoch irreführend. Vielmehr handelte es sich um sehr langfristige, sich über Jahrhunderte hinziehende Übergänge, die zudem in verschiedenen Weltgegenden zu ganz unterschiedlichen Zeiten einsetzten, in unterschiedlichen Rhythmen verliefen und eine unterschiedliche Eindringungstiefe aufwiesen. Jäger-und-Sammler-Gesellschaften koexistierten über Jahrtausende mit Agrargesellschaften. In wenigen Fällen wurde der Ackerbau wieder aufgegeben, wobei die Aufgabe üblicherweise mit einem zivilisatorischen Kollaps und einem Bevölkerungseinbruch einherging. Ohne Ackerbau ließ sich die auf höherem Energieinput beruhende Lebensweise ebenso wenig aufrechterhalten wie eine dichte Besiedlungsform.
Sowohl Jäger-und-Sammler- als auch Agrargesellschaften beruhten auf einem solaren Energiesystem, dessen Grundlage die Photosynthese war. Das Sammeln von Holz und essbaren Pflanzen bzw. der Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln lieferten bis ins 19. Jahrhundert hinein den überwiegenden Teil der energetischen Ressourcen, die in der Form von Wärme sowie menschlicher und tierischer Arbeitskraft konsumiert wurden. Die Kraft von Wind und Wasser wurde in Mühlen genutzt und erleichterte bzw. ermöglichte erst den Transport von Waren und Menschen über größere Distanzen. Gewässer waren mit Abstand die günstigste Reise- und Transportmöglichkeit, zum Befahren mit (Segel-)Schiffen, aber auch zum Triften und Flößen von Holz. Die eingesetzten Technologien machten über die Jahrhunderte Fortschritte, auch wenn manchmal Wissen und Fertigkeiten wieder verloren gingen. Dennoch blieb der Anteil von Wasser und Wind am gesamten Energieeinsatz vormoderner Gesellschaften gering und dürfte selbst in Ländern, in denen diese Technologien vergleichsweise weit verbreitet waren, wie den Niederlanden, unter zehn Prozent gelegen haben, in den meisten Gegenden wohl unter einem Prozent. Von regionaler Bedeutung konnte zudem die Nutzung von Torf und Kohle sein, überregional fielen beide fossilen Energieträger jedoch nicht ins Gewicht.4)
3  Der Hoover Damm im Bundesstaat Nevada wurde zwischen 1931 und 1935 am Colorado River gebaut. Die 17 Turbinen des Wasserkraftwerks erzeugen eine Leistung von 2080 Megawatt.
Foto: Andrew Zarivny/Shutterstock.com

