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»Glaubst du, er war es?« »Mir ist egal, ob er es war. Weil meine Reaktion exakt dieselbe wäre« Der Mörder ist gefasst, doch das Motiv bleibt ein Rätsel. Und keinen interessiert es. Bis aus dem Täter ein Opfer und aus dem kleinen Funken der Rebellion ein Flächenbrand wird. Und doch sehen die Familien darin nur die Chance, ihren Gegner auszustechen. Die Rivalitäten zwischen Moranes und Coals lodern höher als je zuvor. Zwischen neuen Feinden und alten Verbündeten müssen die Erben sich Gefahren von außerhalb und innerhalb ihrer Familien stellen. Und obwohl sie gemeinsam an der Rettung der Hochfamilien arbeiten, hüten sie Geheimnisse voreinander, die ihr fragiles Bündnis auf die Probe stellen...
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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Realm & Rune Verlag
Heimat phantastischer Geschichten und
spannender Geschichte!
www.realm-and-rune.de
Insta/TikTok: @realm_and_rune
ISBN 978-3-69026-060-2
© 2026 Realm & Rune Verlag
Idee & Text: Emily Margaret Walsh
Lektorat & Korrektorat: Tintenschwert, www.tintenschwert.de
Cover: Emily Margaret Walsh & Sonja Blank
Buchsatz & Design: Sonja Blank
Anschrift: An der Obstwiese 9, 50171 Kerpen, [email protected]
Für meine Mama.
Kapitel1
Kapitel2
Kapitel3
Kapitel4
Kapitel5
Kapitel6
Kapitel7
Kapitel8
Kapitel9
Kapitel10
Kapitel11
Kapitel12
Kapitel13
Kapitel14
Kapitel15
Kapitel16
Kapitel17
Kapitel18
Kapitel19
Kapitel20
Kapitel21
Kapitel22
Kapitel23
Kapitel24
Kapitel25
Kapitel26
Kapitel27
Kapitel28
Kapitel29
Kapitel30
Kapitel31
Kapitel32
Kapitel33
Kapitel34
Kapitel35
Kapitel36
Kapitel37
Kapitel38
Kapitel39
Kapitel40
Epilog
Danksagung
Mary warf ihr einen Stein gegen den Kopf.
»Autsch, verdammt! Aua!« Cassandra wollte sich den Kopf reiben und überprüfen, ob Marys Wurf eine Platzwunde hinterlassen hatte, doch ihre Handgelenke waren fest hinter ihrem Rücken verschnürt. »Was stimmt nicht mit dir?«, brüllte sie über die laute Musik hinweg.
»Konzentrier dich«, antwortete Mary kalt. »Deine Magie ist vollkommen ungezügelt, nicht mehr als chaotische Ausbrüche von Energie, angefeuert durch Gefühle. Das ist gefährlich, für dich noch mehr als für andere.«
Für mich noch mehr als für andere, dachte Cassandra und sie wusste, was Mary damit meinte. Gefährlich für eine Unspezialisierte.
Seit dem Sommer hatte Mary sie zweimal die Woche zum Magie-Training verdonnert, um ihre neu entdeckten Kräfte zu erforschen und zu schärfen. Doch seit dem Tag in Isaacs Zimmer, als Nathan versucht hatte, Mary zu töten, war sie zu nichts Vergleichbarem im Stande gewesen.
Marys Frustration war mit jedem Training gewachsen, bis sie begann, zu drastischeren Mitteln zu greifen.
Und sie hatte recht. Cassandras Magie war gefühlsgesteuert und willkürlich. Sie hatte Mary nur retten können, weil sie den Gedanken an ihren Tod und Isaacs Verzweiflung nicht hatte ertragen können. Jetzt wusste sie beim besten Willen nicht mehr wieso. Mary war eine Tyrannin, die mit Steinen warf.
»Du siehst den Stein doch auf dich zufliegen«, schimpfte sie und fuchtelte schon mit dem nächsten Wurfgeschoss herum. »Du hast mal eine Kugel aus der Luft gefangen, also streng dich verdammt noch mal an.«
»Das ist nicht das Gleiche.«
»Stimmt«, sagte Mary mit einem boshaften Grinsen und holte aus. »Da hattest du mehr Angst.«
Cassandra wusste, dass Betteln keinen Sinn hatte, also konzentrierte sie sich lieber. Die donnernden Bässe machten das Ganze fast unmöglich.
Mary warf, doch der Stein traf Cassandra noch bevor er Marys Hand verließ.
»Aua! Wie hast du…?« Sie sah zu ihrem schmerzenden Brustbein runter, dann wieder auf Marys Hand. Sie war leer.
»Ein neuer Trick. Gefällt er dir?«
»Nein«, knurrte Cassandra.
Mary zuckte mit den Achseln, schaltete die Musik aus und drehte sich um. Die Luft flimmerte und Cassandra überkam das Gefühl eines Déjà-vus, dann lief ihre Zeit wieder im Gleichklang mit der Welt und der kalte Wind schnitt über den Tartanplatz.
»Hast du nicht irgendwas vergessen?«, rief sie ihr nach und drehte die gefesselten Handgelenke.
Ein schadenfrohes Grinsen überkam ihr sommersprossiges Gesicht. »Nein.«
»Mary!« Doch sie winkte nur und verließ dann seelenruhig den Trainingsplatz, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Der Knoten saß fest und war so verschlungen, dass Cassandra nicht ausmachen konnte, wo der Anfang war. Sie wusste, was Mary von ihr wollte. Konzentration. Beherrschung. Doch ihr war egal, was Mary wollte. Dafür hatte sie keine Zeit. Sie saß gefesselt hinter dem Anwesen der Coals. Die Bäume, die den Trainingsplatz umgaben, waren im letzten Herbststurm auf einen Schlag kahl geworden, es war kalt und Marys Zeitblase war mit ihr verschwunden.
