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Eine überbesorgte Mutter geht für das Wohl ihrer Tochter über Leichen. Ein traumatisierter Feuerwehrmann sucht das Vergessen. Eine alte Frau findet bei ihrem Rottweiler Schutz und Trost. Und ein Vorarbeiter im Schlachthof begeht einen verhängnisvollen Fehler.In 30 rasanten Kurzgeschichten treibt Timo Quante seine Charaktere durch Metropolen und Käffer: gescheiterte Existenzen, Hooligans auf der Flucht, abgedrehte Groupies und geltungsbedürftige Autoren. Ob Sex, Drugs oder Hausschlachtungen – hier bleibt kein Platz für moralische Grenzen. Der Countdown läuft: fünf Sekunden bis zum Aufprall.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
subkultur.de
Timo Quante ist 1984 in Wolfsburg geboren.
Nach einem Studium der Politikwissenschaften sammelte er Erfahrungen als Produktionshelfer, Autoverkäufer, Bestatter und IT-Supporter. Heute arbeitet er als Operation Manager bei einem IT-Dienstleister.
Als Künstler versuchte sich Timo Quante zunächst im Sprechgesang, bevor er das Schreiben für sich entdeckte. Seit 2002 schreibt er Erzählungen. Als Markenzeichnen kristallisierte sich ein rasantes Erzähltempo sowie ein direkter, schnörkelloser Stil heraus. Seine Storys haben einen Hang zu den Abgründen unserer Gesellschaft.
2023 erschien sein Debüt „Entweder Rapper oder Gangster“ in der Edition Subkultur.
Neben dem Schreiben hat er noch weitere obskure Hobbys, wie Halbmarathon, Crosslauf oder Gewichte stemmen.
Timo Quante lebt in Wolfsburg.
Erzählungen im freien Fall
subkultur.de
TIMO QUANTE: „Randsteinbeißen“ Erzählungen im freien Fall1. Auflage, Oktober 2024, Edition Subkultur Berlin
© 2024 Periplaneta - Verlag und Medien / Edition Subkultur Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin subkultur.de
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Lektorat: Michael WenzelAutorenbild: Eileen Matzner Fotografie
Cover, Satz & Layout: Thomas Manegold Cover made with Adobe Firefly
print ISBN: 978-3-948949-42-6
epub ISBN: 978-3-948949-43-3
„Zieht mal den Chris weg! Der ist mir heute zu voll“, sagt ein Ordner.
„Alles im Griff. Mach du mal deinen Job“, entgegne ich. Der ist so ein kleiner Schleimscheißer. Die stehen nur rum. In ihren roten, orangenen oder gelben Westen. Das sind Ordner, damit sie dazugehören können. Damit sie keinen Cent für das Spiel zahlen. Reden sich ein, sie gehören zum Verein. Aber ’nen Scheiß tun die! Die machen nichts. Die sind nicht jedes Wochenende hier. Brüllen sich die Seele aus dem Leib. Und repräsentieren unsere Farben immer und überall. Wir haben die Wappen. Wir haben die Farben. Tief unter der Haut. Und noch tiefer im Herzen. „Und ihr Penner habt nichts! Ihr seid stolz auf eure Trikots! Sky-Abonnenten! Arschlöcher! Und dann dieses linksliberale Gequatsche.“
„Ich weiß, wo du wohnst“, lallt Chris dem Ordner entgegen. Ich ziehe ihn zu mir.
„Lass den Scheiß! Der ist ein Pisser“, sage ich. Ich starre ihn an. Chris muss lernen, sich im Griff zu haben. Er muss lernen, saufen zu können. Können die anderen ja auch. Und da sind welche, die haben schon weit mehr gesoffen als er. Wir sind Männer. Echte Kerle. Die müssen standfest sein.
Luke stellt sich auf den Zaun. Megafon in der Hand. Er brüllt. Wir brüllen zurück.