Aufbruch ins fossile Zeitalter

Eine grundlegende sozioökonomische und ökologische Umgestaltung leitete ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert die Industrielle Revolution ein, in deren Zuge sich die solaren Energieregime in fossile Energieregime wandelten. Bei der Industriellen Revolution handelt es sich wiederum nicht um eine rasche Umwälzung, sondern um einen langfristigen Prozess, der Gesellschaften und Räume zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Formen erfasste. Treffender wird daher von Industrialisierung oder auch im Plural von Industrialisierungen gesprochen, die viele Weltgegenden seit dem 19. Jahrhundert direkt oder indirekt umgestalteten. Energetischer Treiber waren fossile Brennstoffe, zunächst Kohle, zu der sich Erdöl und in jüngerer Zeit Erdgas gesellten. Technische Schlüsselinnovationen waren zum einen die kohlebetriebene Dampfmaschine, die es erstmals erlaubte, Wärme in mechanische Energie umzuwandeln und sowohl den Aufstieg der Schwerindustrie als auch der Eisenbahn und Dampfschifffahrt im 19. Jahrhundert ermöglichte, und zum anderen der Verbrennungsmotor, auf dessen Basis sich im 20. Jahrhundert der Personen- und Güterverkehr revolutionierte. Erweitert wurden die fossilen Energieregime ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert durch die Elektrizität, die sich mit ihren vielfältigsten Anwendungsmöglichkeiten, von der Beleuchtung über den Antrieb für Motoren und Maschinen bis zur Übertragung von Signalen und zur Wärmequelle, für moderne Gesellschaften bald unentbehrlich machte.
Die fossilen Energieregime brachten einen mehrfachen Übergang. Der massenhafte Einsatz fossiler Energieträger war maßgeblich an der Beseitigung bisheriger Wachstumsbeschränkungen beteiligt. Dieselben fossilen Energieträger erlaubten es, die Transportkapazitäten enorm zu steigern und zu verbilligen, so dass Gesellschaften zunehmend unabhängiger von der Fläche wurden, die sie bewohnten. Die Ausbeutung der »unterirdischen Wälder«, wie der Umwelthistoriker Rolf Peter Sieferle die Kohlevorkommen nannte, ermöglichte, sehr viel mehr Ressourcen zu verbrauchen, als das eigene Land, aber auch die Welt insgesamt in derselben Zeit produzierten.5) Dies bedeutete den Übergang in eine nicht nur regional, sondern auch global nicht nachhaltige Wirtschaftsweise. Die starke Beschleunigung des Ressourcenverbrauchs nach 1950 verursachte zudem globale Umweltprobleme.6) Gegen Ende des Jahrhunderts wurde deutlich, dass der stark erhöhte Ausstoß an Treibhausgasen das Klima weltweit beeinflusst. Des Weiteren erlangte die Frage, wer die zunehmend globalen Ressourcen- und Energieströme steuerte und kontrollierte, höchste geopolitische Bedeutung. Die Unabhängigkeit von lokalen Ressourcen wurde mit neuen Abhängigkeiten auf überregionaler und internationaler Ebene erkauft, die sich insbesondere dann bemerkbar machten, wenn die Ressourcenströme nicht mehr in der gewohnten Art flossen, wenn Kriege und Konflikte ihren Lauf störten oder sie gar unterbrachen. So führte die Erdölpreiskrise von 1973/74 den westlichen Gesellschaften ihre Abhängigkeit von Öl aus der Krisenregion des Nahen Ostens vor Augen und förderte das in jenen Jahren einsetzende energiepolitische Umdenken, auf dessen Schultern die heutige Energiewende steht.7)

