Zwillingsmord - Rainer Rau - E-Book

Zwillingsmord E-Book

Rainer Rau

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Beschreibung

Ilka Goldstein, eine junge Frau spürt über eine Entfernung von 16500 Kilometer instinktiv, dass ihrer Zwillingsschwester Anna Lena im fernen Australien etwas zugestoßen ist. Zusammen mit ihrem Schwager Ingo Ebert, deckt sie die verbrecherischen Machenschaften des Professor Hohenfels und seinem Sohn Volker auf. Zusammen mit der Jugendliebe von Hohenfels, Carla Frentzen, einer bekannten Astronomin, führen sie grausame Versuche an Zwillingspaaren durch, die meist mit deren Tod enden. Durch die Person der Carla Frentzen werden Fragen nach der Unendlichkeit des Alls und dessen Entstehung aufgeworfen, deren Beantwortung seriöserweise nicht erfolgen kann und dem Leser überlassen wird. Es wird allerdings der Wunschgedanke manches Universitätsgelehrten nach der Tatsache des "Urknalls" infrage gestellt. Würde der geneigte Leser des Romans, über beide Themen, also Entstehungsgeschichte des Weltalls und medizinisch-psychologische Versuche an Menschen oder Tieren, seine Gedanken ruhen lassen, könnte dies eventuell durch eine parapsychologische Übertragung dem Autor ein Glücksgefühl hinterlassen.

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Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Rainer Rau

Zwillingsmord

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Uran

2. Rückblende – Nasenbeinkorrektur

3. Erster Zwillingsversuch

4. Marlene – der Nerv – und die Lahn

5. Carla Frentzen

6. Relativitätstheorie

7. Bett und Sterne

8. Erschreckende Tatsache

9. Infos durch Spannen

10. Ilkas Ahnung

11. Annas Tod

12. Die Bergung

13. Gewissheit

14. Wanzen in der Wohnung

15. Ein Betthupferl

16. Die Uni ruft

17. Die Kündigung

18. Andromeda

19. Margarethas Fehler

20. Vergleich mit J. Lo

21. Von Amsterdam nach Paris

22. Sichern der Beute

23. Wahrheitsserum

24. Zweitligafeier mit Veilchen

25. Ein wohlgeformter Steuerknüppel

26. Gehirnforschung – unerforscht

27. Bewegungsunfähig

28. Beweislose Beweise

29. Das Ziehen an den Zehen tut weh

30. Ilkas Erpressung

31. Die Jagdhütte

32. An der richtigen Stelle gequetscht

33. Colt Cobra

34. Volker sagt aus

35. Schriftliches Geständnis

36. Eine kleine Sommersprosse

37. Drachen vertreiben Flugzeuge

38. Millionen Fliegen

39. Ein superguter Leichenhund

40. Aufgeklärtes Verbrechen

Personen:

Epilog

Impressum neobooks

1. Uran

Uran

Das Element wurde im Jahr 1789 von dem deutschen Chemiker Martin Heinrich Klaproth (1743–1817) in Berlin in der Pechblende entdeckt. Klaproth gewann aus dem Uranerz Urandioxid, das er zunächst für das neue Element selbst hielt. Das Uran war bis zu diesem Zeitpunkt das Element mit der größten Atommasse. Daher benannte man es nach dem Planeten Uranus (griech. ouranos, der »Himmel«), den man damals für den entferntesten Planeten hielt.

Dass sie nur noch wenige Minuten zu leben hatte, konnte sie nicht ahnen, als sie sich mit dem Mann zu einem konspirativen Treffen verabredete.

Ihr Tod sollte ewig lange Sekunden dauern. Sie sollte Todesangst haben. Und sie hatte Todesangst. Angst, die ihre Gedanken beflügelte und sich in schneller Folge um ihre Tochter, ihren Mann und ihre Schwester drehte, nach denen sie schrie.

Warum machte der Mann das? Sie hatte nie jemanden was zuleide getan. Sie kannte ihn auch überhaupt nicht. Und doch wollte er sie töten. Sie wollte schreien, doch ihre Stimme versagte. Durch den Schlag auf ihren Kopf war sie bewegungsunfähig. Ihre Schädeldecke war gebrochen. Sie hatte Tränen in den Augen und ihr Blick war verschwommen.

Sie konnte nur schemenhaft erkennen, was der Fremde mit ihr tat.

Anna Lena Ebert war von ihrer Redaktion nach Australien beordert worden, um für eine Reportage über den Uranabbau und dessen Export aus Australien zu recherchieren. Eine Gefährdung der Aborigines durch die kontaminierte Biosphäre mit Radon stand im Mittelpunkt ihrer Aufgabe.

Nach einer Auszeit von einem Jahr, in der sie sich um ihre Tochter kümmerte und der vorhergehenden Zeit des Mutterschutzes, war sie nach fast zwei Jahren wieder als freie Reporterin für Stern, Spiegel und andere namhafte Journale tätig.

Mit ihrem Mann, der sie nach Australien begleitete, wollte sie ein paar Tage Urlaub machen. So verbanden sie das Nützliche mit dem Angenehmen. Ihre Tochter wurde in dieser Zeit von den Großeltern und ihrer Zwillingsschwester Ilka betreut.

Der 20-stündige Flug war erträglich, wenn man davon ausgeht, dass die Menschen vor 100 Jahren noch weit über 100 Tage auf dem Schiff von Deutschland nach Australien unterwegs waren.

