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Ende der 1970er-Jahre beschmiert ein junger Amerikaner, Sohn eines Haitianers und einer Puerto-Ricanerin, die Wände von Manhattan mit rätselhaft poetisch-kritischen Sätzen, die er mit dem Namen SAMO unterzeichnet. Vier Jahre später ist er reich, berühmt und erfindet eine unvergleichlich kraftvolle Bildsprache, zusammengesetzt aus Körpern, Worten und Wut. Jean-Michel Basquiat gilt heute als einer der größten Maler des 20. Jahrhunderts und wird hier zum ersten Mal zur Romanfigur.
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Pierre Ducrozet
Eroica
Originaltitel: Eroica (Editions Grasset & Fasquelle, 2015)
Autor:in: Pierre Ducrozet
©2025 by Kommode Verlag, Zürich
1. Auflage
Deutsche Fassung
©2025 by Kommode Verlag, Zürich
Übersetzung: Paula Rauhut
Lektorat: Matthias Jügler
Korrektorat: Sabine Wolf / torat.ch
Titelbild, Gestaltung und Satz: Anneka Beatty
Druck: Beltz Graphische Betriebe
ISBN 978-3-905574-47-0
eISBN 978-3-905574-67-8
Verlag
Kommode Verlag
Stampfenbachstrasse 32, CH-8006 Zürich
+41 79 246 59 14
www.kommode-verlag.ch/produktsicherheit
Produktsicherheit
Verantwortliche Person gemäss EU-Verordnung
2023/988 (GPSR):
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Postfach 2021, D-37010 Göttingen
+49 551 384 200 0
Pierre Ducrozet
Aus dem Französischen von Paula Rauhut
DAS MUSS MAN SEHEN
EROICA
DIE BANK, ODER DIE SUCHE
SAMO
DIE TÜR
NEW YORK 78
UNTERWELTEN
101 CROSBY STREET
WAS SIE WOLLEN
AGORA
KEITH
DIE ARME UM DIE WELT
ZERFETZEN
VON EINEM ATELIER ZUM ANDEREN
MUTTER
BÜRGERKRIEG
DAS LOCH
UNTER DER HAUT
ANDERES BETT
SIE HAT SEELENRUHIG IHRE STRÜMPFE EINGEPACKT
DER DANDY
VOODOO
L.A. WOMAN
DON QUIJOTE
ANYWHERE OUT OF THE WORLD
NOTARY
DER DOPPELGÄNGER
INTERMEZZO
EAST 57TH STREET, BEI MR. CHOW
NICHTS SAGEN
NEW YORK TIMES
MASKOTTCHEN
NEW YORK 86
PHOEBE
DER SCHNEIDEZAHN
PEGASUS
PISA-BABYLON
DIE GALLENBLASE
DER WASCHLAPPEN
EROICA II
NACH HAUSE GEHEN
KLACK
IN DER SCHEUNE
KLEINES HÄUFCHEN
Ich male Straßen, Herrscher, Helden.
Jean-Michel Basquiat
Wie er seinen Stift hält, muss man sehen. Nicht so, nein, er rutscht ab, er zittert. Er hält ihn zwischen Ring- und Zeigefinger, dieses ölige Stück Kreide, es entgleitet ihm, er fängt es gerade noch auf und hält es jetzt zwischen Mittelfinger und Daumen, das ist besser, er konzentriert sich, aber was macht er da eigentlich vor dieser Leinwand, die notdürftig auf den klapprigen Keilrahmen gespannt ist? Ein Kind, das vor der Tafel steht, da rutscht er schon wieder ab, das kann ja nichts werden. Er malt offensichtlich ein Männchen, zwei Arme, zwei Beine, dünne Stängel, sonst nichts. Er eilt seinen Strichen hinterher – man kann es nicht sehen, aber er lächelt, er lässt den Stift mit Absicht entgleiten und sich von ihm überraschen, er muss sich ihm unterwerfen. Wenn er zu fest zupackt, kann nichts daraus entstehen. Er skizziert ein großes Ohr, eine Narbe als Mund, und dann malt er darüber, streicht durch, kehrt zur Mitte der Leinwand zurück. Jay ist zwanzig, kaum älter jedenfalls, eine schmutzige Jeans und ein zu großer Pullover hängen locker über seiner kakaobraunen Haut, er steckt sich den Joint wieder an, der zwischen seinen Lippen hängt. Seine Stirn ist mit rötlichen Punkten übersät, sein Schädel rasiert. Er zerdrückt die Ölkreide auf der Leinwand. Er begutachtet das Ganze, atmet ein, und lässt dem Strich freien Lauf bis zu den Händen, vier Finger auf der einen, ein Daumen auf der anderen Seite. Die Augen umrandet er mit weißen Kreisen, er malt ein © daneben, das er dann sofort wieder durchstreicht.
Diesen Typen muss man sehen, wie er sich die Welt ordnet.
Das muss man sehen.
Der Junge wollte schon immer ein Held sein. Das ist ohnehin die Definition eines Jungen: jemand, der weder sein (vermeintliches) Genie noch seine (vermeintliche) Heldenhaftigkeit begraben hat, so wie es die Leute machen, sobald die ersten Blätter fallen.
Zuerst will er Batman oder Spiderman sein – lieber Batman. Dann Picasso. Dann wird er Prometheus, Elvis, Charlie Parker, Lou Reed, Bob Dylan, John Coltrane. Er wird Andy Warhol, Muhammad Ali. Jack Kerouac. Odysseus. Superman. Ein Held eben.
— Das liegt jetzt bei dir, sagt Joan eines Abends: Entweder wirst du ein großer Künstler oder eine große Tragödie.
