Ernis Erben - Wilhelm Gruber - E-Book

Ernis Erben E-Book

Wilhelm Gruber

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Beschreibung

Seit Ernst Patolak im Pflegeheim lebt, steht das kleine Fehnhaus an der Vosswiek leer. Jetzt ist er gestorben. Was wird aus seinem Haus? "Es darf nicht zu einer Ruine verkommen", wünscht sich Achim Nee, der Nachbar. Er hat allen Grund für seine Befürchtung: Zwielichtige Gestalten schleichen um das Haus. Im Vorgarten wird Müll abgeladen. Duch die sozialen Medien spukt etwas von Hausbesetzung. Und das am beschaulichen Obenende von Papenburg, Deutschlands längster Stadt, wie sie gern genannt wird. "Ernies Erben" führt den Roman "Wasserstandsmeldungen" fort, der einiges aus dem Leben von Ernst Patolak im Dunkeln ließ.

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Seitenzahl: 232

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wilhelm Gruber

Ernis Erben

Verlag & Druck:

tredition GmbH

 

Heinz-Beusen-Stieg 5

 

22926 Ahrensburg

Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck

Titelfoto: Michael Wessels

Satz: Rudolf Gier

© 2025 Wilhelm Gruber

ISBN

Paperback:

978-3-384-67338-1

 

e-Book:

978-3-384-67339-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische und sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Alles Gute, altes Haus!

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

… der Nachlass …

… Maisroute …

… endgültiger geht nicht …

… Groninger Poffert …

… Hamsterwiek …

… Goldrand …

… lang geleden …

… kleiner Wichtigtuer …

… Klok-klok-klok …

… was ist denn sonst wichtig …

… solche wie mich …

… nicht so nah am Wasser …

… Möbel, Trödel, Kitsch & Co …

… späte Umarmung …

… frenemy …

… untermuttern …

… pandemiegerecht …

… und sonst? …

… gern noch was erzählen …

… Special Guests …

… kriechender Wacholder …

Dank

Über den Autor

Ernis Erben

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

… der Nachlass …

Über den Autor

Ernis Erben

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… der Nachlass …

Die letzten Gäste haben sich von David verabschiedet. Alles ist bezahlt: Tee und Kaffee, belegte Brötchen, Butterkuchen und auch das ein oder andere Schnäpschen. Er steigt ins Auto und fährt los.

Das war Ernst. Seine Mia legt da oben ein gutes Wort für ihn ein. ‚Eigentlich kein schlechter Kerl‘, wird sie sagen. Hoffentlich finden sie sich; Oma Mia ist sicher nicht die Einzige, die am Himmelstor wartet.

David biegt in die Vosswiek ein zu Ernis kleinem Fehnhaus. Kein Trauergast, der nicht wissen wollte, was daraus wird.

Auf der Einfahrt steht ein grauer Golf, rückwärts eingeparkt, holländisches Kennzeichen. David greift zum Handy: 110 wählen? Er schüttelt den Kopf. Einbrecher kommen während der Beerdigung, nicht danach. Sie sind schnell wieder weg und parken nicht so auffällig, dass jeder sich in Ruhe die Nummer notieren kann.

Auf dem Pättken am Haus entlang regt sich etwas. ‚Was sucht der hier?‘, wundert sich David. Ein Mann kommt aus dem hinteren Garten, sieht nicht nach rechts und nicht nach links, steigt in den Golf und fährt davon. David merkt sich die Buchstaben und Ziffern des gelben Nummernschildes; schwer zu behalten. Er hat den Fahrer auf der Beerdigung gesehen, diesen in die Jahre gekommenen Freak, schwarze Krawatte und ein viel zu großer Anzug, wie vom Kostümverleih. Nicht am Grab kondoliert und nicht zum Kaffee geblieben, obwohl doch ausdrücklich alle Gäste eingeladen waren. Was hatte der hier zu suchen?

David fährt sein Auto auf den Stellplatz, nimmt die Kondolenzbriefe vom Beifahrersitz, steigt aus, schließt die Haustür auf und inspiziert die für Einbrüche bekannten Schwachstellen: nichts Verdächtiges. Neben dem Telefon liegt Ernis Adressbuch, er blättert darin: Luk de Boer, Dwarsweg 3, Wolderbrug, NL. Eine der wenigen Adressen, bei denen er die Todesnachricht mit Auslandsporto frankieren musste. Keine Ahnung, wer das sein mag. Ernst hat den Namen nie erwähnt.