Die Mannschaft läuft nach vorne. Dieser Arsch von Mittelfeldspieler verliert den Ball. Achtet mehr auf seine Haare als aufs Spiel. Jetzt lamentiert der auch noch.
„Beweg dein‘ Arsch!“, brülle ich.
Egal. Wir pfeifen. Nicht wegen dem Ballverlust. Weil da dieser Pisser aus dem Sturm von diesen Wichsern den Ball hat. Ist zu denen gewechselt. Sagt, weil er bereits als Kind in deren Bettwäsche gepennt hätte. Er macht es aber nur wegen der Kohle. Es dreht sich alles nur um Kohle. Wertlose Jungen. Sky-Abonnenten. Grünen-Wähler.
Der Verräter wird von unserem Verteidiger umgehauen. Wir feiern es. Dieser Pisser.
„Da gehörst du hin.“ Ich bin nicht der Einzige, der das ruft.
Und wir grölen unsere Lieder. Es ist unser Stadion. Es ist unser Verein. Ihr anderen dürft nur hier sein. Ihr seid Gäste! Ihr seid Sky-Abonnenten. Fanboys. Ökofaschisten. Arschlöcher!
Unser Kanake aus dem Mittelfeld verliert den Ball. Ein anderer Stürmer von den Wichsern hat das Leder. Er haut den unserem Keeper um die Ohren. Die Arschkrampen führen 1:0.
„Nur, weil die mehr Kohle haben“, meint Chris. Er kann wieder reden. Er kann wieder trinken. Jemand reicht ihm ’nen Becher.
Ja, scheiß Millionärstruppe! Hätten wir so viel Kohle, wir wären unbesiegbar, Meister der Welt. Aber die haben Kohle gemacht, weil die da oben es so wollten. Aufsichtsrat mit Pennern aus der Wirtschaft. Die wollen unter sich bleiben, eingeschworener Haufen und so. Und die lieben es, wenn wir leiden. Aber wartet nur ab, eines Tages wird es sich rächen! Dann schlagen wir zurück. Dann zerschlagen wir eure Kapitalistenfressen! Ihr Sky-Abonnenten. Gutmenschen. Frauenversteher.
In der Halbzeit wird gesoffen. Dann fallen die nächsten Tore. Alle gegen uns.
„Wir haben zu viele Legionäre“, meine ich.
„Und dann noch alle aus dem Ausland. Die sind nur wegen der Kohle da“, behauptet Chris.
„Wir brauchen mehr Leute, die auch von hier sind“, sage ich. „Nicht so Pisser, die unseren Verein erst bei den Vertragsverhandlungen kennen.“
Wir singen weiter. Wir sind damit ziemlich allein. Die ersten falschen Fans gehen bereits nach Hause. Wir bleiben die ganzen 90 Minuten. Die da drüben im Gästefanblock sind auch noch da. Die schreien, tanzen, feiern.
„Die Hurensöhne schnappen wir uns!“, rufe ich.
Der Schiri beendet das Spiel. Verloren. Wieder einmal gegen diese Affen.
„Schnell zum Park“, ruft jemand zurück.
Wir folgen. Wir sind ca. 20 Mann. Von Anfang 20 bis Mitte 30. Manche sind schon Jahre dabei. Immer schon mit dieser Lust, mit dieser Lust an der Wut.
Im Park geht ’ne Gruppe in deren Farben. Wir stürmen einfach drauflos. Die haben hier nichts mehr zu suchen, die sind nach 90 Minuten Freiwild. Ich springe so einem mit ’ner Fahne um die Hüfte gewickelt in den Rücken. Er geht gleich zu Boden. Ich trete ihm in die Seite. Immer wieder. Er weint wie ein Baby.
Unsere Männer nehmen die anderen auseinander. Sie haben keine Chance. Die werden hier nicht mehr herkommen. Die werden sich das in Zukunft überlegen, vielleicht auch ganz mit dem Fußball. Deren Leute haben sie nicht beschützt. Das sagt viel aus über deren Szene.