Sie sog scharf Luft ein und verließ sich auf die eine Sache, die sie zur Genüge hatte, rohe Kraft. Der Druck um ihre Hände wuchs, bis er beinahe unerträglich war, dann riss sie die Fesseln in zwei.
Mit einem schnellen Blick nach allen Seiten vergewisserte sie sich, dass sie niemand beobachtet hatte. Dann fummelte sie ihr Handy aus der Jackentasche. »Mist«, zischte sie und lief los. Isaac erwartete sie seit zehn Minuten. Hoffentlich hatte er nicht aus dem Fenster geschaut und sich gewundert, warum sie gefesselt in seinem Garten saß.
Sie rannte die Wiese hinauf zum Hauptgebäude und bemühte sich, nicht im nassen Gras oder Laub auszurutschen. An der Haustür griff sie schon nach dem Türklopfer, der wie zwei springende Füchse geformt war, als sie ihr Spiegelbild in der Scheibe sah.
Vorsichtig fuhr sie sich mit den Fingern über die Platzwunde auf der Stirn. Die Wunde brannte und fühlte sich geschwollen an. Leise fluchend legte sie sich die Hand auf die Stirn. Heilen konnte sie solche oberflächlichen Verletzungen mittleiweile ohne große Schwierigkeiten, zumindest bei sich selbst. Es war das Erste, was Mary ihr beigebracht hatte.
»Du wirst dich beim Training verletzen«, hatte sie ohne große Gefühlsregung gesagt. »Das lässt sich nicht vermeiden, wenn man so unbegabt ist wie du.«
Cassandra verdrehte die Augen, beim Gedanken an Marys Gemeinheiten. Vielleicht wollte die Magierin sie ja anspornen, doch sie klang bloß wie ein kaputtes Tonband ihrer Mutter.
Aus ihrer Tasche holte sie ein Tuch, spuckte drauf und wischte sich die Blutreste von der Stirn. Dann betrachtete sie zufrieden ihre Arbeit. Sie mochte, wie intuitiv Selbstheilung war. Man musste den Körper nur tun lassen, was er ohne hin schon tat.
Erschrocken wich sie zurück, als die Tür vor ihr aufschwang.
»Warum klopfst du nicht?«, fragte Isaac mit einem Blick auf die Standuhr. »Hast du die ganze Zeit da draußen gestanden?«
»Bin gerade erst gekommen«, antwortete sie knapp und schob sich an ihm vorbei ins Haus. Obwohl das Gemäuer wohl schon Jahrhunderte gesehen hatte, war es trotzdem immer wohlig warm. Cassandra seufzte zufrieden, als sie die Schuhe und die feuchte Jacke auszog und die Wärme in ihre geschundenen Glieder zurückkehrte. »Wo ist Mary?«, fragte sie und sah sich unschuldig um.
»Du fragst in letzter Zeit oft nach ihr.«
»Echt? Ist mir nicht aufgefallen«, quietschte sie, zwang sich dann aber sofort tiefer zu sprechen. »Wo ist Thomas?« Zu tief, dachte sie mit zusammen gepressten Lippen und hoffte, dass es Isaac nicht aufgefallen war.
Es war ihm aufgefallen. Er musterte sie mit gehobener Augenbraue, zuckte dann aber nur mit den Schultern und ging zur Treppe. »Die werden auch irgendwo hier rumfliegen.«
Sie folgte ihm, die Treppe hinauf, den Flur entlang, in sein Zimmer. An der Tür blieb sie stehen und schaute sich in der Unordnung um.
»Räum ich noch auf«, nuschelte Isaac mit einer diffusen Handbewegung und ließ sich auf das große, ungemachte Himmelbett fallen.
»Wann ziehst du zurück in deine Wohnung?«
»Wenn ich mich wieder richtig bewegen kann.«
»Isaac …« Sie biss sich auf die Lippe. Was konnte sie schon sagen, was sie ihm in den vergangenen Wochen noch nicht gesagt hatte.
»Lass es.« Er sah sie nicht an, doch sie erkannte den Schmerz in seinem ganzen Körper, in den verkrampften Fäusten, die die Decke umklammerten, in seinen steifen Schultern und seinen unruhigen Knien.
»Tut mir leid.« Sie setzte sich neben ihn aufs Bett und legte eine Hand auf sein wippendes Knie. Dann holte sie tief Luft und sagte mit so viel Feingefühl, wie ihr möglich war: »Isaac, du kannst dich bewegen.«
Er zog sein Bein weg und sprang vom Bett auf. Sie wusste, was er sagen würde. »Du verstehst das nicht«, sagten sie wie aus einem Mund.
»Kommst du nur, um dich über mich lustig zu machen?«
»Ich komme, weil du dich ja nicht dazu bewegen lässt, das Haus zu verlassen. Und da du ja ganz offensichtlich laufen kannst, muss ich langsam annehmen, dass du einfach nur zu faul bist.« Ihre Worte taten ihr schon leid, während sie noch ihren Mund verließen, doch langsam verlor sie die Geduld mit ihm. »Sorry.«
»Du verstehst das nicht«, wiederholte er und er hatte Recht. Sie verstand ihn nicht. Nachdem er seine Magie im Gerichtsaal überstrapaziert hatte, war sie nicht wieder vollständig zurückgekehrt. Er konnte sich nicht mehr teleportieren. Was genau er konnte, wusste sie nicht. Aber er führte sich auf, als sei er all seiner körperlichen Fähigkeiten beraubt.
