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Ein alter Mann wird verwahrlost und verwirrt nachts in Frankfurt aufgefunden. Seine Identität ist zunächst unklar. Dr. Feldmann, der Chefarzt eines psychiatrischen Krankenhauses, aus dem der Mann entflohen ist, bringt ältere und psychisch kranke und sehr reiche Patienten dazu, seinen Halbbruder zu adoptieren. Danach versterben die Patienten und das Erbe geht an Guido Feldmann. Als ein pädophil veranlagter Pfleger der Klinik ein kleines Mädchen entführt und missbrauchen will, gerät Bewegung in die Sache. In der Klinik kommen weitere Verbrechen an Schutzbefohlenen ans Tageslicht. Eine Mitarbeiterin übt ihre sadistische Neigung an Patientinnen aus, die sie am Bett festzurrt. Zwei Versicherungsagenten wollen die jeweiligen Betrügereien an ihren Versicherungen aufklären. Sie arbeiten mehr oder weniger gut und gerne mit der Kripo Frankfurt zusammen. Dabei sind gute Kontakte zu ausländischen Diensten von Vorteil und bringen Licht in die Sache.
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Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Rainer Rau
Festgezurrt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Personen in diesem Thriller:
Prolog.
Festgezurrt!
Schrei - wenn du kannst.
1. Doch schreien konnte er nicht mehr.
2. Kleiner Lockvogel Terry .
3. Andrea, die Gnadenlose .
4. Ein gefälschter Einlieferungsschein .
5. Versicherungen wollen sparen .
6. Folterspuren .
7. Namensgleichheit .
8. Adoptionsgleichheit .
9. Profiling .
10. Wieder schlafen gelegt .
11. Vermisstenmeldung .
12. Überzeugungsgespräch .
13. Erkenntnisse sind keine Ergebnisse .
14. Verdächtig unverdächtig .
15. Patientenbesuch .
16. Liebe gegen Erbschaft .
17. Ins Auge gefasst .
18. Schläge beruhigen .
19. Genialer Plan: Einbruch in die Klinik .
20. Praktisch ist ein Praktikum
21. Der CIA oder etwa doch nicht?
22. Gedanken eines Täters
23. Befragung eines Ex – Legionärs .
24. Seltsame Dinge in der Klinik .
25. Krisensitzung im Präsidium .
26. Vorwürfe im Krankenhaus .
27. Der Plan .
28. Der Einbruch .
29. Gewissensbisse .
30. Durchschuss.
31. Otto in Not .
32. Mordtransport .
33. Aussichtsloses Observieren .
34. Lochgrabung auf dem Golfplatz .
35. Sehnsucht .
36. Fragen und keine Antworten .
37. Aufregung im Keller .
38. Vernehmung .
39. Haftgrund nicht gegeben .
40. Verdacht .
41. Absetzen .
42. Nicht lange überlegt – Flug gebucht .
43. Gute Kontakte .
44. Beton rein – Beton raus .
45. Wichtige Informationen eines nicht Existierenden .
46. An Bord – von Bord .
Wagner und Otto übernachteten im Le Meridien Beach Plaza zu 1434,-€ pro Zimmer für eine Nacht. Das war noch nicht einmal die Suite. Otto schüttelte auf dem Weg vom Empfang bis ins Zimmer nur den Kopf. „Das sind meine Spesen für einen ganzen Monat.“ Sie trafen sich nach einer Dusche und einem Einkauf in der Hotelboutique zum Dinner im Restaurant. Wagner hatte sich neue Kleider und einige Accessoires und einen kleinen rollbaren Koffer gekauft. Nach einem Absacker waren beide müde und gingen auf ihre Zimmer.
