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12 Predigten des Jahres 2015 aus dem Havelberger Dom (Altmark) gehen der Frage nach, wie das Wort Erkenntnis in der Gegenwart gepredigt werden kann. Die Bibel bietet dazu viele Bezugspunkte. Die Bundesgartenschau 2015, die an 5 Standorten im Havelland stattfand, gab jedem Standort eine Überschrift. Erkenntnis stand für Havelberg. Der Dom steht für den Bischofssitz bis zur Reformation. Also lud die evangelische Kirchengemeinde Havelberg evangelische Bischöfe ein, zur Erkenntnis zu predigen. Es war eine sehr bereichernde Erfahrung zu hören, aus wie vielen Perspektiven und Textabschnitten des Alten und Neuen Testamentes Erkenntnisse unser Leben heute betreffen können. Das vorliegende Buch ist das Ergebnis dieser Predigtreihe. In ihm lesen Sie u.a. die Predigten von Bischof Dr. Markus Dröge (Berlin), Prof. Dr. Margot Käßmann und Landesbischöfin Ilse Junkermann (Magdeburg).
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Die Publikation wird gefördert von
Frank Städler (Hrsg.)
Erkenntnis
Zwölf Predigten aus dem
Havelberger Dom
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2016 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Gestaltung: Formenorm · Friederike Arndt, Thomas Puschmann · Leipzig
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
ISBN 978-3-374-04654-6
www.eva-leipzig.de
Liebe Leser,
anlässlich der Bundesgartenschau 2015 in der Havelregion, die unter dem Motto »Von Dom zu Dom« stand (von Brandenburg nach Havelberg), veranstaltete die evangelische Kirchengemeinde Havelberg eine Predigtreihe. Das Schlagwort »Erkenntnis«, das die Idee des Buga-Zweckverbandes war, der die fünf Standorte mit je einem Wort zur Geschichte und Gegenwart verbinden wollte, sollte nun mit aktueller Predigt gefüllt werden. Der biblische Bezug lag ja auf der Hand. Bischöfe, Pater, Superintendenten und Minister wurden eingeladen, suchten einen Text aus dem Alten bzw. Neuen Testament und kamen in die 1170 geweihte Bischofskirche nach Havelberg und predigten. Für mich und für unsere kleine Kirchengemeinde war dies eine sehr bereichernde Erfahrung, so viele bekannte Persönlichkeiten zu einem Thema predigen zu hören, miteinander Gottesdienst zu feiern und anschließend ins Gespräch zu kommen.
Es gibt viele Predigtbücher in Vergangenheit und Gegenwart, die dem Bedürfnis nachkommen, lesen zu können, was gehört wurde. Dabei kenne ich mehrheitlich solche Bücher, die von einem Prediger stammen und Texte des Kirchenjahres auslegen. Im Folgenden lesen Sie – verehrte Leser und Leserinnen – das gesprochene Predigtwort aus Havelberg, das ich in Gedanken mit der jeweiligen Person verbinden darf.
Ich danke allen Predigern dieser Reihe für die Überlassung ihrer Predigt zur Veröffentlichung und wünsche allen Lesern stärkende, erhellende Momente.
Ihr Frank Städler
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Markus Dröge Die Erkenntnis der Liebe Gottes soll uns leiten
Predigt zu Röm 8,18–23
Heilgard Asmus Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten
Predigt zum 2Kor 4,6
Wolfgang Huber … der morgige Tag wird für das Seine sorgen
Predigt zu Mt 6,28–34
Maria Jepsen Gott gibt seine Schöpfung nicht auf
Predigt zu Lk 15,1–3.11b–32
Sigurd Rink Drei Schritte zur Versöhnung
Predigt zu Gen 32
Gerhard Ulrich Da gedachte Gott an Noah …
Predigt zu Gen 8,1–12
Andreas Struck Im Hause unseres Vaters
Predigt zu Ps 122 und Joh 2,13–16
Ilse Junkermann Mensch sein im Frieden mit der Schöpfung
Predigt zu Gen 2,4b–10.15–17
Margot Käßmann Taufe ist Gottvertrauen
Predigt zu Joh 3,1–16
Daniel Feldmann Denn unser Wissen ist Stückwerk
Predigt zu 1Kor 13,1–12
Frank Städler Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat
Predigt zu Lk 12,15–21
Stephan Dorgerloh Ein Stück heile Welt
Predigt zu Gen 2,8
Verzeichnis der Predigerinnen und Prediger
Fußnoten
Markus Dröge
Predigt zu Röm 8,18-23
17. Mai 2015
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
I.