Nur die Landung auf dem Melbourne Airport, der zugleich auch Tullamarine Airport heißt, war problematisch und spektakulär. Eine Windbö erfasste den Jumbo und der Pilot konnte erst nach einmaligem Durchstarten den Flieger sicher landen.

Von diesem Manöver konnte man sich später eine Videoaufnahme auf DVD ansehen, was Anna Lena jedoch ablehnte. Hunderttausende sahen es sich einen Tag danach auf Youtube an.

Der Flughafen liegt 14 Meilen, also gute 23 Kilometer vom Stadtzentrum Melbournes entfernt und verfügt, was bemerkenswert ist, über eine eigene Postleitzahl: Melbourne Airport, Victoria PLZ 3045.

Es war Ende Juni und eigentlich Winter in Australien, die Temperaturen lagen mit 15 Grad jedoch an der Grenze zu einem »europäischem Sommer«.

Anna Lena und Ingo Ebert waren vor zwei Tagen in Melbourne angekommen und hatten sich die Gebäude im viktorianischen Stil, neben den modernen Wolkenkratzern der Skyline Melbournes und den futuristischen Bauten, wie die des Rialto Towers oder der Southbank, angesehen.

Melbourne, die Hauptstadt des Bundeslandes Victoria und die zweitgrößte Stadt des Kontinents, nach Sydney, war auch bei Nacht für beide eine Attraktion, wenn sich die vielen bunten Lichter der Bars und Cafés im Yarra River spiegelten. Eine Kutschfahrt durch die City vermittelte den Eberts einen weltoffenen und aufgeschlossenen Eindruck der Stadt gegenüber Fremden.

Sie empfanden ein friedliches Miteinander eines Kulturenmixes aus aller Herren Länder. Die Bevölkerung zählt 3,4 Millionen Einwohner. Dazu gehören viele Einwanderer, die sich aus Chinesen, Briten, Griechen, Italienern, Iren, Kroaten und Vietnamesen zusammensetzen. Melbourne ist in den vergangenen Jahren dreimal von einer britischen Wochenzeitung zur lebenswertesten Stadt der Welt unter Berücksichtigung der kulturellen Gegebenheiten, des Klimas, der Lebenshaltungskosten und des sozialen Umfeldes gewählt worden.

In Melbourne sollte Anna Lena einen Kontaktmann, der auf der Gehaltsliste der Zeitung stand, treffen. Dieser hatte nähere Informationen über einen illegalen Transfer von Uran nach Libyen.

Seit 2002 ist die Nachfrage nach Uran gestiegen, da sich viele Länder entschieden haben, weitere Atomkraftwerke aufzubauen, um der globalen Erwärmung zu entgegnen.

Dies wird zumindest von Politikern dieser Länder aufgrund von Aussagen der Wissenschaftler so übernommen.

Politiker haben im Allgemeinen wenig Sachverstand, aber die Berechtigung, Gelder für Projekte, die im Staatshaushalt eingestellt sind, auszugeben. Dass eine globale Erderwärmung nach neuesten Erkenntnissen nicht durch Wegfall der Kohlekraftwerke gestoppt werden kann, liegt nicht im Gedankenbereich der verantwortlichen Politiker, die Kernenergie als Heiligtum ansehen. Seit den späten 1960er Jahren wird zwischen den Regierungen und den Gegnern der Kernenergie heftig gestritten.

Gruppierungen der Antiatomkraft-Bewegung in Australien brachten Argumente gegen die Umweltzerstörung und gegen die Zerstörung des Lebensraumes der Aborigines sowie gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen in die Diskussion mit der Atomindustrie ein. Die Folge war eine Limitation des Uranabbaues und des Exportes.

Da Australien heute über 30 Prozent der bekannten Uranlagerstätten hat, ist dies ein enormer finanzieller Verlust für den Kontinent. Nach neuesten Erkenntnissen soll ein umstrittener Uranexport in Länder wie China, Russland, Libyen oder in Krisengebiete wie den Nahen Osten erfolgen.

Der Wert der australischen Uranlagerstätten beträgt heute mehr als 300 Milliarden Dollar und wird weiter steigen, weil erstens die Nachfrage trotz Atomkatastrophe in Japan laut des Australian Bureau of Agricultural and Resource Economics groß ist. Es ist bis 2014 mit einer 86-prozentigen Preissteigerung für Uran zu rechnen. Zweitens können die anderen Förderländer wesentlich weniger Lagerstätten vor-weisen. So hat Kasachstan nur 12 Prozent Anteile weltweit und Kanada nur 9 Prozent. Uran ist weiterhin begehrt.

Anna Lena Ebert sollte Erkundigungen über eine Ungeheuerlichkeit am Rande des Uranabbaus einholen.

Beim Abbau des Urans entsteht das Edelgas Radon, welches den Staub der Abraumhalden und ebenso den abtrocknenden Schlamm aus den Gruben kontaminiert. Somit gelangt das Lungenkrebs erzeugende und die Erbanlagen verändernde Radon in die Biosphäre.

Die Aborigines, die in den abgelegenen Gebieten Australiens leben und oft noch wie in früheren Zeiten der Jagd nachgehen, ernähren sich auch heute noch zum größten Teil von Naturprodukten. Sie sind als eines der letzten Naturvölker extrem gefährdet.

