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Beschreibung

Wem gehört die deutsche Geschichte? Wir leben in turbulenten Zeiten, krisenhaften gar. Nicht nur in der Politik macht sich das Gefühl breit, eine Zeitenwende zu beobachten. Trotzdem oder gerade deshalb erfolgt immer wieder die Bezugnahme auf »die Geschichte«, werden daraus sich angeblich ergebende Lehren genannt. Auf der einen Seite scheint Geschichte als Ressource und Legitimität nie so nachgefragt wie derzeit, auf der anderen Seite fühlen sich nicht unerhebliche Teile der deutschen Gesellschaft in der bundesdeutschen Gedächtnispolitik marginalisiert. Die in diesem Band versammelten Essays ergeben ein Mosaik der deutschen Erinnerungslandschaft der Berliner Republik und der großen Debatten, die um sie geführt werden. Mit Beiträgen von Eckart Conze, Hajo Funke, Efsun Kızılay, Meron Mendel, Dirk Moses, Michael Rothberg, Ilko-Sascha Kowalczuk, Franziska Davies, Sonja Hegasy u. v. m.

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EPUB

Seitenzahl: 745

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Erinnerungskämpfe

Neues deutsches Geschichtsbewusstsein

Herausgegeben von Jürgen Zimmerer

Reclam

2023 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Favoritbuero

Coverabbildung: Ausschnitt aus: Volcano Grunge Poster. Mountain Peak Explosion – © Shutterstock.com / Studio Cantath

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2023

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN978-3-15-962180-7

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011454-4

www.reclam.de

Inhalt

Einleitung

Erinnerungskämpfe. Wem gehört die deutsche Geschichte?

Danksagung

Das Kaiserreich und deutsche Kontinuitäten

Neuer Streit um Bismarck und ein altes Feindbild im Streit ums Kaiserreich

Der Völkermord an den Herero und Nama und die deutsche Geschichte

›Fischer Reloaded?‹ Der neue Streit ums alte Kaiserreich

Streit in Zeiten der Pandemie: Die Auseinandersetzung um das Verhältnis der Hohenzollern zum Nationalsozialismus

Nationalsozialismus / Zweiter Weltkrieg

Marginalisiert, unsichtbar? Der Kampf um die Anerkennung der vergessenen Opfer des ›Dritten Reiches‹

Vernichtungskrieg und deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg: Von Sagbarkeitsregimen, Meistererzählungen und erinnerungspolitischen Fehlstellen

Der ›vergessene Osten‹: Der deutsche Vernichtungskrieg gegen Polen und die Sowjetunion und die blinden Flecken der deutschen Erinnerung

Der Krieg und die Geschichte: Russland, die Ukraine und das Problem des historischen Vergleichs

Holocaust und multidirektionale Erinnerung

Gelebte Multidirektionalität: Der »Historikerstreit 2.0« und die Politiken der Holocausterinnerung

Die Katechismen des Aktivismus. Die Bedeutung Israels im »Historikerstreit 2.0«

»Die deutsche Debatte ist von Obsessionen geprägt«: Erinnerungsräumliche Betrachtungen zum Katechismus der Deutschen

Hermeneutische Schikanen: Wie jüdisch-arabische und arabisch-jüdische Solidarität untergraben wird

Der Streit um Achille Mbembe und die Frage der Deutungshoheit über die Geschichte

Der zurückfliegende Bumerang. Die documenta fifteen, deutsche Debatten und Leerstellen

DDR/BRD/Wiedervereinigung

Der Kampf um die Zukunft: Die DDR-Geschichte im Widerstreit der Interessen

Die DDR als Migrationsgesellschaft und die rassistische Gewalt der »Baseballschlägerjahre« in Ostdeutschland: Der Weg in die Berliner Republik

Leerstellen der Erinnerung: ›Gastarbeiter:innen‹ in der Bundesrepublik

Berlin ist nicht Bonn ist nicht Weimar. Die deutschen Republiken im politischen Deutungskampf

Die Berliner Republik. Marginalisierungen und neue Meistererzählungen

»Unter die Deutschen gefallen«. Schwarze deutsche Identität und der literarische Kampf um Anerkennung

Wem gehört die ›Leitkultur‹? Islamdebatten und Almanyas verborgene Erinnerungen

Vom »Vogelschiss«, Bismarck und deutschen Opfern: Die Neue Rechte und der Kampf um die deutsche Erinnerungskultur

Mölln, NSU, Halle, Hanau – Rechtsterror, Kontinuität und deutsche (Nicht-)Erinnerung

Zwischen Nation und Staatenverbund: Historische Europadiskurse und die Krisen des frühen 21. Jahrhunderts

Autorinnen und Autoren

Einleitung

Erinnerungskämpfe. Wem gehört die deutsche Geschichte?

Jürgen Zimmerer

Deutschland hadert mit seiner nationalen Identität. Wie könnte es auch anders sein? Die welthistorische Katastrophe des ›Dritten Reiches‹ mit seinen Verbrechen, allen voran dem Holocaust, erfordert eine fortwährende Auseinandersetzung mit dieser Geschichte, ihren Ursprüngen und Folgen. Das ›Dritte Reich‹ war eine moralische Bankrotterklärung, die Kriegsniederlage Deutschlands ein totaler – militärischer und politischer – Zusammenbruch sondergleichen. Das erschütterte Geschichtsbewusstsein entwickelte sich seit der deutschen Teilung in unterschiedliche Richtungen. Die Wiedervereinigung brachte verstärkte Debatten im nationalen Rahmen: Erinnerungskämpfe um Aufmerksamkeit und Hegemonie, staatlicherseits wie von zivilgesellschaftlichen Initiativen.

Die deutsche Geschichte taugt nicht als Quell rein positiver Identitätsstiftung: Für alle Epochen vor 1933 ist die Frage zu stellen, wie sie zu den Menschheitsverbrechen danach stehen, für die Auschwitz die Chiffre wurde. Für die Zeit nach 1945 stellt sich die Frage, wie man sich mit dieser Geschichte auseinandersetzte, welche Lehren man aus Diktatur und Menschheitsverbrechen zog, wie man diese umsetzte.

Deutschland steht zu Beginn des dritten Jahrtausends am Scheideweg. Das Anwachsen illiberaler Tendenzen ist unverkennbar. Im Bundestag sitzt eine Partei, deren ehemaliger Vorsitzender auf die »ruhmreiche Geschichte, die länger dauerte als 12 Jahre« hinwies und der »Hitler und die Nazis« als »nur ein Vogelschiss in unserer über tausendjährigen Geschichte« bezeichnen konnte,1 ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Gedenkstätten an Nationalsozialismus und Holocaust werden regelmäßig geschändet. Erkennbar jüdische Institutionen müssen rund um die Uhr polizeilich bewacht werden, denn die Gewalt bleibt nicht auf Objekte beschränkt: Die Anzahl antisemitischer und rassistischer Vorfälle steigt seit Jahren. Die rechtsextreme Terrorgruppe »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) konnte mehr als zehn Jahre mordend durch Deutschland ziehen, während die Täter:innen aufgrund des Rassismus der deutschen Sicherheitskräfte im Umfeld ihrer Opfer gesucht wurden. In Halle verübte ein Attentäter im Oktober 2019 einen Anschlag auf die dortige Synagoge. Als die Tür dem Angriff standhielt, ermordete er zwei Passant:innen, unter anderem in einem türkischen Imbiss. Da er Juden/Jüdinnen nicht töten konnte, tötete er andere, die er als ›Fremde‹, ›Andere‹, ›Nicht-Zugehörige‹ deutete. Letztendlich unterscheiden rechtsextreme Terroristen nicht zwischen Juden/Jüdinnen und Muslim:innen. Ihnen geht es um den Kampf gegen alles ›Fremde‹, das nicht so ist wie sie oder wie sie sich imaginieren. Vier Monate später ermordete ein anderer Rechtsterrorist neun migrantisierte Menschen (und seine eigene Mutter) unter anderem in einer Shisha-Bar in Hanau. Bereits im Juni 2019 war der Politiker Walter Lübcke einem Attentat zum Opfer gefallen, weil er sich 2015 für die Aufnahme von Flüchtenden ausgesprochen hatte.

Diese einzelnen Beispiele zeigen, dass sich ein rassistisches und antisemitisches gewaltbereites Segment der deutschen Gesellschaft herausbildet. Im Land des Holocaust und der Ermordung der Sinti:zze und Rom:nja, der Nürnberger Rassegesetze und eines erbarmungslosen Eroberungs- und Vernichtungskrieges gegen slawische Menschen ist dies eine besonders beunruhigende Entwicklung. Es ist Zeit, darüber nachzudenken, ob die deutsche Vergangenheitsbewältigung so erfolgreich war, wie es sich die deutsche Gesellschaft gerne selbst attestiert.

Fragen an die deutsche Erinnerungskultur wirft auch die russische Invasion in die Ukraine vom Februar 2022 auf (und hätte eigentlich schon der Angriff von 2014 aufwerfen müssen). Hat man in der Betrachtung des Zweiten Weltkriegs zu lange die Sowjetunion mit Russland gleichgesetzt, hat man deshalb den russischen Imperialismus unterschätzt? Und ergibt sich aus den millionenfach dem deutschen Vernichtungskrieg zum Opfer gefallenen Russ:innen nun das Verbot, Waffen zu liefern, die gegen Russland verwendet werden könnten, oder die Pflicht, Waffen zu liefern, um die Ukrainer:innen, die ebenfalls millionenfach unter deutschem Terror starben, in die Lage zu versetzen, sich zu verteidigen? Und was bedeutet es, wenn von Putin als ›neuem Hitler‹ geschrieben wird, teilweise von den gleichen Medien, die ein Jahr zuvor noch Holocaust-Relativierung witterten, wenn auf koloniale Ursprünge bestimmter nationalsozialistischer Verbrechen hingewiesen wurde? Müssten darüber nicht die großen Debatten geführt werden?

Wenn es diese Debatten überhaupt gibt, finden sie nur in einer begrenzten Öffentlichkeit statt. Der Weg ins Feuilleton gelingt dagegen vor allem jenen, die die deutsche Aufarbeitungsleistung bestätigen, indem sie tatsächliche oder postulierte Transgressionen von Menschen herausstellen, die ›von außen‹ kommen, sei es aus Kamerun bzw. Südafrika wie im Falle Achille Mbembes, sei es aus Indonesien wie im Falle der documenta 15. In beiden Fällen ist Antisemitismus der Vorwurf, und zwar der ›importierte‹2.

