Enigma - Robert Harris - E-Book

Enigma E-Book

Robert Harris

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9,99 €

Beschreibung

England im März 1943. In Bletchley Park wird fieberhaft daran gearbeitet, die Wunder-Chiffrier-Maschine Enigma, die den Funkverkehr der deutschen U-Boote verschlüsselt, zu knacken. Eine nahezu unlösbare Aufgabe für den Secret Intelligence Service, der seine letzten Hoffnungen in den genialen Kryptoanalytiker Tom Jericho setzt. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, der plötzlich sogar in den eigenen Reihen sabotiert zu werden scheint.

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Seitenzahl: 557

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Das Buch

In einem abgeschirmten Camp um das Herrenhaus Bletchley Park haben die Briten im Kriegsjahr 1943 die klügsten Köpfe des Landes zusammengezogen: Die Gentlemen sollen die Funk-Codes der Deutschen knacken. In Schichten arbeiten Horchposten und Kryptoanalytiker rund um die Uhr. Wichtigstes Ziel ist die Entschlüsselung des U-Boot-Codes, denn Woche für Woche machen deutsche U-Boote Jagd auf die lebensnotwendigen Versorgungsschiffe, die zwischen den USA und England über den Atlantik fahren. Aber mit Hilfe ihrer neuen Chiffriermaschine »Enigma« können die Deutschen die U-Boot-Funksprüche nun unknackbar verschlüsseln. Tom Jericho vom britischen Secret Intelligence Service ist eine Koryphäe auf dem Gebiet des Entschlüsseln von Codes. Er wird auf »Enigma« angesetzt. Auf Bletchley Park verliebt er sich in die hübsche Claire Romilly. Ihr spurloses Verschwinden macht Tom Jerichos Job zur Hölle: Ist Claire eine Spionin oder wurde sie Opfer des Feindes? Welche Konsequenzen muß er ziehen?

Robert Harris hat mit diesem Buch wieder »einen atemberaubenden Thriller« (Berliner Zeitung) abgeliefert.

Der Autor

Robert Harris, geboren 1957, studierte in Cambridge Geschichte. Nach dem Studium arbeitete er für die BBC als Reporter und für den Observer als politischer Redakteur. Nach drei veröffentlichten Sachbüchern gelang ihm mit seinem Roman Vaterland der große Durchbruch als Schriftsteller. Alle folgenden Romane wurden Weltbestseller. Robert Harris lebt mit seiner Familie in Berkshire, England.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDer AutorDanksagungWidmungVorbemerkung des AutorsI - Flüstern
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3
II - Kryptogramm
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5
III - Beute
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3
IV - Kuss
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6
V - Hilfe
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5
VI - Enttarnung
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6
VII - Klartext
Kapitel 1Kapitel 2
Copyright

Danksagung

Allen ehemaligen Angestellten von Bletchley Park, die mir von ihren Erfahrungen aus der Kriegszeit berichtet haben, schulde ich aufrichtigen Dank. Insbesondere danke ich Sir Harry Hinsley (Marineabteilung, Baracke 4), Margaret Macintyre und Jane Parkinson (Dechiffrierraum, Baracke 6), dem verstorbenen Sir Stuart Milner-Barry (ehemaliger Leiter von Baracke 6), Joan Murray (Baracke 8) und Alan Stripp (Japanische Chiffren).

Roger Bristow, Tony Sale und ihre Kollegen vom Bletchley-Park-Trust beantworteten meine Fragen und gestatteten mir jederzeit, das Gelände aufzusuchen.

Keiner dieser entgegenkommenden Leute trägt irgendeine Verantwortung für den Inhalt dieses Buches, das ein Werk der Phantasie, nicht der Befragung ist.

Allen Lesern, die sich für die Fakten interessieren, auf denen dieser Roman basiert, empfehle ich die folgenden Werke: Top Secret Ultra von Peter Calvocoressi (London, 1980), Codebreakers, Hrsg. F. H. Hinsley und Alan Stripp (Oxford, 1993), Seizing the Enigma von David Kahn (Boston, USA, 1991) The Enigma Symposium von Hugh Skillen (Middlesex, 2 Bände, 1992 und 1994) und The Hut 6 Story von Gordon Welchman (New York, 1982).