Beerdigen ist anstrengend. David legt sich auf das Sofa, nur kurz, dann klingelt es an der Tür, laut wie eh und je. Für einen sanften Türgong war Ernst nie zu haben. Muss das jetzt sein? Er rappelt sich auf, schüttelt das Sofakissen und wankt zur Tür.

„Tut mir leid, wenn ich störe“, entschuldigt sich Achim Nee, der Nachbar. „Aber kennst du den Kerl, der vorhin hier war?“

David zuckt mit den Schultern. „Auf der Beerdigung zum ersten Mal gesehen.“

„Er hat Fotos gemacht, vom Haus und vom Garten, eines nach dem anderen, mal hier, mal da.“

„Fotos? Ist ja nicht verboten, aber was will er damit? Kennst du einen Luk de Boer aus Wolderbrug in Holland?“

„Nie gehört.“

Anna Nee kommt dazu. Sie umarmt David. „Ein würdiger Abschied. Diese einfühlsame Musik. Ich dachte, Toms Band kann nur laut. Der Pastor hat die rechten Worte gefunden.“ Sie blickt kurz zum Himmel. „Kanntest du diesen Holländer mit dem strähnigen Haar?“

„Hat Achim auch schon gefragt.“ David schüttelt den Kopf. „Sagt dir der Name ‚de Boer‘ etwas? An den hab ich eine Todesanzeige geschickt, nach Wolderbrug.“

„De Boer? Allerweltsname in Holland, ich kenn aber keinen, der so heißt.“

„Wird sich klären“, David sieht auf die Uhr. „Noch eben die Beileidsbriefe durchsehen, dann muss ich los. Bin morgen früh schon wieder auf der Station.“

Anna Nee verabschiedet sich mit Handschlag. „Sieh zu, dass du deinen Schlaf kriegst; hast anstrengende Tage hinter dir.“ Mit einem Schmunzeln fügt Achim hinzu: „Freu dich, dass es kein Fellversaufen gab. Das hat immer lange gedauert. Aber alle, die Erni noch als Säufer kannten, hat er um Jahre überlebt.“

David verkneift sich ein Grinsen und schließt die Tür. Am Wohnzimmertisch öffnet er einen Briefumschlag nach dem anderen, liest und legt die Geldscheine beiseite. Von einem Luk de Boer ist nichts dabei. War nicht zu erwarten. Aber wenigstens von Linda hätte er sich ein paar Zeilen erhofft. Er lässt die Umschläge noch einmal durch die Finger gleiten. Vergebens, kein Lebenszeichen, beide Lindas nicht zur Beerdigung gekommen und keine Nachricht. Er wählt ihre Nummer. Es meldet sich die Sprachbox. Dann eben später. Er stapelt die Briefe, legt sie auf den Schreibtisch und beschwert sie mit einem der Kieselsteine aus Ernis Sammlung. Die Geldscheine steckt er in einen Umschlag, schreibt die Summe auf die Rückseite und verstaut ihn in der Innentasche seiner Anzugjacke.

Auf der B 401 in Richtung Oldenburg überquert David den Küstenkanal. Er sieht auf die Wasserfläche. In der Ferne nähern sich die schnurgeraden Linien des rechten und des linken Ufers einander an. Das Handy klingelt. Über Bluetooth stellt sich das Radio leise. Er drückt die Freisprechtaste.

