1. Auflage 2013
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Copyright Erbbauverein Köln eG, Köln 2013
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist
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Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des
Urheberrechts ist ohne Zustimmung der Erbbauverein
Köln eG unzulässig und strafbar.
Recherche, Interviews und Text: Geschichte.Präsent, Köln
Historische Kommission Erbbauverein, Köln
Layout: Lux Communications, Köln
Druck: Grafisches Centrum Cuno, Calbe
J.P. Bachem Verlag, Köln
ISBN 978-3-7616-2714-3 Buch
ISBN 978-3-7616-2715-0
www.bachem.de/verlag
epub
„Wie Menschen denken und leben,
so bauen und wohnen sie.“
(Johann Gottfried von Herder)
Inhaltsverzeichnis
Grußwort ............................................................................ S. 8
Jürgen Roters
„Almosen demoralisiert“ .......................................................... S. 10
Vorgeschichte und Gründung (1889 – 1913)
„Schöner Wohnen“ ................................................................. S. 26
Pionierleistung und Krisen (1913 – 1933)
Interview: Peter Weber
„Vom Genossen zum Volksgenossen“ ...........................................
Nationalsozialismus und Krieg (1933 – 1945)
Interview: Wilhelm Wienand
„Auferstanden aus Ruinen“ ....................................................... S. 66
Wohnungsnot und Wiederaufbau (1945 – 1955)
Interview: Barbara Brust
„Bauen, Bauen, Bauen…“ .......................................................... S. 90
Ausbau und Modernisierung (1955 – 1970)
Interview: Hildegard Hilgers
„Urbanität durch Dichte“
.......................................................... S. 112
Hochhausbau und Kostendruck (1970 – 1995)
Interview: Dr. Thomas Hilpert und Michael Dölfs
S. 48
6
100 Jahre Erbbauverein Köln eG
Inhaltsverzeichnis
„Innovation aus Tradition“
...................................................... S. 140
Bauboom und Solarsiedlungen (1995 – 2013)
Interview: Uwe Neuhaus und Helmut Becker
Fotodokumentation .............................................................. S. 168
Neubauten
Ausblick ............................................................................. S. 180
Interview: Werner Roche
Literaturverzeichnis
Abbildungsnachweis
Leitbild
100 Jahre Erbbauverein Köln eG
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Grußwort
Jürgen Roters
Oberbürgermeister der Stadt Köln
„Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele.“
(Friedrich W. Raiffeisen [1818–1888], einer der Väter des Genossenschaftsgedankens)
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
100 Jahre Erbbauverein Köln eG – ein guter Grund zum Feiern, innehalten, zurück- aber auch
nach vorne blicken. Die vorliegende Festschrift dokumentiert die Geschichte der Genossen-
schaft Erbbauverein Köln eG eindrucksvoll.
In Deutschland bestehen rund 2.000 Wohnungsgenossenschaften mit über zwei Millionen Woh-
nungen und drei Millionen Mitgliedern. Das genossenschaftliche Wohnen ist neben dem Woh-
nen zur Miete und dem Wohneigentum die dritte tragende Säule der Wohnraumversorgung.
Das Wohnen bei einer Genossenschaft ist seit jeher eine besonders begehrte Wohnform,
denn wer eine Genossenschaftswohnung gefunden hat, ist dauerhaft gut aufgehoben. Eine
Genossenschaft spekuliert nicht, sondern legt ihr Kapital mit Bedacht an. Damit sorgt sie
für sichere Wohnungen zu tragbaren Mieten.
Nicht selten kann die erste Wohnung bis ins Alter genutzt werden. Und wenn die Wohnung
durch Familienzuwachs zu klein oder im Alter zu groß wird, können Genossenschaftsmit-
glieder innerhalb des Bestandes oft sogar im vertrauten Wohnviertel tauschen. Die Aus-
sicht einer lukrativen jährlichen Dividende auf die Geschäftsanteile und das mitbestimmte
und geschützte Dauerwohnrecht sind weitere attraktive Vorteile.
