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Hilfsbereitschaft hat viele Gesichter Ob missmutiger Superheld, überforderte Psychologin oder verängstigter Marienkäfer - bei uns erfährt jeder Hilfe. In unseren fantastischen und belletristischen Geschichten entstauben wir die Bedeutung des Wortes Hilfsbereitschaft; Sie erfahren in diesem Benefizband, welche kreativen Ideen unsere Alltagshelden umsetzen. Folgen Sie uns in eine neue Welt des sozialen Engagements, denn mit dem Kauf spenden Sie an soziale Projekte in Deutschland. Enthaltene Geschichten: 15* All Age 8* ältere Teenager/Erwachsene 2* ab 9 Jahren 5 Gedichte Unsere Autoren in der Übersicht: A.M. Harries; Adrian Richard Stiller; Alexa Znih; Andrea Kerstinger; Anna Kleve; Anne Zandt; Barbara Weiß; Birgit Letsch; Constanzia Norström; Jana Schikorra; Jessica July; Jule Reichert; June Is; Katharina Rauh; Laura Nieland; Mia Schulz; Michaela Ofitsch; Nina E. Christ; Patrick Kaltwasser; Sandy Mercier; Siiri Saunders
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Seitenzahl: 448
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Das Buch
Vorwort
Adrian R. Stiller – Der Funke
Jana Schikorra – Die Traumfabrik
Barbara Weiß – Steine im Gepäck
Jule Reichert – Das Archiv der geretteten Seelen
A. M. Harries – Johann
Patrick Kaltwasser – Strahlen der Freundschaft
Laura Nieland – Du bist mein Herz
Constanzia Norström – Der Weg
Andrea Kerstinger – Ein kostbares Gut
Adrian R. Stiller – Wurzeln schlagen
Anne Zandt – Ein neuer Tag
Jessica July – Der Straßenkehrer
June Is – Bühnen-Geschichten
Entwurzeltes Subjekt? Nein, danke!
Was wir uns trauen
Die Patenschaft
Alexa Znih – Erwachsen werden
Jessica July – Rubinherz
Siiri Saunders – Micks Bestimmung
Sandy Mercier – Sonja 2.0
Patrick Kaltwasser – Der Greis
Birgit Letsch – Bin ich richtig?
Jessica July – Glaskugelspiel
Michaela Ofitsch – Ein Wunder für Joshua
June Is – Der Lieblingsschwiegerneffe
Patrick Kaltwasser – An der Schule
Mia Schulz – Lena muss die Welt retten
Nina E. Christ – Die Braut des Dämonen
Katharina Rauh – Aperture
Kinderecke ab 9 Jahren
Anna Kleve – Die Einhornprüfung
Siiri Saunders – Amelies ungewollte Reise
Dank
Die Altersangaben sind lediglich Empfehlungen zur Orientierung. Bitte entscheiden Sie selbst verantwortungsvoll, was Ihre Kinder lesen sollen und dürfen.
All Age beginnt ab 12 Jahren, die Kindergeschichten ab 9 Jahren finden Sie hinten im Buch. Die Schätzungen wurden bewusst etwas höher angesetzt.
Erwachsene
Barbara Weiß – Steine im Gepäck
Constanzia Norström – Der Weg
Andrea Kerstinger – Ein kostbares Gut
Adrian R. Stiller – Wurzeln schlagen
June Is – Die Patenschaft
Alexa Znih – Erwachsen werden
All Age
Jana Schikorra – Die Traumfabrik
Jule Reichert – Das Archiv der geretteten Seelen
Anne Zandt – Ein neuer Tag
Jessica July – Der Straßenkehrer
June Is – Entwurzeltes Subjekt? Nein, danke!
June Is – Was wir uns trauen
Siiri Saunders – Micks ungewollte Reise
Sandy Mercier – Sonja 2.0
Birgit Letsch – Bin ich richtig?
Jessica July – Glaskugelspiel
Michaela Ofitsch – Ein Wunder für Joshua
June Is – Der Lieblingsschwiegerneffe
Mia Schulz – Lena muss die Welt retten
Nina E. Christ – Die Braut des Dämonen
Katharina Rauh – Aperture
ab 15 Jahren
A. M. Harries – Johann
Laura Nieland – Du bist mein Herz
Kinderecke ab 9 Jahren
Anna Kleve – Die Einhornprüfung
Siiri Saunders – Amelies ungewollte Reise
21 Autoren schlossen sich zusammen, um einen Funken der Hilfsbereitschaft zu entzünden. Mit dem Kauf dieses Buches unterstützen Sie automatisch soziale Projekte in Deutschland. Mehr dazu erfahren Sie auf unserer Homepage.
www.hilfsbereitschaft.wordpress.com
Siiri Saunders wurde im April 1988 nahe Frankfurt geboren. Als Kind schrieb sie Romane in Mathematikhefte, weil sie dort mehr Platz als in linierten Heften fand. Früher streifte sie durch die Wälder, wie es heute ihr Romanheld Filín tut. Die Liebe zur Natur und für das geschriebene Wort sind Siiri erhalten geblieben, dennoch verfasst sie ihre Geschichten nun mit einem professionellen Schreibprogramm.
Siiri veröffentlichte „Filíns Reise – Der böse Blick“; ein epischer Elfen-Dreiteiler, sowie die Benefiz-Anthologie: „Entzünde den Funken“ (Stiller & Saunders)
Adrian R. Stiller erblickte im Oktober 1995 das Licht der Welt oder vielmehr das düstere Herbstwetter dieser Breiten. Deshalb vermutet er auch, dass das der Grund ist, aus dem er Dark Fantasy schreibt. Gute, hochwertige Literatur begeisterte ihn schon immer, doch musste er bereits in frühen Jahren feststellen, dass sich Bücher nicht von selbst vermehren. Daher beschloss Adrian Schriftsteller zu werden.
Adrian veröffentlichte die Benefiz-Anthologie: „Entzünde den Funken“ (Stiller & Saunders)
A.M. Harries; Adrian Richard Stiller; Alexa Znih; Andrea Kerstinger; Anna Kleve; Anne Zandt; Barbara Weiß; Birgit Letsch; Constanzia Norström; Jana Schikorra; Jessica July; Jule Reichert; June Is; Katharina Rauh; Laura Nieland; Mia Schulz; Michaela Ofitsch; Nina E. Christ; Patrick Kaltwasser; Sandy Mercier; Siiri Saunders
Im Juni 2018 riefen wir das Projekt »#Hilfsbereitschaft hat viele Gesichter« ins Leben. Wir machten es uns zum Ziel, Menschen in Notsituationen und soziale Vereine durch Geldspenden zu unterstützen. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir genügend Geschichten und Gedichte zur Auswahl – die Anthologie war geboren.
Engagiert und gemeinschaftlich machten sich die Autorinnen und Autoren mit uns an die anspruchsvolle Arbeit. Dabei herausgekommen ist ein bunter Strauß an Fantasy- und realen Geschichten. Das Buch enthält 15 All Age-, 8 Erwachsenen- und 2 Kindergeschichten ab neun Jahren. Ihnen allen liegt eine erhellende und lebensbejahende Botschaft zugrunde.
Wir laden Sie herzlich ein, die Welt wieder vorurteilsfrei zu sehen, sie neu zu erleben: Durch die Augen der Hilfsbereitschaft. Lassen Sie sich von fantastischen, humorvollen und von Herzen geschriebenen Geschichten entführen – Sie tun dabei sogar Gutes.
Adrian Richard Stiller und Siiri Saunders
Ein kleiner Schein im Dunkel,
schwach, vom Wind umspielt,
allein, doch tapfrer Funke,
durch ew’ge Schatten hart gestählt.
Licht’ge Quelle, nie versiegend,
auch wenn Unheil dich umgibt,
und dich Kräfte woll’n verbiegen,
den‘ dein Sinn sich nicht ergibt.
Harrst allein im kühlen Dunkel,
die Hoffnung als dein einz’ger Reiz,
bist doch nur ein kleiner Funke,
in einer Welt aus Gier und Geiz.
Doch war alles Große einmal klein,
selbst die schwächsten Funken gleißen
und zusammen im Verein,
könn‘ dem Dunkel sich entreißen!
Der Winter hatte in diesem Jahr nicht lange auf sich warten lassen. Schon seit Wochen verharrten die Temperaturen weit unter Null, der Schnee türmte sich auf den Dächern der Häuser und die Sonne hatte sich auf unbestimmte Zeit hinter eine graue Wolkendecke zurückgezogen.
Es war der erste Tag der Schulferien und eigentlich hatte Greta mit den anderen Kindern im Dorf Schlittenfahren wollen, doch es war anders gekommen.