Die aktuelle Energiewende im Kontext der Vergangenheit

Wie dieser Durchgang durch die Geschichte der letzten Jahrtausende deutlich macht, fielen Energieübergänge stets mit gesellschaftlichen Übergängen zusammen. Dies ist weiter nicht verwunderlich, wenn wir uns vor Augen halten, welche gesellschaftliche Bedeutung der Energie zukommt. Die Sozialökologen Fridolin Krausmann und Marina Fischer-Kowalski sprechen im Anschluss an Karl Marx von der »Notwendigkeit des Menschen, in einem sozial organisierten und mit Arbeit verbundenen Prozess seinen Lebensunterhalt durch Austausch mit der Natur zu bewerkstelligen«.8)
Nach der klassischen Mechanik ist Energie wiederum die Kapazität, Arbeit zu verrichten. Die sozial mobilisierte Energie weist somit auf die Kapazitäten einer Gesellschaft hin, ihre Lebenswelt aktiv zu gestalten. Zur Beschreibung des Wandels scheint der Begriff »Übergang« oder »Transition« passender zu sein als jener der Wende, erstreckten sich Veränderungen doch meist über lange Zeiträume und waren wenig zielgerichtet oder koordiniert. Auch hielten Individuen und Gesellschaften meist hartnäckig an früheren Nutzungsformen fest, an die sie sich gewöhnt und angepasst hatten, in die sie investiert und die sie reguliert und reglementiert hatten. Neue Nutzungsformen lösten bisherige nicht ab, sondern ergänzten und überlagerten diese, weshalb Transitionen stets zu einer Ausweitung des Energieangebots führten.9)
Zum Schluss sollen jedoch zwei Kandidatinnen für vergangene Energiewenden vorgeschlagen werden, die beide große Investitionen erforderten und so zu staatlichen Planungen einluden. Die erste Kandidatin ist die Elektrifizierung auf Basis der Wasserkraft, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in so unterschiedlichen Systemen wie den USA des New Deals, dem nationalsozialistischen Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion im großen Stil vorangetrieben wurde10), und der in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts China und Länder des globalen Südens mit westlicher Unterstützung nacheiferten. Die zweite Kandidatin ist die zivile Nutzung der Atomenergie, die in den Nachkriegsjahrzehnten versprach, das Energieproblem und gleich noch das Ernährungsproblem ein für allemal zu lösen. Auf die Hybris folgte der Sturz.11) Während einige weiterhin an den atomaren Verheißungen festhalten, müssen sich alle anderen und viele zukünftige Generationen mit den radioaktiven materiellen Manifestationen dieser Technologie auseinandersetzen. So auch die heute angestrebte Energiewende, welche die Energieversorgung atomfrei und karbonarm (mit deutlich weniger Kohlendioxidemissionen) machen will. In ihren Visionen unterscheidet sich letztere in mindestens zweierlei Hinsicht grundsätzlich von den beiden vorangehenden Energiewenden der Großwasserkraft und Atomenergie: Erstens setzt sie nicht auf eine große, sondern auf viele kleine Lösungen und lässt so auch Raum für lokale Variationen. Und zweitens imaginiert sie nicht eine weitere Expansion des Energiekonsums, sondern dessen Verringerung. Mehr Wohlstand für alle mit weniger Energieeinsatz nachhaltig zu ermöglichen – so lautet das große Versprechen und zugleich die epochale gesellschaftliche Herausforderung einer German Energiewende going global.
4  Die unmittelbare Nähe der Fabrik zur Eisenbahnlinie ermöglicht den schnellen und einfachen Transport von Kohle in die und Waren aus der Fabrik.
Foto: National Railway Museum/SSPL/Süddeutsche Zeitung Photo
1) Krause, Florentin; Bossel, Hartmut; Müller-Reißmann, Karl-Friedrich: Energie-Wende. Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran. Ein Alternativ-Bericht des Öko-Instituts/Freiburg. Frankfurt am Main 1980.
2)  Duden: Energiewende, www.duden.de/rechtschreibung/Energiewende (Abruf: 10. 1. 2017).
3) Vgl. Burke, Edmund: The Big Story. Human History, Energy Regimes, and the Environment. In: Burke, Edmund und Kenneth Pomeranz (Hrsg.): The Environment and World History. Berkeley 2009, S. 33–53. Krausmann, Fridolin; Fischer-Kowalski, Marina: Gesellschaftliche Naturverhältnisse. Energiequellen und die globale Transformation des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Wien 2010. Smil, Vaclav: Energy in world history. Boulder 1994.
4)  Vgl. Kander, Astrid; Malanima, Paolo; Warde, Paul: Power to the People. Energy in Europe over the Last Five Centuries. Princeton 2013.
5)  Sieferle, Rolf Peter: Der unterirdische Wald. Energiekrise und Industrielle Revolution, München 1982.
6)  McNeill, John R.; Engelke, Peter. Mensch und Umwelt im Zeitalter des Anthropozän. In: Iriye, Akira; Osterhammel, Jürgen (Hrsg.): Geschichte der Welt. 1945 bis heute – Die globalisierte Welt. München 2013, S. 357–534. Pfister, Christian (Hrsg.): Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft. Bern 1995.
7)  Graf, Rüdiger: Öl und Souveränität. Petroknowledge und Energiepolitik in den USA und Westeuropa in den 1970er Jahren. Berlin 2014.
8)  Siehe Fußnote 3.
9)  Vgl. Kupper, Patrick; Pallua, Irene: Energieregime in der Schweiz seit 1800. Bern 2016.
10)  Hughes, Thomas P.: Networks of Power. Electrification in Western Society 1880–1930. Baltimore 1983.
11)  Kupper, Patrick: From Prophecies of the Future to Incarnations of the Past. Cultures of Nuclear Technology. In: Nowotny, Helga (Hrsg.): Cultures of Technology and the Quest for Innovation. Oxford, New York 2006, S. 155–166.