Anna Lenas Kontaktperson rief sie am Mittag an und entschuldigte sich für die beiden nächsten Tage. Er hatte einen Autounfall und musste noch einen Tag in Sydney im Krankenhaus verbringen.

Anna Lena war dies recht, konnte sie doch so mit ihrem Mann am nächsten Tag einen Einkaufsbummel machen.

Anna stellte sich die Frage, warum hier jeder mit dem Auto fuhr, wenn man es doch nicht richtig konnte und ständig Unfälle baute. Außerdem hörte man immer, dass in Australien wegen der Größe des Landes jeder Zweite ein Flugzeug besaß. Dies stimmte so wohl nicht.

Am Abend saßen sie im Restaurant des Hotels und waren beim Dessert angekommen. Anna Lena erhob sich und erklärte, dass sie erst einmal zur Toilette wollte.

Sie ging an der Theke vorbei und betrat den Raum am Ende des Ganges, wo außen Ladys draufstand. Dann klingelte ihr Handy.

»Anna Ebert«, meldete sie sich. Den zweiten Teil des Doppelnamens sagte sie nie.

»Ich habe Informationen für Sie, über die Sie staunen werden. Es gibt Beweise für eine Kontaminierung der Aborigines mit Radon.«

»Wer sind Sie?«

»Mein Name ist Klaus Volkmann. Behalten Sie das aber für sich. Ich werde beobachtet. Ich muss morgen Mittag zurückfliegen. Können wir uns am Vormittag ganz früh treffen?«

»Ja. Sicher. Wo?«

»Ich habe noch etwas in Greg River zu erledigen, das hängt auch mit dem Fall zusammen und ist hochbrisant. Bis Greg River sind es 170 Kilometer von Melbourne aus. Für australische Verhältnisse ist das ein Katzensprung. Kennen Sie die Great Ocean Road?«

»Nein.«

»Haben Sie ein Auto?«

»Wir haben einen Mietwagen.«

»Gut. Fahren Sie in südwestlicher Richtung über den Princess Freeway. Folgen Sie einfach nur den Schildern nach Geelong, dann nach Torqualy. Hier ist der Beginn der Road. Dann können Sie nichts falsch machen. Fahren Sie einfach weiter über Aireys Inlet, Big Hill, Lorne nach Wye River. Der nächste Ort ist Kennett River. Auf der Strecke zwischen Kennett und Greg River stehe ich an einer Straßenausbuchtung.«

»Oh Gott. Warum können wir uns nicht hier in Melbourne treffen? Das ist sehr weit weg.«

»Nein, das geht nicht. Dort oder gar nicht. Ich muss vorsichtig sein. Man hat mich verfolgt. Es gibt starke Interessen von Leuten, die absolut gegen eine Veröffentlichung gewisser Details sind. Auch Sie sollten äußerst vorsichtig sein. Sagen Sie niemandem etwas von dem Treffen. Und kommen Sie alleine. Wenn Sie jemand begleitet, werde ich Ihnen nichts sagen.«

»Gut. Ich komme alleine. Aber machen Sie eine Andeutung, ob sich die Fahrt für mich lohnen wird.«

»Glauben Sie mir, das wird sie. Ich habe Informationen darüber, wer alles in der Sache drinsteckt. Ich kenne sie alle. Und ich habe Beweise. Fotos von Treffen und Aufzeichnungen von abgehörten Telefongesprächen. Das ist für gewisse Regierungsleute Sprengstoff. Leider kann ich sie nicht nutzen. Ich gefährde mein Leben. Man kennt mich. Sie können in Deutschland ungefährdet berichten. Nochmal, sagen Sie zu keinem ein Wort. Auch nicht zu Ihrem Mann.«

»Ist gut. Wann treffen wir uns?«

»Um 7.30 Uhr. Also müssen sie um 5.00 Uhr losfahren. Seien Sie pünktlich.«

Er hatte sofort eingehängt.

Anna Lena fragte sich, woher er überhaupt ihre Telefonnummer hatte. Und woher er über ihren Auftrag der Zeitung wusste. Wer war er eigentlich?

Auf jeden Fall wollte er ihr helfen. Und er hatte Angst. Das hatte sie ganz deutlich gespürt. Sollte sie ihrem Mann davon erzählen?

Sie beschloss, es zu unterlassen. Sie musste um 4.30 Uhr aufstehen und wollte ihn zu solch früher Zeit nicht wecken. Sie konnte ihn von unterwegs anrufen und sie war ja noch am Vormittag zurück.

Zurück am Tisch fragte Ingo, wo sie denn so lange geblieben war.

»Schlange vor der Toilette, Schatz.«

»Dass ihr Frauen auch immer euer Näschen zwischendurch pudern müsst.«

Nach dem Dessert nahmen sie noch einen Drink an der Bar. Dann war Müdigkeit angesagt und sie gingen aufs Zimmer. Schließlich wollte sie sehr früh aufstehen.

2. Rückblende – Nasenbeinkorrektur

Ilka Goldstein und ihre Zwillingsschwester Anna Lena sahen sich, bis auf eine kleine Auffälligkeit, wie ein Ei dem anderen ähnlich.

