10,99 €
Kristof hat alles auf eine Karriere als Rapper gesetzt. Er hat keine Freundin, seine Familie versteht ihn nicht, sein Studium hat er für seinen Traum abgebrochen. Dieser Traum platzt. Als Anfang Dreißigjähriger arbeitet Kristof in einem Callcenter.Kristof braucht Kohle. Er will Ansehen. Deswegen biedert er sich seinem Kollegen Joshua an und macht erste Jobs für den Nachtclubbesitzer und Drogendealer Tom. Kristof lernt schnell und überschreitet mal freiwillig malunfreiwillig eine moralische Grenze nach der anderen. In rasanten Episoden erzählt “Entweder Rapper oder Gangster” den Aufstieg eines Gescheiterten in eine absurde, brutale, egomanische Parallelwelt aus Drogen, Dekadenz, Prostitution und Menschenhandel. "Quantes Debüt ist in vielerlei Hinsicht extrem: Schnell, krass und böse bedient es sich diverser Klischees, bricht Tabus und überzeichnet mit brutaler Konsequenz eine in ihrer Lächerlichkeit furchteinflößende Realität."
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
subkultur.de
Timo Quante ist 1984 in Wolfsburg geboren. Nach einem Studium der Politikwissenschaften sammelte er Erfahrungen als Produktionshelfer, Autoverkäufer, Bestatter und IT-Supporter. Heute arbeitet er als Operation Manager bei einem IT-Dienstleister.
Wie der Protagonist in seinem Buch versuchte sich Timo Quante zunächst im Sprechgesang, bevor er das Schreiben für sich entdeckte. Seit 2002 schreibt er Erzählungen. Als Markenzeichnen kristallisierte sich ein rasantes Erzähltempo sowie ein direkter, schnörkelloser Stil heraus. Seine Storys haben einen Hang zu den Abgründen unserer Gesellschaft.
Neben dem Schreiben hat er noch weitere obskure Hobbys, wie Halbmarathon, Crosslauf oder Gewichte stemmen.
Timo Quante lebt in Wolfsburg.
timoquante.de
Timo Quante
EntwederRapper oderGangster
subkultur.de
TIMO QUANTE: „Entweder Rapper oder Gangster“1. Auflage, Mai 2023, Edition Subkultur Berlin
© 2023 Periplaneta - Verlag und Medien / Edition Subkultur Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin subkultur.de
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat, Cover, Satz & Layout: Thomas Manegold Covermotiv: Colin Davis (unsplash.com)
Made in EU
print ISBN: 978-3-948949-31-0
epub ISBN: 978-3-948949-32-7
Teil 1
Die Luft bleibt aus. Druck auf meinem Hals. Stechen in meinem Kopf. Erst Leere. Dann Hitze. Schweiß läuft über meine Stirn. Grelles Licht. Totale Ruhe. Die Augen des Publikums: erwartungsvoll. Die Augen meines Gegenübers: siegessicher.
Ich senke den Blick. Den Kopf. Ich muss raus. Raus. Raus. Raus. Nur weg.
Ich springe von der Bühne. Kapuze übergezogen. Durch die Menge. Niemanden anschauen. Niemanden ins Gesicht sehen. Nur zur Tür.
Ich werde angesprochen. Lauter. Lachen. Wie lächerlich. Ich. Endlich draußen. Schnappe nach Luft. Sauerstoff in meinen Lungenflügeln. Weite. Lebensfunktion wiederhergestellt. Schande. Pein. Ich will im Boden versinken. Will nicht denken.
Tür zur Wunderbar aufgerissen. Elektromusik. Tanzende Körper. Freudige Gesichter. Hübsche Menschen.
„Wodka. Doppelt“, fordere ich von der Bedienung.
Ich schaue mich um. Wie ein gehetzter Hund. Wie ein geschlagener Köter. Nein, nicht wie. Ich bin es.
„Willst du nicht erst deine Kapuze runterziehen?“ Es ist mehr Befehl als Bitte. Ich gehorche. Für Widerstand bin ich zu schwach.