„Patolak.“

„Hallo Brüderchen, hier ist Noemi. Wie ist die Stimmung?“

„Wie nach einer Beerdigung.“

„Nach der Beerdigung eines Großvaters. Nur dass er für dich mehr war als nur dein Großvater.“

„Genauso ist es. Aber die Trauerfeier hat gutgetan. Der Pastor hat in seiner Rede nichts ausgelassen und trotzdem Ernst von einer menschlichen Seite gezeigt.“

„Hat mir auch gefallen, ich war überrascht. Ist dir übrigens dieser Herr in dem XXL-Anzug aufgefallen?“

David verzieht das Gesicht. Durchs Telefon sieht Noemi das nicht. Gut so. „Ja, warum fragst du?“

„Er hat sich ein Lied von mir gewünscht.“

„Welches?“

„Von Carly Simon ‚You‘re so vain‘. Zum Glück schraubte Tom an meinem Mikroständer herum. Er übernahm die Antwort: ‚Passt doch nicht zu einer Beerdigung! Wunschkonzert ist heute nicht angesagt!‘

Der Mann brummelte irgendwas zurück, hab nichts verstanden; hörte sich wie holländisch an.“

„You’re so vain? Du bist so vain? Was heißt denn ‚vain‘?“

„Eitel, sowas in der Richtung. ‚Du bist so eitel‘. Ein uralter Titel aus den frühen Siebzigern, hört man immer noch, nicht totzukriegen, ein Klassiker. Ich mag den Song, hab ihn sogar im Repertoire.“

„Hättest fast zugesagt?“

„Nein, so viel Takt hab ich gerade noch. Mir kam es ganz gelegen, dass Tom ihn abwimmelte.“

„Eure Musik hat gepasst. Ich kann mich gar nicht genug bedanken, bei dir und natürlich bei Grace und Tom. Der Beitrag war so eindrucksvoll. Applaus auf einer Trauerfeier, das habe ich noch nie erlebt. Ihr hättet hören müssen, wie beim Kaffee darüber gesprochen wurde. Jung und alt, alle waren begeistert. ‚Nachgetragene Liebe‘, sagte der Pastor. Erni war ansonsten gar kein Thema mehr. Nur schade, dass ihr nicht bleiben konntet.“

„Job ist Job. Wir sind rechtzeitig angekommen, hat noch geklappt. Der Soundcheck war perfekt. Gleich kommt unser Auftritt. Liebe Grüße auch von Grace und Tom.“

„Grüß zurück und gib meinen Dank weiter. Du bist auf der Bühne mit dabei? Übernimmst einen Part?“

„Ja. Ich singe ein Solo und begleite mich selbst auf der Gitarre. Mir schwitzen schon jetzt die Hände.“

„Toi, toi, toi! Ich drück dir die Daumen. Du kriegst das hin, Schwesterchen!“

„Danke. Und für dich morgen wieder einen guten Start in der Klinik. Sorg dafür, dass deine Kranken schnell nach Hause können.“

„An mir soll’s nicht liegen.“

In Oldenburg angekommen, schließt David die Wohnungstür auf. Er hört eine Stimme. Es ist Linda junior, die auf den Anrufbeantworter spricht: „… schön, wenn du eben zurückrufen könntest. Hat aber keine Eile, bin ab jetzt den ganzen Abend hier.“ Klack.

Mit dem Fuß drückt David die Tür ins Schloss, wirft sein Schlüsselbund aufs Regal, hastet zum Telefon, drückt die letzte Nummer der Anruferliste und hört schon nach dem ersten Weckton: „Hier Linda.“

„Da bist du ja. Hörst dich wohlbehalten an. Was war los?“

„Linda liegt im Krankenhaus, Linda Buchholz, meine Großtante.“

„Was ist passiert?“

„Wir waren am frühen Nachmittag unterwegs zur Beerdigung, gerade erst losgefahren, zu dritt. Am Steuer Verena, meine Oma, du hast sie ja kennengelernt, ihre Schwester Linda neben ihr und hinten ich. Obwohl wir spät dran waren, verlangsamte Verena die Fahrt. Sie stellte die Warnblinkanlage an und fuhr auf den Seitenstreifen. ‚Mit deiner Oma stimmt was nicht‘, sagte sie. ‚Linda!‘, rief sie laut, einige Male hintereinander. Keine Reaktion. Wir stiegen aus, ließen die Rückenlehne herunter und legten ihr ein Kissen unter den Kopf. Alles deutete auf einen Schlaganfall hin. Der Notarztwagen kam zum Glück sehr schnell.