Ilka hatte seit ihrer Geburt einen höheren Nasenrücken. Was zunächst nicht weiter auffiel. Dadurch waren sie von eingeweihten Personen zu erkennen, auch wenn sie, was nicht allzu häufig vorkam, getrennt auftraten.

Sie waren jetzt 28 Jahre alt und gehörten nicht mehr zu der Generation, denen die Eltern, als sie noch Kinder waren, unbedingt die gleichen Kleider angezogen hätten. Allerdings wollten das Ilka und Anna Lena selbst so.

Ihre Eltern versuchten, sie auch auf anderen Gebieten völlig unterschiedlich zu behandeln.

Ihre Namen waren einmal ein Doppelname und einmal ein Einzelname, was zur Folge hatte, dass Anna Lena sich nur Anna rufen ließ. Die Sitzverteilung im Kindergarten brachten sie sehr schnell durcheinander, da sie zuerst getrennt untergebracht waren. Durch kräftiges Stören, es ging auch schon mal eine Vase entzwei, erreichten sie die Zuteilung der Sitzordnung nebeneinander.

Auch bei der Einschulung brachte man sie zunächst in verschiedenen Klassen unter. Ein Leistungsabfall bei beiden, von einem weitsichtigen Lehrer erkannt, brachte sie wieder zusammen. Ihre Noten wurden daraufhin sofort besser.

Erste Freundschaften mit Jungs wurden von beiden sehr locker genommen. Manchmal machten sie sich sogar einen Jux daraus, dass sie ihre Freunde tauschten und diese davon nichts mitbekamen. Wenn eine ein Date hatte, blieb die andere meistens in der Nähe.

Das zahlte sich eines Abends aus, als Anna Lena von einem Jungen abgeholt wurde und dieser beim Nachhause gehen vom Kino in einer dunklen Ecke etwas alkoholisiert über sie herfiel. Anna Lena konnte sich zunächst ganz gut wehren und die Hände des Jungen von ihrem Busen fernhalten. Doch als er sie auf den Boden warf, sich auf sie legte und ihr unter den Rock fasste, schrie sie laut. Sie rief jedoch nicht um Hilfe, sondern den Namen ihrer Schwester. Diese hatte sich nach dem Kino noch ein Eis gekauft und verspätete sich somit um fünf Minuten. Da Ilka nicht sofort erschien, geriet Anna Lena in Panik und schrie lauter. Das empfand der Junge als gefährlich für ihn und er hielt ihr den Mund zu. Das hätte er besser nicht gemacht, denn der Biss ging bis auf den Knochen, was zur Folge hatte, dass Anna Lena eine kräftige Ohrfeige bekam und ihn wieder losließ. Nun bog Ilka um die Ecke und vertrieb den Jungen. Dieser lief so schnell er konnte. Gegen zwei hätte er es ja noch aufgenommen. Eine, die es doppelt gab, war ihm nicht geheuer. Er fluchte im Laufen etwas wie: »Scheiß Dosenbier, das macht nicht blind, man sieht doppelt!«

Anna Lena und Ilka Goldstein mussten trotz der brenzligen Situation lachen.

So waren sie bisher sehr aufeinander fixiert. Bis zu dem Zeitpunkt, als Anna Lena ihren späteren Mann Ingo Ebert kennen lernte. Ilka hielt sich seit dem ersten Kontakt ihrer Schwester zu Ingo schlagartig zurück.

Nicht dass sie eifersüchtig gewesen wäre, sie spürte instinktiv, dass es mit Ingo und Anna etwas Ernstes war. Lediglich machte sich bei ihr eine tiefe Traurigkeit breit, die sie nach außen hin aber glänzend verbergen konnte. Eigentlich hätte sie sich für ihre Schwester freuen müssen. Das konnte sie aber nicht. Ihre traurigen Gefühle konnte sie sich erst viel später erklären. Diese hatten nichts mit ihrer Schwester zu tun. Diese galten dem Freund der Schwester.

Nach wie vor erzählten sie sich alles. Und dazu gehörte auch Annas Bettgeflüster.

Aber sie sprach in einer anderen Art von Ingo, wie sie das vorher von Klaus, Sven, Martin, Kevin, Patrick, Janosch, Peter, Michael und Norman getan hatte.

Ilka verstand Anna sehr gut und freute sich für sie, wenn sie bei ihr war.

Ilka Goldstein hatte wie ihre Schwester einen makellosen Körper mit Traummaßen, die sich wohl jede Frau wünschen würde. Der einzige Unterschied zu Anna Lena war die Frisur, die Ilka schulterlang trug. Das lenkte etwas von ihrem Nasenrücken ab.

Ihre Nase machte ihr seit geraumer Zeit großen Kummer. Nicht nur, dass der Höcker größer geworden war, es kam ihr zumindest so vor, er schmerzte auch in letzter Zeit etwas. Eigentlich fingen die Schmerzen schon während der Studienzeit an.

Während Anna Lena Journalismus und Politik studierte, lag Ilka eher das Fach Informatik.

Zu dieser Zeit gab ihr eine Kommilitonin die Adresse einer Klinik in Hessen, die sich auf Schönheitsoperationen im Gesichtsbereich, Fettabsaugung und Brustoperationen spezialisiert hatte.

Dort hatte Ilka auch mal angerufen und die Kosten für eine Nasen-OP erfragt, hatte den Fall aber schnell ad acta gelegt, da mit über 4000 Euro und ohne Kassenleistung zu rechnen war.

