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Biografische Ereignisse und Lebensgeschichten stehen im Zentrum dieses Bandes, welche durch Gespräche zwischen Studierenden der Universität Kassel und Seniorinnen und Senioren in Generationentandems erinnert, aus einer neuen Perspektive heraus erzählt und rekonstruiert werden. Mit ihren Berichten aus unterschiedlichsten geografischen, sozio-kulturellen und zeithistorischen Perspektiven geben Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ihrer Stimme Nachdruck und tragen zum kollektiven Gedächtnis bei. Dabei entsteht ein mehrperspektivisches Bild einer Kriegs- und Nachkriegsgeneration, welches zum Nachdenken über die eigene Identität anregt und die Seele berührt. Dieses universitäre Projekt findet seinen strukturellen Rahmen in dem mannigfach international erprobten und erforschten Ansatz der ABCs of Cultural Understanding and Communication. Dieser wird in vielfältigen Adaptionen seit mehreren Jahren in die universitäre Forschung und Lehre sowie in die Zivilgesellschaft implementiert und ermöglicht die Entfaltung von Lernpotentialen zur Anregung und Weiterentwicklung kultureller Verstehensprozesse.
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für die Begegnung – gegen das Vergessen.
Claudia Finkbeiner (Hg.)
Erzählenundzuhören: Generationentandems
Eine Dokumentation
in Zusammenarbeit mit Yvonne Hesse
Dieses Projekt wurde gefördert im Rahmen von PRONET (Professionalisierung durch Vernetzung) der Universität Kassel von 2015 bis 2018 mit dem Projekt P 5 „Verzahnung der Studienwerkstätten“ und dem Projekt P 9 „Mehrsprachigkeitspotentiale im bilingualen Sachfachunterricht“, geleitet von Prof. Dr. Claudia Finkbeiner, Prof. Dr. Christine Pflüger und Prof. Dr. Bernd Tesch zusammen mit Regina Kaminski sowie im Rahmen von PRONET2 von 2019 bis 2023 mit dem Projekt P9 „Mehrsprachigkeitsbezogenes Lehrerhandeln im bilingualen Sachfachunterricht: Professionalisierung angehender und aktiver Lehrkräfte“, geleitet von Prof. Dr. Claudia Finkbeiner, Prof. Dr. Christine Pflüger und Laura Wetzel, welches unter dem Förderkennzeichen 01JA1805 im Rahmen der gemeinsamen „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ von Bund und Ländern aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert wird (www.qualitaetsoffensive-lehrerbildung.de). Einige Studierende führten ihre Interviews mit Seniorinnen und Senioren im Ausland durch und wurden mit Reisestipendien im Rahmen von Shosta gefördert. Darüber hinaus besteht eine direkte Verbindung zum Projekt P 5, das von 2019 bis 2023 in PRONET2 fortgesetzt wird mit dem Thema „Verzahnung und Weiterentwicklung der Studienwerkstätten zu Lehr-Lern-Laboren“.
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Prof. Dr. Christine Pflüger
Lebensgeschichten in Generationentandems
Prof. Dr. Claudia Finkbeiner
LEBENSGESCHICHTEN
Dr. Gertrud Scheele
„Ja, im Grunde ist es ein reiches Leben gewesen.“
Zbigniew Kędra
„Am liebsten hätte ich die ganze Welt gesehen.“
Hildegard*
„Wenn man gefordert ist, dann wachsen einem auch Kräfte.“
Anna*
„Ich habe aus jeder Situation das Beste gemacht.“
Hans-Erich Braune
„Optimisten wandeln gerne auf den Wolken in die Ferne.“
Dr. Ursula Wulfhorst
„Ich wollte schon immer Lehrerin werden!“
Prof. Dr. Gerd Rohmann
„‚You are my Ambassador to Germany‘, sagte die Queen.“
Helga Eidmann
„Mein Vater war immer ein Idol für mich.“
Jakob*
„Ich bin ein Kosmopolit und könnte fast überall leben.“
George*
“My career shows well how life takes unforeseen twists and turns.”
