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Der Thriller handelt auf der einen Seite von Situationen, in die im Grunde ganz normale junge Menschen schnell geraten können. Werden sie durch einen Schicksalsschlag, der ihr Leben labil erscheinen lässt, betroffen und man verspricht ihnen schnelles Geld, so sind viele junge Frauen und Männer nicht abgeneigt auf Angebote einzugehen, die sie jedoch am Anfang nicht in ganzer Konsequenz überblicken. Ist ihnen die Tragweite der Situation dann bewusst, ist es meist zu spät auszusteigen. Es handelt sich im Thriller um Kokainschmuggel in einer unvorstellbaren Version, die sich jedoch so schon oft zugetragen hat. Die zweite Seite des Krimis behandelt die vom Bundesverfassungsgericht in Deutschland verbotene geschäftsmäßige Sterbehilfe. Suizidhilfe steht hierzulande unter Strafe. Unter den Palliativmediziner weckt das die Angst, dass eines Tages die Polizei vor der Tür steht. Somit bleibt Auftragsmörder ein großes Tätigungsfeld. Bei dieser kriminellen Sonderart der Tötung verzeichnet man in letzter Zeit, wenn man den Zeitungsberichten glauben schenken kann, einen großen Zuwachs.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Rainer Rau
Erlöse mich
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Personen:
1. Die Tote, die sich bewegt
2. Weiches Herz
3. Gase, die sich freikämpfen
4. Ein Unfall will nicht gelingen
5. Au-pair im Wechsel
6. Die Werkstatt
7. Pokerrunde
8. Unterbrechung wichtiger Handlungen im Büro
9. Verabredung zum Tod
10. Fortsetzung einer Unterbrechung mit Unterbrechung
11. Gute Sicht auf Lebensmüden
12. Zurückgeholt
13. Neue Farbe
14. Die Verbindung
15. Träume schön
16. Keine Möglichkeit
17. Weißes Pulver wiedergewonnen
18. Unerkannter Mord
19. Mittel zum Zweck
20. BKA hilft gerne
21. Geschehnisse aufgearbeitet
22. Rauch im Büro
23. Cleo mit neuen, alten Jeans
24. Igor Puschkin
25. Neue Hose
26. Zwei auf einen Streich
27. Chicureo
28. Tiefschlaf – Tabletten und Kissen
29. Der Transfer
30. Schmerz ist tödlich
31. Unerreichtes Geld
32. Übergabestrategie
33. Verunsichert
34. Übergabe fehlgeschlagen
35. Neuer Auftrag
36. Resümee in der Dienststelle
37. Der Tod der Pflegerin
38. Schluck für Schluck
39. Katze deckt auf
40. Unter Verdacht
41. Cleo in Hamburg
42. Das Verhör
43. Überlegungen für zwei
44. Geld aus dem Unternehmen
45. Eingeschüchtert
46. Testamentseröffnung
47. Plan B
48. Der Treffpunkt
49. Beim Essen verliebt
50. Gesicherter Schuss
51. Mikros zu verstecken ist nicht einfach
52. Die Drohung
53. Hingerichtet
54. Gute Nachricht
55. Rätselraten im Präsidium
56. Zwei verschwinden
57. Ermittlungen eingestellt
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Maria Migdal: Hexen gibt es nicht
Rainer Rau: Zwillingsmord
Rainer Rau: Wachkoma
Rainer Rau: Mobbing-Jäger
Rainer Rau: Das Organkartell
Rainer Rau: Im Verlies der Burg
Rainer Rau: Festgezurrt
Erlöse mich!
Impressum neobooks
Passive Sterbehilfe ist das Nichtergreifen (Unterlassen), Reduzieren oder Nichtfortführen (Abbrechen) lebenserhaltender Maßnahmen aus medizinethischen Gründen.
Dies gilt für Patienten, die sich aufgrund einer schweren Krankheit in ärztlicher Behandlung befinden. Hier sei jedem Betroffenen geraten, rechtzeitig eine Patientenverfügung zu erstellen.
Was aber ist mit Menschen, die sich noch nicht in einer Klinik befinden und aus dem Leben scheiden möchten? Die noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind?
Weder die Zahl der nach eigenem Willen schon Erlösten noch die Zahl der Menschen, die diesen Weg noch vor sich haben, aber noch keine geeignete Möglichkeit gefunden haben, ist in einer Statistik erfasst. Die noch lebenden Personen, die aus dem Leben scheiden wollen, werden dies nicht an die große Glocke hängen. Von den Verstorbenen wird eine große Anzahl als eines natürlichen Todes Gestorbene eingestuft. Die Behörden erkennen oft nicht das Verbrechen, was dahintersteckt. Deuten keine äußeren Anzeichen auf einen gewaltvollen Tod hin und ist der Tote schon älteren Jahrgangs, steht sehr oft auf dem Totenschein unter der Rubrik Todesart: natürlicher Tod.
Hilfe für Menschen, die zum Beispiel wegen einer schweren Krankheit aus dem Leben scheiden wollen, gibt es in Deutschland kaum. Denjenigen hilft in den meisten Fällen eine Beratung einer kirchlichen Einrichtung wenig.
Kardinal Lehmann hat für die deutschen katholischen Bischöfe in Fulda bekräftigt: Kein Mensch darf über sein Leben frei verfügen.
Und er bestimmt als Kardinal, was ein würdevoller Tod in den Augen der Katholischen Kirche ist – und was nicht. Die Kirche lehnt damit sowohl die aktive Sterbehilfe ab, wobei einem Todkranken ein tödliches Medikament verabreicht wird, als auch die – in Deutschland erlaubte – Beihilfe zum Suizid. Die Entscheidung von Menschen, in Patientenverfügungen festzuschreiben, dass nicht mehr lebensverlängernde, sondern nur schmerzlindernde Medikamente und Therapien verabreicht werden dürfen, dem stimmten die Bischöfe in Fulda allerdings zu.
Etwas gemäßigter meldet die Evangelische Kirche: Selbsttötung darf keine normale Option werden!
Spitzenvertreter der Evangelischen Kirche finden die Entscheidung des Bundestages für ein Verbot geschäftsmäßiger Suizidbeihilfe richtig. Das hilft allerdings einem Menschen, der aus dem Leben scheiden möchte und dies nicht selber tun kann, wenig.