Die Geschichte der Energiewende

Herkunft, Einbettung und Perspektiven eines energiepolitischen Zukunftskonzepts
von Felix Chr. Matthes
Als im Jahr 1980 mit dem Buch »Energiewende. Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran«1) ein »Alternativbericht des Öko-Instituts/Freiburg« vorgelegt wurde, war nicht nur ein neuer Begriff für die energiepolitische Debatte Deutschlands kreiert worden. Das Buch legte vielmehr die Grundlagen für ein Konzept, das diese Debatte, wenn auch im Zeitverlauf mit einigen Akzentverschiebungen, über mehr als drei Dekaden maßgeblich beeinflussen und schließlich sogar zum Oberbegriff der deutschen Energiepolitik werden sollte. Dabei stammten die Grundelemente eines »sanften Pfades« für eine langfristig tragbare Energieversorgung (der heute dafür übliche Begriff »nachhaltig« fand erst im Jahr 1987 mit dem Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung2) seinen Weg in die breitere Debatte) ursprünglich gar nicht primär aus der deutschen Diskussion. Sie waren vielmehr von energiepolitischen Vordenkern wie Amory Lovins aus den USA übernommen und für die deutsche Diskussion adaptiert und systematisiert worden. Lovins’ auch heute noch sehr lesenswerter Artikel »Energy Strategy: The Road Not Taken?« in der Zeitschrift Foreign Affairs vom Oktober 19763) markiert dann auch den fulminanten Beginn der US-amerikanischen und internationalen Debatte um die Energiewende – allerdings ohne dass dabei ein ähnlich prägnanter Begriff wie der der »Energiewende« geprägt werden konnte.
1  Auch unabhängig davon, wie lange noch Erdöl und Erdgas verfügbar sein werden: Die Dekarbonisierung der Wirtschaft ist bereits in vollem Gange. Ölpipelines werden mehr und mehr durch Stromleitungen abgelöst werden.
Foto: 3dmentat/Fotolia

Das Konzept der Energiewende

Das Grundkonzept der Energiewende beruht letztlich auf zwei Befunden: Einerseits der Erkenntnis, dass der bisherige Pfad von Energiepolitik und Energiestrategien dringend einer grundsätzlichen Veränderung bedarf. Andererseits der Einschätzung, dass ein strukturell grundlegend anders ausgerichtetes Energiesystem mit den aktuell verfügbaren – oder zumindest absehbaren – technischen Optionen ein gleiches Niveau von Wachstum und Wohlstand ermöglichen kann, sich aber auch als funktionsfähiger, preiswerter und gesellschaftlich besser eingebettet erweisen wird. Im Originaltext von 1980 heißt es: »Die These dieses Buches ist, daß eine grundsätzliche und radikale Wende in der Energiepolitik der Bundesrepublik (und der Industriestaaten im Allgemeinen) unabdingbar geworden ist. Wir möchten eine neue Strategie zur zukünftigen Energieversorgung vorstellen, die uns nach sorgfältiger Prüfung technisch machbar und wirtschaftlich und (gesellschafts-)politisch vorteilhaft erscheint und den sich anbahnenden Schiffbruch des bisherigen Kurses zu vermeiden verspricht.«4)
Als Treiber des massiv zunehmenden Veränderungsdrucks wurden in den 1970er und 1980er Jahren vor allem die energiepolitischen Schocks der Ölpreiskrisen sowie die Versuche des energiepolitischen Mainstreams wahrgenommen, mit der breiten Einführung der Kernenergie eine Neuausrichtung der Energiepolitik vorzunehmen. Die Strukturen, Implikationen und Risiken eines umfassend auf Kernenergie ausgerichteten Energiesystems (mit Wiederaufarbeitungsanlagen, Brutreaktoren etc.) führten vor allem in Deutschland, aber auch in den USA zu einer Eskalation energie- und gesellschaftspolitischer Konflikte, die sich auch auf die Verbindungen zur internationalen Friedenssicherung bezogen. So ist es kein Zufall, dass die Schlüsselmotivation einiger Protagonisten der Energiewende wie zum Beispiel Amory Lovins (oder in Deutschland auch Hermann Scheer) ursprünglich primär dem Bereich der Außenpolitik entstammten. Vor allem in diesem Kontext ist auch die für den deutschen Begriff der Energiewende typische Dringlichkeitsterminologie zu verstehen, die die Autoren des Energiewende-Buches aus dem 1975 veröffentlichten Buch Erhard Epplers »Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen«5) übernommen hatten.
2  Das Buch, mit dem alles anfing: Energiewende von Florentin Krause u. a.
Foto: DMA CD73183
Seine besondere Kraft entwickelte das Konzept der Energiewende jedoch nicht wegen der schnell eskalierenden Herausforderungen, sondern vor allem aus dem enormen Optimismus mit Blick auf die technologischen Möglichkeiten und die Potenziale neuer, vor allem verbrauchsorientierter, dezentraler Technologien und Strukturen. Nicht verwunderlich ist es daher, dass sich die Auseinandersetzungen mit dem seinerzeitigen Mainstream der Energiepolitik und -wissenschaft zunächst weniger auf die Problembefunde konzentrierten, sondern vor allem um die Tragfähigkeit des technologischen Grundoptimismus kreisten. Die damalige »Gegenstudie« der Kernforschungsanlage (KFA) Jülich6) bildet aus der heutigen Perspektive ein diesbezüglich ausgesprochen aufschlussreiches Dokument.

