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Unser Engagement ist nicht umsonst – wir sind stärker, als wir glauben. Rudi Anschober führt die Leserinnen und Leser in faszinierende Städte und Orte, in denen wunderbare Veränderungen zum Positiven bereits gelingen. Was in Paris, Turku, Kopenhagen, Uruguay, Kenia, Wien und zum Teil sogar in China möglich ist, kann morgen überall Wirklichkeit werden. Rudi Anschober holt die Pioniere vor den Vorhang, zeigt mit vielen Fakten, was es dafür braucht und wie Europa dabei zum Gegenpol zu der von US-Präsident Trump angeführten »Reaktionären Phase« werden kann. Dieses Buch schafft realistische Hoffnung, nichts ist derzeit dringender!
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Rudi Anschober
Ermutigung
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1. Auflage 2026
© 2026 Carl Ueberreuter Verlag GmbH
Frankgasse 4 | 1090 Wien
ISBN 978-3-8000-7842-4
eISBN 978-3-8000-8086-1
Alle Rechte vorbehalten. Jede Art der Vervielfältigung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme sowie Text- und Data-Mining sind ohne ausdrückliche Zustimmung des Verlages gesetzlich verboten. Gedruckt auf Papier aus geprüfter nachhaltiger Forstwirtschaft.
Covergestaltung: Saskia Beck | s-stern.com
Coverfoto: Barbara Wirl, wirlphoto.at
Satz: Lisa Wilfinger | Carl Ueberreuter Verlag
Druck und Bindung: Finidr s.r.o, Český Těšín
www.ueberreuter.at
Am Anfang
1 Wir sind stärker, als wir glauben
2 Die Revolution, die niemand kennt
3 Das System kann ins Gute kippen
4 Die Kraft der Gemeinsamkeit
5. Laufen wir AMOC?
6 Die Pessimismus-Falle überwinden
7 Wir können Geschichte(n) schreiben
8 Utopien schaffen Zukunft
9 Weltkrieg der Desinformation
10 Mut macht Veränderung
11 Ungleichheit bedroht die Demokratie
12 Sinn motiviert
13 Unsere Stärke ist die Beharrlichkeit
14 Wenn Katastrophen Veränderung bewirken
15 Regeln sichern die Zukunft
16 Unsere besten Helfer
17 Die Politik steckt in der Falle
18 Aufschrei für Veränderung
19 Noch ist nichts verloren
20 Jetzt kommt die Stunde Europas
21 Wer wir sein wollen
Literatur- und Quellenangaben
Der Autor
Als der Überfall auf die Ukraine nicht enden wollte, Donald Trump die Präsidentschaftswahlen in den USA gewann und die Welt sich in horrendem Tempo in die falsche Richtung zu entwickeln schien, war ich genauso frustriert wie Sie. Klima, Kriege, Krisen, Putin und Trump machen es uns schwer, an eine gute Zukunft zu glauben. Derzeit können sich viele das Ende der Welt besser vorstellen als ein Ende ihrer Zerstörung.
Ich habe mich daher auf die Suche nach dem Positiven gemacht.
Dabei bin ich vielfach fündig geworden. Ja, im Schatten der Katastrophen gibt es auch das Gegenteil: ermutigende Projekte mit vielen Fortschritten und Erfolgen, über die allerdings niemand spricht oder schreibt.
Dieses Buch öffnet den Blick auf diese positiven Entwicklungen, die unser Leben besser machen, auf große Erfolge, die im Schatten des Negativen gedeihen. Diese Erfolgsmodelle schaffen begründete Hoffnung, die wir gerade jetzt am notwendigsten brauchen. Denn Zuversicht ist der wichtigste Feind der extremen Rechten und die beste Antwort auf den Zerstörungstrieb narzisstischer alter Männer.
Die Erfolgsmodelle können uns als Mutmacher und Kraftquelle dienen, denn sie beweisen uns, dass Engagement nicht umsonst ist. Und sie zeigen uns, was wir anders machen müssen, um die notwendigen Veränderungen zum Positiven verwirklichen zu können.
80 Prozent der Weltbevölkerung wollen mehr Klimaschutz, Gerechtigkeit, Frieden und ein gutes Miteinander. Dieses Buch behandelt daher auch die Frage, wie sich diese große Mehrheit gegen die Zerstörer durchsetzen kann.
Ermutigung skizziert eine Architektur für den Weg in eine gute Zukunft, damit wir aus dem Ohnmachtsgefühl wieder ins Tun kommen. Lassen Sie sich anstecken! Bewahren wir uns die Lust auf eine gute
Zukunft! Machen Sie mit mir eine Reise zu den positiven Entwicklungen, die fast niemand kennt, und zu den Lösungen, die wir dringend benötigen.
Ihr Rudi Anschober
Bringen Sie sich ein, kontaktieren Sie mich:
www.anschober.at
Danke!
An einem Buch wie diesem sind viele Menschen beteiligt: Begleiterinnen und Begleiter, Unterstützer und Berater, Impulsgeberinnen. Danke vor allem dem Team des Ueberreuter Verlags und Petra. Danke aber ganz besonders den vielen engagierten Menschen, die die Erfolgsgeschichten dieses Buches verwirklicht haben und uns damit Mut und Zuversicht geben.
Plötzlich geht ein Ruck durch die Menge. Es ist förmlich zu greifen, wie sehr sich die Stimmung dreht. Bei vielen meiner Lesungen und Vorträge wiederholt sich dieser besondere Moment: Jener, ab dem der Glaube an die Zukunft plötzlich doch möglich scheint, ab dem statt Angst und Resignation doch wieder die Lust auf eine gute Zukunft die Oberhand gewinnt – und Zuversicht entsteht.