— Und warum nicht beides?
Anscheinend haben die Leute zu allem eine Meinung:
— Was willst du: an einem Pfahl enden, wo die Adler dir die Leber wegfressen?
— Warum nicht.
Geht ihm nicht auf den Sack, er ist bereit.
Er sitzt vor einer großen Kaffeetasse an der Theke des Night Birds, einer Bar an der Second Avenue, Ecke 7th Street. Normalerweise steht er lieber an der Jukebox, spielt My Heart Belongs to Daddy von Eartha Kitt in Dauerschleife und beobachtet währenddessen die Kellnerin in ihrer weißen Uniform mit grünen Streifen. Aber heute hat er sich hingesetzt. Er rührt in seiner Tasse, sein Kaffee ist kalt; er sieht sie an. Sie ist es, er weiß es. Ihre Bewegungen sind präzise, aber dahinter verbirgt sich eine Punkerin, sie hat einen Kirschmund, ein rundes Gesicht, die Haare sind kurz und schwarz, sie hat einen geraden Gang, aber man spürt, dass alles sehr schnell ins Schwanken geraten kann, und das mag er an ihr. Er hat alles vor sich: den Kaffee, das Mädchen, die Jahre. Er hat noch nichts unternommen, aber die Dinge liegen vor ihm und er will sie für sich allein. Der Kaffee, das Mädchen, die Jahre. Den Kaffee hat er ausgetrunken, das Mädchen steht vor ihm. Er braucht eine Verbündete. Sie. Unsichtbar hinter dem Tresen.
Jay kommt wieder. Jeden Tag. Er hat Zeit. Er kommt wieder, sobald er genug Geld von der Straße aufgesammelt hat, um das Teuerste auf der Karte zu bestellen.
— Einen Jameson. Ohne Eis, bitte.
Sie liest die Märzausgabe der Vogue hinter dem Ausschank. Sie steht auf, legt die Zeitschrift beiseite, bereitet ihm seinen Drink zu und vermeidet dabei bewusst, ihn anzusehen. Er geht. Er kommt wieder. Sie sieht seine langen, feingliedrigen Finger auf dem Tresen herumtrommeln. Zwei Knochen stechen unter der glatten Haut seiner Handgelenke hervor. Dann hebt sie schließlich den Blick. Seine Haare sind vorne sehr kurz und sein Nacken ist von Dreadlocks bedeckt. Er riecht nach Gras und Regentagen. Seine verschlissene, graue Jacke schleift auf dem Boden. Das Night Birds ist eine Bar für rauchende und in Selbstgespräche vertiefte Taxifahrer. Alle starren auf diesen Schwarzen am Tresen.
Sarah Adkins hebt endlich ihren Blick. Sie trägt ein hautenges weißes Oberteil, eine schwarze Lederjacke, ein Adleranhänger baumelt an ihrem rechten Ohr. Ihre Uniform hat sie im Schrank gelassen. Sie scheint sich auf etwas auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu konzentrieren. Sie ist heute früher angekommen als sonst, gegen achtzehn Uhr. Er sagt Hallo und bestellt ein Bier und sagt, dass er an sie gedacht hat. Er hat an ihren Körper gedacht, daran, wie sie den ganzen Tag zwischen den Tischen steht, und er hatte Lust, ihre Füße zu sehen. Sie lächelt. Sie hat sich vorgenommen, heute nachzugeben, mit ihm zu sprechen, ihn zu küssen, wenn er will.
Noch am selben Abend zieht er bei ihr ein. Auf ihr Sofa. Sie hat nachgegeben, okay, aber jetzt immer schön langsam. Sie denkt, er geht noch einmal runter, er hat doch sicherlich noch was zu tun da draußen – nein, er bleibt. Er ist mit all seinen Sachen gekommen: einer Tasche und einer kleinen Metalldose.
— Und was ist mit der Miete?
— Normalerweise bezahle ich keine.
Zwei Tage später überrascht der Besitzer des Night Birds, ein Chinese namens Hsin, Sarah dabei, wie sie einen Schwarzen an einem Tisch seiner Bar küsst.
— Das Einfachste ist, du verpisst dich von hier, aber schnell. Ich bin für so manches offen, aber das geht zu weit.
Sie sucht sich einen neuen Job. Im dritten Stock bemalt Jay die Wände des Wohnzimmers.
— Was willst du eigentlich?
— Ein Held sein.
Wozu sollte er sie anlügen? Es ist noch früh, nicht einmal Mitternacht, also überlegen sie sich gemeinsam, wie es weitergehen soll. Beide haben brühheiße Becher in den Händen, die sie auf einer Bank des Tompkins Square mit kleinen, hastigen Schlucken leeren. Sie fragen sich, wie ein Schwarzer aus Brooklyn und ein schüchternes, wenngleich auffällig hübsches Mädchen aus Vancouver miteinander auskommen können. Er hat die Straßen von SoHo bemalt, sie hat als Punker-Priesterin für eine lokale Zeitung posiert, aber das ist noch gar nichts. Unter einem Parkbaum gleich bei den Junkies, während die Stadt einen Passanten nach dem anderen vorbeiwirft, die der Ehrgeiz wieder durch die Straßen von Manhattan von Church Street bis Union Square jagt, suchen zwei Gefährten die Schnellstraße. Und dann, durch einen etwas zu eilig dahingeworfenen Satz, ein Adjektiv, begreift Sarah, dass es dieser Junge weit bringen wird. Und dass er keine Zeit verliert.
— Held?
— Hab ich Held gesagt?, fragt Jay.