2 Wodka. Es brennt. Ich verlange Nachschub. Es wirkt. Ich schaue mich um. Registriere Titten und Ärsche. Mustere. Filtere. Wippe mit dem Kopf zu dem Beat. Schreite durch die Bar. Tuschiere Körper. Rieche Parfüm, Schweiß, Begierde. Toilette. Jemand schnieft im Scheißhaus. Ich pisse. Ich horche. Ich schüttele ab. Das Schloss des Scheißhauses klickt. Die Tür öffnet sich. Magermilch Typ. Beine wie ein Storch. Slim-Fit-Hemd. Die Hose zeigt seine Knöchel. Zurück in das Scheißhaus gedrückt.
„Gib mir was von deinem Schnee.“
Er gehorcht. Er verschwindet. Ich ziehe. Ich bin wieder. Ich bin zurück. Ich bin ich. Ich bin besser. Ich bin anders.
2 Wodka-Shots. Breites Grinsen. Raus aus der Wunderbar. Rein ins K4. RnB. Kreisende Ärsche. Zwei kleine Puppen umschlingen sich. Räkeln sich. Ich drängele mich dazwischen. Sie blicken sich an. Sie drücken mich weg. Ein Versuch war es wert.
Cuba Libre an der Bar. Zu viel billiger Rum. Zu wenig Cola. Die Hälfte einer halben Hälfte Limette. Mich schüttelt es. Rostbraune Begierde schaut mich an. Zieht an mir vorbei. Windet sich zur Toilette. Ich folge. Drücke die Tür zum Damenklo auf. Sie pudert sich die Nase. Ich kneife ihr in den Arsch.
„Darf ich mitmachen?“, frage ich nach dem Koks. Ich fange mir eine Ohrfeige.
„Verpiss dich!“
„Genau“, wird aus einer Kabine bestätigt.
Ich verpisse mich. Verlasse das K4. Schlendere zur Esplanade. Kopie vom K4. Nur mit House. Zwei Italoweiber schütteln die Hüfte. Sie wollen es. Ich will es. Ich tanze sie an. Sie lächeln. Da geht was. Ich drücke mein Becken gegen die eine. Sie lacht. Ihr Gesicht nähert sich meinem. Sie flüstert etwas in mein Ohr.
„Was?“, frage ich.
„Zwei Ligen zu hoch. Sorry“, wiederholt sie.
Mein Wert verfliegt. Das Koks verfliegt. Ich verfliege. Treibe dahin. Werde zur Bar geweht. Halte ein. Hafen der Ruhe.
„Wodka doppelt“, bestelle ich.
„Wodka doppelt“, liefert der Barkeeper.
„Du bist doch im Hallenbad aufgetreten“, spricht mich jemand an.
„Du musst dich täuschen“, erwidere ich.
„Doch, du bist doch dieser …“, sagt der Kerl.
„Du musst dich täuschen“, wiederhole ich.
„Nein, du hast kein Wort rausbekommen. Echt peinlich. Komm, ich lade dich ein“, sagt der Typ.
„Fick dich“, entgegne ich. Ich stürme zur Toilette. Den ersten Kerl spreche ich an. Er gibt mir etwas. Ich ziehe es mir rein. 1, 2, 3. Fickt euch alle. Ich bin Gott. Ich bin der Schöpfer. Ihr habt es nur nicht erkannt. Ihr könnt es nicht erkennen. Ihr seid erbärmlich.
Nächster Versuch.
Schwarzgefärbte Haare. Braune Haut. Enges schwarzes Kleid. High Heels. Rotlackierte Zehen. Es macht mich verrückt. Sie ist der Jackpot. Sie soll es sein. Sie ist der Grund. Sie ist all die Mühe wert. Sie erwidert meinen Blick. Mustert mich.
Ihr Typ taucht auf. Stellt sich neben sie. Gibt ihr einen Kuss. Vertieft sich in ein Gespräch mit Irgendjemandem. Ich kann meine Blicke nicht abwenden. Sie lächelt in den Raum. Sie weiß mehr. Sie weiß etwas. Ich will wissen, was. Sie streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht.
„Hey, kannst du dich an mich erinnern. Kristof“, spreche ich sie an.
„Ich kenne keine Typen mit bekritzelten Armen“, verweist sie auf meine Tattoos.