Bei der Erbbauverein Köln eG hatte die Sicherung dieses Dauerwohnrechts für die Mitglie-
der zentrale Bedeutung, als es um die Umsiedlung des Barmer Viertels in Köln-Deutz ging.
Im Zuge des städtebaulichen Projekts „ICE-Terminal Köln-Deutz/Messe“ sollte das Wohn-
viertel mit seinen 381 Wohnungen zugunsten der Erweiterung der KölnMesse und eines
Büro- und Geschäftsstandortes abgerissen werden. Die Erbbauverein Köln eG signalisierte
ihre Bereitschaft zur Unterstützung der städtebaulichen Entwicklung, unter der Vorausset-
zung, dass die Mieterinnen und Mieter nicht benachteiligt werden. Deswegen baute sie
über 450 Neubauwohnungen in fünf Kölner Stadtteilen, in denen fast 1.000 Menschen ihr
neues Zuhause fanden. Zusätzlich regelte eine Sozialplanvereinbarung, dass die Mieten
für die ehemaligen Barmer Viertel Bewohner subventioniert werden konnten, so dass alle,
die wollten, auch wirklich mitziehen konnten.
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100 Jahre Erbbauverein Köln eG
Grußwort – Jürgen Roters
Die Erbbauverein Köln eG ruht sich auf ihrer hundertjährigen Geschichte nicht aus. Sie
kennt und stellt sich den großen aktuellen und künftigen Herausforderungen der Wohnungs-
wirtschaft, wie etwa den steigenden Energiekosten und der demografischen Entwicklung.
Sie setzt schon seit Jahren auf moderne Technologien, insbesondere durch die Nutzung
regenerativer Energiequellen. Auch das im wachsenden Köln wichtige Thema der Schaf-
fung neuen Wohnraumes verfolgte die Genossenschaft mit großem Engagement. So
investierte sie allein zwischen 2001 und 2009 rd. 130 Mio. Euro in fast 800 neue bzw. neu-
wertig modernisierte Wohnungen, so dass heute ein Drittel ihres Wohnungsbestandes
über Neubaustandard verfügt.
Allein vier Wohnanlagen wurden von der Landesregierung NRW mit dem Prädikat Solar-
siedlung NRW ausgezeichnet. In 2010 erhielt sie den Deutschen Solarpreis der EURO-
SOLAR in der Kategorie Solares Bauen und Stadtentwicklung für beispielhaftes Engage-
ment in der nachhaltigen Einwicklung des Bestandes und den bewussten Umgang mit
schwindenden Ressourcen. Diese Parameter zeigen, dass die Erbbauverein Köln eG zu
Recht stolz auf sich sein kann.
Ich hoffe, dass die Erbbauverein Köln eG den eingeschlagenen Weg konsequent weiter
beschreitet und wünsche ihr viel Erfolg sowohl im Sinne der Mitglieder als auch im Sinne
der Stadt für die nächsten einhundert Jahre. Ihnen, den Leserinnen und Lesern, viel Spaß
bei der Lektüre dieser umfangreichen Geschichte über „Bauen – Wohnen – Leben“ beim
Kölner Erbbauverein.
Ihr
Bild oben:
Jürgen Roters, Oberbürgermeister.