Zweifellos sind Teile der Aussagen von Achille Mbembe zu kritisieren, genau wie einzelne Bilder in Kassel antisemitisch waren oder antisemitische Elemente enthielten. Jedoch kommt die Reduktion des Antisemitismus auf ein Problem der nach Deutschland migrierten Menschen oder von Menschen aus dem Globalen Süden einer symbolischen (historischen) Verantwortungsverweigerung gleich.

In einer Form der öffentlichkeitswirksamen Schuldumkehr werden die Nachkommen der Täter:innen des Holocaust aus ihrer Verantwortung entlassen, während Menschen, die biographisch keinen Bezug zu den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland haben, nun die Beschuldigten sind. Ihr Ausschluss aus dem Diskurs in Form eines symbolischen Exorzismus reinigt die deutsche Gesellschaft »mit Nazihintergrund«3. Gleichzeitig stabilisiert die Stigmatisierung von Minderheiten die völkische Basis der deutschen Gesellschaft, und dies ausgerechnet im vorgeblichen Kampf gegen Antisemitismus.

Generell zeigt sich hier ein Muster, das sich auch verallgemeinern lässt: das Auseinanderfallen von Vergangenheitsbewältigung als ritualisiertes Bekenntnis und einer kritischen Auseinandersetzung mit den historischen Wurzeln der aktuellen Gewalt und Illiberalität. Dies wiederholt sich mit dem demonstrativen Bekenntnis zur Erinnerung an den Holocaust und den sich daraus ergebenden Konsequenzen, etwa im Verhältnis zu Israel, einerseits, während andererseits beispielsweise mit dem Humboldt Forum ein architektonischer Schlussstrich gezogen wird. Stattdessen wird eine neue identifikatorische Meistererzählung vom goldenen Jahrhundert deutscher Wissenschaft und Kultur vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs durchgesetzt. Dies stellt genau die ›Normalisierung‹ der deutschen Geschichte dar, die es eigentlich nicht geben sollte.

Allerdings wird dieser Widerspruch in der öffentlichen Debatte nicht aufgelöst, sondern mit großer Verve werden diejenigen kritisiert, welche diese Normalisierung in Frage stellen, indem sie die rassistischen (bis genozidalen) Traditionen gerade auch in die vermeintliche Epoche deutscher Modernität und Weltgeltung verfolgen.

Von der Kapitulation bis zur Wiedervereinigung

Die aus der Sicht von 1945 unwahrscheinliche Rückkehr Deutschlands und der Deutschen in die internationale Gemeinschaft war nur um den Preis des Neuanfangs auch im Umgang mit der Vergangenheit möglich. Die Totalität des moralischen Zusammenbruchs erzwang einen erinnerungspolitischen Neuanfang und damit den Bruch mit einer Tradition, die in der Geschichte vor allem eine Ressource positiver Identifikation sah. Dieser (selbst-)kritische Umgang mit der eigenen Geschichte wurde zu einem Fundamentalkonsens der Bundesrepublik (und im Grunde auch der DDR, bei allen Unterschieden im Detail).

Es war dieses im Laufe der Jahre von einer immer breiteren gesellschaftlichen Basis getragene Bemühen, die deutschen Verbrechen nicht zu beschönigen, sondern in ihrer Verbrechenhaftigkeit anzuerkennen, das Deutschland im Ausland, vor allem unter seinen europäischen Nachbarn, Respekt einbrachte – jenen Nachbarn, das darf nicht vergessen werden, die unter der deutschen Aggression, dem deutschen Rassismus und dem deutschen Antisemitismus besonders gelitten hatten. Es bescherte Deutschland Glaubwürdigkeit nach außen und einen neuen identifikatorischen Kern im Inneren.

Der Holocaust stand allerdings in den ersten Dekaden nach Kriegsende keineswegs im Mittelpunkt deutscher kollektiver Erinnerung, von der individuellen, durch Verdrängung geprägten Rückschau ganz zu schweigen. Persönlich sahen sich viele Deutsche als Opfer: als Opfer des Regimes und seines Sicherheitsapparates, als Opfer des Krieges durch Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten, der Vergewaltigungen durch die Soldaten der Roten Armee, als Opfer des alliierten Bombenkriegs, als Opfer der scheinbaren ›Siegerjustiz‹, die nachträglich ihr Verhalten kriminalisierte, und schließlich als Opfer eines angeblich von außen oktroyierten ›Schuldkultes‹.4

Auch war die ›Stunde Null‹ kein Neuanfang, was personelle Kontinuitäten anging und auch nicht, was administrative und juristische Strukturen betraf. Noch 40 Jahre nach Kriegsende musste Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede vom 8. Mai als dem »Tag der Befreiung«« darauf hinweisen, dass man weniger besiegt als befreit worden sei.5 Damit setzte er dem revisionistischen Diskurs einer Niederlage, die man rückgängig machen müsse, ein Narrativ entgegen, das diese Niederlage als positiven Neubeginn interpretierte.6 Er holte damit in gewisser Weise für die Westdeutschen nach, was in der DDR von Anfang an als Sieg über den Faschismus und damit als Gründungs- wie Begründungsakt zelebriert worden war.

An der Rede, die mittlerweile als eine der großen der deutschen Geschichte gefeiert wird, gab es seinerzeit scharfe Kritik auch aus den Reihen von Weizsäckers CDU, etwa von Alfred Dregger.7 Die Bewertung als Befreiung zum Wohle der Deutschen war Mitte der 1980er Jahre keineswegs unumstritten. So nahm Bundeskanzler Helmut Kohl im gleichen Jahr etwa am ›Schlesiertreffen‹ in Hannover unter dem Motto ›Schlesien bleibt unser‹ teil, und auch sein vielkritisierter Besuch mit US-Präsident Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg gehört in diesen Kontext.8 Dies war Teil der ›geistig-moralischen Wende‹, die Kohl nach seiner Wahl zum Bundeskanzler ausgerufen hatte.

Zur Akzeptanz der Rede von Weizsäckers trug sicherlich bei, dass er den Deutschen jeglichen Alters auch einen Ausweg aus der persönlichen Schuld anbot. Befreit wird man ja von etwas, das man nicht will, von etwas Fremdem, das einen befällt, nicht von etwas, dem man millionenfach zujubelte, an dem man sich millionenfach beteiligte. In diesem inhärenten Entlastungsangebot liegt ein Grund für die bereitwillige Übernahme des in der Rede angebotenen Narrativs. Das breite gesellschaftliche Bekenntnis zu den beispiellosen Verbrechen wurde erleichtert, indem jüngere Deutsche zumindest teilweise von der Täter- auf die Opferseite rücken konnten. Dies sollte weitreichende Folgen haben, verfestigte sich damit doch auch die Vorstellung vom Nationalsozialismus als etwas Fremdem, aus der deutschen Geschichte Gelöstem. Von Weizsäckers Rede erteilte dem Geschichtsrevisionismus, der das ›Dritte Reich‹ noch verherrlichen wollte, zwar eine klare Absage, er tat dies aber, ohne die Mehrheit der Deutschen mit ihrer eigenen Täterschaft – oder der ihrer Eltern und Großeltern – zu konfrontieren. Dies blieb weiterhin vor allem zivilgesellschaftlichen Initiativen überlassen.

Im ebenfalls in diesen Kontext gehörenden Historikerstreit strebte die konservative Seite ebenfalls nach Entlastung. Ernst Nolte und seine Unterstützer argumentierten, die Deutschen hätten nur auf das Vorbild und vor allem die Bedrohung von außen seitens des Bolschewismus reagiert, eine Art kollektive Notwehr also. Dem widersprachen sich progressiv und kritisch verstehende Historiker und Philosophen, allen voran Jürgen Habermas. Sie setzten sich durch und legten damit die Grundlage für eine deutsche Identität, die auf einer selbstkritischen Betrachtung der eigenen Geschichte basierte.9

Dass es ein Bedürfnis nach Entlastung überhaupt gab, dass kollektives Beschweigen und Verdrängen nicht mehr ausreichten, ist auf den Erfolg einer Geschichtsaufarbeitung zurückzuführen, die Stück für Stück die Verbrechen des ›Dritten Reiches‹ anerkannte und durch Forschungen und die Arbeit von Graswurzelinitiativen ins öffentliche Bewusstsein rückten. So verschob sich ein Narrativ, dass die Deutschen als Opfer des Zweiten Weltkriegs und auch der Nationalsozialisten begriffen hatte, hin zu einer Erzählung von den Deutschen als Täter:innen; und das geschah so nachhaltig, dass sich ein Großteil heute gar nicht mehr vorstellen kann, wie mühsam das Wissen um den Holocaust und das Bekenntnis zu Schuld und Verantwortung dafür erstritten werden mussten.

Trug die doppelte deutsche Vergangenheitsbewältigung dazu bei, den Nachbarn der beiden deutschen Staaten die Angst zu nehmen, so gewann dies nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der deutschen Teilung nochmals an Bedeutung. Alte Ängste vor einem ›Vierten Reich‹ brachen aus. Man denke an die Konferenz von Chequers 1989, auf der sich die britische Premierministerin Margaret Thatcher mit Deutschlandhistoriker:innen beriet, ob von einem erneut geeinten Deutschland eine solche Gefahr ausging. Deren Fazit gewährte den Deutschen einen Vertrauensvorschuss: »[T]he weight of the evidence and the argument favoured those who were optimistic about life with a united Germany«. Ganz sicher waren sich die Berater:innen Thatchers allerdings auch nicht: »But even the optimists had some unease, not for the present and the immediate future, but for what might lie further down the road than we can yet see.«10

Ein Weg, die Ängste zu zerstreuen, war die endgültige völkerrechtliche Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsche Ostgrenze,11 ein anderer die Verpflichtung zu noch stärkerer Integration auch des wiedervereinigten Deutschlands in die Europäische Union, einschließlich der Bereitschaft zur Aufgabe der eigenen Währung, ein dritter war das fortwährende Bemühen um Aufarbeitung der Verbrechen und Anstrengungen zur Aussöhnung.

Ängste vor einer Wiedervereinigung gab es auch in Deutschland. So hatte der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder als niedersächsischer Oppositionsführer im September 1989 jede auf Wiedervereinigung zielende Politik als »reaktionär und hochgradig gefährlich« bezeichnet. Oskar Lafontaine nannte die Forderung nach einer Wiedervereinigung noch im Dezember 1989 einen »historische[n] Schwachsinn«.12 Andere sahen die deutsche Teilung auch als Strafe für die Menschheitsverbrechen des ›Dritten Reiches‹. Mit der Überwindung der Teilung und damit dem Ende der damit in den Augen mancher verbundenen Sühneleistung bedurfte es einer symbolischen Alternative.