Auf der Bundesgartenschau – hier in Havelberg und an den anderen Standorten – erstrahlt etwas von der wunderbaren, oft geheimnisvollen Schöpfung. Auf einer solchen Gartenschau zeigt sich etwas von der Erkenntnis, dass der Mensch eingebettet ist in die Natur, in das Werden und Vergehen, das Wachsen und Verwelken des Lebens. Wir erkennen, dass der Mensch selbst Teil eines größeren Ganzen ist – etwas, das er nie ganz durchblickt, sondern dem er staunend gegenübersteht. Gegenüber – und doch auch als ein Teil des Ganzen.
»Wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.« So drückt die Bibel dieses Staunen aus, voll des Lobes und der Freude über Gottes Schöpfung. In der Schönheit und der Ordnung der Welt kann der Mensch etwas von der Güte Gottes erahnen.
II.
Die Frühlingszeit und insbesondere der Monat Mai haben dabei viele Liederdichter und Prediger gereizt, das Lob des Werdens und Wachsens herauszustellen und Gottes Glanz zu verkündigen.
Einer von ihnen war Martin Behm, Pfarrer zu Lauban in der Oberlausitz. Im Jahr 1580 hat er einen Predigtband herausgegeben, in dem er zu jedem Monat des Jahres eine Predigt veröffentlicht hat. Der Untertitel des Buches lautet: »Das ist des Jahres und der zwölf Monaten natürliche und geistliche Erklärung.«
In der Predigt über den Monat Mai heißt es:
»Der Mai ist eine solche liebliche schöne Zeit, dergleichen man das Jahr über nicht hat, dass alles im besten grünen Wachsen, Flor und Blüte stehet. […] da siehet man, wie alles grünet, dadurch die Augen erfrischet werden; da riecht man die allerlieblichsten Blümlein und Kräuterlein; da schmecket man die lieblichen ersten Sommerfrüchte; da höret man das sanfte Maienwindlein und mit den Händen greift man, was künftig zu erwarten ist.«
Der Prediger Martin Behm verbindet in überschwänglicher Freude und mit staunendem Blick den Monat Mai mit dem Wachstum und der Frische des Neuanfangs. Er schaut dabei genau hin. Die Predigt ist fast eine Art Pflanzenkunde, allerdings in geistlicher Gestalt.
So predigt Behm über die leuchtende Sonne der Gerechtigkeit. Über die Dreifaltigkeitsblume, die uns an die rechte Gotteserkenntnis im Herzen erinnern solle. Der Christwurz bedeute, so sagt er, »dass der Herr Christus in dein Herz gewurzelt und gegründet ist durch die Liebe«. Die Heilig-Geist-Wurzel, dass der Geist in uns wohnt. Behm erwähnt das Vergiss-mein-nicht, den Fenchel, den Augentrost, den Beifuß, den Himmelsschlüssel, die Hirschenzunge, die Kreuzblumen, den Wermut, den Majoran, das Fünffingerkraut und noch einiges mehr. Immer verbindet er die Pflanze mit einem geistlichen Sinn. Die Pflanzen dienen als Zeichen, die über sich hinausweisen. Behm regt uns an, sorgfältig hinzuschauen, denn jede Pflanze, jedes Blatt ist so einzigartig und wunderbar, dass es sich lohnt, sie ganz genau wahrzunehmen. Und zwar nicht wie ein wissenschaftlicher Biologe das täte, der Gattungen und Arten unterscheidet, der Zellproben nimmt und den Aufbau studiert. Auch nicht wie ein Betriebswirt, der vielleicht den Geldwert des Holzes oder einer seltenen Pflanze taxieren würde. Behm regt uns an, in der Natur die Schöpfung Gottes zu erkennen. Sich also auf die Suche zu machen und in der Natur die verborgenen Geheimnisse und die verborgene Ordnung Gottes zu erkennen.
III.