Die Energiewende als dynamisches Konzept

Das Spektrum der Herausforderungen einer strukturellen Neuausrichtung des Energiesystems hat sich im Zeitverlauf als erweiterungsbedürftig erwiesen. Hinzu kam vor allem die Problematik der globalen Klimaerwärmung als eine zentrale Restriktion für die Nutzung von Kohle, Erdöl und Erdgas. Auch und gerade für die Lösungsstrategien spiegeln sich im Zeitverlauf eine ganze Reihe von Aktualisierungen der Energiewende-Strategien wider: Neben Energieeffizienz und erneuerbaren Energien spielte die Nutzung der einheimischen Kohle im Energiewende-Konzept von 1980 eine große Rolle. Diese musste im Kontext des Übergangs zu einem klimafreundlichen Energiesystem in den entsprechenden Ausprägungen des Energiewende-Konzepts ab 1989 natürlich fundamental anders bewertet werden.7)
3  Den Haag 1973: Die Folgen der Ölpreiskrise sind nicht nur knappes Öl, sondern auch autofreie Autobahnen.
Foto: picture alliance/Benelux Press
Gerade im Kontext der Klimadiskussion, die ja in ihrer Frühphase, vor allem mit Blick auf eine mögliche Neubewertung bzw. Aufwertung der Kernenergie, im Kreise der Energiewende-Befürworter durchaus nicht von vornherein unumstritten war, zeigte sich aber die Dynamik und die Tragfähigkeit der Energiewende-Idee. Im zeitlichen Verlauf der energiepolitischen Debatten und Entwicklungen gewann das Konzept einer gesellschaftlich und politisch getriebenen, strukturellen und technologieoptimistischen Veränderung des Energiesystems immer schneller an Attraktivität und Überzeugungskraft.
Letztlich war dies dann wohl auch der entscheidende Grund dafür, dass im Jahr 2009 nach der klimapolitisch getriebenen Ausweitung des Energiewende-Konzepts auf die Langfristperspektive – mit dem Ziel einer sehr weitgehenden Dekarbonisierung bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts8) – die deutsche Energiepolitik nach den atompolitischen Turbulenzen der Jahre 2010 und 2011 (und damit 30 Jahre nach der ersten Präsentation des Konzepts »Energiewende«) regierungsamtlich unter den Oberbegriff der Energiewende gestellt wurde.9),10) Die wesentlichen Punkte finden sich dabei wieder: Ein beschleunigtes Auslaufen der Kernenergie und die vergleichsweise ambitionierte Neuausrichtung des Energiesystems auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Aber auch die neu entwickelte Langfristperspektive des Energiewende-Konzepts mit seiner Orientierung auf die weitgehende Dekarbonisierung bis zum Jahr 2050 wurde 2010/2011 explizit in das deutsche Energiekonzept aufgenommen.
4  Am 30. 11. 2015 spricht die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der 21. UN Klima-konferenz.
Foto: picture alliance/ZUMA Press
Die grundsätzliche Attraktivität einer so verstandenen Energiewende hat sich im Zeitverlauf auch für den internationalen Kontext erwiesen: Dort hat nicht nur das ursprüngliche (Außenseiter-)Konzept der Energiewende wichtige Wurzeln; inzwischen haben sich »Energy Transition« oder »Transition Énergétique« als Konzepte der energiepolitischen Reform fest etabliert. Im internationalen Raum wird der für die Diskussionen im deutschsprachigen Raum so charakteristische Wende-Charakter teilweise weniger stark betont bzw. werden die Übergangsdimension der notwendigen Veränderungsprozesse deutlich stärker herausgehoben. Auch spielt die Kernenergie in der Trias der Herausforderungen aus globalem Klimawandel, Begrenztheit bzw. Preis von fossilen Ressourcen sowie den Gefahren von Hochrisikotechnologien zumindest teilweise eine andere Rolle.

