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Marc Bennet wird durch einen Autounfall ins Koma versetzt. Wochen später findet er langsam den Weg ins Leben zurück. Da muss er erfahren, dass sein Freund und Kollege, beide sind leitende Angestellte der "Deutschen Wertbank", den versuchten Mord an ihm in Auftrag gegeben und mit seinem Namen große Geldbeträge unterschlagen hat. Bennet erfährt, dass seine Frau ausgerechnet bei seinem Kollegen sexuelle Erfüllung sucht. Er versucht, sie zu warnen, doch er kann ihren Tod nicht verhindern. Bennet sinnt auf Rache, die ebenfalls zum Tode des Mörders von Sabrina Bennet führt. Der Thriller deckt mögliche unseriöse Hintergründe und bankinterne Abläufe auf, die eine Profitgier mancher Banken erklären. Die Handlung ist jedoch fiktiv. Ähnlichkeiten mit Personen, Bankinstituten oder Namensgleichungen aller Art, insbesondere der der "Deutschen Wertbank" sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Trotzdem wird mancher Bankkunde eventuell gewisse Parallelen zu seiner Geldan-lage finden. Über Wachkomapatienten und ihre Empfindungen gibt es unterschiedliche Erfahrungen der Mediziner. In diesem Thriller ist eine Komavariante, bei der der Patient nach Wochen ins Leben zurückkehrt, angenommen. Der Autor möchte den Angehörigen der 6.000 Wachkomapatienten, die es alleine in der Bundesrepublik Deutschland zurzeit gibt, keine falsche Hoffnung auf Genesung machen, noch diese in Abrede stellen und ausdrücklich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Geschichte zu 100 Prozent frei erfunden ist.
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Rainer Rau
Wachkoma
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Inhaltsverzeichnis
Titel
VORWORT – ODER IST ES EIN ZITAT?
1. Der Unfall.
2. In der Klinik.
3. Verräter erkannt.
4. Krisensitzung.
5. Beförderungsfeier.
6. Besuch einer alten Liebe.
7. Bankenverlust.
8. Im Wohnmobil der Luxusklasse.
9. Ein neuer Nachbar.
10. Bankermittlungen.
11. Beseitigungsplan.
12. Die Genesung.
13. Auftragsmord.
14. Die Verwechslung.
15. Observierung.
16. Obdachlose unter sich.
17. Geschenke für Freunde.
18. Der Schock.
19. Wiedersehensfreude.
20. Vier Seelen im Feuer.
21. Das Alibi.
22. Neue Kleider machen Leute.
23. Trauer am Grab bringt Freude.
24. Kündigung und Alibi.
25. Die Auferstehung.
26. Gute Reise ins Jenseits.
27. Ein stabiler Küchentisch.
28. Schauspieler ist man, oder ist man nicht.
29. Eine Auskunft für hundert Euro.
30. Eine Kiste mit Inhalt.
31. Profit der Banken.
32. Schnelle Preiserhöhung.
33. Abstand ist hilfreich.
34. Reisevorbereitungen.
35. Altes Haus ist schalldicht.
36. Ein Schweizer Nationalgericht.
37. Auge in Auge.
38. Der liebe Herr Sprüngli und die bilateralen Beziehungen.
39. Harter Stahl.
40. Lohnübergabe und Familienplanung.
Personen:
Impressum neobooks
Zitate werden oft gerne dazu benutzt, um dem Leser zu suggerieren, dass derjenige, der sie benutzt, sie auch versteht und danach handelt. In Wahrheit schmückt man sich lediglich mit vermeintlich schlauen Aussagen anderer.
Zitate werden oft auch Menschen zugeordnet, von denen sie gar nicht stammen. Verstorbene Personen können sich dagegen nicht wehren – Lebende wollen es nicht, bleibt doch ein Zitat oft länger im Gedächtnis als die Taten selbst.
Rainer Rau (geb. 1952) Autor und Autodidakt
Der Abschied von einer langen und wichtigen Arbeit ist immer mehr traurig als erfreulich.
Friedrich von Schiller (1759–1805) Deutscher Dichter, Philosoph, Historiker
Der Wagen von Marc Bennet fuhr ruhig wie ein Uhrwerk und schnurrte wie ein Tiger, wenn er das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Die Tachonadel kletterte auf gute 240 Sachen. Trotzdem waren kaum Fahrgeräusche im Inneren des Wagens zu hören. Die Lautstärke des Radios hingegen lief auf Maximum. Den neuen Hit von P!nk musste man auch laut hören.
Nur so konnte man abschalten, sagte er sich. Nur so vergaß man alles um sich herum.
Und das wollte Marc Bennet. Es hatte Ärger in der Bank gegeben. Im Vorstand traf man seiner Meinung nach falsche Entscheidungen, die er in seiner Abteilung und gegen seinen Willen umsetzen musste. Das war zwar schon des Öfteren in der Vergangenheit der Fall gewesen, aber die Forderungen der Geschäftsleitung nach ansteigenden Profiten wurden immer massiver. Gewinne standen nicht seit heute auf der Agenda der Banken, jedoch so übervorteilt wie in den letzten Jahren, wurde der Kunde König bei kaum einem anderen Dienstleistungsanbieter.
Insbesondere taten Bennet die Bankkunden leid, die ihre mühsam ersparten Groschen auf Anraten der Sachbearbeiter in Risiko geschäfte und langfristige Immobilien- oder Schiffsanleihen steckten. Mit solchen Anleihen machte die Bank immer ein gutes Geschäft.
Und dann war da die Frage seines Freundes, die ihn wie ein Hammerschlag traf.