Es ist ein Symptom unserer Welt: Während die Vergangenheit wie schon in vielen Epochen zuvor schöngeredet wird, entwickelt sich die Aussicht auf die Zeit, die vor uns liegt, immer trister. Das belastet viele Menschen sehr, führt zu einer regelrechten Epidemie von Schwermut, Misstrauen, Angst und politischer Verwirrung. Wir leben im Zeitalter der Verunsicherung. Viele Menschen leiden darunter, dass alles immer schneller, lauter, hektischer wird. Das macht uns unsicherer, aggressiver, teilweise sogar feindlicher. Wir fühlen uns übersättigt vom Trommelfeuer an – meist negativer – Informationen, in denen wir oft die Grundlinien, das Wichtige, nicht mehr erkennen.
Viele haben die Lust auf das Neue verloren, die Neugier und die Vorfreude auf die nächsten Kapitel unseres Lebens und das unserer Kinder in einer guten Welt. Die Zukunft wird nicht mehr als Versprechen einer besseren Zeit empfunden, nicht mehr als offene Zeit, die von uns allen gestaltet wird, sondern als furchterregender Abgrund, auf den wir uns unwillkürlich hinbewegen. Das hat reale Ursachen: Kriege, Klimakrise und die irrationalen Handlungen einiger alter Männer an der Macht schockieren uns jeden Tag aufs Neue.
In Umfragen mit Tausenden Jugendlichen blicken sieben von zehn pessimistisch auf die Zukunft der Welt, 80 Prozent erwarten sich, dass die Gesellschaft weniger lebenswert wird. Untersuchungen belegen, dass immer mehr junge Menschen unter Zukunftsängsten leiden. Krisen und ihre Überspitzung durch Populisten machen Kinder krank.
Der Anteil der Zukunftsoptimisten hat sich in Österreich seit 2019 halbiert, die der Pessimisten verdoppelt. Das Vertrauen in die Politik ist gleichzeitig auf dramatische 19 Prozent gefallen, nur mehr 35 Prozent finden 2025 laut aktuellem Demokratiereport, dass das politische System in Österreich gut funktioniert. Sieben Jahre davor waren es beinahe doppelt so viele. 37 Prozent befürchten, dass in den nächsten fünf Jahren ihr Lebensstandard sinken wird – bei Älteren, der Landbevölkerung und Arbeitern ist dies sogar die Mehrheit. Nur mehr zehn Prozent, weniger als in allen anderen EU-Ländern, glauben an eine Verbesserung ihrer Lage. Viele haben die Überzeugung verloren, dass die Dinge gut werden können. Das macht etwas mit uns, mit unserem Leben, unserer Bereitschaft, uns für wichtige Themen der Gesellschaft zu engagieren, und mit unserem Wahlverhalten.
Wir sind in eine Pessimismus-Falle geraten und haben uns – aus gebührendem Anlass – angeheizt durch die andauernde Krankjammerei von Rechtsextremisten – in eine generelle Dynamik des Schlecht-Denkens und Schlecht-Redens von Welt, Gesellschaft und Politik verstrickt, sehen jene vielen Fortschritte nicht mehr, die im Schatten der Krisen erzielt werden. Gehirnforscher erklären uns, dass dieses Negativdenken auch unsere Fähigkeit einschränkt, gut mit Krisen umzugehen. Je schlechter die Stimmung, je größer der gefühlte Kontrollverlust, desto geringer ist das Vertrauen in die Gestaltungsfähigkeit von Gesellschaft und Politik, desto größer die Rate jener, die resignieren und nicht mehr bereit sind, sich zu engagieren. 80 Prozent der österreichischen Bevölkerung haben den Eindruck, ihre Stimme wird in politischen Fragen kaum oder gar nicht gehört.
Je schlechter die Stimmung, je geringer die Hoffnung auf eine gute Entwicklung, desto größer sind die Wahlerfolge von autoritären und reaktionären Parteien, desto seltener lösen Regierungen Probleme, desto weniger Hoffnung. Ein Teufelskreis, denn rechtsextreme Parteien haben kein Interesse an Lösungen, sie profitieren von Problemen und sinkendem Vertrauen, sie benötigen diese negative Stimmung für ihren Erfolg.
Sie sind die Gewinner der Pessimismus-Falle, reden alles so lange schlecht, bis eine Mehrheit den verzweifelten Ruf nach Veränderung zu jedem Preis erhebt.
Auf die Frage, wie es derzeit um die Welt steht, antwortet die Mehrheit in den meisten Staaten, es wird immer schlimmer, nur sieben Prozent meinen laut einer Befragung im Auftrag der Tageszeitung Der Standard in Österreich, dass das Leben in den letzten Jahren besser wurde. Laut Ipsos Populismus Report aus dem Juni 2025 meinen drei Viertel der Franzosen und jeweils rund zwei Drittel der Bevölkerung in Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden und Italien, mit meinem Land geht es bergab – in den letzten fünf Jahren hat sich dieser Wert um bis zu 30 Prozent erhöht.
Aber entsprechen diese Einschätzungen auch der Realität? Geht es tatsächlich auf allen Ebenen bergab? Die Verlässlichkeit unserer Zukunftsprognosen können wir am besten durch einen Blick in die Vergangenheit überprüfen.
Statistik kann daher eine geeignete Therapieform sein und unser Bild von den schleichenden Veränderungen objektivieren.
Wie war der Zustand der Welt vor einem Vierteljahrhundert am Beginn des Jahrtausends, wie hat sich seither unser Leben entwickelt? In etlichen Bereichen haben sich die Dinge laut Vermessungen der führenden Statistiken von Weltbank, Our World in Data, dem Civic Data Lab und einer spannenden Analyse von Zeit Online überraschend positiv verändert.