Die Begebenheiten im Thriller sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Gleichwohl möchte der Autor zu bedenken geben, dass es sich in dem einen oder anderen Fall so zugetragen haben könnte.
Cleopatra „Cleo“ Brecht Oberkommissarin, ihr erster Fall
Olav Ortega Grieche, Mörder mit weichem Herzen
Der Chef - Friedhelm Gottlieb Werkstattbesitzer, Drogenhändler und Auftragskiller
Saskia Gebert 1. Unfall-Opfer, Kokainkurierin
Tobias Gebert Bruder von Saskia, wurde ebenfalls ermordet
Ernst Theodor zu Falkenstein Lebensmüder Adliger, kann sich nicht selbst töten
Martin Elberfelde Winkeladvokat aus Frankfurt/Main
Gerhard „Hardy“ Kleinschmidt Hauptkommissar, Kollege und Vorgesetzter von Cleo Brecht
Martina Koch Drogenkurierin, will Profis abzocken
Anna Maria Klebersdorf Staatsanwältin mit sexuell ausgeprägter Neigung
Dr. Martin Heinbach Arzt
Escorban de Estebanjo Kontaktperson Cleos in Santiago de Chile
Salvatore Lucardo Drogenhändler in Chile
Peter Petersen Mentor und alter Freund von Cleo in Hamburg
Winkler Lebensmüder alter Mann, mit kranker Ehefrau
Hans-Joachim Gruber Manager einer Containerfirma,
verliert beim Pokern, will in St. Petersburg Millionen machen
Dr. Alfons Mettmann Reiches Opfer, das nicht sterben will
Otto Mettmann Bruder des Opfers, wird selbst zum Opfer
Elisabeth Mettmann Erbt alles und ist in Martin verliebt
Olga Kurtova Pflegerin, Opfer
Die Glocke der kleinen Friedhofskapelle läutete nun schon seit fünf Minuten den Beginn der Trauerfeier ein.
Es regnete schon den ganzen Tag und es war kalt an diesem Herbsttag. Viel zu früh war der Herbst gekommen und es war für die frierenden Trauergäste kein Trost, dass es noch einmal, der Wettervorhersage nach, warm werden sollte.
Die Heizstrahler an den Seitenwänden im Innenraum der kleinen Kapelle konnten den Trauergästen nur bedingt Wärme spenden. Um Stromkosten zu sparen, hatte man jeweils einen der zwei eintausend Watt - Glüheinsätze herausgenommen. So war der Raum nur mäßig warm und die warme Luft nur im Deckenbereich der Kapelle spürbar. Wer direkt unter einem Heizstrahler saß, bekam allerdings bald einen überhitzten Kopf.
Ist es im Allgemeinen nicht sonderlich gut zu sterben, in der kalten Jahreszeit ist es aber besonders schlecht, wenn auch nicht für den Verstorbenen selbst, so doch für die Trauergäste.
Diese saßen meist auf den kalten Holzbänken, da nicht für alle ein Sitzkissen bereit lag. Viele hatten kalte Füße und bewegten ihre Zehen. Andere rieben sich auch die Hände. Manche Herren hätten lieber die Mützen oder Hüte aufbehalten, was aber dem ungeschriebenen Gesetz des christlichen Empfindens in einer kirchlichen Einrichtung entgegen sprach. Aus Pietätsgründen musste man die Kopfbedeckung abnehmen, egal wie kalt es gerade war, da kannte der Herr keine Gnade. Kam ein Mann dieser allseits bekannten Forderung, das Haupt zu lüften, nicht sofort nach, so erntete er abfällige Blicke seiner Nachbarin, die wie gebannt auf den Hut starrte und deren Blick sich erst von ihm löste, wenn sich dieser in den Händen des Herrn und nicht mehr auf seinem Haupt befand. Manche Frauen allerdings behielten ihr Kopftuch auf.
Die Verstorbene war erst siebzehn Jahre alt und vor sechs Tagen bei einem Autounfall in Hamburg ums Leben gekommen. Nun lag Saskia Gebert in einem Sarg aus Eichenholz, der an den Rändern mit maschinell hergestellten, verleimten Leisten verziert war und dessen sechs Tragegriffe aus massivem Messing bestanden. Dem Betrachter konnte es bei längerem Hinschauen auf den Sarg und dessen Messinggriffe vorkommen, als kämen diese aus Secondhandbeständen des Bestatters, da sie abgenutzt waren und sicherlich nicht, wie in der späteren Rechnung ersichtlich aufgelistet, als Neuware deklariert waren.
Der Sarg war teuer und die Sterbegeldversicherung, die die Eltern vor vielen Jahren für die ganze Familie abgeschlossen hatte, reichte für die Beerdigung nicht aus, da ein Selbstbehalt von fünfhundert Euro im Vertrag, zwar nur ganz klein, jedoch lesbar, vereinbart war.
Saskias Vater wollte nach Erhalt der Rechnung die Versicherung um Stellungnahme bitten, doch seine Frau war dagegen. Sie wollte Ruhe und keinen Streit mit den Behörden. So wurde auch später nicht mit dem und nicht über das Beerdigungsunternehmen gesprochen. Was man dort mit Zufriedenheit vernahm und einen Haken an den Fall machte. Die vielen anderen Haken, die für die vielen anderen gebrauchten Neugegenstände aus den Jahren voher standen, waren ja ebenfalls ohne Nachfrage durchgegangen. Bei einer Beerdigung wurde nicht so oft reklamiert wie bei jedem anderen Kauf.
Besonders tragisch war es, dass auch Saskias Bruder erst vor wenigen Monaten verstorben war und die Eltern somit einen herben Doppelverlust hinnehmen mussten. Im Ort trauerte man mit den Eltern und vertrat die Auffassung, dass das Schicksal manche Menschen schon sehr hart treffen konnte. In einem kleinen Ort, wo man sonntags noch zur Kirche ging, stellte der eine oder andere sich die unbeantwortete Frage, warum Gott so etwas zulassen konnte.