Sirenen von irgendwoher: die Bullen. Kennen wir schon - wir gehen durchs Gebüsch stiften. Die Mutterficker kriegen uns nicht!
Dann steht da plötzlich ein Pferd vor mir, drauf so eine Bullenschlampe. Sie versperrt mir den Weg. Ich trete dem Pferd gegen das Bein. Es hoppelt wild herum.
Ich verpisse mich weiter. Bin dann am Fluss. Allein. Habe die Jungs verloren. Nachricht in die WhatsApp-Gruppe. Treffen sich alle im Deutschen Eck. Ich wechsle die Richtung. Es ist schon dunkel.
„Du Hurensohn!“, ruft jemand hinter mir. Es ist kein Scherz. Es ist keiner von uns. Er betont Hurensohn nicht wie wir. Der ist nicht von hier. Ein Russe oder Kanake. Dann viele schnelle Schritte. Die laufen auf mich zu.
Ich renne jetzt. Ich bin schneller. Die Schweine kriegen mich nicht. Kurzer Blick über die Schulter. Ich sehe viele. Mindestens 6. Die schaffe ich nicht allein.
„Hurensohn, bleib stehen!“
Ich balle ’ne Faust. Dann springe ich in den Fluss. Ich tauche tief ein. Für Oktober ist das Wasser noch warm. Ich tauche auf. Ich sehe das Ufer. Dann tauche ich wieder ab. In Richtung des Ufers. Ich klettere raus. Auf der anderen Seite stehen die Affen.
„Feiger Hurensohn, du!“, brüllen sie mir hinterher. Sie tragen Sturmhauben. Ich kann die Gesichter nicht erkennen. Das wird noch mal was geben. Aber nicht jetzt.
Ich renne noch etwas. Dann kann ich sie nicht mehr sehen. Ich spüre die kalte Nässe.
„Mich haben so Wichser verfolgt“, schreibe ich in unsere WhatsApp-Gruppe. „Irgendwelche Kanaken. Ich muss erst nach Hause. Mich umziehen.“
Sie schreiben, dass mich Jessica abholen kommt und mich zu mir fährt.
Passiert auch so. Jessica sammelt mich ein. Die Klamotten kleben an meinem Körper. Jessica mustert mich.
„Sieht heiß aus“, sagt sie. Sie hat keinen Typen. Verstehe ich gar nicht.
Jessica geht mit mir in die Wohnung. Sie reißt mir die Klamotten herunter. Dann fickt sie mich, dass es mir wieder warm wird. Ich mach es ihr von hinten. Sie schreit vor Leidenschaft.
Wir duschen noch zusammen. Dann ein schnelles Bier für uns beide.
„Können wir öfter machen“, grinst Jessica über ihre Dose Bier.
„Machen wir“, verspreche ich. Kann ich mir tatsächlich vorstellen. Sie ist ’ne Frau von Format. Eine, die Werte hat. Dabei auch noch dieselben wie ich. Kann passen. Und ficken kann sie auch. Nur Pluspunkte bei der Jessica.
Wir gehen also zum Auto. Jemand drückt mich gegen die Tür.
„Du verfickter Hurensohn!“
Ich kriege ’nen Schlag mit ’nem Baseballschläger ab. Dann liege ich auf dem Schotter. Die treten auf mich ein. Ich sehe, wie Jessicas Hose runtergezogen wird, wie sie sie auf die Motorhaube donnern. Wie sie sie ficken. Wie sie sich wehrt. Wie sie sie halten.
Dann ein Tritt auf meinen Schädel. Alles schwarz.
„Waldbrände in Kalifornien, Griechenland, Italien. Die Welt brennt.“ Ich lese meinem Alten die Schlagzeile des Spiegels vor.