Die Autobahn war zu dieser nächtlichen Stunde relativ frei und so konnte er diese hohe Geschwindigkeit fahren. Kontrollen gab es so spät sowieso keine. Die Nachtbesetzung der Autobahnpolizei war dafür personell nicht ausgerüstet.
Marc Bennet fuhr gerne schnell, war aber ein sicherer Fahrer und vermied jedes Risiko.
Er hatte sich nach dem Meeting in der Frankfurter Bank noch mit einem Kollegen zu einem Glas Bier in einer kleinen Gaststätte auf der »Freßgass«, nahe der alten Oper getroffen, was in Insiderkreisen über die Grenzen Frankfurts hinaus als angesagtes Lokal galt.
Von seinem Kollegen erfuhr er von Gerüchten über Unregelmäßigkeiten bei Überweisungstransaktionen seiner Abteilung. Genaues war jedoch nicht bekannt und so konnte der Kollege auch nur Andeutungen machen und keine detaillierten Informationen geben.
Bennet wusste aber, gab es erst einmal ein Gerücht, war dies nur schwer zu entkräften und seinem weiteren Karriereweg in dieser Bank hinderlich. Er musste herausfinden, was an dem Gerede dran war. Und es war Eile geboten, denn wackelte der Stuhl erst mal, dann konnte er auch ganz schnell kippen. Dafür würden dann schon liebe Kollegen sorgen, die in den Startlöchern scharren und auf Ablösung drängen würden.
Sie aßen eine Kleinigkeit im Lokal und tauschten dabei Erfahrungen, das Bankwesen im Allgemeinen betreffend, aus.
Klaus Kollmann war, wie Bennet auch, Leiter der Auslandsdevisenabteilung. Bennet für den Bereich Kundenbetreuung Hessen Nord und Kollmann für Hessen Süd. So tauschten sie sich oft aus und hielten sich, banktechnisch gesehen, auf dem Laufenden. Scherzhaft verglichen sie sich selbst und ihre Tätigkeit mit Aldi Nord und Aldi Süd.
Bennet arbeitete nun schon 21 Jahre bei der deutschen Wertbank in Frankfurt und Kollmann ebenfalls schon stattliche 18 Jahre.
Es entstand im Laufe der letzten zehn Jahre eine Freundschaft zwischen ihnen und sie unternahmen mit ihren Frauen Ausflüge und fuhren auch schon mal zusammen in den Urlaub, wobei die Reisen, durch die eigene Bank organisiert, sie ins europäische Ausland sowie nach Amerika und Afrika gebracht hatten. Beide Paare waren kinderlos. Ihre Interessen aber waren gleichen Ursprungs und drehten sich um Geld, Arbeit, Urlaub und Hobby.
Kollmann hatte eine sehr persönliche Frage auf den Lippen und man sah ihm an, dass er mit sich kämpfte.
Bennet schaute ihm in die Augen und sagte: »He, was ist? Was hast du? Irgendetwas willst du doch wissen. Was? Sag schon!«
»Es geht mich ja nichts an … aber als wir das letzte Mal bei Euch waren …«
»Ja, wir haben im Garten gegrillt. Was war da?«
»Ist mit dir und deiner Frau alles in Ordnung?«
»Ja. Natürlich. Wie kommst du darauf?«
»Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Maria sagte mir auf der Heimfahrt von euch, dass sie ein komisches Gefühl hätte, als ob deine Frau einen anderen hätte. Sie hätte sich so seltsam benommen.«
Marc Bennet war sprachlos. Erst nach langen Sekunden, in denen sein Freund ein sehr schlechtes Gewissen hatte, sagte er: »Nein. Hat sie bestimmt nicht. Das wäre mir aufgefallen. Das würde ich doch bemerken!«
Kollmann nickte und schaute in sein Bierglas. Er dachte, dass dies wohl eher Frauen bemerken würden. Männer hatten wohl für solche Signale keine allzu große Sensibilität. Das wollte er Bennet aber jetzt nicht sagen.
»Und sonst ist alles zwischen euch in Ordnung?«
»Wenn du unser Liebesleben meinst? Ja. Ist ok. Na ja, es ist nicht mehr so wie früher. Der Alltag eben. Auch nicht mehr so oft. Die vielen Überstunden in der Bank. Da bist du abends schon k.o.«
»Wie oft ist denn bei euch oft?«
»He, wie oft macht ihr es denn noch?«
»Dreimal oder viermal die Woche schon. Und ihr?«
»Puh, was für eine Frage.«
»Schon gut. Du musst mir nicht antworten. Es war auch blöd, dich darauf anzusprechen. Maria sieht bestimmt Gespenster.«
»Ja, sicher. Sag ihr, es ist alles in Ordnung. Jetzt ruf ich mal zu Hause an und werde Sabrina bitten, eine Flasche Sekt kalt zu stellen. Dreimal die Woche muss doch aufzuholen sein.«
Sie lachten und bestellten ein letztes Bier.
Bennet wählte die Festnetznummer zuhause und ließ es klingeln.
Sabrina ging nicht ans Telefon. Marc nahm an, dass sie schon schlief und dachte: Mist, das wird wieder nichts heute Nacht. Dass sie nicht zu Hause war, ahnte er nicht, obwohl der Stachel des Zweifels, den sein Kollege gesetzt hatte, schon sehr stach. Konnte das sein? Hatte Sabrina eine Affäre? Sah er Gespenster?