— Ja, gerade eben.
— Ah. Bestimmt, weil …
Cäsar Aeneas Herakles Sugar Ray Robinson
— … weil die Geschichte mir keine Wahl lässt, es gibt keinen anderen Ausweg für so einen Negro wie mich, Sklave oder Held, Tod oder Held, sonst nichts
— … weil fortgetragen, den Stamm, die Eiche, niemand, nicht ich noch jemand anderes hat eine Wahl, alles zerstören, sonst tot
— … weil ich Batman mag. Ich finde den cool.
•
Sarah geht arbeiten und Jay stößt im Laufe des Abends zu ihr. Als er in ihr Leben stürmt, geraten die Dinge aus der gewohnten Bahn. Alles an seiner Gestik ist harmonisch, voller Eleganz und Geschwindigkeit, wie ein altertümlicher Tanz. Mit den Worten ist es genauso, sie brauchen erst Zeit und überschlagen sich dann. Er sagt, dass er in drei Tagen einen Termin bei Leo Castelli, dem größten Galeristen von New York, hat, dem Mann, der Rauschenberg, Lichtenstein, Jasper Johns entdeckt und Kandinsky, Pollock, de Kooning und Warhol ausgestellt hat. Er hat kein einziges Bild vorzuweisen, aber das spielt keine Rolle.
Sie versucht, ihm zuzuhören, aber sie sieht vor allem seine Hände, die sich auf und ab bewegen, seine nackten Arme, sie hört Leinwände Scheiße kaufen, aber sein Gesicht bringt sie durcheinander, seine ebenmäßigen Gesichtszüge, sein kindliches Lachen, das Schwarz seiner Augen.
Er geht schon wieder, mit zackigem Schritt in Richtung der Wohnung, zu der er sich einen Zweitschlüssel hat machen lassen.
Er hat noch einen Tag. Sarah ist heraufgekommen, hat gegessen, geschlafen und ist wieder zur Arbeit aufgebrochen.
Beide Hände hat er in der Farbe versenkt. Er klatscht sie planlos auf die Leinwand. Seine Bewegungen streckt er mit etwas Kaffee und Kokain. Er tritt einige Meter zurück. Er blickt auf fünf Bilder, die zwischen der Tür, dem Esstisch, dem Regal und dem Fernseher stehen, in dem gewollten Chaos hat er das Blutrot, die Stadt, die Schnelligkeit, den Schwung nicht gefunden, alles, wovon er dachte, dass es ihn hinter diesen Formen erwarten würde. Und es ist Zeit. Er geht pissen, klatscht sich ein bisschen Wasser ins Gesicht, nimmt zwei Bilder aus der Mitte heraus, die vertretbarsten, und tritt vor die Tür, in das sich kräuselnde Tageslicht. Er läuft bis zur Nummer 420 West Broadway. Mit fleckiger Hose, eingefallenem Gesicht, mit tief gefurchten Augenringen kommt er vor Leo Castellis neuer Galerie an. Er krempelt den rechten Hemdsärmel unter seiner Anzugjacke hoch, sagt: Ja, ich bin Jean-Michel Basquiat, ich habe einen Termin mit Leo Castelli. Von seinen Händen fallen Tropfen auf die Fliesen.
Der Meister erscheint. Er trägt einen grauen zweiteiligen Anzug, graue Krawatte und ein weißes Hemd. Er kneift die Augen zusammen. Er hat nie viel Zeit, er beeilt sich, er stellt mit einem Blick fest: Das ist dahingeschmiert, schlampig. Kommen Sie wieder, wenn es fertig ist. Es gibt noch viel zu tun.
Als Sarah ihn wiedersieht, hat er seit zweiundvierzig Stunden nicht geschlafen, er hat da weitergemacht, wo er aufgehört hatte, er lässt sich von so einem Scheißitaliener nicht vorschreiben, was er zu tun hat. Er hat die Bilder des Vortags umgedreht und sich auf deren Rückseite darin geübt, so grobschlächtig und wüst wie möglich zu arbeiten.
— Willst du dich nicht ein bisschen ausruhen, Jay?
Er sagt nichts. Manchmal sagt er nichts. Also geht sie mit Freunden unten in der Bar einen Tee trinken.
Irgendwann fällt er um und schläft auf dem Boden ein.
Am darauffolgenden Nachmittag, nachdem er endlich aufgestanden ist, hat er es. Er legt eine Scheibe Schinken zwischen zwei leicht hart gewordene Weißbrotscheiben, schlingt alles hinunter, öffnet ein Fenster, weil es doch sehr streng riecht, schließt es alsbald, weil es draußen kalt ist. Er schnappt sich einen schwarzen Marker, kritzelt ein Gesicht mit drei schnellen Strichen, zwei Vierecke als Augen, vier Linien als Haare, und los.
Er hat weitergemacht.
Und dann ist er an diesem einen Morgen wie an jedem anderen aufgestanden.
Es ist der 6. Februar 1981.
Er hat sitzend auf dem Sofa geschlafen, ein oder zwei Stunden vielleicht, der Herzschlag noch schnell vom Trip über die Autobahnen der Nacht. Die Leinwand von zwei mal einem Meter fünfzig, die er einige Tage zuvor angefertigt hat, steht auf einem behelfsmäßigen Gestell, das er auf der Straße gefunden hat. Die Kälte lässt ihn an alte Zeiten denken, Brooklyn, vereiste Gehwege, die Grogs seiner Mutter, wie ein Vorhang, der am Ende des Saals aufgeht. Aber all das ist bald Schnee von gestern, denn Jay findet schnell seinen Rhythmus. Er hat sich vorgenommen, einen Schädel aufzubohren. Er hat die Umrisse eines Kopfes skizziert, aber Haut und Haare interessieren ihn nicht. Er hackt darauf rum, zerstückelt, öffnet ihn und blickt hinein.