»Die Magie ist wie ein Muskel«, zitierte sie Marys Worte, in der Hoffnung sie hätten eine Wirkung auf ihn. »Du kannst ihn dehnen. Wenn du ihn aber mit einem Ruck überdehnst, reißt er.« Sie stand auch auf und ging einen Schritt auf ihn zu. »Aber ein Muskel heilt auch wieder.«
Er zuckte mit den Schultern. »Dieser Muskel heilt nicht schnell genug«, seufzte er und lächelte traurig. Für eine kleine Ewigkeit waren seine grünen Augen nur auf sie gerichtet. Dann wanderte sein Blick tiefer, vorbei an ihrem Kinn, über den Hals. Er streckte seine Hand nach ihr aus und fuhr mit den Fingern über den Kragen ihres Hoodys.
»Ist das Blut?«
»Was?«, quietschte sie und stolperte rückwärts. Mary, diese verfluchte… »Ja, ähh …«, stammelte sie und suchte nach einer Erklärung. »Nasenbluten. Von der trockenen Heizungsluft.«
»Du bist eine miese Lügnerin, Cass«, lachte er. »Was schon fast wieder ein Kunststück ist, so oft wie du lügst.«
Sie schluckte. »Du hast Recht«, gab sie zu und kam wieder näher. Sie zog ihn eng an sich, sah ihm ernst in die Augen und sagte: »Ich habe jemanden umgebracht.«
Wieder lachte er und schubste sie spielerisch von sich weg. »Ich weiß vielleicht nicht alles über dich, aber ich weiß, dass du keine Mörderin bist.«
»Wer weiß«, säuselte sie und bemühte sich um einen mysteriösen Blick. »Bei meiner Familiengeschichte.«
»Stimmt«, gab er grinsend zu und legte den Kopf schief. Vielleicht wartete er noch auf eine ehrliche Antwort und vielleicht würde er die auch eines Tages kriegen. Aber dieser Tag war nicht heute.
Als sie sich an der Tür von ihm verabschiedete, war es draußen schon dunkel und sie zog ihre Jacke etwas enger. Bald würde sie ihren Wintermantel rausholen müssen.
»Warum parkst du eigentlich immer unten an der Straße?«, fragte Isaac, den es durch die offene Tür auch zu frösteln schien.
Damit du nicht siehst, dass ich immer schon eine Viertelstunde früher da bin und diese magisch ausgedehnte Viertelstunde in deinem Garten verbringe, dachte sie und zuckte stumm mit den Achseln.
»Bis dann«, nuschelte sie und ging raus in die Kälte.
Sie war froh, als sie endlich zuhause war und in ihren beheizten Flur trat. Ihr Vater schien nicht da zu sein, Schuhe und Jacke fehlten. Seufzend hängte sie ihre eigene Jacke an die Garderobe und holte sich einen Früchtetee aus der Küche. Mit der dampfenden Tasse schlurfte sie in ihr Zimmer.
»Kriege ich auch einen?«
Die Tasse rutschte ihr aus den Fingern und sie konnte sie gerade noch vor dem Aufschlag abfangen. Doch das heiße Wasser ergoss sich mit einem lauten Platschen über den Boden. Genervt nahm sie die Tasse aus der Luft.
»Wie bist du hier reingekommen?«
Ava, die ausgestreckt auf ihrem Bett lag, zuckte mit den Schultern. »Benjamin hat mich reingelassen. Er hat gesagt, ich darf hier auf dich warten.«
»Was willst du?«
»Warum muss ich denn immer was wollen?«
»Fast vier Monate sprichst du kein Wort mit mir und jetzt liegst du in meinem Bett. Also, was willst du?«
Ava lächelte dunkelrot und richtete sich auf. »Ich habe dich vermisst.«
Tick Tack.
Die Wände waren genau wie der Boden aus Beton, grau und trostlos. Nur eine alte Wanduhr hing über ihnen. Die Scheibe war gesprungen und sie ging falsch. Beleuchtet wurde die fensterlose Zelle von einer flackernden Glühbirne. Er hatte keine Ahnung wie spät es war und, da die Uhr nie gleichschnell lief, wusste er wahrscheinlich auch nicht, wie lange er schon in diesen Mauern saß.
Henry Morane hatte Mary verboten in regelmäßigen Abständen zu kommen, damit Nathan sich auch darauf nicht verlassen konnte. Es war Folter und sie zeigte ihre Wirkung.
Der Junge saß zusammengesunken auf dem Metallstuhl, die Hände auf dem Tisch. Um seine Handgelenke hatte er zwei magiehemmende Armreifen, die in der Mitte wie Handschellen verbunden waren. Sie hatte Mitleid mit ihm. Seine Wangen waren hohl und die Augen so weit in seinen Schädel eingesunken, dass er aussah wie eine Leiche. Und er sprach nicht. Mary hingegen stellte seit fast vier Monaten die gleichen Fragen. Tick.
»Nathan, sag mir, warum du das getan hast. Was sollte das mit dem Motto der van-Eisenach-Rebellion?«
Der Junge sah direkt durch sie hindurch. Wenn er etwas gewusst hatte, von Cassandra oder ihrer Familie, dann war dieses Wissen in den letzten Monaten mit dem Rest seines Verstandes verloren gegangen.
Mary seufzte und rieb sich erschöpft die Augen. Tack. »Bitte, Nathan. Ich kann dir nur helfen, wenn du mir auch hilfst. Ich kenne dich schon eine ganze Weile und du fängst bestimmt nicht grundlos an, zu morden.«
Seine knochigen Schultern hoben sich zu einem schwachen Achselzucken.