Dies umso mehr, als Deutschland nicht nur wieder geeinigt war, sondern auch beschloss, seinen Regierungssitz von Bonn nach Berlin zu verlagern. Nicht nur war die Stadt nicht mehr geteilt, als Symbol der Schuld und der Sühne, sie schickte sich auch an, sich in die Traditionen des Deutschen Reiches vor 1945 einzufügen – und mit ihr das ganze Land.

Das ›Holocaust-Mahnmal‹ und das Existenzrecht Israels als deutsche Staatsräson

Kurz vor dem Umzug fiel dann auch die Entscheidung, an zentraler Stelle in der alten neuen Hauptstadt ein Mahnmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas zu errichten und damit den Holocaust in den Mittelpunkt der Erinnerung zu stellen. Zum bemerkenswerten Beschluss, die Verantwortung für die deutschen Verbrechen anzuerkennen, indem man in die neue Hauptstadt ein Denkmal für die Opfer stellte, gesellte sich ein zweiter: Man beschloss, nur einer Opfergruppe zu gedenken.

Bewusst hatte sich der Deutsche Bundestag nach intensiver Debatte dagegen entschieden, ein Denkmal für alle Opfer das Nationalsozialismus zu errichten, obwohl Mahnende darauf hingewiesen hatten, dass damit eine Hierarchie der Opfer befördert würde. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zitierte im Bundestag den Historiker Reinhart Koselleck, der warnte, »wir dürften uns als Täter nicht anmaßen, eine Hierarchie der Opfer festzuschreiben«, denn wer »dies tut, bedient sich weiterhin jener Kategorien, mit denen die SS ihre Opfer definiert hat, um sie zu vernichten.«13 Dennoch plädierten Thierse und schließlich die Mehrheit des Bundestages für ein Denkmal ausschließlich für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas, das schlussendlich 2005 eingeweiht wurde.

Thierse wies in seiner Eröffnungsrede ausdrücklich darauf hin, dass es sich um eine der letzten Entscheidungen handelte, die der Bundestag vor seinem Umzug in Bonn getroffen hatte, um »ein erstes gemeinsames Erinnerungsprojekt des wiedervereinten Deutschland« auf den Weg zu bringen und ein »Bekenntnis, dass sich dieses geeinte Deutschland zu seiner Geschichte bekennt und zwar indem es in seiner Hauptstadt, in ihrem Zentrum, an das größte Verbrechen seiner Geschichte erinnert.«14

Die Entscheidung für den Umzug des Bundestags von Bonn nach Berlin und damit die Machtverlagerung vom Westen in das alte Zentrum des Deutschen Reiches wurde also begleitet von einem demonstrativen Bekenntnis zur eigenen problematischen Geschichte. Eine Geschichte, deren Last man leichter tragen konnte, da auch Thierse, die Formulierung von Weizsäckers aufgreifend, des Kriegsendes als »Befreiung unseres Landes und unseres Kontinents von der Hitlerbarbarei« gedachte. Das Denkmal erinnere an »das schlimmste, das entsetzlichste Verbrechen Nazideutschlands«.15 Gerade so, als habe es ein zweites Deutschland gegeben, als sei Hitler alleine schuld, als sei es keine deutsche Barbarei gewesen.

Dieses performative Bekenntnis zur deutschen Verantwortung war ein wichtiger Schritt, um die neue Berliner Republik an die Diskussionen der alten Bonner rückzubinden. Allerdings hatte die Entscheidung, die vergangenheitspolitische ›Gründung‹ der Berliner Republik nicht mit einem performativen Gedenken an alle Opfer des Dritten Reiches zu verbinden, bedeutende erinnerungspolitische Konsequenzen. Sie rückte den Holocaust ins Zentrum der Gedenkkultur.

Ein Schlüsselmoment dieser Verengung des Gedenkens war die berühmte Rede Angela Merkels 2008 vor der israelischen Knesset:

Deutschland und Israel sind und bleiben – und zwar für immer – auf besondere Weise durch die Erinnerung an die Shoah verbunden. […] Der Zivilisationsbruch durch die Shoah ist beispiellos. Er hat bis heute Wunden hinterlassen. […] Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.16

Außergewöhnlich war nicht, was Merkel garantierte – das Existenzrecht Israels gehörte auch vorher schon zu den Eckpfeilern deutscher Nahostpolitik17 –, sondern dass sie Sicherheit und Existenzrecht mit dem Begriff der Staatsräson umfasste und aus der Geschichte, genauer aus der Singularität des Holocaust, ableitete.

Der Begriff ›Staatsräson‹ verweist mit der Vorstellung von staatlichen Interessen, die den Rechten Einzelner, etwa auch der Meinungsfreiheit, übergeordnet sind, auf den vordemokratischen Raum. Sie wird damit dem (partei-)politischen Diskurs entzogen und in das Arkanum des (Außen-)Politischen verschoben. Ganz in Merkel’scher Manier erklärte die Kanzlerin ihre Nahostpolitik nicht zu einer politischen Option unter anderen, für die sie werben würde, dem man aber auch widersprechen könnte, sondern zum unhinterfragbaren, alternativlosen Grundsatz deutscher Politik. Da Sicherheit aber kein genau definierbarer Begriff ist, kann er auch missbraucht werden. Ist etwa durch eine Kampagne wie die des BDS (»Boycott, Divestment and Sanctions«) Israels Sicherheit schon gefährdet? Darüber kann also im politischen Deutschland nicht diskutiert werden, zumindest nicht ergebnisoffen.

Ohne es ausdrücklich auszuführen, begründete Merkel die deutsche Außenpolitik auf einem der konfliktreichsten Felder der internationalen Politik mit einem Rekurs auf die Verpflichtungen aus der Geschichte, genauer aus dem »Zivilisationsbruch durch die Shoah«. Der Holocaust wurde damit zur ultimativen Begründung deutscher Außenpolitik. Konsequenzen aus der Geschichte sind weitgehend der politischen Meinungsbildung entzogen, zumindest weit schwieriger abzuändern. Wer handelt schon gegen die Geschichte?

Diese Singularität, auf die Merkel sich bezieht, besitzt dabei eine wichtige politische Funktion: Sie beschränkt die Selbstverpflichtung Deutschlands auf Israel, da natürlich keine Bundesregierung ihren außenpolitischen Handlungsspielraum durch ›alternativlose‹ Konsequenzen aus der Geschichte generell einengen lassen will. Ähnlich konkrete Verpflichtungen etwa zur Solidarität mit Polen, Russland, der Ukraine, um nur drei Länder zu nennen, die unter dem deutschen Vernichtungskrieg von 1939/41 besonders gelitten haben, gibt es nicht. Die ›Beispiellosigkeit‹ der Shoah hat also auch eine präzise politische Stoßrichtung. Sie begründet die bedingungslose Solidarität mit Israel und nur mit Israel, nicht etwa mit der Ukraine, dem Schauplatz millionenfacher deutscher Massaker während des Zweiten Weltkriegs, deren Existenzrecht bis heute nicht zur Diskussion steht, schon gar nicht für die Regierung Merkel, die nur wenige Jahre nach ihrer Rede der Annexion der Krim durch Russland weitgehend tatenlos zusah.

Vergleichbare historische Selbstverpflichtungen aus anderen Epochen der deutschen Geschichte bestehen ebenfalls nicht, selbst für gröbste Massenverbrechen bis hin zum Genozid. Dies zeigt die Debatte um den deutschen Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama, die während der Regierungszeit Merkels große öffentliche Aufmerksamkeit erregte, zu dem aber kein einziges offizielles Wort der ehemaligen Bundeskanzlerin fiel. Eine Verpflichtung ergibt sich also nicht per se aus Verbrechen, sondern nur aus singulären.

Merkels Rede hatte keine konkrete Auswirkungen im Außenpolitischen, aber weitreichende Folgen für die Erinnerungskultur. Sie zementierte die ›Singularität des Holocaust‹ als Kernelement der historischen Identität Deutschlands und die Frage des historischen Ortes des Holocaust innerhalb der Verbrechen des ›Dritten Reiches‹, aber auch der deutschen Geschichte allgemein.

Die ›Staatsräson‹ stellt den Gipfelpunkt einer Entwicklung dar, die den Holocaust immer mehr in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung um die Verbrechen des ›Dritten Reiches‹ rückt. Und sie steht an einem Wendepunkt der Diskussion um deutsche Identität und Erinnerungspolitik. Zum einen, weil kritische Wissenschaftler:innen und zivilgesellschaftliche Aktivist:innen eine Ausweitung der Vergangenheitsbewältigung fordern, zum anderen, weil einflussreiche konservative Kreise dabei sind, klammheimlich die selbstkritische Betrachtung der deutschen Geschichte zu unterlaufen und in ihr Gegenteil zu verkehren. 13 Jahre später, Merkel war noch immer Bundeskanzlerin, formulierte es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich der Eröffnung der ethnologischen Sammlungen des Humboldt Forums 2021 so:

Die Erinnerung an den Zivilisationsbruch der Shoah ist und bleibt einzigartig in unserem nationalen Gedächtnis. Sie ist Teil unserer Identität. Das sage ich nicht als Historiker – die Geschichtswissenschaft führt über Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit ihre eigenen, fachlichen Debatten –, sondern ich sage das als Bundespräsident.18

Es gelte aber auch:

Wenn es um die Kolonialzeit geht, haben wir sonst so geschichtsbewussten Deutschen allzu viele Leerstellen! Wir haben blinde Flecken in unserer Erinnerung und unserer Selbstwahrnehmung. […] Hier mehr Licht ins Dunkel zu bringen, das ist nicht nur eine Aufgabe für Historiker.19

Er spielt dabei auf die Debatte über Deutschlands koloniale Verbrechen an, die zwischenzeitlich entbrannt war. Wenige Tage vor seiner Rede erst hatte sich Jürgen Habermas dazu geäußert, wie bereits erwähnt einer der Protagonisten des Historikerstreits der 1980er Jahre:

Im sogenannten Historikerstreit ging es seinerzeit darum, ob der Vergleich des Holocaust mit den stalinschen Verbrechen die nachgeborenen Deutschen von ihrer politischen Verantwortung […] für die NS-Massenverbrechen entlasten könne. […] Unter anderen Vorzeichen geht es heute nicht um eine Entlastung von dieser Verantwortung, sondern um eine Verschiebung der Gewichte […]. Die Erinnerung an unsere bis vor Kurzem verdrängte Kolonialgeschichte ist eine wichtige Erweiterung. Diese kann auch in anderer Hinsicht hilfreich sein. Im Zuge der Immigration der letzten Jahrzehnte ist unsere Kultur nicht nur bereichert worden, unsere politische Kultur muss sich auch so erweitern, dass sich Angehörige anderer kultureller Lebensformen mit ihrem Erbe und gegebenenfalls auch ihrer Leidensgeschichte darin wiedererkennen können.20

Dass sowohl der Bundespräsident als auch der Doyen der deutschen Intellektuellen sich für die Notwendigkeit einer Erweiterung der deutschen Erinnerungskultur aussprachen und dabei ausdrücklich auf den Kolonialismus zu sprechen kamen, ist bemerkenswert. Auch ist der Hinweis auf die Leidensgeschichte aller Bürger:innen ein öffentliches Eingeständnis, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland geworden ist und es dies auch auf erinnerungskulturellem Feld endlich zu würdigen gilt.