Dann wurden die Schmerzen größer und der Arzt in der HNO in Gießen sagte ihr, dass dies nun keine kosmetische Sache mehr sei, sondern medizinisch notwendig wäre, folglich auch in die Gewährleistung der Krankenkasse fallen würde.

Diese jedoch berief sich auf irgendeinen Artikel der Satzung und wollte zunächst keine Kosten übernehmen. Aufgrund einer schriftlichen Stellungnahme des Arztes ließen sie doch mit sich reden und wollten einen gewissen Satz von 72,6 Prozent der Kosten übernehmen.

Ilka konnte sich nicht erklären, warum gerade 72,6 Prozent. Sie beließ es aber dabei mit einem Achselzucken und war bereit, die verbleibenden 1100 Euro zu bezahlen.

Sie vereinbarte einen Termin mit der privaten Klinik, die ihr empfohlen worden war, und konnte sich eine Woche später zur ersten Untersuchung dort einfinden.

In einem Fragebogen beantwortete sie alle Fragen wahrheitsgemäß, obwohl einige ziemlich indiskret waren. Sie konnte sich nicht erklären, was der Zyklus ihrer Menstruation mit ihrer Nase zu tun haben sollte. Ebenso war ihr die Frage nach Geschwistern, insbesondere nach Zwillingsschwestern oder Brüdern nicht plausibel.

Sie sollte sich mit dem Ausfüllen der Fragebögen Zeit lassen, wurde ihr von der netten Empfangsdame gesagt. Es sah hier nicht aus wie in einer Klinik, eher wie in einem Hotel.

So saß sie auch nicht in einem üblichen Wartezimmer, sondern auf einem Barhocker an einer Kaffeebar bei einem Latte Machiato, der auf Kosten des Hauses ging. So erklärte es ihr die junge Assistentin. Lediglich eine etwas älter aussehende Frau mit hochgesteckten Haaren, an deren Ansatz ein leichtes Grau zu erkennen war, passte irgendwie nicht in diese Praxis.

Ilka Goldstein las gedankenverloren den Namen der Frau auf dem Anstecker ihres weißen Kittels und fand, dass Margaretha Laumann gut zu ihr passen würde.

Oje, dachte Ilka, welch ein Kontrast. Zu einer solch modernen Praxis ein solcher schrulliger Vogel! Diese Meinung teilte sie mit den meisten jüngeren Patientinnen der Praxis.

Dann füllte sie den Fragebogen fertig aus und gab ihn dem »schrulligen Vogel.« Als Ilka der Frau ganz nahe stand, bemerkte sie, dass sie doch jünger war, als man annehmen konnte. Ilka machte sich keine weiteren Gedanken um sie und fuhr nach Hause.

Schon zwei Tage später erhielt sie einen Anruf aus der Klinik. Die Sekretärin des Oberarztes Professor Doktor Werner Justus Hohenfels war am Apparat und wollte wissen, ob Ilka am darauffolgenden Freitag zur ersten Untersuchung kommen könnte. Als der Termin stand, war Ilka erleichtert und auch etwas euphorisch. Kam nun endlich »Bewegung in ihre Nase«.

Prof. Hohenfels hatte sie lange beobachtet und kam zu der Erkenntnis, dass Ilka eine äußerst attraktive und gutaussehende junge Frau war, die den überaus großen Vorteil hatte, ein Zwilling zu sein. Er saß ihr gegenüber und las in ihrem Fragebogen, zu dem er einige Fragen hatte.

»Und Ihre Zwillingsschwester ist nasentechnisch gesehen ok?«

»Ja. Sie hat keine Probleme.«

»Gut. Dann lassen Sie uns mal das Näschen betrachten.«

Er schaute ausgiebig in Ilkas Nase und beleuchtete sie von allen Seiten. Dann machte er Fotos.

Zwischenzeitlich klopfte es an der Tür und als Hohenfels »Herein« rief, erschien Margaretha Laumann und stellte eine Tasse Kaffee auf dem Schreibtisch ab. Dabei ließ sie sich Zeit und Ilka fiel auf, dass sie den Professor geradezu mit den Augen verschlang. Der wiederum beachtete sie gar nicht.

Als sie immer noch neben dem Schreibtisch stand, sagte er zu ihr: »Ja, Frau Laumann. Ist noch was?«

Sie schüttelte nur kurz den Kopf.

»Dann gehen Sie bitte wieder an Ihre Arbeit.«

Enttäuscht zog sie ab. Ilka vermutete, dass die Dame in ihren Professor hoffnungslos verliebt war. Der schien dies aber nicht zu bemerken oder wollte es nicht sehen, was Ilka verstehen konnte.

In der Tat war es so, dass Hohenfels Frau Laumann von seiner Vorgängerin übernommen hatte. Sie passte nicht in das Konzept der Klinik, welches den gut zahlenden Privatpatienten eine junge, dynamische Mitarbeitergruppe präsentierte.

Hohenfels wollte eine solch »hausbackene« Person nicht in seiner Klinik beschäftigen, sah aber bis jetzt keine Möglichkeit, sie loszuwerden. Obwohl er schon der Meinung war, dass ihre mürrische Art geschäftsschädigend sei. Außerdem spionierte sie ihm hinterher, was er sich damit erklärte, dass sie in ihn verliebt war. Dies wiederum störte ihn nicht, es war eher so, dass es seinem männlichen Ego gut tat. Somit war er sich selbst nicht im Klaren, ob er sie entlassen sollte oder nicht. Sie war auch schon zu lange in der Klinik beschäftigt und ihr war so ohne weiteres gar nicht zu kündigen.