Die Welt entwickelte sich lange Zeit besser, als wir glauben …
Im Vergleich zum Jahr 2000 leben heute weltweit 60 Prozent weniger Menschen in extremer Armut. Aber: Es sind noch immer unerträgliche 673 Millionen Menschen, die an Hunger leiden. Um 5,5 Jahre ist seit dem Jahr 2000 die durchschnittliche Lebenserwartung gestiegen, seit dem Jahr 1900 hat sie sich sogar beinahe verdoppelt, seit meinem Geburtsjahr 1960 bis heute ist sie im weltweiten Durchschnitt von 47,8 auf 73,4 Jahre angewachsen. Vorsorge und medizinischer Fortschritt retten immer mehr Leben. Von entscheidender Bedeutung sind dabei globale Impfkampagnen, die etwa die Zahl der Poliofälle seit den 90er-Jahren um 99 Prozent verringern konnten.
Die Suizidrate ist weltweit seit 1990 um fast ein Drittel gesunken, in Österreich um rund 40 Prozent.
Die weltweite Sterblichkeit durch Luftverschmutzung ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten um 21 Prozent gesunken.
54 Prozent weniger Menschen erkranken pro Jahr an HIV, die Kindersterblichkeit ist stark rückläufig – sind bei meiner Geburt im Jahr 1960 weltweit noch 20 Prozent der Neugeborenen verstorben, im Jahr 2000 über zehn Millionen Kinder pro Jahr vor ihrem fünften Geburtstag, so sind es heute weniger als 3,7 Prozent. Allerdings steigt die Kindersterblichkeit 2025 erstmals wieder leicht an.
Die Zahl der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hat sich weltweit mehr als verdoppelt, der Anteil von Frauen, die Professuren innehaben, hat sich ebenfalls verdoppelt. Die Fortschritte der Wissenschaft sind sehr groß.
Der Zugang zur Bildung ist heute viel einfacher. Lag die weltweite Alphabetisierungsrate 1960 bei 41 Prozent, so stieg sie bis heute auf über 88 Prozent. Aber: Noch immer haben weltweit 250 Millionen Kinder keine Chance auf Schule.
Weltweit stieg der Frauenanteil in Parlamenten von 11,3 Prozent im Jahr 1995 auf mittlerweile 27,2 Prozent. In Österreich lag der Frauenanteil im Parlament von 1919 bis 1975 nie höher als 6,7 Prozent, 2002 wuchs er auf ein Drittel, in den letzten Jahren erreichte er um die 40 Prozent.
Eindeutig lässt sich belegen, dass Kinderarbeit in den letzten Jahren stark verringert werden konnte, doch immer noch werden weltweit 160 Millionen Kinder zur Arbeit gezwungen. Die Konzentration der Feinstaubpartikel nimmt genauso ab wie die Zahl der Katastrophentoten, sauberes Trinkwasser steht immer mehr Menschen zur Verfügung, Badeseen sind so sauber wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Die Zahl der Menschen mit Zugang zum Internet wächst stark, die Fläche der Naturschutzgebiete, der Zugang von Menschen zur Kultur und viele andere Bereiche zeigen starke Verbesserungen. Die Versorgung mit Elektrizität, vielfach Voraussetzung für Wohlstand, ist heute weltweit für 92 Prozent der Bevölkerung gegeben, 1990 waren es lediglich 73 Prozent.
Das weltweite Bruttoinlandsprodukt ist seit Beginn dieses Jahrtausends pro Kopf real um durchschnittlich 50 Prozent angewachsen.
Der Wohlstand auf dem Planeten hat sich dramatisch erhöht – doch er ist ungerechter verteilt denn je. Die reichsten 0,001 Prozent der Bevölkerung, die in ein Fußballstadion passen würden, besitzen dreimal so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Die Zahl der Milliardäre hat sich in diesem Jahrhundert mehr als verfünffacht.
Gleichgeschlechtliche Liebe ist deutlich stärker akzeptiert, Vielfalt wird als ein höherer Wert gesehen. Weltweit ist das Sicherheitsgefühl so hoch wie noch nie – 73 Prozent der Erwachsenen fühlen sich sicher. In Österreich hat sich die Menge der Straftaten gegen Leib und Leben halbiert, die Zahl der Morde seit den 80er-Jahren auf ein Drittel reduziert, der Global Safety Reportbewertet Österreich als viertsicherstes Land der Welt. Auch viele andere Indikatoren haben sich weltweit und ganz besonders in Europa und Österreich verbessert: Die Zahl der Bahnfahrten hat sich in Österreich seit der Jahrtausendwende genauso wie der Anteil Erneuerbarer Energie beinahe verdoppelt. Nach über 20 Jahren Verhandlungen wurde 2025 ein weltweites Hochseeübereinkommen abgeschlossen, das große Gebiete in internationalen Gewässern schützt.
Etliche vom Aussterben bedrohte Tierarten wie Seeotter, Weißkopfseeadler oder Breitmaulnashörner konnten durch Schutzmaßnahmen gerettet werden.
Das sind viele gute Nachrichten! Wir Menschen sind stärker, als wir glauben, die Entwicklung besser, als wir sie einschätzen.
Im Human Development Indexbeschreibt die UNO seit 1991 auf Basis objektiver Kriterien jedes Jahr die Entwicklung der Lebensqualität auf unserem Planeten. Jahr für Jahr werden neue Verbesserungen sichtbar, fast jedes Jahr bringt Rekordzahlen bei Bildung und Einkommen. Wir sind längst noch nicht am Ziel, die Welt versagt beim Schaffen von Gerechtigkeit und ist viel zu langsam bei der Umsetzung der Klimawende. Wir verfehlen daher das Ziel der Pariser Weltklimakonferenz 2015, doch sogar beim Klimaschutz machen wir mehr Fortschritte als wir glauben. Peak CO2, der Höhepunkt der klimaschädigenden Emissionen, konnte in der EU, den USA und Australien, zuletzt sogar in China überwunden werden. Bei den bisherigen Hauptemittenten beginnen die Emissionen teilweise deutlich zu sinken, vor allem aufgrund großartiger Erfolge der Energiewende hin zu den Erneuerbaren Energieträgern.
