Erwachsenwerden heute -  - E-Book

Erwachsenwerden heute E-Book

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Beschreibung

Was macht das Erwachsenwerden Jugendlicher und junger Erwachsener heutzutage eigentlich aus? Das Buch geht dieser Frage nach, indem es die Lebenslagen und vielfältigen Formen des Ausprobierens, der Identitätsentwicklung und des Selbstständigwerdens junger Menschen verständlich aufbereitet. Das Aufwachsen Jugendlicher und junger Erwachsener wird dabei jenseits von pauschalisierenden Jugendbildern und einer in den Medien weit verbreiteten Defizitperspektive auf Jugend beschrieben. Grundlegend für das Verständnis der Lebensphase Jugend ist vielmehr - so zeigt dieses Buch - das Anerkennen der spezifischen Anforderungen an junge Menschen in dieser wichtigen Zeit ihres Lebens.

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Seitenzahl: 475

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Die Herausgeberinnen

© DJI/David Außerhofer

Dr. Anne Berngruber ist wissenschaftliche Referentin in der Fachgruppe »Lebenslagen und Lebensführung Jugendlicher« am Deutschen Jugendinstitut in München. Sie hat an der FAU Erlangen-Nürnberg Sozialwissenschaften studiert und zum Thema des Auszugs und der Rückkehr ins Elternhaus promoviert. Sie forscht zu den Lebenslagen Jugendlicher und junger Erwachsener sowie zu verschiedenen Verselbstständigungsprozessen beim Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter.

© DJI/Stefan Obermeier

Dr. Nora Gaupp leitet die Fachgruppe »Lebenslagen und Lebensführung Jugendlicher« am Deutschen Jugendinstitut in München. Sie hat Psychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt studiert und darin auch promoviert. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Jugendforschung unter einer Diversitätsperspektive, Verselbstständigungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener, Erfahrungen und Lebenssituationen von queeren Jugendlichen, Aufwachsen und Alltagserfahrungen von jungen Menschen mit Behinderung.

Anne Berngruber Nora Gaupp (Hrsg.)

Erwachsenwerden heute

Lebenslagen und Lebensführung junger Menschen

Verlag W. Kohlhammer

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-036869-9

E-Book-Formate:

pdf:        ISBN 978-3-17-036870-5

epub:     ISBN 978-3-17-036871-2

 

Inhalt

 

 

 

Einleitung: Erwachsenwerden – eine komplexe Herausforderung für Jugendliche und junge Erwachsene

Anne Berngruber & Nora Gaupp

Kerngedanke und Zielsetzung des Buches

Jugend als eigenständige Lebensphase und die schwierige Frage nach Altersgrenzen

Vielfalt jugendlicher Lebenswelten als Grundprämisse

Theoretisch-konzeptionelle Blickwinkel auf die Lebensphase Jugend

Aufbau des Buches

Teil I Gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen des Aufwachsens

1     Jugend – verdrängt und umworben

Sarah Beierle & Frank Tillmann

1.1   Aufwachsen unter den Bedingungen des demografischen Wandels

1.2   Demografische Entwicklungen auf regionaler Ebene

1.3   Bedingungen des Aufwachsens Jugendlicher in strukturschwachen ländlichen Räumen

1.4   Schlussfolgerungen

2     Strukturen und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe mit einem besonderen Blick auf die Jugendarbeit

Liane Pluto

2.1   Kinder- und Jugendhilfe – Auftrag, Prinzipien, Angebote

2.2   Kinder- und Jugendarbeit als institutionell bereitgestellte Gelegenheitsstruktur für Jugendliche und junge Erwachsene

3     Materielle Lebenslagen, Bildungs- und soziale Ungleichheiten im Jugend- und jungen Erwachsenenalter

Brigitte Schels

3.1   Hintergrund

3.2   Konzeptionelle und theoretische Grundlagen

3.3   Armut in Jugend und im jungen Erwachsenenalter

3.4   Fazit und Ausblick

4     Pluralisierung und Vielfalt als Merkmal jugendlicher Lebensrealitäten – eine Darstellung am Beispiel sexueller und geschlechtlicher Vielfalt

Claudia Krell

4.1   Individualisierung und gestiegene Ansprüche an Heranwachsende

4.2   Plurale Lebensformen Jugendlicher

4.3   Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt

4.4   Plurale Lebensformen am Beispiel der Situation von LSBT*Q Jugendlichen und jungen Erwachsenen

4.5   Vielfalt ist alltäglich – aber die neue Normalität?

5     Jugend und Zeit – Formen der Thematisierung

Christian Lüders

5.1   Verbrachte Zeit – Zeitverwendung

5.2   Bedeutung der verbrachten Zeit – zwei Perspektiven

5.3   Wandel der Jugendphase seit ca. 1950: Moratorium und Entstrukturierung

5.4   Generationen: Ein unscharfes Konzept zwischen Erklärung und Entleerung

5.5   Gesellschaftlicher Wandel

5.6   Der biografische Blick auf Jugend

5.7   Eine vorläufige Zwischenbilanz

Teil II Lebensführung, Alltagspraktiken und Schritte des Erwachsenwerdens

6     Ökonomische Aspekte des Erwachsenwerdens

Eric van Santen & Claus Tully

6.1   Die sozioökonomische Situation der Heranwachsenden in ihren Familien

6.2   Geld in der Phase des Aufwachsens

6.4   Ausblick

7     Soziale Aspekte des Erwachsenwerdens

7.1   Peerbeziehungen

Cathleen Grunert

7.2   Partnerschaft und Sexualität

Eva-Verena Wendt

7.3   Jugendliche, junge Erwachsene und ihre Eltern: Beziehungsdynamiken und gesellschaftliche Einflüsse

Andreas Lange & Birgit Ulrika Keller

8     Räumliche Aspekte des Erwachsenwerdens

8.1   Jugendliches Unterwegssein – lokal, regional, national und transnational

Kathrin Klein-Zimmer

8.2   Der Auszug aus dem Elternhaus als räumliche Verselbstständigung im jungen Erwachsenenalter

Anne Berngruber

9     Bildungsbezogene Aspekte des Erwachsenwerdens

9.1   Ausgelernt!? Übergänge Jugendlicher und junger Erwachsener im Bildungs- und Erwerbssystem

Christine Steiner

9.2   Schule als Lebensort

Mirja Lange

9.3   Informelle und non-formale Bildung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter

Birgit Reißig & Tatjana Mögling

10   Politische und gesellschaftliche Aspekte des Erwachsenwerdens

10.1 Zivilgesellschaftliches Engagement von jungen Menschen: Beteiligung in Vereinen sowie Übernahme freiwilliger Aufgaben

Martina Gille

10.2 Politische Beteiligung junger Menschen als Ausdruck von gesellschaftlicher Mitgestaltung

Maruta Herding & Maren Zschach

11   Mediale/kulturelle Aspekte des Erwachsenwerdens

11.1 Erwachsenwerden mit (mobilen) digitalen Medien und in digitalen Sozialräumen

Dorothée Hefner & Karin Knop

11.2 Jugendkulturen und ihre Beiträge zur Verselbstständigung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Natalia Wächter

11.3 Die Rolle von Freizeit im Prozess des Erwachsenwerdens

Marius Harring

12   Erwachsenwerden heute – eine komplexe Herausforderung auch und gerade in Zeiten von Corona

Nora Gaupp & Anne Berngruber

12.1 Erwachsenwerden als vielschichtiger Prozess

12.2 Erwachsenwerden unter der Perspektive von Verselbstständigung

12.3 Erwachsenwerden unter Bedingungen der Corona-Pandemie

Autor*innenverzeichnis

Einleitung: Erwachsenwerden – eine komplexe Herausforderung für Jugendliche und junge Erwachsene

Anne Berngruber & Nora Gaupp

Kerngedanke und Zielsetzung des Buches

Der vorliegende Band setzt sich mit der Frage auseinander, wie junge Menschen in Deutschland heutzutage aufwachsen: Wie gestaltet sich das Erwachsenwerden in Deutschland? Was gehört zum Erwachsenwerden dazu? Welche ›Meilensteine‹ bewältigen junge Menschen auf dem Weg des Erwachsenwerdens?

Der Begriff des »Erwachsenwerdens« impliziert bereits einen prozesshaften Charakter. Um mit einem Bild zu sprechen, kann das Erwachsenwerden als Weg mit vielen einzelnen Schritten von der Jugend ins Erwachsensein gesehen werden. Dazu gehören Schritte in die finanzielle Selbstständigkeit, schulische, ausbildungsbezogene und berufliche Qualifizierungsschritte, die räumliche Ablösung von den Eltern durch den Auszug aus dem Elternhaus, Schritte in Richtung eigener Familiengründung wie erste sexuelle Erfahrungen, Partnerschaften oder das Zusammenziehen in eine gemeinsame Wohnung oder das Hineinwachsen in die Rolle eine*r jungen Bürger*in über die Beteiligung an Wahlen und anderen politischen Aktivitäten. Mit diesen Charakteristika wird Jugend als eigenständige Lebensphase verstanden, also nicht allein als Zwischenphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Sie hat vielmehr ihre eigenen Themen und ihren ›Eigensinn‹. Zu diesen Charakteristika gehören ganz wesentlich Momente des Ausprobierens, der Identitätsentwicklung, des Selbstständigwerdens und der zunehmenden Unabhängigkeit von der Elterngeneration. In diesem Zusammenhang etablierte sich ein Verständnis von Jugend als Moratorium im Sinne einer Zeit, während der Jugendliche noch nicht den Verpflichtungen des Erwachsenseins (wie z. B. der Erwerbsarbeit) unterliegen.

Ziel dieses Buches ist es, einen empirisch fundierten und kompakten Einblick in die Lebensphase Jugend zu geben. Dabei liegt ein Fokus auch darauf, unter welchen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen junge Menschen heute aufwachsen. Die Beschreibung des Prozesses des Erwachsenwerdens muss dabei an einigen Stellen exemplarisch bleiben. Dennoch gibt der vorliegende Band anhand von vielfältigen empirischen Befunden aus der Jugendforschung einen breiten Einblick in das Erwachsenwerden junger Menschen.