„So schlecht?“
„So schlecht.“
„Keine Chance?“
Sie deutet mit ihrem Kopf auf ihren Macker. Ich verstehe. Sie versteht nicht. Energie steigt auf. Wärme. Hitze. Wut. Meine Hand wird zur Faust. Mein Arm zieht sie zurück wie einen Flitzebogen. Lässt sie nach vorn schellen wie ein Geschoss. Meine Faust schlägt ein. Treffer auf dem Gesicht des Typen. Er fasst sich an die Wange. Schaut auf. Registriert mich. Ich verpasse die Chance. Schon habe ich einen Schlag in die Fresse bekommen. Einen weiteren auf die Milz. Ich gehe zu Boden. Es folgt ein Tritt.
Ich werde hochgezogen. Ich werde rausgetragen. Die Türsteher. Demütigung. Ich werde vor die Tür geschmissen. Lande auf der Straße.
„Lass dich hier nie wieder blicken, verstanden?“
Ich kann nicht antworten. Ich sammele mich ein.
„Verstanden?“, fordert der Türsteher. Seine Augen sind aufgerissen wie 2 schwarze Löcher.
„Verstanden“, entgegne ich.
Würdelos taumele ich nach Hause. Schließe auf. Lasse mich auf das Sofa fallen. Mein Puls will meine Adern aufreißen. Scheiß Koks.
Ich stecke die Tüte an. Nehme den ersten Zug. Lasse den Qualm in mich. Lasse die Ruhe herein. Lasse die Sorgen heraus. Zug um Zug. Leicht. Weg. Weg. Einfach nur weg.
Wieder klingelt es. Wieder nehme ich ein Gespräch an. Wieder der gleiche Text. Wieder die gleiche vorgegaukelte Freundlichkeit. Wieder die gleiche vorgetäuschte Professionalität. Jetzt ist es ein defekter Rechner, dann fehlt ein Passwort, später hakt es beim Mailversand.
Ich hasse meinen Job. Ich hasse die Anwender. Ich hasse Telefone. Ich hasse Computer.
Ich muss pissen. Ich stelle mich in der Telefonanlage auf Pause. Der verdammte Supervisor schaut mich vorwurfsvoll an. Fick dich. Mir steht die Pause zu. Du fetter Arsch.
Gang durchs Großraumbüro. Gerede. Geklicke. Gequatsche. Viviens große Augen starren mich an. Meine Augen starren ihre dicken Titten an. Chantals Arsch platzt aus ihrer falschen Lederhose. Ich bin versucht, ihr einen Klaps zu geben. Es juckt im Schritt. Ich würde so gern ficken.
Auf der Toilette. Die Geilheit ist verflogen. Es riecht nach Kacke. In einer Kabine wird gepresst, gestöhnt, abgewischt. Die Scheiße brennt sich in meinen Nasenflügel. Ich lasse das Koks in meiner Hosentasche. Ich schüttle ab. Wieder ins Großraum. Vorbei an Chantals Arsch. An Viviens Titten. Auf meinem Schreibtisch hockt ein Typ im Hemd. Es ist Joshua. Unser Qualitätsmanager.
„Kristof?“, will er wissen.
Er müsste mich kennen. Er war schon ein paar Mal bei mir. Wir haben gechattet. Er hatte einen Workshop zu Outlook gehalten. Warum kann sich der Arsch nicht meinen Namen merken? Wichser im Hemd. Da helfen auch die Chucks nichts. Arsch bleibt Arsch.
„Ja?“, entgegne ich. Ich setze mich auf meinen Platz. Jetzt wird eine Schelte folgen. Irgendeinen Scheiß habe ich verbockt. Irgendein Scheiß passt nicht ins Bild der feinen Herren. Oder er will mir nur einen reinwürgen.
„Schalte dich in der Telefonanlage mal auf internes Meeting“, verlangt Joshua von mir.
Ich klicke. Ich stelle um. Dass wir ein Wartefeld von 6 haben, ist mir Latte. Joshua hat das zu verantworten.
„Gib mal folgende Nummer ein“, fordert Joshua.