Jürgen Roters
Oberbürgermeister der Stadt Köln
100 Jahre Erbbauverein Köln eG
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1889 – 1913
1913 – 1933
1933 – 1945
Vorgeschichte und Gründung (1889 – 1913)
Mietskasernen, Hinterhöfe, Wohnungsnot
Von der Fremdhilfe zur Selbsthilfe
Genossenschaftliche Pionierleistungen
Gründung im Fränkischen Hof
Berliner Luft: Das Vorbild Moabit
Schnell wie ein Postzug
Entscheidung für Deutz
Keimzelle im Barmer Viertel
Pragmatismus statt Ideologie
Zum Bauen gehört Geld
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100 Jahre Erbbauverein Köln eG
Vorgeschichte und Gründung
(1889 – 1913)
„Man kann einen Menschen mit einer
Wohnung genau so töten wie mit einer Axt.“
(Heinrich Zille, Grafi ker, Zeichner, Fotograf)
1945 – 1955
1955 – 1970
1970– 1995
1995 – 2013
100 Jahre Erbbauverein Köln eG
11
„Almosen demoralisiert“
Vorgeschichte und Gründung (1889 – 1913)
Mietskasernen, Hinterhöfe,
Wohnungsnot
Heinrich Zille, legendärer Chronist des
Berliner „Milljöhs“, gehörte zweifellos
zu den pointiertesten Beobachtern des
proletarischen Großstadtlebens mit all
seinen sozialen Verwerfungen. Zilles
Geschichten rückten die Not der „kleinen
Leute“ und insbesondere die prekäre
Wohnsituation in den Fokus des öffent-
lichen Interesses. Denn trotz manch
technischer und sozialer Verbesserung:
Das Wohnungsproblem blieb Ende des
19. Jahrhunderts eines der dringends-
ten gesellschaftlichen Probleme über-
haupt – ob in Berlin, Hamburg oder Köln.
Mit der Industrialisierung und dem star-
ken Bevölkerungsanstieg hatten sich in
den großen Städten die Mietskasernen
ausgebreitet, berüchtigt für ausgespro-
chen schlechte Wohnbedingungen. Nicht
selten mussten Großfamilien mit zwei
oder drei Räumen auskommen, Mieter-
schutz war faktisch nicht gegeben. Zu-
sätzlich bevölkerten obdachlose Schlaf-
gänger, denen stundenweise ein Bett
zur Übernachtung angeboten wurde, die
bereits schon überbelegten Wohnungen.
Die Wohnsituation vieler mittelloser
Stadtbewohner war außerdem durch
fehlende sanitäre Einrichtungen und
vernachlässigte Instandsetzung gekenn-
zeichnet. Nach dem Prinzip „Mehr Schein
als Sein“ stachen bestenfalls einige
repräsentative Fassaden heraus, welche
Bild oben:
Hinterhof einer Mietskaserne, um 1897.
die Illusion bürgerlicher Wohnlichkeit
aufrechterhielten. Günstigen und gleich-
zeitig menschenwürdigen Wohnraum zu
schaffen, gehörte daher zu den großen
sozialen Herausforderungen der Zeit.
Das galt ganz konkret auch für Köln: Vor
1914 entsprachen ca. 25% aller Kölner
Wohngebäude, die zusammen etwa die
Hälfte der Stadtbevölkerung beherberg-
ten, dem Standard von Mietskasernen. Ein
explosiver sozialer Sprengstoff! Unter-
nehmer und Stadtobere bemühten sich
daher bereits früh um Lösungsansätze
für die unzureichende Wohnsituation,
die schließlich im sogenannten „Reform-
wohnungsbau“ gefunden wurden. Dazu
zählten um 1900 die betriebliche Woh-
nungsfürsorge durch einzelne Unterneh-
mer, die philanthropische Fremdversor-
gung in Form gemeinnütziger Stiftungen,
der staatliche bzw. kommunale Woh-
nungsbau sowie – nicht zuletzt – die
genossenschaftliche Selbsthilfe. An Ini-
tiativen zur Verbesserung der Wohnsi-
tuation mangelte es also nicht, Umfang
und Wirkungsgrad blieben jedoch zu-
nächst noch sehr begrenzt.
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100 Jahre Erbbauverein Köln eG
Vorgeschichte und Gründung
(1889 – 1913)
Von der Fremdhilfe zur Selbsthilfe
Anfänglich war es die betriebliche Woh-
nungsfürsorge – in Köln mit bedeutenden
Unternehmen wie Van der Zypen & Char-
lier, Felten & Guilleaume oder Stollwerck
verbunden –, die zum Teil beachtliche
Anerkennung erfuhr und in hygienischer,
technischer sowie ästhetischer Sicht
Bemerkenswertes leistete. Als Stiftung ist
beispielsweise die des Möbelfabrikanten
Jakob Pallenberg hervorzuheben, der tes-
tamentarisch den Bau eines Arbeiterheims
für verdiente Mitarbeiter verfügt hatte.