Details über die Aktionen im Nordatlantik stammen aus den entschlüsselten Originalfunksprüchen der U-Boote, die sich heute im Public Record Office in London befinden, und außerdem aus Convoy von Martin Middlebrook (London, 1976) und Critical Convoy Battles of March 1943 von Jürgen Rohwer (London, 1977).

Schließlich möchte ich meinen Lektoren, Sue Freestone und David Rosenthal, danken, denn sie haben ihren Glauben an Enigma nie verloren, auch dann nicht, wenn es dem Autor selbst ein Rätsel war.

Robert Harris Juni 1995

Für Gill, für Holly und Charlie QXQF VFLR TXLG VLWD PRUA

Vorbemerkung des Autors

Dieser Roman spielt vor dem Hintergrund der tatsächlichen historischen Ereignisse.

 

Die im Text zitierten Funksprüche der deutschen Marine sind allesamt authentisch.

 

Die Personen dagegen sind rein fiktiv.

 

 

Es hat den Anschein, als wäre Bletchley Park die größteLeistung, die Großbritannien in den Jahren 1939–1945vollbracht hat, vielleicht sogar in diesemganzen Jahrhundert.«

 

GEORGE STEINER

I

Flüstern

Flüstern: das Geräusch eines feindlichen Funkgeräts unmittelbar bevor es eine verschlüsselte Nachricht zu senden beginnt.

 

EIN LEXIKON DER KRYPTOGRAPHIE

(»Streng geheim«, Bletchley Park, 1943)

1

Cambridge im vierten Kriegswinter: eine Geisterstadt.

Ein unaufhörlicher eisiger Wind, den über tausend Meilen hinweg nichts hatte aufhalten können, peitschte von der Nordsee herein und fegte über die flache Landschaft. Er ließ die Wegweiser zu den Luftschutzbunkern in Trinity New Court klappern und hämmerte gegen die mit Brettern vernagelten Fenster der King’s College Chapel. Er strich durch die Innenhöfe und Treppenhäuser und zwang die wenigen verbliebenen Lehrer und Studenten, in ihren Zimmern zu bleiben. Am Spätnachmittag waren die engen, mit Kopfstein gepflasterten Straßen menschenleer. Als die Nacht hereinbrach, lag die Universität, in der kein Licht zu sehen war, in völliger Dunkelheit, wie sie es seit dem Mittelalter nicht mehr erlebt hatte. Es hätte nur noch eine Prozession von Mönchen gefehlt, die auf ihrem Weg zur Abendandacht über die Magdalene Bridge zog.

In der kriegsbedingten Verdunkelung verlor man jedes Gefühl für die Zeit.

In diesen düsteren Flecken im Flachland Ostenglands kam Mitte Februar 1943 ein junger Mathematiker namens Thomas Jericho. Die Verwaltung seiner Schule, des King’s College, hatte nicht einmal einen Tag Zeit, sich auf seine Ankunft einzustellen. Es reichte gerade, um seine Zimmer wieder herzurichten, sein Bett zu beziehen und den Staub von mehr als drei Jahren von den Regalen und Teppichen zu kehren. Und sie hätten sich nicht einmal diese Mühe gemacht – schließlich war Krieg und Personal äußerst rar –, hätte nicht der Rektor höchstpersönlich in seinem Büro einen Anruf von einem ihm unbekannten, aber hochrangigen Beamten des Außenministeriums erhalten. Dieser äußerte die Bitte, man möge »sich um Mr. Jericho kümmern, bis er soweit wiederhergestellt ist, daß er seiner Arbeit nachgehen kann«.

»Natürlich«, hatte der Rektor erwidert, der mit dem Namen Jericho beim besten Willen kein Gesicht verbinden konnte. »Natürlich. Wir freuen uns, ihn wieder bei uns zu haben.«

Noch während des Gesprächs schlug er das College-Register auf und blätterte darin, bis er auf den Namen stieß: Jericho, T. R. G.; immatrikuliert 1935; Jahrgangsbester in Mathematik 1938; Junior Research Fellow mit einem Jahresgehalt von 200 Pfund; seit Ausbruch des Krieges nicht mehr an der Universität gesehen worden.