Ich öffne das Feld im Tool zur Ticketbearbeitung.
„IR12374900.“
Ich tippe ein. Ein Fenster öffnet sich mit der Störung. Eine Re-Installation zur Fehlerbehebung.
„Fällt dir etwas auf?“, fragt Joshua.
Ich überfliege.
„Sieht gut aus. Der Fachbereich hat erneut installiert.“
„Fehlt etwas?“, will er wissen.
Ich schaue. Es sieht vollständig aus.
„Arbeitet die Anwenderin im Homeoffice oder im Büro?“, fragt Joshua.
„Steht doch Wolfsburg“, entgegne ich.
„Wolfsburg ist groß. Wolfsburg besteht nicht nur aus Volkswagen.“
Erbsenzähler. Joshua erzählt etwas von Technikern. Vom falschen Standort. Von Fahrtkosten. Vom aufbrausenden Fachbereich.
Nicht mein Problem. Bezahlt mich anständig und ich bin konzentrierter. Für 1500 Euro bin ich ein gutes Pferd. Das springt bekanntlich nicht höher, als es muss. Ich bin ein Sprichwort.
„Wie sieht es sonst aus?“, will er von mir wissen.
„Das Übliche.“
„Das Übliche?“
„Viel Stress, nervige Anwender, schlechtes Lösungswissen.“
„Beispiele?“
Ich ziehe mir etwas aus der Nase. Erzähle von Wissenseinträgen zu Druckern mit Rechtschreibfehlern, Logikfehlern und zu hohen Erwartungen der Anwender. Er frisst es.
„Ich starte da gerade ein kleines Projekt, wo ich diese Punkte ausarbeiten möchte. Da benötige ich noch jemand aus der Operative. Jemanden direkt aus der Line“, erzählt Joshua. Line klingt in meinem Kopf nach. Ich sehne mich nach etwas Koks. Sonst penne ich weg. Sonst holt mich das alles ein. Ich spüre schon, wie meine Wirklichkeit anklopft.
„Cool“, fällt aus meinem Mund.
„Bist du dabei?“, will Joshua wissen.
„Wenn ich dadurch etwas verändern kann“, lüge ich.
Etwas verändern. In diesem Job verändert man einen Scheiß. Wenn ich könnte, wäre ich schon über alle Berge. Ich kann nur nicht. Dieser Job ist alles, was ich habe. Keine Ausbildung, keinen Abschluss. Nur meine unerfüllten Träume und dieser beschissene Job.
Der fette Supervisor stellt sich zu uns. Schweiß läuft über seine Stirn. Seine Augen suchen Ärger.
„Ist hier eine Versammlung?“, will er wissen. Er schaut erst mich, dann Joshua an.
„Qualitätsgespräch“, erklärt Joshua.
„Sieht für mich mehr nach Kaffeekränzchen aus“, behauptet der Supervisor.
„Ich melde mich bei dir“, entgegnet mir Joshua.
„Aber die Absprache mit dem Supervising nicht vergessen“, fügt der Supervisor an. Joshua schüttelt den Kopf.
Ich greife mir meine Kippen. Ich will rauchen.
„Dein Ernst?“, will der Supervisor von mir wissen.
„Mein voller Ernst“, gebe ich ihm zu verstehen. Ich sperre meinen Rechner und schiebe mich an dem Fettsack vorbei. Wenn er mir etwas will, kann er gern mit dem Betriebsrat reden. Arschloch.
Eingepfercht im Raucherhäuschen. Geruch von billigem Tabak. Meiner gesellt sich dazu. Julian quatscht mich gleich voll.
„16 Stück habe ich allein in meinem Abteil gezählt“, berichtet er mir von seiner Morgenroutine.
„Diese Woche wird ein Rekord. Da müssen die was machen. Aber diese linksliberalen Wichser haben nur ihr Tofu im Kopf“, lässt Julian seinen Nazischeiß los.
„Wir müssen aufpassen. Wir müssen uns bewaffnen. Ich habe mich schon ausgerüstet. Bei mir kann keiner rein. Da gibt es gleich einen Schuss in den Schädel“, fährt Julian fort.