»Wolltest du einen Krieg zwischen den Hochfamilien?« Tick. Tick.
Keine Reaktion. Tack.
Sie nickte traurig und stand auf. Mit jedem ihrer Besuche verschwand er mehr in sich selbst und die Chancen, aus ihm etwas rauszukriegen, zerrannen wie Sand. »Wir sehen uns«, murmelte sie und ging zu der massiven Zellentür. Dort klopfte sie dreimal und eine Wache öffnete ihr die Tür. Mit einem letzten Blick auf Nathans Hülle verließ sie die Zelle.
Der Gang war mindestens genauso trostlos, Zellen zu beiden Seiten und weiße Wände, wie in einem Krankenhaus. Schritte hallten durch den Gang, doch sie konnte nur die Wache vor Nathans Tür sehen und die stand still. Doch der Flur war lang und wurde sicher von mehr als einer Wache patrouilliert.
Zellentür an Zellentür. Sie wusste, wie klein die Räume dahinter waren. Wer außer Nathan saß noch hier ein? Hinter den dicken, schalldichten Stahltüren, abgeschirmt von der Welt.
Tick Tack.
Was hatten sie getan, um so eine Strafe zu verdienen? Das Gefängnis wurde seit je her von den Accettas unterhalten. Sie sprachen das Urteil und sie vollzogen die Strafen. Vor Nathans Verrat war sie nie hier gewesen. Sie hatte sich nie Gedanken gemacht, was mit Magiern passierte, die sich nicht an ihre Gesetzte hielten. Tick. Würde Cassandra auch hier landen, wenn irgendjemand von ihrer Gabe erfuhr?
Tack.
Sie blieb stehen und drehte sich zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Der lange Gang war leer. Wo war die Wache?
Tick.
Nathans Zellentür stand offen und das Licht flackerte, hell und karminrot. Tick Tack.
Flammen schlugen aus der Zelle. Qualm und Hitze wallten durch den engen Gang und brannten in den Augen. Aber keine Schreie.
Sie rannte los, die Hände gehoben und bereit sich mehr Zeit zu verschaffen. Mit einem Ärmel vor Mund und Nase und zusammengekniffenen Augen schlitterte sie vor die offene Zelle und fror die Zeit im Inneren ein.
Darin bot sich ihr eine abscheuliche Szene. Weder Qualm noch Hitze waren ein Problem, doch sie konnte den Arm nicht runternehmen, ohne zu würgen. Hinter Flammen stand Nathan. Die stahlgrauen Augen mit Entsetzten aufgerissen und den Mund zu einem stillen Aufschrei verzerrt.
Sein Gesicht und das goldene Haar waren als einzige noch unversehrt. Die Sträflingsuniform war kaum mehr zu erkennen, zerfetzt und ins rote Fleisch gebrannt. Sein ganzer Körper war mit Flammen bedeckt, die Haut verkohlt, wenn überhaupt noch vorhanden.
Was sollte sie tun? Sie konnte das Feuer nicht löschen, und sobald sich ihre Zeitblase auflöste, wäre Nathan in Sekunden tot. Feuer. Sie schüttelte energisch den Kopf und versuchte, die wachsende Tränenwand zurückzuhalten. Das würde er nicht tun. Das würde er Nathan nicht antun. Kein Verrat der Welt rechtfertigte so einen Tod. Das war er nicht. Dann holte sie tief Luft und schrie.
»Hilfe!« Tränen brachen hervor und sie musste sich abwenden. »Hilfe!« Doch niemand kam. Hatte sie die Zeit im ganzen Gebäude eingefroren? Nein, so wenig Kontrolle hatte sie nicht. Sie war der Inbegriff der Kontrolle. Doch sie konnte nichts tun.
Für eine quälende Ewigkeit kam niemand. Sie war ganz allein. Dann stürmten Wachen den Gang hinunter, fünf an der Zahl und keiner mit Wasser.
»Ist jemand ein Heiler oder Feuermagier?«, fragte sie und zwang sich zur Fassung.
»Feuermagier«, sagte einer. Die anderen sahen sich nur achselzuckend an. »Aber sie müssen ihre Zeitblase runternehmen, wenn ich was ausrichten soll.«
Sie nickte, verbannte das Zittern aus ihrer Stimme und sah den Mann an. »Auf drei löschen sie das Feuer. Eins.« Er wandte sich den Flammen zu und sie zwang sich auch hinzusehen. »Zwei.« Nathan war fast vollständig von den Flammen verschlungen. Der Kerl musste schnell sein. »Drei«, sagte sie und löste ihren Griff um die Zeit.
Die Hitze schlug ihr entgegen und der Qualm nahm ihr die Sicht. Sie spürte die tanzenden Flammen, doch sie hörte keine Schreie.
Dann, ganz langsam ließ die Hitze nach und ein Lufthauch fegte den Qualm weiter den Gang hinunter. Ein Luftmagier immerhin, dachte sie und rieb sich die brennenden Augen. Ihre Sicht war noch unscharf, doch sie sah genug.
Die schwarz verkohlte Silhouette eines Mannes lag auf dem trostlosen Betonboden. Tick Tack. Er war nicht schnell genug gewesen. Das Feuer hatte Nathan verschlungen.
Isaac und ihr Großvater holten sie ab. Immerhin verlässt der Junge das Haus, dachte sie mit einem trockenen Lächeln. Thomas war nicht dabei.
Sie hatte in einem der Büros warten dürfen, die nicht viel stilvoller eingerichtet waren als die Zellen. Sie saß auf einem dunkelgrauen Sofa und hielt eine Tasse Kräutertee in den Händen. Der Tee war zu heiß.