Aber auch die Stadt Köln begann, ihre
Wohnungspolitik stärker nach sozialen
Gesichtspunkten auszurichten. 1898 wurde
ein städtischer Wohnungsnachweis für
Arbeiter und kleine Angestellte eingeführt
und innerhalb von nur drei Jahren konnten
8.000 Wohnungen unentgeltlich vermittelt
werden. Die Stadt, die kurz nach der Jahr-
hundertwende ca. ein Zehntel des ge-
samten Grund und Bodens in Köln besaß,
begründete schließlich 1902 die ersten ei-
genständigen Wohnungsbauprojekte, die
zu Beginn vor allem auf Sondergruppen
kommunal Beschäftigter abzielten.
Ab Ende des 19. Jahrhunderts nahm auch
die genossenschaftliche Selbsthilfe eine
immer größere Bedeutung ein. Eingeleitet
wurde diese Entwicklung 1889 durch eine
Novelle zum Genossenschaftsgesetz, wel-
che die Möglichkeit der beschränkten Haf-
tung vorsah. Genossenschaftler mussten
fortan nur noch mit einer vorher verein-
barten Haftsumme für etwaige Verluste
eintreten. Bis zu diesem Zeitpunkt hätten
die Mitglieder im schlimmsten Fall mit ih-
rem gesamten Privatvermögen einstehen
müssen, was Kleinsparer wie kapitalkräfti-
ge Investoren gleichermaßen abschreckte.
Parallel dazu entstanden die Landes-
versicherungsanstalten, die verpflichtet
wurden, einfließende Rentenmittel ge-
meinnützig anzulegen. So konnten aus
den Rücklagen der Altersversicherung
auch den Baugenossenschaften zinsgüns-
tige Kredite eingeräumt werden. Weiteres
Kapital stand seit der Jahrhundertwende
durch die Wohnungsfürsorgefonds zur
Verfügung, die man speziell für den Be-
amtenwohnungsbau eingerichtet hatte.
Folge dieser verbesserten Rahmenbedin-
gungen war eine große Welle von Genos-
senschaftsgründungen: Reichsweit zählte
man im Jahr 1908 bereits 764 Baugenossen-
schaften.
Bild oben:
Angelehnt an dörfliches Idyll – Jakob Pallenbergs
Arbeiterheim in Weidenpesch, um 1911.
100 Jahre Erbbauverein Köln eG
13
Gelingen konnte diese schnelle Expansion
nur durch starke Fürsprecher. Der genossen-
schaftliche Aspekt der „Hilfe zur Selbst-
hilfe“ wurde von staatlicher Seite zumeist
wohlwollend unterstützt, sah man darin
doch eine gute Möglichkeit, soziale Prob-
leme und Gegensätze abzumildern, ohne
dabei bestehende Besitzverhältnisse
grundsätzlich in Frage zu stellen. Davon
zeugt beispielsweise auch das über 400
Seiten starke „Handbuch für Baugenos-
senschaften“ von 1913, ein praktischer
Ratgeber für genossenschaftliche Arbeit,
verfasst von einem hohen Beamten des
kaiserlichen Innenministeriums. Staats-
tragende Schichten – Bildungsbürgertum,
Kirchen- und Wirtschaftsvertreter – domi-
nierten häufig auch die Vorstände und
Aufsichtsräte der neu entstandenen Ge-
nossenschaften.
Bild unten:
Köln, Luftaufnahme, um 1900.