Nach einer Weile gab er eine abschließende Bewertung zu Ilkas Nase ab.

»Also, Frau Goldstein. Die Sache ist nicht so einfach wie es scheint. Wir können nicht einfach etwas am Knochen abhobeln. Es muss ein Stück entfernt werden und dann müssen wir einen Aufbau mit Rippenknorpeln machen. Sie werden zwei oder drei Tage stationär bleiben müssen. Ihr Gesicht wird nach der OP zunächst einmal entstellt aussehen, wenn die Schwellung aber nachlässt, wird sich eine schön geformte Nase wie bei Ihrer Schwester zeigen. Bringen Sie doch mal ein Foto von ihr mit.«

»Und was kostet das alles?«

»Nun, wir behandeln hier normalerweise nur Privatpatienten. Für die ist der Betrag von 8000 Euro keine Frage.«

Ilka wollte schon aufstehen, sich bedanken und gehen, da sagte Prof. Hohenfels: »Wir haben selbstverständlich eine Kassenzulassung. Über den Betrag darüber hinaus brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen, vorausgesetzt, wir können ein paar Fotos von der OP Ihrer Nase machen, für die Ärztezeitung.«

»Ja? Das ginge so? Na ist ja prima. Wann kann es losgehen?«

»Von uns aus nächste Woche. Lassen Sie sich einen Termin geben und dann sehen wir mal weiter.«

Ilka fuhr am Abend zu Anna Lena, Ingo und der kleinen Jessica. Sie erzählte stolz die Neuigkeit mit der OP und fotografierte Anna Lena von allen Seiten.

»Eine solche Nase, wie du sie hast, soll es sein.«

3. Erster Zwillingsversuch

»Komm in die Klinik! Es gibt Arbeit für dich.«

Prof. Werner Justus Hohenfels sprach am Telefon mit seinem Sohn nie lange. Kurze Anweisungen, die der Herr Sohn auszuführen hatte, waren schnell gesagt und wenn er dann gleich den Hörer auflegte, konnte Volker Hohenfels nicht widersprechen.

Er war nun 30 Jahre alt und stand immer noch sehr stark unter dem Einfluss seines Vaters. Dieser bezahlte allerdings auch all seine Verbindlichkeiten.

Einen Porsche Cayenne Hybrid mit einer von ihm gewünschten Ausstattung zu 108.965,00 Euro war die neueste Ausgabe, die vor Kurzem vom Konto des Vaters abging. Dieser fragte sich nicht, warum die

Hifi-Anlage im Wagen an die 24.000 Euro und somit so viel wie ein Kleinwagen kostete. Er bezahlte und war sich der uneingeschränkten Dienste seines Sohnes sicher.

Volkers Mutter war vor 26 Jahren bei einer Nierenoperation gestorben. Die OP wurde von einem Freund der Familie, einem Unfallchirurgen der Uniklinik Gießen, durchgeführt. Er hatte bei ihr einen faustgroßen Tumor entfernt. Der Arzt konnte allerdings am Ableben von Frau Hohenfels nichts ändern. Innere Blutungen, die nicht gestillt werden konnten, hatten sehr schnell dazu geführt.

Zwar hatte man Frau Hohenfels noch einmal notoperiert, aber die Blutung in den Bauchbereich war nicht zu stoppen und so versagten nach und nach alle Organe.

Agnes Hohenfels hatte eine Zwillingsschwester, die schon am nächsten Tag aus den Staaten angereist kam. Man hatte sie jedoch noch gar nicht über den Tod ihrer Schwester benachrichtigen können. Sie hatte es jedoch geahnt. Eine innere Stimme hatte ihr ins Ohr gefl üstert, dass ihre Schwester mit dem Tode rang.

Seit dieser Zeit reifte der Gedanke an eine Erforschung der Psyche von Zwillingen in Prof. Hohenfels Gemüt. Er war der Meinung, wenn die Zwillingsforschung weiter fortgeschritten wäre, hätte man den Verlauf der Situation bei der Schwester seiner Frau erkennen können. Sogar über eine größere Entfernung hinweg, da selbst über die Weite des Ozeans eine Verbundenheit der Schwestern bestand.

Er begann sich über Zwillingsforschung zu informieren, stellte aber rasch fest, dass es wenig verwertbares Material aus dem weiten Feld der Parapsychologie gab. Mehr Informationen waren über Zwillingsversuche zu erhalten. Allen voran über den KZ-Arzt Josef Mengele. Mengele wurde 1943 Lagerarzt in Auschwitz. Im Zentrum seiner Forschungen standen vererbungswissenschaftliche Zwillingsuntersuchungen. Sein Fanatismus nahm solche Ausmaße an, dass die überlebenden Gefangenen später sagten, Mengele allein sei Auschwitz gewesen. Es wurden von ihm eineiige Zwillingspaare vermessen und untersucht. Man erhoffte sich, durch Abweichungen oder Übereinstimmungen in der körperlichen oder geistigen Entwicklung herauszufinden, welche Merkmale und Krankheiten genetisch bedingt und welche durch äußere Lebensumstände hervorgerufen wurden. Fehler in der Genetik sollten nicht weitervererbt werden. Man wollte eine perfekte arische Rasse züchten. Das Ganze wurde vom NS-Staat finanziell unterstützt. Es gab keine Grenzen in der Forschung. Es war alles erlaubt.