»Was soll das?«, waren Isaacs erste Worte. »Die sagen, du hättest diesen Irren regelmäßig besucht.«
»Regelmäßig würde ich nicht sagen.«
»Warum besuchst du ihn überhaupt?«
»Weil wir ihn kennen, seit wir Kinder sind«, sagte sie und stand auf. Die Tasse stellte sie auf den Schreibtisch. »Können wir jetzt gehen?«
Ihr Großvater musterte sie, doch er sagte nichts. Er nickte nur und ging vor. Sie und Isaac folgten ihm.
»Was hast du dir bloß dabei gedacht?«, flüsterte er, doch sie antwortete nicht. Sie schaute konzentriert geradeaus, den langen weißen Flur entlang, und versuchte, keine Flammen zu sehen.
»Und warum hast du mir nicht erzählt, dass du Nathan besuchst?«
»Lass es einfach«, zischte sie in ihren Erinnerungen gefangen und ging schneller.
Isaac folgte ihr mit langen Schritten. »Warum hat auf einmal jeder Geheimnisse vor mir?«, murrte er halb zu sich selbst, doch Mary horchte auf. Für eine Sekunde huschte ihr Blick zu ihm hinüber, dann schaute sie wieder nach vorn. Sie durfte ihm keinen Grund geben, eine Verbindung zu vermuten.
»Niemand hat Geheimnisse vor dir«, antwortete sie stattdessen und bemerkte mit Erstaunen, wie leicht ihr diese Lüge über die Lippen ging.
Das Abendessen nahmen sie schweigend ein. Thomas saß neben ihr und ließ sich nichts anmerken. Er hatte auch nichts gesagt, als sie ihm von Nathans Tod erzählt hatten, nur sein Kiefer hatte sich angespannt. »Warum warst du bei ihm?«, hatte er sie später gefragt, doch sie hatte keine Antwort gewusst.
Jetzt schaute er konzentriert auf seinen Teller und schnitt sein Essen in immer kleinere Stücke. Er hatte Augenringe, wie eigentlich immer seit Nathans Festnahme.
Isaac sagte auch nichts, doch er beobachtete Thomas aus schmalen Augen und warf ihr alle paar Minuten einen bedeutungsschwangeren Blick zu. Mary schüttelte nur stumm den Kopf und aß weiter. Sie sah, wie sehr Isaac darauf brannte, mit ihr zu reden, deswegen stand sie nach dem Essen sofort auf und ging ohne ein Wort auf ihr Zimmer. Sie wusste, was er sagen wollte, und sie wollte es nicht hören.
Das Restaurant war leer. Kein Wunder. Wer ging an einem Dienstag-Mittag essen? Diana natürlich. Mit spitzen Fingern schnitt sie ihr Tunfischfilet und führte einen bohnengroßen Bissen zum tiefroten Mund. Sie lächelte beinahe aufrichtig und dieses Lächeln jagte Cassandra einen Schauer über den Rücken.
Irgendwas stimmte nicht. Die ganze Situation war skurril. Ihre Mutter saß ihr gegenüber, Ava neben ihr und sie nahmen alle zusammen ihr Mittagessen ein. Die Silbermesser schabten über den unsymmetrischen Designerteller.
Cassandras schiefergrauer Teller sah aus wie ein verbogenes Dreieck und war bereits leer. Die Portionen in dem Restaurant waren viel zu klein und es war ihr ein Rätsel, wie Ava und Diana so langsam essen konnten.
»Möchtest du noch etwas anderes?«, fragte Diana mit Zuckerstimme.
»Möchtest du denn noch etwas?«, gab Cassandra schnippisch zurück. Sie wusste das Diana etwas wollte, sie wusste nur noch nicht was. Nach Nathans Verhaftung hatte ihre ganze Familie sie gemieden. Sie war deswegen nicht traurig gewesen, ganz im Gegenteil. Wenn ihre Familie sie dafür hasste, dass sie die Wahrheit ans Licht gebracht und Unschuldige vor einer grausamen Strafe bewahrt hatte, dann brauchte sie diese Leute nicht. Doch Diana schien sie zu brauchen, denn nun saß diese Hexe vor ihr und lächelte, als hätte sie nie etwas anderes getan.
»Nein, danke. Mir reicht meine Portion«, antwortete Diana, ohne auf Cassandras mitschwingenden Vorwurf einzugehen. Sie lächelte immer noch, zugleich wie ein Engel und ein Raubtier. Als ihr Handy klingelte, zuckte sie kurz zusammen, dann drückte sie den Anrufer weg und aß weiter.
Wieder klingelte das Telefon. »Entschuldigung«, sagte sie und schaltete es stumm.
Nicht dafür, dachte Cassandra. Dafür, dass du mich verlassen hast. Zweimal. Und dafür, dass mein Wert von meinem Nutzen für dich abhängt.
Dianas Lächeln verschwand. Sie hielt ihr Telefon in der Hand und starrte verstört auf das Display.
»Mom?«
Sie schaute sich nach einem Kellner um und hob den Arm. »Die Rechnung bitte.« Dann schob sie Ava eine Kreditkarte zu, nahm ihren schwarzen Wollmantel und stand auf.
»Mom, was ist los?«, wiederholte Ava und schaute besorgt zu ihrer Mutter auf.
»Ich muss mich um etwas kümmern.«
»Um was?«
Diana schaute sich um, als fürchte sie belauscht zu werden, dann beugte sie sich vor und raunte: »Nathan Chadwick ist tot.«
Cassandra starrte ihre Mutter an. Sie hatte ihren Mantel bereits angezogen und wandte sich zum Gehen.
