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Verlässlicher Leitfaden für die häusliche Ergotherapie bei Demenz Die Bedeutung von Ergotherapie in der Demenzbehandlung steigt kontinuierlich, ebenso der Bedarf. Ergodem ist eine 6-wöchige Therapieintervention à 12 Sitzungen im häuslichen Umfeld der Erkrankten. Ergotherapeuten trainieren gezielt Fähigkeiten, welche die Klienten als für sich wichtig erachten. Damit erhalten sie deren Alltagskompetenz und entlasten die Angehörigen. - Evidenzbasierter Therapieansatz bei Demenz - Der hohe Praxisbezug bietet Lesern einen hohen Nutzwert - Fallbeispiele und Praxistipps, die sich direkt aus der BMG-geförderten Ergodem-Studie an 160 Betroffenen ableiten - Die in der modernen Ergotherapie unverzichtbare Klientenzentrierung wird konsequent umgesetzt
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2013
ERGODEM
Vjera Holthoff, Thomas Reuster, Matthias Schützwohl, Julia Eisold, Antje Gerner, Luisa Jurjanz, Susanne Lauschke, Falk Marks, Kira Marschner, Shirin Meyer
34 Abbildungen
Liebe Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, liebe interessierte Leserinnen und Leser,
die Herausgeber und Autoren dieses Manuals freuen sich und sind stolz darauf, Ihnen einen evidenzbasierten, aus klinisch-wissenschaftlicher Forschung hervorgegangenen manualisierten Leitfaden für eine zeitgemäße ergotherapeutische Behandlung vorlegen zu können: erstmalig konnte die ERGODEM-Studie im deutschsprachigen Raum eine klinische Wirksamkeit bei der Behandlung von Menschen mit leichter und mittelgradiger Demenz und ihren pflegenden Angehörigen nachweisen.
Bei der Planung und Konzeption dieses Manuals haben wir uns von einigen Grundgedanken und Prinzipien leiten lassen, die für sein Verständnis hilfreich sind:
Neue und in unserer, durch das Bundesministerium für Gesundheit geförderten, ERGODEM-Studie gewonnene wissenschaftlichen Erkenntnisse bezüglich der nachgewiesenen Wirksamkeit einer ergotherapeutischen Intervention sollten einem breiten professionellen Anwenderkreis und dadurch den Betroffenen zugutekommen.
Die Therapie betrifft den an Demenz Erkrankten, aber ebenso seinen betreuenden Angehörigen, weil nicht nur die Erfahrung, sondern auch weltweite Forschung gezeigt hat, dass und wie sehr auch die Angehörigen körperlich und psychisch in dieser Situation leiden, echte Krankheitssymptome entwickeln und das Miteinander in der häuslichen Situation dadurch erschwert werden kann. Auch sie profitieren von der ergotherapeutischen Intervention.
Die Berücksichtigung der aktuellen deutschsprachigen und internationalen ergotherapeutischen Literatur, Konzepte und Modelle einschließlich MOHO, CMOP und CMOP-E (MOHO: Model of Human Occupation, CMOP: Canadian Model of Occupational Performance, CMOP-E: Canadian Model of Occupational Performance and Engagement) sollte einerseits einen Ansatz auf der Höhe der Zeit sichern; sie sollte uns andererseits aber methodisch nicht beengen. Im kanadischen Modell fanden wir die klientenzentrierte Strategie am überzeugendsten ausgearbeitet und mit dem Assessment COPM lag ein einschlägiges Nutzerinstrument vor, das auch in diesem Manual unter der Voraussetzung einer entsprechenden Schulung verwendet wird.
ERGODEM war eine unabhängige Studie, die von mehreren psychiatrischen Zentren unter Leitung der Herausgeber dieses Manuals von 2008 bis 2011 erfolgreich durchgeführt wurde. Dies gelang nur aufgrund einer engen und kollegialen wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit den ERGODEM-Teams in Leipzig (Gabriele Elitzer, Annekatrin Hempel, Anke Jakob, Birgit Littmann und Susan Markert unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Kallert) und Ulm/Günzburg (Marcella Böhm, Sandra Kugelmann, Katharina Lukschanderl und Claudia Schiffczyk unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Becker).