In diesem einführenden Kapitel werden dazu verschiedene theoretisch-konzeptionelle Sichtweisen auf die Lebensphase Jugend vorgestellt. Hierzu gehören etwa entwicklungspsychologische, lebenslauforientierte, jugendsoziologische und jugendpolitische Perspektiven. Im Sinne eines Arbeitsmodells für das vorliegende Buch wird schließlich das Konzept der »Verselbstständigung« mit seinen ökonomischen, sozialen, räumlichen, bildungsbezogenen, politisch-gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten eingeführt. Im nächsten Teil wird das Erwachsenwerden Jugendlicher in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext gestellt, und es werden zentrale gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen des Aufwachsens diskutiert. Der letzte Teil des Buches greift die unterschiedlichen Aspekte von Verselbstständigung und die damit verbundenen Alltagspraktiken junger Menschen auf.

Jugend als eigenständige Lebensphase und die schwierige Frage nach Altersgrenzen

Während die Jugendphase in früheren Zeiten vornehmlich als Übergangsphase von der sozialen Rolle des Kindes zur sozialen Rolle des Erwachsenen verstanden wurde (z. B. Schelsky, 1957, S. 18), ist es heutzutage anerkannte Position, Jugend als eigenständige Lebensphase zu verstehen (z. B. Hurrelmann & Quenzel, 2016, S. 21). Als frühe Ausformulierung dieses Blicks auf die Jugendphase gelten die Ausführungen Rousseaus (1978 [1762]) in seinem Werk »Emil oder Über die Erziehung«. Hier wird das Jugendalter als Reifezeit beschrieben – allerdings nur mit Blick auf die Entwicklung des wohlhabenden jungen Mannes Emil. Die Entwicklung junger Frauen ist zu dieser Zeit noch nicht Thema. Wichtig waren auch die Arbeiten von Erikson (1988, S. 98), der die Jugendphase als »psychosoziales Moratorium« beschreibt, in der junge Menschen aufgrund zunehmend längerer Ausbildungszeiten in kognitiver sowie sexueller Hinsicht reifen können und endgültige ›erwachsene‹ Verpflichtungen noch aufgeschoben sind. Dieses Moratorium ermöglicht es seiner Ansicht nach, verschiedene Rollen auszuprobieren. Zinnecker (1991, S. 13) schließlich bezeichnet die Lebensphase Jugend als »Bildungsmoratorium«, insbesondere für Jugendliche in westeuropäischen Ländern. Junge Menschen sind in dieser Lebensphase noch von verpflichtenden Aspekten des Erwachsenseins aufgrund von z. B. Erwerbseinstieg und Familiengründung entbunden. Allen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie die Jugendzeit als Lebensphase ernst nehmen und in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellen.

Eine klassische Frage der Jugendforschung bezieht sich darauf, wie sich Jugend von den Lebensphasen Kindheit und Erwachsensein abgrenzen lässt: Wann werden Kinder zu Jugendlichen und wann werden Jugendliche zu Erwachsenen? In welchem Alter fängt das Jugendalter an und in welchem Alter hört es auf? Die Frage nach den Altersschneidungen für die Jugendphase ist dabei von theoretischer wie praktischer Bedeutung, da altersbezogene gesellschaftliche Diskussionen und gesetzliche Regelungen ganz konkrete Auswirkungen auf die Handlungsmöglichkeiten und damit auch Verselbstständigungsprozesse junger Menschen haben. Implizit geht es um die Frage, wann junge Menschen reif genug sind, um als mündige Bürger*innen zu gelten, denen bestimmte Rechte und Möglichkeiten eingeräumt werden. Unmittelbar deutlich wird dies etwa bei der Debatte um eine mögliche weitere Absenkung des Wahlalters. Auch die Frage, wann bspw. das Autofahren erlaubt ist, zeigt an, was eine Gesellschaft jungen Menschen wann ermöglicht.

Eine eindeutige Altersschneidung der Jugendphase erweist sich als schwierige Aufgabe und es existiert keine einheitlich verwendete, allgemeingültige Definition. Je nach theoretischer Forschungsperspektive oder den gesetzlichen Vorgaben und Zuständigkeiten verschiedener gesellschaftlicher Teilsysteme, finden sich unterschiedliche, in ihren Eigenlogiken begründete Alterssetzungen, die Beginn oder Ende dessen bestimmen, was dort jeweils als »Jugend« verstanden wird. In einem kurzen Abriss werden daher im Folgenden unterschiedliche Begrifflichkeiten, Verständnisse, Definitionen und Altersbegrenzungen von »Jugend« beschrieben.

Im Kontext der Jugendforschung und ihrer inhaltlich verbundenen Nachbardisziplinen finden sich verschiedene Begrifflichkeiten und damit verbundene Altersgrenzen zum Jugendalter. So spricht die (Entwicklungs-)Psychologie meist von »Adoleszenz«. In der Medizin und Biologie wird in der Regel von »Pubertät« gesprochen. Der Begriff Pubertät betont vor allem die körperlichen Veränderungen dieser Lebensphase, indem der Beginn der Jugend mit dem Zeitpunkt der Geschlechtsreife in Verbindung gebracht wird. In der (Jugend-)Soziologie ist meist von »Jugend« die Rede (vgl. Fend, 2003, S. 22f.). Diese wird wiederum häufig in eine frühe, mittlere und späte Phase eingeteilt, wobei es auch hier Unterschiede bei der Definition für bestimmte Altersgruppen geben kann. Hurrelmann und Quenzel (2016, S. 45) bspw. ordnen die 12- bis 17-Jährigen der frühen Jugendphase zu, die 18- bis 21-Jährigen der mittleren und die 22- bis maximal 30-Jährigen der späten. Häufig werden die Begrifflichkeiten auch innerhalb der Disziplinen – oft der Einfachheit halber – synonym angewandt. Klare Altersgrenzen aus der Perspektive ›der‹ Jugendforschung sind damit nicht möglich und auch nicht unbedingt notwendig.

Aus rechtlicher Perspektive ist nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) die Volljährigkeit mit Vollendung des 18. Lebensjahres gegeben, d. h., der 18. Geburtstag setzt eine wichtige Grenzziehung zwischen Jugend und Erwachsenenalter. Mit der Volljährigkeit erlangen junge Menschen wesentliche Rechte wie bspw. die volle Geschäftsfähigkeit oder auch das aktive und passive Wahlrecht. Für die Bundestagswahl, Landtagswahlen und Kommunalwahlen sind junge Menschen mit 18 Jahren wahlberechtigt. In einigen Bundesländern liegt die Altersgrenze für Kommunal- und Landtagswahlen bereits bei 16 Jahren (vgl. z. B. Gisart, 2018, S. 342, siehe Herding & Zschach in diesem Band). Die Altersgrenzen für den Erwerb einer Fahrerlaubnis sind für die verschiedenen Fahrzeugklassen stufenweise geregelt und in jüngerer Zeit einem deutlichen Wandel unterworfen. So konnte z. B. ein KFZ-Führerschein bis zum Jahr 2005 erst mit 18 Jahren erworben werden, je nach Bundesland ist dies seit 2006, 2007 oder 2008 bereits mit 17 Jahren möglich, wobei die Regelung des begleiteten Fahrens gilt (§ 10 FeV).

Für die Frage der Strafmündigkeit im Zuständigkeitsbereich der Justiz gelten wiederum besondere Regelungen, denn Volljährigkeit bedeutet nicht gleichzeitig, dass junge Menschen im juristischen Sinne schon wie Erwachsene behandelt werden. Nach dem Jugendgerichtsgesetz (§ 1 Abs. 2 JGG) sind Personen, die zur Tatzeit zwischen 14 und unter 18 Jahre alt sind, »Jugendliche«. Für sie gilt das Jugendstrafrecht. Hingegen werden Personen, die bei der Tat zwischen 18 und unter 21 Jahre alt sind, als »Heranwachsende« bezeichnet (§ 1 Abs. 2 JGG). Heranwachsende können bei der Begehung einer Straftat nach dem Jugendstrafgesetz verurteilt werden, wenn die Gesamtwürdigung der Persönlichkeit des Täters bei Berücksichtigung auch der Umweltbedingungen ergibt, dass er »zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstand, oder es sich nach der Art, den Umständen oder den Beweggründen der Tat um eine Jugendverfehlung handelt« (§ 105 Abs. 1 JGG). Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, so wird die oder der Heranwachsende nach dem Erwachsenenstrafrecht, d. h. dem allgemeinen Strafrecht, verhandelt.

Im Rahmen der Zuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe existieren ebenfalls klar geregelte Altersgrenzen. Das Achte Buch des Sozialgesetzbuches (SGB VIII) als Grundlage für die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland definiert in § 7 Abs. 1 SGB VIII »Jugendliche« als Personen zwischen 14 und unter 18 Jahren. Personen zwischen 18 und unter 27 Jahren werden als »junge Volljährige« bezeichnet. Generell sind Personen unter 27 Jahren nach dem SGB VIII »junge Menschen« (für einen Überblick zu diesen und weiteren gesetzlichen Altersgrenzen vgl. auch Meysen et al., 2020). Zur Diskussion um die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten der Kinder- und Jugendhilfe für über 18-Jährige sei auch auf den Beitrag von Pluto in diesem Buch verwiesen (Kap. 2).

Im Bildungswesen finden wiederum eigene Altersregelungen Anwendung. Dies ist insofern an dieser Stelle relevant, da die Lebensphase Jugend oftmals mit dem Schulbesuch assoziiert wird und dabei insbesondere Schüler*innen Zielgruppe erziehungswissenschaftlicher Untersuchungen sind. Neben der Festlegung der Dauer der Schulpflicht von neun bis zehn Jahren allgemeiner Schulpflicht – je nach Bundesland – und, je nach weiterem Verlauf (z. B. weiterer Besuch einer Schule, Beginn einer Ausbildung oder Studiums, Besuch eines Berufsgrundbildungsjahres) einer sich daran anschließenden Berufsschulpflicht, endet die Schulpflicht in den meisten Bundesländern mit Vollendung des 18. Lebensjahres falls kein Ausbildungsverhältnis besteht (für einen Überblick der rechtlichen Vorgaben zur Schulpflicht in den einzelnen Bundesländern vgl. Vossenkuhl, 2010, S. 54).