Bennet lenkte sich ab, indem er der jungen Bedienung hinterher schaute. Kurzer Rock und super Beine machten ihn schon immer an. Da spielte es keine Rolle, ob sie in der Bank arbeitete oder als Bedienung. Marc Bennet legte in solchen Momenten kein großes Gewicht auf Intelligenz. Er brachte aber mangelnde Intelligenz nicht unbedingt mit dem Beruf einer Kellnerin in Verbindung. Die Vorstellungskraft, im Bett eine nicht so intelligente Partnerin zu haben, half ihm über kleine Unsicherheiten hinweg. Das hatte er wohl gemeinsam mit Millionen anderen Männern.
Die Bedienung hatte allerhand zu tun und konnte seine Blicke nicht erwidern, obwohl sie die beiden schon bemerkt hatte.
Klaus Kollmann zahlte und verabschiedete sich von seinem Freund, dessen Gedanken von einer eventuellen Untreue seiner Frau nun doch nicht loskamen.
Konnte das wirklich sein?
Je mehr er darüber nachdachte, umso mehr räumte er die Möglichkeit ein.
Aber mit wem sollte sie ihn betrügen? Und war es eine flüchtige, oder eine tiefergehende Beziehung? Eine Affäre?
Wenn es überhaupt so war! Hatten sie sich schon auseinandergelebt?
Jetzt, wo sein Freund ihn darauf angesprochen hatte, wurde ihm bewusst, dass sie schon seit Monaten keinen Sex mehr hatten. Das war der Grund, warum er jedem Rockzipfel hinterher schaute. Intelligent oder nicht. Das wollte er aber gar nicht. Doch jedes Mal, wenn er seiner Frau näher kam, hatte sie eine andere Ausrede. Kopfschmerzen, Müdigkeit, zu viel zu tun, am Morgen früh aufstehen und viele andere Gründe wurden da vorgeschoben.
Die Stimmung wurde in den letzten Monaten immer schlechter. War sie früher ein lustiger Mensch, immer zu Scherzen aufgelegt, so hatte sie in letzter Zeit kaum gelacht.
Marc Bennet gab sich keine Schuld an dieser Situation. Er arbeitete bis spät in die Nacht. Er wollte ihr etwas bieten und machte das auch mit kleinen Geschenken deutlich.
Aber was hatte sie dann? Sie war nicht der Typ, der fremdging nur um des Sexes willen. Sie hatte nie große Ansprüche an ihr Sexualleben gestellt.
Er musste mit ihr reden. Er würde sie einfach fragen, ob sie ein Verhältnis hätte. Und was dann? Was wäre, wenn sie mit Ja antworten würde? Müssten sie sich dann trennen? Was würde das finanziell bedeuten? Wer würde aus der Wohnung ausziehen? Oje, was kommt da auf mich zu?
Weitere tausend Fragen zuckten in seinem Gehirn herum. Auf keine Einzige fand er eine Antwort.
Er sollte jetzt erst einmal nach Hause fahren und seine Fragen ruhen lassen.
Er hörte die Musik. Er fuhr schnell. Er versuchte, die Fragen in seinem Kopf zu unterdrücken.
Er achtete einfach nicht mehr auf sie. Und er achtete auch nicht auf die Autos hinter ihm. Es gab auch nur für kurze Zeit hinter ihm ein Auto, wenn er es überholt hatte.
Bis auf den schwarzen Chrysler 300 C, der ihn schon seit Frankfurt verfolgte und der nun bis auf wenige Meter an ihn herangekommen war.
In einer leichten Linkskurve fuhr die 218 PS starke Limousine hinten links in die Seite des Mercedes von Marc Bennet. Er hatte den Zusammenstoß nicht kommen sehen. Bennet war so sehr abgelenkt, dass er nicht einmal bemerkte, dass er gar nicht mehr fuhr, sondern flog. Besser gesagt, sein Auto flog. Es streifte die Leitplanke, wurde vorne angehoben und schoss über die Leitplanke hinaus. Beim Aufprall überschlug er sich mehrere Male und blieb 50 Meter weiter unterhalb der Autobahn an einer kleinen Böschung auf der Wiese liegen.
Der Chrysler gab Gas und verschwand noch, ehe Bennets Wagen kopfüber mit dem Dach auf dem Boden zum Liegen kam.
Der Unfall wurde nicht bemerkt, da die nachfolgenden Fahrzeuge erst viel später die Unfallstelle passierten und man in der Dunkelheit nichts Auffälliges erkennen konnte. Selbst die Leitplanke war nur unwesentlich stark nach hinten gebogen.
Marc Bennet war angeschnallt und alle vier Airbags reagierten beim Aufprall sofort, trotzdem schlug sein Kopf an das Seitenfenster an. Er hing kopfüber im Sicherheitsgurt und fiel nach kurzer Zeit in eine tiefe Ohnmacht, aus der er nicht so schnell erwachen sollte.
Erst am nächsten Morgen fand ihn ein Bauer, der sehr früh mit seinem Traktor auf dem Feld unterwegs war. Da er kein Handy dabei hatte, was er auch nicht konnte, weil er überhaupt keines besaß, fuhr er wieder ins Dorf zurück und rief von der Tankstelle aus die Polizei an.
Nach weiteren zwei Stunden war Marc Bennet geborgen und wurde mit einem Rettungshubschrauber ins Klinikum nach Frankfurt geflogen.
Seitdem liegt er auf der Intensivstation im Wachkoma.
Ich schätze seine völlige Abwesenheit sehr.
William Shakespeare (1564–1616) Englischer Dramatiker
Es war dunkel und Bennet nahm an, gerade in seinem Bett in einem Hotel nach durchzechter Nacht aufzuwachen. Sein Kopf brummte und er glaubte, das käme vom Alkohol. Er konnte sich jedoch nicht an ein Saufgelage erinnern.