Nachdenklich saß sie in ihrem Zimmer, schlürfte eine heiße Schokolade und sah immer wieder stirnrunzelnd aus dem Fenster.
Auf dem Nachhauseweg hatte sie wieder einmal diesen merkwürdigen Vorgang beobachtet, der sich tagein tagaus zu wiederholen schien und für den es in ihren Augen keine richtige Erklärung gab: Das Lächeln verschwand aus den Gesichtern der Menschen.
Was lange Zeit eine bloße Vermutung gewesen war, wurde für Greta allmählich zur Gewissheit.
Als erstes war es ihr bei den Erwachsenen aufgefallen.
Zwar liefen diese ohnehin die meiste Zeit mit verkniffenen Gesichtern durch die Gegend. Doch waren sie hinter ihren glasigen Augen, in denen Ängste und Zweifel trieben, normalerweise noch ein Stück weit lebendig. Dann und wann – vielleicht, wenn sie sich unbeobachtet fühlten – erfreuten sie sich sogar an Kleinigkeiten wie sprießenden Blumen am Wegesrand oder einem rosafarbenen Abendhimmel.
Nun, da der Winter das Land fest im Griff hatte, schienen sie sich derlei Angewohnheiten gänzlich entledigt zu haben; in ihren Blicken war jetzt nicht einmal mehr der Hauch eines Glanzes zu erkennen.
Gretas Mutter pflegte oft zu sagen, Augen seien das Fenster zur Seele – ein Gedanke, den die neunjährige Greta früher nicht verstanden hatte; jetzt bekam sie eine Ahnung davon, was ihre Mutter meinte.
Doch es waren die Veränderungen der anderen Kinder im Dorf, die ihr am allermeisten zu schaffen machten. Denn auch von ihnen hatte, soweit sie sich erinnern konnte, eine lange Zeit keines mehr aus vollem Herzen gelacht.
Selbst ihre Bewegungen, einst ausgelassen und ungestüm, waren während der letzten Wochen mechanisch und träge geworden. Sie ließen die Köpfe hängen wie verblühte Rosen und zogen sich hinter Mauern aus zähen Gedanken zurück, die zu schwer für ihre kleinen Körper waren.
Tatsächlich schien Greta das einzige menschliche Wesen weit und breit zu sein, dessen Lebensfreude nicht erloschen war.
Gretas Mutter steckte den Kopf durch die Tür und unterbrach ihre Gedanken. Ihre Augen waren gerötet und geschwollen. Greta vermutete, dass sie wieder einmal geweint hatte. Seit ihr Vater fortgegangen war, hatten Tränen eine lange, aufreibende Zeit zum alltäglichen Leben dazugehört.
Doch eigentlich, so war es ihr zumindest vorgekommen, hatten ihrer beider Seelen sich während der letzten Monate in stiller Übereinkunft gegenseitig geheilt.
»Greta, Liebes … Der Topf mit Suppe steht auf dem Herd … Sie dürfte noch warm sein. Ich lege mich kurz hin, ja?«
»Geht es dir gut, Mami?«
»Ja … ja, natürlich. Ich brauche nur etwas Schlaf.«
»Soll ich dich später wecken?«
»Nein, nein … das musst du nicht. Ich stelle mir einen Wecker. Dann können wir noch einen Schneemann bauen, was hältst du davon?«
Greta durchschaute den Versuch ihrer Mutter, von ihrem Kummer abzulenken, nickte aber dennoch eifrig. »Das wäre toll, Mami!«
»Schön … sehr schön. Dann bis später, mein Herz.«
»Bis später. Träum schön!«
»Träumen … Das wäre herrlich, nicht wahr?«
»Hm? Wie meinst du das?«
Anstelle einer Antwort schenkte Gretas Mutter ihr ein trauriges Lächeln und zog die Tür sanft hinter sich zu.
Was hatte das zu bedeuten? Greta nippte an ihrer kalt gewordenen Schokolade. Träumte ihre Mutter etwa nicht mehr? War das möglich? Was mochte mit jemandem geschehen, der gezwungen war, ewig in der Realität zu verweilen?
Sie wagte kaum, es sich vorzustellen.
Der Nachmittag zog sich unangenehm in die Länge.
Greta wartete ebenso geduldig wie vergeblich darauf, dass ihre Mutter wieder aus dem Schlafzimmer kam, damit sie gemeinsam in den Garten gehen und im Schnee spielen konnten.
Als die Dämmerung den Abend ankündigte, schlüpfte sie in den Wintermantel, ihre Handschuhe und die Stiefel, warf sich einen viel zu langen Schal um den Hals und stapfte hinaus.
Mit geübten Händen formte sie eine Kugel, rollte sie über den Schnee, bis sie ihr groß genug vorkam und wiederholte die Prozedur zweimal.
Vorsichtig stapelte sie die fertigen Körperteile aufeinander. Dann eilte sie zum Gartenzaun, um aus den kahlen, dort wachsenden Sträuchern ein paar Zweige herauszubrechen, die sie als Arme verwenden wollte.
Zufrieden steckte sie erst den einen, dann den anderen dünnen Ast seitlich in den Körper des Schneemanns.
Schließlich suchte sie in ihren Taschen nach den Kieseln, die sie am Vortag von der Straße aufgelesen hatte. »Pass auf, gleich kannst du mich sehen!« Greta zog zwei graue, mit weißen Linien versehene Steine aus ihrer Jacke und platzierte sie behutsam im Gesicht des Schneemannes.
Dann trat sie einen Schritt zurück, um ihr Werk zu betrachten. »Hm… wir haben keine Nase für dich«, stellte sie fest. »Die Karotten sind alle in der Suppe, weißt du? Und ein Ast sieht doof aus. Das wäre dann ja so, als hättest du einen Arm mitten im Gesicht! Aber keine Sorge. Du kannst dir einfach vorstellen, du hättest eine Nase. Dann ist es beinahe so, als hättest du wirklich eine, nur besser.«
Sie strahlte den Schneemann noch einen Moment lang an und wünschte sich aus vollem Herzen, er würde zurückstrahlen. Da, was war das?!
Bildete sie es sich nur ein, oder schimmerte das linke Auge des Schneemanns violett?
Greta kniff die Augen zusammen und öffnete sie vorsichtig wieder. Nichts. Ein gewöhnlicher grauer Stein.
Sie schüttelte den Kopf. »Tja. Mama würde jetzt sagen, ich habe zu viel Fantasie.« Der Gedanke an ihre Mutter bewog sie dazu, ins Haus zurückzukehren.
Eine wohlige Wärme empfing sie, als Greta durch die Haustür trat und den Winter hinter sich zurückließ. Ihre Wangen kribbelten.
Nichts deutete darauf hin, dass ihre Mutter inzwischen aufgewacht war. Einzig im Flur brannte Licht, die übrigen Zimmer verschmolzen mit dem Schwarzgrau der herannahenden Nacht.
Greta fragte sich, ob sie vergessen hatte, sich einen Wecker zu stellen oder ihn in ihrer Erschöpfung schlicht überhört haben mochte.
Sie kam zu dem Schluss, dass das keine Rolle spielte.
Wenn es ihrer Mutter schlecht ging, dachte sie und kam sich dabei sehr erwachsen vor, sollte sie sich ausruhen.
So leise wie möglich schälte sie sich aus der raschelnden Winterkleidung und trippelte dann auf Zehenspitzen zurück in ihr Zimmer.
Sie knipste ihr Nachtlicht an, das in Form eines Schafes auf der Kommode an ihrem Bett stand, schlüpfte in ihren Schlafanzug und kroch unter die Bettdecke.
»Zähneputzen müssen wir heute wohl einmal ausfallen lassen, was?«, flüsterte Greta ihrem Teddybären zu.
Im selben Atemzug dachte sie an die heiße Schokolade, die sie getrunken und das Marmeladenbrot, das sie am Vormittag gegessen hatte und schämte sich ein wenig.
Ihre Mutter würde den Entschluss, sich vor dem Zähneputzen zu drücken, sicherlich nicht gutheißen.
Was würde ihr Teddy dazu sagen? »Dafür putzt du morgen früh zweimal«, brummte sie und bewegte den Kopf des Stofftieres, als würde es mit ihr sprechen.
»Versprochen«, murmelte Greta ihrem Bären zu, zog sich die Decke bis ans Kinn und schloss die Augen. Sie wusste, es konnte noch nicht spät am Abend sein, wo es doch gerade erst dunkel geworden war. Aber der Winter führte die Zeit ohnehin an der Nase herum; gnadenlos stauchte er die Tage zusammen, während er die Nächte scheinbar ins Unendliche auszudehnen versuchte.
Für gewöhnlich kämpfte Greta gegen die Müdigkeit an, die sich an den kalten Tagen viel früher als sonst einstellte, um noch ein paar Zeilen zu lesen oder mit ihren Kuscheltieren zu spielen.