»Ich will mit.«
Diana blieb nicht stehen, also schnappte Cassandra sich ihre Jacke und lief ihrer Mutter nach. An der Tür holte sie Diana ein. »Ich will mit«, wiederholte sie.
Ihre Mutter bedachte sie nur mit einem missbilligenden Blick, ohne jede Spur eines Lächelns. »Ich nehme keinen Spion mit.«
»Du willst was von mir«, stellte Cassandra nüchtern fest und stemmte die Hände in die Hüften. »Du brauchst etwas von mir.«
Diana hob eine Augenbraue. »Du nimmst dich zu wichtig.«
»Das glaube ich nicht. Wenn du nichts bräuchtest, wären wir nicht hier.«
Im Gesicht ihrer Mutter flackerte eine Regung auf, die Cassandra nicht deuten konnte. Dann, zu ihrem Erstaunen, nickte Diana.
Ava hatte in der Zwischenzeit bezahlt und war mit ihrer Jacke zur Tür gekommen. Die Autoschlüssel hatte sie schon in der Hand. »Soll ich Cassandra nach Hause bringen?«
Diana schüttelte den Kopf. »Ihr kommt beide mit.« Dann ging sie mit langen Schritten vor und Cassandra und Ava versuchten, Schritt zu halten.
Als der Wagen auf dem weiten Platz vor dem Morane-Anwesen vorrollte, überkam Cassandra ein mulmiges Gefühl. Das letzte Mal war sie nach der Gerichtsverhandlung hier gewesen, wo sie die Tür des Saals aus den Angeln gerissen und den Coals so die Flucht ermöglicht hatte. Danach hatte sie Avas Auto gestohlen und sie über den Haufen gefahren. Angestupst.
Der Garten, der im Sommer noch einen gewissen Stil hatte, sah trostlos aus. Die abstrakt geformten Büsche waren kahl und der nasse, graue Stein verblasste unter dem grauen Himmel. Auch das moderne Gebäude sah aus wie ein geschmackloser Klotz aus Stahl und Glas, gebaut auf Kosten der Natur.
»Du wolltest mit, also guck nicht so«, murrte Ava, die mit verschränkten Armen neben ihr stand. Doch auch sie zögerte, bevor sie ihrer Mutter ins Haus folgte.
In der Halle wartete man bereits auf sie. Oliver lief auf und ab, während Viktor mit verschränkten Armen an der Wand stand und ihn beobachtete.
Als die Tür aufschwang, blieb Oliver mitten im Raum stehen und drehte sich zu ihnen um. »Ava«, sagte er grinsend. Dann entdeckte er auch Cassandra und sein Grinsen wurde zu einem Zähnefletschen. »Und die kleine Coal-Schlampe.«
»Hüte deine Zunge, Oliver, sonst schneide ich sie dir raus«, sagte Diana kalt und ging mit klangvollen Schritten zu ihrem Bruder. »Hast du deinem Jungen keine Manieren beigebracht?«
»Hast du deiner Tochter überhaupt etwas beigebracht?«, gab Viktor ungerührt zurück. Er löste sich von der Wand und erwiderte Dianas Schlangenblick. Seine Lippen öffneten sich noch einmal, doch die Tür flog auf, bevor er etwas sagen konnte.
Henry stolzierte herein, tief in ein Gespräch vertieft mit dem Mann, der ihm folgte. Cassandra erkannte ihn als Vincent Accetta, Hochmagier, Richter und ein korrupter Stiefellecker.
Ihr Großvater ging zu seinen Kindern und warf Cassandra im Vorbeigehen einen Seitenblick zu, den sie nicht deuten konnte. Er räusperte sich, dann drehte er sich in die Runde. »Ihr wisst, warum ihr hier seid?«
»Der irre Chadwick ist tot«, antwortete Oliver ungerührt. »Wir sollten froh drum sein.«
»Nicht so eilig.« Accetta trat vor und strich sich eine Locke aus dem gebräunten Gesicht. Er schloss die Augen, dann fuhr er mit flinken Händen durch die Luft, fing das Licht und bog es auf eine Wand.
Ein Bild setzte sich zusammen, anfangs noch verschwommen, doch dann so scharf wie die Wirklichkeit. Cassandra musste würgen, als sie das erschreckende Motiv erkannte.
Das Bild zeigte eine Leiche, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Rotes Fleisch platzte unter verrußter Haut hervor. Man konnte nicht einmal mehr sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war. Geschweige denn die Person identifizieren.
»Na und?«, sagte Oliver, verzog aber auch das Gesicht und wippte unruhig mit dem Fuß.
»Geduld«, antwortete Accetta, verwischte das Bild zu einem farbenfrohen Strudel und setzte die Farben zu einem neuen Motiv zusammen.
Eine verkrustete Fleischfläche, verbrannt und gesprungen, erschien auf der Wand. Die blutigen Risse bildeten Buchstaben, Worte, einen Satz.
»Das ist krank«, bemerkte Oliver.
»Tod allen Erben«, las Ava vor. Ihre Stimme troff vor Abscheu.
»Alle Macht den Geknechteten«, vollendete Oliver den Satz seiner Cousine.
Cassandras Hände kribbelten. Oliver hatte Recht. Das war krank.
»Was soll das? Wieso das Motto der van-Eisenach-Rebellion?« Diana drehte sich zu ihrem Vater, dann wieder zu der Projektion an der Wand.
Viktor legte den Kopf schief und betrachtete den eingebrannten Schriftzug. »Das macht keinen Sinn. Er war kein Erbe.«
»Doch, das macht Sinn.«
Alle drehten sich zu Cassandra um und starrten sie an.