Der sogenannte ›Historikerstreit 2.0‹

In der Öffentlichkeit ist immer wieder vom »neuen Historikerstreit« oder »Historikerstreit 2.0« die Rede. Allerdings handelt es sich in der Realität nicht um eine kompakte Debatte, sondern um viele verschiedene, in denen nicht nur das Verhältnis der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft zu den Verbrechen des ›Dritten Reiches‹ verhandelt wird, sondern auch ihr Verhältnis zur Welt und insbesondere zum Globalen Süden sowie die zentrale Frage, wer zur deutschen Gesellschaft, was zur deutschen Geschichte, gehört.

Wer nur vom »neuen Historikerstreit« spricht, gibt zu erkennen, dass er oder sie nicht um die anderen Debatten weiß, sie nicht ernst nimmt, sie bewusst ausgrenzt oder zum Verstummen bringen will. Dabei hängen viele dieser Debatten inhaltlich zusammen oder beziehen sich aufeinander, etwa jene um eine Erinnerungskultur, die den Holocaust in den Mittelpunkt stellt und aus diesem Umstand sogar Elemente außenpolitischer Staatsräson ableitet, mit der Diskussion über das Geschichtsbild etwa der AfD, das den darüber herrschenden Konsens in Frage stellt. Dazu gehören aber auch jene Debatten, die kaum auf mediales Interesse stoßen, wie etwa die um die Geschichte der Migration selbst, um den Beitrag sogenannter ›Gastarbeiter‹ zum Aufbau der Bundesrepublik Deutschland, um die rassistischen Gewaltexzesse am Ende der DDR und während der Zeit unmittelbar nach der Wiedervereinigung sowie jene zur Erinnerung an rassistische Terrorakte von Solingen und Mölln bis Hanau und Halle. Auch die Diskussionen um ›Ostidentitäten‹ allgemein gehören in diese Reihe oder die Debatte um die Geschichte Schwarzer Deutscher. Sie alle ignoriert man in der Ansicht, Historiker:innen würden nur über ein Thema streiten, nur auf einem Feld müsse die deutsche Identität ausgehandelt werden. Das skandalisierende Aufgreifen einer einzelnen Debatte verrät allerdings viel über die Dominanz eines völkischen Geschichtsbildes und die darauf basierende Annahme darüber, was eine zentrale Debatte über deutsche Geschichte und implizit deutsche Identität ist und was nicht. Beispielsweise werden die Debatten um die Ausladung Achille Mbembes oder die documenta 15 nicht als Erinnerungskämpfe wahrgenommen, weil sie sehr erfolgreich, wenn auch irrtümlich oder zumindest unvollständig, auf Auseinandersetzungen um Antisemitismus und/oder Israel reduziert werden.

Das waren sie auch, aber eben nicht nur. Wenn der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein im Streit um Achille Mbembe erklärt, dass »die Einzigartigkeit des Holocaust […] ein wichtiges Narrativ« sei »für die Erinnerungskultur in Deutschland«, die auch ausländische Wissenschaftler:innen binde und zur Klarstellung nötige,21 und selbst der Protest von vielen internationalen Wissenschaftler:innen, darunter auch viele jüdische, dagegen nicht durchdringt, ist das auch ein Ergebnis dessen, dass die Lehren aus dem ›Dritten Reich‹ auf den Holocaust und hier wiederum auf Israel reduziert werden. Wenn die AfD dann den Streit um die documenta 15 zum Anlass nimmt, um zu fordern, dass postkoloniale Projekte nicht mehr gefördert werden sollen, schließt sich der Kreis mit einem Versuch der Marginalisierung von Positionen, die sowohl die deutsche Nationalgeschichte vor 1933 als auch die des sogenannten Westens kritisch hinterfragen.

Die Sehnsucht nach dem Schlussstrich oder die neue Meistererzählung der Berliner Republik

Der Beschluss des Deutschen Bundestags, das Denkmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas in Berlin-Mitte zu errichten, ist kein Solitär, sondern Teil der (Neu-)Gestaltung der deutschen Erinnerungslandschaft in der Berliner Republik. Neben den flächendeckenden Umbenennungen von Straßen und dem Entfernen von Denkmälern gab es auch sich als programmatisch erweisende Neusetzungen, die in einem Spannungsverhältnis zu der durch das ›Holocaust-Denkmal‹ ausgesendeten Botschaft der (selbst-)kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Gewaltgeschichte stehen.

In dem Maße nämlich, in dem die Teilung Berlins baulich überwunden wurde, entstand auch ein architektonisches Narrativ, das die deutschen Menschheitsverbrechen des ›Dritten Reiches‹ de facto dezentrierte. Schon die für das ›Holocaust-Denkmal‹ wichtige Unterstützung Helmut Kohls war mit dessen eigenem Projekt ›Neue Wache‹ verbunden.22

Kohl wollte ganz im Sinne seiner ›geistig-moralischen Wende‹ die ›Neue Wache‹ zum zentralen Gedenkort für die (deutschen) Opfer des Zweiten Weltkriegs machen, und zwar, wie Aleida Assmann schreibt, in der von ihm propagierten »Opfer-Symbolpolitik«, die formal inklusiv »elementare Unterschiede verwischte und damit Fragen der historischen Verantwortung umging.«23 Die nationalistische Wendung der deutschen Identitätserzählung im Gewande des städtebaulichen Geschichtsrevisionismus sollte sich in den nächsten Jahren vielfach wiederholen. Der Rückbau ins Kaiserzeitliche, wie er in Berlin-Mitte, aber auch etwa in Potsdam zu sehen ist, ist ebenfalls ein erinnerungspolitischer Akt, dessen Tragweite kaum diskutiert wurde und wird.

Zu dieser Re-Nationalisierung gehört das implizite symbolische Bekenntnis zur preußischen Geschichte, das etwa die bereits am 17. August 1991 vorgenommene Umbettung der sterblichen Überreste Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs II. des sogenannten Großen nach Potsdam ausdrückte. Die sterblichen Überreste wurden von 80 000 Schaulustigen empfangen, unter die sich etwa 1000 Gegendemonstrant:innen gemischt hatten.24 Die Angst vor einem wiedererstarkenden Nationalismus traf auf das Bedürfnis nach einer ›normalen‹ deutschen Geschichte. Durch die Wiedervereinigung, insbesondere aber durch die Verlagerung des deutschen Regierungssitzes von Bonn nach Berlin, stellte sich zudem die Frage nach dem Verhältnis zu Preußen und damit nach dem durch Preußen maßgeblich repräsentierten deutschen Nationalstaat, dem Deutschen Kaiserreich, neu.

Die identifikatorische Vereinnahmung der preußisch-deutschen Geschichte ist nicht weniger als ein architektonischer Schlussstrich. Entsprechende restaurative Tendenzen finden sich in vielen deutschen Städten, bei der Rekonstruktion der Frankfurter Innenstadt oder dem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche ebenso wie dem der Potsdamer Garnisonskirche. Das wichtigste und deutlichste Beispiel bildet jedoch das Humboldt Forum bzw. das nach Bundestagsbeschluss von 2002 wiederaufgebaute Stadtschloss der Hohenzollern. Es steht nicht nur in der Mitte Berlins, sondern auch am Ort des Palasts der Republik, eines zentralen Symbols der DDR und damit auch der deutschen Teilung. Mit dessen Abriss und dem Überbau wurde ein zentraler Erinnerungsort der deutschen Gewaltgeschichte, aus der auch die deutsche Teilung resultierte, beseitigt und der Triumph des ›Westens‹ über den ›Osten‹ sprichwörtlich zementiert. An Stelle des Palasts setzte man ein Retortenschloss, ein Simulacrum vermeintlich unbelasteter preußisch-deutscher Geschichte, dessen Fassade strahlt, als ob es Weltkriege, Holocaust und deutsche Teilung nie gegeben hätte. Was dieses preußische Disneyland feiert, ist die preußische Monarchie, das kaiserliche Deutschland und damit auch die Abkehr von einer Geschichtsbetrachtung, die im durch Preußen dominierten Kaiserreich eine zentrale Wurzel für die unheilvolle Entwicklung der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert sieht. Dieses Preußen-Deutschland, dem man mit 600 Millionen Euro ein Denkmal setzt, wird zur positiven Folie, auf die man sich beziehen kann. Dies bedeutet faktisch eine Umschreibung des identifikatorischen Kerns der Bundesrepublik Deutschland, der sich um die zentrale Position der Verbrechen des ›Dritten Reiches‹ und des Holocaust sowie des Umgangs damit drehte. Daran ändert auch das bereits erwähnte Denkmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas nichts, denn letzteres ist aus der zentralen Prachtachse Unter den Linden verbannt, die vom Reichstag über das Brandenburger Tor zum Alexanderplatz führt. Der Palast der Republik hätte diese identifikatorische Achse blockiert und den Blick auf die deutsche Teilung und damit auf den von Deutschland vom Zaun gebrochenen Krieg samt dessen Folgen gelenkt. Stattdessen lässt es sich jetzt wieder flanieren fast wie zu Kaisers Zeiten.

Es ist wohl nicht übertrieben anzunehmen, dass ohne das ›Holocaust-Mahnmal‹ der Wiederaufbau des Hohenzollern-Stadtschlosses nicht möglich gewesen wäre. Das Performative des (kritischen) Bekenntnisses zur Geschichte des ›Dritten Reiches‹ überdeckt die Re-Nationalisierung des deutschen Identitätsdiskurses, ja, es schuf die Voraussetzungen dafür.