Heute aber verspürte sie keine große Lust dazu. Viel lieber wollte sie so schnell es ging in den Schlaf finden, bevor all die unschönen Gedanken, die sich in ihrem Kopf angesammelt hatten, sich zu ihrer vollen Größe entfalten konnten.
Nein, sie wollte nicht weiter über das verloren gegangene Lächeln ihrer Mitmenschen oder den womöglich traumlosen Schlaf ihrer Mutter grübeln.
Trotz all ihrer Bemühungen, sich nicht den Kopf zu zerbrechen, gelang es ihr nicht, zur Ruhe zu kommen. Sie fragte sich, was der Schneemann sagen würde, wenn sie ihm von ihren Bedenken erzählte.
Sicher waren ihm solche Probleme fremd.
Was aber, wenn er trotzdem einen Rat wüsste?
Greta nahm sich vor, ihn gleich morgen zu fragen.
Eigentlich wusste sie ja, dass er ihr nicht antworten konnte – immerhin war sie schon neun und kein kleines Kind mehr!
Aber was konnte es schaden, es doch einmal zu probieren?
Wunder geschahen immer wieder, das hatte sie sogar Erwachsene oft genug sagen hören …
Sie schloss die Augen.
Die Luft schmeckte salzig.
Greta stand am Rand einer Klippe und blickte auf ein schwarzes Meer, das sich unter den Peitschenhieben des Sturms zornig aufbäumte.
Am Himmel glühten scharlachrote Wolken.
Krachender Donner vermischte sich mit dem Tosen der Wellen zu einer grauenerregenden Symphonie.
Von irgendwoher ertönte ein langgezogener Schrei. Greta lächelte.
Sie wusste, dass sie träumte. An diesem Ort war sie schon oft gewesen, er jagte ihr längst keinen Schrecken mehr ein.
Sie wusste, was sie zu tun hatte, um wieder auf das Sonnenblumenfeld zu gelangen, das sich hinter dieser gruseligen Fassade verbarg.
Dort würde jemand auf sie warten, mit dem sie im Laufe der letzten Wochen und Monate viele Abenteuer erlebt hatte. Jemand, der ihr ein wahrer Freund geworden war.
Langsam breitete sie die Arme aus und ließ sich von der nächsten heftigen Böe über den Abhang tragen. Hinaus auf die raue See.
Sie schwebte wenige Meter über der Meeresoberfläche, turmhohe Wellen spritzten ihr die Gischt ins Gesicht, dann ließ der Wind sie plötzlich fallen und eine allumfassende Schwärze umfing sie.
»Du kommst spät, mein Kind.«
Die Dunkelheit hatte Greta freigegeben. Sie befand sich in einer lichtdurchfluteten Halle, in der ein einziges Durcheinander herrschte. Menschen in regenbogenfarbenen Umhängen, die Greta auf seltsame Art und Weise an Arztkittel erinnerten, standen um Kessel herum. Andere liefen mit Klemmbrettern umher und machten sich ununterbrochen Notizen.
Wieder andere saßen in Reih und Glied am Ende eines Fließbandes und reichten Päckchen von einem zum anderen.
Ein paar Meter vor ihr stand ein untersetzter Mann mit schütterem Haar. Sein linkes Auge funkelte in herrlichem Violett, während das andere von einem gewöhnlichen Braunton war.
»Herr Somnium!«, rief Greta völlig außer sich. »Sind wir etwa in Ihrer Fabrik? Sind wir tatsächlich hier? Sie haben doch gesagt, es wäre noch nicht der richtige Zeitpunkt, mich hineinzulassen und …«
»Liebe Greta! Beruhige dich!« Herr Somnium hob tadelnd einen Finger, doch sein Gesicht blieb freundlich. »Zeitpunkte können sehr sprunghaft sein, weißt du? Auf sie ist kein Verlass. Ich hielt es für das Beste, stattdessen auf mein Bauchgefühl zu hören«, er strich sich demonstrativ über die massige Körpermitte. »Und das hat mir ohne Umschweife zu verstehen gegeben, dich schnellstmöglich herbeizuholen.«
Greta konnte es nicht fassen. Seit sie Herrn Somnium das erste Mal im Traum begegnet war – es musste etwa vier Monate her sein – wünschte sie sich nichts sehnlicher, als seine Firma endlich einmal von innen sehen zu dürfen.
Greta dachte mit ungetrübter Begeisterung an den Moment zurück, in dem sie den Fabrikleiter damals allein auf einer Bank vor einem Feld voll Sonnenblumen hatte sitzen sehen. Obwohl sie es gewohnt war, im Schlaf auf interessante Menschen und Tierwesen zu treffen, hatte sie der Neugier, welche Persönlichkeit sich wohl hinter diesem noch unbekannten Gesicht verborgen mochte, nicht widerstehen können.
Herr Somnium hatte sich nicht im Geringsten überrascht über Gretas Erscheinen gezeigt, im Gegenteil. Als er sie mit einem aufmunternden Zwinkern seines violetten Auges begrüßte, schien es beinahe, als habe er die ganze Zeit auf sie gewartet.
In jenem allerersten Gespräch hatte er ihr bereits offenbart, dass er sie eines Tages mit in seine Fabrik nehmen würde.
In dieser Fabrik brauten seine Angestellten Träume aus geheimen Zutaten, verpackten sie fein säuberlich und lieferten sie schließlich an ihre jeweiligen Empfänger aus. Greta, die sich nicht erinnern konnte, jemals ein solches Päckchen erhalten zu haben, war äußerst aufgebracht gewesen. Schnell aber hatte ihr Herr Somnium erklärt, dass derlei Pakete einzig und allein vom Unterbewusstsein der Adressaten entgegengenommen wurden. Dieses zeigte sich nur empfänglich für die eigentümliche Fracht, wenn es sich in dem schwebeähnlichen Zustand zwischen Wachheit und Schlaf befand …
Kurzum: jeder, der ein derartiges Paket erhielt, bekam nicht das Geringste davon mit.
Ein Scheppern unterbrach ihre Gedanken.
Jemand hatte eine massiv aussehende Flasche fallen lassen, die ihrerseits mehrere kleinere umgeworfen hatte, die nun allesamt über den Boden rollten.
»Seien Sie vorsichtig mit dem Realitätsflucht-Pulver, Rudolphus! Wir erwarten die nächste Lieferung erst am kommenden Freitag.«
»Verzeihung, Boss.«
Herr Somnium wandte sich wieder Greta zu. »Folge mir, mein Kind. Ich möchte dir etwas zeigen.«
Mit flatterndem Herzen stolperte sie vorwärts. Greta wünschte sich mindestens zehn Augenpaare mehr, um jedes Detail des wundersamen Geschehens wahrnehmen und in sich aufsaugen zu können.
Hinter einem nachtblauen Vorhang, auf den silbrige Himmelskörper gestickt waren, zischte und blubberte es.
Aus einem Brunnen, der scheinbar wahllos mitten in den Boden eingelassen war, ertönte eine finstere Melodie.
Und als Greta durch ein Fenster sah, das mehrere Männer und Frauen mit Feuereifer reparierten, verlor sie für einige bange Sekunden lang die Fähigkeit, ihre Umgebung in Farben zu sehen. »Was war das?!«, japste sie.
»Was? Oh, das Fenster? Keine Sorge. Auf der anderen Seite befinden sich ausgeträumte Träume. Solche, die nie wiederkehren, weißt du? Du hast eben also einen Blick in die Vergangenheit geworfen. Daher das altmodische Schwarz-Weiß, entschuldige. Dürfte gleich vorüber sein.«
Greta wusste nicht, was sie sagen sollte.
Ihr war ganz schwindlig von lauter Aufregung.
Sie durchquerten die Halle beinahe ganz, ehe sie neben einem schwindelerregend hohen Regal zum Stehen kamen. Es beherbergte tausend und abertausend Schubladen, die alle mit einem individuellen Muster verziert waren.
»Da wären wir«, verkündete Herr Somnium feierlich.
Greta schaute an dem Regal empor. »Ähm … was genau ist das hier?«, fragte sie verunsichert.
»Das wirst du gleich erfahren. Wollen wir uns den Inhalt deiner Schublade einmal ansehen?«
»Meine Schublade!?«
Herr Somnium lächelte und schnipste mit den Fingern, woraufhin aus dem Nichts eine Bibliotheksleiter angerollt kam. »Nach dir, mein Kind.«
Sprosse für Sprosse stiegen sie in die Höhe, bis die Fabrik unter ihnen kleiner und kleiner wurde und sie mit den Köpfen durch die Wolken stießen.