Jericho? Jericho? Für den Rektor war er bestenfalls eine vage Erinnerung, der verschwommene Fleck eines jungen Mannes auf einem Collegephoto. Früher hätte er sich vielleicht an den Namen erinnert, aber der Krieg hatte den gleichmäßigen Rhythmus von Immatrikulation und Abschlußprüfung durcheinandergebracht, und alles lag im Chaos – der Pitt Club war jetzt ein Britisches Restaurant, im Park von St. John wuchsen Kartoffeln und Zwiebeln ...

»Er hat in letzter Zeit an Dingen von größter nationaler Wichtigkeit gearbeitet«, fuhr der Anrufer fort. »Wir wären Ihnen sehr verbunden, wenn man ihn ungestört ließe.«

»Selbstverständlich«, sagte der Rektor. »Selbstverständlich. Ich werde veranlassen, daß er seine Ruhe hat.«

»Haben Sie vielen Dank.«

Der Beamte legte auf. Dinge von größter nationaler Wichtigkeit, bei Gott ... Der alte Mann wußte, was das bedeutete. Er legte den Hörer auf die Gabel und betrachtete ihn einen Augenblick lang nachdenklich, dann machte er sich auf die Suche nach dem Verwalter.

 

Ein College in Cambridge ist ein Dorf mit der Klatschsucht eines Dorfes, zumal dann, wenn dieses Dorf zu neun Zehnteln leersteht. Daher löste die Rückkehr von Jericho beim Personal des Colleges stundenlange Spekulationen aus.

Da waren als erstes die Umstände seiner Ankunft, nur wenige Stunden nach dem Anruf beim Rektor, spät an einem verschneiten Abend. Er saß, in eine Reisedecke gehüllt, auf dem Rücksitz eines höhlenartigen Dienst-Rovers, der von einer jungen Frau in der dunkelblauen Uniform der Marinehelferinnen gefahren wurde. Kite, der Pförtner, der sich erboten hatte, das Gepäck des Gastes in dessen Wohnung zu tragen, berichtete, Jericho habe seine beiden ramponierten Lederkoffer umklammert und sich geweigert, sie aus der Hand zu geben, und das, obwohl er so blaß und mitgenommen aussah, daß Kite bezweifelte, ob er es schaffen würde, ohne Hilfe die Wendeltreppe hinaufzukommen.

Dorothy Saxmundham, die Aufwartefrau, sah ihn als nächste, als sie am folgenden Tag zum Saubermachen erschien. Er lag gegen die Kissen gelehnt und starrte hinaus in den Schneeregen, der über den Fluß hinwegpeitschte, und er drehte nicht einmal den Kopf, sah sie nicht ein einziges Mal an, schien überhaupt nicht zu wissen, daß sie da war, der arme Mann. Dann war sie im Begriff, einen seiner Koffer beiseite zu schieben, und er fuhr hoch wie der Blitz – »Bitte, rühren Sie den nicht an, vielen Dank, Mrs. Sax, vielen Dank« – , und fünfzehn Sekunden später stand sie wieder draußen auf dem Flur.

Er hatte nur einen Besucher: den Collegearzt, der zweimal zu ihm kam, jeweils ungefähr eine Viertelstunde blieb und dann wortlos wieder verschwand.

In der ersten Woche nahm er sämtliche Mahlzeiten in seinem Zimmer ein – nicht, daß er viel aß, wie Oliver Bickerdyke, der in der Küche arbeitete, berichtete; er brachte ihm dreimal täglich ein Tablett hinauf, nur um es eine Stunde später nahezu unberührt wieder abzuholen. Bickerdykes großer Coup, der für mindestens eine Stunde Gesprächsstoff am Kohleofen in der Pförtnerloge lieferte, bestand darin, daß er den jungen Mann bei der Arbeit an seinem Schreibtisch überraschte, mit einem Mantel über dem Schlafanzug, einem Schal und Handschuhen. Normalerweise hielt Jericho die schwere äußere Eichentür seines Arbeitszimmers fest geschlossen  – er hatte höflich darum gebeten, sein Tablett draußen abzustellen. Aber an diesem speziellen Morgen, sechs Tage nach seiner dramatischen Ankunft, stand sie einen Spaltbreit offen. Bickerdyke klopfte ganz bewußt so leise an, daß kein lebendes Wesen, vielleicht mit Ausnahme einer grasenden Gazelle, es hätte hören können, und schon war er über die Schwelle und bis auf einen Meter an seine Beute heran, bevor Jericho sich umdrehte. Bickerdyke hatte gerade noch Zeit, Stapel von Papieren wahrzunehmen (»mit Zahlen und Schaltplänen und griechischen Buchstaben und so«), bevor die Arbeit hastig zugedeckt und er hinausgescheucht wurde. Von da an war die Tür immer verschlossen.