Ein Dutzend Blechdosen stehen nebeneinander auf dem Fußboden. Daneben liegen seine Ölstifte auf zwei großen Seiten der New York Post aus dem Sportteil. Er greift nach dem Schwarz und zeichnet einen großen Kasten in die Mitte des Schädels, um danach seine Ölkreide hineinzudrücken.
Zwischen seinen Lippen hängt eine Kippe, von der die Asche auf seinen grobmaschigen Strickpullover fällt. Er denkt an Elvis. Niemand konnte sich bewegen wie Elvis. Er zieht die Hautschichten auseinander und öffnet den Schädel mit beiden Händen. Er geht hinein. Es ist ein Gewirr aus Nerven, Kabeln, Schläuchen. Er richtet sich auf, dreht sich einen Joint. Er muss noch tiefer vordringen. Er malt einen großen Kasten mitten ins Hirn, das er direkt mit der Nase verbindet. Er umschließt seinen Stift mit einem festen Griff und kratzt drauflos. Alles muss leuchtend, klar, gekritzelt sein. Er zeichnet Kreuze und stumpfe Winkel, er tunkt ins Blau, ins Gelb, da, in der Mitte, da muss es bluten. Es ist ein zum Himmel offener Schädel. Er lässt die Kiefer bröckeln, malt kurze Haare obendrauf, umrandet das Auge in Krapprot.
Jay macht weiter, es ist zwei Uhr morgens, er steckt mit beiden Händen in der Materie, die sich je nach Hirnschlinge und Bereich, je nach Geruch, in safrangelbe Flächen, weißen Stacheldraht, smalteblaue Leitern, Bruchstellen, Scherben, Umwege verwandelt. Das Innere ist nicht mehr klebrig oder flüssig, undurchschaubar, unbestimmt, es ist in Streifen wiedergegeben, in Strichen, in Schienen. Schwarze und blaue Stängel ragen vom Kopf empor. Er weidet ihn aus.
Jay rührt in einem Schälchen ein Lachsorange an. Er möchte, dass es friedlich wirkt, um den Rest zu entschärfen. Sarahs Schritte kommen näher. Sie steht jetzt im Wohnzimmer. Sie begegnet diesem Blick – als sie das Ding erblickt, schreckt sie kurz zurück. Sie geht darauf zu. Sie sieht die Farben. Die leuchtenden Striche, die vielfachen Entladungen, die steilen Winkel, dieser gesamte abgepellte Schädel schmerzt sie. Sie schlägt eine Hand vor den Mund. Dieser Junge. Jay dreht sich um. Sarah schüttelt den Kopf. Dieser Junge. Dieser Junge ist verrückt.
Er sitzt auf einer Bank gegenüber der Schule.
Das weiß doch jeder, Jay.
Er öffnet seine Brotdose.
Du bist wirklich der Einzige, der so dusselig sein kann.
Krieg. Er beißt in seinen Keks. Von heute an herrscht Krieg.
Er betrachtet die Stufen des gegenüberliegenden Hauses, die Fußspuren, den Himmel, alles ist da. Heute Morgen hat er es begriffen. Es wird eine Suche geben, eine Reise, ihn.
Er sitzt auf der Bank, er ist sieben Jahre alt. Er hat seinen Schulranzen neben sich abgestellt. Am Abend zuvor, als alle Lichter gelöscht waren und seine Mutter ihm schon Gute Nacht gesagt hatte, hat er die Lampe wieder angeknipst und in seinen Detective Comics weitergelesen. Batman ist darin wie immer umhergeflogen, elegant, flink, stark. Aus seiner Angst hat er eine Superkraft gemacht. Das will er auch tun.
Fassen wir zusammen. Ein Held wird (unter besonderen Umständen oder in Brooklyn) geboren, mit übernatürlichen Kräften und manchmal auch einer Schwäche (er erinnert sich daran, irgendwo die Geschichte von Achilles gelesen zu haben, der, dank seiner Mutter, die ihn in den Unterweltfluss Styx taucht, ein unverwundbarer Held wird – nur leider hat sie ihn dabei an der Ferse festgehalten. Er hat ganze Armeen besiegt. Aber diese trocken gebliebene Ferse sollte ihm zum Verhängnis werden). Im Laufe seines Heranwachsens überwindet er eine Reihe von Schwierigkeiten (Monster, Drachen, Zyklopen vielleicht). Es gelingt ihm schließlich, wieder Ordnung herzustellen, woran er letztendlich stirbt. Jays Beine befinden sich senkrecht zu den Holzlatten der Bank. Er betrachtet die Bäume, die Gebäude, die Flugzeuge, die scheinbar starr am Himmel stehen. Er ist bereit.
Ein wunderbarer und einzigartiger Kampf steht bevor, umso mehr für einen Schwarzen aus Brooklyn. Er muss mit großer Sorgfalt seine Rüstung wählen. Lebendig, schwungvoll, königlich.
— Ja, aber eigentlich will ich doch fliegen.
— Das kommt aufs Gleiche raus. Wähle sie mit Bedacht.
Er hat es. Pegasus. Sofort blickt er starr geradeaus, legt die Ohren an, stellt die Füße in die Steigbügel. Los geht’s.