Zu dem Team des Studienzentrums Dresden gehörten neben den Herausgebern und Autoren des Manuals folgende Kolleginnen und Kollegen, ohne die ERGODEM nicht möglich geworden wäre und für deren Mitarbeit und Unterstützung wir sehr dankbar waren: Birgit Berger, Silke Beßert, Rainer Koch, Shirin Meyer, Josef A. Nees, Anne-Dore Eichler, Kathrin Stelzner und Brit Wulsten.
Die ERGODEM-Studie wurde vom Deutschen Verband der Ergotherapeuten (DVE e.V.) mit Interesse verfolgt. Der DVE hat uns auch mit hilfreichen Hinweisen und der Vermittlung kompetenter Trainerinnen für unsere Studien-Ergotherapeuten in klientenzentrierter gerontopsychiatrischer Ergotherapie unterstützt. Dem Verband und namentlich seinem Vorsitzenden Arnd Longrée sowie dem Vorstandsmitglied für Standards und Qualität Sabine George sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Dank schulden wir auch den Lehr-Ergotherapeutinnen Frau Wiebke Flotho (MSc) und Frau Ellen Romein (MSc), die auf der Basis unserer Vorstellungen für ein kompetentes Training unserer Studien-Ergotherapeuten gesorgt haben.
Am dankbarsten sind wir unseren Studien-Ergotherapeuten. Wir waren außerordentlich beeindruckt von ihrem Engagement und ihrer Kreativität in der ERGODEM-Studie. Durch sie haben wir gelernt, was „Befähigung“ (enablement) im Kontext einer häuslichen Therapie eines an Demenz Erkrankten und seiner Angehörigen bedeutet und wie multimodal auf unterschiedlichen Ebenen gute Ergotherapeuten therapeutisch agieren. (Ergotherapeuten verfügen offenbar nicht nur über einen „three-track mind“, wie Maureen Fleming 1991 behauptete, sondern offenkundig, wenn auch zu selten gewürdigt, über einen „multi-track mind“). Überhaupt war es ein Kennzeichen der ERGODEM-Studie, dass psychiatrische Kliniker, Wissenschaftler und Ergotherapeuten fruchtbar zusammenarbeiten konnten – eine nahezu einmalige Konstellation. Allen diesen Ergotherapeuten sei aufs Herzlichste gedankt; einige von ihnen trugen die Hauptlast der inhaltlichen Kapitelgestaltung. Unschätzbar wertvoll war aber auch die Koordination und uneigennützige Unterstützung der Autoren durch die wissenschaftlichen ERGODEM-Mitarbeiterinnen Dr. Luisa Jurjanz und Dipl.-Psych. Kira Marschner. Schließlich danken wir dem Georg Thieme Verlag, der durch Frau Daniela Ottinger und Frau Eva Grünewald ermutigend, unterstützend und in angenehm konstruktiver Atmosphäre dieses Projekt begleitete.
Herausgeber und Mitautoren wünschen Ihnen, dass dieses Manual Ihre ergotherapeutische Arbeit mit an Demenz erkrankten Klienten und ihren betreuenden Angehörigen erleichtert und zu dem Erfolg führt, den Klienten, Angehörige und nicht zuletzt Sie als engagierte Ergotherapeuten verdienen.
Dresden, im April 2013 Vjera Holthoff, Thomas Reuster, Matthias Schützwohl
Anmerkung der Herausgeber: In der Regel wurden im Rahmen allgemeiner Formulierungen, auch wenn Personenbezeichnungen für beiderlei Geschlecht gelten, aus Gründen der besseren Lesbarkeit ausschließlich die männlichen Sprachformen verwendet.
ERGODEM ist als deutsche Marke angemeldet.