Setzte man in Bonn noch dezidiert auf Demutsarchitektur, die bewusst jeden Anklang an die großmannssüchtigen Züge des zweiten und ›Dritten Reiches‹ verneinte, so ist in der Berliner Republik der Prunk zurück, noch dazu ein antidemokratischer, ja imperialer. Es ist eine bleibende Hypothek, dass man für den real vorhandenen Bedeutungs- und Machtzuwachs Deutschlands innerhalb Europas, aber auch darüber hinaus, keinen anderen Ausdruck fand als ein Symbol der Ungleichheit und des Antidemokratischen – ja, der irrlichternden Megalomanie, wenn man nur an den letzten dort residierenden deutschen Kaiser Wilhelm II. denkt – wiederaufzubauen. Es stellt sich die Frage, ob die deutsche Demokratie wirklich keine andere Erzählung zu bieten hat als monarchischen und imperialen Protz? Jedenfalls scheint man der Meinung zu sein, sich nicht mehr in Demut üben zu müssen, zumal man sich selbst Läuterung attestiert, sich selbst vom Virus der Großmannssucht und Weltpolitik geheilt erklärt hat, oder zumindest für nicht mehr so befallen wie die Altvorderen mit der Pickelhaube. Deutschland ist Führungsmacht in Europa, das wissen alle Nachbarn – es demonstrativ herauszustellen, war in der Vergangenheit nicht klug und ist es heute nicht. Dass man es jetzt tut, ist auch eine Abkehr von den identifikatorischen Narrativen der Bonner Republik.

Vollends deutlich wird die erinnerungspolitische Wende im Gewande der Architektur durch den Inhalt des neuen Gebäudes: das Humboldt Forum und die ethnologischen Sammlungen. Den Initiatoren und Verteidigern des Stadtschlosses war klar, dass ein ungetarntes und pauschales Zurück zu Preußens Glorie auch in der Euphorie nach der Wiedervereinigung wohl nicht zu vermitteln gewesen wäre. Kultur und Wissenschaft sollten deshalb dieses Zurück abfedern und verdecken; sie sollten das Preußenbild seines militaristischen Gehalts entkleiden und ins Zivile wenden: Ein Humboldt Forum als Agora für die Welt sollte die antidemokratische Fassade von innen stützen und gleichzeitig der Berliner Republik ein neues Identifikationsangebot machen: Nicht Pickelhauben wollte man als Assoziationen, sondern Sammlungen, Kompendien und Weltabhandlungen. Die Vorstellung vom ›Land der Dichter und Denker‹, und in diesem Fall der Wissenschaftler, sollte das Image vom Land der ›Richter und Henker‹ zur Seite drängen, während Berlin als borussisch-deutscher Kultur- und Wissenschaftsmetropole von Weltgeltung als Ankerpunkt einer neu verstandenen Traditionspflege und Identität dienen sollte: Im Mittelpunkt stand nun das Deutschland des 19. Jahrhunderts mit seiner kulturellen und wissenschaftlichen Bedeutung. Dies ist jedoch nichts weniger als die Umkehrung der hart erkämpften Perspektive, die deutsche(n) Nachkriegsidentität(en) von den Verbrechen des 20. Jahrhunderts aus zu betrachten. Radikaler könnte ein erinnerungspolitischer Schnitt kaum sein.

Der identitätspolitische Streit um Postkolonialismus und Erinnerung

Allerdings geriet die neue (alte) deutsche Meistererzählung von der Wissens- und Kulturnation Deutschland an diesem Punkt in Konflikt mit der seit der Jahrtausendwende an Bedeutung gewinnenden Diskussion um Deutschlands koloniales Erbe. Dieses Aufeinanderprallen zweier gegenläufiger erinnerungspolitischer Entwicklungen, der postkolonialen Aufarbeitung auf der einen und Fragen nationaler Identitätsstiftung auf der anderen Seite, erklärt die Virulenz der Debatten um Kolonialismus, Postkolonialismus und Positionen des Globalen Südens im öffentlichen Diskurs. Dass es überhaupt dazu kam, ist der lange vorherrschenden kolonialen Amnesie geschuldet.25 Offenbar hatte keiner der Verantwortlichen an das koloniale Erbe auch nur gedacht, als beschlossen wurde, das rekonstruierte Stadtschloss ausgerechnet mit den Objekten des ehemaligen Ethnologischen Museum zu füllen, als Beleg des wissenschaftlichen Kosmopolitismus Berlins vor dem Ersten Weltkrieg. Nun steht aber die koloniale Raubkunstdebatte der dem Humboldt Forum eigentlich zugedachten Botschaft entgegen: einer positiven Besinnung auf die vorgeblich nicht kontaminierten Seiten der deutschen Geschichte.

Der Hinweis auf kolonialen Raub wie auch auf kolonialen Genozid macht dagegen für alle sichtbar, dass deutsche Verbrechen wie Völkermord und ›Rassenstaat‹ nicht auf den Zeitraum 1933 bis 1945 beschränkt waren, sondern weit in die deutsche Geschichte zurückreichen. Und er zeigt, dass Wissenschaft, Kunst und Kultur eben nicht Gegenpole der Gewaltgeschichte waren, sondern komplementär, dass Kultur wie Wissenschaft davon profitierten, sie sogar zum Teil mit ermöglichten.

Die Reaktion der Verfechter:innen des neuen Humboldt Forums war dementsprechend. Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen, die für einen dekolonialen Zugang eintraten, wurden pauschal diskreditiert. Horst Bredekamp, Mitglied der Gründungintendanz des Humboldt Forums und von Anfang an in dessen Planung involviert, wusste sich offenbar nicht mehr anders zu verteidigen, als zum pauschalen Gegenangriff überzugehen und der postkolonialen Kritik zu unterstellen, sie sei »strukturell antijüdisch«.26 Dies offenbarte nicht nur eine erhebliche Ignoranz gegenüber einer so vielfältigen Strömung wie der der postkolonialen Theorie, sondern stellt auch einen erschreckenden Missbrauch des Vorwurfs des Antisemitismus im politischen Meinungsstreit dar: Zur Durchsetzung eines positiven Geschichtsbildes von der deutschen Kulturnation wurde der Antisemitismus und damit letztlich der Holocaust instrumentalisiert, um postkoloniale Kritik abzuschmettern. Im Konkreten zeigt sich hier, was auch im Allgemeinen gilt: Bezieht man die großen erinnerungspolitischen Entwicklungen aufeinander, so fällt auf, dass das Jahrhundertverbrechen Holocaust umso stärker herausgestellt wird, je mehr das nationale Geschichtsnarrativ von den Verbrechen des 20. Jahrhunderts auf eine vermeintliche Normalgeschichte davor gelenkt wird. Dazu wird eine Singularität beschworen, die das Menschheitsverbrechen Holocaust de facto aus der deutschen Geschichte herausnimmt.

»›Einzigartigkeit‹ ergibt nur Sinn, wenn damit das historische Ereignis in der Erinnerung herausgehoben werden soll, um es gewissermaßen außerhalb der Geschichte zu stellen, es unvergleichbar zu machen«, schreibt Michael Wildt.27 Denn auch das ist ein Resultat einer pauschal postulierten Singularität. Sie erkennt zwar auf der einen Seite das Herausgehobene der Tat und der Opfer an, auf der anderen Seite aber auch das der Täter, und löst diese damit aus der Geschichte heraus. Was keine Vorläufer hat, ist ein Stück weit auch geschichtslos, enthistorisiert.28

Deshalb stehen die Staatsräson-Rede von Merkel, das ›Holocaust-Mahnmal‹ und der steingewordene Schlussstrich,29 den das Humboldt Forum darstellt, nicht im Widerspruch zueinander, sondern bedingen sich gegenseitig: Die neue deutsche Meistererzählung gibt sich geschichtsbewusst, als aus der Vergangenheitsbewältigung geboren, aus der Geschichte lernend, instrumentalisiert dabei aber den Holocaust. So werden gleichzeitig deutsche Schuld und eine positive Nationalgeschichte beschworen. Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes läuft diesem Anliegen zuwider. Sie zeigt im Gegenteil, wie tief Rassenstaat und genozidales Denken in der Geschichte verwurzelt waren. Daraus resultiert die Virulenz der Debatte.

Aus diesem Blickwinkel erscheint das, was gerade »Neuer Historikerstreit« genannt wird, in neuem Licht. Im ersten ›Streit‹ verteidigten linksliberale Historiker und Denker die Bundesrepublik gegen eine konservative geschichtspolitische Wende mit einer deutlichen Relativierung des Holocaust im Dienste einer neonationalen Erzählung, der ›geistig-moralischen Wende‹ (Helmut Kohl). Nun werden de facto diejenigen diffamiert, die sich gegen die neue Meistererzählung der Berliner Republik wenden, die ein positives Bild der Geschichte des 18. und vor allem des 19. Jahrhunderts etablieren will, womit sie den Bereich der deutschen Geschichte, der zur deutschen Gewaltgeschichte oder ihrer Vorgeschichte zu zählen ist, einschränkt. Dreh- und Angelpunkt ist dabei der Streit um die Kolonialgeschichte. Ihre rassistischen und exterminatorischen Elemente stehen einer Begrenzung der Schuld auf wenige Jahrzehnte entgegen. Vielmehr legen sie offen, wie sehr der Holocaust ein Produkt der deutschen Geschichte ist, die vor die Zeit zwischen 1933 und 1945 zurückreicht, gerade auch in das Kaiserreich.30 Sie zeigen zudem deutlich, dass diese Traditionen nicht auf den Antisemitismus beschränkt sind. Die wichtigen und gegen Widerstand erkämpften Prinzipien der Vergangenheitsbewältigung auf koloniale Verbrechen auszuweiten, stellt das Selbstbild des modernen Deutschlands jedoch in zweierlei Hinsicht in Frage: Erstens als Nation mit einer – zumindest bis 1914 im Wesentlichen ›normalen‹, unbelasteten Geschichte. Zweitens als Nation, die ihre rassistische Vergangenheit vollends aufgearbeitet hätte.

In Zeiten, in denen sich außenpolitisch ›der Westen‹ neu konstituiert, in der die ›Zeitenwende‹ des Ukrainekrieges nicht nur eine materielle Aufrüstung umfasst, sondern auch eine geistige, ist Kritik am ›Westen‹ erst recht verpönt.31 Und das, obwohl eine umfassende, globale Aufarbeitung des kolonialen Erbes den Blick eben auch auf die unheilvollen ideologischen und politischen Entwicklungen etwa in Russland in Bezug auf sein früheres Imperium hätte lenken können.