Der Autofahrer war direkt auf das Mädchen zugefahren, hatte sie mit der Stoßstange erwischt, sie hochgeschleudert und sie war mit dem Kopf in die Windschutzscheibe gekracht. Dann war sie über das Dach des Wagens geschleudert worden. Sie flog sechs Meter durch die Luft und landete dann mit dem Kopf zuerst auf dem Asphalt, wobei ihr Genick mit einem hässlichen Knacken zerbrach, fast so wie der Hals einer Flasche, die auf eine Tischkante aufschlug. Bis auf die Abschürfungen an der rechten Gesichtshälfte, an den Knien und am rechten Oberschenkel sowie dem Bruch eines Handgelenkes hatte sie aber keine äußeren Verletzungen. Das nützte ihr herzlich wenig, denn sie war trotzdem mit sofortiger Wirkung tot.
Der Autofahrer fuhr zurück, hielt an, stieg aus und ging schnellen Schrittes zu dem Mädchen hin. Er schaute sie an, sah die getrübten Augen, die sich nicht bewegten und ihm war sofort klar, dass sie nicht mehr am Leben war. Er wollte sie nicht töten, hatte aber ihren Tod billigend in Kauf genommen. Er hatte halt zu spät gebremst. Absichtlich zu spät. Er wollte sie lediglich mit ihrem ‚Gepäck’ sicherstellen. Er hätte ihr aber zu Fuß nicht folgen können. Sie war ihm schon am Flughafen entkommen, denn sie war schnell in ihren weißen Turnschuhen mit den drei schwarzen Streifen. So dachte er sich, wenn du sie leicht mit dem Auto erwischst, kann sie nicht so schnell weglaufen. Das war nun in die Hose gegangen.
Er zuckte mit der Schulter und sagte zu sich selbst:
„Na, wenn schon. Du bist ersetzbar!“
Er öffnete den Kofferraumdeckel und wollte den leblosen Körper des Mädchens gerade hochheben, als er ein anderes Fahrzeug bemerkte, das zwar noch weit entfernt war, sich aber schnell näherte. Diese Gegend am Rande von Hamburgs Innenstadt wurde um diese Tageszeit nachts um halb zwei Uhr sonst eher weniger befahren. Ausgerechnet jetzt kam ihm ein Fahrzeug in die Quere.
Er fluchte.
„Mist!“
Nur dieses eine Wort kam über seine Lippen, dann schloss er schnell den Kofferraumdeckel wieder, stieg noch schneller in seinen Wagen und gab Gas. Das Mädchen musste er auf der Straße liegen lassen. Es blieb keine Zeit mehr, um sie einzuladen, sonst hätte man wohl sein Nummernschild erkennen können.
Die Polizei, gerufen von dem Fahrer, der gerade sein Fahrzeug neben der Toten zum Stehen brachte, nahm den Unfall mit Fahrerflucht eine halbe Stunde später auf. Die Hamburger Polizei informierte die Kollegen des Präsidiums Mittelhessen sofort. Noch am selben Tag überbrachten morgens um sieben Uhr fünfzehn zwei Beamte den Eltern der Toten die Hiobsbotschaft.
Das Kennzeichen hatte der Zeuge nicht erkennen können, da sich das Fahrzeug mit großer Geschwindigkeit entfernt hatte. Nur dass es ein großer Wagen, BMW, Audi oder Mercedes war, schwarz oder dunkelblau, wusste er zu berichten.
Der Polizeibeamte gab seine Beschreibung noch am Unfallort über Funk an die Zentrale weiter, in der er die Farbe dunkelblau ausschloss, da nach seiner Meinung Autos solcher Preisklasse nicht in „Blau“ gekauft würden und die Annahme des Zeugen, es sei ein dunkelblauer Wagen gewesen, eher auf die Dunkelheit und somit auf die schlechten Sichtverhältnisse zurückzuführen sei.
Er war der Annahme, dass ein großer Wagen von einem betuchten Eigentümer, der einen erlesenen Geschmack besaß, gefahren wurde. Also konnte es keine Farbe Blau sein.
Die Fahndung nach einem Wagen in ‚Schwarz’ der gehobenen Preisklasse, welcher eventuell einen Unfallschaden im Frontbereich haben könnte, verlief trotzdem ergebnislos.
Als man den Eltern die schlimme Nachricht überbrachte, schrie die Mutter ihren Schmerz heraus, sodass man ihr sofort ein starkes Beruhigungsmittel verabreichen musste. Der Arzt verschrieb ihr ein starkes Mittel in Tablettenform, von denen sie dreimal täglich je zwei Stück am Tag schluckte.
So überstand sie größtenteils teilnahmslos und ohne weitere Schreianfälle die fünf Tage bis zur Trauerfeier in der kleinen Kapelle auf dem Friedhof.
Als die Glocke langsam verstummte und die letzten drei Schläge leiser wurden, breitete sich eine wohltuende Ruhe in dem kleinen Raum der Friedhofskapelle aus.
Dann setzte die Orgel ein.
Der Pfarrer betrat die Kapelle und man konnte ein Räuspern oder dezentes Husten im Raume hören.
Die Organistin haute ordentlich in die Tasten, als ob sie alle düsteren und traurigen Gedanken der Trauergäste damit vertreiben wollte.
Als die Orgel nach drei Minuten endlich verstummte, war es mucksmäuschenstill. Räuspern und Husten hatten aufgehört und man lauschte dem, was da vom Pfarrer gesagt werden sollte.
Man hätte tatsächlich die oft zitierte Stecknadel fallen hören können.
Gerade als der Pfarrer am Anfang seiner Predigt sein ‚gesegnet sei der Herr unser Gott’, loswerden wollte, drang ein Geräusch aus dem Sarg.
Es war nicht laut und in den hinteren Reihen hatte man es kaum vernommen.
Die Angehörigen, ganz vorne sitzend, hatten es jedoch sofort gehört.
Die Mutter der Toten schrie auf. Man sah sich ungläubig an und wusste nicht, was das eben gewesen war.
„Sie lebt! Sie lebt! Habt ihr nicht das Klopfen gehört? Macht sofort den Sarg auf!“
Die Frau war aufgesprungen und auf den Sarg zugelaufen. Sie war wie von Sinnen und rief noch einmal, man solle sofort den Sarg öffnen.
Sie fasste sich mit der rechten Hand an den Bauch und knickte etwas ein.