Er führte Selbstgespräche. Er sprach laut und deutlich. Doch hören konnte ihn keiner.
»Noch einen Moment ausruhen. Wo bin ich hier überhaupt? Mann, ich muss wohl alles an Schnaps getrunken haben, was da war. Wo war die Feier eigentlich? Kann mich nicht erinnern. Hallo, ist da wer?«
Die Fragen blieben unbeantwortet. Er war allein im Zimmer. Durch das Fenster schien etwas Licht in den Raum.
Marc Bennet wollte den Kopf drehen, um nachzusehen, in welchem Raum er sich befand. Dies aber gelang ihm nicht. Nicht einmal seine Augen konnte er bewegen. Seine Hände und Beine gehorchten ihm auch nicht, obwohl sein Gehirn ständig Befehle an alle Extremitäten sandte, sich bemerkbar zu machen.
Panik kam in ihm auf. Was war hier los? Warum konnte er sich nicht bewegen?
Dann ging die Tür auf und das Licht wurde eingeschaltet. An seinem Fußende ging eine Frau in weißer Kleidung vorbei und zog den Vorhang vom Fenster weg.
Bennet sprach mit ihr: »He, wo bin ich hier? Wer sind Sie?«
Sie beachtete ihn aber nicht. Dann kam eine ältere Frau, ebenfalls in Weiß gekleidet in den Raum. Sie tadelte ihre junge Kollegin.
»Du sollst doch mit den Patienten sprechen, wenn du ins Zimmer kommst!«
»Wozu? Er kann mich doch sowieso nicht hören.«
»Man weiß es aber doch nicht so genau. Vielleicht können Komapatienten doch etwas hören. Musik soll da wahre Wunder bewirken, sagt der Arzt.«
»Soll ich jetzt singen, oder was?«
Die ältere Krankenpflegerin schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, trat an das Bettende und sah Bennet an. »Guten Morgen, Herr Bennet. Haben Sie gut geschlafen? Ach so, Sie schlafen ja ständig. Na ja, dann wollen wir Sie mal im Schlaf frisch machen.«
Mit diesen Worten schlug sie die Bettdecke zurück.
Bennet protestierte.
»Nein. Nicht! Lassen Sie das!«
Doch die beiden kannten kein Erbarmen und so wurde ihm sein Krankenhausnachthemd über den Kopf gezogen.
»He! Nein. Nicht! Ich bin ja nackt. Gehen Sie raus. Was machen Sie mit mir?«
Er bekam eine Gesichtswaschung und die beiden Frauen arbeiteten sich mit dem Waschlappen weiter nach unten, was Bennet zu neuen Gefühlswallungen aufrief.
»Nicht da! Weg mit den kalten Händen. Oh. Wie peinlich. Nein, lassen Sie das gefälligst sein!«
»Jetzt ist er schon vier Wochen hier und immer noch ist keine Besserung in Sicht.«
»Ja, so ein Wachkoma kann lange dauern. Bei einer Tante meiner Schwägerin hat es drei Jahre gedauert, dann erst ist sie aufgewacht. Und dann war sie ganz deppert. Kein vernünftiges Wort hat sie danach herausgebracht.«
»Hoffentlich geht es bei ihm etwas schneller, das Aufwachen meine ich. Ist ja ein süßer Kerl. Könnte ihn gerade ein bisschen knuddeln. So, jetzt müssen wir den kleinen Pipimann und den knackigen Po auch noch waschen, dann sind wir auch schon fertig.«
»Was! Was? Nimm bloß die Hände weg. Nein, fort. Oh, ist das peinlich. Oh, warte. Ich pinkle dir die Hände voll, du Drachen. Willst du ihn wohl loslassen?!«
Es nützte Bennet nichts, sie wuschen ihn am ganzen Körper. Sie drehten ihn auf die Seite. Die jüngere Krankenschwester stützte Bennet. Dabei lag sein Gesicht weich gepolstert auf ihrem Busen, was ihm dann doch recht angenehm erschien.
»Ja, so bleib stehen. Das ist schön weich. Du solltest mir deine Telefonnummer geben, kleine Krankenfee. He, was machst du da unten? Weg da!«
Die ältere Pflegerin packte kräftig zu und trocknete Bennets untere Gefilde ab. Sie zogen ihm ein frisches Nachthemd an und deckten ihn wieder zu. Dann ließen sie ihn wieder alleine.
Er konnte langsam wieder klar denken. Also im Wachkoma liege ich hier. Und das schon seit vier Wochen. Aber wieso? Wie bin ich hierher gekommen? Und überhaupt, was bedeutet es, im Wachkoma zu liegen? Ich muss den Arzt fragen. Ach so, das geht ja nicht. Die können mich ja nicht hören. Aber ich kann sie hören. Und das wissen sie nicht. Oh Gott, was soll ich nur tun?
Marc Bennet fand keine Antworten auf seine Fragen. So stellte er nach einiger Zeit, als er sich etwas beruhigt hatte, die Fakten dar.
Also, ich heiße Marc Bennet, bin 42 Jahre alt, verheiratet, keine Kinder. Wo ist eigentlich meine Frau? Jedenfalls nicht hier. Ich liege im Krankenhaus und kann mich nicht bewegen. Und das schon seit vier Wochen. Halt! Denken und hören kann ich erst seit heute. Das konnte ich vier Wochen lang nicht? Oh Gott, Oh Gott. Was ist nur mit mir geschehen?
Dann kamen zwei Krankenschwestern ins Zimmer. Sie hängten eine neue Flasche mit einer klaren Flüssigkeit an den Metallständer neben Bennets Bett und kontrollierten Blutdruck und Puls. Dabei unterhielten sie sich über den neuen Chefarzt, der seit zwei Tagen an der Klinik tätig war.