„Und hier saufen wir ab“, kommentiert er. Er will von Klima nichts wissen, er redet nur über Wetter. Das ist ein anderer Schlag, eine andere Generation.
Er dreht sich um im Bett. Er stöhnt.
„Schmerzen?“, frage ich.
„Schmerzen? Mein ganzer Körper ist Schmerz.“
„Mehr als gestern?“
„Mehr als gestern? Immer diese Fragen.“ Er ist genervt. Ich schlucke. Kommunikation ist zwecklos.
„Ich lasse dich dann mal allein“, sage ich zu ihm und entferne mich vom Krankenbett.
„Aber denk an Heiner. Die brauchen die Molle ...“
„... und den Wolf und die Verschlussmaschine“, ergänze ich.
„Ich habe noch gut 10 Meter Kunstdarm. Der muss auch weg. Kannste mitnehmen“, sagt er.
Ich arbeite mich durch den Keller meiner Eltern. Hätte Mama dieses Chaos zugelassen? Hätte Mama dem Ansammeln von Dingen ein Ende machen können?
Nein, sie hätte es nicht gekonnt. Mein Vater hat schon immer gehortet: Autoteile, Werkzeuge, Hölzer, Bretter, Stangen. Dinge, von denen ich nicht weiß, wie sie heißen.
In einem Regal finde ich, was ich suche, zwischen weiterem Werkzeug zum Abschlachten: ein Bolzenschussgerät, lange Messer. Ist der Besitz legal?
Ich schnappe mir die hölzerne Molle, spüre den leicht fettigen Belag des Inneren. Jahrzehnte alte Wurstreste. Der Fleischwolf. Ich suche den Darm. Ich finde ihn aufgerollt.
Mein Vater schreit. Die Krämpfe. Der Krebs.
„Alles gut?“, rufe ich zurück.
„Verschwinde schon! Die wollen pünktlich anfangen. Und trink einen für mich mit!“ Ich sehe den Alten mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er sieht nicht aus wie Anfang 60. Er ist schnell gealtert. Ein Knochen. Ein Fossil. Ein magerer 100-Jähriger.
Rein in den Polo. Kinder am Straßenrand. Tempo runter. Ich schaue. Sie zündeln. Sie stecken Taschentücher an. Die halten sie in der Hand, werfen sie in die Luft. Soll ich was sagen? Bin ich verantwortlich?
Ich war auch nicht anders.
Einfahrt zu Schulzes Hof; Bogen aus rotem Klinkerstein. Hier gab es mal Kühe, hier gab es mal bäuerliches Leben. Ich habe es nie erfahren. Nur von Oma und Opa gehört. Ein paar Hühner laufen mir entgegen. Stefan auch. Er reicht mir die Hand.
„Kannste mal mit anfassen?“, fragt er. Wir ziehen das große Hoftor zu. Es klemmt. Es wackelt. Es schließt.
„Nicht, dass uns jemand verpfeift“, erklärt Stefan.
„Eigentlich wollte ich euch nur die Sachen bringen.“
Ich bin mit Stefan zur Schule gegangen. Ich bin in die Stadt gezogen. Er ist hiergeblieben. Wir waren verschieden. Wir sind verschieden. Ich weiß nicht, über was wir reden sollen.
„Einer muss deinen Alten vertreten“, erklärt Stefan.
Er zündet sich eine Zigarette an. Dann folge ich ihm in Richtung Stall. Ich höre es quieken. Es ist das Schwein. Etwas schüttelt mich.
„Die Sachen kannste im Auto lassen. Wir kümmern uns erst um das Viech.“
Im Stall riecht es unangenehm: Kot, Schmutz, altes Essen, Feuchtigkeit. Ein halbes Dutzend Männer starrt mich fragend an.
„Der kleine Jürgen“, sagt einer der Kerle. Es ist Heiner. Er kommt auf mich zu, Zigarette im Mundwinkel. Er klopft auf meine Schulter.