»So! Wir haben es geschafft. Warte einen Moment, Greta, ich komme zu dir.«
Wie von Zauberhand dehnte die Leiter sich aus und war mit einem Mal so breit, dass mindestens vier Herr Somniums nebeneinander darauf Platz gefunden hätten.
Im Nu war er auf ihrer Höhe erschienen und deutete beinahe ehrfürchtig auf eine Schublade, in deren Knauf ein nasenloser Schneemann eingraviert war.
»Seit wann gibt es diese Schublade?«, fragte Greta perplex.
»Deine eigene? Seit deiner Geburt.«
»Aber wie … Ich habe diesen Schneemann erst gestern gebaut.
»Verblüffend, nicht? Das gute Stück hier«, er klopfte auf das dunkle Holz des Regals, »besitzt eine gewisse Weitsicht.«
Greta öffnete den Mund, um zu protestieren. Wie konnte ein Schrank über Weitsicht verfügen?
Andererseits … Hatte sie nicht vorhin noch erwägt, ihrem Schneemann von ihren Sorgen zu erzählen?
Greta schloss den Mund wieder. Zum Teufel mit den Fragen!
Viel wichtiger war es doch, endlich zu erfahren, was in ihrem Fach verborgen war.
»Bist du bereit?«, fragte Herr Somnium. Ohne eine Antwort abzuwarten umfasste er den verzierten Knauf und zog daran.
Dann griff er in die Schublade, packte etwas, das Greta nicht sehen konnte, und riss daran. Ein leises Plopp ertönte, als es sich vom Boden der Schublade löste.
Greta erschrak beim Anblick der sich schlängelnden, gräulich-grünen Masse so sehr, dass sie fast die Sprossen losgelassen hätte. »WAS IST DAS?!«
Beim Klang ihrer Stimme färbte sich die Materie silbern und hörte auf, sich zu winden. Wie der Schweif eines Einhorns hing das Geflecht aus schimmernden Fäden über der Hand des Fabrikleiters.
»Was ist das?«, wiederholte Greta, diesmal flüsternd.
»Dein Traumstrang.«
»Mein was?«
»Dein Traumstrang. Sämtliche Träume, die du in deinem Leben noch träumen wirst. Diese hellen Fäden hier stellen deine guten Träume dar. Wie du siehst, sind sie im Überfluss vorhanden. Die wenigen dunklen unter ihnen sind deine Albträume.«
Plötzlich wacklig auf den Beinen, umklammerte Greta die Sprossen der Leiter ein bisschen fester. Sie reckte ihren Hals, um sich das rätselhafte und doch unbestreitbar faszinierende Geflecht genauer anzusehen.
Bildete sie es sich ein, oder blitzten in den einzelnen Fasern bewegte Bilder auf?
Es war unmöglich, es herauszufinden; jedes Mal, wenn sie ihren Blick zu schärfen versuchte, stieg eine grauenerregende Übelkeit in ihr auf.
Als wollten die Träume der Zukunft nicht vorzeitig gesehen werden, schoss es ihr durch den Kopf.
»Alles in Ordnung, Greta?«
»Mir … mir ist schlecht.«
»Herrje! Kein Wunder, bei dieser Höhe … Am besten kehren wir nach unten zurück und setzen unser Gespräch auf festem Boden fort, was meinst du?«
»Gut.«
»Hervorragend. Den hier nehme ich mit, in Ordnung?« Herr Somnium wedelte fröhlich mit dem Traumstrang.
Greta beeilte sich, wegzusehen. Was hatte der Fabrikleiter vor?
Sie durchbrachen die Wolkendecke von Neuem und kletterten in raschem Tempo auf die immer größer werdenden Lichter der Traumfabrik zu.
Unten angekommen, gab Herr Somnium der Leiter einen dankbaren Klaps, woraufhin sie gemächlich davon rollte. »Komm, gehen wir hier herüber«, murmelte er und bedeutete Greta, ihm zu folgen.
Sie gingen um das Regal herum und auf eine Backsteinmauer zu.
»Wir betreten jetzt ein Labyrinth. Ich kenne nur einen Weg und weiß selbst nicht, was in seinen Ecken und Gassen lauert. Bleib also dicht bei mir.«
»Dort lauert etwas?!«
»Möglich wäre es. Hin und wieder kommen wir in den zweifelhaften Genuss unheimlicher Geräusche. Rudolphus hat hinter diesen Mauern eine Zeit lang überflüssiges Realitätsflucht-Pulver entsorgt. Wenn es vermodert, bringt es die vergnüglichsten Kreaturen hervor.«
»Das klingt doch gar nicht so gefährlich! Werden wir welche sehen?«
»Nein. Denn wir bleiben ja auf dem richtigen Weg. Und nun schnell, Kindchen. Wir haben nicht mehr viel Zeit, bis der Morgen dich fortholt.«
Seite an Seite betraten sie das Labyrinth.
Jegliche Geräusche außerhalb dieser Wände drangen nun merkwürdig gedämpft an Gretas Ohren, als befände sie sich in einem Nebengebäude. Sie bemühte sich nur halbherzig, mit Herrn Somnium Schritt zu halten. Zu gern würde sie einen Blick auf die Kreaturen werfen, die in den Winkeln dieser Mauern hausten.
Doch außer einem Schatten, der wie der eines Krokodils aussah, wollte sich ihr nichts offenbaren.
Vor einer geöffneten Tür kamen sie zum Stehen.
»Willkommen im Herzen der Fabrik.«
Sie betraten einen langgezogenen Raum, in dem eine Werkbank stand.
»Komm, stell dich neben mich.« Herr Somnium breitete den silbrigen Traumstrang behutsam auf der Tischplatte aus.
»Hast du in letzter Zeit eine Veränderung in der Welt bemerkt?«, fragte er und taxierte Greta aufmerksam mit seinem violetten Auge.
Sie dachte kurz nach, dann sagte sie sehr ernst: »Ja. Die Leute aus meinem Dorf lächeln nicht mehr. Meine Mama, meine Freunde, meine Lehrer, der Postbote, die Bäckerin … alle sehen unglücklich aus.«
»Es sind nicht nur die Menschen, die du kennst, liebes Kind. Dieses Phänomen betrifft uns alle. Eine große Traurigkeit hat sich ausgebreitet. Du musst wissen, dass die meisten Traumstränge, die wir in unseren Hallen verwahren, ganz anders aussehen als deiner. Sie sind abgenutzt, beängstigend kurz … und bestehen zu einem erschreckend hohen Anteil aus dunklen Fasern, seit ihre Besitzer verlernt haben, sich über das Leben zu freuen.«
Greta schluckte. »Das ist schrecklich. Wie konnte es soweit kommen?«
»Hass, Missgunst und verkümmerte Fantasie sind nur einige der möglichen Ursachen für diese Katastrophe. Aber es gibt da etwas, das wir tun können … Etwas, das wir, du und ich, gemeinsam tun könnten, um das Leid dieser armen Seelen zu lindern.«
»Was? Was können wir tun?«
»Ihnen schöne Träume schenken.«
Greta runzelte die Stirn.
»Das ist alles?«
»Unterschätze die Macht der Träume nicht, Greta. Insbesondere du solltest wissen, wie sehr das ein oder andere nächtliche Abenteuer die Sinne beflügelt.«
Beschämt sah sie zu Boden. »Das stimmt, es tut mir leid. Es ist nur so … so einfach, nicht? Alles, was passieren muss, damit das Lächeln zurückkehrt, sind schöne Träume.«
Herr Somnium sah auf einmal sehr unglücklich aus. »Ganz so einfach ist es nicht. Zu meinem Bedauern muss ich etwas von dir verlangen. Ich möchte ehrlich zu dir sein: Du bist nicht die Erste, die ich um Hilfe gebeten habe. Es gibt andere Kinder, die über ebenso wunderbare Traumstränge verfügen wie du. Keines von ihnen war bisher bereit, mit mir zusammenzuarbeiten. Doch aus irgendeinem Grund trage ich die Hoffnung in mir, dass es dieses Mal anders kommen wird.«
Er zog ein winziges Beil aus seiner Westentasche und drehte es nervös in den Händen. »Erinnerst du dich an unser Gespräch über die Päckchen mit Träumen, die wir verschicken?«
Greta nickte, war aber verunsichert. Worauf wollte Herr Somnium hinaus?