‚Zurück nach Oldenburg in ein Krankenhaus mit Stroke Unit‘, hieß es. Wir fuhren hinter dem Rettungswagen her. Er hängte uns ab, weil er mit Blaulicht und Martinshorn bei Rot die Kreuzungen überquerte. Als wir ankamen, hatte die Lyse-Behandlung gerade begonnen; Linda lag schon am Tropf. Glück gehabt. Alles schnell erkannt. Ihr geht es wieder entsprechend gut. Sie lässt grüßen.“

„Danke. Grüß zurück und sprich ihr Mut zu. Hab mir Sorgen gemacht. Niemand von euch war da.“

„Tut mir leid, aber …“

„Nicht zu ändern. Alles glimpflich abgegangen. Wichtig war, dass ihr die ersten Symptome erkannt habt. Die Trauerfeier ist auch ohne euch über die Bühne

gegangen.“

„Dabei hatte ich ein Stück auf der Klarinette eingeübt.“

„Schade, aber das bleibt dir. “

Sie beenden das Gespräch und wünschen sich eine gute Nacht.

David will sich sofort schlafenlegen, aber das ‚vain‘ lässt ihm keine Ruhe. Er gibt ‚You’re so vain‘ bei Youtube ein und entscheidet sich für die älteste Aufnahme von 1972.

Das Bass-Solo vor dem Intro ist ihm sofort vertraut. Er kennt die Melodie; tausendmal im Auto gehört und immer den Refrain mitgesungen. Er singt auch jetzt: ‚You‘re so well‘. Erst bei der dritten Wiederholung fällt es ihm auf: Carly Simon singt: ‚so vain‘. Wer vain eingibt, bekommt vain. Er beißt sich auf die Unterlippe. Beim ersten Hören vor vielen Jahren wird er ‚well‘ verstanden haben. Seitdem falsch mitgeträllert. Was erwartet man von einem Song im Autoradio? Bei ‚so well‘ würde David jetzt beruhigt den Laptop zuklappen. Nicht aber bei ‚so vain‘; das beunruhigt ihn.

Mit ‚clouds in my coffee‘, endet der nächste Satz, den er mühelos versteht. ‚I had some dreams, they were clouds in my coffee.’ David schmunzelt. In dieser Gegend passt das besser zum Tee: Wulkjes, Wolken über dem knisternden Kluntje, dem berstenden Kandisgletscher. Wolken in der Tasse, Sturm im Wasserglas, verrückte Bilder! Und warum werden die Träume zu Wolken? Sie lösen sich auf und verfliegen. Wegen dieser eitlen Person? Wer soll das sein? Wer ist ‚so vain‘, so eitel? David will weiterklicken, den Songtext runterladen. Seine Müdigkeit spricht dagegen: Nicht jetzt! Nicht das ganze Netz durchstöbern, das dauert Stunden.

„Doktor Patolak ist wieder da!“, ruft am nächsten Morgen ein älterer Patient, der vor dem Aufzug wartet.

David nickt ihm freundlich zu. Im Arztzimmer wirft er einen Blick auf den Belegungsplan, gibt es Neuaufnahmen oder Entlassungen?

Schwester Gerda spricht ihn durch die geöffnete Tür an. „Da sind Sie ja wieder, Dr. Patolak. Ich mag gar nicht an den Besuch bei Ihnen zurückdenken. Erst das Treffen in dem gemütlichen kleinen Haus ihres Großvaters, die tolle Stimmung im Garten, dann der Auftritt in der Kesselschmiede, die Band Ihres Vaters ‚Luck up!‘. Dass dieser Tag so enden musste.“ Sie senkt bedauernd den Kopf, „wer hätte das gedacht?“

„Wir haben ihn gestern beerdigt, den guten Ernst.“

„Urnenbestattung?“

„Nein, das wollte er nicht; zu heiß. Ein kühles Grab, friedlich neben seiner Mia, so hat er sich seine letzte Ruhe gewünscht.“

… Maisroute …

Ernis Haustür steht einen Spalt weit auf. Der Durchzug lässt sie quietschen. David zieht die Tür ins Schloss. Bei Ernst war das undenkbar: Scharniere gaben keine Laute von sich. Es tropfte kein Wasserhahn, es brannte kein unnötiges Licht. Vor dem Schlafengehen knipste er in jedem Raum noch einmal die Lampen an, um zu sehen, ob die Fenster geschlossen waren. So war das bei Ernst. Jetzt ist alles anders: Die Dusche tropft, das Wasser fließt nur langsam ab, Glühlampen haben ihren Geist aufgegeben, der Türkeil für die Haustür ist nicht aufzufinden und der Briefkasten lässt sich nicht mehr schließen.