47. Unglaublicher Zustand .
48. Ergebnisse .
49. Schweizerische Neuigkeiten
Weitere Bücher von Rainer Rau sind im Heimdall-Verlag erschienen:
Alle Thriller sind auch als E-Books erschienen:
Maria Migdal: Hexen gibt es nicht
Rainer Rau: Zwillingsmord
Rainer Rau: Wachkoma
Rainer Rau: Mobbing-Jäger
Rainer Rau: Das Organkartell
Rainer Rau: Im Verlies der Burg
Impressum neobooks
Svenja Martin (Estefania Musli) - 8 Jahre, Entführungsopfer
Marga Martin - Mutter von Svenja
Christian Martin - Vater
Andrea Schneider - Pflegerin, Sadistin
Steffanie Kortmann - 1. Patientin
Dragan Milanowitch - Pfleger, pädophil
Sebastian Weller - Kriminal-Hauptkommissar KHKM
Uschi Brandfeld - Krimi-Oberkommissarin KOK
Marion Luft - Kriminal-Kommissarin KKO
Lindsay Wagner - Versicherungsagentin
Donald Mc Guirre - Ihr Chef
Magdalena Friedrich - Opfer
Dr. Hubert Feldmann - Chefarzt
Guido Feldmann - Sein Bruder
Klaus Otto - Versicherungsdetektiv
Harry Bierstein - alter Mann, Opfer, Ex-Legionär
Markus Glausner - Ex-Legionär, Deserteur
„Festgezurrt“ ist ein Begriff, der aus der Seemannssprache entstanden ist.
Ist das Segel richtig festgezurrt? Oder ist die Ladung festgezurrt?
Patienten die in Krankenhäusern an das Bett gebunden werden, sind dort nur „fixiert“. Man könnte aus ‚fixieren’ einen harmlosen, ja wohlwollenden Klang heraushören. Es macht für die Betroffenen aber keinen Unterschied, ob sie fixiert oder festgezurrt sind. Zum Selbstschutz während und nach einer Operation ist diese Maßnahme für eine kurze Zeitspanne sicherlich sinnvoll. In manchen psychiatrischen Kliniken werden jedoch Patienten nicht nur durch Medikamente ‚ruhiggestellt’, sie werden auch über einen längeren Zeitraum ans Bett gefesselt. Genaue Erhebungen dafür gibt es nicht. Wenn überhaupt, werden nur Einzelfälle bekannt. Dann wird oft eine Ausrede für dieses Vergehen sofort als Erklärung dargelegt: „Wir haben keine Zeit, uns um jeden Patienten rund um die Uhr zu kümmern!“
Dies mag wohl bei permanentem Betreuermangel stimmen, den Menschen, der festgezurrt im Bett liegt, wird es jedoch nicht zufriedenstellen.
Der Thriller ist allen Patienten, die sich in einer solchen Lage befinden oder befanden, gewidmet. Es werden allerdings keine konkreten Fälle erwähnt. Ähnlichkeiten mit Personen oder juristischen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Barfuß, in langen, grauen Unterhosen lief der Mann quer über die Straße. Zum Glück waren zu dieser frühen Morgenstunde um 4:30 Uhr kaum Fahrzeuge unterwegs. So gelangte er unfallfrei auf die andere Straßenseite, wo er auf dem Bürgersteig entlang humpelte. Ab und zu legte er eine kurze Pause ein und setzte sich auf die Erde. Langsam wurde der Verkehr größer. Die meisten Autofahrer hatten in ihrem Autoradio HR3 oder FFH programmiert und die Moderatoren begrüßten die Frühaufsteher bei dezenter Hintergrundmusik und versprachen einen schönen, sonnigen Tag.
Das Hupen einiger Autos schien den Mann nicht zu stören. Die Autofahrer konnten nicht wissen, dass er sie nicht hörte. Er war fast taub.
Seine Augen waren tränenerfüllt und er konnte nicht gut sehen. Genau gesagt, war er krank. Hatte er in jungen Jahren ein ausgezeichnetes Sehvermögen, so war seine Sehkraft jetzt wesentlich schlechter. Er sah nur Umrisse und die aufgeblendeten Lichter der Autos waren für ihn meilenweit weg, obwohl sie in seinen Augen schon wie Nadelstiche wirkten.
Es tat weh.
Sein Hirn erinnerte sich daran, was man mit ihm alles angestellt hatte. Er schrie sein Leid heraus. Doch ein zufällig an ihm vorbeigehender Passant hätte nur ein unverständliches Gemurmel vernommen.
Festgezurrt auf einem harten Tisch aus Edelstahl, den man leicht reinigen konnte, war er qualvollen Tortouren ausgesetzt gewesen. Mit einer LED-Leuchte hatte man ihm bei geöffneten Augen die Sehkraft geschädigt. Über Stunden waren einst seine Wimpern festgeklebt, sodass er dem natürlichen Drang, dem Schließen der Augenlider, nicht nachkommen konnte. Dies alleine war schon äußerst schmerzhaft, es kam aber noch der grelle Lichtstrahl, der sich wie ein Messer ins Hirn bohrte, dazu.
Man hatte ihm auch mit hochfrequenten Tönen über längere Zeit das Gehör beschallt.