Sie hatte Schmerzen im Magenbereich und sie kämpfte mit der aufsteigenden Magensäure. Mehrmals musste sie das sich sammelnde Wasser im Mund runterschlucken.
Eine große Betroffenheit breitete sich in der kleinen Kapelle aus. Jetzt standen nach und nach alle Trauergäste auf. Die im hinteren Bereich erfuhren durch Zuflüstern der Vorderen, dass sich im Sarg etwas bewegt hätte. Es entstand ein lautes Stimmengewirr.
Der Pfarrer bekreuzigte sich und sein Blick nach oben suchte die Hilfe und den Beistand seines Herrn.
Ein Onkel der Verstorbenen fasste sich ein Herz und sorgte nun für etwas Ruhe.
„Ruhe! Bitte Ruhe! Seien Sie etwas ruhiger!“
Er trat an den Sarg und stützte seine Schwester, die Mutter der Toten, die nun drohte, trotz der vielen Beruhigungstabletten ohnmächtig zu werden.
Er führte sie zu ihrem Stuhl zurück. Dann rief er nochmals zur Ruhe, was aber nicht notwendig gewesen wäre, da mittlerweile wieder Grabesstille herrschte.
Die Mutter weinte nun und flehte ihren Mann an, doch was zu tun.
„Sie lebt! Ich habe es doch deutlich gehört. Sie hat von innen an den Sarg geklopft! Holt sie da raus! Sofort! Sie bekommt doch keine Luft da drinnen!“
Ihr Mann und ihr Bruder sahen sich ungläubig an.
„Aber sie liegt da doch schon drei Tage drinnen. Da kann sie nicht mehr leben. Der Arzt hat gesagt, dass ihr Genick gebrochen sei bei dem Unfall.“
Die Mutter ließ sich in ihrem Glauben nicht beirren, dass ihre Tochter doch noch leben könnte.
„Macht den Sarg auf! Ich muss sie sehen!“
Die Männer nickten und gingen wieder auf den Sarg zu. Es wurde im Raume nun geflüstert.
Der Pfarrer hob die Arme und ließ sie verzweifelt wieder sinken.
„Jesus sei mit uns!“ Mehr brachte er nicht hervor.
Man begann nun die acht messingverzierten Schrauben, jeweils vier auf jeder Seite des Sarges, die ebenfalls wie die Tragegriffe Gebrauchsspuren zeigten, loszudrehen. Es dauerte ewig lange, wobei die Mutter drohte, zweimal in Ohnmacht zu fallen. Es wurde ihr ein Fläschchen mit Riechsalz unter die Nase gehalten, worauf sie schmerzvoll das Gesicht verzerrte, aber wach blieb.
Dann war der Sarg endlich geöffnet. Man hob den Deckel ab.
Nach und nach standen alle Gäste auf, um einen guten Blick auf die Leiche zu haben.
Diese lag friedlich mit geschlossenen Augen da, die Hände auf dem Bauch gefaltet, als wenn sie schliefe. Man hatte ihr zwar das Gesicht geschminkt und die Lippen rot angemalt, der aufmerksame Beobachter übersah allerdings nicht die blasse, blutleere Farbe am Hals und an den Händen.
Man beugte sich über das tote Mädchen und wer gerade eingeatmet hatte, der drehte sich schleunigst um und war dem Erbrechen nahe.
Ein durchweg übler Geruch machte sich in der kleinen Kapelle breit und vertrieb nach und nach alle Trauergäste. Man flüchtete ins Freie.
Die Mutter sank nun in ihre wohlverdiente Ohnmacht und musste auf den kalten Boden gelegt werden.
Der Pfarrer warf einen genauen Blick auf die Tote. Er stellte fest, dass sich die Hände, die immer noch über ihrem Bauch gefaltet waren, leicht bewegten.
„Oh Herr! Was ist das für ein Zeichen?“
Jedoch fing er sich schnell wieder und sah der Realität ins Auge.
Das Mädchen war tot, toter konnte es gar nicht sein. Blass, kalt und regungslos. Wenn da nicht das leichte Vibrieren der Hände gewesen wäre.
Der Onkel sah die Sache nüchtern.
„Sie ist tot. Etwas in ihrem Bauch gärt, sodass es scheint, als atme sie. Machen wir den Deckel wieder drauf!“
Als die Mutter wieder bei Sinnen war und man ihr erklärte, dass es nur Gase waren, die sich aus dem Körper geschlichen hatten, was das undefinierbare Geräusch betraf, beruhigte sie sich langsam wieder.
Der Vater drängte nun auf eine schnelle Beendigung der Trauerfeier und ein Versenken des Sarges in die Erde.
Die Bitte wurde jedoch vom Pfarrer abschlägig beschieden.
„Ich kann jetzt den Sarg nicht in Gottes Acker geben! In einem solchen Fall muss ich dies den Behörden melden.“
„Aber warum denn? Unsere Tochter ist doch tot! Wir wollen jetzt Abschied nehmen!“
„Seien sie versichert, es ist nur eine Formsache und wir werden sie heute gegen Abend beerdigen.“
Damit verließ er den Raum und eilte zu seinem Auto, in dem er sein Handy gelassen hatte.
Er rief seinen Vorgesetzten, Dekan Blöchlinger, an und erstattete ihm Bericht.
Dieser war überaus erstaunt über die Sachlage und vermutete mit kriminalistischem Gespür ein Verbrechen.
„Ein übler Geruch kam aus dem Sarg? Gott im Himmel! Da wird doch nicht etwa ein Verbrechen geschehen sein und der Autounfall war am Ende nur eine Ablenkung oder sollte zur Vertuschung der Tat dienen?“
Der Pfarrer wollte seinem Chef nicht widersprechen. Und zuckte nur mit der Schulter.
„Äh, ich kann das nicht sagen, da fehlen mir die Kenntnisse. Ich sah es nur als meine Pflicht, Sie zu informieren.“
„Ja, ja, Das war richtig. Ich melde den Fall der Polizei.“
Der Dekan hatte einen alten Schulfreund bei der Staatsanwaltschaft in Gießen, den er kurzerhand anrief und ihm die Sachlage schilderte.