Als Dorothy Saxmundham am nächsten Nachmittag Bickerdykes Geschichte hörte, wollte sie sich nicht übertrumpfen lassen und fügte ein eigenes Detail hinzu. Mr. Jericho hatte eine kleine Gasheizung in seinem Wohnzimmer und einen Kamin in seinem Schlafzimmer. In diesem Kamin, den sie am Morgen saubergemacht hatte, war offensichtlich Papier verbrannt worden.

»Könnte die Times gewesen sein«, meinte Kite dazu. »Ich lege ihm jeden Morgen ein Exemplar vor die Tür.«

Nein, erklärte Mrs. Sax. Es war nicht die Times. Die Zeitungen lagen noch gestapelt neben dem Bett. »Er scheint sie nicht zu lesen, soweit ich sehen konnte. Er löst nur das Kreuzworträtsel.«

Bickerdyke meinte, er könnte Briefe verbrannt haben. »Vielleicht Liebesbriefe«, fügte er mit anzüglichem Grinsen hinzu.

»Liebesbriefe? Der? Kann ich mir nicht vorstellen.« Kite nahm seinen uralten Bowler ab, inspizierte die abgeschabte Krempe und setzte ihn bedächtig wieder auf seinen kahlen Kopf. »Außerdem hat er keine Briefe bekommen, keinen einzigen, seit er hier ist.«

Und so sahen sie sich zu dem Schluß gezwungen, daß das, was Jericho im Kamin verbrannt hatte, seine Arbeit war – so geheime Arbeit, daß niemand auch nur Bruchstücke ihres Abfalls sehen durfte. Mangels eindeutiger Fakten wurden nun endlose Vermutungen angestellt. Er war ein Wissenschaftler im Dienst der Regierung, entschieden sie. Nein, er arbeitete für den Geheimdienst. Nein, nein – er war ein Genie. Er hatte einen Nervenzusammenbruch. Seine Anwesenheit in Cambridge war ein Staatsgeheimnis. Er hatte Freunde in hohen Positionen. Er war von Mr. Churchill empfangen worden. Er war vom König empfangen worden ...

Und mit all diesen Spekulationen lagen sie absolut und vollkommen richtig, nur hatten sie nicht das Glück, es zu erfahren.

 

Drei Tage später, am Freitag morgen, dem 26. Februar, erhielt das Geheimnis neue Nahrung.

Kite sortierte die Morgenpost und verteilte einen kleinen Haufen von Briefen auf die wenigen Fächer, deren Besitzer noch im College wohnten, als er auf nicht nur einen, sondern drei Umschläge mit der Aufschrift T. R. G. Jericho Esq. stieß, die ursprünglich c/o The White Hart Inn, Shenley Church End, Buckinghamshire, adressiert und an das King’s College nachgesandt worden waren. Einen Augenblick lang war Kite verblüfft. War der merkwürdige junge Mann, für den sie sich eine so exotische Identität ausgedacht hatten, in Wirklichkeit der Geschäftsführer eines Lokals? Er schob sich die Brille auf die Stirn, hielt den Umschlag auf Armeslänge von sich und schaute blinzelnd auf den Poststempel.

Bletchley.

An der hinteren Wand der Pförtnerloge hing eine alte Karte des dicht besiedelten, von Cambridge, Oxford und London begrenzten Dreiecks von Südengland. Bletchley war ein Eisenbahnknotenpunkt genau in der Mitte zwischen den beiden Universitätsstädten, und Shenley Church End war ein winziges Nest ungefähr sechs Kilometer nordwestlich davon.