David wartet vor der Tür auf Linda. Sie haben sich zu einer gemeinsamen Unternehmung verabredet. Die Fahrräder stehen bereit. Eine Tasche am Gepäckträger ist bepackt mit Proviant und Getränken, Regenschutz und Flickzeug.

Ein Auto fährt vor. „Schöne Grüße von Linda, meiner großzügigen Tante. Sie hat mir den Mini geliehen“, ruft Linda junior durch das heruntergelassene Autofenster. „Sie ist auf dem Weg der Besserung. Kann bald in die Reha.“

Sie steigt aus, umarmt David und wundert sich über den Stand der Vorbereitung. „Wir können ja direkt los. Diese Gegend kenn ich so gut wie gar nicht.“

„Dann wird es Zeit. Ich zeig sie dir. Bei der ersten Etappe haben wir sogar Rückenwind.“

Linda mustert das Hollandrad.

„Kannst noch mal checken, ob alles in Ordnung ist“, empfiehlt David. „Zum Beispiel prüfen, ob die Sattelhöhe stimmt, das ist wichtig.“

Alles passt. Sie fahren los, mal rechts am Kanal entlang, mal links, je nachdem, wo es auf dem Radweg weniger rumpelt. Der Wind schiebt sie spürbar an. Ihren ersten Halt machen sie am Freilichtmuseum, es zeigt die Entstehung einer Fehnkolonie.

„Hier hätten wir Ernst dabeihaben müssen. Er spickte den Rundgang mit Geschichten und Anekdötchen.“

„Das Gelände allein bringt viel rüber: Der mit Torf bepackte Kahn auf dem Kanal, gezogen von Menschenhand, das halbfertige Schiff auf der Werftanlage und die Behausungen der frühen Siedler. Bei jedem Schritt gibt der Boden unter den Füßen nach. Man kann sich den kargen Alltag vorstellen. ‚Dem ersten der Tod, dem zweiten die Not, dem dritten das Brot‘, hab ich vorhin gelesen.“

„Hast du Lust, ordentlich in die Pedale zu treten?“, fragt David.

„Dafür bin ich gekommen.“

„Allerdings kneten wir dann auf dem Rückweg gegen den Wind.“

„Vielleicht dreht er ja.“

„Wenn du einverstanden bist, fahren wir erst mal ein ordentliches Stück, ohne anzuhalten. Unterwegs gibt es ein Picknick.“ Er zeigt auf die Fahrradtasche. „Dann geht es weiter nach Holland. Überraschung! Und auf dem Rückweg essen wir hier in der Stadt. Ich kenn ein paar Lokale, da ist es sehr lecker.“

„Gern.“

Sie fahren in Richtung Rhede. Von da soll es über Heede zur Festung Bourtange in Holland gehen. David kennt alle Wege, die Strecke ist „nicht anspruchslos“, wie er sagt, „aber machbar.“ Das Picknick hat er für Heede geplant. Unter der tausendjährigen Linde will er auftischen.

Kurz vor Rhede liest er auf einem Wegweiser: ‚Wolderbrug NL‘. Er dreht sich zu Linda um. Sie hat keine konkreten Erwartungen. Holland ist Holland.

„Trinkpause“, schlägt er vor und sucht neben der Kanalbrücke Platz für die Fahrräder. „Niedrigwasser im Dortmund-Ems-Kanal: Ebbe. Bis zur Schleuse in Herbrum erkennt man den Tidenstand.“ Er reicht Linda eine Flasche Wasser.

Sie kümmert sich um ihr Handy und trinkt nebenbei. David gibt auf seinem Navi das Ziel Wolderbrug ein: Gar nicht so weit, die Strecke wäre zu bewältigen. Er schiebt es unter die Klarsicht-Abdeckung der Lenkertasche, das Display ist lesbar. Auch Linda steckt ihr Handy weg, trinkt noch einen Schluck, gibt David die Flasche zurück und steigt wieder auf.

