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In zahlreichen Geschichten entführt uns Inge Sander in die Zeit der 1940er und 50er Jahre. Mit leichter Feder gelingt es der Autorin Bilder, Gefühle, ja sogar Gerüche einer vergessenen Generation zum Leben zu erwecken. Bildstark erzählt sie zum Beispiel von ihrem Abenteuer am Fluss mit den beiden Cousinen. Hintergründig werden die gesellschaftlichen Erwartungen und Zwänge der Rolle der Frau thematisiert und verarbeitet. Inge Sander ist es gelungen, ein kluges und unterhaltsames Bild der damaligen Zeit zu entwerfen.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Erinnerungen
Drei „Elfchen“
Mein Bullerbü heißt Techelsdorf
Luftangriff
Echte Freunde
Apfelernte
So ein Theater!
Mutterliebe
Spitzbuben
Abschied
Onkel Ede
Mein Wiegenlied
Mich rief es an Bord
Ein Beispiel von Fürsorge
Angst!
Ein Schelm wer Böses dabei denkt
Meine Auszeit
Mehr Glück als Verstand
Sterne am Himmelszelt
Heißwecken
Wohl bekomm’s!
Ach so
Minka
Eine Mütze für Lili
Es war wie ein Spiel
Konrad
Nur nicht aufgeben!
Die Träume meines Vaters
St. Michaelis
Ein erhebender Abend
Verirrt
Das große Rennen
Die Abkürzung
Freundinnen
Der Geburtstag
Letzter Versuch
Die kleine Anna
Willi und Frieda
Das Krippenspiel
Holzschnitt
Am Meer
Am Strand
Ein Fink auf Abwegen
Nis Puk
Zufälle gibt’s
Die Wunderblüte
Inas Albtraum
Als ich hörte, dass unser nächstes Thema in der Schreibwerkstatt ‚Die Sammlerin’ oder ‚Sammeln’ sein wird, kam mir sofort die bezaubernde Geschichte „Frederick“ von Leo Leonie in den Sinn:
Frederick war eine Feldmaus, die mit vielen anderen Mäusen unter einer alten Steinmauer lebte. Während alle anderen Mäuse fleißig Vorrat für den Winter herbeischafften, saß Frederick nur so da und tat augenscheinlich nichts. Natürlich wunderten sich die anderen Mäuse darüber und fragten ihn, weshalb er nicht für den Winter vorsorgen wollte. Frederick erwiderte: „Ich sammle auch, ihr lieben Mäuse, ihr werdet sehen.“
Dann wurde es Winter und es wurde kalt. Die Mäuse krochen etwas tiefer in die Steinmauer hinein, sie schwatzten fröhlich durcheinander und hatten genügend Futter.
Doch der Winter war lang, sehr lang und das Futter war bald aufgebraucht. Die Mäuse wurden stiller und stiller. Sie froren und hatten Hunger. Keine der Mäuse mochte mehr reden.
Da stellte Frederick sich auf einen großen Stein und rief alle Mäuse zu sich herbei. „Schließt eure Augen“, forderte er sie auf.
Nun erzählte Frederick von warmen Sonnenstrahlen, satten Kornfeldern und bunten Blumenwiesen. Und die Mäuse sahen alles vor sich. Sie erinnerten sich an schöne Sommertage und ihnen wurde ganz warm ums Herz. Jetzt konnten sie wieder lachen und fröhlich Erinnerungen austauschen.
Die Mäuse erinnerten sich und es tat ihnen gut. Auch ich will mich erinnern. Aus dem ganzen Sammelsurium der Erinnerungen meiner Kindheit, meiner Jugend, meinem ganzen bisherigen Leben filtere ich die schönen Erlebnisse heraus und sammle sie. Ich sammle sie und schreibe sie nieder, denn ein chinesisches Sprichwort sagt uns: „Selbst die blasseste Tinte ist besser als das stärkste Gedächtnis.“
Kindheit oft Fliegeralarm, Gasmaske auf, Nebeltonnen rennen, fremde Hände ergreifen mutterseelenallein
Krieg in Syrien Menschen müssen sterben. Hört das denn nie auf? Niemals?
Menschen, auch du und alle anderen möchten im Frieden leben. Wunschdenken?
Erklärung:Ein „Elfchen“ ist eine kurze Abhandlung über ein bestimmtes Thema, bei der elf Wörter in einer vorgeschriebenen Reihenfolge angewandt werden.