Ich ziehe den Rauch tief in meine Lungen. Nikotin schießt durch mich. Es beruhigt mich.
Frauke stellt sich zu mir. Sie lächelt. Sie sieht toll aus. Meistens mutieren die Frauen zu Tonnen, wenn sie bei uns anfangen. Zu viel gratis Latte Macchiato, zu viel spendierter Kuchen, zu viel motivierende Haribos.
Bei Frauke lief es entgegengesetzt. Mitte 30. Mutter von 2 Kindern. Frisch getrennt. Entdeckt ihr Leben neu. Ich könnte mich in sie verlieben. Ich weiß aber, dass es nicht auf Gegenseitigkeit beruhen würde. Sie ist eine Frau. Sie ist reif. Sie ist vernünftig.
Ich bin mittellos. Keine Zukunft für sie. Sie schielt auf Kerle wie Joshua. Das merkt man. Sowas will sie. Nachvollziehbar. Trotzdem hoffe ich zumindest auf ein kurzes Techtelmechtel. Ein bisschen Ficken bei ihr. Ein bisschen Rummachen im Büro. Ein Blowjob auf dem Damenklo ...
„Ich hatte gerade wieder so einen richtigen Hirnamputierten am Telefon“, holt mich Frauke aus meinen Träumen. Sie erzählt von einem misslungen Passwortreset. Unkenntnis beim fonetischen Alphabet. Sie ist in Rage. Dabei beleckt sie ihre Lippen. Julian giert sie auch an. Nur kriegt er kein Wort raus.
Ich erzähle eine Story von meinen Anwendern. Von einem Typen, der sich über zu viel Englisch am Computer aufregt. Ich warte, bis Frauke aufgeraucht hat. Wir fahren zusammen mit dem Fahrstuhl auf unsere Etage.
„Dieser Julian macht mir irgendwie Angst“, sagt Frauke.
„Er macht allen Angst“, sage ich.
Im Flur treffen wir wieder Joshua. Frauke wird verlegen. Sie grüßt ihn und kichert. Sie mutiert von Frau zu Mädchen.
„Schreib mir mal eine E-Mail wegen des Projekts“, sagt Joshua zu mir.
„Projekt?“, frage ich nach.
„Den Herausforderungen. Falsches Lösungswissen und so“, erinnert er mich. Er sieht mein Nicken nicht mehr. Schon ist er verschwunden.
„Mit dem hätte ich auch gern ein Projekt“, fügt Frauke an.
Ich verschwinde wieder auf der Toilette. Lege mir eine Line auf meinem linken Zeigefinger zurecht. Ab geht’s.
„Jetzt aber Tempo“, wirft mir der Supervisor entgegen. Damit trifft er meine Gefühlswelt. Ich schnappe mir den Hörer. Ich arbeite einen Anwender nach dem nächsten ab. Der Zähler meiner Anrufe steigt. Passworte, Druckerstörung, Installation, Verweis ans Facility, Anträge für eine UserID.
Feierabend.
Meine Mutter hat mich mehrfach angerufen. Was will die Alte? Egal, ich habe jetzt Freizeit. Da kann ich mich nicht mit ihr beschäftigen. Will mir keine Fragen anhören. Ob ich wieder studiere? Ob ich eine Ausbildung anfange? Es wäre noch nicht zu spät. Eigentlich ist es nie zu spät. Und die Frauen? Ich bräuchte eine Frau. Und Kinder? Ich will doch Kinder? Immer die gleiche Leier.
Ich bin über 30. Da wird sich nichts mehr bewegen. Es bleibt nur das verdammten Rappen. Die verdammte Mucke. Daran will ich gerade nicht denken. Es frisst mich auf. Sollte ich mein ganzes Leben auf das falsche Pferd gesetzt haben?
Zu Hause. Pizza in den Ofen. Gras wird zerkleinert. Gras wird mit Tabak vermischt. Das Smartphone klingelt. Wieder meine Mutter?
Nein. Es ist Ben. Ich atme ein. Ich atme aus. Ich verschiebe das Gespräch nicht.
„Hast du dich beruhigt?“, will Ben wissen.