Elisabeth Klein*
„Ich habe mir geschworen zu versuchen, eine gute Ärztin zu werden.“
Dr. Karl-Ludwig Klein*
„Junge, sei fleißig und lerne gut, und dann wirst du mal Doktor.“
Cora Ludwig
From Oakwood, Ohio, to Kassel
Helga Jünger
„An schwierigen Erfahrungen kann man nur wachsen.“
Heidrun*
„Lieber Gott, lass mich und meine Mutter am Leben.“
Ursula Wessel
„Mich haben immer besonders Märchen interessiert, in denen eine Frau die Hauptperson war.“
Hans-Wolfgang Scheuten
„Wir sind um unsere Kindheit und frühe Jugend gebracht worden.“
Hanna*
„Gottes Liebe und Beistand verließ mich nie.“
Ingelore*
Sie genießt das Leben und ist stolze Urgroßmutter
Brigitte Westphal-Grüner
„Wenn ich groß bin, werde ich Fräulein Rach.“
Pat Juengst
„Ach, ich denke, ich hab' ein recht bewegtes Leben gehabt.“
Eine Nachbetrachtung zum Projekt Life Stories in the Context of Present and Past
Yvonne Hesse
Eine Reflexion zum Projekt Life Stories in the Context of Present and Past
Jennifer Geißel
ANHANG
Danksagung
Die Herausgeberin
Impressum
* Name geändert
Erinnern und Erzählen heißt, rückblickend Sinn zu bilden. Viele einzelne Ereignisse, Erlebnisse und Erfahrungen werden erzählend in einen großen Zusammenhang gebracht. Im Rückblick wählten die Älteren aus, was erzählt werden sollte, was als wichtig und erinnerungswürdig einzustufen sei. Für manche stehen prägende Personen im Mittelpunkt, für andere die persönliche Lebenseinstellung, für wieder andere die Berufstätigkeit.
Wer die vorliegenden Lebensgeschichten aufmerksam liest, dem wird auffallen, dass man es hier mit einem doppelten Blick auf die Vergangenheit zu tun hat. Zum einen kommen die Perspektiven und Weltdeutungen der Seniorinnen und Senioren zum Ausdruck, die ihre Geschichte(n) erzählt haben. Aber auch die Perspektive der Studierenden fließt in die Darstellung mit ein, sei es durch eigene kleine Kommentare, sei es auch nur durch die zurückhaltende und distanzierende Erzählung in der dritten Person.
Im Sinne des Soziologen Maurice Halbwachs sind die erzählten Lebensgeschichten Teil des Generationengedächtnisses, das hier im Rahmen eines Projektseminars durch Studierende schriftlich dokumentiert wurde. Dabei ging es jedoch nicht um systematische historische Forschung mit den Methoden der Oral History, sondern vielmehr um Verstehenszusammenhänge und Perspektivenwechsel, die durch intergenerationelle Gespräche über Lebensgeschichten entstehen.
Herausgekommen sind Dokumente, die von der eingehenden Beschäftigung mit individuellen Lebensgeschichten zeugen, aber auch die historischen Kontexte thematisieren, die diese Biografien jeweils prägten. Die daraus entstandenen Fragen an die Vergangenheit sind jedoch nicht mehr Gegenstand dieses Bandes.
Die Lektüre wird bei Leserinnen und Lesern eigene Erinnerungen wachrufen oder Fragen aufwerfen, sie wird aber vor allem Anlass zu weiteren Gesprächen bieten.
Kassel, im November 2021 Christine Pflüger
Claudia Finkbeiner
Lassen Sie sich mitnehmen auf eine Reise in die Vergangenheit. Verblasste oder auch längst verdrängte biografische Erinnerungen werden durch Gespräche in Generationentandems von Studierenden und Seniorinnen und Senioren wieder zum Leben erweckt und aus einer neuen Perspektive heraus erzählt.
Um Lebensgeschichten zu elizitieren, müssen bestimmte Grundbedingungen erfüllt werden. Dazu gehören der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zwischen Studierenden und Seniorinnen und Senioren sowie Verlässlichkeit, die Bereitschaft, sich auf die Partnerin oder den Partner im Generationentandem einzulassen und darüber hinaus die Fähigkeit, zuzuhören und bei Unklarheiten nachzufragen sowie das Recht des Interviewten, selbst zu bestimmen, welche Aspekte relevant sind und erzählt werden.