Merkel hat durch ihre Knesset-Rede dem offenen Diskurs einen Bärendienst erwiesen. Denn durch die Herleitung des Bekenntnisses zu Israel aus der geschichtlichen Verantwortung, die in der Merkel’schen Staatsräson zum Ausdruck kam, wird im Umkehrschluss jede Debatte über den historischen Ort des Holocaust, über dessen Singularität, zu einer Debatte über die Positionierung zu Israel und zum israelisch-palästinensischen Konflikt. Zugleich wird die Positionierung zu Israel zum Lackmustest für die Bereitschaft zur Aufarbeitung des Holocaust. Leidtragende sind die offene Gesellschaft sowie die Wissenschafts- und Kunstfreiheit.

Dieser Konflikt lässt sich sowohl im Streit um Achille Mbembe als auch um die documenta 15 beobachten. Was zur Grundlage einer berechtigten und notwendigen Kritik an einzelnen Aussagen zu Israel oder auch einzelnen antisemitischen Darstellungen hätte werden können, wurde tabuisiert, der Autor und die Künstler:innen wurden als Personen pauschal abgewertet und zum Schweigen gebracht. Politiker:innen scheuten vor der kontaminierenden Wirkung antisemitischer Darstellungen auf der documenta 15 zurück, obwohl sie offenbar kein Problem damit haben, die Wagner-Festspiele in Bayreuth zu besuchen, wiewohl die antisemitische Einstellung des Komponisten allseits bekannt ist. Der fast zeitgleich offenbar werdende Skandal um rechtsradikale und antisemitische Spenderporträts am Berliner Stadtschloss provozierte dagegen keinen Aufschrei, das Humboldt Forum wurde nicht generell in Frage gestellt.32

Die Verquickung mit Israel ist es auch, woraus der »Neue Historikerstreit« seine Aufmerksamkeit zieht. Keine:r der Protagonist:innen stellt die Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere des Holocaust, in Frage, keine:r lehnt die deutsche Verantwortung dafür und die Notwendigkeit der Vergangenheitsbewältigung ab. Gestritten wird vor allem um die Frage, welcher Opfer zusätzlich zu den jüdischen Opfern gedacht und erinnert werden soll sowie welche Lehren daraus zu ziehen sind, also etwa bezüglich der Unterstützung Israels oder aber auch der Unterstützung anderer Opfer des ›Dritten Reiches‹. Eine Frage, die an Bedeutung gewinnen dürfte, da sie sich unter anderem auch für die Ukraine stellt. Und es wird darüber gestritten, ob Opfern des deutschen Rassismus vor 1933 bzw. ihren Nachfahren nicht ebenfalls ein zumindest moralischer Anspruch auf Entschuldigung und Wiedergutmachung zusteht. Damit verbunden ist die Frage, ob sich die deutsche Erinnerungspolitik nicht für Menschen mit einer Migrationsbiographie öffnen sollte, die einen immer größeren Anteil an der deutschen Bevölkerung stellen, und wenn ja, wie mit deren teils traumatischen Geschichten umzugehen ist, die nicht direkt mit deutscher Geschichte zu tun haben, etwa dem Leid der Armenier:innen oder eben auch der Palästinenser:innen.33

Das Recht der Letzteren, ihre Geschichte ebenfalls zu erzählen, einschließlich ihrer Vertreibung, der Nakba, kollidiert allerdings mit den angeblichen Erfordernissen der Staatsräson, Israel zu schützen. Diese bindet die Frage der Öffnung der deutschen Erinnerungspolitik dadurch wieder zurück an die Debatte um Singularität und die daraus resultierenden politischen Erfordernisse.

Im Versuch, Debatten über die Umstände der Staatsgründung Israels zu unterbinden,34 wird auch die Diskussion um die deutschen Verbrechen vermieden. Und es reaffirmiert einen Begriff des Staatsvolkes, der seine völkischen Ursprünge immer noch nicht überwinden konnte. Denn die eigentliche Selbstverständlichkeit, dass alle Deutschen ein Recht auf ihre Geschichte haben, wird für einen Teil der Deutschen im Namen der Lehren aus der Geschichte außer Kraft gesetzt.35 Darin liegt die Anschlussfähigkeit zu jenen Kreisen, die der Migrationsgesellschaft insgesamt kritisch gegenüberstehen. Dass ausgerechnet die Lehre aus dem ›Rassenstaat‹ darin bestehen soll, Menschen aufgrund ihrer Meinung und de facto ihrer Herkunft aus der Diskussion, ja aus der Gemeinschaft auszuschließen, ist an Perfidität kaum zu überbieten.

Wem gehört die deutsche Geschichte und was gehört dazu?

In dem Maße, in dem sich die deutsche Gesellschaft auch in ihrer demographischen Zusammensetzung ändert, in dem mehr und mehr Menschen in Deutschland leben, deren Familienbiographie nicht den Vorstellungen des völkischen Deutschland entspricht, sondern über Deutschland, ja über Europa hinausweist, werden auch andere historische Erfahrungen zum Teil der deutschen Geschichte: etwa die Geschichte der nach Deutschland Eingewanderten, einschließlich der Ursachen ihrer Migration. Aber die Geschichte der Arbeitsmigrant:innen, die Deutschland im Wirtschaftswunder maßgeblich mitaufgebaut haben, deren Beitrag und die Erinnerung daran wurden ebenso zur Seite geschoben wie die Menschen selbst, von denen man anfangs hoffte, sie gingen wieder zurück, nachdem man von ihnen bekommen hatte, was man wollte – ihre Arbeitsleistung. Völkische Gesellschaftsentwürfe bilden dabei ebenfalls die Grundlage. Dazu gehört aber auch die Schwarze deutsche Geschichte oder der Teil der historischen Erfahrung migrantisierter Menschen, der sich nicht unter den Begriff der Leitkultur und ihrer Erfüllung subsumieren lässt, sowie die ganze Debatte darüber.

Derweil droht die offiziöse Erinnerungspolitik, wie sie sich in Politiker:innenreden zu Gedenktagen niederschlägt, zum leeren Ritual zu erstarren. So wird etwa an einem Tag an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert, zu denen Hunderttausende von Flüchtenden gehörten, die in anderen Ländern und Kontinenten um Aufnahme suchten und diese oft auch fanden. An anderen Tagen votieren vielleicht die gleichen Politiker:innen gegen die Aufnahme von Flüchtenden oder machen Stimmung gegen ›Fremde‹. Sie scheinen dabei nicht zu erkennen oder nicht erkennen zu wollen, dass die Ausgrenzung vermeintlich ›Anderer‹ ebenfalls ein Kennzeichen und eine Grundlage der Verbrechen im ›Dritten Reich‹ war. Selbst innerhalb der Geschichte des ›Dritten Reiches‹, die ja im Mittelpunkt der zahlreichen Geschichtskämpfe steht, gibt es Leerstellen, die kaum oder erst sehr spät geschlossen wurden. Dazu zählt die Anerkennung einzelner Opfergruppen wie Sinti:zze und Rom:nja, ›Asozialer‹ und Angehöriger der LGBTQ-Community ebenso wie die der Opfer des deutschen Krieges in der Sowjetunion. Es dauerte schließlich 80 Jahre, bis ein deutscher Bundespräsident 2021 die 27 Millionen Opfer, davon 14 Millionen Zivilist:innen, des deutschen Vernichtungskriegs in aller Deutlichkeit ansprach.36

Bedrohungen des Friedens und der Demokratie kommen jedoch nicht nur von außen. Ob Berlin das Schicksal von ›Weimar‹ droht, ist eine Frage, die in der medialen Öffentlichkeit immer wieder gestellt wird und durchaus gestellt werden kann, weil das Bemühen um eine Vergangenheitsbewältigung die Suche nach den Ursachen des ›Dritten Reiches‹ miteinschließt, zumindest was dessen unmittelbare Vorgeschichte angeht.

›Weimar‹ ging auch am Rechtsterrorismus zugrunde. Umso auffälliger ist, dass die Frage nach der rechten Gewalt in der Gegenwart nicht mit gleicher Dringlichkeit gestellt wird wie die nach dem Antisemitismus. Damit schließt sich allerdings wieder der erinnerungspolitische Kreis: Durch das Hervorheben der singulären Elemente des Holocaust, insbesondere seiner ideologischen Fundierung im Antisemitismus, droht die umfassendere völkische Konstruktion des Deutschseins, die sich außerdem gegen andere Minderheiten und Marginalisierte richtet, ins Vergessen zu geraten. Rechte Gewalt, rassistische Strukturen, Debatten über Leitkultur und Integration, in denen das völkische Echo durchaus zu vernehmen ist, wenn man denn hinhört, treten demgegenüber in den Hintergrund. Ein Deutschland als Einwanderungsland, ein Deutschland als Migrationsgesellschaft, ein Deutschland als offene Gesellschaft, die die Voraussetzung einer liberalen Demokratie ist, muss all diese Geschichte(n) und Erinnerungen Raum geben, ja, es muss diese Erinnerungskämpfe führen, im Geiste liberaler Verständigung über eine gemeinsame Zukunft. Eine neue, neonationalistische Meistererzählung von deutscher geistiger Größe im 19. Jahrhundert ist dabei ebenso gefährlich und schädlich wie ein Schlussstrich unter die Verbrechen des ›Dritten Reiches‹, und komme er durch die architektonische Hintertür.

Danksagung

Die diesem Buch zugrunde liegende Idee war es, die öffentlich-medialen Tendenzen, die unterschiedlichen Debatten über deutsche Geschichte und auch die vielfältigen Perspektiven, die eine moderne deutsche Gesellschaft ermöglicht, ja erfordert, schon in der Zusammensetzung abzubilden. Dazu gehört, Autor:innen zu versammeln, die gegensätzliche Standpunkte einnehmen. Wenn mir das, das möge der/die Leser:in entscheiden, gelungen ist, dann verdanke ich dies vor allem den Autor:innen, die sich auf dieses intellektuelle Abenteuer einließen. Eine liberale Gesellschaft braucht diese Bereitschaft zur Diskussion, auch zum Dissens. Den Autor:innen war es freigestellt, ob und wie sie geschlechtergerechte Sprache verwenden.

Mein ganz besonderer Dank gilt zudem Paula Dahl, die den redaktionellen Prozess kundig und effizient organisierte. Bei ihr wie ihren Kolleg:innen Friederike Odenwald, Dr. Kim Todzi und Dr. Julian zur Lage bedanke ich mich auch herzlich für die fruchtbare inhaltliche Kritik an meinen zwei Beiträgen. Dem Reclam Verlag, insbesondere unserer Lektorin Christina Müller, gilt mein Dank dafür, sich auf einen so umfangreichen Band eingelassen zu haben. Sammelbände sind nicht beliebt bei Verlagen, vielleicht beweist dieses Buch durch die mannigfaltigen Perspektiven, welch Gewinn man aus einer pluralen Herangehensweise ziehen kann.