Keine schöne Strecke; eine maisgerecht ausgeräumte Landschaft. Auch nach längerer Fahrt ist weit und breit kein geeigneter Platz für das angekündigte Picknick in Sicht. Auf dem ursprünglich geplanten Weg nach Heede hätten sie eine Bank am Deich angesteuert, mit einem lauschigen Blick auf den Altarm der Ems eine Pause gemacht. Alles bestens bewährt. Aber nach Wolderbrug fährt er zum ersten Mal. Auch Lindas Gesicht verrät Unmut. Fürs Umkehren sind sie schon zu weit gefahren. Bald ist der Ort in Sicht. Er weckt nicht unbedingt Begeisterung. Zum Trost finden sie eine mit Filzstift verschmierte Bank. Zeit für eine Rast.

David öffnet die Fahrradtasche, breitet eine Decke aus, stellt eine Schüssel mit Obstsalat darauf, legt Käse auf ein Brettchen und schneidet ein Baguette in Scheiben. Er reicht ihr Teller und Besteck.

Sie blickt kurz von ihrem Handy auf und nimmt es entgegen.

„Guten Appetit“, wünscht David. Er zeigt auf sein Picknick-Angebot.

Linda steckt ihr Handy in die Tasche und bedient sich. „Was gibt es denn gleich zu sehen?“, fragt sie.

„Mais, überall nur Mais“, antwortet er und versucht, ihren Ton nachzuahmen. Noch einmal fasst er beim Obstsalat nach und nimmt ein Stück Brot mit Käse dazu.

Sie sitzen stumm auf der Bank, in der Mitte das Büffet, Linda rechts davon und David links. Er wischt den Teller mit der weichen Seite seiner Brotkruste blank, legt das Besteck beiseite, räkelt sich, streckt den Arm nach Linda aus und berührt mit der Hand ihre Schulter.

„Geht’s weiter?“, fragt sie.

„Ja, gut“, antwortet er, steht auf und packt die Sachen zusammen.

Nach längerer Fahrt, am Ortseingang von Wolderbrug, liest David auf dem Display: „Ziel erreicht: Dwarsweg 3.“

„Was sollen wir hier bei diesem Messie?“, fragt Linda.

David zuckt mit den Schultern.

Das Grundstück ist von einem Baustellenzaun umgeben und bis zum oberen Rand mit Gerümpel vollgepackt. Alles ist abgesichert. Der graue Golf steht vor der Einfahrt. David schüttelt den Kopf. Messies gibt es überall, sogar in Holland. Er geht am Zaun entlang und kann sich nicht sattsehen: Kotflügel einer 2-CV-Ente, Autotüren vom VW-Käfer mit dreieckigen Klappfenstern, ein Jauchefass mit Schwengel-Pumpe, Volvo-Stoßstangen, Zinkbadewannen in allen Größen, ein Fahrrad mit Maria-Hilf-Motor.

Vor einem alten Trecker bleibt David stehen. „Allgaier-Porsche in Grün“, ruft er begeistert.

„Ist schon eine Reise wert“, antwortet Linda genervt. „Soll ich fragen, was er kostet? Wir können gleich damit zurückfahren.“

Eine ältere Dame hinter dem Fenster des Nachbarhauses wird auf sie aufmerksam. Die hohen Gardinen bieten ihr feie Sicht. Sie kommt durch die Seitentür nach draußen und bleibt vor ihrem Rosenbeet stehen.

David deutet mit einer weit ausholenden Armbewegung auf den Platz: „Alles Luk de Boer?“, fragt er.

Sie nickt freundlich. „Ist aber nicht da. Wollen Sie ihm etwas anbieten?“

David schüttelt den Kopf und erwidert ihr Lächeln. „Eher schon kaufen. Der Allgaier ist mein Traum von einem Trecker und dann noch in Grün. Unser Nachbar hatte genau dieses Modell. Ich durfte manchmal auf der Sitzbank neben ihm mitfahren, für mich das größte Glück damals.“

„Das geht vielen so. Sie sehen etwas, das sie von früher kennen, sind begeistert und wollen es haben. Aber abgeben ist nicht seine Stärke. Luk hängt an seinen Sachen und schleppt immer noch mehr an.“

Linda stellt ihr Fahrrad ab. „Wie das bei einem Messie so ist“, sagt sie.