Die Energiewende im aktuellen Kontext

Die Verhinderung eines gefährlichen Klimawandels erweist sich seit Aushandlung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen im Jahr 1992 als zentrale Herausforderung für die globale Energiewende-Diskussion. Wichtiger noch ist, dass sich die Klimapolitik ab 2005 als ständiges Schwerpunktthema auf der Agenda der jährlichen Treffen der größten Industrienationen (der sogenannten G7 bzw. G8) etabliert hat. Zudem führte die zweite große Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 in vielen Regionen der Welt zu einer Neubestimmung, wenn auch nicht überall zu einer Neuausrichtung der Kernenergiepolitik. Eine Vielzahl von Staaten hat die Ausbaupläne für die Kernenergie in erheblichem Maße reduziert oder Auslaufpfade festgelegt. Die Turbulenzen auf den Weltenergiemärkten seit 2008 haben zwar die Erwartung nicht bestätigt, dass die Vorräte von Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran schnell zurückgehen und sich vor allem hohe Preise als zentrale Gefährdung der Energieversorgung erweisen werden. Die Verletzbarkeit von Volkswirtschaften und Verbrauchern ist aber durch stark schwankende Energiepreise als neue Herausforderung unübersehbar geworden. Entscheidend ist aber auch hier, dass nicht nur die Probleme und Herausforderungen, sondern vor allem die Sichtbarkeit der alternativen Strukturen eines neuen Energiesystems das zentrale Moment der Energiewende bilden: Die bahnbrechenden Beschlüsse des G7-Gipfels auf Schloss Elmau im Juni 2015 zum Übergang zu einem Energiesystem ohne fossile Energieträger11) und die historischen Beschlüsse des Klimagipfels von Paris im Dezember 2015 mit dem Ziel der Emissionsneutralität12) wären nicht vorstellbar, wenn die technologischen Entwicklungen und Kostensenkungen im Bereich der Wind- und Solarenergien, bei Batterien und bei vielen Energieeffizienztechnologien nicht so beeindruckend wären. Nur eine Dekade zuvor, auf dem G8-Gipfel im schottischen Gleneagles, hatten die führenden Industriestaaten noch die langfristigen Perspektiven fossiler Energien betont!13)