Auch das ist Köln – Pulsierendes Leben in der Rheinmetropole
Mit der Volkszählung vom Dezember 1910 zählte die zweitgrößte Stadt Preußens 521.000 Einwohner. Vor dem Ersten Weltkrieg verkehrten
bereits 20 elektrische Straßenbahnen in der Domstadt, der Fahrpreis für 3 km betrug 10 Pfennig. Wer besser gestellt war, konnte außerdem
zur Beförderung zwischen Pferde- und Motor-Droschke wählen. Auch an Ausgehmöglichkeiten mangelte es nicht: Opernhaus, Theater,
Cabarets, Museen, Cafés, Wein- und Bierrestaurationen… Wie es sich für eine echte Großstadt gehörte, fand sich für die damalige Zeit auch
recht Eigentümliches: Vegetarische Gasthäuser etwa oder die ersten Automaten-Restaurants, in denen der Gast die Speisen und Getränke
durch Münzeinwurf „serviert“ bekam. Wer es handfester mochte, ging einfach auf ein Glas Wieß, dem naturtrüben Vorgänger des heutigen
Kölsch, in die nächste Wirtschaft oder ließ sich für 70 Pfennig Hämmchen mit Sauerkraut und Kartoffelpüree schmecken. Ausgesprochener
Luxus und für viele Bürger kaum erschwinglich, blieb hingegen eine Konzertkarte im Gürzenich: Stolze 5 Mark musste man dafür aufwenden.
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100 Jahre Erbbauverein Köln eG
Vorgeschichte und Gründung
(1889 – 1913)
Genossenschaftliche Pionierleistungen
1902 hieß es in der Zeitschrift „CONCORDIA. Zeitschrift der Centralstelle für Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen“: „Cöln steht, was die Woh-
nungsfürsorge für die minderbemittelten Klassen, namentlich auf gemeinnütziger Grundlage betrifft, mit an erster Stelle.“ Diese positive
Entwicklung war vor allem den Baugenossenschaften zu verdanken, deren Kölner Tradition mit der Gründung des Wohnungs- und Konsum-
vereins evangelischer Arbeiter im Jahr 1891 ihren Anfang genommen hatte. Bald hatte auch im Rheinland die genossenschaftliche Bautätigkeit
eine deutlich größere Bedeutung als Projekte paternalistischer Gesellschaften und Stiftungen. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges sollten
im gesamten Rheinland durch insgesamt über 100 Genossenschaften 16.000 Wohnungen errichtet werden.
Architektonisch bemühten sich viele Kölner Baugenossenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wohnreformerische Ideen aufzugreifen und
umzusetzen. Dazu gehörte beispielsweise die Senkung der Bebauungsdichte oder die zweckdienlichere Gestaltung der Nebenräume wie bei-
spielsweise Bad und Kammer. Neben der Straßenfront rückte jetzt auch die Hoffassade stärker in den Fokus des Interesses. Bei allen Bauvorhaben
blieb jedoch ein sachlicher und kostensparender Baustil richtungsweisend, der aus wirtschaftlichen Gründen ohnehin alternativlos war. Unter-
stützt wurden diese Vorhaben bereits früh von namhaften Architekten, so etwa von Wilhelm Riphahn, der bis in die sechziger Jahre hinein eine
herausragende Bedeutung in der städtebaulichen Ausgestaltung Kölns entwickeln sollte.
Der Einfluss des Reformwohnungsbaus blieb jedoch nicht nur auf die äußere Fassade beschränkt, sondern schlug sich auch im Interieur nieder.
„Reformmöbel“ wurden im Zusammenhang mit „sozialer Wohnkultur“ schon zur Jahrhundertwende lebhaft diskutiert: Preiswert, funktional, aber
auch materialbewusst und qualitativ hochwertig … der Anspruchskatalog an das moderne Möbelstück war umfangreich und ambitioniert zugleich.
Gründung im Fränkischen Hof
27. März 1913: Fränkischer Hof, Komödienstraße. Offenbar ein guter Ort für die Gründung von
gemeinnützigen Vereinen, denn schon der „Charitasverband für das katholische Deutsch-
land“ hatte sich hier gut 15 Jahre zuvor konstituiert. Der Rahmen jedenfalls war stilvoll
gewählt: Ein gediegenes Bier- und Weinrestaurant mit angeschlossenem Hotel, bekannt auch
für Militär-Konzerte und als erste Adresse im Karneval. Nach Feiern dürfte den Anwesenden
jedoch nicht zumute gewesen sein, denn schließlich hatte die Gründungsversammlung einen
ernsten Hintergrund. Es ging darum, einen Meilenstein zu setzen und die Wohnraum-
versorgung der unteren Postbeamten im Kölner Raum nachhaltig zu verbessern.