„Messie sagen die Deutschen. Sie denken, dass es Englisch ist. Das hört er nicht gern. ‚Mess‘ heißt Müll. Er sammelt ja keinen Müll, im Gegenteil: alte Sachen, die er in Ordnung bringen will, wann immer das sein soll. Manchmal schraubt er Tag und Nacht. Meist bekommt er billig Sachen irgendwoher, werkelt daran herum und verkauft dann über das Internet. Was draußen steht, ist noch nicht restauriert. Was er verkaufen will, muss drinnen warten, in den Verkaufsräumen sozusagen. Da ist auch seine Werkstatt.“

Aber im Moment fährt er mit seinem Wohnmobil durch die Gegend, wie so oft im Sommer. Er besorgt Nachschub, ‚hamsteren‘ sagen wir. Irgendwann kommt er vollbeladen zurück. Dabei müsste er dringend verkaufen, Platz schaffen. Leider vernachlässigt er das. Hamsteren ist das, was er am liebsten tut.“

„Hamsteren klingt freundlicher. Entschuldigen Sie den Messie“, sagt Linda.

„Kein Problem. Wir meinen ja dasselbe.“

„Darf ich fragen, woher Sie so gut Deutsch können?“

„Wir haben doch früher eure Krimis gesehen. Die gab es bei uns im Televisie mit niederländischen Untertiteln. Das lernt. Dann habe ich bei einer Baufirma im Büro gearbeitet, alles was mit deutschen Kunden zu tun hatte, war mein Job. Aber das Fundament habe ich schon in der Schule gelernt, bei Frau Meester, sie war meine Lieblingslehrerin. Nur dass sie uns mit dem Dativ so gequält hat‚ das schrecklichste Kapitel der deutschen Sprache überhaupt. Nicht: ‚mit die Soße‘, sondern: ‚mit der Soße‘, nicht: ‚mit das Messer‘, sondern: ‚mit dem Messer“. Sie lächelt. „Ich hab es ihr vergeven.“

David hebt demonstrativ den Zeigefinger. „Rettet dem Dativ! Aber Vorsicht: Der Dativ ist dem Genitiv sein Feind!“

Sie lacht. „Den Spruch müsste ich für Frau Meester aufschreiben. Leider lebt sie nicht mehr. Sie liebte deutsche Gedichte, zum Beispiel das von dem Panther und dem Vorübergehen der Stäbe: ‚… und hinter tausend Stäben keine Welt.‘ Ganz besonders verehrte sie Annette.“

„Annette von Droste-Hülshoff?“

„Ja, sie hat sogar einen Ausflug mit uns nach Münster gemacht. Wir haben die Burg Hülshoff besichtigt. Die Judenbuche hat sie mit uns gelesen, den Vorspann kann ich noch immer ‚van buiten‘, auswendig sagt ihr:

‚… wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen,

zu wägen jedes Wort, das unvergessen

in junge Brust die zähen Wurzeln trieb? …‘

Enzovoorts, und so weiter.“

Linda und David klatschen. Mit dem Applaus verabschieden sie sich von der freundlichen Dame, gehen zu ihren Rädern und fahren weiter. „Dank u wel en tot ziens“, ruft David.

„Tot ziens?“, fragt Linda.

„Auf Wiedersehen‘, heißt das. Manchmal sagt man auch ‚tot weerziens‘, da ist das ‚wieder‘ drin, kann man sich besser merken. Experte für Niederlandistik“, er hebt den Daumen. „Drei bis vier Brocken kann ich fließend.“

Sie fahren nebeneinander; der Fietspad ist breit genug.