„Wie geht es deinem Alten?“, will ein anderer wissen. Ich berichte. Es sind keine guten Nachrichten.
„Darauf schenken wir uns einen ein“, schlägt jemand vor.
Schnapsgläser werden gefüllt. Mir wird eins in die Hand gedrückt. Und runter mit dem Korn. In mir brennt es.
„Schon mal bei einer fachmännischen Schlachtung dabeigewesen?“, werde ich gefragt. Ich schüttele den Kopf.
„Die Leute aus der Stadt denken, die Wurst wächst auf Bäumen.“ Alle lachen.
„Dann wollen wir mal“, sagt jemand.
„Vier halten und ich setze den Bolzen“, erklärt ein anderer.
„Du hältst mit fest“, fordert mich Heiner auf.
Das Schwein quiekt. Das Schwein schreit. Das Schwein flüchtet in die Ecke. Es hat Angst. Es spürt, was folgen wird.
„Auf drei packt ihr es!“, sagt der Typ mit dem Bolzenschussgerät in der Hand.
Von draußen tönen Sirenen, Martinshorn. Ein Wagen, zwei Wagen. Pause. Dann der Nächste. Und noch einer. Es hört gar nicht auf.
„Was ist denn da los?“, fragt Heiner. „Gehen wir nachschauen.“
„Aber lasst das Bolzenschussgerät nicht liegen. Und zieht das Tor gleich wieder zu.“
Das Schwein hat Glück. Es bekommt eine Gnadenzeit. Wir gehen zur Straße. Das halbe Dorf steht auf dem Gehweg. Alle schauen in Richtung einer Rauchsäule.
Feuerwehr, Polizei und Rettungswagen rasen an uns vorbei.
„Ist das Flüchtlingsheim. Brennt lichterloh. Da sollen welche nicht rauskommen“, sagt einer der Nachbarn.
„Die hätten bleiben sollen, wo sie hergekommen sind. Dann müssten sie sich jetzt nicht so quälen“, meint ein anderer.
„Tja“, seufzt Heiner. Er geht zurück auf den Hof. Die anderen folgen, ich als Letzter.
„Wer hat den Stall nicht zugemacht?!“ Heiner ist wütend.
Das Schwein läuft direkt auf uns zu. Der mit dem Bolzenschussgerät läuft dem Tier entgegen. Sprung. Er will das Schwein festhalten. Aber es bleibt stehen und quiekt wie verrückt. Dann rennt es wieder. Die anderen versuchen, es zu stoppen.
„Kesselt es ein!“, schreit jemand. Und wir bilden einen Halbkreis. Dilettantisch. Das Schwein rennt auf mich zu. Ich kann es nicht packen. Ich pisse mir fast ein.
„Es läuft zur Straße!“
Und jetzt ist es draußen. Wieder Martinshorn. Ein Leiterwagen. Sie bremsen nicht. Es kracht. Das Schwein hat keine Chance.
Dann halten sie an. Sie inspizieren den Unfallort. Sehen uns an. Vorwurfsvolle Blicke in unsere Richtung. Vorwurfsvolle Blicke von den anderen zu mir.
Ist schön in der Heimat: ’ne Schlachtung versaut und nen Einsatz behindert. Ich gehöre hier nicht hin. Mein Alter wird sich freuen.
Also, wir sind raus aus der Wohnung. Wir, das sind Hannes, Wurm und ich. Hannes ist schon das Treppenhaus runter, als es hinter uns rattert. Wurm schreit. Auch ich schreie. Wir können jetzt gar nicht schnell genug. Dann sind wir auch unten. Da rüttelt Hannes wie ein Bekloppter an der Tür.
„Scheiße!“ Er schaut uns panisch an.
Wurm ist nicht in Panik. Nie. Er zieht einmal kräftig an der Tür und wir stehen draußen. Wir japsen nach Luft und setzen zum Sprint an. Wieder rattert es hinter uns.