Kite betrachtete den interessantesten der drei Umschläge. Er hob ihn an seine knollige, von blauen Äderchen durchzogene Nase. Er roch daran. Er hatte mehr als vierzig Jahre lang Post sortiert und erkannte die Handschrift einer Frau auf dem ersten Brief: klarer und säuberlicher, schwungvoller und weniger kantig als die eines Mannes. Auf dem Gaskocher hinter dem Ofen dampfte ein Wasserkessel. Er sah sich um. Es war noch keine acht Uhr und draußen noch nicht richtig hell. Binnen Sekunden war er in dem Alkoven im hinteren Teil des Raums und hielt den Umschlag mit der zugeklebten Seite über den Dampf. Er war aus dünnem, schäbigem Kriegspapier, mit billigem Klebstoff verschlossen. Die Klappe wurde rasch feucht, wellte und öffnete sich, und Kite zog eine Karte heraus.

Er hatte sie gerade gelesen, als er hörte, wie die Tür zur Pförtnerloge geöffnet wurde. Ein Windstoß ließ die Fenster klappern. Er steckte die Karte hastig wieder in den Umschlag, tauchte den kleinen Finger in den Leimtopf, der neben dem Ofen stand, und drückte die Klappe an. Dann schaute er scheinbar gelassen um die Ecke, um zu sehen, wer hereingekommen war. Ihn hätte fast der Schlag getroffen.

»Großer Gott – Morgen – Mr. Jericho – Sir ...«

»Ist irgendwelche Post für mich gekommen, Mister Kite?« Jerichos Stimme klang halbwegs kräftig, aber er schien leicht zu schwanken und hielt sich am Tresen fest wie ein Matrose, der nach einer langen Reise gerade erst an Land gekommen war. Er war ein blasser junger Mann, ziemlich klein, mit dunklem Haar und dunklen Augen, die die Blässe seiner Haut noch zu unterstreichen schienen.

»Nicht daß ich wüßte, Sir. Ich sehe noch einmal nach ...«

Kite zog sich würdevoll in den Alkoven zurück und versuchte, den feuchten Umschlag mit dem Ärmel zu bügeln. Er war nur leicht gewellt. Er schob ihn zwischen einen Stapel von Briefen, kam wieder nach vorn und vollführte eine pantomimische Glanzleistung, wie er selbst befand, indem er so tat, als durchsuchte er ihn.

»Nein, nichts, nein. Oh ... doch, hier ist etwas. Tatsächlich. Und noch zwei.« Kite schob sie über den Tresen. »Ihr Geburtstag, Sir?«

»Gestern.« Jericho steckte die Briefe in die Innentasche seines Mantels, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.

»Herzlichen Glückwunsch nachträglich, Sir.« Kite sah zu, wie die Briefe verschwanden, und seufzte innerlich vor Erleichterung. Er verschränkte die Arme und stützte sie auf den Tresen. »Darf ich mir eine Vermutung über Ihr Alter erlauben, Sir? Sie sind ’35 hergekommen, wenn ich mich recht erinnere. Bedeutet das, daß Sie sechsundzwanzig geworden sind?«

»Ist das meine Zeitung, Mr. Kite? Vielleicht kann ich sie gleich mitnehmen. Erspart Ihnen die Mühe.«

Kite grunzte, stemmte sich wieder hoch und langte nach der Zeitung. Als er sie ihm aushändigte, unternahm er einen letzten Versuch, sich mit ihm zu unterhalten, indem er sich über den befriedigenden Verlauf des Krieges in Rußland seit Stalingrad äußerte und daß Hitler bald am Ende wäre, wenn man ihn frage – aber er, Jericho, sei über diese Dinge bestimmt besser auf dem laufenden als er, Kite ... ?

Der jüngere Mann lächelte nur.

»Ich bezweifle, ob mein Wissen über irgend etwas so auf dem laufenden ist wie das Ihre, Mr. Kite, nicht einmal über mich selbst. In Anbetracht Ihrer Methoden.«

Einen Augenblick lang war Kite nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. Er starrte Jericho an, der seinen Blick erwiderte und ihm mit seinen dunkelblauen Augen standhielt, in denen unvermittelt ein Funke Leben aufgeglommen war. Dann, immer noch lächelnd, nickte Jericho ein »Guten Morgen«, klemmte sich seine Zeitung unter den Arm und war verschwunden. Kite schaute ihm durch das Sprossenfenster der Pförtnerloge nach – eine schlanke Gestalt im rotweißen Collegeschal, unsicher auf den Beinen, den Kopf gegen den Wind gesenkt. »Meine Methoden«, wiederholte er leise. »Meine Methoden?«