Vorwort
1 Medizinische Einführung
1.1 Allgemeiner Hintergrund
1.2 Wann liegt eine Demenz vor?
1.3 Primäre Demenzformen und ihr Erscheinungsbild
1.3.1 Alzheimer-Krankheit (AD)
1.3.2 Gemischte Demenz
1.3.3 Vaskuläre Demenz (VD)
1.3.4 Frontotemporale Demenz (FTD)
1.3.5 Lewy-Körperchen-Demenz
1.3.6 Demenz bei Morbus Parkinson
1.4 Anamnestisches Erstgespräch und Erkrankungsstadien
1.5 Nichtmedikamentöse Therapiekonzepte bei Demenzerkrankungen
1.6 Ergebnisse der ERGODEM-Studie
1.7 Indikation für häusliche Ergotherapie und Aufklärungsgespräch
1.8 Literatur
2 Ergotherapie im häuslichen Umfeld
2.1 Formale Voraussetzungen
2.1.1 Allgemeine Grundlagen
2.1.2 Hinweise zur Verordnung der ERGODEM-Intervention
2.2 Literatur
2.3 Voraussetzungen und empfohlene Qualifikationen für Ergotherapeuten
2.4 Literatur
3 Klientenzentrierung in der Behandlung von Demenzerkrankten
3.1 Literatur
3.2 Weiterführende Literatur zur Klientenzentrierung
4 Die ERGODEM-Intervention
4.1 Kontaktphase
4.1.1 Allgemeine Hinweise zur Gesprächsführung
4.1.2 Der telefonische Erstkontakt
4.1.3 Das therapeutische Erstgespräch
4.2 Literatur
4.3 Befunderhebung
4.3.1 Vorbereitung des COPM-Interviews
4.3.2 Durchführung des COPM-Interviews
4.3.3 Abschließende Anmerkungen
4.4 Literatur
4.5 Interventionsphase
4.5.1 Betätigungsanalyse und Zieldefinition
4.5.2 In ERGODEM häufig eingesetzte Techniken und Methoden
4.5.3 Abschließende Anmerkungen
4.6 Literatur
4.7 Beurteilung des Behandlungserfolgs und Abschluss der Intervention
4.7.1 Hinweise zur Durchführung der Abschlussbewertung
4.7.2 Zeitpunkt der Beurteilung
4.7.3 Interpretation der Messwerte
4.7.4 Das Ende der Behandlung
4.7.5 Der Abschlussbericht
4.8 Literatur
5 Rückmeldungen zur ERGODEM-Intervention
5.1 Rückmeldungen von Klienten und pflegenden Angehörigen zur ERGODEM-Intervention
5.2 Rückmeldungen der Studienergotherapeuten
5.2.1 Beziehungsgestaltung
5.2.2 Psychoedukative Beratung
5.2.3 Erarbeitung der Interventionsziele und Behandlungsstrategie
5.2.4 Alltagstransfer
5.2.5 Abschlussphase
5.2.6 Therapieumfang/ -dauer
6 Fallberichte
6.1 Betätigungsbereich: Selbstversorgung
6.1.1 Fall 1
6.1.2 Fall 2
6.2 Betätigungsbereich: Produktivität
6.2.1 Fall 3
6.2.2 Fall 4
6.3 Betätigungsbereich: Freizeit
6.3.1 Fall 5
6.3.2 Fall 6
7 Alltagshilfen und mögliche Therapieinhalte für Menschen mit Demenzerkrankungen
7.1 Bereich: Selbstversorgung
7.1.1 Eigene körperliche Versorgung
7.1.2 Mobilität
7.1.3 Regelung persönlicher Angelegenheiten
7.2 Bereich: Produktivität
7.2.1 Haushaltsführung
7.3 Bereich: Freizeit
7.3.1 Ruhige Erholung
7.3.2 Soziales Leben
8 Anhang
Autorenvorstellung
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum
Vjera Holthoff
Das häusliche Umfeld ist für viele Menschen der Ort der Vertrautheit und Sicherheit. Daher ist es der Wunsch der meisten Europäer, im Krankheitsfall weiterhin zu Hause zu leben. Allerdings haben weltweit Studien belegt, dass die Betreuung und Pflege kranker Menschen im häuslichen Umfeld eine außergewöhnliche Belastung für die pflegenden Angehörigen bedeutet und dass die Pflege Demenzerkrankter zur höchsten körperlichen und seelischen Belastung führt (→ Brodaty 2009).