„Ich will nicht drüber reden?“
„Viel Scheiße gebaut?“
„Es geht.“
„Es geht?“
„Ich habe niemanden umgebracht und wurde auch nicht umgebracht“, berichte ich von der Nacht nach meinem misslungenen Battle.
„Aber was war da los?“, fragt Ben.
„Wenn ich das wüsste.“
„Du hast kein Wort rausgebracht. Dabei hättest du den Typen gefickt. Der kann nichts.“
„Ich auch nicht.“
„Hör auf damit. Du kannst etwas. Du bist KFA.“
KFA ist mein Rappername. Kristof fickt alle.
„Eher KFN. Ich ficke niemanden“, sage ich.
„Lass uns was aufnehmen“, schlägt Ben vor.
„Ich bin raus.“
„Quatsch.“
„Doch, das hat mir gereicht.“
„Beruhige dich erst einmal. Ich melde mich die Tage. Dann wirst du aus dieser Niederlage Kapital schlagen können. Wie immer“, meint Ben und legt auf.
Kapital schlagen können? Wie immer? Am Arsch. Ich habe nie aus dem Rappen Kapital schlagen können. Die Scheiße hat nur Geld gefressen und nichts eingebracht. Teure Mikros. Teure Beats. Teure Tickets zu irgendwem, der einem helfen könnte und doch nur Gras und Alkohol will. Mein Studium geschmissen. Frauen vergrault. Und alles für nichts. Kein Plattendeal. Keine Konzerte. Keine Klicks auf YouTube. Was für ein Versager. Ich bin das Opfer in Savas Texten. Ich bin der Taugenichts in Buschidos Tracks. Ich bin der Versager, über den sich Kollegah belustigt. Ich bin kein Rapper.
Die Tüte ist fertig. Netflix an. Rick und Morty. Hoffnung auf meinen Opa. Hoffnung, dass er ein Zeitreisender ist. Hoffnung, dass er mich rausholt. Das Gras benebelt mich. Das Gras schenkt mir Hoffnung. Das Gras lässt mich an einen durchgeknallten Opa glauben. Das Gras lässt mich die Urnenbeisetzung vor 8 Jahren vergessen. Das Gras lässt mich vergessen zu denken. Ich vergesse, was ich vergessen wollte.
David telefoniert. Er ist gefasst. Seine Worte gewählt. Jedes Gespräch beginnt gleich. Jedes Gespräch endet gleich. Er wirkt wie 10 Jahre älter. 10 Jahre erfahrener. 10 Jahre reifer. Er ist 5 Jahre jünger als ich.
Mamas Augen sind unterlaufen und angeschwollen.
„Wie schnell es gehen kann. Dabei hatten wir doch noch so vieles vor. Gerade jetzt. Er hätte doch nur noch dieses eine Jahr gehabt. Diese eine Jahr und wir hätten es geschafft“, stottert sie.
Wenn sie könnte, würde sie wieder heulen. Die Tränen sind aufgebraucht. Ich fühle mich leer. Weiß nicht, was ich sagen soll. Weiß nicht, was ich fühlen soll.
Ich verlasse die Küche. Gehe in das Badezimmer. Er liegt noch auf dem Boden. Auf den Fliesen. Die Sanitäter haben ihn aus der Dusche gezogen. Die Polizisten haben ihn für uns zurechtgerückt. David hat ihn mit einer Decke bedeckt. Er ist immer noch ein großer Mann. Er ist immer noch stark. Er schüchtert mich immer noch ein. 62 Jahre. Herzinfarkt unter der Dusche.
Was bedeutet mir die Situation? Was bedeutet mir mein Vater? Es klingelt. Der Bestatter. Meine Mutter schreit. David hält sie. Ich sehe zu.
Er wird auf eine Trage gelegt. Ein Sack liegt bereits geöffnet darunter. Der wird verschlossen. Vater ist verpackt. Raffinierte Technik. Er wird aus seinem Haus getragen. Er ist jetzt nicht mehr. Das Haus gehört nur noch meiner Mutter. Der Leichenwagen verlässt die Einfahrt. Rollt aus meinem Blickfeld. Ein paar Nachbarn haben aus den Fenstern geschaut. Frau Winkler steht gegenüber in ihrem Eingang. Sie schaut fragend zu mir. Sie will wissen, wen es getroffen hat. Ich gehe ihr kurz entgegen.