Im Fokus der Generationentandem-Kooperation steht die Rekonstruktion und Co-Konstruktion der eigenen Lebensgeschichten. Dieser sensible und zum Teil emotionale Prozess wurde im Seminar systematisch vorbereitet und fand einen strukturellen Rahmen durch die bereits mannigfach erprobten und erforschten ABCs of Cultural Understanding and Communication (Schmidt & Finkbeiner, 2006; Finkbeiner & Lazar, 2015; Finkbeiner und Koplin, 2001, 2002). Dieser theoretischen Grundlage durch das ABCs Modell folgen die Studierenden, indem sie zuerst ihre eigene Autobiografie (A) schreiben, anschließend „ihre“ Seniorin bzw. „ihren“ Senior interviewen, um schließlich die Lebensgeschichte in Form einer Biografie (B) niederschreiben zu können, sie dann mit der eigenen Geschichte zu vergleichen und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu analysieren (Cs). Ziel der ABCs Methode ist es, Menschen unterschiedlichster Hintergründe und Lebenserfahrungen zusammenzubringen, um einen Lernprozess durch die direkte Kommunikation und daraus resultierende Aha-Effekte, Überraschungen, Freude, aber auch Konfrontation mit zuvor nicht antizipierten Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Selbst und Anderem in Gang zu setzen. In diesem Projekt ist der unterscheidende Faktor zwischen den Beteiligten im Generationentandem vor allem das Alter und die unterschiedlich erlebte Kindheit und Jugend sowie eine möglicherweise daraus resultierende unterschiedliche Weltsicht.
Während bereits einige ABCs-Projekte und ABCs-Forschungsstudien mit unterschiedlichen Schwerpunkten durchgeführt worden sind, ist dies das erste Projekt einer auf Seminarebene verankerten Kooperation zwischen Studierenden und Seniorinnen und Senioren.
Ein wichtiger Grundsatz der Lebensgeschichten liegt darin, diese Lebensgeschichten neu entstehen zu lassen, sie in ihrer Subjektivität zu respektieren und nicht zu bewerten, sondern als dynamische, das heißt sich auch verändernde biografische Konstruktionen und Zeitzeugnisse des Ichs zu verstehen. Interessant ist dabei der Perspektivenwechsel, den der Mensch erfährt, wenn er oder sie auf Erlebnisse in der frühen Kindheit und Jugend zurückblickt und diese im Vergleich zu sich selbst anderen Zuhörern und Zuhörerinnen erzählt.
Die Geschichten bestechen durch ihre Authentizität und die emotionale Beteiligung. Sie geben einen wertvollen Einblick in eine Zeit, die bis zum heutigen Tag von vielen unserer Tandempartnerinnen und -partner nicht vergessen worden ist und die manche ihr Leben lang zum Teil auch belastet haben.
Die Seniorinnen und Senioren begaben sich – angeregt durch das Interesse der Studierenden und sicher begleitet durch diese – auf eine gemeinsame Reise in die Vergangenheit. Diese Reise weckte bei den Seniorinnen und Senioren Erinnerungen und erlaubte den Studierenden einen authentischen Einblick in eine Zeit, die sie selbst nicht erlebt haben. Um diese Reise gemeinsam starten und gehen zu können, war großes Vertrauen auf beiden Seiten verlangt.
Unmittelbar im Gespräch mit den Studierenden wurden die Ereignisse der Vergangenheit ins Hier und Jetzt projiziert und neu konstruiert. Interessant ist die Verortung der Lebensgeschichten im Kontext der Zeit, was sich insbesondere auch an der Sprachverwendung ablesen lässt. Die Seniorinnen und Senioren haben durch die Erinnerungssituation heraus oft auf die Sprache zurückgegriffen, die in Verbindung mit diesen Erinnerungen abgespeichert ist. Um möglichst wenig in die Geschichten einzugreifen und diese dadurch möglicherweise zu verändern, haben die Studierenden deshalb größtenteils den Originalton der Partnerin bzw. des Partners im Generationentandem in ihren Erzählungen beibehalten.