Gotteserkenntnis in diesem Sinne heißt aber nicht, dass der Mensch Gott in der Natur wirklich fassen kann. Die Natur an sich ist weder göttlich noch heilig. Die Natur kann nur zeichenhaft auf die Nähe Gottes verweisen. Die Pflanzen und Tierwelt sind nur ein Teil der Schöpfung Gottes. Sie steht Gott gegenüber. Auch das schreibt Behm schon in seiner Predigt: »Solches alles giebet die Natur nicht von sich selbst heraus, sondern Gott im Himmel, der da ist gut und übergut. […] Gott ist der Schöpfer, die Natur ist das Geschöpf, die muss man unterscheiden, so man nicht dahin gerathen will, dass man von Gott nichts halte.«
Gott steckt nicht in der Natur drin. Sondern der Glanz Gottes ist etwas, das der Natur gleichsam von außen zugeeignet wird.
Was heißt das nun für die Erkenntnis Gottes? Von Natur aus ist es dem Menschen nicht selbstverständlich mitgegeben, Gott klar und eindeutig zu begreifen. Sinn und Wahrheit lassen sich nicht geradlinig aus den Dingen der Natur ableiten. Das war schon den reformatorischen Theologen klar. Und deshalb ist es auch zu kurz gegriffen, wenn manche Agnostiker oder Atheisten umgekehrt sagen: »Gott kann es nicht geben, weil ich ihn aus den vorfindlichen Dingen nicht ableiten kann. Für mich gibt es nur das, was ich sehe und begreifen kann.«
Richtig ist: Alles, was ich aus der Natur an Erkenntnis direkt ableiten kann, kann nicht der ewige Gott sein. Erkenntnis Gottes ist immer ein Geschenk des Heiligen Geistes. Der Geist ist es, der den Dingen Sinn und Wahrheit verleiht. In der biblischen Vorstellung ist es dieser göttliche Geist, der die Natur als Schöpfung Gottes erkennen lässt. Gottes Kraft und Lebenshauch verleiht der Schöpfung erst Bedeutung. Sinn und Wahrheit lassen sich nicht aus den Dingen selbst oder aus der Natur ableiten, sondern werden immer von außen zugeeignet. Das macht die Erkenntnis vorläufig, zu einem Stückwerk, demütig und angreifbar.
Erkenntnis heißt aus christlicher Sicht, die Welt mit den Augen des Glaubens zu sehen. Dieses Sehen hat Jesus den Jüngern mit seinen Gleichnissen gelehrt. Mit den Naturgleichnissen hat er deutlich gemacht, dass die Blumen auf dem Felde oder die von selbst wachsende Saat zum Zeichen werden können für Gottes Güte.
Wie die Blumenpracht, so üppig und verschwenderisch ist Gottes Gnade.
Wie die Naturkraft der keimenden Saat, so stark ist die Hoffnung, die Gott allem Leid und aller Trauer entgegenstellt.
So können wir in jeder Pflanze und in jedem Stück Natur etwas von der Gnade Gottes und seine Schöpferkraft erkennen, wenn auch nicht beweisen.
IV.
Genau so versteht Paulus die Natur im achten Kapitel des Römerbriefes. Wir haben einige Verse daraus in der Epistellesung gehört. Paulus kann von der Natur in geradezu menschlichen Bildern sprechen. Die Natur hat Gefühle, sie seufzt unter der Vergänglichkeit. Auch in ihr gibt es die Sehnsucht nach Befreiung. Wie der Mensch nach Erlösung strebt, so sehnt sich auch die Natur danach, ganz neu zu werden.
Ich finde, das ist eine aufregende und spannende Weise, die Natur wahrzunehmen und zu erkennen. Die Natur ist ein Teil der unerlösten Schöpfung Gottes. Sie seufzt, man kann ihr wehtun, man kann sie missachten und ihre Würde verletzen. Die Natur kommt auf Augenhöhe mit dem Menschen zu stehen.
Und was tun wir der Natur an mit unserer Art zu wirtschaften?
Was richten wir an, weil wir immer noch glauben, Fortschritt gäbe es nur durch Expansion, Ausdehnung und Besitzergreifung der Natur?
Was erlauben wir uns mit unserem Lebensstil, der nicht danach fragt, ob der Ressourcenverbrauch, der dafür nötig ist, das Gleichgewicht der Erde in eine Schieflage bringt?