… und jetzt mit voller Kraft zurück in die Vergangenheit?
Doch wie schon bei vielen Revolutionen der Geschichte erleben wir kurz vor dem Durchbruch einen Rückfall, eine Gegenoffensive autoritärer Politik, die die liberale Demokratie und die Regeln des internationalen Rechts zerstören, den Nationalismus, das Recht des Stärkeren und die fossilen Energien verteidigen und wieder ausbauen wollen. Mit aller Kraft soll der Fortschritt zurückgedreht werden. Was noch vor Kurzem undenkbar schien, ist heute schockierende Wirklichkeit.
Am 24. Februar 2022 überfällt Russland auf Befehl von Wladimir Putin die Ukraine, Hunderttausende Soldaten und viele Zivilisten sterben. Der Krieg in Europa wird Wirklichkeit. Die ukrainische Grenze liegt nur 427 Kilometer Luftlinie von Wien entfernt. Ein Gefühl der Angst breitet sich aus.
Am 5. November 2024 gewinnt Donald Trump die Wahl zum Präsidenten der USA. Trump wird zum Anführer einer Gegenoffensive in der westlichen Welt, weg von Klimaschutz, internationalem Recht und den Werten liberaler Demokratien. Das ermutigt und bestärkt die Autokraten auf diesem Planeten.
Wirtschaftskrisen, mehr Menschen in existenziellen Nöten, die negative Grundstimmung, das fehlende Zukunftsvertrauen und das Trommelfeuer der Plattformen verstärken und beschleunigen diese Rückschritte. Ölkonzerne und die Tech-Oligarchen haben Trumps Wahlkampf finanziert, er liefert Politik in ihrem Interesse. Eine reaktionäre Phase beginnt und die bisherige Allianz der USA mit Europa und anderen liberalen Demokratien wird von Trump zerstört.
Wir erleben ein letztes Aufbäumen einer veralteten Form von Politik: gegeneinander, nur auf den eigenen Vorteil ausgerichtet, Machtpolitik mit Erpressung, zerstörerisch für den Menschen und seine Lebensgrundlagen, Politik im Dienst mächtiger Lobbys, die ihre milliardenschweren Geschäfte fortsetzen wollen, die mit aller Kraft die Klimarevolution stoppen und zurückdrehen wollen. Es sind entscheidende Jahre, denn nun muss diese Rückwärtsentwicklung möglichst rasch begrenzt werden, damit wir nicht wie vor hundert Jahren in einer dunklen Zeit landen. Dafür brauchen wir viel Kraft und Zuversicht, die wir am besten aus unseren Erfolgen ziehen.
Derzeit konzentriert sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Reaktionäre – nicht auf unsere eigene Stärke, auf Lösungen und Erfolge. Genau das zahlt in die Kassa extrem rechter Parteien ein. Sie wachsen weltweit stark, ohne etwas zu leisten. Die demokratischen Parteien sind nicht ausreichend imstande, Existenzängste durch mehr Gerechtigkeit und Stabilität abzubauen und die Krisen zu lösen. So könnten extremistische Parteien die reaktionäre Phase verlängern und verschärfen.
Höchste Zeit für politisches Engagement! Höchste Zeit für positive Kommunikation! Allerhöchste Zeit, die Stimmung zu drehen!
Revolution am Kipppunkt
Die vielen Verbesserungen der letzten Jahre sind daher alles andere als ein Ruhekissen, sondern Mutmacher. Sie können uns Hoffnung geben und uns in unserem Handeln für die vor uns liegenden Auseinandersetzungen um Klimawende, liberale Demokratie und die multilaterale Weltordnung stärken. Daher müssen wir gerade jetzt die Geschichten der vielfach unbekannten Erfolge erzählen, damit Hoffnungslosigkeit nicht zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Wir brauchen das Wissen unserer Erfolge als Kraftspeicher für die Gestaltung der Zukunft.
Positive Veränderung benötigt den Glauben an die Durchsetzbarkeit, die Perspektive, dass es Sinn macht, sich für eine bessere Welt zu engagieren. Nur mit der Kraft der Hoffnung, die wir auch aus Erfolgen in Vergangenheit und Gegenwart ziehen, schaffen wir die notwendigen Herausforderungen. Das Schlechtreden braucht eine Gegenerzählung voller Sinn, Zuversicht und Mut. Statt Flooding the zone with shit, wie es die Ideologen der extremen Rechten erfolgreich praktiziert haben, brauchen wir eine Durchflutung der Kommunikation mit Hoffnung – eine regelrechte Sinnflut.
„Ich konnte es mir lange Zeit gar nicht mehr vorstellen, wie wir trotz Trump, Putin, den Kriegen und der Klimakrise noch eine gute Zukunft für unsere Kinder schaffen können“, sagt mir nach einer Veranstaltung die 84-jährige Theresia, die mit zwei Töchtern und zwei Enkelkindern gekommen ist. Bei der Signierstunde meiner Bücher ist meist Zeit für Gespräche und einige Fotos – und für die Sorgen, die mitgebracht wurden. „Kann das noch gut gehen?“ ist die wichtigste Frage, die die meisten beschäftigt.
Derzeit können sich viele das Ende der Welt besser vorstellen als ein Ende ihrer Zerstörung. Kein Wunder, da wir seit Jahrzehnten nur hören, was alles schiefläuft. Nichts ist alternativlos, wir müssen Alternativen zur herrschenden Politik entwickeln, müssen uns eine andere Zukunft vorstellen können als die Apokalypse. An sie glauben, sie anstreben und verwirklichen.