Ein wichtiger Grundsatz ist bei dieser Vorgehensweise, dass die Lebensgeschichten unantastbar sind. Die über die Schritte A (Autobiografie) und B (Biografie) der ABCs of Cultural Understanding and Communication erhobenen individuellen Geschichten werden im ABCs Prozess als Identitätskonstruktionen des Ichs betrachtet und insofern wie individuelle Kunstwerke gesehen. Kunstwerke können von den Betrachtern und Betrachterinnen unterschiedlich betrachtet, verstanden und interpretiert, jedoch nicht redigiert, verändert oder kritisiert werden. Auch ist zu verstehen, dass Sprachwahl und ein jeweiliger Zeitgeist sehr eng miteinander verbunden sind und sich dadurch möglicherweise auf einem Geschichtskontinuum abbilden lassen. Besonders herauszuheben und spannend in diesem Kontext sind die Konzepte, die mit der (historischen) Sprache verbunden sind. Diese regen zur Reflexion an und bieten einen besonderen Mehrwert hinsichtlich des Verstehens einer anderen Zeit.
Einige der Seniorinnen und Senioren teilten uns mit, dass ihre Geschichten niemanden interessieren würden und sie noch nie nach ihrer Lebensgeschichte gefragt worden wären. Umso wichtiger ist es, diesen wichtigen Zeitzeugen eine Stimme zu geben und deren Geschichten als Teil des kollektiven Gedächtnisses zu verstehen und sie durch dieses Buch auch weiteren Interessierten zur Verfügung zu stellen.
Die Seniorinnen und Senioren waren zum Zeitpunkt des Interviews durch die Studierenden in der Regel mindestens 80, und später mindestens 75 Jahre alt. Erinnerungen an die frühe Kindheit und Jugend und an den 2. Weltkrieg oder auch an erlebte Folgen des 2. Weltkrieges sowie an weitere Ereignisse wurden durch die besondere Situation vorsichtig gestellter Fragen zu bedeutsamen Ereignissen in der Biografie und durch implizite Redeanlässe behutsam hervorgerufen. In jedem Generationentandem fanden mindestens drei Treffen von jeweils mehreren Stunden statt. Die Interviews wurden aufgezeichnet und anschließend von den Studierenden verschriftlicht. Beim dritten Treffen wurden den Partnerinnen und Partnern im Generationentandem die Geschichten vorgelesen oder zum Lesen überreicht, und es fand eine Validierung statt, die auch Revisionen und Korrekturen zuließ. Erst nach Rücksprache mit und Einverständnis durch alle Beteiligten werden die Geschichten in diesem Buch veröffentlicht. Einige Geschichten tragen den Namen der Beteiligten, einige ein Pseudonym und einige sind anonymisiert. Dies wird jeweils gekennzeichnet. Einmal wurden die Partner eines Ehepaars einzeln und im Anschluss daran gemeinsam interviewt. Deren jeweils individuelle Lebensgeschichten haben eine analoge Einleitung und einen gemeinsamen Schlussteil, jedoch sind die Teile dazwischen individuell unterschiedlich.
Den Rahmen dieses Projektes bildeten die Seminare Life Stories in the Present and Past, welche von der Autorin mehrmals an der Universität Kassel (in den ersten Durchläufen zusammen mit Regina Kaminski) durchgeführt wurde: im Wintersemester 2018/2019, im Sommersemester 2020, im Wintersemester 2019/2020 und im Sommersemester 2021. Dieses komplexe Projekt ist fachlich eingebettet in das Projekt PRONET2 P9 „Mehrsprachigkeitsbezogenes Lehrerhandeln im bilingualen Sachfachunterricht: Ein Projekt zur Professionalisierung angehender Lehrkräfte“, welches in Kooperation mit der Geschichtsdidaktik (Prof. Dr. Christine Pflüger) durchgeführt wurde (Finkbeiner et al, 2018). In diesem interdisziplinären Teilprojekt P 9 der Anglistik/Amerikanistik:Fremdsprachenlehr-und -lernforschung/Interkulturelle Kommunikation und der Geschichtsdidaktik werden aufeinander abgestimmte Hochschullernumgebungen implementiert, die sich mit Lebensgeschichten von Zeitzeugen beschäftigen.