»Hasst du ihn schon gesehen? Er sieht sehr gut aus. Ist aber, soweit ich weiß, verheiratet.«
»Na und? Erstens will ich nichts von ihm und zweitens war das noch nie ein Hinderungsgrund.«
»Was macht eigentlich deine Beziehung?«
»Was soll sie schon machen. Wenn er mal da ist, ist er müde. Ich mache das nicht länger so mit. Ich suche mir jetzt was anderes.«
»Viel Glück. Oh. Visite. Sie kommen schon. Lass uns gehen.«
Es erschien eine ganze Kompanie weißgekleideter Damen und Herren. Der neue Chefarzt stellte sich ans Bett und leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe in das rechte Auge von Bennet.
Der wurde unangenehm geblendet.
»Au. Mach den Scheinwerfer aus. Das tut weh. Nein, nicht auch noch das linke Auge. Au! Aua!«
Der Chefarzt fragte nach: »Also, was haben wir?«
Er wurde aufgeklärt.
»Marc Bennet, 42, Autounfall. Apallisches Syndrom ohne weitere Schädigung des Gehirns, soweit wir das bis jetzt feststellen konnten. Vermutlich ausgelöst durch langes Überkopfhängen im Sicherheitsgurt. Knochenbrüche beider Unterschenkel sowie eines Schlüsselbeins und zweier Rippen, die alle sehr gut verheilt sind aufgrund der langen Ruhezeit des Patienten. Platzwunde am Kopf, ebenso verheilt.«
»Wie lange schon komatös?«
»Vier Wochen.«
»Was wissen Sie über die Gehirnfunktion?«
Eine junge Ärztin antwortete dem Chefarzt.
»Normalerweise wird das Apallische Syndrom durch schwerste Schädigungen des Gehirns hervorgerufen. Dabei kommt es zu einem funktionellen Ausfall der gesamten Großhirnfunktion, wobei Zwischenhirn, Hirnstamm und Rückenmark unbeeinträchtigt werden. Die Betroffenen wirken wach, haben aber aller Wahrscheinlichkeit nach kein Bewusstsein.«
Der Chefarzt schaute die Ärztin von oben bis unten an und nickte. Ob er damit ihre Figur guthieß, oder ihr Wissen, war nicht erkenntlich. Ein junger Arzt aus der zweiten Reihe glaubte zu wissen, dass es um ihre Figur ging und musste, um nicht laut zu lachen, einen kleinen Hustenanfall vortäuschen. Dafür handelte er sich einen missbilligenden Blick des Chefarztes ein.
»Gut. Was bedeutet das?«
Ein männlicher Kollege beeilte sich zu antworten.
»Der Patient nimmt nichts um sich herum wahr. Es gibt keine Kommunikation mit ihm. Er kann nicht hören und nicht sprechen. Außerdem ist seine Motorik total eingeschlafen, sprich, er kann sich überhaupt nicht bewegen.«
»Was sind die Ursachen?«
»Meist eine schwere Schädigung des Gehirns, ausgelöst durch ein Schädel-Hirn-Trauma oder Sauerstoffmangel als Folge eines Kreislaufstillstandes. Es können aber auch weiterhin Schlaganfälle, Meningitis oder Hirntumoren …«
»Ja. Schon gut. Das trifft auf unseren Patienten nicht zu. Also, was haben wir hier de facto?«
Die junge Ärztin war wieder einmal schneller.
»Einen Patienten, der im Koma liegt, aber keine ersichtlichen Hirnschädigungen aufweist, nicht künstlich beatmet werden muss und sonst auch einen gesunden Eindruck macht.«
»Exakt. Eine Seltenheit bei den 10.000 Komapatienten, die wir zurzeit in Deutschland haben. Wie ist die Versorgung bisher?«
»Nach MRT (Magnetresonanztomographie) und EEG (Elektroenzephalogramm) haben wir es nicht für notwendig gefunden, eine Ernährungssonde zu legen. Lediglich eine Urinableitung wurde bis gestern angelegt. Nach vollständiger Verheilung der Knochenbrüche haben wir vor einer Woche damit begonnen, therapeutische Übungen zu absolvieren. Ebenso konnten wir eine leichte Besserung der Schluckfunktion feststellen. Mit einer Musiktherapie sollte nächste Woche begonnen werden.«
»Ja, gut so weit. Machen Sie das. Wie lange hat es gedauert, bis der Patient eingeliefert wurde?«
»Man hat ihn erst am Morgen gefunden. Der Unfall geschah schon abends.«
»Also doch noch unter 24 Stunden. Das erhöht die Chancen auf über 50 %. Kann eine weitere Versorgung im Familienkreis geschehen?«
»Seine Frau hat ihn schon mehrmals besucht. Ich glaube aber nicht, dass sie ihn pflegen kann. Und es war auch noch die Polizei da. Wahrscheinlich wegen des Unfalls. Er kann allerdings auch irgendetwas angestellt haben.«
»Gut. Ist nicht unsere Sache. Noch Fragen?«
Diese Frage war nicht ernst gemeint und der Chefarzt erwartete auch keine weiteren Fragen. Er drehte sich um und war im Begriff, das Krankenzimmer zu verlassen.
Eine angehende Ärztin traute sich noch im letzten Moment, eine Frage zu stellen.
»Können wir nicht doch irgendwie mit dem Patienten kommunizieren?«
Der Chefarzt blieb stehen und ging auf ihre Frage ein.