»Es handelt sich bei diesen Lieferungen immer um den Versuch, bereits vorhandene Träume zu erweitern. Als würdest du einen Film sehen, der sich plötzlich um das Doppelte verlängert, verstehst du? Mit meinen Päckchen wollte ich die Lebewesen dort draußen glücklich machen. Ihnen etwas schenken. Seit aber die große Traurigkeit gekommen ist, funktioniert das nicht mehr. Stell dir vor, du würdest einen unvollständigen Film mit Handlungssprüngen von mehreren Minuten oder sogar Stunden sehen. Du könntest der Geschichte nicht mehr folgen. Eben noch würdest du an einem weißen Sandstrand vor einem türkisblauen Ozean liegen und im nächsten Augenblick säßest du auf einer Schaukel. Du könntest die schönen Momente nicht genießen. Hättest du Spaß daran, einen solchen Film länger als nötig anzusehen?«
»Wäre er dann immer noch … ähm … kaputt?«
»Ganz genau.«
»Dann nicht.«
»Richtig. Unsere künstlich hergestellten Träume schaffen es also nicht, die Lücken in seelengeborenen Träumen zu füllen. Sie sind nicht stark genug. Wir müssten den Inhalt unserer Lieferungen durch einen anderen ersetzen … Durch etwas, das die lückenhaften Träume gänzlich überlagert. Fantasie in ihrer Reinform, sozusagen … Kannst du mir folgen?«
»N-nein. Ich glaube nicht.«
»Jede Faser deines Traumstranges wird von einer Vielzahl von Traumsequenzen bewohnt. So etwas kommt ausgesprochen selten vor. Die Fülle an Material, die hier vor uns liegt, würde ausreichen, um den halben Globus zumindest für ein paar Tage mit positiven Gefühlen zu bereichern. Um dies zu tun, müssen wir die benötigten Elemente aus deinem Traumstrang heraustrennen und an Bedürftige verschicken. Womit wir auch schon zum weniger schönen Teil dieses Unterfangens kommen.«
Herr Somnium räusperte sich vernehmlich und sah Greta einen Moment lang mitfühlend an, ehe er fortfuhr. »Solltest du dich dazu entscheiden, deine Abenteuer zu teilen, wird dein Strang deutlich schrumpfen. Dir werden nicht viele Träume für dich übrig bleiben. Es … es kann sein, dass sie irgendwann wieder anfangen, sich zu reproduzieren, doch die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gering. Im Normalfall bleiben dir nur noch wenige Jahre, ehe die Kapazität gänzlich erschöpft ist und du somit unwiderruflich aufhörst zu träumen.«
Eine Pause entstand, in der Greta das Gefühl niederkämpfte, auf der Stelle losweinen zu müssen. Sie wollte Herrn Somnium nicht enttäuschen; nicht, nachdem er schon so viele Enttäuschungen hatte verkraften müssen.
Und wäre es nicht wundervoll, wenn sie den Menschen ihr Lächeln zurückgeben könnte? Wenn sie das Glück in den Alltag all jener zurückbrächte, die sich tagein, tagaus mit ihrem Kummer herumschlugen? Wenn sie den Schmerz ihrer Mutter würde lindern können?
Es hatte keinen Sinn, sich etwas vorzumachen. Früher oder später, das wusste sie, würden ihre verbleibenden Ressourcen aufgebraucht sein.
Sie wäre dazu verdammt, ein traumloses Dasein zu fristen …
Angewiesen auf die Schönheit der Tage, um der Leere der Nächte zu entkommen.
Und möglicherweise würde sie sich am Ende umsonst geopfert haben, wenn Herr Somnium niemanden mehr auftreiben konnte, der bereit war, dasselbe zu tun …
Tränen brannten in ihren Augen.
Nein, sie wollte nicht weinen! Nicht jetzt! »Das ist unfair!«, schluchzte sie. »Diese Träume gehören mir! Ich m-möchte sie nicht abgeben. Und dabei m-muss ich doch, das weiß ich. Aber wenn die Träume nicht w-wiederkommen, bin ich ganz fürchterlich wütend auf Sie! Dann sehen wir uns nämlich n-nie wieder und das kann ich nicht, das geht doch nicht …«
Zu ihrem Erstaunen weinte Herr Somnium ebenfalls. Er legte das Beil auf den Tisch und zog Greta in seine Arme. »Du bist etwas Besonderes, Kindchen. Ich bin sicher, dass deine Träume niemals versiegen werden. Deine Seele ist zu verwinkelt, als dass die Magie in ihr jemals hinausfinden würde.«
Nach einer Weile löste sich Greta aus Herrn Somniums Umarmung. Die Tränen brannten immer noch, doch sie kümmerte sich nicht darum. »Tun Sie’s!«, flüsterte sie und sah zitternd zu, wie Herr Somnium ihren wunderschönen silbernen Traumstrang in tausend Teile schnitt.
Als Greta am nächsten Morgen erwachte, kitzelten Sonnenstrahlen ihr Gesicht. Mit einem Hechtsprung war sie am Fenster.
Der Schnee war geschmolzen. Es war fast, als wäre der Winter nie dagewesen. Denn dort, nasenlos und unverwüstlich, stand der Schneemann im Garten.
Dieses Mal war es nicht zu übersehen; das linke Auge des Schneemanns blitzte violett auf …
Fasziniert starrte Greta in Herrn Somniums Auge und war schon im Begriff, wider jeder Vernunft mit nichts als einem Schlafanzug bekleidet durch das Fenster in den Garten zu steigen.
Dann wurde sie von einer Schar Kinder abgelenkt, die lachend am Zaun vorbeiliefen und auf etwas jenseits ihres Sichtfeldes deuteten. Als sie wieder in den Garten sah, war der Schneemann verschwunden.
»Greta! Frühstück! Ich habe Pfannkuchen gemacht!«
Die Stimme ihrer Mutter durchflutete Gretas Herz mit einer Wärme, die nichts mit der strahlenden Sonne am Himmel zu tun hatte.
»Ich komme!« Greta stürzte aus dem Zimmer.
Sie hatte es gehört, aber sie wollte es auch sehen. Auf dem Weg in die Küche stolperte sie beinahe über ihre eigenen Füße.
»Da muss jemand gewaltigen Hunger haben.«
Gretas Mutter strich sich die Bluse glatt und bestreute die Pfannkuchen großzügig mit Zucker. Sie lächelte.
Sie stand auf der Brücke, legte die Hände auf das Geländer aus Stein, das durch die Sommersonne ganz warm geworden war und beobachtete den Lauf des Baches.
Der Geruch von brackigem Wasser hing in den Gassen und das Plätschern kam kaum gegen den Lärm an, den die Leute am Markt und in den Cafés verursachten. Trotz der Hitze war die Stadt voller Menschen. Eine Gruppe Touristen mit Fotoapparaten folgte einer Frau mit Sonnenbrand auf der Nase, die einen Schirm in die Höhe hielt. An der Eisdiele hatte sich eine Schlange gebildet und Kinder spielten an einem Brunnen.
Die junge Frau auf der Brücke hatte frei und musste nur ein paar Einkäufe erledigen. Es war ein sonniger Tag und sie hätte glücklich sein sollen. Aber das war sie nicht. Anstelle von Zufriedenheit, wenigstens angenehmer Trägheit, verspürte sie bleierne Müdigkeit, die wie Gewichte an ihr zog. Ein Rucksack voller Steine. Als hätte sie jeden Kiesel vom algenüberzogenen Flussbett aufgesammelt, um ihn auf dem Rücken zu tragen. Unförmig stach das Gewicht, der Rucksack saß nicht gut und es war ihr, als könnte sie ihn nicht ablegen.
Im Wasser unter ihr bewegte sich etwas. Ein Fisch, der kurz an die Oberfläche gekommen war und nun wieder im braungrünen Nass des Baches untertauchte. Die Sonne brannte, ihr schwirrte der Kopf. Wie schön es jetzt wäre, von der Brücke aus ins Wasser zu springen, wie der Fisch auf den Grund des kühlen Baches zu schwimmen und dort auszuruhen – und nie wieder aufzuwachen.
Der Gedanke erschreckte sie. Wie angewurzelt blieb sie stehen und starrte hinunter ins schale Wasser. Erst das Hupen eines Autos ließ sie aufschrecken. Tränen sammelten sich in ihren Augen, sie wischte sich über die nasse Wange und ging schnellen Schrittes nach Hause.
»Was nehmen Sie aus der heutigen Sitzung für sich mit?«, fragte Julia den jungen Mann, der ihr gegenüber auf einem schwarzen Ledersessel saß und ein Taschentuch mit den Fingern zerrupfte. Seine Augen waren rot vom Weinen.
»Ich … Ich denke, ich … Ich will ihr Grab besuchen. Aber ich muss es nicht. Ich muss nicht dahingehen, wenn ich nicht will. Und ich muss auch nicht alleine hingehen«, erklärte er und rieb sich die Nase, ehe er aufsah.