In den bilingualen Seminaren der Anglistik/Amerikanistik: Fremdsprachenlehr- und -lernforschung/Interkulturelle Kommunikation (Englisch, Deutsch, Herkunftssprachen) liegt der Fokus auf der Konstruktion der eigenen Lebensgeschichten in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit (Finkbeiner & Hesse, 2021, 2022). Die Implementierung des Ansatzes der ABCs of Cultural Understanding and Communication erfolgte über Generationentandems zwischen Studierenden und Senioren und Seniorinnen. Komplementär dazu kommen in den bilingualen Seminaren der Geschichtsdidaktik (Französisch, Deutsch) geschriebene Lebensgeschichten in Form von Ego-Dokumenten zum Einsatz. Bei Ego-Dokumenten handelt es sich um Autobiografien von oder Biografien über Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Tagebücher, Briefe und Memoiren, die als Quellen für wichtige historische Ereignisse herangezogen werden können. Der Fokus der gemeinsamen Arbeit in der Studierendenkonferenz liegt auf der Analyse und Diskussion der vorwiegend französischen und deutschen Selbstzeugnisse aus der Zeit des 2. Weltkrieges sowie der durch die Studierenden aufgeschriebenen Lebensgeschichten, von welchen hier 21 erstmalig zum Druck kommen. Das Projekt fand auch eine mehrfache Förderung durch das Programm Service Learning an der Universität Kassel (Finkbeiner & Hesse, 2021).
Diese Dokumentation wird komplementiert von Reflektionen von zwei Studentinnen (Yvonne Hesse, Jennifer Geißel) in Form von Interviews. Sie waren aktive Teilnehmerinnen des Projekts, haben alle Schritte selbst miterlebt und geben Einblick in ihre Erfahrungen im Generationentandem.
Beim ersten Durchlauf im Wintersemester 2018/2019 wurden die Generationentandems mit Studierenden der Universität Kassel und Bewohnerinnen und Bewohnern der Seniorenresidenz Augustinum in Kassel gebildet, und es fanden sehr gewinnbringende Begegnungen in den Generationentandems statt. In Folgeseminaren suchten die Studierenden nach eigenen Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern und erhielten Einblicke in geschichtliche Zusammenhänge und Ereignisse, die ihnen zuvor verschlossen waren. Sie profitierten von den neuen Perspektiven, die ihnen eröffnet wurden und die daraus resultierten, dass die Seniorinnen und Senioren nicht in Deutschland geboren wurden. Durch diese große Vielfalt konnten Lebensgeschichten in deutscher und in englischer Sprache verfasst sowie Interviews in weiteren Sprachen geführt und ins Deutsche übersetzt werden.
Von den insgesamt 21 Lebensgeschichten sind zwei in englischer Sprache abgedruckt. Ein weiterer Perspektivenwechsel ergibt sich dadurch, dass die Kindheitserlebnisse einiger im Westen und anderer im Osten Europas ihren Anfang nehmen. Darüber hinaus finden sich große Unterschiede bezüglich in der Kindheit und Jugend erlebter Privilegien bzw. erlebten massiven Mangels. Bei allen Geschichten möchte man innehalten und mehr erfahren. Die hier abgedruckten Geschichten geben nur ein ganz kleines Mosaik aus einem großen Werk einzelner Lebensgeschichten ab, die alle beeindruckend sind und beim Leser, bei der Leserin Spuren hinterlassen werden.
Gemeinsame Konferenzen bieten Räume zum Vorstellen, Besprechen und zum Austausch sowie zur Evaluation der Ergebnisse. Eine solche Konferenz fand beispielsweise im Rahmen des ersten Seminardurchlaufs zwischen Studierenden und der Generation 80 plus im Augustinum statt. Die Generationentandem-Konferenz eröffnete vielfältige Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen, die Erfahrungen Revue passieren zu lassen und einen wertvollen Erfahrungsschatz und die dazugehörigen Lernpotentiale mitzunehmen und diese zu entfalten.