Als einen gemütlichen Spaziergang hätte ein Beobachter seinen morgendlichen Trip sehen können, wenn dem nicht die Kleiderfrage und der gebückte Gang sowie das ständige Kopfschütteln entgegengestanden hätte.
Es war frisch an diesem Sommermorgen, aber es sollte ja ein sonniger Tag werden.
Der Mann lief barfuß, jedoch war ihm nicht kalt. Seine Füße waren vom Morgentau auf dem Gras des Mittelstreifens nass und beinahe vollständig vom Schmutz der Straße gereinigt. Mit einem recht schmutzigen T-Shirt jedoch, der halblangen grauen Unterhose, die Spuren einer Darmentleerung aufwies und den blanken Knien, die von Stürzen aufgeschlagen waren und bluteten, fiel er auf.
Der Berufsverkehr setzte nun langsam verstärkt ein und die Stadt erwachte aus ihrem Schlaf, der wie immer nur von kurzer Dauer war. Eigentlich schlief die Stadt nie. Das hatte sie, wie die Hochhäuser, mit der großen Schwester, dem Big Apple, gemeinsam. Frankfurt war wie New York ständig in Bewegung.
Nun kamen tausende von Pendlern über die Autobahnen und Schnellstraßen in die City gefahren. Viele von ihnen sahen den Alten auf der Seite dahinschlurfen. Einige hupten. Es gingen demzufolge auch mehrere Anrufe beim zuständigen Polizeikommissariat und bei der Notrufnummer 110 ein.
Herbert und Hans hatten wieder mal gemeinsam Dienst. Sie bevorzugten Spät- oder Nachtschichten, da es zu dieser Zeit meistens etwas ruhiger wurde als im Tagesdienst. Auf ihrer nächtlichen Kontrollfahrt kurz vor Schichtende wollten sie, wie immer, noch mal an der Tankstelle Nord halten und einen Kaffee und ein Sandwich mitnehmen, als der Funkspruch durchkam.
Es sei eine hilflose Person gesichtet worden, die akut gefährdet sei.
Die Einsatzzentrale gab die Koordinaten durch.
Herbert sah seinen Kollegen mit zusammengepressten Lippen an, zuckte mit den Schultern und griff zum Mikrofon.
Polizeiobermeister Herbert Brunner drückte die Sprechtaste des digitalen Funkgerätes, welches an seiner Schulter an einem Klettverschluss klebte.
„Ok. Wagen 14 ist in der Nähe. Wir übernehmen.“
„Scheiße! Also kein pünktlicher Feierabend!“
Sein Kollege und Freund Hans Bertram war sichtlich verärgert über den unerwarteten Einsatz kurz vor Ende der Schicht.
Während er die „Festbeleuchtung“ auf dem Wagendach anschaltete, schaute er in den Rückspiegel, gab Gas, wendete und fuhr in Richtung der angegebenen Adresse.
Er schaltete nun auch noch das Martinshorn ein. Brunner kommentierte dies mit einem schmerzverzerrten Gesicht.
„Mann, muss doch nicht sein, so früh!“
„Wieso, wenn wir schon nicht schlafen können, gönne ich anderen auch keine Ruhe.“
„Aber meine Ohren können es nicht so früh ertragen!“
Mit diesen Worten schaltete er das Signal wieder aus, was einen enttäuschten Gesichtsausdruck bei Bertram hinterließ.
Bei den Kollegen waren sie als H und H Team bekannt. Heimlich hatten sie zwei Polizeibeamte als Vorbild, die von einem Kamerateam eines Privatsenders des Öfteren begleitet wurden und deren Arbeitsweise im Fernsehen gezeigt wurde. Immer korrekt - die Polizei, dein Freund und Helfer! So benahmen sich Herbert und Hans auch meistens. Nur nicht kurz vor Feierabend, wenn noch mal ein Einsatz dazwischen kam. Da war es angebracht, mal kräftig zu fluchen. Es hörte ja keiner.
„Scheiße ist das wieder mal. Ich wollte heute Morgen mit meiner Frau ein gemütliches Frühstück zelebrieren.“
„Frühstück kann man essen und nicht zelebrieren!“
„Na, doch wohl. So richtig mit Kerzen und Sekt.“
„Was? Deine Alte hat doch erst im Februar Geburtstag.“
„Na, aber eine Freude zwischendurch ist doch nicht verboten, oder?“
„Nö, das nicht. Aber wie ich dich kenne, hast du doch einen Hintergedanken.“
Hans druckste etwas herum. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass sein Kollege ihn durchschaut hatte.
