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1958 verlässt die 21-jährige Inge ihr Elternhaus und geht als Au Pair Mädchen nach England. Erstmals auf sich selbst gestellt, wird sie mit ihren inneren Ängsten konfrontiert. Das Buch erzählt eindrücklich und launig von den Schwierigkeiten, sich in einer fremden Welt zu behaupten und von den Grenzen, die uns unser eigener Kopf vorgibt. Nicht immer gelingt es der jungen Frau ihren Weg so zu gehen, wie sie es sich gewünscht hätte. In den zwei Jahren ihres Aufenthaltes hat sie viel gelernt - vor allem über sich selbst.
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Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Mein Elternhaus
Das Blatt wendet sich
Ein neues Kapitel beginnt
Weihnachten in der Fremde
War dies der Tag, an dem ich erwachsen wurde?
Im British Council
Peinlich, peinlich
Mädels
Dagmar
Das Pitman Examination
Auch das noch
Das Lower Cambridge Examination
Was hatte ich mir nur dabei gedacht?
Mit den Kindern in Blackpool
Wo ist Simon?
Kurzurlaub mit der Familie
Pimm’s No 1
Familienurlaub in Südfrankreich
Abgebrochen
Und noch ein Weihnachten mit Hindernissen
Ein schrecklicher Unfall
Rag Ball
Weiter wurde die Schulbank gedrückt
Die letzten Tage
Karte von Großbritannien
Karte der Stadt Manchester
Trotz des so genannten Wirtschaftswunders in den 1950er Jahren spürten viele Erwachsene noch die Schrecken des Krieges „in den Knochen“. Viele Menschen mussten nach wie vor ums nackte Überleben kämpfen. Auch hatten sie ein großes Bedürfnis nach Sicherheit und versuchten mühevoll, sich wieder eine einigermaßen heile Welt aufzubauen.
Anders verhielten sich die Jugendlichen, sie „müpften“ auf. Es war eine Zeit der Neuorientierung. Sie wollten frei sein, sich lösen von konventionellen Zwängen und vor allem wollten sie endlich eigene Entscheidungen treffen dürfen. In den Augen vieler älterer Mitbürger waren sie unbequeme Störenfriede – die Halbstarken wurden sie verächtlich genannt.
Ich komme aus einem rechtschaffenen, doch sehr bescheidenen Elternhaus. Mein Vater war bei der Eisenbahn in der mittleren Beamtenlaufbahn tätig, meine Mutter Hausfrau.
Wir waren vier Geschwister. Als einzige Tochter wurde ich einerseits sehr streng behütet, andererseits wuchs ich als ein absolut unwichtiges Mitglied der Familie auf, das erwachsen werden sollte und das bis zur Hochzeit ernährt werden musste. Dies empfand ich nicht nur so, es wurde mir auch immer wieder gesagt. Das Geld war knapp bei uns und natürlich sollten meine Brüder eine „anständige“ Ausbildung bekommen. Für mich blieb nicht mehr viel übrig. Besonders meiner Mutter ging es darum, dass ich möglichst bald etwas zum Lebensunterhalt beisteuern konnte, was bedeutete, ich sollte einfach nur Geld verdienen.
Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass meine Mutter es nie leicht hatte. Wir wohnten in der Stadt Kiel, wo der Marinestützpunkt schon von Beginn des Krieges an im Visier der Angriffe gestanden hatte. Mein ältester Bruder, Jahrgang 1936, litt bis zu seinem 12. Lebensjahr an einer Knochenerkrankung, die immer wieder ausbrach.
Dann war da noch mein jüngerer Bruder, Jahrgang 1942, der während des Krieges geboren wurde. Ich kam Ende 1937 zur Welt und wahrscheinlich funktionierte ich nicht immer so wie von mir erwartet wurde. Doch meine Mutter hat es zum Beispiel immer wieder geschafft uns Kinder bei Fliegeralarm mit einer Kinderkarre zum Bunker zu befördern.
Mein jüngster Bruder kam 1947, kurz nach Ende des Krieges, zur Welt.