Dieser war nicht sonderlich begeistert von dem Fall, sagte aber sofortige Hilfe zu. In der Tat leitete er eine Untersuchung des Falles ein und instruierte die Kripo Mittelhessen. Gleichzeitig übergab er den Fall seiner Kollegin, die sich, wiederum nach kurzer Sichtung der Lage, mit der Kommissarin Cleopatra Brecht in Verbindung setzte.
Oberkommissarin Cleo Brecht von der Kripo Mittelhessen hörte sich die Fakten an und entschied, tätig zu werden. Im Grunde war sie nicht der richtige Ansprechpartner, da sie sich noch nicht festgelegt hatte, welche Dienstrichtung sie einschlagen wollte. Sie war erst vor wenigen Wochen von der Polizeischule Hamburg nach Gießen gekommen und aufgrund ihres positiven Schulungsabschlusses im Rang einer Oberkommissarin eingesetzt worden. So war sie zunächst erst einmal für die Mordkommission tätig. Da jedoch kein Verbrechen, was auch nur im weitesten Sinne als Mord zu erkennen sei, vorlag, vermutete Brecht, dass man sie im Kommissariat lediglich etwas beschäftigen wolle, womit sie im Prinzip richtig lag.
„Die wollen hier eine ruhige Kugel schieben und überlassen die Ermittlungen mir. Da wird es wahrscheinlich nicht viel zu ermitteln geben.“
Damit lagen allerdings alle, die dieses vermuteten, falsch.
„Warum hast du sie nicht mitgenommen, verflucht!?“
„Weil da so ein Blödmann angefahren kam, der hätte mich doch indiferenzieren können. Hat ja wohl auch noch gleich die Bullen gerufen, der Arsch!“
„Mann. Mann. Mann. Das heißt identifizieren, du Hohlkopf! Die Sache können wir jetzt in den Wind schreiben!“
Betrübt schaute der Angesprochene zu Boden, in der Hoffnung, dass dieser Kelch bald an ihm vorübergehen würde.
Aber er irrte sich. Der Chef war unnachgiebig.
„So blöd kann man doch nicht sein! Du hättest sie schnell in den Kofferraum werfen können und ab die Post. Dann wäre es wahrscheinlich niemandem aufgefallen, dass da eine krepiert ist! Du Idiot!“
Der Idiot war den Tränen nahe. Er war zwar ein harter Bursche, aber sein Herz war weich und sein Hirn war klein und er hatte nun Angst. Angst, die berechtigt war, denn es ging um viel Geld. Das war ihm bewusst. Da kannte sein ‚Chef’ keine Gnade. War sein Chef erst mal auf Hundert, dann konnte es gut sein, dass es nicht gut ausgehen würde.
Und wie erwartet schlug der Chef mit der rechten Hand mehrmals einen Baseballschläger in die linke Handfläche. Baseballschläger gehörten zum Inventar, hier in der Werkstatt.
„Warum musstest du Idiot sie auch über den Haufen fahren? Hey, warum eigentlich?“
„Da ... das wollte ich ja gar nicht. Die Göre ist mir schon am Flughafen entkommen. Schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste. Da habe ich sie nur stoppen wollen und habe zu spät gebremst.“
„Idiot! Obwohl, so ist uns womöglich eine Arbeit erspart geblieben. Das ist trotzdem Scheiße, du hirnverbrannter Blödmann. Der Stoff ist nun weg!“
Olav Ortega wurde immer kleiner und erwartete den totalen Wutausbruch seines Chefs.
Doch der ließ plötzlich und wider Erwarten alle Aggressionen fallen und legte den Baseballschläger aus der Hand.
Olav Ortega war Grieche, genau genommen Halbgrieche, seine Mutter war Kroatin, der Vater Grieche, auf der Insel Lesbos geboren. Infolge dessen hatte er von ihm zwar die positive Denkweise geerbt, allerdings konnte man dies auch als eine gewisse Eigenüberschätzung sehen, denn sein Stolz war unverkennbar groß.
So ließ er nach Außen keine weitere Gemütsregung zu, obwohl ihm innerlich schon ein Stein vom Herzen fiel.
Sein Chef fand nun auch milde Worte.
„Na, egal. Mir ist da zu Ohren gekommen, dass das Koks zu stark gestreckt worden ist. Das hat noch ein Nachspiel bei unserem Lieferanten. Jetzt müssen wir erst einmal sehen, ob noch was zu retten ist.“
„Chef, die ist schon in ihrem Heimatort angekommen. Da ist nichts mehr zu retten. Die wird dort in die Erde versenkt!“
„Na und? Buddeln wir sie wieder aus! Schneiden ihr den Bauch auf und holen die Pariser raus. Schaufeln alles wieder zu und keiner merkt etwas.“
„Aber das ist ein ganz kleines Dorf, da fällt es bestimmt auf, wenn wir auf dem Friedhof buddeln!“
„Nicht bei Nacht! Zwischen zwei und fünf Uhr morgens ist da sicher der Hund begraben. Das passt sogar. Ha, ha, ha.“
Er lachte herzhaft über seinen eigenen Witz.
Olav Ortega stellte sich gerade vor, wie er nachts um zwei Uhr mit einer Schaufel den Sarg des Mädchens ausgraben würde und bekam eine Gänsehaut.
„Nee, Chef. Das kann ich nicht machen. Das geht nicht. Das ist gegen meine Religion.“
„Was? Tickst du noch richtig? Aber umbringen kannst du sie? Bist du noch recht bei Trost? Du fährst da heute noch hin und checkst die Lage!“
Der Halbgrieche machte einen letzten Versuch, seinem Chef die Sache auszureden.
„Chef, das ist ein ganz kleines Kaff. Da sind auch nachts die Leute wachsam. Wenn mich da auf dem Friedhof einer sieht, bin ich geliefert.“
„Quatsch! Da ist nachts keiner auf dem Friedhof. Das ist tiefstes Hinterland. Kurz vorm Mond! Die haben nachts alle Angst, schließen alle Türen zu und ziehen die Decken über den Kopf. Da hast du freie Bahn. Auf den Friedhof traut sich nachts sowieso keiner. Da könnte es ja spuken! Da könnten ja die Toten auferstehen und umherfliegen!“
Wieder wurde der weichherzige Gangster demütig und traute sich nicht mehr, zu widersprechen.
Er holte sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier, während sein Chef telefonierte.
Es dauerte eine Weile, bis am anderen Ende abgehoben wurde.