„Ja, schon. Ich denke, nach so einem Kerzenlichtfrühstück wird sie schon nicht abgeneigt sein, noch mal ins Bett zu kommen.“
„Ach, mach dir keine falsche Hoffnung. Wenn du dich erst mal langlegst, bist du in Nullkommanichts eingeschlafen. Deine Alte räumt dann erst mal die Küche auf und holt den Staubsauger aus dem Schrank! Kerzenlichtfrühstück! Sowas Blödes hab ich ja noch nie gehört!“
Die Unterhaltung wäre wohl noch so weitergegangen, doch sie näherten sich dem Ziel.
Dann waren sie schon an der Stelle angekommen, an der der alte Mann zum letzten Mal gesehen wurde.
Sie fuhren langsam weiter. Es dämmerte nun und es wurde zusehends heller.
Dann sahen sie den Alten. Er lief etwa zweihundert Meter weiter vorne.
Sie fuhren an ihn heran, stoppten das Fahrzeug und stiegen aus. Das Blaulicht auf dem Dach zuckte gleichmäßig und zeigte den Beobachtern, dass hier etwas im Gange sei.
„Ohje. Der stinkt wie eine Kloake. In die Hosen hat er sich auch gemacht.“
„He, Alter! Wie ist dein Name?“
Der Alte jedoch schüttelte nur den Kopf und gab knurrende Geräusche von sich.
„Wie heißt du? Wo kommst du her? Kannst du mich verstehen? Verstehst du überhaupt unsere Sprache? You speak English ? “
Wiederum kam nur unverständliches Gemurmel aus seinem Mund.
„So kommen wir nicht weiter. Ruf einen Krankenwagen!“
Dies geschah und als der Sanka fünfzehn Minuten später ankam, wurde der Alte eingeladen.
Dagegen wehrte er sich zunächst jedoch heftig. So trat er einem der Sanitäter zwischen die Beine, wo es bei Männern doch sehr schmerzhaft ist. Diese Kraft hätte man ihm nicht zugetraut, zumal sein körperlicher Zustand nicht solches vermuten ließ.
Als er auch noch anfing, zu kratzen und zu beißen, packte man ihn kurzerhand, hob ihn an und legte ihn auf die eiligst herausgefahrene, rollbare Trage, wo er schnell angeschnallt wurde.
Nun konnte er sich nicht mehr wehren, warf seinen Kopf jedoch hin und her und verursachte dabei tierische, wehklagende Laute.
Als sie ihn im Wagen untergebracht hatten, schlossen sie die Türen.
Das Funkgerät stand seit Ankunft des Krankenwagens nicht still. Nun ging einer der Sanitäter ran.
„Ja, wir sind noch da!“
„Was ist denn bei euch los, ich rede mir den Mund fusselig?“
„Wir konnten erst jetzt rangehen. Haben eine ältere, hilflose, männliche Person aufgenommen.“
„Braucht ihr den Notarzt?“
„Nein. Keine Gefährdung der Person. Sieht so aus, als ob er nicht recht bei Sinnen ist. Hat mich in die Ei … hat mich getreten. Wohin sollen wir ihn bringen?“
„Wenn das so ist, ins PKH – West. Ich melde euch an.“
„Ok. Bis dann.“
Polizeiobermeister Herbert Brunner hatte nicht alles verstanden und fragte nach.
„Für unseren Bericht … wohin bringt ihr ihn?“
„Ins Psychiatrische Krankenhaus West.“
„Ok. Tschüs dann.“
Herbert Brunner ging zu seinem Dienstfahrzeug, setzte sich hinter das Lenkrad und wartete, bis sein Partner ebenfalls eingestiegen war.