Wir Menschen denken in Geschichten. Erzählungen geben, wie die Autorin Samira El Ouassil formuliert, den Menschen das Gefühl, das Richtige zu tun.
Fluten wir den Kommunikationsraum mit Positivem, Konstruktivem, mit Sinn und Erfolgen – und drehen wir so die Stimmung. Positives ist der größte Gegner von reaktionären Parteien. Denn rechte Wahlerfolge wachsen dort, wo der Glaube verloren geht, dass wir die Gesellschaft zum Besseren verändern können. Dann treten Bewahren, Abschotten und Verteidigen in den Vordergrund.
Dieses Buch erzählt Geschichten von Menschen, die handeln, und von bislang weitgehend unbekannten Erfolgen, die unser Leben besser machen. Kleine und große Schritte können evolutionäre Veränderungen auslösen. Es gibt diese Erfolge fast überall, aber fast niemand kennt sie und kaum jemand spricht über sie. Sie können uns Mut und Zuversicht für die großen Herausforderungen geben. Sie motivieren uns, aus der lähmenden Untergangsstimmung herauszukommen. Denn diese Erzählungen zeigen uns, dass es nicht umsonst ist, sich zu engagieren.
Trotz der vielen Krisen. Gerade wegen der schwierigen Zeiten. Die Erfolge ermutigen uns zu einer anderen Bewertung der Welt und zum Handeln. Sie bringen uns Schritt für Schritt den positiven Kipppunkten näher.
Und daher antworte ich Theresia: „Wenn so viele Einzelne so vieles erreicht haben, warum sollten wir alle es dann nicht gemeinsam schaffen, den aktuellen Gegenwind zu überwinden?“
Zuversicht aufgrund unserer Erfolge ist der größte Antrieb für unser Engagement, der wichtigste Feind der extremen Rechten und die beste Antwort auf den Zerstörungstrieb narzisstischer alter Männer. Diese Hoffnung brauchen wir derzeit mehr als alles andere, um aus dem Ohnmachtsgefühl wieder ins Tun zu kommen.
Bei meinen Veranstaltungen lasse ich die Besucherinnen und Besucher anfangs immer raten, wie weit die Energiewende bereits fortgeschritten ist. Was meinen Sie? Sie werden staunen, gleich folgt die Auflösung.
Es ist ein windiger, kühler, aber sonniger Sonntag im April des Jahres 1984. Vier Personen machen ihren Traum wahr: Sie errichten auf ihren Hausdächern in der Steiermark thermische Solaranlagen im Selbstbau. Aufgerüttelt durch das Ölembargo 1973, das die Risiken der Abhängigkeit vom Ölimport aufzeigt, ermutigt durch den überraschenden Erfolg bei der Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des einzigen österreichischen Atomkraftwerkes in Zwentendorf im Jahr 1979, schließen sich immer mehr Engagierte zusammen und entwickeln energiepolitische Alternativen wie Selbstbaugruppen für Solaranlagen und Einkaufsgemeinschaften.
Zuerst werden Seminare, Workshops und Ausbildungskurse absolviert, niemand will ein Risiko eingehen. Werner ist der Initiator, erst wird sein Hausdach zum Kraftwerk, an den nächsten Wochenenden folgen die Dächer seiner Kollegen.
Jetzt werken die vier hoch oben. Allen ist etwas mulmig zumute, aber es überwiegt die Vorfreude. Vom Reden zum Handeln – sie sind stolz auf diesen großen Schritt. Werner jubelt am Abend: „Das war meine erste Dusche mit von der Sonne geheiztem Wasser, ein großartiges Gefühl! Jetzt noch ein Hackgutofen, und die Wärmeversorgung aus der Region ist Wirklichkeit.“
Doch nicht jeder Interessierte ist ein talentierter Handwerker. Daher finden sich auch in Oberösterreich vier Engagierte und gründen die Maschinen- und Energieanlagen GmbH MEA, die die ersten regional industriell produzierten Solarthermieanlagen erzeugt. Eine neue Branche, erste Arbeitsplätze entstehen, eine dynamische Erfolgsgeschichte nimmt Fahrt auf.
Etwas später startet die solare Stromerzeugung. Erst seit dem Jahr 2008 kommt es in Österreich zu einem sichtbaren Ausbau, in Deutschland durch richtige politische Weichenstellungen schon zehn Jahre davor.
Was folgt, ist die rascheste und erfolgreichste Energieumstellung in der Geschichte des Planeten. Wind und Sonne erkämpfen immer größere Marktanteile, die weltweite Errichtung von einem Terawatt Sonnenstrom dauerte seit der Produktion des ersten Moduls 68 Jahre, das zweite Terawatt nur mehr zwei Jahre, denn die Kosten vor allem für Solarmodule zur Stromerzeugung fallen immer stärker: seit den 1980er-Jahren im weltweiten Durchschnitt um 99,6 Prozent! Auch die Kosten der Batteriespeicher sinken um 99 Prozent, der Preis von Windstrom um 80 Prozent. Es ist ein exponentielles Wachstum, das Sonne und Wind zur preiswertesten Energieform macht. Das Zeitalter der Erneuerbaren Energie ist nicht mehr zu stoppen. Vor allem bei der Elektrizität, langsamer, aber ebenso unaufhaltbar bei Elektromobilität und Wärmeerzeugung. Die installierte solare Kapazität liegt im Jahr 2000 weltweit bei rund einem Gigawatt, Anfang 2026 bei 2200 Gigawatt weltweiter Gesamtkapazität. Allein im kleinen Österreich produzieren rund 500.000 Solaranlagen Strom, in Deutschland über fünf Millionen Anlagen auf Dächern, Balkonen und Grundstücken. Dauerte es 2004 noch ein Jahr, um weltweit ein Gigawatt an solarer Kapazität zu installieren, so geschieht heute beinahe das Doppelte – pro Tag! „Good morning, sunshine!“, titelt das Wissenschaftsmagazin Science und bezeichnet 2025 als Jahr des Durchbruchs der Erneuerbaren.