»Das Motto, es macht Sinn«, wiederholte sie. »Nathan hat das gesagt. Das sind seine Worte.«
»Das sind nicht seine Worte, das-«
»… ist das Motto der van-Eisenach-Rebellion, ja, ich weiß«, unterbrach Cassandra ihre besserwisserische Schwester. »Und Nathan hat es immer wieder rezitiert, als er-« Sie schluckte. »Als wir ihn gestellt haben.«
Victor hob eine Augenbraue und schaute zwischen Diana und Henry hin und her.
»Wieso hast du das nicht gleich erzählt?«, blaffte Diana.
»Wann denn, bitte?« Cassandra lachte bitter. »Als ihr mich alle ignoriert habt? Oder als du und Ava wie durch ein Wunder wieder aufgetaucht seid, um mich für irgendeine neue Intrige auszunutzen?«
Dianas Maske wurde kalt. Viktor warf ihr einen eigenartig vorwurfsvollen Blick zu, doch darunter war noch etwas anderes, etwas das Cassandra nicht verstand. Diana sah ihren Bruder nicht an. Stattdessen durchbohrte sie ihre Tochter mit einem warnenden Blick.
»Das war sehr hilfreich, Cassandra«, sagte ihr Großvater, der sie aus schmalen Augen betrachtete und etwas nähertrat. Er war alt geworden. Er lief noch immer, als gehörte ihm die Welt, jedoch gebückt. Cassandra wusste nicht ob es an seiner Magie oder an seiner Präsenz lag, doch in seiner Anwesenheit war ihr immer kalt.
Dann trat ein Lächeln auf sein hageres Gesicht, oder was auch immer bei ihm für ein Lächeln durchging. »Ich denke, dann hat sich die Geschichte für uns erledigt.«
Alle zuckten mit den Schultern und Accetta löste mit einer beiläufigen Handbewegung das Bild von der Wand.
»Was … Was bedeutet das? Inwiefern hat sich die Geschichte erledigt?«
Henry legte den Kopf schief und betrachtete sie aus blassen Schlangenaugen. »Der Junge hat gekriegt, was er verdient. Es gibt für uns keinen Grund, weiter involviert zu sein.«
Cassandra glaubte, nicht richtig zu hören. Doch ihre Augen unterstützten, was sie da den Worten ihres Großvaters entnahm. Viktor war bereits aus der Tür und Oliver folgte ihm mit den Händen in den Hosentaschen.
»Ava, was soll das?«, fragte Cassandra. Doch ihre Schwester zog auch nur die Schultern hoch.
»Er hat gekriegt, was er verdient«, wiederholte sie.
Der Trainingsplatz war mit nassem Laub bedeckt und ein eisiger Wind schnitt darüber hinweg, doch Isaac schwitzte.
Der Raum bebte unter seinen Fingern, verbog und verformte sich, und glitschte wie ein nasser Fisch, entschlüpfte immer wieder seinem Griff. Er verkrampfte die Finger. Er würde nicht loslassen.
Schritte näherten sich über das nasse Gras. Nicht Mary, sie schwebte förmlich über den Boden. Nicht loslassen. Auch nicht Thomas oder sein Großvater, dafür waren die Schritte zu laut. Bei jedem Schritt trat sie Laub vor sich her. Er drehte sich nicht um. Das war es nicht wert. Er konzentrierte sich.
»Isaac!«
Der Fisch zuckte und sprang ihm aus den Fingern. Er wollte fluchen, sie vielleicht sogar anschreien, doch er biss sich auf die Zunge.
»Cassandra«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und massierte sich die verkrampften Hände. »Womit verdiene ich die Ehre?«
»Nathan ist tot.«
Woher wusste sie das? »Ja, ich weiß.«
»Man hat ihn bei lebendigem Leib verbrannt.« Sie gestikulierte wild mit den Händen. »Und das Motto! Man hat ihm dieses kranke Motto in den Rücken gebrannt.«
»Ja«, wiederholte Isaac und wandte sich von ihr ab. »Ich weiß.«
Er musste sie nicht ansehen, um den Ausdruck auf ihrem Gesucht zu erkennen. Eine Mischung aus Unglauben und Wut, die jetzt in ihrer Stimme miteinander rangen.
»Wir müssen seinen Mörder finden. Damit darf niemand davonkommen.«
Ihr naiver Gerechtigkeitssinn hatte ihn einmal fasziniert und vielleicht hatte er ihn auch ein bisschen bewundert. Jetzt war eben dieser Gerechtigkeitssinn ein Problem. Eigentlich sogar eine Anmaßung.
»Nathan war ein Mörder«, antwortete er achselzuckend. »Wer auch immer ihn umgebracht hat, hat alles richtig gemacht.«
»Das meinst du nicht ernst.«
»Doch.« Das musste er.
»Wie kann es sein, dass alle Magier Selbstjustiz in Ordnung finden?«
»Was weiß ich. Frag doch deine Schwester.« Er sah sie nicht an. Er wollte ihren Blick nicht sehen. Aber sie sollte was sagen. Irgendwas damit er wusste, dass sie sich wieder vertragen würden.
»Das werde ich«, sagte sie und kam näher, zwang ihn, sie anzusehen. »Ich weiß, dass Nathan schlimme Dinge getan hat. Aber wir werden keine Monster, nur weil er eines war.« Dann ging sie. Am Rand des Platzes blieb sie noch einmal stehen und drehte sich zu ihm um. »Ich werde Nathans Mörder finden, ob du mir hilfst oder nicht.«
Sie wartete kurz auf eine Antwort, dann schob sie verärgert den Unterkiefer vor, gab ihm ein kurzes »Na dann« und drehte sich auf dem Absatz um.