So konnte Mengele in seinem Versuchslabor seine unmenschlichen und grausamen Experimente an Zwillingen durchführen, die bedingungslos gequält und verstümmelt wurden. Ihnen wurden bei vollem Bewusstsein Knochenmark entnommen, die Schädeldecke geöffnet oder Krankheitserreger injiziert.

Waren sie als Versuchsobjekte unbrauchbar geworden, wurden sie mit einer Phenolspritze ins Herz getötet und obduziert. Die Organe der Zwillingspärchen wurden dann verglichen.

Heute erklärt wohl jeder Arzt, dass diese Verbrechen natürlich mit nichts zu entschuldigen sind. Es wurde jedoch gesetzlich festgelegt, dass die Erkenntnisse dieser menschenverachtenden Versuche auch heute noch als Grundlage in der modernen Forschung eingesetzt werden dürfen. Das Wissen, welches durch so viel Grausamkeit entstanden ist, sollte nicht völlig umsonst gewesen sein. Es sollte ja heute anderen Menschen zugutekommen.

Hohenfels war kein Nazi. Die Versuche mit Zwillingen, die Mengele machte, lehnte er ab.

Allerdings war auch seine Mission nicht frei vom Weg des Schmerzes für die Probanden. Hohenfels war der Meinung, dass extreme Gefühlsregungen eines Zwillings bei dem anderen signalisiert werden würden und man sie dann auch messen könnte.

Da er aber auf keine fundierten Daten zur Bestimmung von Messpunkten der Parapsychologie am Gehirn von Zwillingen zurückgreifen konnte, entwickelte er einen Messkranz, der in Stirnhöhe um den gesamten Kopf herumging. Über zwanzig Dioden konnten so feinste Hirnströme als Diagramm aufzeichnen.

Eine parallele Datenspeicherung zu den Diagrammen erfolgte durch Messung der Herzfrequenz, des Pulses und der Drüsentätigkeit.

Hohenfels war weiterhin davon überzeugt, dass sich negative Empfindungen besser transportieren ließen, als positive. Er begründete dies damit, dass ja auch eine negative Meldung in der Zeitung, etwa ein Flugzeugabsturz, länger in den Köpfen der Leser verweilen würde, als eine positive Meldung, wie etwa die Rettung eines Nichtschwimmers aus dem Wasser. Somit baute er alle Versuche auf erlebten physischen und psychischen Schmerz auf.

Hohenfels hatte in den 1970er Jahren in England und in den Staaten Medizin studiert und bekam 1982 eine Anstellung in dem Universitätsklinikum in Gießen. Zunächst als Stationsarzt in der Unfallchirurgie, später dann als Chefarzt. In seiner Doktorarbeit ging er auf Forschungsergebnisse ein, die den Heilungsverlauf durch psychische Beeinflussung der Patienten beschleunigten.

Da er jedoch keinerlei konkrete Fälle nachweisen konnte und zwar weder eigene, noch Ergebnisse von Kollegen, fasste er seine Doktorarbeit in einem Stil, der weder belegt noch dementiert werden konnte, ab. Ihm konnten somit auch keinerlei Plagiatsvorwürfe zur Last gelegt werden. Es befanden sich in seiner Dissertation viele nichtssagende Aussprüche, wie:

»Die Parapsychologie ist die Wissenschaft übernatürlicher Phänomene. Da trotz mehrjähriger intensiver Bemühungen und diverser Forschungsreihen keines der paranormalen Phänomene nachgewiesen werden konnte, gilt die Parapsychologie heute eher als Pseudo-Wissenschaft und mündet in ihrer Erkenntnisbedeutung mehr in den Bereich der Psychologie.«

Hätte er diese Arbeit in der 10. Klasse abgegeben, so hätte er sehr wahrscheinlich nur eine Vier dafür bekommen.

Nach dem Tod seiner Frau ging er nach Marburg. Eine Freundin der Familie, die dort eine gutgehende Privatklinik für Schönheitsoperationen betrieb, machte ihm das Angebot, er könne die Klinik übernehmen, da sie sich zur Ruhe setzen wollte.

Hohenfels sah das als einen Wink des Schicksals und sagte zu, zumal zwei Argumente hervorstanden: a, mit Schönheitsoperationen ließ sich sehr viel Geld verdienen und b, was das wichtigere Argument für Prof. Dr. Werner Justus Hohenfels war, ein wesentlich höherer Freizeitfaktor. Hier hatte er Zeit, seinen Forschungen intensiver nachzugehen.

Ein Jahr später zog Werner Hohenfels mit seinem Sohn Volker aufs Land in die unmittelbare Nähe Marburgs.

Er hatte einen alten Bauernhof, wenige Kilometer von der Stadt und der Klinik entfernt, aus einer Insolvenz erstanden. Sein Banker hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass eine Versteigerung demnächst angesetzt werden solle. Beiläufig erwähnte der Bankangestellte auch Zahlen, die eigentlich nicht für dritte Ohren bestimmt waren. Er ließ auch nicht unerwähnt, dass er zu dem Insolvenzverwalter einen guten Draht hatte und durch ihn wusste, dass er die Vermarktung des Hofes als lästige Notwendigkeit ansah. Wenn er die Sache schnell hinter sich bringen könnte, würde er auf einen höheren Verkaufserlös verzichten.