„Papa“, flüstere ich ihr zu. Sie fasst mir an den Arm.
Ich bin wieder im Haus. Mama ist verzweifelt. Mama weint.
„Kommt Mirjam?“, will sie von David wissen.
„Sie macht sich gerade auf den Weg“, antwortet David.
„Bringt sie Liara mit?“, fragt meine Mama.
„Bestimmt.“
„Hoffentlich, Thomas hatte sie doch so gern. Er hat sein Enkelkind doch so geliebt“, sagt meine Mama.
Ich habe ihm kein Enkelkind geschenkt. Ich habe ihn enttäuscht. Ich war seine Hoffnung. Sein Erstgeborener. Ich sollte es besser machen als er. Ich sollte mehr werden als ein Mitarbeiter der Instandhaltung. Ich sollte studieren. Ich sollte jemand werden.
Ich wurde jemand. Aber nicht derjenige, den mein Vater sich erhoffte. Versessen in eine Kultur, welche mein Vater nicht verstehen konnte. Verliebt in eine Musik, die mein Vater nicht als solche bezeichnen wollte. Alles aufgegeben, um auf dieses eine Pferd zu setzen, meine Leidenschaft zu verfolgen, mich selbst auszuleben.
Studium abgebrochen, keine Frau, keine Kinder, keinen anständigen Job. Kein Erfolg. Nur ein nicht greifbarer Sohn. Wir hatten seit Jahren kein Verhältnis. Wir hatten seit Jahren keine Gespräche. Er: Handwerker und Formel 1. Ich: Rapper und Gras. Kein Match.
Meine Mutter stürzt sich auf den Boden im Badezimmer. Sie küsst die Fliesen. Sie greift sich einen Lappen. Einen Eimer. Putzzeug. Sie schrubbt. Sie schwitzt. Sie weint. Sie bricht zusammen. Ich kann ihr nicht aufhelfen. Mir ist schlecht. Ein Schauspiel. David schaut mich vorwurfsvoll an.
„Ich kann nicht“, sage ich.
„Sie hatten sich wieder. Würdest du dich um deine Eltern kümmern, wüsstest du es“, entgegnet mir David. Dann zieht er Mama an sich. Drückt sie. Ich bin deplatziert. Ich kenne die jüngere Vergangenheit nicht. Kann nicht einordnen, was Schmierenkomödie war, und was wirklich. Zu sehr hat mich das wechselseitige Betrügen geprägt. Vater mit einer Kollegin, Mama mit einem Schulfreund. Vater mit einer Kellnerin, Mama mit einem Arzt. Streit, Lug, Betrug. Über Jahre. Nur Unsicherheit. Ein Text von damals taucht kurz in meinen Synapsen auf. Ich spüre den Beat. Die Worte wollen sich nicht mehr zusammensetzen.
Ich gehe in mein altes Zimmer. Vater hat es als Hobbyraum umgebaut. Großer Fernseher. Vergilbter Schuhmacher-Aufsteller in Echtgröße. Ferrari-Wimpel. Mercedes-Emblem. Schrank voller Modellrennwagen. Ein Kinderzimmer für einen Erwachsenen. Peinlich.
Bin ich anders? In meinen 4 Wänden: Poster von NWA, Wu Tang, Torch, 2Pac. Überall Aufkleber, Caps und Plattencover. Auch ich bin ein Kind im Manne. Unangenehm. Ich will nicht so sein. Ich will ernstgenommen werden. Wo bin ich falsch abgebogen? Ich muss mich ändern. Ich muss die Kurve kriegen. Ich muss mich entwickeln. Ich sollte bei der Arbeit mit jemandem reden. Über Entwicklung. Über Weiterbildung. Über meine Chancen.
Scheiße. Scheiße, die Arbeit. Morgen werde ich meinen Arsch nicht aus dem Bett bekommen. Ich muss mich abmelden. Wie war es doch gleich? Wo muss ich anrufen, wenn ich krank bin? Verdammt, ich habe die Nummer nicht abgespeichert. Dieser Joshua wird mir helfen können. Es ist kurz nach 19 Uhr. Ob er abnehmen wird? Es ist sein Diensthandy. Wenn er nicht will, wird er nicht rangehen.