Und schließlich markieren im Kontext der Religionen verschiedene Übergangsrituale den Übertritt ins religiöse Erwachsenenalter (vgl. Fuchs & Wiezorek, 2018, S. 258). In den christlichen Konfessionen ist es die Firmung bzw. die Konfirmation. Die katholische Firmung findet dabei meist im Alter zwischen 14 und 16 Jahren statt (vgl. Katholisch.de, 2020), die evangelische Konfirmation in der Regel mit 14 Jahren (vgl. EKD, 2020). Im Islam existiert ein solches kollektives Übergangsritual nicht (vgl. Althans, 2004). Im Judentum sind die Bar Mitzwa für Jungen im Alter von 13 Jahren und die Bat Mitzwa für Mädchen im Alter von 12 Jahren Übergangsriten für den Eintritt in die jüdische Gemeinde (vgl. Zentralrat der Juden in Deutschland, 2020). Als weltliches Pendant der religiösen Übergangsriten kann die Jugendweihe gelten, die ebenfalls meist im Alter von 14 Jahren gefeiert wird. Sie war in der früheren DDR weit verbreitet und findet auch heute noch vor allem in den ostdeutschen Bundesländern statt. Die Jugendweihe gilt als säkulare festliche Initiation, die den Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter kennzeichnet (vgl. Schröder, 2018).

In Ergänzung zu den Lebensphasen Kindheit, Jugend und Erwachsensein zeigen sich immer wieder auch Entwicklungen hin zur Etablierung einer zusätzlichen Zwischenphase zwischen Jugend und Erwachsenenalter. Zum einen hat sich der Begriff der »Postadoleszenz« als eigene Lebensphase zwischen der Jugend- und der Erwachsenenphase etabliert. Dieser Begriff findet erstmals bei Keniston (1968, S. 18) Erwähnung. Die Phase der Postadoleszenz, die häufig das Alter zwischen 18 und 29 Jahren meint, zeichnet insbesondere aus, dass junge Menschen zwar in einigen Aspekten unabhängig sind (z. B. gesetzlich volljährig), aber in anderen Aspekten – vor allem finanziell – noch von ihren Eltern abhängig sind (vgl. z. B. Vaskovics, 2001). Auch mit der Bezeichnung »junges Erwachsenenalter« (oder auch »frühes Erwachsenenalter«), die insbesondere in der Entwicklungspsychologie Verwendung findet, gehen gewisse Alterszuschreibungen einher. Die Definitionen, welche Altersspannen darunter zu zählen sind, sind dabei vielfältig. So werden hierunter bspw. Personen zwischen 18 und 30 Jahren verstanden (z. B. Rindfuss, 1991, S. 494) oder auch zwischen 20 und 40 Jahren (z. B. Faltermaier et al., 1992, S. 74).

Eine vergleichsweise aktuelle Entwicklung geht u. a. auf das von Arnett (2000) begründete Konzept »emerging adulthood« zurück, was übersetzt so viel bedeutet wie »werdendes Erwachsenenalter«. In seiner ursprünglichen Form umfasst diese Phase nach Arnett (2000, S. 469) junge Menschen in der Altersspanne von 18 bis 25 Jahren. Seiner Ansicht nach handelt es sich bei dieser Altersgruppe weder um »Jugendliche«, noch um »junge Erwachsene« oder gar »Erwachsene«, sondern vielmehr um eine eigenständige Lebensphase (»emerging adults«). Er begründet diese Position u. a. damit, dass es sich um eine demografisch verdichtete Altersphase handelt (»demographically dense«), in der zahlreiche Übergänge vollzogen werden (z. B. die Schule abschließen, eine Ausbildung oder ein Studium beginnen oder von zu Hause ausziehen) (vgl. hierzu auch Rindfuss, 1991, S. 496; Berngruber, Gaupp & Lüders, 2020, S. 395). Zudem belegt er dies anhand empirischer Befunde zum subjektiven Empfinden junger Menschen in diesem Altersrange, die sich mehrheitlich nicht mehr als jugendlich und noch nicht als erwachsen, sondern als eher »dazwischen« oder »in mancher Hinsicht ja, in anderer Hinsicht nein« beschrieben (vgl. Arnett, 2000, S. 471f.).

Dieses subjektive Empfinden junger Menschen, wie es Arnett verwendet, kann auch für Deutschland Auskunft zur biografischen Selbstwahrnehmung (z. B. Stecher & Zinnecker, 1998) als Kind, als Jugendliche*r, als Erwachsene*r oder im Sinne der Zwischenkategorie »mal so, mal so/kommt darauf an« geben. Hierfür liegen Daten des DJI-Survey »Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten – AID:A« aus dem Jahr 2019 für die Altersgruppe der 12- bis 32-Jährigen vor (Abb. 0.1; vgl. auch Berngruber et al., 2020, S. 391).

Bereits im Alter von zwölf Jahren geben nur noch weniger als ein Drittel der Befragten an, sich eher als Kind zu fühlen. Ein Drittel fühlt sich in diesem Alter schon eher als Jugendliche*r. Im Alter von 13 Jahren nehmen sich immerhin fast zwei Drittel eher als Jugendliche wahr. Ihren Scheitelpunkt erreicht die Kurve für das Jugendalter mit 15 Jahren, hier nehmen sich vier von fünf als Jugendliche wahr. Mit 17 Jahren fühlt sich nur noch ein vernachlässigbar geringer Teil als Kind (2 %). Mal so oder mal so, d. h. mal als Kind und mal als Jugendliche*r, fühlen sich in diesem Alter wiederum nur noch etwas mehr als jede*r Zehnte. Gut drei Viertel der 17-Jährigen wählen »eher als Jugendliche/r« als für sie passende Selbstbezeichnung. Von den 18-Jährigen gibt nur ein geringer Anteil (15 %) an, sich bereits eher erwachsen zu fühlen, über die Hälfte fühlt sich noch eher jugendlich. Junge Menschen in der Altersspanne zwischen 18 Jahren und Mitte 20 geben die unentschiedene Kategorie »mal so, mal so/kommt darauf an« zu etwa einem Drittel und damit im Vergleich zu den anderen Altersgruppen am häufigsten an. Im Alter von 21 Jahren überschneiden sich alle drei Kurven und bilden eine Art Knoten. Hier kehrt sich das Verhältnis des Anteils junger Menschen, die sich eher als Jugendliche fühlen, zu denjenigen, die sich eher als Erwachsene fühlen erstmals um. Ab diesem Alter verstehen sich die meisten als eher erwachsen. Interessanterweise zeigt Abbildung 0.1, dass der Anteil junger Menschen, die sich eher als erwachsen wahrnehmen, ab 28 Jahren auf einem konstanten Niveau von etwa zwei Dritteln verläuft, obwohl erwartet werden könnte, dass die Kurve die 100-Prozent-Marke anstreben könnte. Damit zeigt sich, dass auch im späteren jungen Erwachsenenalter immer noch nicht wenige Menschen die Frage nach dem eigenen Lebensgefühl mit »eher jugendlich« beantworten (Abb. 0.1).

Wie die Ausführungen verdeutlichen, gibt es vielfältige Definitionen dafür, wann einerseits die Kindheit aufhört und die Jugend anfängt und andererseits die Jugend endet und das Erwachsensein beginnt. Für das vorliegende Buch werden nach unserer Definition sowohl Jugendliche als auch junge Erwachsene in den Blick genommen. Dies erscheint notwendig, da das Erwachsenwerden sich in den letzten Jahrzehnten durchaus gewandelt hat. Einige Schritte des Erwachsenwerdens erstrecken sich mittlerweile bis ins dritte, teilweise sogar bis ins vierte Lebensjahrzehnt hinein. Als grobe Orientierung, welche Altersgruppe junger Menschen im Fokus des Buches steht, gilt damit die Altersspanne der 12- bis Ende 20-Jährigen, wobei die 12- bis 17-Jährigen als »Jugendliche« und die ab 18-Jährigen als »junge Erwachsene« bezeichnet werden. Aus thematischen Gründen können dabei in den einzelnen Kapiteln durchaus auch Ausweitungen in Richtung jüngerer oder älterer Gruppen oder Fokussierungen auf spezifische, engere Altersgruppen erfolgen.

Vielfalt jugendlicher Lebenswelten als Grundprämisse

»Jugend« kann – unter einer Generationenperspektive – als eine Gruppe junger Menschen verstanden werden, die Teil einer Geburts- oder Alterskohorte sind und somit zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Gesellschaft geboren sind oder ein prägendes Ereignis erlebt haben. Das Generationen-Konzept im Sinne Karl Mannheims versteht unter einer »Generation« eine Gruppe von Menschen, die im selben Zeitraum geboren sind und einschneidende und damit kollektiv verbindende Ereignisse (z. B. den Ersten oder Zweiten Weltkrieg) durchlebt haben (vgl. Mannheim 1964, S. 536). Insofern kann es zu bestimmten Zwecken durchaus gerechtfertigt sein, von der »Jugend« im Ganzen zu sprechen.

Allerdings transportieren mediale und öffentliche Diskurse häufig pauschalisierende und stereotype Jugendbilder. DIE heutige Jugend sei so oder so, verhalte sich so oder so. Durch solche Zuschreibungen entstehen Jugendbilder, die vielleicht mehr über den Blick der Älteren auf die Jüngeren aussagen (nach dem Motto »Diese Jugend von heute!«) als über die Lebensverhältnisse und Alltagspraktiken der jungen Menschen selbst (vgl. z. B. Deutscher Bundestag 2017, S. 85).