„Ich kann es einfach nicht glauben, wie sich die Sonnenenergie entwickelt“, jubelt Jenny Chase, Analystin von Bloomberg, gegenüber der New York Times. „Hätte mir das vor 20 Jahren jemand erzählt, wo wir heute stehen, hätte ich ihn ausgelacht. Jetzt werden wir Zeugen einer großartigen Revolution!“
Die weitere Entwicklung wird fantastisch, die Welt dreht sich bei der Stromerzeugung mit Volldampf in die richtige Richtung: Spätestens 2033 wird Sonnenenergie die größte Stromquelle des Planeten sein, schon heute ist sie die preisgünstigste. Bereits im Jahr 2024 erzeugen Wind- und Solarenergie zusammen mehr Strom als Wasserkraft.
Im Jahr 2025 überflügeln die beiden Erneuerbaren Energieträger weltweit die Kohle und steigen zur größten Stromerzeugungsquelle auf, denn auch die Stromproduktion mit Gas wird eingeholt – 2019 lag Gas noch um das Dreifache vor Sonne und Wind.
In den Jahren 2025 und 2026 übertreffen erstmals sowohl Windenergie als auch Photovoltaik die weltweite Stromerzeugung aus Kernkraft.
Im Jahr 2028 machen Erneuerbare Energiequellen nach konservativen Prognosen über 42 Prozent der weltweiten Stromerzeugung aus, eine unglaubliche Transformation ist nicht mehr zu stoppen.
Und das ist erst der Beginn. Bis 2030 wird laut Prognosen der Internationalen Energieagentur die Erneuerbare Produktionskapazität im Vergleich zu 2022 um den Faktor 2,6 wachsen und damit auf 4600 Gigawatt ansteigen. Das bewirkt für viele Volkswirtschaften Milliarden an Einsparung. Seit 2010 reduziert Rumänien die Abhängigkeit von fossilen Importen von 19 auf 2 Prozent, China von 24 auf 7, Brasilien von 28 auf 4, Polen von 40 auf 19 und Dänemark von 64 auf 16 Prozent.
Auch die Installation von Speichersystemen zur Sicherstellung der Versorgung in Zeiten fehlenden Sonnenscheins oder von Windstille wächst exponentiell. Auch hier fallen die Kosten und die Effizienz verbessert sich, der Zubau wächst dadurch allein 2025 um 38 Prozent.
Erstmals wird auch solare Grundlast im großen Stil erzeugt. Abu Dhabi errichtet einen Batteriespeicher für tausend Megawatt, so viel rund um die Uhr zur Verfügung stehende Energie wie in einem AKW-Reaktorblock – doch viel preiswerter und vielfach schneller. Die weltweit größten in Betrieb befindlichen Anlagen in den USA, China und Australien speichern schon heute bei hoher Wind- und Solarproduktion Grünstrom, um ihn in Zeiten geringer Erzeugung bis hin zu Dunkelflauten (sowohl Sonnen- als auch Windproduktion fällt aus) zur Versorgung hunderttausender Haushalte wieder ins Netz einzuspeisen.
Die Produktion mithilfe Künstlicher Intelligenz, neuer Materialien und neuer Technologien wird die Energiewende weiter dynamisieren: Perowskit wird Solarzellen noch effizienter machen, durch Materialentwicklung wird die Windenergie noch leistungsfähiger, neue Batterien mit Verwendung von Vanadium und Sodium werden die Kosten der Speicher weiter senken.
Die Bekämpfung der Klimakrise ist ein Wettlauf mit der Zeit, es braucht daher noch mehr Tempo, noch schnellere Zuwächse der Erneuerbaren Energie, raschere Umstellungen auch bei Wärme und Mobilität und ein schnelleres Ende für Strom aus Kohle. Den Schlüssel dafür hält die Politik in Händen: Sobald die Wettbewerbsverzerrung durch unfassbar hohe Subventionen der fossilen Energie gestoppt wird, kann die Transformation zusätzlich dynamisiert werden. Der Internationale Währungsfonds schätzt die weltweite direkte und indirekte Subvention des fossilen Systems auf jährlich sieben Billionen Dollar.
Die Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen dem Iran und dem Oman mit lediglich 38 Kilometern Breite. Durch sie verläuft der gesamte Schiffsverkehr von und zu den Ölhäfen der Vereinigten Arabischen Emirate, Katars, Bahrains, Kuwaits und des Iran. Mehr als ein Viertel der weltweiten Ölversorgung mit einem täglichen Wert von einer Milliarde US-Dollar wird durch dieses Nadelöhr nach Asien, Westeuropa und in die USA transportiert. Immer wieder droht der Iran in Konfliktsituationen mit einer Sperre dieser Route. Die Folge wären Verknappung und rasche Preissteigerungen mit fatalen wirtschaftlichen und sozialen Folgen. Putins Überfall auf die Ukraine hat das Risiko unserer Abhängigkeit aufgezeigt, die Gaspreise für die Verbraucher sind innerhalb weniger Monate um bis zu 80 Prozent gestiegen. Das kann bei regionaler Produktion nicht passieren.
Doch auf die Abhängigkeit von milliardenteuren Importen von Öl, Kohle und Gas darf keine von Produkten aus China und problematischen Rohstoffquellen folgen.