„Hast du mal einen Blick durch das Fenster der alten Butze versucht?“

David schüttelt den Kopf. „Ich hatte mehr ein Auge für den Trecker.“

„Es war auch kein Durchblick möglich, überall Spinngewebe. Die Werkstatt und die sogenannten Verkaufsräume hätte ich nicht sehen mögen.“

David wechselt das Thema: „Wie wäre es mit Kaffee und Kuchen und mit einem Bummel durch den Ort? Du sollst für die eintönige Fahrt durch die Maisfelder belohnt werden. In Wolderbrug erwartet uns eine Hollandmühle. Dann soll es einen Rosengarten geben und das historische Rathaus.“

„Hab ich rumgenörgelt?“, fragt sie. „Für den Mais kannst du doch nichts. Das Picknick war erstklassig; mein ausdrücklicher Dank! Nur der Messie!“ Sie zuckt mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was wir da wollten. Aber diese alte Dame hat mich beeindruckt; alles wieder gutgemacht, Volltreffer! Sie tut mir leid. Stell dir vor, du hast so ein schmuckes Häuschen, allerliebst, wie aus einem Bildband über holländische Häuser. Dazu ein gepflegter Garten, es grünt und blüht. Und dann kommt so ein Messie daher, zieht neben dir ein und müllt das gesamte Nachbargrundstück zu. Ich wär an ihrer Stelle vor Gericht gezogen, hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt. Vergrätzt und vergrault hätte ich den.“

„So eine bist du?“

„Aber hallo.“ Sie lacht. „Nur gut, dass du den Allgäuer nicht kaufen konntest. Mit dem hättest du womöglich eine zweite Karriere als Hamsterer gestartet. Um Ernis Haus herum gäbe es ja Platz genug.“

„Allgaier bitte! Ein Zweizylinder, 16 PS, luftgekühlt, pött-pött-pött, den Sound würde ich unter tausend anderen heraushören. Allgaier-Porsche eigentlich. Ferdinand Porsche hatte seine Traktorenidee der Firma Allgaier überlassen. Zu seinen exklusiven Sportwagen passten keine Trecker. Als ich darauf mitfahren durfte, war das alles schon längst Geschichte; Firma Allgaier hatte sich aus der Traktorenproduktion zurückgezogen und mein lieber Nachbar seine Landwirtschaft aufgegeben. Er konnte sich aber von seinem alten Pöttpött-pött nicht trennen. Wenn ich ihn hörte, rannte ich nach draußen. Je nachdem, wohin er fuhr, ließ er mich aufsteigen.“

Auf dem Rückweg von Wolderbrug machen sie Halt. Hier können sie sich die Bänke aussuchen.

„Gibst du mir noch mal mein Wasser?“, fragt Linda.

David reicht ihr die Flasche.

„Kann es sein, dass ich unaufmerksam war?“

„Wie meinst du das? Du unaufmerksam? Ist dir doch völlig fremd.“

„Stand dieses bezaubernde handgeschriebene L auch schon auf der Flasche, als wir hinfuhren?“

„Welches L?“

Linda versetzt ihm einen Knuff. „Hast so fein für alles gesorgt und ich merke es nicht einmal.“

David will weiter, er verstaut die Flasche und sieht auf die Uhr. „Wir könnten es noch im Hellen schaffen.“

„Dreh dich mal um. Siehst du nicht, dass es schon dunkel wird?“

„Das sind nur Wolken.“

„Aber was für welche! Pechschwarz! Die hängen ganz schön tief. Ein Gewitter.“

„Noch weit weg.“

„Nicht mehr lange! Hörst du nicht, dass ein Sturm aufkommt?“

„Ja schon, aber was sollen wir tun? Der Wind hat sich gedreht. Das gibt Anschub, wie heute Morgen. Wir ziehen die Regensachen an und treten in die Pedalen, mit Schmackes.“

David kramt die Jacken aus der Tasche.

„Mit der Windrichtung anziehen“, ruft er Linda zu. „So halten, dass der Sturm durch die Ärmel bläst!“ Er hilft ihr, zieht den Reißverschluss hoch und schließt die Druckknöpfe an der Kapuze.

Sie fahren ein kurzes Stück, schon zuckt ein gewaltiger Blitz direkt über ihnen. Keine Sekunde später folgt ein tosender Donner! Das Gewitter hat sie eingeholt. Ein Platzregen stürzt auf sie ein. Dicke Tropfen prasseln herunter, sie platschen auf den Boden. Es sind Hagelkörner dabei, groß wie Kieselsteine. Wasserpfützen breiten sich aus.