„Mit was habt ihr Idioten das Koks gestreckt?“
Die Frage kam schnell, zu schnell für den Mann aus Übersee.
„Mit Backpulver. Woher weißt du davon überhaupt?“
„Ich habe meine Informanten und wenn ich keine hundertprozentige Ware bekomme, werde ich stinksauer!“
„Langsam, langsam. Wir verdienen alle daran. Es kann dir doch egal sein, ob es rein oder nicht ganz so rein ist. Somit haben wir mehr Koks im Angebot. Das Backpulver hat die gleiche Farbe und Konsistenz. Das fällt überhaupt nicht auf.“
„Mir ist es aber nicht egal. Meine Kunden sind bisher immer zufrieden gewesen mit meinen Lieferungen. Das hier gibt einen gehörigen Preisabzug!“
„Das werden wir noch sehen.“
„Darauf bestehe ich, sonst suche ich mir einen anderen Lieferanten in Chile.“
Der Gesprächspartner war nun doch etwas verunsichert.
„Also gut. Zwanzig Prozent weniger. Das ist mein erstes und letztes Angebot.“
„Gut. Jetzt müssen wir den Stoff erstmal bekommen.“
„Was heißt hier bekommen? Die Göre hat die Kondome hier unter meiner Aufsicht geschluckt, und zwar alle zweiunddreißig. Runtergespült mit viel Flüssigkeit. Ekelhaft! Und sie ist ohne Probleme durch die Sicherheitsschleuse am Aeropuerto Internacional Comodoro Arturo Merino Benítez gekommen.“
Er wurde immer lauter und seine Stimme überschlug sich am Ende des Satzes.
„Ja, ja, schon gut. Halt mal die Luft an! Hier in Hamburg ist sie auch ohne Probleme durch die Scannerschleuse gekommen. Aber dann ist sie bei einem Autounfall in Hamburg ums Leben gekommen.“
„Auweia. Merde! Was nun?“
„Wir versuchen, an den Stoff zu kommen.“
„Wenn nicht?“
„Teilen wir uns den Ausfall!“
„Nee. Nee. Wir haben geliefert. Ihr bezahlt! So ist das!“
„Was regst du dich so auf? Der Preis ist doch eben gerade sowieso um zwanzig Prozent gefallen.“
Damit beendete er das Gespräch.
Dass am anderen Ende der Welt ein Mann bei einem Wutanfall einen Aschenbecher durch das Fenster warf, bekam er nicht mit. Es wäre ihm auch egal gewesen. Es war ja nicht sein Fenster.
Das Telefongespräch mit dem Ortspfarrer dauerte nicht lange.
„Lassen Sie den Sarg zu. Ich lasse ihn abholen.“
„Wohin bringen sie ihn?“
„Ins Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Gießen-Marburg nach Gießen. Die sollen sich die Tote mal ansehen.“
„Wie lange kann das dauern? Wir wollen sie heute noch beerdigen.“
„Da wird nichts draus. Das verschieben Sie mal lieber.“
„Oh mein Gott! Wie sage ich das den Eltern?“
„Sagen Sie ihnen einfach ‚Gottes Wege sind nicht immer einfach und oft steinig und können dauern, Vers … sowieso’. Das werden sie schon verstehen. Das versteht jeder.“
Oberkommissarin Cleopatra Brecht war sich sicher, dass dies so nie in der Bibel vorkam. Aber es kam ja auch so manches nicht vor, was von der Kanzel gepredigt wurde. Da dürfte der Satz mit ‚Gottes Wegen’ nicht allzu sehr auffallen, sagte sie sich.
Während sich die Trauergemeinde unter einer gewissen Schocksituation längst aufgelöst hatte, kam ein silberfarbener Mercedes Kleintransporter mit schwarzer Aufschrift ‚Rechtsmedizin’ auf den Friedhof gefahren.
Man nahm kurzerhand den kompletten Sarg mit und fuhr zur Uniklinik, wo sich die gerichtsmedizinische Abteilung befand.
Es war nun schon Nachmittag. Der Gerichtsmediziner war auf einen frühen Feierabend eingestellt. So war es seiner Miene anzusehen, dass er nicht gerade begeistert war, so kurz vor Feierabend noch Arbeit zu bekommen.
Als er gefragt wurde, wie lange es denn dauern könnte, war seine Reaktion logisch.
„Mann, Mann, Mann! Das ist ja wie in jedem zweiten „Tatort“. Immer wollt ihr das Ergebnis der Obduktion sofort wissen. Ich habe jetzt Feierabend. Bin schließlich seit sechs Uhr heute Morgen auf den Beinen.“
Das tat dem angesprochenen Beamten auch leid. Doch die Anweisung seines Dienststellenleiters war, möglichst Druck zu machen und den Fall schnell abzuschließen.
„Ja. Glaube ich dir ja. Aber was soll ich machen? Die Herren da oben wollen es nun mal so schnell wie möglich haben.“
Der Mediziner schüttelte den Kopf, zog die Schlaufe der weißen, wasserdichten Schürze über den Kopf und machte sich an die Arbeit.
Zwei Stunden später hatte man genaue Erkenntnisse, was der Auslöser des Geräusches im Sarg und der leichten Bewegungen der gefalteten Hände war.
Cleo Brecht hatte sich am Automaten in der Kantine des Klinikums einen Becher Kaffee geholt und den Kollegen abgelöst.
Sie war erst vor zwei Stunden von der Staatsanwältin informiert worden, dass sie sich um den Fall eines Unfalltodes kümmern sollte, was eigentlich nicht zu den Aufgaben einer Mordkommission zählte. Da aber der Gerichtsmediziner am Telefon etwas von „Drogen im Spiel“ gesagt hatte, fand die Staatsanwältin, sie solle sich mal um den Fall kümmern. Bei Drogen und Unfalltod könnte es irgendwie einen Zusammenhalt geben und da sollte man nicht weit davon entfernt sein, einen möglichen Mord in Erwägung zu ziehen. So war die Instruktion, die sie der Beamtin mitgab.