„Na, das hat sich ja noch in Grenzen gehalten. Ist ja beinahe doch noch ein pünktlicher Feierabend.“
„Was meinst du? Soll ich nun Brötchen für ein Frühstück mitbringen oder nicht?“
„Das kommt darauf an!“
„Worauf?“
„Na, ob du Hunger hast oder nicht!“
„Blödmann! Von dir kann man auch keine vernünftige Antwort erwarten.“
„Kannst du schon!“
„Ach nee. Schieß los!“
„Na wenn du deine Frau bum … also … wenn du es mit deiner Frau machen willst, warum willst du sie erst aufwecken und an den Frühstückstisch zerren? Also, ich würde mich einfach zu ihr ins Bett legen und dann …“
„Du willst dich zu meiner Frau ins Bett legen?“
„Nee, das war doch nur an deiner Stelle gesprochen!“
„Komm, lenk nicht ab! Ich habe immer schon vermutet, dass du etwas für sie übrig hast.“
„Jetzt spinnst du aber wirklich! Ist überhaupt nicht mein Typ!“
„Wie jetzt? Du findest meine Alte nicht attraktiv?“
„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass sie nicht meinem Typ entspricht!“
„Ich hole jetzt Brötchen.“
„Mach das. Mann oh mann! Du kannst einen aber schnell ins Schwitzen bringen.“
„Ja, an mir ist eben ein Psychologe verloren gegangen. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, dass du auf meine Frau stehst!“
Sichtlich zufrieden mit sich und damit, dass er seinen Kollegen ins Schwitzen gebracht hatte, grinste Hans Bertram.
Die andere Hälfte des H und H Teams, Herbert Brunner, murmelte noch ein unverständliches „Arschloch!“ und sah dann dem baldigen Feierabend entgegen.
So fuhren sie zur Dienststelle zurück.
Was mit dem alten Mann geschah, interessierte sie bald nicht mehr.
Er wollte nun endlich zur Tat schreiten. Er wollte das kleine Mädchen entführen. Er wollte sich an ihr vergehen und seine sexuellen Ausschweifungen, die bis jetzt nur in seinem Kopfe vorhanden waren, ausleben. Er hatte erhöhte Temperatur, einen roten Kopf und er schwitzte an den Händen und unter den Achseln zeichneten sich große, feuchte Stellen auf dem Hemd ab. Er zitterte am ganzen Körper bei dem Gedanken, dass es heute so weit kommen würde.
Er war von sich überzeugt, dass er kein schlechter Mensch war. Aber mit Frauen konnte er nicht viel anfangen. Sie hatten alle ihren eigenen Kopf und konnten ihm jederzeit widersprechen. Ein kleines Mädchen aber, dem konnte er seine Überlegenheit zeigen. Und überhaupt, es hatte ihm noch keiner widerlegen können, dass kleine Mädchen nicht auch Spaß an Sexspielchen haben könnten. „Die wollen es doch bestimmt auch!“, sagte ihm etwas im Kopf.
Seit Wochen hatte er den Tagesablauf der kleinen Familie studiert und die Eltern von Svenja Martin beobachtet.
Svenja ging in die zweite Klasse. Sie wurde spät eingeschult und war mit ihren acht Jahren eine der ältesten Schülerinnen in ihrer Klasse. Sie passte genau in sein Beuteschema. Ein kleines, aufgeschlossenes und neugieriges Mädchen mit langen Zöpfen und einem kurzen Kleidchen.
Svenja wohnte mit ihren Eltern nicht weit von seinem Arbeitsplatz entfernt, der Klinik für psychisch kranke Menschen. So fiel es nicht auf, wenn er mal für kurze Zeit weg war. Er verfolgte den Tagesablauf von Christian Martin und seiner Frau Marga genau. Christian fuhr jeden Morgen um 7:00 Uhr in der Früh aus dem Haus und traf wenig später in seiner Dienststelle bei der örtlichen Berufsfeuerwehr ein. Marga räumte dann die Küche und das Wohnzimmer auf, schmierte zwei Brote mit Wurst und Käse und füllte in die Trinkflasche ihrer Tochter ungesüßten Tee ein. Dann verließen beide die Dreizimmerwohnung und Marga brachte ihre Tochter zur Schule. Das kurze Stück legten sie zu Fuß zurück. Sie brauchten nicht länger als 15 Minuten bis zur Schule. Es gab nach Margas Meinung bessere Schulen, da hier der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund sehr hoch war und alles ständig wiederholt werden musste. Demzufolge hinkten die Schüler dem Lehrstoff hinterher. Aber die Nähe zur Wohnung war ein nicht zu schlagendes Argument, sich für diese Schule zu entscheiden. So brauchten sie nur ein Auto zu unterhalten. Ein zweites hätten sie sich ohnehin nicht leisten können, da Marga nun schon zu lange aus ihrem Beruf heraus war und trotz vieler Bewerbungsschreiben keine Stelle fand.
Nachdem sie sich am Schulhof verabschiedet hatten, wollte Marga ein paar Einkäufe erledigen und war anschließend bei einer Freundin zum Brunch eingeladen.