„Das ist ein Maschinengewehr“, schreit Hannes.
Ich kann es nur schwer glauben. Wer ist denn so gestört und ballert mit einem Maschinengewehr in einer Wohnsiedlung?
Egal. Es klingt schwer nach Krieg. Es klingt schwer nach jemandem, der durchdreht. Nach jemandem, der uns jagt.
Schweiß läuft jedem von uns von der Stirn. Wir sind keine Sportskanonen. Wir sind versoffene Taugenichtse.
In einer vollgesprayten Unterführung bleiben wir stehen.
„Hast du es?“, fragt Hannes.
Keiner weiß, wen er gerade anspricht, weil Hannes auf den Boden schaut. Er hält sich die Knie und wirkt, als würde er gleich seine Gedärme auskotzen wollen.
Wurm zieht etwas Silbernes aus seiner Tasche. Dann kommt noch mehr zum Vorschein. Es glänzt silbern und golden.
„Wunderschön“, staune ich.
„Ja“, antworten sie einstimmig.
Es sind eine Handvoll Münzen. Angeblich alle aus echtem Gold und Silber. Darauf eigenartige Symbole eingraviert. Selbst Trottel wie wir wissen, dass wir etwas Historisches in unseren Händen halten.
Wir klopfen uns vor Freude gegenseitig auf die Schulter. Knuffen uns. Springen auf und ab. Infantile Freude. Dann verlassen wir die Unterführung, als wäre nichts gewesen. Es fängt an zu regnen. Kapuzen übergezogen. Ab in die Innenstadt. Rein in den ersten Bus. Es riecht nach nassem Hund. Da sind schon andere Köter wie wir drinnen. Ähnlich vom Leben betrogen. Aber wir gehören bald nicht mehr dazu. Wir nicht mehr. Wir können uns verpissen.
„Kalifornien“, sage ich zu Hannes.
„Kalifornien“, wiederholt er.
„Kalifornien“, sagt auch Wurm.
Raus aus dem Bus und rein in den Regen.
„Hast du sie noch?“, fragt Hannes angespannt.
„’türlich“, antwortet Wurm.
„Zeig mal“, fordert Hannes.
Wurm kramt wieder. Sie schimmern kurz in seinen Händen. Dann sind die Münzen wieder in seinen Taschen verschwunden. Nicht, dass uns jemand beobachtet.
„Ist das geil!“ Ich bin glücklich.
Weiter im Regen, vorbei am alten Hertie-Gebäude. Dann stehen da drei Kerle. Sie sehen finster aus. Sie sehen mies gelaunt aus, gebaut wie Kleiderschränke.
„Mitkommen!“, meint einer barsch.
Mir bleibt das Herz stehen. Wir kennen die Typen nicht. Wir sehen keine andere Möglichkeit, als zu gehorchen. Schon stehen wir in einem türkischen Friseursalon. So einer, wo keine Katzen arbeiten. Nur Typen mit gezupften Augenbrauen und symmetrischen Frisuren. So ein gelackter Typ schließt ab. Dann verschwinden alle Friseure und lassen uns mit den Kleiderschränken allein.
„Ihr habt was für uns“, sagt einer.
Hannes stellt sich blöde: „Was haben wir?“
Schon hat er einen Schlag in den Magen kassiert.
„Keine Spielchen!“, blafft einer der Schränke.
Hannes krümmt sich auf dem Boden. Er hält sich den Bauch. Aus den Augenwinkeln sehe ich Wurm. Blitzschnell bewegt er sich, greift sich eine Schere vom Tresen und sticht sie einem der Schränke in den Oberschenkel. Der schreit vor Schmerz. Auch ich reagiere schnell: Schnappe mir ’nen Stuhl und schleudere ihn gegen das Schaufenster: Risse und ein kleines Loch. Wurm nimmt Anlauf. Er springt mit dem Rücken zuerst durch die Scheibe. Die zerbricht jetzt komplett. Ich laufe schnell hinterher. Renne. Sehe nur noch Wurm vor mir. Der keucht auch. Ich höre ihn. Wir keuchen abwechselnd. Wir stolpern in einen Ein-Euro-Laden.