Bei einer solchen homogenisierenden Perspektive fehlen wichtige Differenzierungen, und die Heterogenität jugendlicher Lebenslagen und Lebensstile bleibt unberücksichtigt. Denn auch wenn es mitunter attraktiv erscheinen mag, plakative Generationenzuschreibungen wie bspw. »Generation Praktikum«, »Generation Y« oder in jüngster Zeit »Generation Corona« zu verwenden und damit die Lebenssituation junger Menschen in ihrer Gesamtheit beschreiben zu wollen (vgl. in diesem Zusammenhang bspw. die Shell-Jugendstudien), so ist unserer Ansicht nach ein differenzierterer Blick auf die Lebenssituation junger Menschen notwendig: Denn DIE Jugend gibt es nicht. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen: Jugendliche leben in unterschiedlichen Jugendkulturen, hören die dazugehörige Musik, kleiden sich entsprechend und pflegen kulturelle Praxen. In diesen jugendkulturellen Lebensstilen (bspw. der Punks, Cosplayer, Raver, Gamer, Ökos, Gothics) zeigt sich eine große Vielfalt ästhetisch-kultureller Präferenzen und Positionen. Jugendliche bezeichnen sich selbst als gläubig oder areligiös und besuchen in unterschiedlichem Umfang Kirchen, Moscheen oder Synagogen. Die Zugehörigkeit zu ungleichen sozialen ›Schichten‹ prägt ihren sozialen Alltag und ihr sozialräumliches Lebensumfeld, bahnt bestimmte Freundschaftsbeziehungen und macht den Besuch bestimmter Schulformen mehr oder weniger wahrscheinlich. Die Beteiligung an Jugendverbänden wie der Freiwilligen Feuerwehr, der Pfadfinderschaft, der Naturschutzjugend oder der Jugendorganisation einer politischen Partei oder das Engagement in einer informellen Bewegung wie z. B. Fridays for Future spiegelt bestimmte politisch-gesellschaftliche Einstellungen und Werthaltungen wider. Aus einer Familie zu stammen, deren Wurzeln in einem anderen Land liegen, prägt die subjektiven Zugehörigkeiten von Jugendlichen zu ihrem Herkunftsland, zur Aufnahmegesellschaft oder auch zu einer offenen Identität als Bürger*in Europas. Die Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten benennt eine weitere wichtige Ausprägung der Identität und Zugehörigkeit junger Menschen (vgl. Gaupp, 2015, 2017).

Am Beispiel von jungen Menschen mit Migrationsbiografie soll die Relevanz von den genannten Diversitätsmerkmalen nochmals in seiner Vielfalt und Tragweite illustriert werden: Deutschland hat eine lange Zuwanderungsgeschichte, in der junge Menschen mit vielfältigen Migrationsgeschichten aufwachsen. Jugend kann somit in vielen Fällen als multikulturelles Aufwachsen beschrieben werden. Dabei steigt der Anteil von jungen Menschen mit Migrationsbiografie an der Bevölkerung seit geraumer Zeit beständig an. Die individuelle Migrationsbiografie junger Menschen zeigt sich dabei als mehrdimensionales, vielfältiges Phänomen mit unterschiedlichen nationalen, ethnischen, kulturellen, sprachlichen und religiösen Herkunftsbedingungen. Hinter der Begrifflichkeit »junge Menschen mit Migrationshintergrund« verbirgt sich eine heterogene Gruppe in sehr unterschiedlichen Lebenskonstellationen: Junge Menschen mit Migrationshintergrund können in Deutschland geboren sein oder eine eigene Migrations- und Fluchterfahrung nach Deutschland aufweisen, sie können die deutsche und/oder eine andere Staatsangehörigkeit besitzen, bei eigener Zuwanderung kann der Aufenthaltsstatus ungesichert sein, die individuelle Bedeutung der verschiedenen ursprünglichen Herkunftsländer und ggf. damit verbundener kultureller und religiöser Orientierungen kann hoch oder auch nur marginal sein.

Die Reihe genannter Beispiele gesellschaftlicher Diversität ließe sich ohne Weiteres fortsetzen. Festzuhalten bleibt die Beobachtung, dass die Lebensphase Jugend wesentlich durch eine Vielfalt an Zugehörigkeiten, Lebenslagen, Identitäten und Orientierungen gekennzeichnet ist. Der 14. Kinder- und Jugendbericht formuliert diesen Gedanken in einer sprachlichen Abgrenzung von Jugend und Jugenden: »Der Vorstellung von Jugend im Singular wird die Heterogenität der Lebenslagen Jugendlicher und ihrer Sichtweisen entgegengehalten« (Deutscher Bundestag, 2013, S. 136).

Theoretisch-konzeptionelle Blickwinkel auf die Lebensphase Jugend

Wie blicken nun Jugendforschung und Jugendpolitik aus einer theoretischen Perspektive auf das Jugendalter? Es existieren vielfältige theoretische Konzepte, um die Lebensphase Jugend und den Prozess des Erwachsenwerdens zu beschreiben. Je nach Forschungsperspektive werden unterschiedliche Merkmale zur Charakterisierung von »Jugend« herangezogen. Dabei unterscheiden sich die verschiedenen Ansätze an vielen Stellen in ihren konzeptionellen und disziplinären Ausgangspunkten, inhaltlich überschneiden und ergänzen sie sich jedoch an vielen Stellen.

Im Folgenden soll eine Art ›Landkarte‹ wichtiger und besonders etablierter Konzepte skizziert werden mit dem Ziel, eine grobe Orientierung zu schaffen. Dazu werden nacheinander das Konzept der Entwicklungsaufgaben, Prozesse der Ablösung und Autonomiegewinnung, die lebenslauftheoretische Perspektive auf das Erwachsenwerden sowie die drei Kernherausforderungen des Jugendalters aus jugendpolitischer Sicht dargestellt.

Ausgewählte Konzepte zur Lebensphase Jugend

Entwicklungsaufgaben

Die Theorie der Entwicklungsaufgaben hat sich in der Jugendforschung breit etabliert, um das Erwachsenwerden Jugendlicher zu beschreiben und zu erklären. Erstmals taucht dieser Begriff bei Havighurst (1982 [1948]) auf, später auch bei anderen Autor*innen (vgl. z. B. Fend, 2003; Hurrelmann & Bauer, 2015; Quenzel, 2015). Nach Havighurst definieren bestimmte psychosoziale Entwicklungsaufgaben das Wesen des Jugendalters. Als Entwicklungsaufgabe versteht er eine Aufgabe, die während einer bestimmten Lebensphase ansteht und deren erfolgreiche Bewältigung zu Glück und Erfolg bei späteren Aufgaben führen soll, während Misserfolg eher zu Unzufriedenheit beim Individuum, zu Missbilligung durch die Gesellschaft und Schwierigkeiten bei späteren Aufgaben führt (Havighurst, 1953, S. 2).

Körperliche und psychische Veränderungen stellen wesentliche ›Motoren‹ der Entwicklungsaufgaben dar. Ein wichtiger Aspekt der Theorie besteht darin, dass nicht nur solche individuellen Veränderungen Berücksichtigung finden, sondern auch die an Jugendliche gerichteten gesellschaftlichen Erwartungen (vgl. Hurrelmann & Bauer, 2015, S. 75). Diese der Alters- und Lebensphase Jugend zugeordneten Erwartungen sind nicht unabhängig von Ort und Zeit, sondern unterscheiden sich je nach Gesellschaft und den jeweils aktuell herrschenden gesellschaftlichen Normen sowie historischem Kontext (vgl. Freund, 2003).

Bei der Zuordnung von Entwicklungsaufgaben zu einem bestimmten Alter geht es nach Schulenberg et al. (2004, S. 1119) weniger um Normalitätserwartungen an Jugendliche im Sinne eines ›Tun-Sollens‹, sondern um die Beobachtung, dass gewisse Entwicklungsaufgaben üblicherweise zu einem bestimmten Zeitpunkt im Lebenslauf erfolgen. Havighurst (1956, S. 216) benennt als zentrale Entwicklungsaufgaben für das Jugendalter

•  das Erlernen einer männlichen oder weiblichen sozialen Rolle,

•  die Akzeptanz des eigenen Körpers,

•  das Erreichen der emotionalen Unabhängigkeit von der Elterngeneration,

•  die Wahl und Vorbereitung auf einen Beruf,

•  die Entwicklung eigener Werte und eines ethischen Systems als Orientierungsrahmen für das eigene Leben.

In neueren Konzeptualisierungen der Entwicklungsaufgaben finden sich deutliche inhaltliche Überschneidungen mit dieser ursprünglichen Formulierung. Zu den meist genannten Entwicklungsaufgaben gehören

•  die (emotionale) Ablösung von den Eltern,

•  der Aufbau von Partnerschafts- und Peerbeziehungen,

•  die Aneignung einer Geschlechtsrolle,

•  die Entwicklung eines eigenen Lebensstils,

•  der Umgang mit Konsumgütern, Freizeit und Medien,

•  der Vollzug von Qualifizierungsschritten in Richtung Ausbildung und Erwerbstätigkeit,

•  die Entwicklung eigener Wertorientierungen sowie

•  die Entwicklung zum*zur politisch partizipierenden Bürger*in (vgl. z. B. Quenzel, 2015, S. 238, Hurrelmann & Bauer, 2015, S. 76).

Ablösung, Autonomie und Individuation

Erwachsenwerden wird aus einer entwicklungspsychologischen Perspektive häufig mit dem Ablösungsprozess vom Elternhaus assoziiert oder gar gleichgesetzt, der bei Havighurst nur als eine unter mehreren Entwicklungsaufgaben gilt. Der Begriff Ablösung beschreibt einerseits den vielschichtigen Prozess des Erwachsenwerdens in seiner Breite (z. B. die Abwendung von den Eltern und stärkere Hinwendung zu Gleichaltrigen in Alltagskontexten), andererseits ist häufig auch ›nur‹ die emotionale Ablösung von den Eltern gemeint. In einem alltagspraktischen Verständnis ist mit »Ablösung« häufig insbesondere der Auszug aus dem Elternhaus assoziiert. Hurrelmann und Quenzel (2016, S. 154) sowie Vaskovics (2001, S. 11) bspw. unterscheiden jedoch verschiedene Aspekte der Ablösung von der Herkunftsfamilie, darunter etwa die emotionale, räumliche und finanzielle Ablösung, die in Summe den Ablösungsprozess insgesamt beschreiben.