Meine heile Welt zwischen Luftangriffen
Wieder einmal saß ich mit Tante Käthe im Zug, um mit ihr nach Techelsdorf zu fahren. Wie schon so oft nahm sie mich einfach vom Hof, auf dem ich spielte, mit, nachdem sie sich von meiner Mutter verabschiedet hatte.
Ob meine Mutter wirklich nie etwas von diesen „Entführungen“ gewusst hat, wie beide Frauen, also meine Mutter und meine Tante immer behaupteten? Ich bin mir da nicht so sicher. Auf jeden Fall kurbelten wir wie immer gleich nach Abfahrt das Fenster hinunter, um zu winken, wenn der Zug an unserem Haus vorbeifuhr. Und richtig, unser Küchenfenster war weit geöffnet und meine Mutter hing mit halbem Oberkörper heraus und winkte auch eifrig.
Gleich darauf kurbelte Tante Käthe das Fenster schnell wieder hoch. Das war auch notwendig, denn durch den Qualm von der Lokomotive flogen uns kleine, schwarze Rußflocken ins Gesicht.
Tante Käthe war die ältere Schwester meiner Mutter und sie war meine absolute Lieblingstante. Mit ihren beiden Töchtern wohnte sie in Techelsdorf, einem kleinen Ort etwa 15 km von Kiel entfernt. Das heißt, so ganz stimmt das nicht, denn ihr Zuhause war weit außerhalb des Dorfes.
Einen Mann gab es dort nicht, denn Onkel Heinz war als Soldat in den Krieg eingezogen worden und später nicht wieder zurückgekehrt.
Bald schon hielt der Zug in Flintbek und wir stiegen aus. Nun mussten wir zu Fuß weiter. Ich erinnere, dass wir noch einen sehr weiten Weg vor uns hatten. Manchmal hatte man Glück und wurde mitgenommen, wenn gerade jemand mit Pferd und Wagen in dieselbe Richtung fuhr. Mit dem Milchkannenwagen zum Beispiel konnte man morgens und abends mitfahren.
Jetzt am späten Nachmittag war weit und breit kein Fahrzeug zu sehen. Also stiefelten wir beide erst durch das Dorf hindurch und dann den Feldweg entlang.
Es war ein warmer Spätsommertag. Von den Drähten der Telegrafenmasten vernahm ich das mir vertraute Summen. Im Knick leuchteten schon ein paar reife Brombeeren. Ich lief voraus, um von den Beeren zu naschen. Oh wie schön, dort am Wegesrand wuchsen lila und gelbe Blumen, die wollte ich unbedingt für Tante Käthe pflücken. Dabei habe ich ein paar Schmetterlinge und eine Hummel aufgeschreckt. Tante Käthe meinte, wir sollten uns lieber beeilen, denn Edith und Lisa warteten schon auf uns.
Ach ja, Edith und Lisa! Ich freute mich schon, meine beiden Cousinen wiederzusehen. Ganz sicher werden wir wieder toll miteinander spielen. Beide waren ein paar Jahre älter als ich und hatten immer viele Ideen.
Kurz nach der letzten Wegbiegung sah ich die Beiden auf einer Wiese im Gras sitzen. Als sie uns entdeckten, liefen sie sofort lachend auf uns zu, nahmen mich in ihre Mitte und zusammen marschierten wir auf das Haus zu.
Meine Erinnerungen an das Haus sind sehr vage. Es war grau und stand auf einer kleinen Anhöhe. Man nannte es „die Burg“ weil der Sockel aus großen Feldsteinen bestand. An der rechten Seite wohnten Tante Käthe und die Mädels. Es mag die erste Etage oder auch Hochparterre gewesen sein, denn vor dem Eingang befand sich eine kleine Außentreppe.
An der linken Seite des Gebäudes, etwas tiefer gelegen, wohnte ein älteres Ehepaar. Wahrscheinlich waren das Tante Käthes Schwiegereltern, also Ediths und Lisas Großeltern. Man hatte mir nie erzählt, wer sie waren. Sie gehörten einfach mit dazu.
Müde geworden vom langen Fußmarsch und auch ziemlich hungrig, freute ich mich schon auf das Abendbrot. Hier gab es immer viele leckere Sachen zu essen, die wir zuhause nur selten oder auch gar nicht hatten.
Unten bei den Großeltern, so nenne ich die beiden Leute einfach, wurde einmal im Jahr geschlachtet und dann gab es so etwas Tolles wie Grützwurst. Hm, die gehörte zu meinem Lieblingsessen! Aber auch die Leberwurst im Glas und das Schmalz mochte ich sehr.