•
Zehn Jahre später ist die Bank, auf die er sich setzt, rau und feucht. Die grüne Farbe blättert von ihr ab, das Holz ist mit Zeichnungen und Wörtern übersät. Seit er dort schläft, in dem Zelt bei dem Gitterzaun im östlichen Teil des Washington Square, ist dies seine Bank. Über jeden Abschnitt des Parks herrscht eine andere Gang, und dieser hier gehört den Acid-Dealern. Es gibt die Graffiti-Gang, die Dope-Dealer, die italienischen Hooligans, etwas weiter weg die Middleclass-Kids auf Abwegen. Jay geht von einer Gruppe zur nächsten. Die Graffiti-Gang nimmt sich die U-Bahnstationen und Parkplätze des Viertels vor. Und manchmal taucht eine mit Baseballschlägern bewaffnete Gang auf und zertrümmert ihnen allen die Schädel. Die Tage sind lang, das muss man schon sagen. Er ist seit vier Wochen von zu Hause abgehauen, am Anfang war es gut, aber mit der Zeit langweilt er sich ziemlich. Gerade hat er ein Blättchen geschluckt. LSD-25 hat Giovanni gerade frisch reinbekommen. Noch spürt er nichts. Er betrachtet die Vorbeigehenden. Er betrachtet sein fleckiges Hemd. Er steckt sich eine Kippe an.
Zwei Stunden später steht er am anderen Ende des Parks, ergründet das feuchte Grün der Bäume vor ihm und sieht ihnen beim Atmen zu.
Er ist an einem Dienstag im Morgengrauen getürmt. In der Schule haben sie sicherlich lange auf ihn gewartet. Er hat seelenruhig seine Tasche gepackt, wie jeden Morgen, nur dieses Mal ohne Bücher und Hefte, sondern mit Boxershorts, zwei Hosen, einer Konservendose, fertig. Am Abend zuvor hatte er am offenen Fenster seines Zimmers zusammen mit Al einen Joint, dick wie der Griff einer Spitzhacke, geraucht. Sie konnten nicht mehr vor Lachen, als plötzlich die Tür aufgestoßen wurde. Jays Vater hatte kehrtgemacht, ein Messer aus der Küchenschublade geholt und ist langsam zurück ins Zimmer gekommen. Den Gürtel, ja, den kannte er, seit sieben Jahren, immer mal wieder, aber ein Messer, das war neu. Die beiden Freunde am Fenster sahen die Klinge auf sich zuschnellen. Sie streifte Jays Hintern, als er versuchte, ihr auszuweichen. Am nächsten Morgen war er weg.
In Brooklyn Heights hatte er sich einen Irokesen schneiden lassen, damit man ihn nicht wiedererkennt. Er durchquert das ganze Viertel und nimmt dann einen Zug Richtung Norden bis zum Harriman State Park, wo er einige Nächte campt. Er lernt andere Jugendliche kennen. Zusammen klauen sie einer alten Frau ein paar Scheine. In jämmerlichem Zustand nimmt er am nächsten Morgen den Zug zurück nach New York. Er schläft ein paar Nächte bei Freunden im Meatpacking District. Dann geht er zurück auf die Straße und streunt durch das Viertel rund um den Washington Square. Er läuft ganze Nächte herum, setzt sich zu den Säufern und trinkt mit ihnen billigen Wein. Isst Cheez Doodles. Fünfzig Cent die Tüte. Er geht nicht mehr zurück nach Hause. So vergehen die Tage. Das alte Zelt eines Freundes wird sein Unterschlupf, ein paar Decken hat er und einen Schlafsack. Tagsüber ernährt er sich hauptsächlich von Acid. Dann vertieft er sich in den Anblick der Straßen, die vor seinen Augen zu schlingern beginnen. Er geht in eine Bar, wo er mit seinem durchgeknallten Lächeln eine junge Frau hypnotisiert und eine Woche in ihrem Bett verbringt. Der Kühlschrank leert sich, ihre Freunde wollen bald vorbeikommen, er geht. Ihm ist kalt. Einer der Säufer leiht ihm einen klammen Pullover.
Sein Vater, Walter, geht abends oft in den Straßen nach ihm suchen. Er rennt blind durch die Gegend, zerfressen von dieser Nacht, in der er nicht er selbst gewesen ist. Er kommt spätnachts nach Hause, atmet schwer neben seiner neuen Frau, Nora. Jays Mutter ist endgültig in die Nervenheilanstalt nebenan eingezogen, nachdem sie kürzere Aufenthalte in fast jeder Klinik des Viertels hinter sich hatte.
Einen Monat später bekommt Walter einen Anruf von der Polizei. Man hat ihn unter einem Baum im Washington Square gesehen. Na, dann los, sagt er. Sie gabeln ihn in der MacDougal Street auf, eine Plastiktüte in der Hand. Der Polizist kommt näher. Jay fügt sich. Sein Vater unterschreibt die Papiere. Sie kehren, ohne ein Wort zu wechseln, nach Hause zurück.
Sein Vater meldet ihn in einer Schule mit alternativen Unterrichtsmethoden an. Eine freie Erziehung ist sicherlich das Beste, um den Tornado im Zaum zu halten. Aber Jays Blick hat sich weiter verdunkelt. Er ist frech zu seinen Lehrern, prügelt sich mit seinen Mitschülern und raucht von morgens bis abends. Im Gesicht trägt er ein arrogantes Lächeln. Dabei ist in seiner neuen Schule alles darauf ausgerichtet, dass sich die Kinder frei entfalten können, so steht es in der Broschüre – und der ganze Spaß kostet ein Heidengeld. Aber Jay kann diese Menschen aus der Mittelklasse, aus der er selbst stammt, nicht mehr ertragen, sie ekeln ihn an. Er kommt nicht mehr jeden Abend nach Hause. Einmal besichtigt er mit seiner Schulklasse ein Museum und stiehlt ein Bild, das er später in einem Waldstückchen wegwirft.