Häufig werden zudem die Begrifflichkeiten »Ablösung« und »Autonomie« synonym verwendet (z. B. Hofer 2008, Kracke, 2007). Kracke (2007, S. 501) bezeichnet Autonomieentwicklung etwa als

»den Prozess, in dessen Verlauf Individuen die Fähigkeit entwickeln, ihr Leben unabhängig von anderen Personen zu gestalten, indem sie selbstständig Ziele setzen und ihr Erleben und Handeln selbstständig regulieren. Die Autonomieentwicklung verläuft auf der kognitiven (z. B. Werte, Ziele, Wahrnehmung von Chancen), der affektiven (z. B. Unabhängigkeit, Selbstvertrauen) und der Verhaltensebene (z. B. Kontrolle und Selbstregulation).«

Autonomie wird entwicklungspsychologisch insbesondere aus zwei Gründen als bedeutsam angesehen: Zum einen sollen Menschen selbstständige, mündige Bürger werden, zum anderen ist der Erwerb von Autonomie für eine individuell gesunde psychische Entwicklung notwendig (Hofer 2008, S. 391).

Nach Sessa und Steinberg (1991, S. 42) können in vergleichbarer Weise drei Ebenen von Autonomie differenziert werden: emotionale Autonomie (zunehmende Deidealisierung der Eltern, weniger Abhängigkeit von diesen und mit dem Alter zunehmende Individuation), kognitive Autonomie (Gefühl der Selbstständigkeit, Glaube, die Kontrolle über das eigene Leben zu haben, sowie das Gefühl, Entscheidungen ohne übermäßige soziale Bestätigung treffen zu können) und Verhaltensautonomie (Regulierung des eigenen Verhaltens und eigene Entscheidungsfindung).

Faltermaier et al. (1992, S. 74) wiederum unterscheiden eine »äußere« Loslösung (d. h. steigende finanzielle Unabhängigkeit, Auszug aus dem Elternhaus und zunehmende Autonomie durch die Übernahme neuer Rollen) von einer »inneren« Loslösung (d. h. psychische Distanzierung von den Eltern). In der Diskussion um Ablösungsprozesse wird diese strikte Trennung von innerer und äußerer Loslösung jedoch in Frage gestellt, da diese suggeriert, dass mit dem Erwachsenwerden zwingend eine geringere emotionale Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern verbunden ist. Die meisten Konzeptualisierungen verbinden letztendlich Schritte einer »äußeren« und »inneren« Ablösung. Einerseits lösen sich junge Menschen in ihrer praktischen Lebensgestaltung von den eigenen Eltern ab, andererseits bleiben sie diesen weiterhin emotional verbunden (vgl. z. B. Göppel, 2005, S. 141).

Diesen Ansatz verfolgt im Kern auch die Individuationstheorie. Sie legt den Fokus auf eine »Neugestaltung« der Eltern-Kind-Beziehung und postuliert eine Entwicklung weg von einem Abhängigkeitsverhältnis im Kindes- und Jugendalter hin zu einer Beziehung »auf Augenhöhe« im Erwachsenenalter (vgl. z. B. Grotevant & Cooper, 1985). Kracke (2007, S. 501) spricht in diesem Zusammenhang vergleichbar von der »Umgestaltung« der Eltern-Kind-Beziehung. Zwar ist Autonomie ein erklärtes Ziel westlicher Kulturkreise, dennoch heißt dies nicht, dass sich Autonomie und Verbundenheit ausschließen. Autonomie wird vielmehr als geringere elterliche Kontrolle und zunehmendes selbstständiges Handeln bei weiterbestehender emotionaler Verbundenheit mit den Eltern verstanden. Auf dem Weg ins Erwachsenenalter entwickeln die (jugendlichen) Kinder eine Selbstidentität unabhängig von ihren Eltern, dennoch bleiben Eltern und Kinder miteinander (emotional) verbunden und die Eltern bleiben für ihre Kinder weiterhin wichtige Ratgeber*innen und leisten seelische Unterstützung (vgl. Smollar & Youniss, 1989, S. 71).

Lebenslauftheoretische Perspektive auf das Erwachsenwerden

Einen spezifisch eigenen Blick auf das Erwachsenwerden bietet die Lebenslaufforschung. Ziel der Lebenslaufforschung ist es, gesellschaftlich bedingte Muster in Zeitpunkt, Dauer, Reihenfolge und Abstand zwischen einzelnen Lebensereignissen abzubilden (Elder, 1978, S. 21). Im Zentrum steht die Beschreibung, wann im Leben bestimmte biografische Ereignisse stattfinden. Zu welchem Zeitpunkt und in welcher Reihenfolge Ereignisse im Leben erfolgen, sagt dabei etwas über die normativen Rahmenbedingungen einer Gesellschaft aus, wie folgendes Zitat für den gesamten Lebenslauf beschreibt:

»There exists what might be called a prescriptive timetable for the ordering of major life events: a time in the life span when men and women are expected to marry, a time to raise children, a time to retire. This normative pattern is adhered to, more or less consistently, by most persons in the society« (Neugarten et al., 1965, S. 711).

Viele Ereignisse im Leben sind zudem zeitlich miteinander gekoppelt und beeinflussen sich wechselseitig. Die Lebensverlaufsperspektive bietet sich damit besonders für die Analyse des Übergangs vom Jugend- ins Erwachsensein an, da in dieser Altersphase zentrale Übergänge zum ersten Mal im Leben stattfinden. Zugleich können darin erkennbare Veränderungen über die Zeit betrachtet werden, wodurch die Abbildung sozialen Wandels über mehrere Geburtskohorten möglich wird (vgl. z. B. Konietzka, 2010, S. 25f.). Die vielfältigen ›ersten Male‹ im Leben junger Menschen sind häufig einzigartig, werden emotional als hoch bedeutsam erlebt und erweisen sich oftmals als prägend für den weiteren Lebensverlauf, weswegen sie in der Regel gut erinnert werden (z. B. Pohl, 2007, S. 62; Reimer, 2001, S. 44ff.).

Als ›klassische‹ Lebensereignisse junger Menschen zählen Schritte von der Schule in den Beruf und damit hin zur finanziellen Selbstständigkeit (z. B. Abschluss der Schule, Beginn und Abschluss einer Ausbildung bzw. eines Studiums, Beginn einer Erwerbstätigkeit), das eigenständige Wohnen (z. B. Auszug aus dem Elternhaus) sowie Schritte hin zur Familiengründung (z. B. Eingehen von Partnerschaften, Zusammenziehen mit Partner*in, Heirat, Geburt von Kindern) (z. B. Konietzka, 2010; Shanahan, Porfeli, Mortimer & Erickson, 2008).

Neben dem Begriff »Lebensereignisse«, existieren in der Lebenslaufforschung auch weitere, alternative Begrifflichkeiten für denselben Gegenstand wie z. B. Statusübergänge, Marker oder Markierungspunkte. Der Begriff »Statusübergang« eignet sich besonders gut, biografische Lebensereignisse zu charakterisieren, da die mit dem Ereignis einhergehenden Veränderungen (z. B. emotionaler Art) oft einen gewissen Zeitraum umfassen und nicht an einem Tag erledigt sind.

Einzelne »Statusübergänge« sind wiederum von umfassenderen »Statuspassagen« zu unterscheiden (Huinink, 1995). Ein Statusübergang ist nach Huininks Verständnis »ein zentrales Lebensereignis, das zu einer signifikanten Veränderung der sozialen Position und der Lebensorganisation eines Akteurs führt. Es hat weitreichende Auswirkungen auf den weiteren Lebensverlauf« (ebd., S. 155). Der Übergang von der Jugend ins Erwachsenenalter insgesamt ist demgegenüber als eine Statuspassage im Lebensverlauf zu verstehen, die sich aus dem Zusammenwirken mehrerer Statusübergänge in verschiedenen Lebensbereichen zusammensetzt und »zu einer umfassenden Neustrukturierung der Lebensumstände« führt (ebd., S. 156). Das Erreichen für das Jugendalter zentrale Statusübergänge in Summe wird dann häufig als Erwachsen-sein verstanden (z. B. Buchmann & Kriesi, 2011).

Kernherausforderungen des Jugendalters aus jugendpolitischer Sicht

Auch in jugendpolitischen Kontexten finden sich Debatten über das, was die Lebensphase Jugend heute ausmacht. Einer dieser Orte ist der 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung. Dort wird Erwachsenwerden als die Bewältigung von drei Kernherausforderungen des Jugendalters verstanden (Deutscher Bundestag, 2017, S. 49): Qualifizierung, Selbstpositionierung und Verselbstständigung.

•  Unter dem Stichwort Qualifizierung wird Jugend als das Lebensalter gesehen, in dem junge Menschen durch Bildungsprozesse umfassende Kompetenzen erwerben, um die eigene wie die gesellschaftliche Zukunft (mit-)gestalten zu können. Es wird von ihnen erwartet, allgemeinbildende, soziale und berufliche Handlungsfähigkeiten zu erlangen.

•  Das Erwachsenwerden junger Menschen wird weiter unter dem Stichwort Selbstpositionierung gefasst. Damit ist gemeint, dass junge Menschen eine Balance zwischen subjektiver Freiheit und sozialer Zugehörigkeit finden. Junge Menschen müssen für sich selbst Positionen finden, wie sie sich in persönlichen, politischen und sozialen Beziehungen verorten. Sie sollen Urteilskraft entwickeln, eigene Haltungen finden, eigene Meinungen vertreten und eigene Wege gehen. Selbstpositionierung verlangt damit ein Ausbalancieren eigener Positionen innerhalb sozialer Zusammenhänge. Das Jugendalter ist in diesem Sinn von der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft geprägt.

•  Unter Verselbstständigung wird in diesem Kontext schließlich eine zunehmende persönliche, soziokulturelle, ökonomische und politische Verantwortungsübernahme verstanden. Im Vordergrund stehen dabei selbstbestimmte Entscheidungen und selbstständiges Handeln. Dazu gehört auch, langfristig bindende, eventuell sogar nicht revidierbare Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen und deren Konsequenzen zu tragen. Bereiche, die solche Entscheidungsprozesse umfassen, sind bspw. Medienhandeln, Peerbeziehungen, Sexualität, Konsum oder Mobilität (vgl. ebd., S. 178).