„Hier Joshua“, sagt er. Im Hintergrund höre ich ein Kinderlied. Heile Familienwelt.
„Hier ist Kristof.“
„Kristof, was kann ich zu so später Stunde noch für dich tun?“
„Mein Vater ist gestorben“, fällt aus mir heraus.
„Oh, mein Beileid.“
„Da kann ich gerade nicht an Arbeiten denken.“
„Verstehe ich, da musst du aber im Betrieb anrufen. Dafür haben wir extra eine Nummer. Ist im Mitarbeiter-Guide hinterlegt.“
„Auf den habe ich gerade keinen Zugriff. Und du warst der Erste, der mir in den Kopf kam.“
„Kein Problem. Warte mal“, meint Joshua. Er sucht mir eine Nummer raus und gibt sie mir durch.
„Danke.“
„Gern, alles Gute und wenn ich helfen kann, melde dich“, meint Joshua.
Ich melde mich bei der Rufnummer ab. Standardisierte Datenaufnahme bei standardisierten Fragen. Hinweis auf die Person: Ich würde einen Urlaubstag zusätzlich erhalten, da ein Elternteil verstorben ist. Danke Papa.
Ich schnappe mir den bereits gebauten Joint. Öffne das Fenster in Papas Kinderzimmer und blase den Rauch in den Garten. Es ist bereits dunkel. Ich sehe nichts.
„Du wolltest im Zuge eines PEGs mit mir sprechen“, sagt Falko. Falko ist unser Personaler. Er führt die persönlichen Entwicklungsgespräche. Entscheidet dabei über die Laufbahnen und finanziellen Entwicklungen im Unternehmen. Er sieht aus wie alle Personaler: Er könnte auch in jeder Daily Soap einen Darsteller mimen. Er verhält sich wie jeder Personaler: Gute Laune ohne Drogen, Charme ohne Drogen, Selbstbewusstsein ohne Drogen. Er lebt seinen Traum. Er ist von Kopf bis Fuß Personaler. Wahrscheinlich hat er bereits im Kindergarten von dem Job geträumt.
„Ja, das ist richtig“, ich bin etwas nervös. Heute soll der erste Tag vom Rest meines Lebens sein. Der Anfang.
„Was kann ich für dich tun?“
„Ich will mich weiterentwickeln.“
„Weiterentwickeln. Weiterentwicklung ist gut. Wohin willst du dich weiterentwickeln?“
„Deshalb habe ich um diesen Termin gebeten. Ich dachte, du könntest mir Antworten geben“, erkläre ich.
„Ich kann dir nicht sagen, wohin du dich weiterentwickeln möchtest. Ich kann dir nennen, wo wir Bedarf haben. Aber ob es zielführend ist, dass du dich bei deiner Weiterentwicklung am Bedarf orientierst, sei mal in Frage gestellt. Weiterentwicklung hat immer etwas mit persönlicher Entwicklung zu tun. Mit Feuer, Leidenschaft und Bereitschaft. Wenn man für etwas brennt, schafft man alles. Und dazu schafft man es noch überdurchschnittlich gut. Deshalb muss dieser Wunsch nach Weiterentwicklung aus dem Inneren herauskommen. Aus einem selbst“, schwafelt Falko.
Rap kam aus mir heraus. Rap war immer nur das, was ich wollte, was ich verfolgte. Ich war zu schlecht. Ich zeigte zu wenig Leidenschaft. Ich bin selbst schuld, dass ich heute desorientiert hier sitze. Ohne Ziele und Vorstellungen. Ich fühle wie mit 16. Am liebsten würde ich im Boden versinken. Ich bin ein 33-jähriger Typ ohne Plan.
„Ich will hier Verantwortung tragen“, sage ich. Es klingt nicht wirklich durchdacht. Es ist nicht konkret.
„Ich würde vorschlagen, du unterhältst dich mal mit jemanden, der sich bei uns weiterentwickelt hat. Du kennst doch Joshua, oder?“