Während der Begegnungskonferenz im Augustinum trafen sich alle Generationentandems – die Gruppen der Studierenden und Seniorinnen und Senioren –, um sich über das Erlebte auszutauschen und die damit verbundenen Lernprozesse gemeinsam zu reflektieren. Hierbei wurde den Beteiligten bewusst, dass sie die Zeit genutzt hatten, um Neues zu lernen. Dies bezog sich beispielsweise auf die Kriegserfahrungen, die nicht nur von einigen der Senioren und Seniorinnen, sondern auch einigen der Studierenden geteilt wurden, deren Eltern aufgrund einer Kriegssituation nach Deutschland migriert waren. So wurden zahlreiche, oft nicht erwartete Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede diskutiert und besprochen. Eine solche Gemeinsamkeit war zum Beispiel, dass sowohl zur Pandemie die Schulen für fast ein ganzes Jahr geschlossen waren als auch zur Zeit des Kriegsende 1944, da es erstens kaum mehr Lehrer gab und zweitens die Schulen als Lazarette dienen mussten. Der wohl größte Unterschied ist der in den Lebensgeschichten der Seniorinnen und Senioren in der Kindheit erlebte Mangel, extremer Hunger und die ständige, durch den Krieg bedingte Konfrontation der Kinder mit dem Tod.
Durch das hier dokumentierte Projekt wurde deutlich, dass durch die Arbeit im Generationentandem sehr viel Vertrauen, Respekt füreinander und eine große Wertschätzung für die Tandempartnerin und den Tandempartner entstanden sind. Der Gewinn ist ein vielfacher. Die Methode ist im Grunde genommen einfach: den Anderen erzählen lassen und zuhören.
Die Arbeit in Generationentandems hat sowohl die Studierenden als auch die Senioren und Seniorinnen sehr bewegt, denn es entstand in vielen Gesprächen nicht nur ein „Geschichtsbuch“, sondern ein „Geschichtenbuch“ über vielfältigste Lebensverläufe. Es ist ein Privileg, an diesen erlebten Geschichten retrospektiv teilnehmen zu dürfen.
Literatur:
Finkbeiner, C. & Hesse, Y. (2021). Geschichten erzählen gegen den Corona Blues: eine digitale Adaption multilingualen Zugangs zu Lebensgeschichten. In: I.-M.Badur & K. Leinius: Engagiert studiert. 10 Jahre Service Learning an der Universität Kassel. Jubiläumsbroschüre. Kassel. (2021, S. 26-27).
Finkbeiner, C. & Hesse, Y. (2021). Das Lehr-Lern-Labor Englisch: eine hochschuldidaktische Lernumgebung zur Professionalisierung zukünftiger Lehrkräfte für einen kultursensiblen und sprachbewussten Fremdsprachenunterricht (S. 78-90). In Bosse, D., Wodzinski, R. & Griesel, C. (Hrsg.), Lehr-Lern-Labore der Universität Kassel. Forschungsbasierte Verknüpfung von Theorie und Praxis unter dem Aspekt der kognitiven Aktivierung (sic). Kassel: Kassel University Press.
Finkbeiner, C. & Hesse, Y. (erscheint 2022). Life Stories in the Present and Past: An Empirical Study with Generation Tandems. In: C. Finkbeiner, R. Zaidi & B.Buch. (erscheint 2022). International Perspectives on Autobiographical Teaching and Culturally Sustaining Pedagogies. IAP Publishing.
Finkbeiner, C. & Koplin, C. (2001). Fremdverstehensprozesse und interkulturelle Prozesse als Forschungsgegenstand. In: A. Müller-Hartmann & M. Schocker-v.Ditfurth (Hrsg.), Qualitative Forschung im Bereich Fremdsprachen lehren und lernen (114-136). Tübingen: Narr.
Finkbeiner, C., & Koplin, C. (2002). A Cooperative Approach for Facilitating Intercultural Education. Reading Online, 6(3). Online: http://www.readingonline.org/newliteracies/lit_index.asp?HREF=/newliteracies/finkbeiner.