Es war ein schwerer Fehler der europäischen Industriepolitik, grüne Technologien jahrelang zu vernachlässigen, Europa wurde so vom Vorreiter zum Einkäufer. Heute werden 80 Prozent der weltweit installierten Solarzellen, 70 Prozent der Windturbinen und Lithiumbatterien in China produziert. Doch diese Entwicklung ist umkehrbar. Das ist das im Net Zero Industry Actder EU festgeschriebene Ziel, bis 2030 müssen 40 Prozent der Erneuerbaren aus Europa kommen, dafür ermöglicht die EU-Subventionen, um die Versorgungssicherheit Europas sicherzustellen. Recyclingbonus und Europabonus sind also umsetzbar, eine einheitliche Vorgangsweise aller Mitgliedsstaaten ist notwendig. Die industrielle Produktion muss gezielt weltweit diversifiziert, an verschiedenen Standorten ausgebaut und zur Kreislaufwirtschaft mit der vielfachen Weiternutzung der Rohstoffe werden. Die Energiewende benötigt – wie etwa auch die Atomenergie, wie Smartphones, wie alle Halbleiter – große Mengen Seltener Erden, die derzeit zu einem großen Teil unter oft dramatischen Bedingungen für Mensch und Umwelt in der Inneren Mongolei abgebaut werden. Das wichtige Ziel der EU ist es daher, bei der Lieferung von Seltenen Erden bis 2030 von keinem Drittstaat zu mehr als 65 Prozent abhängig zu sein. Neue Projekte für die Förderung in Australien, Vietnam, Lateinamerika, Schweden und Deutschland und für Recycling entstehen.
Die Erneuerbaren haben einen entscheidenden Technologievorteil: Sie sind flexibel, einfach und schnell zu erzeugen und modernisieren sich daher im Gegensatz zu Großkraftwerken wie der Atomtechnologie innerhalb kurzer Zeiträume. Grüne Energieträger sind dezentral, sichern gute Lebensbedingungen für uns und die nächsten Generationen, schaffen Unabhängigkeit von krisenbedingten Preissprüngen, entlasten die Volkswirtschaften durch die Verringerung der Importkosten, schaffen regionale Arbeitsplätze und sichern stabile Energiepreise für Bevölkerung und Wirtschaft. Regionen, die den Ausbau von grünem Strom blockieren, werden als Industriemuseen enden.
Eine Analyse des renommierten Lazard-Institutes zeigt für Mitte 2025 einen imposanten Preisvergleich: Solarenergie liegt bei durchschnittlich 58 Dollar pro MWh, Onshore-Wind bei 61,5, fossiles Gas bei 78,5, verstromte Kohle bei 122 und Atomstrom bei 181 Dollar pro MWh. Immer mehr der neuen Solaranlagen werden für den Eigenverbrauch verwendet, immer mehr Batteriespeicher sorgen dafür, dass Sonnenenergie auch in der Nacht und an Tagen ohne Sonnenschein zur Verfügung steht.
Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) dokumentiert in einer Studie, dass 91 Prozent jener neuen Projekte, die mit Erneuerbaren Energien zur Stromproduktion im Jahr 2024 umgesetzt werden, deutlich billiger sind als Alternativen mit fossilen Brennstoffen. Das wirkt sich auch auf die Energiekosten von Haushalten aus. Wenn diese auf Solarenergie und Batteriespeicher umstellen, können sie sich mindestens 15 Prozent der Energiekosten ersparen, haben Wissenschaftler der Stanford University berechnet. Tendenz steigend. Und britische Experten sehen durch die Energiewende bis 2050 eine Halbierung der Energiekosten für Großbritannien. Die ökologische Revolution wird zur sozialen Entlastung.
Power to the people!
„Das ist keine Hitze mehr, das ist eine fürchterliche Strafe“, stöhnt Abideen Khan, ein Tagelöhner, der Lehmziegel brennt, im Gespräch mit der New York Timesin der südpakistanischen Stadt Jacobabad; dieser Ort zählt zu den heißesten der Erde. Bis zu 52 Grad Celsius misst man dort während der jüngsten Hitzewellen.
Der Motorradbote Shabaz Ali erzählt über seinen Arbeitstag in Karachi: „Es ist ein Leben wie im Ofen. Die Winter werden kürzer, die Nächte immer heißer. Der Beton heizt die Stadt auf, es gibt kaum Schatten von Bäumen. Wir halten irgendwie durch, aber das ist kein Leben mehr.“
Die Klimaprognosen der Wissenschaftler des Pakistan Meteorological Departmentverheißen nichts Gutes: Vor allem im Frühling zwischen März und Mai wird es noch deutlich wärmer, auch die nächtlichen Temperaturwerte werden weiter ansteigen. Sie sagen vorher, dass sich die heiße Jahreszeit von neun auf elf Monate des Jahres erweitern wird, die Anzahl der Tage mit besonders hohen Temperaturen wird in den nächsten Jahrzehnten von 15 auf 60 ansteigen.
Ob der Mensch seinen Körper ausreichend kühlen kann, hängt nicht nur von der Umgebungstemperatur, sondern auch von der Luftfeuchtigkeit ab. Experten sprechen daher von der Kühlgrenztemperatur, die sowohl die Temperatur als auch die Luftfeuchtigkeit berücksichtigt. Die bisher höchsten Kühlgrenztemperaturen wurden in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Pakistan gemessen. Temperaturen, bei denen auch bei gesunden jungen Menschen Hyperthermie, eine gefährliche Überwärmung des Körpers, entsteht.
Für die nächsten Jahrzehnte rechnen Wissenschaftler mit weiter steigenden Werten, insbesondere entlang der Flüsse Ganges und Indus in Indien und Pakistan werden laut Weltklimarat bis Ende des Jahrhunderts Kühlgrenztemperaturen auftreten, die für den menschlichen Körper tödlich sein können. Hier leben eine Milliarde Menschen.