Julia nickte und lächelte traurig. »Sehr gut. Ich bin froh, dass Sie auf sich selbst und Ihre Bedürfnisse achten. Das ist ein wichtiger Schritt«, sagte sie und stand auf, um ihm die Hand zu schütteln. »Bis nächste Woche!«
»Bis nächste Woche. Danke, Frau Buchenberg«, flüsterte der Mann. Er stopfte sich die Taschentuchfetzen in die Hosentasche und flüchtete aus der Praxis.
Julia machte sich noch einige Notizen auf ihrem Klemmbrett, dann massierte sie sich den Nasenrücken und öffnete das Fenster, um frische Luft ins Zimmer zu lassen. Von dort aus sah sie den Kirchturm mit der Uhr und den verschnörkelten Zeigern. Bevor der nächste Klient kam, hatte sie noch eine halbe Stunde Zeit. Julia heftete ihre Notizen in den entsprechenden Ordner und schloss das Sprechzimmer ab, um sich im Mitarbeiterraum einen Kaffee zu machen.
Mit einem Knopfdruck blubberte die Kaffeemaschine und goss braune Flüssigkeit in Julias Lieblingstasse mit Hundewelpen-Motiv. Julia lehnte ihren Kopf gegen den Kühlschrank und schloss die Augen.
Die Tür schwang auf. »Bei dem Wetter ist es nicht so leicht, einen kühlen Kopf zu bewahren, was?«, sagte jemand.
Julia zuckte zurück und nahm beschämt ihre Tasse, damit ihre Chefin Nadiye sich auch einen Kaffee machen konnte.
»Na, wie geht es dir, Julia? Kaum zu glauben, dass du erst ein halbes Jahr bei uns arbeitest. Mir kommt es vor, als wärst du schon ewig hier!«
»Ein halbes Jahr schon«, staunte Julia. Tatsächlich kam es ihr eher wie gestern vor, als sie sich zum Studium der Psychologie eingeschrieben hatte.
»Gut. Etwas müde. Herr R. war gerade da und hat seit langem wieder geweint. Ich habe das Gefühl, dass er mich endlich durch seine Schutzmauer durchlässt.«
»Das klingt fabelhaft, aber eigentlich habe ich keine Zweifel daran, dass du gute Arbeit im Umgang mit den Klienten leistest«, antwortete Nadiye und drückte auf den Knopf der Kaffeemaschine. Nadiye hatte freundliche Augen, die Julia an den Labrador ihrer Nachbarn erinnerten. Auch in ihrem Lächeln lag Wärme, dennoch fröstelte Julia. Manchmal fühlte sie sich nackt gegenüber ihrer Kollegin.
»Du kannst immer zu mir kommen, wenn es dir nicht gut geht oder du ein paar Tage frei brauchst, in Ordnung?«, schob Nadiye noch hinterher und tätschelte ihr die Schulter.
»Klar. Danke«, stammelte Julia und war froh, dass Nadiye den Mitarbeiterraum verließ und nicht weiter nachhakte.
Julia hatte keinerlei Zweifel daran, dass ihre Chefin und Kollegen freundlich waren und Verständnis für ihre Situation hatten. Manchmal war das die Krux daran, nur mit Psychologen zusammenzuarbeiten. Alle waren verständnisvoll, sanft. Niemand wurde ungehalten oder laut oder würde ihr sagen, sie solle sich gefälligst zusammenreißen.
Julia trank einen Schluck Kaffee und flüchtete zurück ins Sprechzimmer. Im Regal suchte sie nach der entsprechenden Fallakte und las sich zur Erinnerung durch, was sie in der letzten Sitzung mit Frau S. besprochen hatte. Julia sehnte sich nach ihrem freien Wochenende. Die Badetasche lag bereits gepackt im Auto und laut Wetterbericht war kein Ende der Hitze in Sicht.
Julia saß auf ihrem Handtuch und beobachtete das Treiben am Becken, der Wind kitzelte ihre Haut.
Der Bademeister gab den Drei-Meter-Sprungturm frei, hinter ihm scharten sich gackernde Kinder in bunten Badehosen, mit Sommersprossen im Gesicht und Pflastern auf den Knien. Unermüdlich erklommen sie die Stufen zum Sprungturm, jeden Tag aufs Neue und verbrachten ihre Sommerferien zwischen Chlorwasser, Kaktuseis und Schwimmbad-Pommes.
Als Kind war Julia jeden freien Sommertag den langen Weg von ihrem Elternhaus bis ins Freibad geradelt und hatte ihr ganzes Taschengeld für Brausebonbons und saure Schlangen ausgegeben. Den ersten Milchzahn hatte sie verloren, als sie am Beckenrand ausgerutscht und mit dem Gesicht gegen einen Blumenkasten geknallt war. An einen Junge mit Zahnlücke, der ihr von seiner Gummibärchentüte abgegeben hatte, verlor sie den ersten Kuss mit elf Jahren. So viele schöne Erinnerungen verband sie mit dem Freibad. Wenn hier jemand weinte, dann waren es Kinder, die hingefallen waren oder kein zweites Eis von ihren Eltern bekamen.
Ursprünglich wollte Julia hier in Ruhe ein paar Bahnen ziehen und sich sonnen. Sie hatte auch ein Buch dabei, in dem sie seit vier Wochen lustlos immer mal wieder ein paar Seiten las. Ein Tag im Schwimmbad verhalf ihr stets zu einem freien Kopf.
Heute nicht. Julia saß auf ihrem Handtuch, die Haare zu einem Zopf gebunden und sah den Menschen beim Planschen und Baden zu. Eine Ameise krabbelte über ihren Fuß. Sie blieb reglos. Die Hitze machte sie träge, zu müde, um die wenigen Meter zum Schwimmbecken zu nehmen. Seufzend ließ Julia sich nach hinten fallen und starrte in den wolkenlosen Himmel. Sie lag unter einer Linde, deren grünes Laub ein wenig Schatten spendete.
Ihre Gedanken schweiften in die Ferne ab. Wenn sie jetzt ein Nickerchen machte, holte sie sich einen Sonnenbrand. Sie sollte sich zumindest vorher eincremen. Aber ihre Glieder blieben reglos, ihr Blick starr. Nur ihr Herz pumpte weiter im Takt, hielt die Maschinerie ihres Körpers am Laufen.
Julia musste an Herrn R. und seine Geschichte denken. An seine Freundin, die tot an einem Flussufer gefunden wurde. Niemand vermochte zu sagen ob es Suizid oder ein tragischer Unfall war. Aber Herr R. gab sich die Schuld. Und Julia musste unweigerlich an Marie denken. Maries breites Lächeln, die vielen gemeinsamen Nachmittage, die ausgetauschten Zettel im Unterricht, das Freundschaftsbändchen und die schlaflosen Nächte zwischen Kissen und Chipstüten.
Wenn Julia der Mond war, war Marie die Sonne. Laut, spontan und unternehmungslustig. Immer lachend, immer gut gelaunt. So zumindest der Schein. Doch auch Marie war nicht mehr da. Weil ich nicht richtig hingesehen habe. Weil ich es nicht bemerkt habe.
Julia fröstelte trotz der Hitze. Nein. So etwas wollte sie nicht denken. Es war nicht ihre Schuld.
Ein Wasserball prallte auf ihren Bauch und Julia schreckte auf.
»Tom, du solltest zu mir werfen und nicht auf arglose Mitbürgerinnen!«, rief jemand lachend.
Ein junger Mann eilte herbei und schnappte sich den Ball.
»Jaja!«, motzte er in Richtung seiner Mitspieler und wandte sich dann an Julia. »Entschuldigen Sie bi…«
Julia sah ihm in die Augen und er sah in ihre. Die Erkenntnis durchfuhr sie wie ein Blitzschlag.
»E-Entschuldigung, Frau Buchenberg«, stammelte Herr R. und wurde rot um die Nase.
Julia schüttelte den Kopf. »Kein Problem.«
Sie fühlte sich nicht beschämt, einfach nur leer.
»Geht es Ihnen nicht gut? Sie weinen ja«, bemerkte Herr R. besorgt und kniete sich neben sie.
Julia befühlte ihre Wange. Tatsächlich, Tränen liefen unaufhaltsam aus ihren Augen.
»Tom, hör auf zu flirten und beweg deinen Hintern!«, brüllte ein junger Mann aus der Ferne.
Herr R. warf einen Blick über seine Schulter. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er.
Julia schüttelte den Kopf. Im Vergleich zu ihren Sitzungen sah er gut aus. Es ging ihm wieder besser, er konnte mit seinen Freunden im Schwimmbad Wasserball spielen. Seine Augen waren nicht mehr glanzlos und leer.
Julia musste nicht in den Spiegel sehen, um zu wissen, dass sie es war, die nun aussah wie ein lebloses Gespenst.