Nach dem Abendessen konnte ich mich kaum noch auf den Beinen halten. Tante Käthe hatte Edith und Lisa gebeten mich ins Bett zu bringen. Das war lustig, denn zuhause zog ich mich immer alleine aus und wusch mich auch selber, schließlich war ich kein Baby mehr. Hier aber machten die beiden das alles für mich, obwohl ich nächsten Winter schon fünf Jahre alt werden würde. Sie zogen mir die Kleider aus und holten draußen von der Pumpe in einem Krug Wasser, um es in die weiße Emailleschüssel zu gießen. Die Schüssel wurde in einen schmiedeeisernen Ständer eingehängt. Vom Herd wurde noch etwas heißes Wasser geholt und dazu gegossen. Nun wuschen sie mich von oben bis unten. Ich musste lachen, weil ich so kitzlig war. Da ich nicht einmal Nachtzeug mithatte, hatte Tante Käthe ein merkwürdiges Ding für mich bereitgelegt. Es war ein Einteiler, vorne zu knöpfen und hinten am Po war eine große Klappe, die auch Knöpfe hatte. Ich ließ alles über mich ergehen. Ja, es gefiel mir, so von oben bis unten betüddelt zu werden. Inzwischen war es dunkel geworden und die Petroleumlampen tauchten die ganze Wohnung in ein warmes Licht.
Zufrieden lag ich im Bett. Es war ein Gitterbett und passte so gerade eben noch für mich. Heute Nacht würde ich nicht vom Heulen der Sirenen aus dem Schlaf gerissen werden. Ich bräuchte nicht einmal im Trainingsanzug fertig angezogen ins Bett zu gehen. Niemand würde unten in der Haustür stehen und rufen: „Ist hier noch ein Kind?“ Nein, hier nicht, hier gab es keinen Fliegeralarm und ich würde nicht bei tiefster Dunkelheit losgeschickt werden, um mich von einer fremden Hand zum Bunker führen zu lassen. Hier stülpten sich die Menschen auch keine Gasmasken über den Kopf, diese schrecklichen Gasmasken, mit denen man wie böse Monster aussah! Ich musste auch immer eine aufsetzen. Hier gab es so etwas nicht. Es gab hier auch keine Nebeltonnen, die mit ihrem Nebel die ganze Gegend unsichtbar machten. Nein, hier war alles anders! Es war so schön und friedlich! Hier wollte ich bleiben bis der Krieg zu Ende war.
Aber dass es wirklich einmal keinen Krieg mehr geben würde, konnte ich mir nicht vorstellen. Der Krieg war immer da, mit seinen Bomben, die alles zerstörten und die Menschen töteten. Immer wieder hörte ich nach einem Angriff auf Kiel von Leuten sagen wie viele Tote es wieder gegeben hatte und wer wieder ausgebombt worden war. Ausgebombt – welch ein entsetzliches Wort dafür, dass es das Zuhause einer Familie nun nicht mehr gab. Das alles war schrecklich für mich, aber irgendwie auch normal.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, schien die Sonne zu mir ins Fenster und Edith und Lisa standen schon fix und fertig angezogen vor meinem Bett, bereit mich anzuziehen. Sie zogen mir eines ihrer eigenen Kleider an, das mir natürlich viel zu groß war. Deshalb band Lisa mir auch noch einen Gürtel um. Mein eigenes Kleid wollten sie waschen, wie sie sagten, es war ihnen wohl zu schmutzig.
Tante Käthe hatte den Tisch schon gedeckt und wir frühstückten zusammen. Danach waren wir uns selbst überlassen. Überhaupt hatten wir hier viel Freiraum. Erstens konnte hier kaum etwas Gefährliches passieren, es gab ja nicht einmal Straßenverkehr hier, und zweitens hatte Tante Käthe viel mit dem Haus und ihrem großen Garten zu tun. Außerdem strickte sie per Hand Pullover, Jacken und vieles mehr für andere Leute. Erst viele Jahre später gönnte sie sich eine Strickmaschine und verdiente sich damit etwas Geld zu ihrer schmalen Rente dazu.
Vielleicht liebte ich sie deshalb so sehr, weil sie ganz anders war als meine Mutter. Sie war sehr unkonventionell. Wenn es zum Beispiel Butter auf Marken gab, durften wir unser Brot bei ihr ganz dick damit bestreichen. Wir sollten die Butter „mal wieder richtig schmecken“ können, meinte sie. Später gab es eben wieder nur Marmelade oder ähnliches aufs Brot. Meine Mutter war da ganz anders, bei ihr wurden die Brote möglichst dünn bestrichen, damit wir noch lange etwas von der Butter hatten.