»Wie viele Patienten haben wir hier? Wie viele Ärzte und Pflegepersonal haben wir? Welche Zeit ist notwendig, die für jeden Patienten erbracht werden müsste, um eine bessere Genesung zu erzielen?«
Wiederum wollte der Chefarzt gehen, aber die junge Frau war eine »harte Nuss« und ließ nicht locker. »US-Forscher haben erst kürzlich Hirnströme von Menschen hörbar gemacht. Sie analysierten die Aktivität des Gehirns in einer bestimmten Region, während die Studienteilnehmer Stimmen lauschten. Die Daten wurden in ein Computermodell eingespeist. Dann hat man den Computer mit neuen Hirnstromdaten gefüttert, so konnte man ansatzweise Wörter rekonstruieren, welche die Probanten gehört hatten. Können wir hier nicht auch so was machen?«
Der Chefarzt war beeindruckt. Seine Gedanken drehten sich um die Frage, wie er es anstellen konnte, die junge Frau zum Essen einzuladen, ohne dass dies einer bemerkte. Erst einmal brauchte er ihren Namen. Das ging direkt.
»Ihr Name ist?«
Als sie ihn errötend sagte, gab er sich weltmännisch.
»Also Frau Hingsen, Sie haben die Zeitung gut studiert.
Auch ich habe den Artikel gelesen. Für die anderen zur Erkenntnis: Ein Team aus Hirnchirurgen und Neurowissenschaftlern von der Universität Berkeley in Kalifornien hofft, dass man in Zukunft einmal gedachte Wörter oder Sätze analysieren kann. Somit will man den Patienten helfen, die beispielsweise nach einem schweren Schlaganfall nicht mehr sprechen können. Man forscht dort schon seit Jahren. Ein nennenswerter Durchbruch ist noch nicht ersichtlich.«
Er schaute auf die Uhr.
»Um das Gespräch abzukürzen: In Deutschland fehlen für solche Forschungen einfach die Gelder. Ergebnisse aus den Forschungen der amerikanischen Kollegen können wir hier erst Jahre, wenn nicht Jahrzehnte später verwerten. Wer ist der nächste Patient?«
Sie gingen aus dem Zimmer und Bennet musste das Gehörte erst einmal verkraften. Jetzt wusste er, dass er einen Verkehrsunfall hatte. Aber wie und wo? Gab es weitere Beteiligte oder Verletzte? Seine Frau hatte ihn besucht. Aber war da nicht etwas mit seiner Frau?
Warum war die Polizei da? Und was sollte er angestellt haben?
Er zermarterte sich das Hirn.
Marc Bennet, denke logisch! Du bist eigentlich kerngesund. Na gut, ein paar Knochenbrüche, die aber fast ausgeheilt sind. Dann liegst du nur noch im Koma und kannst dich nicht bewegen. Sprechen kannst du auch nicht. Aber seit heute kannst du wieder verstehen, was die Leute so reden. Also geht es doch aufwärts mit dir.Jetzt brauchst du nur noch ein Weilchen, und du kannst wieder tanzen.Ha! Was ist mit deiner Bank … wer leitet jetzt deine Abteilung? Wo bleibt denn die Bedienung hier? Ich habe Durst.’
Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiß ich: Es stimmt.
Oscar Wilde (1854–1900) Irischer Schriftsteller
Der nächste Tag brachte Bennet gleich mehrere Überraschungen.
Zunächst kam wieder die junge Krankenpflegerin und wusch ihn von Kopf bis Fuß, was er wohlwollend zur Kenntnis nahm.
»Du kannst da unten herum ruhig etwas gründlicher und länger waschen.«
Sie tat ihm den Gefallen jedoch nicht und sie unterhielt sich auch nicht mit ihm. Sie machte ein weinerliches Gesicht, was ihn zu der Annahme veranlasste, dass es mit ihrem Freund nicht so gut lief.
»Tut mir für dich leid, Mädchen, aber so sind sie nun mal, die Männer.«
Als sie gegangen war, kam eine noch attraktivere junge Frau ins Zimmer.
»Guten Morgen, Herr Bennet. Ich bin Ihre neue Physiotherapeutin und werde Sie jetzt mal ein bisschen bewegen.«
Marc Bennet konnte sie vom Kopf bis zum Bauch sehen. Er verfluchte, dass er nicht weiter an ihr heruntersehen konnte. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen.
»Oh ja. Bewege mich. Setze dich auf mich, wenn es sein muss. Bringe mein Blut in Wallung!«
Sie schlug die Bettdecke zurück und setzte sich auf die Bettkante. Dann umfasste sie Bennets Schulter und zog ihn aufrecht. Nun bewegte sie seinen rechten Arm vor und zurück. Dass gleiche geschah mit dem linken Arm. Dann drückte sie seinen Kopf an ihre Schulter und massierte seinen Nacken.
Bennet war im siebten Himmel. Er stöhnte.
»Oh, warum kann ich nicht jetzt sofort meine Hände bewegen?«
Sie drückte ihn sanft ins Kissen zurück und wollte mit Bewegungsübungen der Beine weitermachen, da erschien ihr Kollege im Zimmer.
»Du wolltest doch deine Tochter im Kindergarten abholen. Los, mach schon. Ich mache hier weiter.«
Er kam ins Zimmer und Bennet sah den Mann nun richtig.
»Nein. Nein. Kleine. Du machst gefälligst weiter! Nicht dieser Bud Spencer.«
Die Frau verließ das Zimmer.
»Nein. Bleib hier. Komm zurück!«
Doch es kam nur der Hüne und dieser packte ihn. Seine Beine fingen an zu tanzen.