Das Kaiserreich und deutsche Kontinuitäten

Neuer Streit um Bismarck und ein altes Feindbild im Streit ums Kaiserreich

Zwei Debatten

Christoph Nonn

Zum 150. Jahrestag seiner Gründung fand das 1871 aus der Taufe gehobene Kaiserreich besonderes mediales Interesse. Es waren hauptsächlich Fachleute, die 2020/21 dieses Interesse nutzten, um einmal mehr eine Kaiserreichdebatte zu führen. Wirklich neu war die vor allem in überregionalen Printmedien stattfindende Diskussion jedoch nicht. Denn ausgetauscht wurden dabei meist Argumente, die schon in den Historikerdebatten um das Kaiserreich zwischen den 1960er und den 1980er Jahren gewechselt worden waren.1 Wieder ging es vor allem um mögliche Kontinuitäten deutscher Geschichte, um Verbindungslinien vom Kaiserreich zum ›Dritten Reich‹ und vom Kaiserreich zur Bundesrepublik.

Zumindest einen Unterschied gab es allerdings: Anders als in den früheren Kaiserreichdebatten kam die Person des ›Reichsgründers‹ 2020/21 in den öffentlichen Historikerkontroversen kaum vor. Bereits Bismarcks 200. Geburtstag im Jahr 2015 war zwar vom unvermeidlichen Erscheinen einiger neuer Biographien begleitet worden,2 hatte aber keine größeren Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit provoziert. In der Presse wurde der Jahrestag eher unaufgeregt kommentiert, während die Historiker sich allenfalls diskret in Fachzeitschriften mit Rezensionen beharkten. Selbst in der ›Zunft‹ blieben so aufgeregte Debatten aus, wie sie etwa das Erscheinen von Hans-Ulrich Wehlers Bismarck und der Imperialismus 1969 oder von Lothar Galls Bismarck-Biographie 1980 noch ausgelöst hatten.3

Ausgesprochen aufgeregt wurde 2020/21 dagegen über Bismarck ganz woanders gestritten. Dabei waren nicht nur die Arenen, sondern auch die Anlässe und Akteure grundverschieden von denen der gleichzeitigen Debatte ums Kaiserreich. Denn mit dem Jahrestag der Reichsgründung von 1871 hatten diese Auseinandersetzungen herzlich wenig zu tun.

Ihr Ausgangspunkt war vielmehr der Tod von George Floyd in Minneapolis im Mai 2020 und der dadurch verursachte internationale Aufschwung der Bewegung »Black Lives Matter«, die auch in Deutschland aufgegriffen wurde. Die Aktionen ihrer deutschen Sympathisanten richteten und richten sich nicht zuletzt gegen Bismarck-Denkmäler und Bismarckstraßen. Diese werden als Ausdruck einer Kontinuität kolonialen Denkens verstanden und attackiert. Nicht mehr das Bild des Kaiserreichs als Vorläufer des Nationalsozialismus, sondern der Kolonialismus ist also der Anlass dieser neuen öffentlichen Bismarck-Kritik.

Die Öffentlichkeit, in der diese Kritik seit 2020 laut wurde, ist eine lokale. Das unterscheidet die neue Kontroverse um Bismarck wesentlich von der, die zeitgleich im Umfeld des 150. Jahrestags der Reichsgründung über das Kaiserreich geführt wurde. Denn letztere fand auf nationaler Ebene, in den überregionalen Medien statt.

Und noch etwas unterscheidet die Debatten, die Historiker 2020/21 in Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften oder auch in Büchern über das Kaiserreich führten, von den andauernden Auseinandersetzungen über Bismarck-Denkmäler und -straßen in vielen deutschen Städten. Denn in der Debatte der Fachleute wurden nicht nur die Argumentationsmuster früherer Kontroversen über das Kaiserreich recycelt. Zumindest teilweise entlehnte man auch eine subjektive Verortung der Gegenseite aus diesen früheren Kontroversen. Besonders die sich selbst als politisch links sehenden Kontrahenten verorteten ihre Gegner wie in den alten Kontroversen um das Kaiserreich im konservativen Spektrum. Die an der lokalen Basis der Gesellschaft parallel geführten geschichtspolitischen Auseinandersetzungen um Bismarck-Statuen und Bismarckstraßen verlaufen jedoch entlang von Konfliktlinien, die sich damit nur wenig decken. Das Denken in Kategorien von Links und Rechts mochte in den früheren Kaiserreichdebatten durchaus die gesellschaftliche Realität abbilden. Heute tut es das aber offensichtlich bei weitem nicht mehr im gleichen Ausmaß wie vor einem halben Jahrhundert.

Diese These soll zunächst am Beispiel der Debatte um das Hamburger Bismarck-Denkmal illustriert werden, die nicht nur medial am meisten Wellen geschlagen hat, sondern auch weitgehend repräsentativ ist für die aktuellen geschichtspolitischen Auseinandersetzungen um den »Reichsgründer« in anderen Städten. Letztere werden anschließend kurz skizziert. Danach will ich die in den lokalen Konflikten erkennbaren, recht komplexen Konturen mit dem Koordinatensystem vergleichen, in dem einige Akteurinnen und Akteure die Kontroverse verortet haben, die auf nationaler Ebene um das Kaiserreich geführt wurde und wird.

»Black Lives Matter« und Bismarck in Hamburg

625 Tonnen schwer und aus Granit gemeißelt steht Bismarck seit 1906 im Hamburger Alten Elbpark auf ein Schwert gestützt und schaut aufs Wasser hinaus. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem das Fundament des Denkmals zu einem Luftschutzkeller umgebaut wurde, mussten erste Instandsetzungsarbeiten ausgeführt werden. Um die Jahrtausendwende begann man dann über eine grundlegende Renovierung nachzudenken, weil das mit Sockel 34 Meter hohe Monument auf lange Sicht umzukippen drohte. 2014 entschied sich der Hamburger Senat, gestellt von der damals mit absoluter Mehrheit regierenden SPD, für eine Grundsanierung. Um die Jahreswende 2019/20, mittlerweile regierte eine rot-grüne Koalition die Stadt, begannen schließlich die mehrere Millionen Euro teuren Arbeiten.

Der Beschluss für die Sanierung war schon 2014 ein wenig umstritten. Aber erst im Juni 2020, einen Monat nach dem Tod George Floyds in den USA, nahmen die Proteste dagegen Fahrt auf. Es kam zu einer Demonstration gegen die Restaurierung des Denkmals, Unterschriften wurden dagegen gesammelt. Denn das Denkmal, meinten seine Gegner, sei eine Verherrlichung des deutschen Kolonialismus. Die Träger der Protestbewegung waren Bürgerinitiativen, die mehrheitlich englische Namen trugen. Zu der Demonstration am 28. Juni 2020 riefen »Decolonize Bismarck« und die »Intervention Bismarck-Denkmal« auf, kurz darauf kamen noch »Bismarck’s Critical Neighbours« hinzu, und bei der Kundgebung forderte ein Plakat: »Otto must fall«. Das mag auch mit der Anglophilie der Hamburger zusammenhängen, war aber vor allem Ausdruck der Orientierung am amerikanischen Vorbild »Black Lives Matter«. Bezeichnenderweise wurde auf das Schild, das über das Sanierungsprojekt am Hamburger Bismarck-Denkmal informiert, im Vorfeld der Kundgebung »Black Lives Matter« gesprüht. Ein Foto davon illustrierte dann auch den Aufruf zur Demonstration.

Hauptzielscheibe der Kritik an dem Sanierungsvorhaben war naturgemäß der von SPD und Grünen gestellte Senat, vor allem der zuständige sozialdemokratische Kultursenator. Der reagierte prompt auf die Demonstration, indem er den Kritikerinnen und Kritikern Gespräche anbot. Er signalisierte zudem, sich durchaus eine kritische Kontextualisierung des Denkmals vorstellen zu können. Vielleicht brauche das Denkmal sogar eine Ergänzung, die ein gewisses »Störgefühl« hervorrufen würde. Davon war beim Beschluss zur Sanierung noch keine Rede gewesen. In der Folge fanden mehrere Podiumsdiskussionen statt, wegen der Pandemie allerdings online. Im August 2022 wurde schließlich ein Wettbewerb für Künstler ausgelobt in der Hoffnung, dass kreativen Köpfen eine Quadratur des Kreises gelingen könnte – nämlich die Positionen der Kritiker des Denkmals mit denen der Befürworter seiner Sanierung zu verbinden.4

Dieses Bemühen um einen Kompromiss wurde nicht nur vom rot-grünen Senat mitgetragen, der sich in Hamburg auf eine parlamentarische Zweidrittelmehrheit stützen konnte. Auch die Hamburger CDU äußerte sich ganz ähnlich: »Denkmale, die in einer anderen Epoche mit einem anderen Zeitgeist errichtet wurden«, müssten zwar »bestehen bleiben«, aber um »einen Anstoß zur kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit« zu geben. Deshalb sei es angebracht, »Persönlichkeiten in den historischen Kontext zu stellen« und »das historische Umfeld zu beleuchten«, etwa durch eine »seriöse und differenzierte Ausstellung zu Bismarck und seiner Bedeutung in der Geschichte unseres Landes, mindestens im Sockelgeschoss des Denkmals«.5

Der Aufruf zur Kundgebung am Denkmal 2020 war bereits auf der Homepage des »Hamburger Bündnisses gegen Rechts« verbreitet worden, das sich wie die »Interventionistische Linke« auch an der Demonstration beteiligte. Vorbehaltlos hinter die Proteste der Demonstranten stellte sich von allen politischen Kräften Hamburgs allein die Partei Die Linke. Ihre Fraktion in der Bürgerschaft, dem Landesparlament der Hansestadt, hatte schon 2015 provokant gefragt: »Wann stürzt Bismarck endlich?« 2020 unterstrich der kulturpolitische Sprecher der Linken die Kritik seiner Partei an dem Denkmal im Elbpark erneut: Bismarck stehe schließlich ebenso für den deutschen Kolonialismus wie »für die antidemokratische, militaristische und repressive Ausrichtung des Deutschen Kaiserreichs«.6

Allerdings vertritt die Linkspartei nur etwas mehr als neun Prozent der Hamburger Wähler. Noch etwas schwächer ist in der Hansestadt ihr eigentlicher Widerpart, die Alternative für Deutschland (AfD). Die gerade einmal von gut fünf Prozent der Hamburger gewählte AfD ließ 2020 verlauten, wer Bismarck angreife,

der greift die Deutsche Einheit an. Wir erleben einen linksideologischen Kulturkampf und eine geschichtsvergessene Bilderstürmerei, die gestoppt werden muss. Wir dürfen diesen Feldzug gegen unsere Geschichte – ja gegen das, was uns ausmacht, gegen unsere Identität, nicht zulassen. Die AfD-Fraktion Hamburg wird den Angriff auf unsere Geschichte nicht hinnehmen und alles daransetzen, dass unsere historischen Denkmäler erhalten bleiben!7

Die beiden Pole der Debatte wurden also zwar von Linkspartei und AfD gebildet. Dennoch ist auffällig, wie wenig die Hamburger Öffentlichkeit im Streit um das Bismarck-Denkmal durch deren linke und rechte Positionen polarisiert wurde. Die ganz große Mehrheit der Bürgerschaft, repräsentiert durch SPD, Grüne und CDU, suchte stattdessen zwischen diesen Extremen einen Kompromiss.