Bilder unten:
Fränkischer Hof, Komödienstraße.
100 Jahre Erbbauverein Köln eG
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Ein aus heutiger Sicht etwas holprig formulierter Einstieg markierte den Beginn der mitt-
lerweile 100-jährigen Geschichte der Kölner Baugenossenschaft Erbbauverein: „Die Un-
terzeichnenden heute im Fränkischen Hof versammelten beschließen die Gründung einer
gemeinnützigen Baugenossenschaft unter der Firma „Erbbau Verein Cöln“ eingetragene
Genossenschaft mit beschränkter Haftpfl icht.“ Die „Unterzeichnenden“, das waren zu-
nächst ausschließlich untere Postbeamte, die hier in eigener Regie eine Wohnungsbau-
genossenschaft ins Leben gerufen hatten. Ein mutiger Schritt, denn zu Beginn war nicht
absehbar, ob ein solches Unternehmen funktionieren würde, schließlich mangelte es
sowohl an erfahrenen Fachleuten wie auch an kapitalkräftigen Investoren.
Man betrat also Neuland – und das auf vielen Feldern. Die Vorstandsmitglieder mussten
sich in alle Aufgaben neu einarbeiten und auch für die Hypothekengläubiger war die
Unternehmung mit einem gewissen Risiko behaftet: Wer konnte schon garantieren, dass
die Sache nicht schief lief? Ebenso gingen die Genossenschaftsmitglieder ein gewisses
Risiko ein, frei nach dem Motto: Mitgehangen, mitgefangen. Denn durch die Haftungspfl icht
sämtlicher Mitglieder – wenn auch nicht mehr mit dem gesamten Privatvermögen –
wäre ein Scheitern der Unternehmung EBV für den kleinen Postbeamten mit äußerst
schmerzlichen fi nanziellen Einbußen verknüpft gewesen.
Auf der Gründungsversammlung konstituierte sich auch bereits der erste Vorstand, der
aus drei Personen bestand. Zum Vorsitzenden wurde der Oberpostschaffner Josef Kröll
gewählt. Ihm zur Seite standen als Schriftführer Matthias Schiffer und als Kassierer
Hermann Krahe, beide ebenfalls Oberpostschaffner. Fünf weitere Postbeamte wurden in
den Aufsichtsrat entsandt. Selbstredend war der Beginn mit viel Idealismus verbunden.
Den Vorstandsmitgliedern der Pionierzeit wurde noch Jahrzehnte später bescheinigt, ihre
gesamte Freizeit für den EBV geopfert und anfänglich viele Arbeiten in Eigenregie erledigt
zu haben, die eigentlich nicht zu den Kernaufgaben einer Vorstandstätigkeit gehörten.
Bilder linke Seite:
Gründungsmitglieder Josef Kröll, Hermann Krahe
und Matthias Schiffer (von oben nach unten).
Bild rechte Seite:
Gründungsprotokoll des Erbbauvereins.
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100 Jahre Erbbauverein Köln eG
Vorgeschichte und Gründung
(1889 – 1913)
100 Jahre Erbbauverein Köln eG
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Berliner Luft: Das Vorbild Moabit
Wenn auch der Beliebtheitsgrad der
Preußen in Köln eher überschaubar
blieb, so hatte man sich beim Kölner Erb-
bauverein dennoch an einem Berliner
Vorbild orientiert. Namentlich dem Erb-
bauverein Moabit, einer bereits 1904 ge-
gründeten Genossenschaft, die ebenfalls
viele Postbeamte in ihren Reihen zählte.