Durch diesen Dreiklang der Kernherausforderungen des Jugendalters wird betont, dass das Erwachsenwerden nicht nur durch den Erwerb von Bildungszertifikaten, Übergänge in Ausbildung oder Studium sowie die Positionierung auf dem Arbeitsmarkt (Qualifizierung) charakterisiert ist, sondern durchaus breitere Aspekte und Lebensbereiche umfasst (vgl. hierzu auch Berngruber & Gaupp, 2017).

Neben diesen vier dargestellten theoretischen Blickwinkeln existieren vielfältige weitere Konzeptionen zum Jugendalter. So legt die Übergangsforschung etwa den Schwerpunkt auf bildungsbezogene Übergänge von der Schule in Ausbildung oder Studium und weiter in den Beruf (vgl. z. B. Stauber et al., 2007). Konzepte aus dem Kontext der politischen Bildung, betonen die Wichtigkeit, junge Menschen dazu zu befähigen, sich eigene Meinungen und Urteile bilden, selbstbestimmt Entscheidungen treffen sowie gesellschaftlich Verantwortung übernehmen zu können (vgl. z. B. Massing, 2013). Die Sozialisationsforschung fokussiert den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und die damit einhergehende Verarbeitung der inneren und äußeren Realität. Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit wird dabei als nie abgeschlossen betrachtet, sondern als je nach individuellen Erfahrungen, Bedingungen und Herausforderungen über den Lebenslauf veränderbar (vgl. Hurrelmann & Bauer, 2015, S. 20) angesehen. Diese Ansätze in ihrer Breite und Vielfalt ausführlicher darzustellen, würde den Rahmen des Buches sprengen. Sie sind jedoch ebenfalls Teil der oben zitierten ›Landschaft‹ jugendtheoretischer Konzeptionen.

Verselbstständigung als Rahmenkonzept des Buches

Wie die in aller Kürze beschriebene »Wanderung durch die Landkarte jugendtheoretischer Konzeptionen« deutlich gemacht hat, weisen die verschiedenen theoretischen Herangehensweisen an das Thema »Erwachsenwerden« trotz unterschiedlicher disziplinärer Ausgangspunkte und Begrifflichkeiten vielfache Berührungspunkte und Überschneidungen auf. Erwachsenwerden beinhaltet in diesem Sinne u. a. Bildungs- und Qualifizierungsschritte zu bewältigen, Verantwortung für sich selbst und andere Personen zu übernehmen, Entscheidungen über die eigene Lebensgestaltung zu treffen sowie bürgerschaftlich oder politisch Verantwortung zu tragen. Die Diagnose dieser Schnittstellen und Gemeinsamkeiten zwischen den Konzepten führt uns zu dem – zugegebenermaßen vielleicht etwas wagemutigen – Versuch, ein Arbeitsmodell für das vorliegende Buch zu entwerfen, das die Gedanken der unterschiedlichen Konzeptionen aufnimmt und integriert. Wir unternehmen diesen Versuch unter der Begrifflichkeit von Verselbstständigung.

Verselbstständigung ist dabei kein neues Konzept. Dies gilt nicht erst seit der eben genannten jugendpolitischen Betonung durch den 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (Deutscher Bundestag, 2017). Vielmehr integriert es die Betrachtung verschiedener Schritte hin zum Erwachsenenalter, die in den Erziehungswissenschaften, der Kinder- und Jugendhilfe und in Teilen der Jugendsoziologie diskutiert werden (vgl. z. B. Kötters, 2000; Junge, 1995; Deutscher Bundestag, 2017). Diesen Konzeptionen ist gemein, dass sie sowohl alltagspraktische, soziale und subjektive Verselbstständigungsprozesse als auch biografische Lebensereignisse als Grad von Verselbstständigung beschreiben.

Konzept der Verselbstständigung

Das Konzept der Verselbstständigung, wie wir es verstehen und definieren, berücksichtigt und verbindet drei Ebenen. Zum einen werden zentrale objektiv mess- und datierbare Lebensereignisse als Bestandteile von Verselbstständigung gesehen. Dazu gehören, ähnlich wie es die Lebenslaufforschung mit ihren Statusübergängen formuliert, faktische Schritte des Erwachsenwerdens. Beispiele sind etwa das Verlassen der Schule oder der Auszug aus dem Elternhaus. Zum zweiten werden verschiedene Alltagspraktiken und Handlungsspielräume als Aspekte der Lebensführung junger Menschen beachtet. Hierzu gehören etwa zunehmende Aktivitäten ohne Eltern, die Beteiligung an Wahlen, sich verändernde Freizeitaktivitäten oder sich ausweitende Mobilitätsspielräume. Zum dritten spielen auch subjektive, innere Faktoren von Verselbstständigung auf der Ebene von Gefühlen, Einstellungen und Werten eine wichtige Rolle. Hier sind bspw. die emotionale Ablösung von den Eltern, die Etablierung politisch-gesellschaftlicher Werthaltungen oder die Veränderung der biografischen Selbstwahrnehmung von einem jugendlichen hin zu einem erwachsenen Selbstverständnis zu nennen. Dabei können sich Entwicklungen auf diesen drei Ebenen der Verselbstständigung gegenseitig beeinflussen. So kann etwa das Erreichen bestimmter äußerer Verselbstständigungsschritte die innere Verselbstständigung im Sinne eines Gefühls von »Erwachsen-Sein« befördern oder ein Gefühl von »Erwachsen-Sein« die Vorbedingung für neue Alltagspraktiken darstellen.

Was soll in diesem Buch nun inhaltlich unter Verselbstständigung gefasst werden? Mit dem Prozess des Erwachsenwerdens ist die Vorstellung verbunden, dass junge Menschen zunehmend auf eigenen Beinen stehen, für sich selbst sorgen, eigene Entscheidungen treffen und sich als Teil der Gesellschaft verstehen und diese mitgestalten. Dabei sind sie immer auch in gesellschaftliche Verpflichtungen, Erwartungen, Rollenzuschreibungen eingebunden. Im Kontext dieses Bandes werden die folgenden sechs Dimensionen des Erwachsenwerdens in den Blick genommen:

1.  ökonomische Aspekte der Verselbstständigung (z. B. Geldverwendung und Konsumentscheidungen, finanzielles Einkommen über Nebenjobs oder Erwerbstätigkeit),

2.  soziale Aspekte der Verselbstständigung (z. B. Verliebt sein, Eingehen von Partnerschaften, Sexualität, eigene Elternschaft, Veränderung von Freundschaften und Peerbeziehungen, Veränderungen in Familienbeziehungen und der Beziehung zu den Eltern),

3.  räumliche Aspekte der Verselbstständigung (z. B. Auszug aus dem Elternhaus, eigenständiges Wohnen, sich ausweitende Mobilitätsoptionen inkl. des potenziellen Erwerbs eines Führerscheins, Auslandsaufenthalte),

4.  bildungsbezogene Aspekte der Verselbstständigung (z. B. Abschluss der Schule, Beginn und Abschluss von Ausbildung oder Studium, Absolvieren von Zwischenschritten, Eintritt in Erwerbstätigkeit, Beteiligung an informellen und non-formalen außerschulischen Lernprozessen),

5.  politisch-gesellschaftliche Aspekte der Verselbstständigung (z. B. Beteiligung an Wahlen, Demonstrationen oder Petitionen, Engagement und Ehrenamt in Vereinen, in der Jugendarbeit oder in Freiwilligendiensten),

6.  mediale/kulturelle Aspekte der Verselbstständigung (z. B. Entwicklung eines eigenen Lebensstils, Freizeitaktivitäten, jugendkulturelle Alltagspraktiken und Formen der Selbstinszenierung, reflektierte Nutzung von digitalen Medien im Alltag).

Mitgedacht werden bei diesen Schritten auch immer die spezifischen Lebenslagen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, so z. B. deren ökonomische Lebenskontexte (Armutslagen), familiale Herkunft (Familienkonstellationen, Bildung der Eltern), unterschiedliche Migrationserfahrungen oder auch durch die Region des Aufwachsens bedingte regionale Disparitäten (Stadt/Land, West-/Ostdeutschland). Weitere relevante Lebenslagen sind etwa Geschlecht, der eigene Bildungsstatus oder das Aufwachsen mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung. Für bestimmte Gruppen junger Menschen kann damit Verselbstständigung etwas sehr Spezifisches darstellen. So kann für Jugendliche mit einer körperlichen Beeinträchtigung Verselbstständigung in besonderer Weise in einer selbstständigen Mobilität unabhängig von erwachsenen Betreuungs- oder Pflegepersonen bestehen. Für junge Menschen, die in einem institutionellen Setting bspw. einer stationären Wohneinrichtung der Kinder- und Jugendhilfe aufwachsen, sind mit dem Verselbstständigungsschritt des Auszugs aus etwa einer Wohngruppe andere Dinge verbunden, wie für junge Menschen, die aus der Wohnung der Herkunftsfamilie ausziehen. In diesem Sinne ist das Konzept Verselbstständigung auch unter einer diversitätsorientierten Perspektive zu sehen.