»Mann, nicht so grob, du Grobian! Die kleine Maus von eben hat das viel besser gemacht.«
Es half nichts. Der »Schlächter« sprach noch nicht einmal mit ihm, obwohl die sprachliche Kommunikation dem Heilungsprozess doch dienlich sein sollte.
Doch als die therapeutische Stunde beendet war, fühlte sich Bennet erfrischt und gleichzeitig ausgelaugt. Aber irgendwie besser.
Es klopfte zaghaft an der Tür und sie wurde gleich darauf geöffnet. Sabrina Bennet erschien am Bettende und zog ihren Mantel aus. Sie beugte sich zu Bennet runter und küsste ihn auf die Stirn.
»Hallo, mein Schatz. Da bin ich wieder mal.«
»Was heißt hier wieder mal? Ich bin vier Wochen hier und sehe dich heute zum ersten Mal. Und gib mir gefälligst einen richtigen Kuss auf den Mund. Deine Haare sind anders. Aha, warst beim Frisör. Hast dich echt schick gemacht, für mich. Für mich?«
Wieder ging die Tür auf und Bennets Kollege Thomas Herzog trat ein.
Bennet erkannte ihn sofort, als er hinter seine Frau trat.
»Hallo Thomas, altes Haus. Das freut mich riesig, dass du mich besuchen kommst. Sag was, ich kann dich hören. Wie geht’s in der Bank? Gibt es Probleme? … He … h … heeeeh … was machst du da? Lass die Hände von meiner Frau! He … Hallo! Nimm deine Pfoten von ihrem Arsch! Du sollst nicht an ihrem Hals rumknutschen. Ich glaub es nicht. Jetzt küssen sie sich. Vor meinen Augen! … Ah, ihr treibt es miteinander. Hinter meinem Rücken! Jetzt sogar vor meinen Augen.«
Sabrina Bennet zierte sich.
»Nicht Thomas. Lass das. Ich kann das nicht hier bei Marc.«
»Er hört und sieht uns doch nicht.«
»Wie? Du kannst das nicht hier? Woanders aber doch! Schlampe! Seit wann geht das schon so? Und sehen und hören kann ich euch wohl.«
»Ich hole uns mal einen Kaffee.«
Sie ging auf den Flur hinaus.
Thomas Herzog trat dicht vor Bennets Gesicht.
»Jetzt geht das schon vier Wochen so. Warum kratzt du nicht endlich ab? Warum bist du nicht gleich bei dem Unfall draufgegangen? Wir haben dich doch so perfekt abgeschossen und aus dem Wrack konnte doch keiner lebend herauskommen. Aber du doch. Jetzt muss ich mir was einfallen lassen, falls du irgendwann aufwachen solltest. Dann wirst du einen zweiten Unfall haben. Und den überlebst du nicht. Oder ich flöße dir hier in der Klinik einen giftigen Cocktail ein. In der Zwischenzeit kümmere ich mich ein bisschen um deine Frau. Ist übrigens gar nicht so langweilig im Bett. Hat eine besondere Vorliebe. Die musste ich erst herausfinden. Dann aber ging sie ab, wie ein Zäpfchen.«
Sein Handy klingelte und Herzog ging ran.
»Herzog. Ja. Nein. Was? Ich bin in der Klinik. Was ich hier mache? Ich versuche, herauszubekommen, wie der Zustand von Bennet ist. Mann, wenn es ihm besser geht, sind wir gearscht. Wie lief es in der Schweiz? Hast du die Schließfächer gemietet? Gut. Das Nummernkonto? Gut. Das Geld wird nun nach den letzten Umbuchungen auf das Schweizer Konto gehen. Es müsste bis übermorgen alles drauf sein. Dann können wir langsam damit beginnen, etwas abzuheben und einen Teil in Gold zu tauschen. Was? Klar, auch in Euro und Dollar. Ich lösche die Konten auf den Antillen, den Niederlanden, Mexiko und in Südamerika. Es darf keine Spur verfolgt werden können. Was? Ja. Nein, man wird nichts zurückverfolgen können. Für die Veruntreuung in der Bank ist einzig und allein Marc Bennet verantwortlich. Er hat die Überweisungen getätigt. Von seinem Rechner ging es aus. Ich muss Schluss machen.«
Marc Bennet war sprachlos. Er dachte angestrengt nach. Aber auch seine Gedanken fanden keine Erklärung für das Gehörte. Er fragte sich, ob er nicht doch lieber wieder ins Totalkoma fallen sollte.
Seine Frau kam mit zwei Bechern Kaffee ins Zimmer.
»Ich habe mit dem Arzt gesprochen. Es gibt keine nennenswerten Fortschritte. Wie lange soll das so gehen?«
»Hoffentlich nicht mehr lange.«
»Und dann? Wenn ich nur wüsste, was die Polizei von Marc wollte. Und den Unfallverursacher haben sie auch noch nicht gefunden.«
»Den werden sie auch nicht finden.«
»Was macht dich da so sicher?«
»Na ja. Ich meine, der ist bestimmt über alle Berge, nach so langer Zeit.«
»Könnte das nicht zusammenhängen?«
»Was meinst du?«
»Der Unfall und der Besuch der Polizei.«
»Ja. Erzähl doch mal. Interessiert mich auch, warum die Polizei mich sprechen will. Und mit dem Unfall hast du was zu tun, du Ganove.«
»In der Bank ist Geld verschwunden. Eine große Menge Geld. Mann nimmt an, dass Marc etwas damit zu tun hat.«
»Was? Das glaube ich nicht.«
»Doch. Alles spricht dafür.«
»Das glaubst du doch wohl selber nicht. Thomas Herzog, du hast da deine Finger im Spiel. Los sag’s schon. Sprich weiter.«
»Aber wieso? Marc würde nie die Bank bestehlen.«
»Bei dem Betrag, der fehlt, wird wohl jeder schwach.«
»Wie viel fehlt denn?«
»Ja, sag wie viel du geklaut hast.«
»Man munkelt etwas von 6 Millionen Euro. Morgen weiß ich mehr. Da ist eine Krisensitzung in der Bank angesagt.«
Sabrina Bennet wurden die Knie weich. Sie musste sich setzen.