In Wirklichkeit hoffte die Staatsanwältin, dass an der Sache nichts dran wäre und die Ergebnisse der jungen Kommissarin im Sand verliefen. Für solche Fälle musste eigentlich ein Ermittlerteam tätig werden, das einfach aus Zeitgründen nicht zu Verfügung stand. Eine junge Kommissarin, die gerade von der Polizeiakademie kam und durch Bestnoten in allen Fächern sofort einen Dienstgrad höher eingestuft wurde, die allerdings keinerlei Praxiserfahrungen hatte und deshalb nicht ihrem Dienstgrad entsprechend sofort als leitende Beamtin im Tagesgeschäft eingesetzt werden konnte, sollte ruhig mal ermitteln und sich somit Lehrgeld erarbeiten. Bei diesem Fall konnte sie nichts falsch machen. Sie konnte sich auch jede Zeit nehmen, die sie brauchte, denn im Grunde war es gar kein richtiger Fall.
Dessen sollte die Staatsanwältin eines Besseren belehrt werden.
Cleo Brecht war nicht begeistert und es war ihr bewusst, dass sie nicht so schnell als Teamleiterin einer Soko eingesetzt werden würde. Also wollte man sie nur beschäftigen. Aber sie machte gute Miene zum schlechten Spiel und schniefte lediglich leicht durch die Nase.
„Gut, Frau Staatanwältin. Werde ich mich mal um die Tote kümmern. Wie ist sie denn zu Tode gekommen?“
„Verkehrsunfall mit Fahrerflucht. Bei der Gelegenheit können Sie sich auch gleich um den geflüchteten Unfallverursacher kümmern. Kontaktieren Sie die Kollegen in Hamburg.“
Was Brecht schon vermutet hatte, dass ihr nämlich lediglich etwas Arbeit auferlegt werden sollte, bestätigte sich somit. Bei der Erwähnung der Stadt Hamburg besserte sich allerdings ihre Laune.
„Mache ich, Frau Staatsanwältin.“
„Ach … ja, Frau Brecht! Halten Sie mich auf dem Laufenden!“
„Jawohl, Frau Staatsanwältin.“
Dabei streckte sie den Mittelfinger der rechten Hand in die Höhe.
Die Nacht war kurz gewesen und sie hatte wenig Schlaf bekommen. Ihre Dauerwochenendbeziehung war zwar wieder einmal in den Staaten unterwegs, aber alleine fand sie auch selten den Tiefschlaf, den sie sich oft herbeisehnte. Es lag wohl doch am zunehmenden Mond, der ihr den erholsamen Schlaf raubte.
Sie nahm auf dem Flur vor dem Büro auf einem der vielen Stühlen Platz, die nicht gerade bequem waren. Ein junger Designer hatte den Zuschlag zum Kauf des Mobiliars in der Klinik gewonnen. Zeitlose Optik und leichtes Reinigen standen im Gegensatz zum bequemen Sitzen.
Nun wartete sie schon geschlagene fünfundvierzig Minuten auf den Rechtsmediziner. Sie waren verabredet. Er war zu spät und sie hasste es, wenn jemand zum Termin zu spät kam. Als er endlich mit wehendem Kittel ankam, ihr die Hand gab und sie mit den Worten ‚komme gerade von einer Obduktion’ begrüßte, war ihr erster Gedanke: ‚Der hat sich doch hoffentlich die Hände gewaschen!‘
Sie schalt sich auch sofort für solch unsinnige gedankliche Ausschweifungen.
‚Die desinfizieren sich doch alle zwei Minuten die Hände. Wozu hängen denn sonst an jeder Tür solche Spenderdinger? Obwohl in so manchem Krimi gezeigt wird, wie einer sein Butterbrot neben der Leiche isst oder seine Zigarette zwischen die Zehen eines Toten steckt. Aber das ist alles sicher nur Klischee. Das macht in Wirklichkeit doch kein Mensch.’
„Abend nochmal, Frau Brecht. Wir hatten telefoniert. Kommen Sie in mein Büro.“
Dort angekommen zog er seinen weißen Kittel aus und hängte ihn auf den Haken hinter der Tür.
Cleo Brecht kam gleich zum Thema.
„Also, was ist mit dem Mädchen los? Warum rumorte es in ihrem Bauch?“
„Rumorte ist gut. Das trifft die Sache genau. Sie hatte zweiunddreißig Trojaner im Magen.“
„Was? Trojaner?“
„Sie hat die Dinger geschluckt.“
„Was genau meinen Sie?“
„Na, sie hat zweiunddreißig mit Kokain gefüllte Kondome verschluckt.“
„Sie war ein Drogenkurier?“
„Muss wohl so gewesen sein. Hatte ich aber der Staatsanwältin schon so geflüstert.“
„Das ist ja nichts Neues. Aber sie war erst siebzehn Jahre alt. Erzählen Sie weiter.“
„Jedes Kondom hatte ein Gewicht von fünfundzwanzig Gramm. Das macht summa summarum achthundert Gramm Koks im Bauch. Da setzte ein Gärvorgang ein.“
„Aber daran ist sie nicht verstorben?“
„Nee.“
„An was ist sie wirklich gestorben?“
„Na, der Genickbruch hat sie schon von hier nach da befördert.“
Dabei machte er eine Geste, bei der er zuerst auf den Boden und dann in die Höhe zeigte.
„Aber ist das denn nicht vor Ort von einem Arzt untersucht worden?“
„In der Akte steht ein Dr. Kielmann aus Eckernförde, tätig in einem Hamburger Krankenhaus, der sie untersucht hat, noch am Unfallort. Todesursache: Genickbruch. Das war eindeutig. Außer einer Blutentnahme und Sicherung der Partikel unter den Fingernägeln hat es da keine weitere Untersuchung gegeben. Es gab keine weiteren Verletzungen, die auf einen anderen Tod als den Unfalltod deuteten. So ist sie gleich überführt und zur Beerdigung freigegeben worden. Von Kokain im Bauch ist man da nicht ausgegangen.“
„Wieso hat das Kokain gegärt? Das habe ich noch nie gehört, dass es so etwas überhaupt gibt. Wie kann das sein?“
„Das ist ja der Grund, weshalb ich so spät bin. Ich habe das Koks im Labor untersucht. Raten Sie mal, was ich dabei festgestellt habe?“
„Wir sind hier nicht bei Günther Jauch! Schießen Sie schon los!“
Etwas beleidigt fuhr der Mediziner fort.