»Sie haben in den letzten Sitzungen irgendwie niedergeschlagen gewirkt. Es … Also … Wenn es Ihnen nicht gut geht, dann lassen wir die Sitzung lieber ausfallen. Gar kein Problem. Ich bin soweit stabil. Um mich müssen Sie sich keine Sorgen machen.«
Julia sah ihn an und unterdrückte ein Schniefen. »Entschuldigung. Das ist sehr unprofessionell von mir.«
Herr R. schüttelte energisch den Kopf. »Sie sind auch nur ein Mensch. Wenn es Ihnen nicht gut geht, bitten Sie jemanden um Hilfe. Das predigen Sie mir immer!«, sagte Herr R. und lächelte schwach.
Julia sah ihn an und schmunzelte. »Ja, das stimmt. Ich sollte mich an meine eigenen Ratschläge halten.«
Er hatte Recht. Sie wusste es besser.
»Geht es wirklich?«, fragte Herr R. unsicher, nahm den Wasserball und stand auf.
Diesmal lächelte Julia ehrlich. Sie wischte sich die Tränen fort und stand auf. »Ja. Danke. Heute haben Sie mir geholfen.«
Herr R. lächelte und verabschiedete sich, ehe er zu seinen Freunden eilte, um weiter zu spielen.
Julia sah ihm noch eine Weile hinterher, dann streifte sie ihr Sommerkleid über und packte ihre Tasche. Auf dem Weg zum Auto wählte sie Nadiyes Nummer. Es dauerte eine Weile, bis jemand abhob.
»Psychotherapie-Praxis am Rathausplatz. Nadiye Kahveci am Apparat, was kann ich für Sie tun?«
»Hallo Nadiye, ich bin’s, Julia.«
»Nanu, Julchen, du hast doch heute frei, oder? Was steht an?«
»Ich …«, Julia holte tief Luft, bevor sie weitersprach. »Also, die Sache ist: Mir geht es nicht gut. Die Geschichte von Herrn R. erinnert mich an eine gute Freundin von mir, die vor einigen Jahren gestorben ist. Ich dachte, ich komme damit klar, aber in Wahrheit geht es mir beschissen.« Wieder rollten die Tränen über Julias Wangen. Bilder und Erinnerungen vermischten sich, Trauer, Wut, Schuldgefühle und Scham tobten in Julias Kopf.
Nadiye blieb einen Moment ruhig.
Julias Herz klopfte laut, sie fürchtete sich vor der Reaktion.
»Danke Julia. Ich bin froh, dass du ehrlich zu mir bist. Wenn du möchtest und dich fit genug fühlst, kannst du heute nach Feierabend in die Praxis kommen. Dann reden wir in Ruhe und suchen gemeinsam einen Weg, damit es dir wieder besser geht. Bei Jonathan wird auch in zwei Wochen ein Platz frei, er kann Herrn R. also übernehmen. Mach dir deswegen keine Sorgen. Gemeinsam finden wir einen Weg, dir zu helfen, ja?«
»Ja«, schniefte Julia und es war ihr, als würden die Steine aus ihrem Rucksack endlich zu Boden purzeln.
Gerade als Alexander die Station erreichte, hielt die Straßenbahn. Doch seine Eile war verflogen, kaum dass er sein Mietshaus verlassen hatte. Jetzt wartete er, bis sich die Türen der Bahn öffneten und unzählige Menschen herausdrängten. Ob Männer mit Aktentaschen oder Frauen mit Hunden auf dem Arm, alle spannten hastig ihre Regenschirme auf. Roboter, die Tag für Tag das gleiche Programm abspielten, festgefahren in ihren Routinen. Während der Nieselregen ihren täglichen Ablauf störte, schoben sie Alexander einfach beiseite.
Er wich einem Schirm aus, stieg in die Bahn und setzte sich auf den nächsten Platz. Sein Blick schweifte über die Einsteigenden. Die Menschen merkten nicht einmal, wie mechanisch sie sich verhielten. Immer gab es jemanden, der über seine verschlissene Regenjacke die Nase rümpfte oder eine abfällige Bemerkung über den dicken Jungen fallen ließ, der nicht das neueste Handymodell hatte.
Alexander zog sein Smartphone aus der Jackentasche und betrachtete das schwarze Display. Ob sie wussten, dass er ihre Blicke bemerkte? Er schob sich die nassen Haare aus den Augen und suchte den Kontakt seines Freundes heraus.
»Hey Lexi, was gibt‘s?«, meldete sich Nikolas.
Im Hintergrund hörte Alexander Lachen und Schüsse aus einem Videospiel. »Hey«, entgegnete er. »Kann ich heute bei dir übernachten?«
Nikolas pustete hörbar die Luft aus seinen Lungen. Alexander konnte förmlich sehen, wie er zu den Jungen schaute, die nur wegen seines neusten Computerspiels gekommen waren. »Klar, komm später einfach vorbei.« Eine Pause entstand, das Jubeln der anderen Jungen im Hintergrund wurde leiser. Sicher war Nikolas auf den Flur gegangen. »Dein Vater?«
Seufzend betrachtete Alexander die Spiegelungen im Fenster. »Nein, Claudia und ihre Saufkumpels.« Die Frau ihm gegenüber beäugte ihn unauffällig über ihre Zeitung hinweg. »Meinen Vater stört‘s ja nicht, wenn die ganze Nacht zu lauter Musik gesoffen wird.« Mund und Nase der Frau konnte Alexander hinter den Seiten nicht sehen, doch ihre Augen wandten sich hastig wieder ihrer Lektüre zu. »Ich fahre erst mal zur Bücherei, ich komme dann, wenn sie schließt.«
»Schon gehört? Die Brillenschlange hat wieder jemanden erwischt, eine Türkin.«
»Ja.« Für diese Scherze hatte er nichts übrig.
»Okay, cya!« Schon hatte Nikolas den Voice-Chat beendet.
Die Frau Alexander gegenüber war in ihre Zeitung vertieft. Als sie umblätterte, las Alexander die Überschrift: »13-jährige Hanife Yilmaz verschwunden – Vater beteuert Unschuld.« Alexander sah aus dem Fenster; eine Haltestelle, zwei Haltestellen. Hohe Altbauten drängten sich in engen Straßen, die plötzlich durch das üppige Grün des Parks am Rathaus ersetzt wurden. Eine Haltestelle später wechselte das Bild zu den Schaufenstern der Innenstadt und Alexander stieg aus.
Zehn Minuten später stand er vor der Bücherei. Die Fassade war im letzten Sommer renoviert worden, dennoch prangte neben der massiven Holztür ein unleserliches Graffiti. Gleich hinter der quietschenden Tür standen Schließfächer und Garderobenständer nebeneinander. Feuchtigkeit lag in der Luft, während sich unter Jacken und Regenschirmen eine Pfütze auf dem unebenen Steinboden gebildet hatte.
Alexander machte sich nicht die Mühe, sich seiner nassen Jacke zu entledigen, er würde erneut Blicke auf sich ziehen. Sein Pulli darunter sah nicht nur alt aus, sein Vater hatte die Wäsche nicht gewaschen. Während einige Erwachsene hektisch in den Regalen mit Sachbüchern nach Lesestoff suchten, schlenderte Alexander gemütlich durch die nächste Tür und ging die Treppe hinauf in den ersten Stock zu den Erwachsenenromanen.
Wahllos zog er ein Buch bei den Thrillern heraus, dessen Titel er nicht kannte, nahm zwei unter der Aufschrift »Horror« und noch eines aus der Ecke »Fantasy«. Unter den wachsamen Augen der Bibliothekarin, die einen voll beladenen Bücherwagen schob, betrat Alexander abermals das Treppenhaus.
Sie beobachtete ihn noch durch die Glastür hindurch. Feindselig hatte die Brillenschlange den Kopf gesenkt und starrte ihn über den Rand ihrer Gläser hinweg an.
Alexander bekam eine Gänsehaut. Ihr Blick wirkte wie eine Harpune, mit der sie ihn durchbohren und erbeuten wollte. Als ein anderer Besucher sie ansprach, wandte sich Alexander hastig der Treppe zu.
»Hallo, Alexander.«
Er zuckte zusammen und sah den Mann an, der ihm die Stufen hinauf entgegen kam. »Abend, Herr Grabowski.«
Herr Grabowski lächelte. Es war das erste ehrliche Lächeln, das Alexander heute begegnete. In der ganzen Schule war »Der Spinowski« der einzige Lehrer, den er mochte; unkompliziert, offen und immer interessiert an seinen Schülern. Aber seit diesem Schuljahr hatte er einen anderen Lehrer im Deutschunterricht.
»Ich sehe, du bildest dich weiter.« Herr Grabowski zwinkerte ihm zu. »Wenn schon nicht für die Schule, dann für dich selbst.«
Alexander nickte und ertappte sich, wie er das Lächeln erwiderte.