„Wo ist Hannes?“, stammle ich außer Atem.
„Scheiße!“, schreit Wurm.
Jetzt knallt es. Ständer fallen um. Jemand ist hineingefallen. Es ist Hannes. Blut läuft ihm von der Stirn. Verkäufer laufen auf ihn zu. Und ein Kerl mit der Aufschrift Security. Wir jetzt auch. Wir schubsen ein paar Leute weg, ziehen Hannes hoch und laufen wieder. Wir sind wieder vollzählig.
Wir laufen weiter. Endlich die Spielothek! Wir huschen rein. Die Frau im Wechselbüro mustert uns.
„Was hast du da in deinen Haaren? Sieht aus wie Diamanten“, sagt sie zu Wurm. Sie meint das Glas der Scheibe.
„Das ist jetzt in.“
Sie lässt uns vorbei. Wir gehen zu ’nem Pokerautomaten. Da sitzt ein alter Mann. Herbert. Er riecht muffig. Seine Fingernägel sind gelb. Er könnte auch ein sprechender Aschenbecher sein.
Wurm zieht die Münzen hervor. Herbert prüft. Er fühlt. Dann steckt er die Münzen ein. Er tippt mit seinem langen Fingernagel auf den Spielstand. 67.000 Euro steht da. Dann verschwindet Herbert.
„Auszahlen, auszahlen!“, schreit Hannes.
Ich drücke und der Automat spuckt uns Scheine entgegen. Es sind viele Scheine. Zu viele. Also keine Echten. So Gewinnscheine. Die müssen wir jetzt erst bei der Tante vom Wechselbüro eintauschen. Die wird Augen machen.
Macht sie dann auch.
„Das kann ich euch nicht in bar geben. Ist Geschäftsrichtlinie“, sagt sie.
„Dann bei jedem ein Drittel“, schlägt Hannes vor.
„Geht nicht. Ein Gewinn geht auch nur auf ein Konto. Geldwäsche und so.“
„Wir nehmen Wurm“, beschließe ich.
Wurm kramt seine Girokarte raus. Er zittert. So viel Geld wurde noch nie auf sein Konto überwiesen.
„Wie lange wird es dauern?“, fragt Hannes.
„In der Regel ist die Kohle nach 3 Werktagen drauf“, klärt die Tante auf.
3 Tage können verdammt lang sein. Vor allem, wenn man sich die Zeit mit Speed vertreibt: der Droge und dem Film.
Hannes krabbelt pausenlos zum Balkon. Dann richtet er sich ganz langsam auf, bis er über das Geländer schauen kann. Wie ein schlechter Soldat. Den hätte man sofort weggeballert.
„Warum bist du so ein Psycho?“, fragt Wurm.
„Weil es ein verfickter Nazischatz war. Wer weiß, wer hinter uns her ist“, meint Hannes.
„Kein Plan. Haben wir ja nicht mehr“, sage ich.
„Das glaubt uns kein Schwein!“, erwidert Hannes.
Er hat recht und deshalb ist mir bange. Also noch ein bisschen Speed. Weg sind die Sorgen.
„Hier“, sage ich zu Hannes.
Er gönnt sich auch.
„Besser?“, frage ich.
„Viel besser“, meint Hannes.
„Kalifornien“, stöhnt Wurm.
„Ja, bald sind wir da“, sage ich.
Unsere Koffer sind bereits gepackt. Sie stehen in der Wohnung. Sie sind neben dem alten Röhrenfernseher, dem DVD-Player, inklusive Speed, dem Film, plus Bonusmaterial und den drei Matratzen das Einzige, was noch in der Bude ist.