Als er eines Abends die Pacific Street bis zur Nummer 553 hinunterläuft, spürt er es in sich brodeln. Er tritt auf die andere Straßenseite und betrachtet das Haus, das sein Vater einige Jahre zuvor gekauft hatte. Es ist ein schönes Gebäude aus leicht bräunlichem Sandstein, typisch für Brooklyn und seine aneinandergereihten Brownstones. Über ein paar Treppenstufen gelangt man zum Eingang und zu den drei Etagen. Dort ist er aufgewachsen, in diesem vornehmen Viertel namens Boerum Hill, nah der großen Atlantic Avenue. Hinter diesem Fenster, durch das man ein großes Wohnzimmer erahnt mit Wänden voller Familienfotos, einigen Kunstdrucken und den in einem Furnierholzregal aufgereihten Bänden einer Encyclopædia Britannica, hat er gelebt. Er geht auf die Außentreppe zu und sieht seinen Vater auf dem mit bunten Achtecken gemusterten Sofa sitzen, der geöffnete Blazer mit Messingknöpfen an den Ärmeln gibt den Blick auf ein strahlend weißes Poloshirt frei, darunter eine makellos schwarze Brust, auf der noch ein paar auf halbem Weg im Wachstum stecken gebliebene Brusthaare übrig sind. Neben seinen Füßen liegt ein Tennisschläger. Jay steigt langsam die zwei mal fünfzehn Stufen hinauf, vermeidet dabei jeden Blickkontakt mit seinen beiden Schwestern, die auf ihren Betten liegen, kommt schließlich in seinem Zimmer an. Man müsste die Tapete herunterreißen. Man müsste alle Poster von den Wänden zerren, alles niederbrennen.
Am nächsten Morgen geht er wieder in die Schule, obwohl sich zu beiden Seiten des Gebäudes die Straßen der Stadt auseinanderfalten, endlos. Er gesellt sich zu den Mädchen und den Jungen, aber da ist etwas, das aus ihm herausragt und sich in die anderen hineinbohrt. Trotzdem zieht er sie wie magisch an. Zwar weiß er selbst nicht, wo er hinwill, die anderen aber wollen nur eines: ihm nah sein. Seine Stimme ist sanft und schleppend, man hört ihm zu. Er lässt seine Haare wachsen, die nun von seinem Kopf abstehen. Er hat Appetit, aber auf was? Da ist Wut in seinen Gesten und auf seinem Gesicht, alle sehen das. Eines Abends mit Al, wie immer zugedröhnt, hat er eine Idee. Sie könnten eine Art Besenwagen erfinden, der die ganze Scheiße der Welt in sich aufnimmt, stell dir das mal vor, wir stecken die Wirklichkeit in einen großen Sack und nennen ihn Same Old Shit, immer der gleiche alte Scheiß, die ganze Welt würde sich den Lehren von SAMO anschließen. Einige starren ihr ganzes Leben lang Löcher in die Luft, Jay jedoch will den Eingang zum Himmelreich finden. Er will sich das Chaos auf Erden vornehmen, weiß nur noch nicht, ob es sich dabei dann verringert oder verdoppelt.
— Es ist die Matrix, die Kohle und Bourgeoisie heraufbeschwört, der große Aufwind, Al. Der neue Messias.
Hört, hört!
— Es ist ein universelles Bewusstsein. Ja, genau. Wir erfinden eine neue Religion, in der alles möglich ist. Ein herrlicher Wirrwarr.
Aus der Schnapsidee SAMO wird Ernst.
Der Gag eines zugekifften Abends verselbstständigt sich, rollt über das Plateau und wickelt alle Taugenichtse um sie herum mit ein. Unten im Tal ist daraus ein ganzes Knäuel geworden.
Jay und Al haben schwarze Sprühflaschen in ihre Taschen gesteckt, drei Graffiti-Marker. Bestimmt ist eigentlich Schule. Sie sitzen in einem Café auf der DeKalb Avenue an diesem klaren Morgen im Mai 78. Vor ihnen der Eingang zur U-Bahnlinie L, Richtung Manhattan. Die Sonne schiebt sich empor. Sie leeren ihre Kaffeebecher und legen los.
5. Februar 1979
Jay geht hinter ihr die Treppe hoch. Die Chanel-Tasche verhakt sich zwischen den Aufzugtüren. Sie zieht; die Metallflügel schließen sich. Im achtzehnten Stock steigt sie zuerst aus. Er betrachtet ihr weißes Kostüm, unter dem nur mit Mühe ein Hintern zu erkennen ist. Er betrachtet ihre ausgeleierte Haut, die unter dem linken Vorderarm etwas runterhängt. Das Erste, was er in ihrer Wohnung sieht: das große Wohnzimmer. Sie sagt, er solle mitkommen. Er streift das cremefarbene Sofa, geht auf sie zu. Dank ausgezeichneter Chirurgie konnte den Falten auf ihrem leicht gebräunten Gesicht Einhalt geboten werden. Er betritt das riesige Schlafzimmer, das über dem Himmel von New York zu schweben scheint. Fast nichts – lediglich: ein goldener Apfel auf dem Couchtisch, Bettwäsche in einem hellen Violett, so leicht, dass sie schon fast schwebt, ein Stapel Cosmopolitan-Ausgaben in einem Zeitschriftenkorb, ein prall gefüllter Kopfkissenbezug und direkt darüber beginnt eine große Dachschräge aus unbehandeltem Holz. Dahinter der wolkenverhangene Himmel.