Finkbeiner, C. & Lazar, A. (Hrsg.) (2015). Getting to Know Ourselves and Others Through the ABCs: A Journey Toward Intercultural Understanding. Charlotte, NC: Information Age Publishing.
Finkbeiner, C., Pflüger, C., Tesch, B. & Kaminski, R. (2018). Mehrsprachigkeitspotentiale im bilingualen Sachfachunterricht. In: M. Meier, K. Ziepprecht, & J. Mayer (Hrsg.), Lehrerausbildung in vernetzten Lernumgebungen, S. 211-229. Münster: Waxmann.
Finkbeiner, Claudia, Pflüger, Christine & Wetzel, Laura. (2022). Multiperspektivität, Mehrsprachigkeit und Language Awareness: Zeitzeugnisse und Lebensgeschichten als Gegenstand einer Studierendenkonferenz. In Frederike Heinzel und Benjamin Krasemann, (Hrsg.), Erfahrung und Inklusion. Springer.
Schmidt, Ruggiano P. & Finkbeiner, C. (Hrsg.) (2006). The ABC's of cultural understanding and communication: National and international adaptations. Greenwich, CT: Information Age Publishing.
Schmidt, P. Ruggiano (1998). The ABC's of Cultural Understanding and Communication. Equity & Excellence, 31(2), S. 28-38.
Aufgeschrieben von Beatrix Goffin
Frau Dr. Gertrud Scheele lacht ein helles, klares, beinah übermütig unbeschwertes Kinderlachen. Sie lacht oft, während sie mir ihre Geschichte erzählt. Ihr Blick streift dabei über die nebelverhangenen Kasseler Berge an diesem kalten Novembervormittag. Einen Tag nach unserem Gespräch wird sie 99 Jahre alt.
An einem Vormittag im Herbst, der diesem sehr ähnlich ist, schreibt sie zu den zarten Klängen eines Adagios auf der Denverflöte:
„Sanft schwingen Flötentöne sehnsuchtsvoll dahin, wie Wolken, die am Himmel, ganz langsam ihre Bahnen zieh'n.
Die Landschaft glänzt im Sonnenschein und fügt sich in die Töne rein.“
Frau Dr. Scheele hat viele Leidenschaften: Sie liebt Literatur und klassische Musik, spielt selbst Flöte und singt Sopran im Chor, malt Aquarelle und schreibt Gedichte, interessiert sich für das aktuelle weltpolitische Geschehen.
*
Mit gerade einmal einem Jahr kam sie 1920 mit ihrer Mutter und ihrem Vater von Dessau nach Kassel. Da im Ersten Weltkrieg viele Lehrer gefallen waren, bestand besonders in großen Städten ein hoher Bedarf an Lehrkräften. Ihr Vater, der den Krieg vor Verdun und an der Somme miterlebt hatte, war Studienrat, Theologe und Philologe. Er übernahm eine Stelle an dem Mädchengymnasium „Malwida-von Meysenbug-Schule“ in Kassel. Wie sein Vater zuvor, hatte er sich zunächst für ein Theologiestudium entschieden und anschließend Philologie studiert. Da sein Vater früh verstorben war, konnte er diesen Weg nur durch die großzügige finanzielle Unterstützung seines reichen Onkels beschreiten.
Obgleich der Umzug nach Kassel bereits früher geplant gewesen war, zogen sie erst zu diesem Zeitpunkt um, da ihre Mutter im Wochenbett eine Mastitis bekommen hatte und im Krankenhaus behandelt werden musste. In Kassel lebten sie zunächst in der damaligen Hohenzollernstraße, die heute Friedrich-Ebert-Straße heißt. Dort gab es einen langen Flur, ein Zimmer für das Hausmädchen, eine kleine Küche, ein Elternschlafzimmer und ein Wohnzimmer. Sie erinnert sich an einen dunklen Flur, in dem immer etwas Essen stand, über das ihre Mutter ein schützendes Netz breitete.