Sie waren an diesem Morgen recht früh und Svenja wartete, bis ihre Mutter um die Ecke gebogen war. Sie winkte ihr noch hinterher, drehte sich um und hielt Ausschau nach ihren Freundinnen. Doch es war noch keine der Mitschülerinnen zu sehen.
So wollte sie die Stufen empor zum Eingang des Gebäudes gehen, als sie an der Ecke zum anschließenden kleinen Park, der die Verbindung zum Schulsportplatz bildete, ein Geräusch vernahm.
Neugierig geworden ging sie um die Ecke. Als sie an dem Turnhallengebäude vorbeiging, sah sie ihn.
Der Mann hielt eine Hundeleine in der Hand und rief nach seinem Hund.
Dass der Ruf „Terry“ nur leise aus seinem Mund kam, bemerkte das Mädchen nicht. Es war arglos. Es fühlte sich hier auf dem Schulgelände sicher und die Warnung, die sie von Mama und Papa bekommen hatte, auf keinen Fall mit fremden Personen zu reden, war wie weggeblasen.
Der Mann sprach sie auch gar nicht an. Er blickte in eine andere Richtung und suchte nur in gebückter Haltung nach seinem Hund.
„Terry, Terry! Wo bist du?“
In Svenja erwachte sofort der Wille, helfen zu wollen. Sie sprach ihn an.
„Ist es ein großer Hund?“
Der Mann drehte sich nun zu ihr um.
„Ah, hallo. Hab dich gar nicht kommen hören. Nein. Ein kleiner Terrier. Weiß und sehr süß. Willst du mir suchen helfen?“
Svenja überlegte kurz. Sie musste bald in ihre Klasse, aber dies war wohl ein Notfall, zumal der Mann ein sehr trauriges Gesicht machte. Ihre Hilfsbereitschaft siegte und sie ging mit ihm in Richtung Sportplatz.
Als sie wenige Schritte gegangen waren, schaute sich der Mann nach allen Seiten um. Kurz vor dem Zaun, der den Sportplatz, auf dem sich zu solch früher Stunde keine Menschenseele befand, erreicht hatten , schaute er zu seinem Wagen, den er am Straßenrand abgestellt hatte.
„Ich glaube, er sitzt unter dem Auto.“
So gingen sie auf das Fahrzeug zu. Als Svenja unter das Fahrzeug schaute, aber keinen Hund sehen konnte, wollte sie sich wieder erheben und mit den Schultern zucken. Doch dann ging alles sehr schnell.
Der Mann packte Svenja mit dem rechten Arm um den Bauch, hob sie hoch und hielt ihr mit der linken Hand den Mund zu. Sie erkannte gerade die Gefahr und wollte schreien, was ihr aber nicht mehr gelang.
Die Schiebetür des schwarzen Van öffnete sich wie von Geisterhand durch die elektrische Fernbedienung und der Mann stieg mit seinem Opfer ein.
Er hatte einen Streifen Klebeband an die verdunkelten Scheiben geklebt, riss diesen nun ab und klebte dem Mädchen den Mund damit zu.
Mit einer Hand hielt er ihre Hände auf dem Rücken fest, mit der anderen Hand schlang er um ihre Handgelenke einen langen Streifen Klebeband. Dann entnahm er einer schwarzen Ledertasche eine Einmalspritze, die mit einer gelblichen Flüssigkeit gefüllt war.
Sein Puls raste, obwohl er nach außen ruhig wirkte und seine Hände nicht zitterten.
Er sah in die weit aufgerissenen Augen des Mädchens und erkannte die Panik in ihnen. Sie war steif vor Angst und rührte sich nicht.
Nun tat sie ihm doch leid. Er musste sie beruhigen.
„Hab keine Angst. Es ist gleich vorbei.“
Dann klemmte er ihren Oberkörper zwischen seine Beine und drehte die Arme nach oben. Svenja konnte sich nicht einen Zentimeter bewegen. Er klopfte mehrere Male in ihre Armbeuge, bis sich die Vene deutlich abzeichnete. Nun stach er ihr die Spritze in die Armvene und drückte den Inhalt heraus.
Es dauerte keine zehn Sekunden und Svenja war ins Reich der Träume versunken.