Sie nimmt seine Hand. Wie alt ist er wohl, sechzehn, siebzehn?
Als sie ihn auf der Fifth Avenue um den Eingang des Central Park herumlungern sah, ist sie stehen geblieben. Er trug einen langen, grauen und am Saum befleckten Dufflecoat, Turnschuhe, kurze Haare. Was für ein Prachtstück, hat sie gedacht. Schwarz, ja, aber soft. Vielleicht lateinamerikanisch, ein sehr dunkler Latino – Kubaner, Dominikaner? Der Kragen seiner Jacke war aufgestellt, er wendete seinen Blick von ihr ab, sie ist näher gekommen. Als er sie gesehen hat, sagt er blitzschnell, ohne Luft zu holen: für ’nen Fuffi.
Sie erwidert nichts, mustert nur seine kindliche Haut, die glasigen Augen, den angespannten Kiefer, und mit einem kaum sichtbaren Nicken stimmt sie zu, allein ihr Kinn bewegt sich einen Hauch nach oben, als müsste sie betonen, wer hier ganz offensichtlich das Sagen hat. Sie schiebt ihre Hand mit einem leichten Druck über seine Jeans bis an die Stelle, wo sie leicht schwitzig wird. Sie wollte es ihm beibringen, aber sie merkt schnell, dass er Bescheid weiß. Jay schließt die Augen, um den schwarzen Holzkleiderschrank, die schwerfälligen, klapprigen Hände und die auf den Kurzflorteppich fallende Jeans nicht mehr sehen zu müssen. Als er die leicht fettige Haut auf sich spürt, versucht er, an die Strände von Puerto Rico zu denken, glatt, makellos, wo er als Kind immer war – und dann denkt er nichts mehr, dreht sie um und drängt sie gegen den Schrank, vor Überraschung, oder Angst, entfährt ihr ein kurzer Schrei, er holt seinen Schwanz raus und dringt plötzlich in sie ein. Hinter der Glastür befindet sich eine ganze Reihe Designerkleider, die Veronica Kraft zu Wohltätigkeitsanlässen trägt – seit drei Jahren ist das alles, was sie macht, ihren frühzeitigen Ruhestand stellt sie in die Dienste der Philanthropie. Die drei Türen sind mit einem weißen Knauf versehen. Sie klammert sich an den dritten. Er hätte es lieber, wenn sie ihm ihre kleinen Lustschreie ersparen und einfach die Fresse halten würde. Alles hier ist so geordnet, dass er sie am liebsten gegen die Wände stoßen würde, um zu sehen, ob die Dinge sich dadurch auch nur minimal verschieben. Ja, am liebsten würde er sie schlagen. Sie versucht, sich umzudrehen, aber er lässt es nicht zu, er möchte lieber ihren erstaunlich festen Rücken sehen, ihr mächtiges Hinterteil – ihre Augen, nein. Dann hält er plötzlich inne. Sie stöhnt und streichelt seinen Hintern. Er will hier weg. Er schaut auf seine Hände, hebt sie vor sein Gesicht. Und dann lacht er: Eigentlich könnte er auch bleiben, hier wohnen, bei der Alten könnte er alles haben, ein Dach überm Kopf, einen gedeckten Tisch, er müsste sich um nichts mehr sorgen. Alles in Ordnung?, flüstert sie. Ja – und dann macht er weiter, wirft sie aufs Bett, sie greift nach der Daunendecke, vergräbt darin ihr Gesicht – und dann, verdammt, das reicht, er kommt.
Er erinnert sich, seine Jeans langsam hochgezogen zu haben, mit erhobenem Kopf, um sich alle Details zu merken. Sie hat mit ihrem Theater aufgehört, sich die Haare hochgesteckt, ihre Haltung zurückgewonnen. Er hat sich den Rest seiner Kleidung im Wohnzimmer angezogen. An den Wänden hängen chinesische Holzschnitte.
Während er sein Hemd zuknöpft, ist er an die große Fensterfront getreten. Ein Balkon erstreckt sich über die gesamte Hauswand und darunter stehen die geordneten Häuserreihen der Halbinsel Spalier. Er steigt über die bekannten Spitzen, das Chrysler Building, das Woolworth, immer weiter empor, bis sein Blick über die alles überragenden Häuser der Wall Street gleitet. Letzter Hemdknopf. Er streift sich den Dufflecoat über und stürzt davon.
Jay läuft. An der Ecke 37te, ein paar Schritte vor der Penn Station kommt er an einem Dauerkino vorbei. Er würde gerne hineingehen, aber mit dem Klotz aus Alter und Hautfarbe an seinem Bein, vergiss es. Er geht weiter. Die Stadt rattert, wie jeden Tag. Er öffnet den Mund und schluckt Nutten, Dealer, Zuhälter, Müllgeruch, Eisenwaren, Hotdogs, Schreie, Staub der verputzten Fassaden und Abgase hinunter. Die Leuchtreklamen blinken vor seinen Augen.