Marc Bennet hätte es glatt hingeschlagen, er lag aber schon.
Anmaßung bei Verdiensten beleidigt noch mehr als Anmaßung von Menschen ohne Verdienst: Denn schon das Verdienst beleidigt.
Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844–1900) Deutscher Philosoph
Die Abteilungsleiter und Hauptverantwortliche aller betroffenen Abteilungen saßen schon eine Viertelstunde samt Sekretärinnen im Konferenzzimmer im obersten Stock der deutschen Wertbank in »Mainhätten«, wie Frankfurt auch im Volksmund genannt wird, beisammen. Die Skyline von Frankfurt ist zwar mit der von New York nicht zu vergleichen, Frankfurt hat aber die meisten Hochhäuser in Deutschland. In Big Apple wird wohl auch mehr Geld umgesetzt als in Frankfurt. Aber Frankfurt kann sich rühmen, Deutschlands wirtschaftliche Hauptstadt zu sein.
Eine bedrückende, nervöse Stimmung machte sich breit. Man wartete auf den Vorsitzenden des Bankenvorstandes. Alle anderen Vorstandsmitglieder waren schon anwesend.
Dann wurde die Tür ruckartig geöffnet und Dr. Herrmann Holighaus eilte herein, gefolgt von zwei in Nadelstreifenanzügen steckenden Bewachern. Ein Sekretär mit Aktenkoffer und zwei gutgekleidete, junge Frauen, deren bankinterne Tätigkeit auf den ersten Blick nicht ersichtlich war, folgten dem Vorsitzenden. Eine Wolke, ein Gemisch aus den teuersten Düften, welche eine Parfümerie zu bieten hat, schwebte über dem Konferenztisch.
Holighaus kam gleich zur Sache.
»Also, meine Damen und Herren. Jeder im Raum ist zu äußerstem Stillschweigen Dritten gegenüber verpflichtet. Nicht auszudenken, wenn die Presse davon Wind bekäme. Laut Jahresbericht sind bis Ende des Jahres noch 24 Prozent der gesetzten Gewinnzone zu erwirtschaften, um auf unseren Minimalsollwert zu kommen. Dies können wir schaffen, wenn es keine Aktieneinbrüche gibt. Schaffen wir es nicht, stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel. Das verlangt der Rechnungshof von den Banken so.«
Die Richtigkeit dieser Behauptung konnte im Moment keiner nachprüfen, es machte allerdings Eindruck auf die Anwesenden.
Jeder hatte um seinen Job Angst. So konnte sich der Vorsitzende sicher sein, dass es keine undichte Stelle geben würde.
»Legen wir mal die Fakten auf den Tisch. Frau Petersen, bitte.«
Die Frau im grauen Kostüm, was sicherlich von Dior stammte, stand auf, ging um die Sitzenden herum zum Tischende, wobei ihr ein Hauch von Versace folgte, und berichtete.
»Wir haben nach gründlichen Nachforschungen zurzeit einen Fehlbetrag von 65 Millionen Euro festgestellt. Allerdings sind noch nicht alle Unterlagen ausgewertet. Somit könnte sich der Betrag noch erhöhen.«
Ein Raunen ging durch die Versammlung.
Ein 44 jähriger Abteilungsleiter, auf dessen Visitenkarte jedoch nur Manager stand, der aber die Tätigkeit eines Vertriebschefs mit Masterabschluss ausübte und dessen vorversteuertes Gehalt bei 171.189,45 Euro lag, stellte die Frage, wo denn das Geld verschwunden sei und wohin mit welchen Zahlungsbegründungen.
»Es wurde vom Büro Nord für Devisenhandel europäisches Ausland in verschiedene europäische und südamerikanische Länder transferiert. Dies geschah durch viele Überweisungen, die von ihrer Höhe eher als gering eingestuft werden können. So fiel es zunächst nicht auf, dass überhaupt etwas fehlt. Auch der Überweisungsanlass erschien keinem verdächtig, obwohl man sich schon denken konnte, dass für den Europäischen Rettungsschirm, was mehrmals als Überweisungstitel angegeben war, doch größere Summen deponiert werden, zumal diese nur auf dem Papier bestehen und bis jetzt nicht wirklich fließen. Durch eine Überprüfung haben wir von der Inneren aber schnell reagieren können.«
Ein Vorstandsmitglied wollte wissen, wie die innere Sicherheitsabteilung, die im Allgemeinen die durch das Qualitätsmanagement festgelegten Sicherheitsbestimmungen überwacht, überhaupt von diesen Überweisungen erfahren habe.
Die Frau in Dior mit Versaceduft schaute zu Holighaus und dieser nickte.
»Wir haben einen Tipp bekommen, dass der leider vor vier Wochen verunglückte Abteilungsleiter Marc Bennet immer wieder bestimmte Geldsummen verschoben hat. Aufgefallen ist dies einem Kollegen von Herrn Bennet, der sich zunächst nicht traute, seinen Vorgesetzten anzuschwärzen.«
Die zweite gutgekleidete und äußerst attraktive Frau von der Internern Überwachung verzog das Gesicht und es war ihr anzumerken, dass sie der Sache nicht recht traute.