*
In der großen Pause nach der zweiten Stunde ging die Lehrerin ins Besprechungszimmer, wo alle Lehrer sich in den Pausen zu einem kurzen Plausch oder Erfahrungsaustausch, zum Kopieren von Unterlagen oder einfach nur auf eine Tasse Kaffee trafen.
„Hat jemand was von meiner Schülerin Svenja Martin gehört? Sie ist ohne Nachricht heute dem Unterricht ferngeblieben!“
Es kam sehr oft vor, dass Schüler und Schülerinnen dem Unterricht fernblieben. Nicht immer waren es Kinder mit Migrationshintergrund. Doch die Lehrer waren machtlos gegen das Schulschwänzen. Es ärgerte sie, dass sie nichts Wirkungsvolles dagegen unternehmen konnten. Es war im Kollegium abgesprochen, alle schwänzenden Sünder zu notieren.
Allgemeines Kopfschütteln war die Antwort auf die Frage der Lehrerin.
Ärgerlich brummte sie vor sich hin: „Na gut. Muss ich doch mal anrufen.“
Sie suchte die Handynummer des Vaters aus den Unterlagen heraus. Sehr gut konnte sie sich noch an das Gespräch bei der Einschulung erinnern, wo er darum gebeten hatte, falls etwas Unvorhersehbares oder ein Fernbleiben ohne schriftliche Erklärung von Seiten der Eltern geschehen würde, ihn sofort anzurufen.
Als er sich am Handy meldete, hatte sie schon ein ungutes Gefühl.
„Hallo Herr Martin. Ist Svenja krank? Oder fühlt sie sich heute nicht wohl? Sie ist nicht zum Unterricht erschienen.“
„Was? Nein! Nein, sie ist nicht krank. Meine Frau wollte sie wie immer zur Schule bringen. Ich bin in 10 Minuten bei Ihnen!“
Er rief seine Frau an und auch sie fiel aus allen Wolken.
„Ich hole dich bei deiner Freundin ab.“
Als sie beide 35 Minuten später an der Schule ankamen, waren schon alle anwesenden Lehrer, die keine Unterrichtsstunden hatten, im Büro des Rektors versammelt.
Die Martins stürmten in die Schule und wurden sofort ins Rektorat gebeten.
„Sie ist wirklich nicht aufgetaucht?“
„Nein. Ich habe schon alle Lehrer befragt. Wir haben schon draußen nachgeschaut. Keiner hat sie gesehen. Wir werden noch die Schüler befragen müssen, dies sollte jedoch mit äußerster Feinfühligkeit geschehen. Wir wollen keine Panik.“
In diesem Moment schwanden Marga Martin die Sinne. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie sackte zusammen.
Christian konnte sie gerade noch auffangen, sonst wäre sie mit dem Kopf auf eine Tischkante gefallen.
„Rufen Sie sofort die Polizei! Und bitte suchen Sie alle das Gebäude und das Gelände außen noch mal ab.“
„Was ist mit ihren Haaren los?“
„Muss sie sich wohl selber abgeschnitten haben.“
„Wer hat sie eingeliefert?“
„Der Hausarzt. Auf Anraten des Ehemannes. War wohl nicht mehr zu ertragen, zu Hause.“
Der Chefarzt im PKH machte sich ein Bild über den „Neuzugang“ von gestern Nacht.
Er schaute in das Aufnahmeprotokoll und las ihren Namen.
„Steffanie Kortmann“.
„45 Jahre alt. Verheiratet.“
„Was ist genau geschehen?“
Die leicht korpulente Krankenpflegerin gab dem Chef Antwort.
„Sie hat wohl mit allen möglichen Dingen um sich geworfen. Dabei hat sie ihren Mann mit einer Vase am Kopf verletzt. Dann ist sie mit einer Schere auf ihn losgegangen. Er sagt, er hätte sich gerade noch ins Bad retten können. Als es wieder ruhiger wurde, hat er sich herausgetraut und sie im Wohnzimmer auf dem Boden, an der Wand angelehnt sitzend, gefunden. Sie hat sich dort mit einer Schere die Haare abgeschnitten und die Pulsadern aufgetrennt. Das muss wohl äußerst schmerzhaft gewesen sein. Sie hat aber keinen Laut von sich gegeben. Der Hausarzt wohnt genau gegenüber und war schnell zur Stelle. Er hat sie verbunden und unseren Fahrdienst gerufen.“
„Was haben Sie ihr gegeben?“
„Fentanyl. 15mg.“
„Das ist zu viel! Sie wiegt höchstens 62 bis 65 Kilo! Sie hätten mich sofort rufen sollen!“
Der Arzt lief im Gesicht rot an und kochte innerlich vor Wut. Die Pflegerin hatte wieder einmal eigenmächtig gehandelt und ein Medikament verabreicht, was nicht in ihren Tätigkeitsbereich fiel und was sie schlichtweg nicht durfte.