Betont werden muss auch, dass sich Prozesse von Verselbstständigung und Verbundenheit mit der Herkunftsfamilie nicht ausschließen. Ganz im Gegenteil. Durch Verselbstständigungsschritte wie bspw. den Auszug aus dem Elternhaus oder den ersten eigenen Verdienst können sich Eltern und ihre erwachsenen Kinder neu und anders zueinander positionieren und sich ggfs. auch wieder annähern. Hierbei kann es verschiedene Formen von Verbundenheit zwischen Eltern und ihren jugendlichen bzw. erwachsenen Kindern geben, die auch über Haushaltsgrenzen hinweg bestehen können, d. h., Familien können sich auf vielfältige Weise unterstützen. Eine Konzeption, die die Veränderung der Solidaritäts- und Kooperationsverhältnisse zwischen den Generationen in den Mittelpunkt stellt und dabei drei Dimensionen von Generationensolidarität benennt, stammt von Szydlik (2004, S. 32). Als affektive Solidarität benennt er die emotionale Verbundenheit und Zusammengehörigkeit, die assoziative Solidarität umfasst gemeinsame Aktivitäten und Kontakte und die funktionale Solidarität beinhaltet den Austausch von finanziellen, zeitlichen und räumlichen Unterstützungsleistungen. Die Vielfalt an Solidarität kann sich u. a. an der Möglichkeit, in schwierigen Lebenslagen ins Elternhaus zurückzuziehen oder durch emotionale Unterstützung in Form von Trost oder einem offenen Ohr zeigen. So weisen empirische Befunde darauf hin, dass auch im jungen Erwachsenenalter die Eltern weiterhin eine zentrale Rolle im Leben der erwachsenen Kinder spielen, wenn es um Rat und Unterstützung in schwierigen Situationen geht (vgl. z. B. Berngruber, 2013).

Eine weitere wichtige Differenzierung in der Betrachtung von Verselbstständigungsschritten liegt in deren potenzieller Nicht-Linearität. So ist Verselbstständigung als Prozess zu verstehen, der nicht unbedingt immer stringent in Richtung höherer Autonomie und Selbstständigkeit verläuft, sondern durchaus auch Umwege und Schleifen beinhalten kann. Zudem können Schritte der Verselbstständigung wie im Fall eines ›Wieder-zurück-zu-den-Eltern-Ziehens‹ durchaus auch reversibel sein. Nicht zuletzt können sich vermeintlich widersprüchliche Konstellationen ergeben, die zu einem Bild einer teilweisen oder partiellen Verselbstständigung führen, wenn etwa bereits berufstätige junge Erwachsene noch bei den Eltern wohnen. Insbesondere in der Jugendforschungsliteratur wird weithin angenommen, dass sich das Erwachsenwerden im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend »entstandardisiert«. In diesem Kontext werden Diskussionen um De-Standardisierungsprozesse (z. B. Brückner & Mayer, 2005), Entstrukturierung (Olk, 1985) und Jo-Jo-Biografien (Biggart & Walther, 2006) beim Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter geführt. Hierbei stellt sich die Frage, inwiefern sich Normalbiografien auflösen, indem sich Statusübergänge stärker zeitlich voneinander entkoppeln, weiter ausdifferenzieren, verzögern oder rückgängig gemacht werden. Demgegenüber gibt es auch Annahmen und Befunde einer Beschleunigung oder auch Verdichtung der Jugendphase, die durch zeitlich enger verlaufende Übergänge bewirkt wird (vgl. z. B. Lüders, 2007; Berngruber, 2016; Berngruber et al., 2020).

Wir wollen das Kapitel zum Konzept Verselbstständigung mit einer Überlegung abschließen, die sich mit der Frage einer möglichen »Zielgröße« dieses Prozesses beschäftigt. Kurz gefasst geht es um die Frage, wann junge Menschen als erwachsen gelten können oder sollen: Was soll oder kann ein Zielzustand sein, den es als Erwachsensein zu erreichen gilt? Und um es vorweg zu nehmen – eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht.

Der Begriff »Erwachsensein« suggeriert, dass es eine Art »Ziel« gibt, auf das junge Menschen zusteuern, mit dem dann der Prozess das Erwachsenwerdens als abgeschlossen angesehen werden kann. Allein die eben genannten Überlegungen zu nicht linearen, umkehrbaren und partiellen Schritten der Verselbstständigung lassen diesen Gedanken jedoch schnell als verkürzt erscheinen. Wenn das Erwachsensein als die Erreichung der verschiedenen Verselbstständigungsschritte in Gänze verstanden wird, inwiefern können dann bspw. Menschen, die weshalb auch immer unverheiratet oder kinderlos bleiben, als ›erwachsen‹ gelten? Wie steht es um Menschen, die keine Ausbildung abgeschlossen haben oder keiner Form gesellschaftlich anerkannter Erwerbstätigkeit nachgehen? Diese beiden Beispiele machen deutlich, dass das Erwachsenwerden als Prozess mit Eigensinn und Eigenlogik zu versehen ist. Eine vereinfachte und vereinfachende Normativität ist damit nicht angemessen. Denn was dieses Erwachsensein genau genommen bedeutet, lässt sich nicht allgemeingültig bestimmen und definieren, da es von historischen Kontexten abhängig ist und gesellschaftlich immer wieder neu verhandelt werden muss. Um es an einem Beispiel konkret zu machen: Die Vorstellungen eines sogenannten »Normallebenslaufs« der 1950er Jahre für eine junge Frau oder einen jungen Mann unterscheiden sich ganz maßgeblich von dem, wie unsere heutige Gesellschaft angesichts deutlich veränderter und zumindest in Teilen egalitärerer Geschlechterverhältnisse auf die Lebensverhältnisse junger Frauen und Männer blickt.

Um dennoch die Antwort auf die oben genannte Frage nicht vollends schuldig zu bleiben, kann für das vorliegende Buch und sein Verständnis von Verselbstständigung Folgendes festgehalten werden. Es existiert kein normatives Ziel, das jeder junge Mensch erreichen soll oder muss. Verselbstständigung beschreibt vielmehr den vielschichtigen Prozess des Erwachsenwerdens, den junge Menschen mit zunehmendem Alter durchlaufen und in dem sie ihre eigene Identität entwickeln und ihre Freiheitsgrade und Gestaltungsmöglichkeiten hin zu einem selbstverantworteten Lebensentwurf und zur Mitwirkung in der Gesellschaft schrittweise erweitern.

Aufbau des Buches

Der folgende Aufbau des Buches gliedert sich in zwei größere Teile. In Teil I werden das Erwachsenwerden Jugendlicher in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext gestellt und gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen des Aufwachsens thematisiert. Junge Menschen wachsen nicht in einem ›luftleeren Raum‹ auf, sondern sind Teil einer Gesellschaft, die sie prägt und die sie als Akteur*innen aktiv mitgestalten. Sie finden sich vielfältigen politischen, rechtlichen, ökonomischen, technischen und sozialen Bedingungen gegenüber, mit denen sie umgehen müssen und die ihnen Handlungsspielräume eröffnen oder verschließen. Hierzu gehören etwa die demografische Entwicklung, regionale Disparitäten, Migration und Zuwanderung, Institutionen und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, soziale, ökonomische und bildungsbezogene Ungleichheiten, Diversität im Sinne geschlechtlicher und sexueller Vielfalt sowie Fragen nach zeitlichen Verhältnissen von Jugend. Damit stehen die kontextualisierenden Lebenslagen der jungen Menschen im Zentrum des Interesses. Lebenslagen sind dabei als gesellschaftlich gestaltbare Rahmenbedingungen und im Sinne des Lebenslage-Ansatzes von Gerhard Weisser als eine Art »Spielraum« zu verstehen (zit. n. Leßmann, 2006, S. 33). Jugend ist demnach nicht nur als individuell zu gestaltende, sondern auch als gesellschaftlich und politisch gerahmte Lebensphase zu betrachten, wie es der 15. Kinder- und Jugendbericht (Deutscher Bundestag 2017, S. 25) formuliert. Diese gegenseitige Konstituierung wird aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet.

Sarah Beierle und Frank Tillmann stellen in »Jugend – verdrängt und umworben« demografische Wandlungsprozesse des Aufwachsens vor und diskutieren ihre Auswirkungen in Bezug auf das Aufwachsen Jugendlicher (Kap. 1). Es wird die Bedeutung ihrer Partizipationsmöglichkeiten in städtischen und ländlichen Regionen hervorgehoben. Jugendliche Partizipation fokussiert auch Liane Pluto in ihrem Beitrag »Strukturen und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe mit einem besonderen Blick auf die Jugendarbeit« (Kap. 2). Sie zeigt die Umsetzung der rechtlichen Aufgaben und Prämissen der Kinder- und Jugendhilfe auf und thematisiert die Selbstorganisation Jugendlicher in der Jugendarbeit als entscheidendes konzeptionelles Charakteristikum. In dem Beitrag »Materielle Lebenslagen, Bildungs- und soziale Ungleichheiten im Jugend- und jungen Erwachsenenalter« benennt Brigitte Schels die Bedeutung von materiellen Verhältnissen und ihrer sozialen »Vererbung« (Kap. 3). Hier wird deutlich, wie sich nicht alle Jugendlichen die oben skizzierten Anforderungen von Verselbstständigungsprozessen ›leisten‹ können. Claudia Krell gibt in dem Beitrag »Pluralisierung und Vielfalt als Merkmal jugendlicher Lebensrealitäten – eine Darstellung am Beispiel sexueller und geschlechtlicher Vielfalt« einen Überblick über vielfältige soziale Zugehörigkeiten (Kap. 4). Es wird aufgezeigt, dass sich LSBT*Q Jugendliche und nicht LSBT*Q Jugendliche hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Position und Selbstverständlichkeit stark unterscheiden. Christian Lüders schließt den Teil des Buches mit dem Kapitel »Jugend und Zeit – Formen der Thematisierung« ab (Kap. 5).

Teil II des Buches greift die unterschiedlichen Aspekte von Verselbstständigung als zentrale Schritte des Erwachsenwerdens auf. Mit Bezug auf empirische Studien der Jugendforschung wird der Blick auf die Lebensführung und Alltagspraktiken junger Menschen gerichtet. Es geht darum, was Jugendliche ganz konkret tun. Die Auswahl der Themen kann dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit einlösen, vielmehr geht es um eine entlang des Konzepts Verselbstständigung inhaltlich begründete Auswahl an Themen.

Eric van Santen und Claus Tully leiten mit dem Beitrag »Ökonomische Aspekte des Erwachsenwerdens« in den zweiten Teil des Buches ein (Kap. 6). Die finanzielle Situation von Heranwachsenden in ihren Familien und zeitlichen Phasen des Aufwachsens wird in verschiedenen Aspekten verhandelt. Hierzu gehören bspw. die Gelderziehung in der Familie oder die Motivationen von Jugendlichen zu Einkommen und Erwerbstätigkeit.