In Deutschland leben 1,3 Millionen Demenzerkrankte und über zwei Drittel werden von Angehörigen zu Hause gepflegt, davon sind 70% Frauen (Alzheimer → Europe 2009; → Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2002). Trotz dieser Tatsache stehen bislang keine evidenzbasierten Empfehlungen für individualisierte Behandlungskonzepte für Demenzerkrankte und ihre Angehörigen im häuslichen Setting in Deutschland zur Verfügung. Das Ziel der Entwicklung der ERGODEM-Intervention war es, dem Demenzerkrankten die größtmögliche Alltagskompetenz zu verleihen, seine Selbstständigkeit soweit wie möglich zu erhalten und eine Teilnahme am Sozialleben zu ermöglichen. Die ERGODEM-Intervention ist in einer Studie untersucht worden, die vom Bundesministerium für Gesundheit im Rahmen der „Leuchtturmprojekte Demenz“ gefördert wurde. Es war das Ziel, die Wirksamkeit einer im häuslichen Setting durchgeführten Ergotherapie bei Patienten mit der häufigsten Demenz (Alzheimer-Krankheit einschließlich gemischte Demenz) in einer randomisierten und kontrollierten Studie zu untersuchen. Die Ergebnisse, Erfahrungen und Empfehlungen des vorliegenden Manuals beruhen auch auf dieser Studie.
Dabei war zu beachten, dass die Behandlung eines Demenzerkrankten im häuslichen Umfeld immer die Behandlung des Paares, der Familie oder allgemein des Demenzerkrankten und seines pflegenden Umfelds bedeutet. Die Pflegebedürftigkeit ergibt sich ganz wesentlich aus dem zunehmenden Verlust der Erkrankten, Alltagsverrichtungen zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Reihenfolge auszuführen. Daher fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, dass, wie von Alzheimer Europe (2009) dargelegt, jeder zweite Demenzerkrankte in der fortgeschrittenen Erkrankungsphase mehr als zehn Stunden Betreuungs-und Pflegezeit benötigt und dass dies im frühen Demenzstadium bereits für jeden fünften zutrifft. Die Welt eines Demenzerkrankten wird durch den zunehmenden Verlust an Gedächtnisleistungen, Sprachverständnis und Orientierung immer unübersichtlicher, sein Verhalten und seine Persönlichkeit verändern sich. Um ihm zu helfen, muss der pflegende Angehörige sich in die veränderte Welt des Kranken versetzen. Er lernt, ihm nachzuempfinden, um dann sein eigenes Verhalten der Welt des Demenzerkrankten anzupassen. Während der Angehörige damit dem Demenzerkrankten hilft, ein Lebensumfeld zu schaffen, in dem er persönlich bedeutungsvolle Aktivitäten ausführen kann und in seiner Selbstständigkeit Unterstützung erfährt, verliert der Angehörige selber einen Teil seines vertrauten, gemeinsamen Lebens mit dem Erkrankten. Nehmen wir eine liebevoll pflegende Ehefrau eines Demenzerkrankten, die dieser plötzlich als seine eigene Mutter verkennt. Das ist eine in der Demenz zu erwartende Reaktion des Erkrankten, da ihm zunehmend Erinnerungsinhalte verloren gehen. Dies betrifft zunächst die neueren, aktuellen Erinnerungen und später auch die alten Erinnerungen. Der Verlust erfolgte also in umgekehrter Reihenfolge zum Zeitstrahl seines Lebens. Eine Frau, die ihn liebevoll betreut, wird in der frühen Lebensphase, in der sich der Betroffene in unserem Beispiel offenbar gegenwärtig fühlt, natürlich seine Mutter sein. Seine Ehefrau tritt auf dem Zeitstrahl erst später in sein Leben. Die Erinnerungen an die gemeinsame Ehe des Paares kann die Ehefrau ab dem Moment nicht mehr mit ihrem Mann teilen. Erinnerungen sind jedoch ein Fundament der eigenen Identität, sowohl für die Erkrankten als auch für die pflegenden Angehörigen.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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