Er sah ihr noch nach, bis sie hinter dem Hauptgebäude verschwand, doch sie drehte sich auf dem ganzen Weg nicht nochmal zu ihm um.
Er fröstelte. Ob wegen des Windes oder seines schweißnassen Shirts, wusste er nicht. Er wusste nur, dass sie Recht hatte. Sie mussten Nathans Mörder finden und er würde ihr dabei helfen. Auch wenn er die Antwort vielleicht nicht wissen wollte. Auch wenn er sie vielleicht schon kannte.
Zurück im Haus und frisch geduscht klopfte er an Marys Tür. Während er auf eine Antwort wartete, trat er nervös von einem Fuß auf den anderen. Was würde er Cassandra sagen, wenn er richtig lag? Wenn er wirklich …
»Was?« Mary stand im Türspalt, der gerade breit genug war, um ihren roten Lockenschopf dadurch zu stecken.
»Können wir reden?«
»Ich bin beschäftigt.«
Er reckte den Hals und versuchte, an ihr vorbei ins Zimmer zu schauen. Bücher und Hefte mit Notizen, Textmarker-Anstrichen und Skizzen lagen auf ihren Schreibtisch verteilt.
»Eine Hausarbeit«, sagte sie und zog die Tür noch weiter zu, so dass er nicht länger in ihr Zimmer schauen konnte.
»Kann ich reinkommen?«
»Können wir nicht auf dem Flur reden?«
»Nein, hierüber können wir nicht auf dem Flur reden.«
Ihr Blick wanderte einmal den leeren Flur entlang, dann stieß sie ein missbilligendes Grunzen aus und öffnete die Tür.
Isaac betrachtete die Buchtitel auf ihrem Schreibtisch und die Notizen in Marys winziger Handschrift. »Worüber genau ist diese Hausarbeit?«, fragte er und blätterte in einem Buch über die evolutionäre Verbindung zwischen Urmagie und unspezialisierten Magiern.
Mary nahm ihm das Buch aus der Hand und schlug es zu. »Das Potential unspezialisierter Magie in der heutigen Zeit.«
»Es gibt seit Jahrhunderten keine Unspezialisierten mehr. Und sollte je wieder einer geboren werden, hoffe ich, dass man ihm bei der ersten Gelegenheit eine Kugel zwischen die Augen setzt, anstatt sein Potential abzuwägen.«
»Deswegen heißt der Studiengang ja auch theoretische Magie«, sagte sie und schob sich zwischen ihn und den Schreibtisch. »Alles reine Theorie.«
Er nickte und trat von Schreibtisch zurück. »Ich will über Thomas reden. Glaubst du, er war es?«
Mary legte den Kopf schief. Und betrachtete ihn, als würde sie nachdenken. »Denkst du nicht, du fragst hier die Falsche?«
»Was? Soll ich etwa einfach zu Thomas gehen?«
»Zum Beispiel. Die Frage wäre aber auch noch, was du mit der Antwort anstellen willst. Wenn du eh nichts tun willst, was ich annehme, da er dein Bruder ist, warum dein Gewissen belasten?«
»Du glaubst, dass er es war.«
»Mir ist egal, ob er es war. Weil meine Reaktion exakt dieselbe wäre.«
Isaac nickte langsam und kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe.
»Denk draußen nach, ich habe zu tun«, sagte Mary und deutete zur Tür.
»Ich frag ihn.«
»Gut. Wenn er es war, erzähl es mir nicht.«
Sie schloss die Tür hinter ihm so schwungvoll, dass er den Luftstoß in seinem Nacken spürte.
Toll. Mary war keine Hilfe. Natürlich wollte er nicht wissen, ob sein Bruder ein Mörder war, aber er war Cassandra die Wahrheit schuldig. Und was brütete Mary da in ihrem Zimmer aus?
Seit Beginn des Semesters verbrachte sie ihre gesamte Zeit in der Bibliothek, ihrem Zimmer oder der Uni. Und immer wieder tauchten Bücher über die Van Eisenachs oder unspezialisierte Magie in ihren Sachen auf.
Vor Thomas' Zimmer zögerte er. Seine Hand schwebte vor der Tür und er suchte nach dem Mut, zu klopfen.
»Isaac.«
Seine Nackenhaare stellten sich auf und er ließ augenblicklich die Hand sinken.
»Was verschafft mir die Ehre?«, fragte Thomas und schob sich an ihm vorbei zur Tür. Die eine Hand an der Klinke, die andere am Rahmen musterte er Isaac mit gehobener Braue. »Willst du reinkommen?«
»Hast du Nathan ermordet?«, fragte Isaac. Es gab keinen eleganten Weg diese Frage zu stellen und auch keinen Weg drumherum.
Thomas' blaue Augen wurden schmal. »Das fragen du und Mary euch schon eine ganze Weile, was?«
»Ihr ist es egal.«
»Ist es nicht.«
»Sie sagt, es ist ihr egal.«
Er nickte und lehnte sich gegen den Türrahmen. »Glaubst du, ich war es?«
Isaac schluckte. »Ich weiß es nicht«, gab er zu.
Wieder nickte Thomas mit stoischer Miene, dann seufzte er. »Ich war es nicht.«
»Gut.«
»Glaubst du mir?«
»Würdest du mich belügen?«
»Nein.«
Er glaubte ihm und Erleichterung breitete sich in ihn aus. Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Thomas war einiges, aber gewiss kein Mörder.
»War das alles?«, fragte Thomas und grinste amüsiert.
»Wie geht es dir mit Nathans Tod?«
Thomas' Grinsen verschwand und er zuckte mit den Schultern. »Also, ich freue mich nicht besonders.«