Die kräftige Pflegerin sah der Arzt mit trotzigem Blick an. Sagte jedoch nichts dazu und schniefte kräftig durch die Nase. Es entstand eine Pause, in der der Arzt die Patientin, die in einem weißen Anstaltskleid steckte und angeschnallt wie leblos auf dem Bett lag, anschaute.
Nach einer Weile drehte er sich abrupt um.
„Warten wir, bis sie wieder ansprechbar ist. Beobachten Sie sie. Rufen Sie mich dann sofort! Ist das klar?!“
Ärgerlich und ohne eine Antwort abzuwarten, ging er schnellen Schrittes auf den Flur hinaus.
Andrea Schneider, die alle nur „Andri“ nannten, ging der Anschiss des Arztes am Arsch vorbei. Sie wusste, dass er auf ihre Hilfe angewiesen war und ihr keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde. Sie wusste auch über Abrechnungen Bescheid, die er machte und die nicht den tatsächlichen Leistungen entsprachen. Sie wusste weiterhin, dass es hier Vorfälle gab, die keiner mitbekommen sollte.
Allerdings wusste auch der Chefarzt einiges über Andrea Schneider. So war ihm bekannt, dass sie oftmals über die Stränge schlug und Patienten nicht so behandelte, wie man es von einer Klinik erwarten würde.
Als Kind war sie selbst von der alkoholabhängigen Mutter misshandelt worden und das gab sie jetzt anderen weiter. Was ihr Stiefvater mit ihr alles angestellt hatte, wenn sie alleine waren oder wenn ihre Mutter ihren Rausch ausschlief, hatte Andrea Schneider verdrängt. Daran wollte und konnte sie sich nicht mehr erinnern. Nur, dass sie leiden musste, war in ihrem Kopf geblieben. Warum sollten sie alle es guthaben, wenn sie es früher auch nicht hatte? Schnell stellte sie fest, dass es sie erregte, wenn sie anderen Schmerzen zufügte.
Ein Psychiater stellte einst eine gespaltene Persönlichkeit bei ihr fest. Ein Teil von ihr war lieb und nett und der andere grausam schlecht. Ein Jugendgericht ordnete nach einem Übergriff auf zwei Schülerinnen, denen sie erhebliche Verletzungen durch Schläge zugefügt hatte, eine psychologische Behandlung an. In langen Sitzungen wurde sie dann nach Jahren als geheilt eingestuft. Das spielte sich alles in ihrer Jugendzeit ab. Jetzt war sie erwachsen und nur sie selbst wusste, was mit ihr los war.
Durch den Kontakt mit der Klinik, in der sie behandelt wurde, fand sie am Beruf einer Krankenpflegerin Spaß und bewarb sich bei mehreren Kliniken im Land. Sie wurde in der Uniklinik herzlich aufgenommen und wechselte zwei Jahre später in das PKH, wo sie heute noch tätig ist .
Hier konnte sie ihre sadistische Ader ausleben und es fielen ihr im Laufe der Jahre immer weiter Grausamkeiten ein, die sie sexuell erregten. Dabei war es ihr gleich, ob ihr Opfer ein Mann oder eine Frau war. Keiner, der von ihr gequälten Personen konnte sich wehren oder sich jemandem anvertrauen.
Andrea Schneider war nicht lesbisch. Das sagte sie sich selbst immer wieder. Es kam trotzdem vor, dass sie sich auszog und zu einer Patientin legte, um an ihr schmerzhafte, sexuelle Tätigkeiten auszuführen und sich zu stimulieren. Eine Beziehung mit einem Mann hätte sie schon gerne angefangen. Alle Kontakte, die sie mit Männern hatte, wurden jedoch von diesen schnell beendet. Spätestens wenn sie eine schmerzhafte Erfahrung mit ihr machten.
Nur zu den Männern, die sie auf dem Bett fixieren konnte, hatte sie eine längere Beziehung, wenn es auch nie zu einer körperlichen Vereinigung kam. Unter den zugefügten Schmerzen fiel es allen Männern sehr schwer, eine gewisse Standhaftigkeit zu erreichen.