Und unsere WG ist zum nächsten Monat gekündigt. Die Flüge sind gebucht: Wir fliegen nach Kalifornien! Wir kommen nie wieder. Offiziell haben wir auch einen Rückflug gebucht. Aber den werden wir nicht nehmen. Die haben wir nur, damit wir zu den Amis dürfen, dass die keinen Verdacht schöpfen. Wir werden dableiben. Die werden uns lieben. Deutsche Wurst und deutsches Bier und deutsche Typen; das wird unser Konzept sein. Drei Monate buckeln und dann lassen wir andere für uns knechten. Mexikaner oder so. Der Plan ist todsicher.
„Und die Weiber“, meint Hannes.
„Und die Sonne“, ergänze ich.
„Und das Gras“, meint Wurm.
Der Wecker am Smartphone läutet. Wie jede Stunde. Wurm checkt.
„Ist drauf“, ruft er. Wir springen auf und ab vor Aufregung. Er drückt auf sein Smartphone. Er wischt.
„Weg!“, ruft er.
Hannes und ich schnappen unsere Smartphones. Alle bei der gleichen Bank. Alle die gleiche App. Zum Glück.
„Ist drauf“, meine ich.
„Bei mir auch“, sagt Hannes.
Und weg sind wir. Raus aus der Stadt. Zu heißes Pflaster. Deshalb der Flug von München. Deshalb die zwei Tage Hotel, bis unser Flieger abhebt.
Wir sitzen im Taxi. Wir singen den Titelsong von dieser beschissenen Serie: „California, here we come!“
Plötzlich knallt es. Ganz laut. Es ist der Reifen des Taxis.
„Scheiße“, brüllt der Fahrer. Er rollt an den Straßenrand. Wir sind mitten auf der Autobahn.
Etwas rammt uns von hinten. Ein schwarzer Jeep. Er bleibt vor uns stehen. Dann noch ein schwarzer Jeep. Typen stürmen aus den Karren. Sie ziehen uns aus dem Taxi. Neben uns ballern die LKW über die Fahrbahn. Dann Sirenen, Blaulicht. Dann Schüsse.
Was ist das für eine Scheiße?! Wo sind wir da reingeraten? Was haben wir uns nur gedacht?
Nicht viel. Denken ist nicht unsere Kernkompetenz. Unsere Kompetenzen sind Drogennehmen, von Ärschen träumen und auf schwachsinnige Ideen kommen.
Jetzt herrscht Chaos. Die Bullen schießen, die mit den schwarzen Jeeps schießen. Keiner beachtet uns. Aber wir leben. Wir haben uns hinter dem Taxi zusammengekauert. Ich finde mich auf dem Boden zwischen Hannes und Wurm wieder. Wurm grinst.
„Hell yeah“, brüllt er gegen das Ballern.
Dann robbt er davon. Wir hinterher: unter so einer Leitplanke durch und den Abhang runter. Wir schauen hoch. Niemand hinter uns. Wir nehmen die Beine in die Hand.
„Und jetzt?“, fragt Hannes außer Atem. Wir stehen in irgendeinem scheiß Wald, ich weiß nicht wo.
„Habt ihr eure Portemonnaies?“, will Wurm wissen.
Wir wühlen in unseren Hosentaschen.
„Scheiße, ja!“, sage ich. Auch Hannes zeigt seins.
„Dann haben wir Kohle.“
Wir marschieren. Raus aus dem Wald. Dann auf ’nem Feldweg. Dann sehen wir Lichter. Nicht viele. Irgendein Dorf. Schon etwas größer. Wir kommen näher. Wir haben Hunger. Wir haben Durst. Wir stinken. Etwas riecht nach Essen. Zum deutschen Hof steht an einem Haus. Deutsche Kost und Hotel. Wir gehen rein.
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