„Sie könnten ruhig etwas freundlicher zu mir sein, wenn Sie mir schon meinen Feierabend versauen.“
Das sah Cleo ein und wurde zugänglicher.
„Ja. Tut mir leid. Was war mit dem Koks?“
„Es war gestreckt. Und zwar gewaltig gestreckt. Über dreißig Prozent war es mit einem Gemisch aus einem Hefemittel und einem Backpulver versetzt.“
Die Kommissarin pfiff durch die Zähne.
„Da wollte wohl jemand etwas mehr Kohle machen.“
„Davon ist auszugehen.“
„Aber das erklärt nicht, weshalb es aus den Kondomen in den Magen gelangte. Die sind doch auch in Extremsituationen unkaputtbar.“
Der Mediziner grinste, sah die Kommissarin von oben bis unten an und dachte sich seinen Teil zu ihrer Kenntnis über Belastbarkeit der Kondome.
„Ja. Scheinbar doch. Die Kondome sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. In Deutschland gibt es dafür eine DIN-Norm, was die Größe und Festigkeit angeht. Aber das hier ist Chinaware. Schlechter Kautschuk, hält nicht allen Belastungen stand. Hätte sie die so benutzt, wofür sie eigentlich hergestellt wurden, dann wäre sie noch am Leben, vermutlich nur halt etwas schwanger.“
Der Mediziner verzog die Mundwinkel nach oben.
Cleo Brecht verzog sie nach unten.
„Lustig.“
Der Arzt wurde wieder ernsthaft und murmelte etwas von ‚keinen Spaß verstehen’. Dann gab er seine weiteren Erkenntnisse preis.
„Also, im Magen der Kleinen habe ich eine Menge Flüssigkeit eines Energiedrinks gefunden, der wie Cola eine zersetzende Wirkung hat. Durch das extreme Schütteln auf dem langen Transportweg haben die zweiunddreißig Kondome aneinander gerieben und eine Angriffsfläche auf der Oberseite des Gummis freigelegt. Der Energiedrink hat die darunterliegende Gummierung innerhalb kürzester Zeit wie Säure zerfressen, der Rest war nur eine Frage der Zeit. Das Koks mit der versetzten Hefe ist ausgetreten, der flüssige Inhalt des Magens und die Magensäure haben die Hefe zur Gärung gebracht und dies hat sich in einer Bewegung und der Ausdehnung nach oben, also dem Bauchbereich gezeigt. Somit war ein leichtes Zittern der über dem Bauch gefalteten Hände sichtbar. Das Geräusch war wohl eher dem entfleuchenden Gas aus dem Darm zuzuschreiben, was unter Umständen schon laut gewesen sein mag, da durch die liegende Position der Toten und der damit verbundenen Knickung des Darms ein erheblicher Druck aufgebaut wurde, der sich durch die abgewinkelten Darmgänge durchkämpfen musste. Das Gas musste sich also erst einen Weg nach außen freikämpfen, bevor es den Darm überhaupt verlassen konnte. Das könnte stoßweise geschehen sein und hat sich eventuell wie ein Klopfen angehört.“
„Ok. Wäre das geklärt. Bleibt die Frage, woher hat sie das Koks bekommen und wo ist es mit der Hefe gestreckt worden?“
Der Arzt zuckte mit den Schultern.
„Das zu beantworten liegt nicht in meiner Macht, Frau Brecht. Das müssen Sie schon selber herausfinden. Allerdings kann ich Ihnen da einen Rat geben, nur wenn Sie wollen, selbstverständlich.“
Cleo Brecht wollte. Sie wollte allerdings nicht lange darum bitten.
„Also. Schießen Sie schon los. Für fachlich fundierte Ratschläge habe ich immer ein Ohr.“
Der Mediziner war nun abermals beleidigt und fasste sich kurz.
„Der Stoff ist, lässt man das Streckmittel mal außer Acht, recht reiner Natur, um es mit verständlichen Worten zu sagen. Der Herstellung nach zu urteilen, tippe ich auf ein südamerikanisches Land. Vielleicht Chile!“
„Danke, Doc. Das hilft ungemein.“
„Jetzt möchte ich aber meinen …“
„… wohlverdienten Feierabend machen. Sie haben es gut. Mein Tag ist noch nicht zu Ende.“
Ernst Theodor zu Falkenstein saß nun schon eine geschlagene Stunde hinter dem Lenkrad seines Mercedes 300, der mittlerweile mit dreißig Jahren schon als Oldtimer galt. Er fuhr jedoch nicht, sondern stand auf einem Feldweg an dem höchsten Punkt der Landesstraße.
Er hatte als passionierter Jäger immer einen Flachmann dabei, der mit einem hochprozentigen Schnaps gefüllt war. Bisher hatte er nur zwei- oder dreimal einen kleinen Schluck daraus getrunken. Er hatte ihn immer bei sich, für den Fall, dass er sich mit anderen Waidmännern auf der Jagd befand, um sich auf einen gelungenen Schuss zuzuprosten. Nun nahm er einen vierten großen Schluck aus dem vergoldeten, etwas gebogenen Behälter. Der hochprozentige Marillenschnaps rann ihm die Kehle runter und erzeugte für einen Moment ein wohltuendes Gefühl. Dieses verschwand nach kurzer Zeit wieder und Ernst Theodor zu Falkenstein rannen Tränen die Wangen herunter. Er führte in letzter Zeit öfters Selbstgespräche und so sagte er leise zu sich selbst, dass es nun geschehen sollte.
Falkenstein war zweiundsiebzig Jahre alt und hatte vor zwei Wochen die Diagnose des Chefarztes der Uniklinik bekommen, die ihn dazu bewegte, seine Geschäfte zu ordnen und die seine Gedanken in die Richtung eines nahen Endes lenkte.
„Warum muss es mich treffen?“
Er sprach das aus, was sich wohl jeder in dieser Situation fragt.
„Aber ich will auf keinen Fall dahinvegetieren. Der Krebs hat sich schon durch meinen ganzen Körper gefressen. Ich hätte eher zu Arzt gehen sollen. Nun habe ich keine andere Wahl. Ich mache jetzt und hier Schluss!“
Er nahm einen weiteren Schluck aus dem Flachmann, der nur noch halb gefüllt war.