Bismarck in der übrigen Bundesrepublik

Das entspricht weitgehend dem Bild, das sich ergibt, wenn man Debatten um Bismarck-Denkmäler und -straßen anderswo in Deutschland betrachtet. Für die Jahre 2019 bis 2022 lassen sich solche Debatten in neun weiteren deutschen Städten verfolgen.8 Wie in Hamburg kamen die Initiativen dazu in mindestens drei Fällen – in Offenbach, Marburg und Bautzen – von Bürgerinitiativen oder Vereinen, also aus der Zivilgesellschaft. Wie in Hamburg spielte die Linkspartei oft eine wichtige Rolle. Entweder unterstützte sie die Initiatoren oder brachte das Thema selbst auf.

So hatte die Linke in Zweibrücken schon 2019 den Abriss des Bismarck-Denkmals in ihrem Ort gefordert. Diese Forderung wurde im Sommer 2020 von der Zweibrückener linken Parteijugend wiederholt.9 Auch anderswo griff die Linkspartei das Thema im Kontext von »Black Lives Matter« auf. In Essen setzte sie sich im Juli 2020 für eine Umbenennung der Bismarckstraße ein.10 Als ein Geographiestudent aus Offenbach, der ein Video über die Versenkung der Statue von Edward Colston in Bristol gesehen hatte, sich auf die Suche nach problematischen Straßennamen in der Stadt machte und dann die Umbenennung der Bismarckstraße forderte, war die Linksfraktion im Offenbacher Stadtrat die einzige, die das voll und ganz unterstützte.11 In Pforzheim erklärte ein Stadtrat der Linken, als das lokale Bismarck-Denkmal im Juli 2020 als Kolonialdenkmal unter verbalen Beschuss geriet, man habe »zwar drängendere Probleme. Grundsätzlich gehört das Denkmal aber weg.«12 Und auch in Marburg, Bautzen und Bremen setzte die örtliche Linkspartei sich für die Tilgung aller Spuren Bismarcks aus dem Stadtbild ein.

Im bayrischen Landshut, wo die Linke nicht im Stadtrat vertreten war, kam die Kritik an einer Bismarckstraße aus der SPD.13 Ebenso wenig repräsentiert war die Linkspartei im Bezirksausschuss München-Pasing. Dort forderten die Jungsozialisten im Juli 2020 zuerst dazu auf, sich mit einem Reiterstandbild Bismarcks »kritisch auseinanderzusetzen«. Dem schlossen sich dann Sozialdemokratie und Grüne mit dem Verlangen nach einer »kritischen Neuinterpretation« an.14

Freilich riefen im Gegensatz zur Linken weder SPD noch Grüne zum Denkmalsturz auf. Vielmehr traten sie dort wie meist auch anderswo für einen »differenzierten« Umgang mit der Vergangenheit ein. Durchaus typisch war eine Formulierung der Bremer Bürgerschaft. Als das dortige Bismarck-Denkmal als Relikt des Kolonialismus in die Kritik geriet, forderten Sozialdemokraten und Grüne den Senat der Hansestadt auf, »unter maßgeblicher Beteiligung von Betroffenen« zu überlegen, wie mit dem Denkmal »weiter umgegangen werden soll«.15 In Pforzheim zeigten sie Sympathien für ein Gegendenkmal und unterstützten wie in Hamburg die Idee eines Kreativwettbewerbs. Oder sie drängten – wie schließlich in München, Bremen und Zweibrücken – darauf, erklärende Schrifttafeln anzubringen, die Bismarck-Denkmäler historisch kontextualisieren sollten.

Nicht selten hielten Grüne und SPD sich auch aus den kontroversen geschichtspolitischen Debatten, die »Black Lives Matter« heraufbeschwor, weitgehend heraus. So antworteten die Marburger Stadträte beider Parteien auf einen Vorstoß zur Umbenennung der Bismarckstraße, das könne nur unter Einbeziehung von Historikern und vor allem der betroffenen Anwohner diskutiert werden, wobei vor allem »dem Votum der Bürger vor Ort und dem Ortsbeirat hohes Gewicht« beizumessen sei.16 In Pforzheim zog sich die grüne Bürgermeisterin ganz ähnlich auf die Position einer Moderatorin der Diskussion zurück.17 In Offenbach erklärte der sozialdemokratische Oberbürgermeister, er sei zwar »kein Bismarck-Fan«, könne aber doch einige der Leistungen des ersten Reichskanzlers anerkennen. Für die Umbenennung der örtlichen Bismarckstraße sei jedenfalls historische Expertise und ein »breiter Konsens« nötig. Der sozialdemokratische Leiter der mit Straßennamen befassten Arbeitsgemeinschaft Offenbacher Stadträte beschränkte sich ebenfalls auf moderierende Aufgaben.18

In Bautzen unterstützte die SPD im Oktober 2021 sogar gemeinsam mit der AfD und einer Bürgerliste die Initiative eines Gesangvereins, ein in DDR-Zeiten zerstörtes Bismarck-Denkmal wieder aufzubauen. Nach Protesten wurde der Beschluss einen Monat später von einer knappen Mehrheit des Stadtrats wieder zurückgenommen. Vor dieser zweiten Abstimmung hatte der sozialdemokratische Bürgermeister sich noch einmal für den Wiederaufbau ausgesprochen.19

Die CDU hatte sich bei der ersten Abstimmung im Bautzener Stadtrat dagegen enthalten. Auch anderswo hielt die Union sich häufig weitgehend zurück oder nahm eine vermittelnde Position ein. Im Westen Deutschlands ähnelte ihre Haltung damit vielfach der von Grünen und SPD. In Pforzheim lehnte die CDU-Fraktion ein Gegendenkmal zu der Bismarck-Figur im Stadtgarten zwar 2020/21 ab, weil man angesichts von Pandemie und Wirtschaftskrise andere Sorgen habe. Für eine erklärende Tafel an dem schon bestehenden Denkmal war sie allerdings zu haben.20 In München-Pasing sprachen die Vertreter der im zuständigen Bezirksausschuss dominierenden CSU sich ebenfalls für einen Kompromiss aus und machten sich den Vorschlag von Grünen und SPD zu eigen, für die Gestaltung des örtlichen Bismarck-Denkmals einen Ideenwettbewerb zu initiieren.21

Allein die AfD lehnte wie in Hamburg auch anderswo jegliche kritische Kontextualisierung Bismarcks entschieden ab. Das geschah mit weitgehend identischen Begründungen. Bismarck sei, wie es ein AfD-Stadtrat in Pforzheim formulierte, »einer der größten Staatsmänner in der deutschen Geschichte«. Deshalb sei es »absurd, Denkmäler abzubauen oder Straßen umzubenennen«.22 Freilich stand die Partei mit dieser inhaltlichen Position allein. Zwar ergaben sich hier und da punktuelle Übereinstimmungen mit anderen Parteien – so in Pforzheim mit der CDU bei der Ablehnung eines Gegendenkmals oder in Bautzen mit der SPD für den Wiederaufbau eines Bismarck-Monuments. Weil die AfD den ersten Reichskanzler ohne Wenn und Aber heroisierte und sich deshalb jedem geschichtspolitischen Kompromiss verweigerte, blieb sie letzten Endes jedoch isoliert.

Ein altes Feindbild in der Kaiserreichdebatte

Die Betrachtung geschichtspolitischer Auseinandersetzungen um Bismarck in deutschen Städten zwischen 2019 und 2022 zeigt, wie differenziert der Umgang mit dem ersten Reichskanzler in der Bundesrepublik heute ist. Linke Denkmalstürzer und rechte Bismarck-Bewunderer gibt es zwar, sie repräsentieren aber jeweils nur kleine Minderheiten der Gesellschaft: Die Denkmalstürzer finden sich ausschließlich in der Partei Die Linke, die völlig unkritischen Bismarck-Bewunderer lediglich in der AfD.

Ganz anders wirkt auf den ersten Blick die Lage in der Geschichtswissenschaft. Denn dort schienen sich in der Debatte um das Kaiserreich 2020/21 zwei Gruppen gegenüberzustehen: eine konservative und eine linke, die in der Tradition der Historischen Sozialwissenschaft steht. Sieht man etwas genauer hin, löst sich diese scheinbar klare Polarisierung allerdings auf. Denn tatsächlich sind die politischen Orientierungen in der ›Zunft‹ viel komplexer und damit denen in der Gesellschaft durchaus ähnlich. Nicht wenige sich selbst als links verortende Teilnehmer an der Kaiserreichdebatte nahmen das aber anders wahr: Bei ihnen herrschte das Bild einer Konfrontation mit einem mehr oder weniger geschlossenen konservativen Lager vor. Dieses Bild hat freilich wenig mit den Realitäten der 2020er Jahre zu tun, umso mehr dagegen wohl mit der bruchlosen Tradierung eines lange überholten Feindbildes aus den 1970ern.

Zwei Interventionen vor allem lösten 2020 den Streit aus. Eckart Conze fasste in einem Buch die Interpretation des deutschen Kaiserreichs zusammen, wie sie in den 1970er Jahren von der Historischen Sozialwissenschaft formuliert und seitdem teilweise weiterentwickelt worden war. Demnach sei das Kaiserreich vor allem ein Hort von Radikalnationalismus, Antisemitismus und Militarismus gewesen. Als konservativ geprägte »Kriegsgeburt« habe es sich wie ein