»Das wollte ich sehen«, sagte Herr Grabowski, dabei klopfte er ihm auf die Schulter. »Und vergiss nicht, dich noch für das Filmprojekt anzumelden. Ich hätte dich sehr gerne dabei. Du weißt ja: Zwischen Wissenschaft und Wirklichkeit liegt noch so viel mehr, als man sieht.«
Das war sein Lieblingsspruch. Wieder nickte Alexander, Herr Grabowski verabschiedete sich. Einen Moment blieb Alexander stehen und schaute ihm nach. Herr Grabowski fragte nie, ob alles in Ordnung war – er wusste, es war nicht so. Er gab ihm keine Ratschläge, wie all die anderen Lehrer. Stattdessen hatte er sein Interesse für Geschichten geweckt.
Alexander seufzte und ging weiter. Sein Weg führte ihn zu seinem Lieblingsplatz, ganz unten an der Kellertreppe. Anders als in den anderen Stockwerken, waren die beiden Türen hier unten nicht verglast und stets verschlossen. An einer hing ein Schild mit der Aufschrift »Personal«, die andere wirkte wie eine Tresortür. Unter der Treppe standen einige ausrangierte Stühle gestapelt. Alexander legte die Bücher auf den Obersten und hob ihn herunter. Daneben war genug Platz, um den Stuhl an die Wand zu stellen. Die kaputte Lehne neben sich, die Füße angezogen, den Rücken gegen die Wand gelehnt, nahm Alexander das erste Buch zur Hand und begann zu lesen. Schon nach wenigen Sätzen spürte er die Kälte der Wand nicht mehr.
Plötzlich ging das Licht aus. Alexander war so vertieft in die Geschichte von Stephen King, dass er zusammenzuckte. Hektisch holte er sein Handy hervor. 20:33 leuchtete es auf dem Display, die Bibliothek war bereits seit einer halben Stunde geschlossen. Er eilte die Treppe hinauf. Alles war dunkel, nur die beiden grünen Notlichter über den Glastüren spendeten etwas Licht. Jetzt waren auch die Türen zum Treppenhaus verschlossen. Schemenhaft erkannte Alexander die Buchreihen auf der anderen Seite des Glases. Das bleiche Licht der Straßenlaternen fiel durch die Fenster und tauchte alles in grau und schwarz.
Bewegte sich da nicht etwas? Sein Magen kribbelte vor Aufregung. Erneut zog er sein Handy aus der Hosentasche, um Nikolas anzurufen, als im Stockwerk über ihm die Tür zufiel. Das Rasseln von Schlüsseln folgte. Alexander erstarrte und schaltete hastig das Display aus. Ein Schloss klackte, dann hörte er Schritte.
Im ersten Moment fühlte sich Alexander wie in einen der Romane versetzt, in denen er soeben noch gelesen hatte. Der grüne Schein der Notlichter fing sich in der hellen Kleidung der Gestalt, die die Treppe hinunter kam und spiegelte sich in den Brillengläsern; die Bibliothekarin.
Augenblicklich kamen ihm die Gerüchte von den verschwundenen Kindern in den Sinn. Alle sollten vor ihrem Verschwinden die Bücherei besucht haben. Die Brillenschlange hat wieder jemanden erwischt, hatte Nikolas gescherzt. Was, wenn etwas an den Gerüchten der Wahrheit entsprach? Zeitungsartikel und Nachrichtenberichte bezeichneten sie als Urban Legends, doch das beruhigte Alexander nicht. Er schluckte, sah sich hastig um und stolperte zurück in das Kellergeschoss. Die Nische unter den Stufen war das beste Versteck, das er finden konnte. Er kauerte sich unter einen Stuhl und hielt die Luft an. Die Schritte näherten sich.
Der Schlüsselbund schepperte bei jeder Bewegung. Alexander sah nur einen Schemen, als die Bibliothekarin gemächlich an seinem Versteck vorbeiging. Dem Scheppern folgte ein metallisches Schaben, dann klirrte es erneut. Ein Klacken beendete das Schlüsselkonzert, Licht ergoss sich über den Fußboden.
Alexander spähte hinüber. Das Licht kam aus dem Raum mit der Aufschrift »Personal«. Doch er konnte nur flüchtig ein hell eingerichtetes Bürozimmer sehen, bevor die Tür zufiel. Ob es dort einen weiteren Ausgang gab? Vorsichtig schob er sich vor, zuckte aber sofort zurück, als sich das Büro erneut öffnete.
Die Brillenschlange ging zu der gegenüberliegenden Tür, diese hatte zwei Schlüssellöcher. Jetzt hielt die Bibliothekarin einen weiteren Schlüssel in der Hand. Der rote Anhänger klapperte gegen die Tür, als sie den ungewöhnlich dicken Schlüssel in das obere Schloss schob. In das andere steckte sie einen von ihrem Bund.
Ein vielstimmiges Brummen und Summen erklang, als sie die schwere Tür aufzog, sie verkeilte und den Raum dahinter betrat.
Alexander sah viele Bücher, alle sorgfältig in Reih und Glied aufgestellt, sortiert nach Größen. Ein eigentümlich trockener Geruch kroch ihm entgegen. Nach und nach flackerten Neonröhren auf, sie tauchten den Raum in kaltes Licht.
Die Brillenschlange verschwand zwischen den metallenen Regalen.
Alexander wollte die Gelegenheit nutzen, um im Büro nach einem Ausgang zu suchen. Seine Hand lag schon auf der Klinke, als ihm etwas auffiel: Hatten die Bücher geleuchtet? Wie hätte er sie sonst in einem dunklen Kellerraum ohne Licht erkennen können? Zögerlich riskierte Alexander einen Blick zurück.
Die Neonlampen waren zu grell, um festzustellen, ob ihm seine Phantasie einen Streich gespielt hatte. Ohne darüber nachzudenken, schlich er zu der anderen Tür hinüber und lugte um die Ecke.
Die Bibliothekarin war nicht zu sehen, aber zu hören. Über den Lärm unzähliger Lüfter an der Decke sang sie mit heller Stimme ein Lied mit eigentümlicher Melodie und Sprache.
Mit einem Satz war Alexander zwischen den Regalen, griff willkürlich einen dicken Band. Mit diesem unter dem Arm lief er zurück ins Treppenhaus.
»Ist da jemand?«, hörte er die Brillenschlange rufen.
Panik überkam ihn. Alexander schob die Beute unter seine Jacke und stürmte in das Büro. Drei Schreibtische, zwei davon mit Computern ausgestattet, füllten den Raum. Ein massiver Schrank stand ihm gegenüber, neben einer Garderobe sah Alexander seine Rettung: Eine weitere Tür! Gerade als er hindurch schlüpfte, stürmte jemand in das Büro.
»Halt!«, rief die Bibliothekarin.
Hastig zog er die Tür hinter sich zu. Er fand sich auf der Straße hinter der Bibliothek wieder. Ohne innezuhalten, rannte er davon.
Hannah, die Haushaltshilfe, öffnete ihm die Tür. Mit dem ersten Schritt in Nikolas‘ Haus fiel die Anspannung endlich von Alexander ab. Er lockerte den Griff, mit dem er das Buch fest umschlungen unter seiner Jacke festhielt. »Niko ist in seinem Zimmer. Ich bringe euch noch Kakao, okay?«
Auf Alexanders Nicken hin verschwand Hannah den Flur hinunter in der Küche. Im Moment war Hannah wohl mehr Babysitterin, als Putzfrau. »Ersatzoma«, scherzte Nikolas manchmal.
Oben stand die Tür zu Nikolas‘ Zimmer weit offen. Alexander ging hinein.
»Ey man, wo warst du so lange?!«, beschwerte sich sein Freund. Seine Gäste waren wieder gegangen, nur ein paar halbvolle Flaschen Cola und die Chipsreste auf dem Boden erinnerten an den Besuch. Der Fernseher war ausgeschaltet, die Controller der Spielekonsole ordentlich darunter im Schrank verstaut. Dafür lief Nikolas‘ Computer auf dem Schreibtisch daneben.
»Die Brillenschlange hätte mich fast eingeschlossen.« Erschöpft ließ sich Alexander auf die Couch fallen.
»Bist du da eingeschlafen, oder was?«
Zu einer Antwort kam Alexander nicht, Nikolas‘ iPhone meldete sich mit einem rhythmischen Beat und rappenden Stimmen; seine Mutter. Auch durch die knappen Antworten bekam Alexander mit, dass Nikos Mutter heute erst spät kommen würde – mal wieder. Nikolas presste die Lippen zusammen. Er sprach kurz angebunden. Nur eine weitere Enttäuschung.
Alexander kannte das Gefühl.