Die deutsche Energiewende als internationaler Impulsgeber

An diesem Punkt schließt sich dann auch der Kreis zur Genese des deutschen Energiewende-Konzepts, gerade wenn man sich vergegenwärtigt, wie deutlich die Realität die technologieoptimistischen Annahmen des Jahres 1980 zu den erneuerbaren Energien übertroffen hat (nicht zu sprechen von den Hypothesen der damaligen Energiewende-Kritiker). Eine Realität, die sich nur dadurch materialisieren und im internationalen Raum eine Strahlkraft entfalten konnte, dass ein Land die Idee einer politisch getriebenen, strukturellen Veränderung des Energiesystems ernst genommen und erhebliche Anstrengungen zur Umsetzung unternommen hat. Die globalen Kosten der Stromerzeugung aus Sonnenenergie wären eben nicht auf dem heutigen, auch für ärmere Regionen dieser Welt erschwinglichen Niveau, wenn beispielsweise deutsche Stromkunden in den Phasen der besonders großen Kostensenkungen nicht maßgebliche Anteile der Nachfrage nach Solaranlagen bezahlt hätten. Begleitet wurde dies von teilweise großer Häme aus der alten Energiewelt; man denke nur an das Denunziationsbild »Solarenergie in Deutschland ist wie Ananas-Züchten in der Antarktis«. Und vielleicht ist es darum auch angemessen, wenn wir uns in Deutschland mit einem Blick auf die weltweiten Herausforderungen und Lösungen auch mit ein wenig Stolz der »Energiewende« und nicht (nur) der »Energy Transition« verpflichtet fühlen.
Aber Energiewende ist eben nicht eine politisch getriebene Veränderung des Energiesystems im Allgemeinen. Ihr längerfristiger Erfolg wird grundlegend davon abhängen, ob es gelingt, auch die notwendigen strukturellen Änderungen des Energiesystems zu initiieren und gesellschaftlich zu verankern. Viele, wenn auch nicht alle Strukturen der Energiewende sind dezentraler und verbrauchernäher, aber eben auch kapitalintensiver, stark von guten Netzinfrastrukturen abhängig und – mit Blick auf die öffentliche Akzeptanz – ausgesprochen sensibel. Hier intelligente Modelle zu schaffen, die technische Machbarkeit, ökonomische Tragbarkeit, ökologische Integrität, internationale Übertragbarkeit und breite gesellschaftliche Akzeptanz miteinander zu vereinbaren, gehört zu den aktuell besonders wichtigen Aufgaben der Energiewende. Auch und gerade, wenn eine starke globale Strahlkraft zu den entscheidenden Kriterien für eine erfolgreiche Energiewende zählen soll.
5  Das Satellitenbild zeigt das zerstörte Atomkraftwerk Daiichi in Fukushima, Japan, nach dem Erdbeben und Tsunami im März 2011.
Foto: picture alliance/abaca
1)  Krause, Florentin; Bossel, Hartmut; Müller-Reißmann, Karl-Friedrich: Energie-Wende. Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran. Ein Alternativ-Bericht des Öko-Instituts/Freiburg. Frankfurt am Main 1980.
2)  Hauff, Volker (Hrsg.): Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Greven 1987.
3)  Lovins, Amory B.: Energy Strategy. The Road Not Taken? In: Foreign Affairs 55 (1976), S. 65–96.
4)  Siehe Fußnote 1.
5)  Eppler, Erhard: Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1975.
6)  Kernforschungsanlage Jülich, Programmgruppe Systemforschung und Technologische Entwicklung: Energiewende? Analysen, Fragen und Anmerkungen zu dem vom Öko-Institut vorgelegten »Alternativ-Bericht«. Aktuelle Beiträge zur Energiediskussion 2, Jülich 1980, https://juser.fz-juelich.de/record/187932/files/FZJ-2015-01442.pdf (Abruf: 10. 1. 2017).
7)  Stratmann, Eckhardt; Teubner, Luise; Busch, Manfred; Damm, Winfried (Hrsg.): Das Grüne Energiewende-Szenario 2010. Sonne, Wind und Wasser. Köln 1989.
8)  Prognos AG, Öko-Institut: Modell Deutschland. Klimaschutz bis 2050: Vom Ziel her denken. Studie für WWF Deutschland. Basel, Berlin 2009. www.oeko.de/oekodoc/971/2009-003-de.pdf (Abruf: 10. 1. 2017).
9)  Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU): Das Energiekonzept der Bundesregierung 2010 und die Energiewende 2011. Berlin 2011.
10)  Ethik-Kommission Sichere Energieversorgung: Deutschlands Energiewende – Ein Gemeinschaftswerk für die Zukunft. Berlin 2011. www.bundesregierung.de/ContentArchiv/DE/Archiv17/_Anlagen/2011/07/2011-07-28-abschlussbericht-ethikkommission.pdf;jsessionid=C16B689959DCF1E1738496B4CEA3DB5D.s3t2?__blob=publicationFile&v=4 (Abruf: 10. 1. 2017).
11)  G7 Summit: G7 Leaders’ Declaration. Climate Change, Energy, and Environment. 2015, www.g8.utoronto.ca/summit/2015elmau/2015-G7-declaration-en.pdf (Abruf: 10. 1. 2017).
12)  United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC): Report of the Conference of the Parties on its twenty-first session, 2016, http://unfccc.int/resource/docs/2015/cop21/eng/10a01.pdf (Abruf: 10. 1. 2017).
13)  G8 Summit: The Gleneagles Communiqué. Climate Change, Clean Energy and Sustainable Development, www.g8.utoronto.ca/summit/2005gleneagles/communique.pdf (Abruf: 10. 1. 2017).
Bereitstellung
Die Herkunft der Energie