Hohenfels kaufte noch am nächsten Tag den alten Bauernhof, nachdem er sich seine Lage und den Zustand angesehen hatte. So kam es erst gar nicht zu der Versteigerung. Er bezahlte lediglich 120.000 Euro plus 10.000 für den Banker, der sich angesichts einer solchen inoffiziellen Provision keine Gedanken über die strafbare Relevanz seines Verhaltens machte.

Die Scheune und das Hauptgebäude ließ er aufwendig renovieren, mit Photovoltaik und Solar versehen. Das alte Fachwerk wurde herausgehoben und die neuen Fenster passten sich gut in das Bild einer modernisierten Hofreite ein.

Zuvor waren umfangreiche Bodenarbeiten nötig gewesen, da eine unterirdische Verbindung vom Hauptgebäude zur Scheune bestehen sollte. Diese wurde zunächst vollkommen abgebaut. Nachdem eine riesengroße Betonplatte in die Erde gegossen wurde, erfolgte der Ausbau unterirdisch zügig. Dann wurde die Fachwerkscheune wieder draufgesetzt. So gab es einen Zugang zu den Kellerräumen vom Haupthaus und einen Fahrstuhl von der Scheune nach unten.

Als die Arbeiten nach einem Dreivierteljahr beendet waren und beide Hohenfels einzogen, sah man äußerlich nichts mehr von dem neuen Keller. Der Ausbau des Anwesens kostete Hohenfels das Dreifache des Kaufpreises.

Im Keller richtete Prof. Hohenfels in den darauffolgenden Wochen eine Praxis ein, die mit teuren und hochmodernen medizinisch-technischen Geräten bestückt wurde.

Sein Drang nach Forschung und Erforschung der Willenskraft von Zwillingen konnte gelebt werden.

Das gestaltete sich für Hohenfels zunächst schwieriger, als er vermutete. Er kam nicht so recht an Informationen und an Daten von Zwillingen, die er benötigte, obwohl er deutschland- und auch weltweit Verbindungen hatte.

Dann versuchte er, von Schulen und Kindergärten Adressen zu bekommen.

Schließlich hatte er Erfolg, als er den Schulen im Kreis Marburg anbot, im Rahmen einer Klinikbesichtigung Schülern die Möglichkeit zu geben, in eine Schönheitsfarm zu schauen und die Arbeit in der Klinik hautnah zu beobachten.

In der dritten Besucherklasse befanden sich Zwillinge. Hohenfels war in großer Erregung. Zwei Jungen im Alter von zehn Jahren fanden seine ganze Aufmerksamkeit.

Der Migrationshintergrund, es waren Einwanderer aus der Türkei, war von seiner Warte aus eher positiv zu sehen. Es würden keine Beschwerden von Türken an ihn gerichtet werden, so nahm Hohenfels an.

Hohenfels demonstrierte der Klasse, wie eine Blutentnahme geschah und suchte sich wie zufällig einen der Zwillinge aus.

»He, Junge, du da! Wie ist dein Name?«

Etwas eingeschüchtert sagte der Kleine: »Ergan.«

»Gut, Ergan. Hast du Mut?«

Das darf man einen türkischen Staatbürger, auch wenn er erst zehn Jahre alt ist, nicht fragen. Wenn er jetzt nein gesagt hätte, wäre später zuhause sehr wahrscheinlich ein Drama passiert.

In diese Richtung gingen auch die Gedanken von Hohenfels.

Logischerweise sagte Ergan auch sofort zur Mutfrage: »Ja.«

»Gut. Dann setz dich mal auf den Stuhl und ihr anderen haltet ein wenig Abstand. Dein Bruder geht mal ganz nach hinten.«

Hohenfels flüsterte Ergan zu: »Pass auf. Wir machen einen Streich. Wir erschrecken die anderen mal ganz doll. Wenn ich dir die Hand drücke, dann schreist du laut auf vor Schmerz.«

Er zwinkerte dem Kleinen zu und dieser grinste und spielte mit. Hohenfels entnahm eine sterile Spritze und hielt sie so, dass keiner sehen konnte, dass er nicht in den Arm von Ergan einstach. Er suchte den Blick von Ergans Bruder und drückte mit der Hand zu. Sofort schrie Ergan wie am Spieß.

Alle Anwesenden, die beiden Lehrerinnen inbegriffen, waren schockiert. Nur einer nicht. Den schien das Ganze völlig kalt zu lassen: Ergans Bruder.

Als nun Ergan und der Arzt lachten, wurde so langsam allen klar, dass das eine abgemachte Sache war.

»Also, das war nur ein Scherz und Ergan hat prima mitgespielt. Jetzt wird es aber wirklich ernst.«

Und somit stach ihm Hohenfels die Nadel in die Vene. Nicht gerade sanft. Er konnte das besser, aber er wollte es nicht. Das Blut lief in die Kanüle und auch hierbei zitterte der Arzt.

Ergan verzog das Gesicht und hatte Schmerzen. Sein Stolz ließ es aber nicht zu, dass er weinte.