Paulus sagt: Die Natur als Schöpfung steht dem Menschen nicht zum rücksichtslosen Gebrauch zur Verfügung, sie ist nicht das seelenlose Objekt für die Durchsetzung menschlicher Interessen. Nein, sie ist selbst ein Subjekt, sie ist verletzlich, verwundbar. Paulus regt uns dazu an, das Zusammenspiel von Mensch und Natur neu zu denken und aus dieser Erkenntnis ein neues Verhältnis zur Natur zu gewinnen.
Aber Paulus blickt noch weiter. Er weiß sehr genau, dass alles Leben immer auf Kosten anderen Lebens lebt und leben muss. Nichts, was lebt, kommt aus dieser Schuld heraus. Nicht nur der Mensch, auch das Leben der Natur ist noch in dieser Schuldverflechtung gefangen. Und dennoch ist Hoffnung da. Weil Gott in Christus die Welt bereits erlöst hat, läuft auch die Natur auf die letzte Erlösung zu. Das kann uns die Kraft geben, die Hoffnung niemals fahren zu lassen und uns immer wieder neu einzubringen in die Gestaltung der Welt. Auch wenn die Erde mitunter aus den Fugen zu geraten scheint.
Ich denke an die Beben in Nepal und die vielen Toten. Dort zeigt sich die schreckliche, die grausame Seite der Natur. Darin können wir nie und nimmer das Handeln Gottes erkennen. Wir hören vielmehr mit Paulus das Seufzen der Not und die Qualen der unerlösten Schöpfung.
Deshalb sind wir mit unseren Gebeten und mit unserer Hilfe bei den Menschen, die leiden müssen. Wir wollen die Hoffnung weiter nähren, dass Gottes Liebe sich am Ende dennoch durchsetzen wird. Auch die gequälte und seufzende Welt ist und bleibt ein Teil von der Welt, die unterwegs ist zur Erlösung. Eindrücklich hat Paulus dies am Schluss des achten Kapitels im Römerbrief beschrieben:
»Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.«
Die Erkenntnis der Liebe Gottes soll uns leiten. Sie kann uns Richtung geben und Halt. Sie ist der letzte Grund und das Ziel, zu dem all unsere menschliche Erkenntnis schließlich führt.
V.
Noch einmal zurück zu Pfarrer Martin Behm aus Lauban in der schlesischen Oberlausitz. Schon in jungen Jahren hatte er lernen müssen, wie gefährdet das Leben ist. In seiner Heimatstadt gab es eine länger andauernde Hungersnot. Deshalb schickten seine Eltern ihn nach Wien, um dort zu studieren. Er erfuhr dort viel Hilfe und Unterstützung. Er merkte, er ist nicht allein mit seiner Not. Diese guten Erfahrungen prägten seinen späteren Dienst als Pfarrer. Er stand seiner Gemeinde bei, in Kriegszeiten, in Hungersnöten und während die Pest wütete. In der damaligen Zeit hieß das, den Kampf ums nackte Überleben zu bestehen. Dass nach harten Zeiten und eisigen Monaten zuverlässig auch wieder freundliche, warme Tage folgen, dass nach Winter Frühling und Sommer kommt, das hat Martin Behm seiner Gemeinde verkündigt. Auch in der Predigt über den Mai, von der ich erzählt habe. Martin Behm hat das Leben eingebettet in die Prozesse der Natur, die hart und lebensbedrohlich sein kann, zugleich aber auch den Glanz und die liebevolle Zuwendung Gottes zu den Menschen erkennen lässt.
Martin Behm hat seine Predigten auch in Lieder gegossen. Die Maipredigt wurde zu einem seiner berühmtesten Lieder, die wir bis heute mit Freude singen. Es heißt: »Wie lieblich ist der Maien«. Mit der Musik eines Tanzliedes vermittelt uns der Text die Freude und die Schönheit Gottes, der wir in der Natur gewahr werden können.
Ich wünsche jedem, der die Bundesgartenschau besucht, dass er, wenn sich die Blumenpracht vor ihm entfaltet, Gott in dieser Weise erkennen kann: »Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt, des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht.«
Lassen Sie uns dieses Lied gemeinsam singen und uns freuen an der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes.
Amen.
Heilgard Asmus
Predigt zu 2Kor 4,6
7. Juni 2015