Daran anknüpfend werden unterschiedliche soziale Aspekte des Erwachsenwerdens vorgestellt (Kap. 7). Cathleen Grunert entfaltet im Kapitel »Peerbeziehungen« (Kap. 7.1) die unterschiedlichen Arten des Peerkontakts von dyadischen Beziehungen bis hin zu sozialen Netzwerken. Sie stellt die hohe Bedeutung der Peers für unterschiedliche Arten von Problembearbeitungen dar und diskutiert verschiedene Theorieperspektiven. Eva-Verena Wendt konzentriert sich auf »Partnerschaft und Sexualität« und knüpft an die Peerbeziehungen an, in denen Partnerschaften eigegangen werden und die sich durch Partnerschaften umgestalten (Kap. 7.2). Außerdem werden die Bedeutungen von sexuellen und partnerschaftlichen Erfahrungen in der Adoleszenz für das spätere Erwachsenenalter diskutiert. In dem Beitrag »Jugendliche, junge Erwachsene und ihre Eltern: Beziehungsdynamiken und gesellschaftliche Einflüsse« betrachten Andreas Lange und Ulrika Keller die Beziehungen von Heranwachsenden in ihren Familien. Beziehungsdynamiken werden als ständige Neuaushandlung zwischen Eltern und jugendlichen Kindern, die die Balance zwischen Autonomie und Nähe suchen, betrachtet (Kap. 7.3).

»Räumliche Aspekte des Erwachsenwerdens« (Kap. 8). werden von Kathrin Klein Zimmer unter dem Aspekt der Mobilität betrachtet. In ihrem Kapitel »Jugendliches Unterwegssein – lokal, regional, national und transnational« wird der Fokus auf das Unterwegssein ohne Erwachsene gelegt und Mobilität als Aneignung und Umgestaltung von Räumen aufgezeigt, die global wie lokal für Jugendliche unterschiedlich zugänglich sind (Kap. 8.1). Anne Berngruber stellt in dem Beitrag »Der Auszug aus dem Elternhaus als räumliche Verselbstständigung im jungen Erwachsenenalter« unterschiedliche Gründe für den Aus- und Rückzug ins Elternhaus vor und diskutiert, inwiefern sich deren Zeitpunkte verändern (Kap. 8.2).

Christine Steiner leitet in den Teil ein, der »Bildungsbezogene Aspekte des Erwachsenwerdens« (Kap. 9) thematisiert, indem sie aufzeigt, dass die soziale Herkunft immer noch bedeutend für Bildungsübergänge ist. In ihrem Beitrag »Ausgelernt!? Übergänge Jugendlicher und junger Erwachsener im Bildungs- und Erwerbssystem« zeigt sie auch Veränderungen, z. B. in dem wachsenden Bildungserfolg von Frauen, auf und diskutiert vielfältig die Individualisierungsthese (Kap. 9.1). Der Beitrag »Schule als Lebensort« von Mirja Lange setzt sich mit dem Ausbau der Ganztagsschulen und ihrem Wandel von Lernort zu Lebensort auseinander (Kap. 9.2). Dabei werden den Anforderungen bestehende Ressourcen gegenübergestellt, um mit einem Appell für mehr ungebundene Freizeit für Jugendliche in der Ausgestaltung der Aktivitäten und Räumlichkeiten zu schließen. Dieser Freiraum kann und soll auch für informelle und non-formale Bildung genutzt werden. Hier differenzieren Birgit Reißig und Tatjana Mögling in ihrem Kapitel »Informelle und non-formale Bildung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter« die Begrifflichkeiten. Dass die Trennung nur eine analytische ist, wird an den Beispielen von außerschulischer Bildung, kultureller Bildung und Peerkontakten aufgezeigt (Kap. 9.3).

»Politische und gesellschaftliche Aspekte des Erwachsenwerdens« (Kap. 10) werden von Martina Gille in dem Artikel »Zivilgesellschaftliches Engagement von jungen Menschen: Beteiligung in Vereinen sowie Übernahme freiwilliger Aufgaben« aufgegriffen » (Kap. 10.1). Entgegen der öffentlichen These eines Rückgangs jugendlichen Engagements wird die vielfältige Beteiligung junger Menschen skizziert, die sich vor allem nach Geschlecht und Migrationshintergrund unterscheidet. Maruta Herding und Maren Zschach stellen in dem Beitrag »Politische Beteiligung junger Menschen als Ausdruck von gesellschaftlicher Mitgestaltung« verschiedene Beispiele der Wahlbeteiligung, organisierten politische Beteiligung und der Beteiligung in digitalen sozialen Netzwerken vor » (Kap. 10.2).

Das Kapitel »Erwachsenwerden mit (mobilen) digitalen Medien und in digitalen Sozialräumen« von Karin Knop und Dorothée Hefner leitet in den letzten Teil des Buches ein » (Kap. 11.1), der mediale und kulturelle Aspekten des Erwachsenwerdens betrachtet. Es werden Potentiale und Herausforderungen der Mediennutzung dargestellt und besonders die Anpassung der Heranwachsenden an das Nutzungsverhalten der Peergroup kenntlich gemacht. Natalia Wächter entwirft in dem Beitrag »Jugendkulturen und ihre Beiträge zur Verselbstständigung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen« typische Jugendkulturen, wobei die bestehenden Geschlechterunterschiede vor allem in Bezug auf Musikkultur und Fankultur markant bleiben (Kap. 11.2). Marius Harring gibt einen Einblick in »Die Rolle von Freizeit im Prozess des Erwachsenwerdens«. Anhand des Aufeinander-Zugehens von Freizeit und formalisierter Bildung wird dafür appelliert, dass freie Zeit auch als freies Kreieren jugendlicher Lebenswelten ermöglicht wird (Kap. 11.3). Abschließend beschreiben Nora Gaupp und Anne Berngruber das Erwachsenwerden als einen vielschichtigen Prozess und setzen ihn in den Kontext der Corona-Pandemie (Kap. 12).

Mit diesem Band möchten wir Ihnen als Leser*in einen kompakten Einblick in die Lebensphase Jugend geben. Ganz gleich, aus welchem Kontext heraus Sie dieses Buch zur Hand nehmen – im Rahmen eines sozialwissenschaftlichen Studiums, als Fachkraft aus der pädagogisch-praktischen Arbeit mit Jugendlichen, als Elternteil, als Wissenschaftler*in, als Person, die mit jugendpolitischen Fragen umgeht –, es bleibt zu hoffen, dass Sie neue Perspektiven, anregende Gedanken, hilfreiche Sortierungen und interessante Befunde darin finden.

Eine weitere digitale Möglichkeit, sich mit den Inhalten dieses Buches auseinanderzusetzen, ist unser Podcast »Erwachsenwerden heute«. Zu ausgewählten Kapiteln finden Sie dort Interviewausschnitte mit den Autor*innen sowie Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aus ihrer persönlichen Lebenswelt berichten. Sie finden den Podcast auf der Webseite des DJI unter: www.dji.de/podcast/erwachsenwerden_heute.

Und bevor wir Ihnen nun eine anregende Lektüre wünschen, bleibt uns noch Dank zu sagen all denjenigen, die zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben. Unser Dank gilt – an erster Stelle – den Kolleg*innen, die sich mit einem Text an diesem Band beteiligt haben. Er gilt weiter unserem studentischen Kollegen Philipp Stachowiak, der uns in vielfältiger Weise wunderbar unterstützt hat. Und nicht zuletzt möchten wir uns sehr herzlich bei Elisabeth Häge, unserer Ansprechpartnerin im Kohlhammer Verlag bedanken, die uns im Entstehungsprozess dieses Buches in bester Weise begleitet hat.

 

Anne Berngruber & Nora Gaupp

Literatur

Althans, B. (2004): Fehlende Übergangsrituale im Islam. Die produktive Leerstelle des Anderen. In: C. Wulf, B. Althans, K. Audehm, C. Bausch, B. Jörissen, M. Göhlich, R. Mattig, A. Tervooren, M. Wagner-Willi & J. Zirfas, J. (Hrsg.): Bildung im Ritual. Schule, Familie, Jugend, Medien. Wiesbaden: Springer VS, S. 241–268.

Arnett, J. J. (2000): Emerging Adulthood. A Theory of Development From the Late Teens Through the Twenties. American Psychologist 55(5), 469–480.

Berngruber, A. (2013): Von Nesthockern und Boomerang Kids. Der Auszug aus dem Elternhaus als ein Schritt im Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Berlin: Mensch und Buch.

Berngruber, A. (2016): Verdichtet oder entgrenzt? Schritte in die Selbständigkeit von Frauen und Männern im jungen Erwachsenenalter. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 11(2), 179–192.

Berngruber, A. & Gaupp, N. (2017): Erwachsenwerden. Mehr als nur der Übergang von der Schule in den Beruf. BWP – Zeitschrift des Bundesinstituts für Berufsbildung. 46(4), 6–9.

Berngruber, A., Gaupp, N. & Lüders, C. (2020): Jugendlich, erwachsen oder doch »dazwischen«? Die biografische Selbstwahrnehmung junger Menschen im Kontext der Debatte um Emerging Adulthood. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 4, 385–400.

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Brückner, H. & Mayer, K. U. (2005): De-Standardization of the Life Course: What it Might Mean? And if it Means Anything, Whether it Actually Took Place? In: R. Macmillan (Hrsg.): The Structure of the Life Course: Standardized? Individualized? Differentiated?, Band 9 (S. 27–53). Advances in Life Course Research. Amsterdam: Elsevier.

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Deutscher Bundestag (2013): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Bundestagsdrucksache 17/12200. Berlin.

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Faltermaier, T., Mayring, P., Saup, W. & Strehmel, P. (1992): Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters. Grundriß der Psychologie 14. Stuttgart, Berlin/Köln: Kohlhammer.

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Gisart, B. (2018): Teilnahme am politischen Leben durch Wahlen. In: Statistisches Bundesamt/Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Hrsg.): Datenreport 2018. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland (S. 341–349). Reihe: Zeitbilder. Bonn: bpb.