Seit 2022 steigen als Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine auch in Pakistan die Strompreise, die Versorgung wird immer unzuverlässiger, viele Stromausfälle schaffen Notlagen für Millionen. Ohne Strom keine Kühlung durch kaltes Wasser, keine Klimaanlagen, keine Ventilatoren, kein Kühlschrank – immer mehr Menschen erleiden Hitzschläge. Eine, die daran fast gestorben wäre, ist die Mutter von Shafqat Hussain, mit dem die Deutsche Welle spricht. Während eines 28-stündigen Stromausfalls im Zentrum von Islamabad bricht seine Mutter mit einem Hitzschlag zusammen. Sie überlebt im Krankenhaus, ihr Sohn beschließt zu handeln: „Ich habe Sonnenkollektoren auf unserem Dach installiert. Seitdem sinkt die Stromrechnung um 80 Prozent, es gibt keinen Stromausfall mehr. Wir freuen uns über die neue Sicherheit.“
Überwältigt sitze ich vor Satellitenaufnahmen von pakistanischen Städten. Jene aus dem Jahr 2019 zeigen Dächer ohne Solaranlagen, jene aus 2025 hingegen in vielen Städten eine Aneinanderreihung von Solarmodulen auf den Häusern. Denn seit 2022 geschieht in Pakistan ein Solarwunder – ungeplant, unorganisiert und ohne Finanzierung, eine Überlebensstrategie der Bevölkerung, ein Kraftakt ohne Staatshilfe: Allein 2024 erfolgt ein Zubau um 17 Gigawatt, das ist mehr als ein Drittel der gesamten Stromkapazität Pakistans.
„Einfache Menschen kaufen und installieren die Anlagen selbst mithilfe von YouTube-Videos. Hier erfolgt wahrscheinlich der extremste Ausbau, der weltweit jemals in einem Land stattgefunden hat“, erläutert Dave Jones vom Energie-Thinktank Ember.
Es ist die Not und der unschlagbare Preis: „Module sind in Pakistan um 60 bis 80 Dollar zu haben, wir erleben eine Revolution der Konsumenten“, ergänzt Jones. Aus dem Nichts wird Pakistan innerhalb von nur drei Jahren zum sechstgrößten Produzenten von Solarstrom und zum weltweit größten Importeur von Modulen aus China.
So funktioniert Klimadomino, dies ist die Zeit nach dem Kipppunkt. Niemand spricht in Pakistan von der Klimawende, aber Millionen Menschen praktizieren sie, um ihr Leben zu verbessern. An die Solarwelle schließt die starke Zunahme von immer preiswerteren Batteriespeichern an. So kann das Netz entlastet und der Eigenverbrauch abgesichert werden.
Pakistans Solarwunder breitet sich mittlerweile in großen Teilen Südasiens aus – in Bangladesch produzieren bereits sechs Millionen Häuser auf ihren Dächern Solarstrom – und wird auch zum Vorbild für viele Staaten Afrikas, die in den vergangenen vier Jahren den Import von Solarmodulen versechsfachten. Ich blicke auf die Importgrafik der einzelnen Länder Afrikas – von Sierra Leone bis Nigeria explodieren förmlich die Zahlen. Schon jetzt ist die Einsparung von Dieselimporten enorm, ein Solarmodul amortisiert sich innerhalb von nur sechs Monaten. Nigeria geht den nächsten Schritt und errichtet eine eigene Megaproduktion für Solarpaneele.
Wer hätte das gedacht: Auch in Indien boomt die Energiewende, in nur einem Jahrzehnt wurde die Kapazität an Erneuerbarer Energie um 170 Prozent erhöht. Indien wird nach China zum zweitgrößten solaren Wachstumsmarkt der Welt, insgesamt bereits zur Nummer vier bei sauberer Energie: 2025 wird durch enorme Zuwächse bei Solar- und Windenergie Indiens Versprechen an die Weltklimakonferenz von Paris fünf Jahre früher erreicht – mehr als 50 Prozent der installierten Stromerzeugungskapazitäten sind nicht mehr fossil. Allein die Solarkapazitäten steigen innerhalb von nur zwölf Jahren von 1,6 auf über 97 Gigawatt, erstmals seit vielen Jahrzehnten wird dadurch in Indien und China die Nutzung der Kohle verringert.
Ähnlich verläuft die Entwicklung in Vietnam, wo attraktive Einspeise-Förderungen zu einem gewaltigen Solarboom führen, bis 2050 wird Solarenergie den Großteil der Versorgung übernehmen.
Nach langen Irrungen mit Megainvestitionen in die Atomenergie geht auch Südafrika mit Riesenschritten Richtung Solar. Begrenzungen der Dachsolaranlagen werden aufgehoben, der Ausbau steigt gewaltig, das Stromnetz wird in Zeiten des Spitzenverbrauchs entlastet. Südafrika zeigt die weltweite Todesspirale für Kohlestrom: Je mehr private Solarerzeugung, desto weniger Einnahmen für Südafrikas Energiegiganten Eskom, desto teurer muss Eskom seinen Kohlestrom verkaufen, desto mehr Private machen sich unabhängig durch die Eigenerzeugung von Photovoltaik. Aufgrund des Marktdrucks steigt Eskom nun selbst im großen Stil in die Energiezukunft ein und errichtet auf den riesigen stillgelegten Kohlearealen großflächig Solarkraftwerke.
Marokko wiederum ist bereits seit 2009 erfolgreich auf Kurs Energiewende. Das Projekt Noor (Licht) ist der Beginn, die Abhängigkeit zu 90 Prozent von fossilen Importen kann durch große Solarkraftwerke und Windparks im Bereich des Atlasgebirges und der Küste mehr als halbiert, der Ausbau der Erneuerbaren auf fast 50 Prozent gesteigert werden.
Kenia ist der grüne Vorreiter Afrikas. Bereits 90 Prozent der Elektrizität wird durch Wind, Wasser, Geothermie und zunehmend auch Solarenergie erzeugt. Bis 2030 sollen 100 Prozent erreicht werden. Am Turkanasee