Nach Beendigung der Volksschulzeit fühlte ich mich wie entwurzelt. Ich war todunglücklich, fühlte mich unverstanden und alleingelassen. Meine Träume und Wünsche wurden als zu anspruchsvoll abgetan. Dabei wollte ich doch nur einen Beruf erlernen. Kindergärtnerin wäre ich zum Beispiel gern geworden. „Du kannst dich später mit deinen eigenen Kindern herumärgern“, hieß es von meinen Eltern.
Die allgemeine Arbeitslosigkeit war groß damals. Meine Mutter lief mit mir von einem Lebensmittelgeschäft zum nächsten, denn sie hätte mich gern als Verkäuferin dort untergebracht.
Irgendwann hab ich dann doch einmal meinen Mut zusammen genommen und ihr mitgeteilt, dass Buchbinderin auch ein Beruf wäre, der mir gefallen könnte.
Tatsächlich sprach sie dann auch mit mir bei einem großen Verlagshaus vor. Der Juniorchef führte uns durchs Haus, bedauerte aber sehr, dass sie keine weiblichen Buchbinderlehrlinge einstellen würden, doch könnte er mir eine Tätigkeit in der Druckerei anbieten. Ich wäre dort allerdings nur Hilfsarbeiterin mit Aussicht auf Fachhilfsarbeiterin. Mein Wochenlohn würde DM 12,00 betragen.
Meine Mutter war begeistert. Der Juniorchef wies noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass es für mich aber keine Aufstiegsmöglichkeiten geben würde.
Meine Mutter hörte gar nicht mehr richtig hin.
Zuhause erzählte sie meinem Vater stolz von diesem Glückscoup. Er saß wie schon so oft an seiner Staffelei, malte und sagte nichts dazu. Und auch ich schwieg. In dieser Nacht hab ich mich in den Schlaf geweint.
Einmal noch habe ich einen Vorstoß gewagt und dieses Mal habe ich mich direkt an meinen Vater gewandt. Ich erzählte ihm, dass bei meinen Mitschülerinnen sehr häufig die Väter zu den jeweiligen Vorstellungsgesprächen mitgingen. Seine Reaktion war niederschmetternd: „So etwas wie dich kann man niemandem empfehlen“. Das saß schlimmer als eine Ohrfeige. Warum sagte er so etwas? Was machte ich falsch? Ich war doch immer bemüht, es allen recht zu machen. Lag es an meiner Mutter? Sie nahm es mit der Wahrheit leider nicht immer so genau. Wenn ich sie dabei ertappte, wurde sie böse und machte mir Vorwürfe. Hatte mein Vater deshalb so eine schlechte Meinung von mir? Überhaupt hat er nie ein persönliches Gespräch mit mir geführt, nur manchmal kam ein kurzer Satz von ihm, der mich dann zutiefst traf. War dies seine Art, mich erziehen zu wollen?
Nach dieser letzten Bemerkung konnte ich nichts mehr sagen und ließ den Dingen ihren Lauf.
An dieser Stelle möchte ich etwas erklärend hinzufügen: Viele junge Menschen nehmen heutzutage gleich nach der Schulzeit erst einmal irgendeinen Job an. Sie jobben für kurze Zeit, um Geld zu verdienen, damit sie sich erst einmal auf Abenteuer begeben können. Sie möchten zum Beispiel etwas von der Welt sehen. Erst nach so einer Auszeit beabsichtigen sie mit dem Studium oder einer anderen Ausbildung zu beginnen.
So war es früher bei uns leider nicht. Das, was man einmal begonnen hatte, blieb man dann in der Regel für den Rest seines Lebens. Zumindest war das in meinem Umfeld so.
Die folgenden Jahre habe ich dann in der Druckerei gearbeitet. Die Kollegen waren alle sehr nett. Die Frauen in dieser Abteilung waren schon ein wenig älter. Manche waren Kriegerwitwen oder aus anderen Gründen alleinstehend. Sie verhielten sich mir gegenüber sehr fürsorglich. Besonders schwer war meine Tätigkeit nicht. Entweder ich stand an den riesigen Druckmaschinen, um Schutzblätter zwischen die frisch gedruckten Bögen zu legen oder ich bedruckte selbst an einer kleineren Maschine Glückwunschkarten und Banderolen. Auch erledigte ich Arbeiten am Packtisch und wusch die Farbwalzen, wenn ein Auftrag beendet war.