Aufsehen hatten die Berliner durch
großzügige und südländisch bepfl anzte
Innenhöfe erregt. Mietskasernen mit
engen Hinterhöfen suchte man bei den
Moabitern vergeblich. Das blieb auch
den Kölner Postschaffnern nicht verbor-
gen, die nach getaner Arbeit häufi g bei
Kollegen in Berlin übernachteten und so
den Luxus vergleichsweise geräumiger
Wohnungen kennenlernen durften. Was
lag also angesichts der Wohnungspro-
bleme in der Domstadt näher, als selbst
initiativ zu werden und dem Berliner
Vorbild nachzueifern …
Die Berliner Genossenschaft hatte jedoch
nicht nur Vorbildcharakter, sondern fun-
gierte zunächst sogar als „Muttergesell-
schaft“. Dementsprechend zeichnete der
erste Briefkopf den Kölner Erbbauverein
noch als „Filiale des Erbbau-Vereins
Moabit in Berlin“ aus, was sich auch in
einer umfangreichen Unterstützung durch
den Berliner Aufsichtsratsvorsitzenden
Prof. Dr. Max Laux ausdrückte. Erst zum
1. Januar 1914 erfolgte die Verselbst-
ständigung unter der Bezeichnung „Erb-
bauverein Köln e.G.m.b.H.“ Aber auch im
Anschluss hielt man wechselseitig Anteile
an der jeweils anderen Baugenossenschaft;
ein lockerer Kontakt zu den Moabitern
besteht übrigens bis heute.
Bild unten:
Eintragung über die ersten Mitglieder
der Erbbauverein Köln eG.
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100 Jahre Erbbauverein Köln eG
Vorgeschichte und Gründung
(1889 – 1913)
„Almosen demoralisiert“ – Genossenschaftliche Prinzipien
Schnell wie ein Postzug
„Genossenschaften haben als Mutter die Not, als Vater aber die
Kraft.“ Mit diesem einprägsamen, wenn auch geschlechtspolitisch
unfeinen Satz, sollte Prof. Dr. Stein, Anwalt des Deutschen Genossen-
schaftsverbandes „Schulze-Delitzsch“, viele Jahre später das
ambivalente Verhältnis von Stärken und Schwächen genossen-
schaftlicher Organisation charakterisieren. Die gemeinsam erlebte
Not und der vergleichbare soziale oder berufliche Hintergrund
schweißten die Mitglieder zusammen. Getreu dem Motto „Almosen
demoralisiert“, das durch den Genossenschaftspionier Hermann
Schulze-Delitzsch geprägt worden war, stand der genossenschaft-
liche Gedanke von Anfang an für Selbsthilfe auf gemeinschaftli-
cher Grundlage. Drei Prinzipien sind dabei besonders hervorzuheben:
1. Identitätsprinzip
Der sonst häufig anzutreffende Gegensatz Mieter – Vermieter
ist aufgehoben. Die Mietergemeinschaft wird dank ihrer Größe
zur juristischen Person und vermietet an sich selber. Der Mieter
ist sowohl Miteigentümer sowie Kunde der Genossenschaft.
2. Demokratieprinzip
Pro Kopf eine Stimme – statt Gewichtung der Stimme nach
Kapitalbeteiligung.
3. Förderprinzip
Genossenschaften dienen der bestmöglichen Versorgung
ihrer Mitglieder und folgen nicht dem Prinzip der
Gewinnmaximierung.
Bild oben:
Postalisch, aber auch schon telefonisch
erreichbar: Der erste Erbbau-Architekt
Theodor Roß.
Die Genossenschaftler legten gleich zu
Beginn ein gehöriges Tempo vor. Bereits
am 25. April 1913 erfolgte die Eintragung
der Satzung in das Genossenschafts-
register, wodurch die Genossenschaft
ihre Rechtsfähigkeit erlangte. Schnell
ergänzten Fachleute aus anderen Berei-
chen die Postler: Als technischer Berater
konnte der Kölner Architekt Theodor Roß
gewonnen werden, für den Aufsichtsrat,
der auf sieben Mitglieder erweitert wur-
de, der Gymnasial-Oberlehrer Dr. Albert
Maier. Philanthropische Ideale und der
Wille, etwas zum Positiven zu verändern,
dürften dabei die maßgeblichen Moti-
vationen für die Mitarbeit in den genos-
senschaftlichen Gremien gewesen sein,
denn finanziell erschien das Engagement
kaum lohnenswert: Die Vergütung pro
Aufsichtsrats- und Vorstandssitzung
betrug jeweils eine Mark.
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