New York 78. Die Stadt steht am Rande des Bankrotts. Regen fällt auf die Brachflächen. Über Trümmer stapeln sich Trümmer in beißendem Qualm. Von Alphabet City im Südosten von Manhattan am unteren Ende der Lower East Side bis nach Greenwich Village nichts als zerfallende Häuser, der letzte Tropfen perlt noch von der zurückgelassenen Spritze, Scheine knistern und gleiten von Hosentasche zu Hosentasche, mafiöse Geschäftsmänner und Heroindealer, Korrupte aller Art tummeln sich emsig, es stinkt nach verschmortem Gummi. New York 78. An Kreuzungen hält man lieber nicht. Drei Jahre zuvor hat der damalige Präsident Gerald Ford die Stadt vor dem Bankrott bewahrt, indem er mehr als zwei Milliarden Dollar aus öffentlichen Geldern investierte. Ed Koch, der erst vor Kurzem zum neuen Bürgermeister ernannt wurde, setzt diese Bemühungen fort. Er möchte New York wieder zur Welthauptstadt machen. Dieser hagere, elegante Mann hat mit seiner Protokolluntreue und seinen politischen Anstrengungen bereits alle New Yorker für sich eingenommen. Er zeigt sich tanzend in Clubs, in Begleitung von Schauspielern, ebenso cool, wie seine Stadt es einmal war. Er möchte ihr diesen Status zurückgeben. Aber das allein reicht nicht. Die New Yorker verlassen die Stadt, genau wie die Industrie, Aufstände häufen sich, Harlem und die South Bronx sind zu Kriegszonen geworden.
Jay liebt es, in dieses brennende Chaos zu schlüpfen. Jeden Tag wacht er auf und stürzt sich auf die Straßen, zwischen die wütenden Neonreklamen, die einem Frauen in Strings und Big Shows versprechen. Er lungert um schäbige Diners und Kleinganoven in Ledermontur herum. Er geht bis zur 42ten und beobachtet die Nutten. Zigaretten rollen über das verblichene Rosa ihrer wulstigen Lippen. Jay geht die Seventh Avenue runter und biegt in die 14te bis Union Square ein. Hier beginnt sein Reich. Das East Village. Inmitten des Niedergangs ist er zu Hause. Er kennt jeden noch so zugewucherten Winkel. Er geht weiter. Jay ist einer, der sich vom Zufall treiben lässt in seiner bodenlangen Jacke. Er betrachtet die wurmstichigen Balken, die abgenutzten Eisentreppen, die ausgemergelten Gesichter, die abgehackten Schritte der Amphetaminabhängigen, die etwas langsamer sind, wenn Heroin im Spiel ist, das Gramm für zehn Piepen.
Er hat sie immer so gekannt, seine Stadt.
Er mag sie dreckig und verrufen, zerbrochene Fenster, stinkende Kanalisation und Ratten darin. Jay durchquert diese offene Wunde mit schnellem Schritt. Er trägt eine Lederjacke, die er am Tompkins Square gefunden hat. In seiner Tasche befinden sich ein paar Klamotten, eine Lampe, zwei Zeitschriften. Er ist siebzehn.
Er hört das Rauschen.
Manchmal geht er dem Lärm nach. In Harlem, in der Bronx hört er ihm zu.
Eine Stadt in Trümmern, die Könige und Dämonen hervorbringt. Jedes Mal, wenn eine alte Welt zugunsten einer neuen untergeht, wird dieser Wechsel durch einen latenten Rhythmus angekündigt. Propheten und Verrückte können ihn hören. Da ist er, schlägt, gedämpft, steigt in der feuchten Luft in Schwaden empor, ertönt aus Feuermeldern und Sackgassen, vom Brachland und aus den Hochhäusern von Harlem, den Betonfestungen, vor denen sich Jugendliche mit geballten Fäusten treffen, die mit ihren Fahrrädern die Schlammpfützen umkreisen und nicht wissen wohin, sich prügeln und grölen – er erklingt auf den Plätzen in der South Bronx, stagniert unter den hohen Pfeilern der aufgeständerten Subway-Schienen, ein dumpfes Pulsieren, das die ganze Stadt erobert, zieht vorbei an den mit einer 22-Millimeter ausgeraubten Kiosken, durch die Straßen der Gangs, schwere Schritte, geschulterte Ghettoblaster, Baseballcaps, Unterhemden, Bandanas auf den schwarzen Schädeln. Alle kennen sie, diese Jungs aus dem Viertel, mit ihrem Heranwachsen wuchs auch die Erniedrigung. Sie haben entschieden, sich nicht zu ergeben wie einst ihre Eltern. Die Polizei kann ihnen mit ihren Waffen nichts anhaben, ihre Hände sind offen, sie sind bereits tot, schießt doch. Die Knarren sind nutzlos, sie selbst sind die Bomben. Der Tabakwarenhändler sieht sie in Turnschuhen mit geröteten Augen vorbeigehen. Man hört die Plattenspieler knistern, ein paar Typen probieren herum und scratchen die Dreiunddreißiger. Daneben üben riesenhafte Schwarze in Jogginganzügen ihre Tanz-Moves auf dem nassen Asphalt. Die Wut breitet sich zwischen den Hochhäusern aus wie ein Gerücht.
Eines Abends im Mudd Club macht Jay Bekanntschaft mit Fab 5 Freddy, Graffitikünstler und DJ. Er trägt eine schwarze Sonnenbrille, einen schwarzen Schnurrbart, er spricht schnell mit abgehacktem Akzent. Eine Woche später steht Jay auf der Randall Avenue in der Bronx, wo ihm Fab 5 Freddy seine Leute aus dem Viertel, die Wegbereiter des Hip-Hop, vorstellt: Lee Quiñones, A-One, Rammellzee, Toxic. Jay spürt etwas, als er ihnen die Hände schüttelt.
An diesem Abend schläft er bei einem Mädchen, das er im Mudd Club kennengelernt hat.
Er schläft auch im Kino, auf den Stufen eines Wohnhauses, in einer Ecke im Gehölz des Central Park, aus dem er regelmäßig von den Wächtern vertrieben wird; er legt sich einfach irgendwo hin und schläft.