Am Anfang war die Kohle

Die Rolle fossiler Energieträger gestern und heute
von Karen Pittel
Auch in Zeiten des Klimawandels wird der Einsatz von Kohle, Erdöl und Erdgas häufig noch als notwendige Voraussetzung für Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung wahrgenommen. Angesichts des lange zu beobachtenden Gleichklangs steigender Wirtschaftsleistungen und steigender Verwendung fossiler Energieträger verwundert diese Wahrnehmung kaum. Aufforderungen zur Reduktion des Einsatzes fossiler Energieträger oder auch zur Festlegung langfristiger Obergrenzen für Treibhausgasemissionen werden häufig entsprechend kritisch gesehen.

Fossile Energieträger und Industrialisierung

Die Assoziation von fossilen Energieträgern mit dem Überwinden von ökonomischen Grenzen ist seit der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fest im Bewusstsein der Menschen verankert. So erschien der Einsatz von Kohle zum Antrieb industrieller Produktion im 19. Jahrhundert alternativlos. Der britische Ökonom Stanley Jevons (1835–1882) stellte 1865 in seinem Buch »The Coal Question« fest, dass »mit Kohle fast jede Leistung erbracht werden kann, ohne sie werden wir in die mühselige Armut früher Zeiten zurückgeworfen werden«1). Die endliche Natur der britischen Kohlevorräte, so seine Befürchtung, würde das wirtschaftliche Wachstum über kurz oder lang zum Erliegen kommen lassen und die globale Vormachtstellung Großbritanniens gefährden.
1  In »The Coal Question« sorgte sich William Stanley Jevons schon 1865 um die Endlichkeit der Kohle.
Quelle: Popular Science Monthly 11, 1877
Ausgehend vom damaligen Stand der Technik war Jevons Besorgnis durchaus verständlich, die historische Entwicklung hat seine Befürchtungen jedoch nicht bestätigt. Die Erschließung neuer Kohlevorräte und anderer fossiler Energiequellen, der globale Handel mit Energieträgern und die steigende Energieeffizienz haben die prognostizierten Grenzen des Wachstums immer weiter hinausgeschoben und eine scheinbar unbeschränkte Steigerung wirtschaftlicher Aktivitäten möglich gemacht. Abbildung 3 macht deutlich, wie sehr der Anstieg der globalen Wirtschaftsleistung und die Nutzung fossiler Energieträger bis zur ersten Ölkrise (1973) Hand in Hand gingen. Aus Abbildung 4 ist wiederum ersichtlich, dass die Energieeffizienz der Produktion sukzessive über die Jahrhunderte gestiegen ist – mit anderen Worten: Pro Dollar an produziertem Output wurde immer weniger Energie eingesetzt.