Oft lag ich allerdings in der Liniatur im Keller auf einer Trage, weil mir von dem Gestank der Druckerfarben und dem Äthergeruch schlecht geworden war.
Mit meiner Mutter kam ich immer weniger klar. Es war dringend erforderlich von ihr räumlichen Abstand zu bekommen. Mit anderen Worten, ich musste unbedingt das elterliche Heim verlassen. Doch wo sollte ich hin? Ich konnte doch nichts und wovon sollte ich leben?
Freundschaften mit jungen Männern gingen in die Brüche noch bevor sie richtig begonnen hatten. Ich war ihnen zu zickig und verschlossen. Aber ich konnte ihnen doch nicht sagen, dass ich Hilfsarbeiterin in einer Druckerei war.
Die Mädels, die bei uns in der Buchbinderei arbeiteten, hatten einen miserablen Ruf. Oft hörte ich, wie die Buchdrucker sich über sie unterhielten. Ich wollte auf gar keinen Fall mit denen in einen Topf geworfen werden. Meine romantische Vorstellung von der großen Liebe, der ich einmal begegnen würde, wollte ich mir bewahren. Aber obwohl sich diese Mädels sehr häufig über mich lustig machten, fühlte ich mich zu ihnen mehr hingezogen als zu den älteren Frauen in der Druckerei. Während der Pausen ging ich meistens zu ihnen hinunter.
Meine beste Freundin damals war Anne, die noch zur Schule ging. Sie besuchte das Lyzeum, das Mädchengymnasium. Manches Mal vertraute ich mich ihr an. Sie hielt zu mir, aber ob sie meine Empfindungen wirklich nachvollziehen konnte, bezweifelte ich. Schlimm war es, wenn sie Geburtstag hatte, denn dann kamen auch ihre Klassenkameradinnen, die mich mit Unverständnis und Fragen löcherten.
Eines Tages hörte ich von einer privaten Handelsschule, der Alandschule. Die Kurse waren ganztägig und endeten nach einem halben Jahr mit einem staatlich anerkannten Abschlusszeugnis.
Hier sah ich meine Chance. Ohne meinen Eltern etwas davon zu erzählen, begann ich eisern mein Geld zu sparen, denn die Schule kostete Geld – für meine Begriffe sehr viel Geld. Aber irgendwann, gerade zu einem neuen Kursbeginn, hatte ich den Betrag für die Aufnahme beisammen. Jetzt erzählte ich meinen Eltern was ich vorhatte, denn ich benötigte ihre Unterschriften für die Anmeldung. Auch musste ich in dem Verlagshaus kündigen, was bei meinem Vater Entsetzen auslöste: „Man kündigt doch nicht so einfach seine Arbeit!“ Aber ich blieb hartnäckig und bekam schließlich die Unterschriften und damit das Einverständnis diese Schule besuchen zu dürfen. Mein ältester Bruder, mit dem ich mich innig verbunden fühlte, war skeptisch. Er meinte, er konnte sehr gut verstehen, dass ich beruflich etwas anderes machen möchte, doch ich sei nicht der Typ, um in einem Büro zu arbeiten. Vielleicht hatte er Recht, aber ich war froh, dass sich endlich etwas ändern würde.
Noch ein Wort zu der Meinung meines Vaters, niemals seine Arbeit kündigen zu dürfen: Heute weiß ich natürlich, dass er durch die vorangegangenen Umstände und aus finanzieller Not heraus sehr vorsichtig geworden war. Er wurde von einer Art Lebensangst beherrscht.
Um für die kommende Zeit wenigstens etwas Geld vom Arbeitsamt zu bekommen, erzählte ich meinem Chef von meinem Plan und bat ihn, mir zu kündigen. Er wünschte mir Glück. Selbst meine Mutter zeigte plötzlich Verständnis und erließ mir für die kommende Zeit die Kostgeldzahlungen.