Später zogen sie in eine größere und schönere Wohnung in der Uhlandstraße. Dort gab es ein kleines Geschäft, „Rosa Velke“, wo man alles Nötige kaufen konnte: Brot, Obst, und Butter aus einem großen Fass, die man, in Papier eingeschlagen, mit nach Hause nahm. Sie spielte mit anderen Kindern Kreisspiele („Dreht euch nicht um, der Plumpsack geht rum“) – draußen auf der Straße, denn es fuhren noch wenige Autos. Nur von Pferden gezogene Kohlenwagen luden, bisweilen mit großem Gerumpel und schmutzigem Staub, die Kohlen zum Heizen der Wohnungen vor den Kellerfenstern auf der Straße ab. Sie erzählt mir von einem Mann, den die Kinder oft von Haus zu Haus begleiteten. Sie nannten ihn „Jakob hier, Jakob da, Jakob in Amerika“, da er dies immer sang, während er durch die Hinterhöfe der Häuser zog, gefolgt von einer großen Schar Kinder, die sehr an ihm hing. Das Leben in der Uhlandstraße beschreibt sie als sehr nachbarlich. Nebenan wohnte „Tante Koppen“, der sie das Haar kämmen und einen Knoten daraus frisieren durfte. Oben im Haus wohnte „Onkel Pebesdorf“. Eines Abends waren ihre (wie sie sagt, ja auch noch sehr jungen) Eltern fortgegangen, ohne ihr vorher etwas zu sagen, und nun war sie ganz allein in der Wohnung. Als sie dies bemerkte, weil sie aufwachte und „auf's Töpfchen“ musste, fing sie bitterlich an zu weinen, „stand im Dunkeln und schrie vor Angst“. „Onkel Pebesdorf“, der dies von oben gehört hatte, nahm sie in den Arm, trug sie zu sich in die Wohnung und legte sie ins Bett, wo es warm war. Dort fühlte sie sich sicher. Sie sagt: „Ich habe mich auch später nie mehr so geborgen gefühlt wie damals.“ Ihre Eltern holten sie dann ab, waren sehr erschrocken und sagten ihr von da an immer Bescheid, wenn sie für kurze Zeit spazieren gehen wollten.
Abends betete ihre Mutter mit ihr. Sie ängstigte sich, als das Fenster offenstand und sie in die Dunkelheit draußen sah und bat: „Mutti, mach das Fenster zu, die Englein kommen auch durch die Wand.“
Sonntags fuhr sie mit der Familie in den Bergpark Wilhelmshöhe. In der Druseltalstraße in Höhe des Luisenhauses, an dessen Stelle heute ein Alten- und Pflegeheim steht, war ein Pensionat für höhere Töchter, das von Fräulein Coblanc und Frau Schröder geleitet wurde und nach Königin Louise benannt war. Ihr Vater hielt dort, neben seiner eigentlichen Schule, oft Vorträge und unterrichtete Deutsch. Dort stieg die Familie in die Herkulesbahn, die die Ausflügler bis hinauf zum Herkules brachte. Schon in der Bahn packten die ersten Leute ihre Butterbrote aus. Oben angekommen, gab es ein Restaurant, da hieß es: „Der fromme Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen.“ Das Kaffeepulver brachte man also selbst mit. Es wurde dort aufgegossen, man bekam etwas Milch dazu, und da saß man dann bei einer Tasse Kaffee und einem Butterbrot mitten in der schönen Natur.
Nachmittags ging sie mit ihrer Mutter in die Königsstraße zum Einkaufen von Kleidern und Schuhen. Hier gab es die besonderen Einzelgeschäfte, zum Teil hugenottischer Herkunft, wie „Chartier“ und „Weiss und Piderit“. Man zieht sich stadtfein an und flaniert durch die Innenstadt. In der Konfektionsabteilung bei „Heinsius und Sander“ wird sie von einer „feinen Dame“ begrüßt und nach ihren Wünschen gefragt. Vom Königsplatz aus führte ein schmales Gässchen, das „Seidene Strümpfchen“, hinunter in die Altstadt mit den schönen, alten, verzierten Fachwerkhäusern, vor denen sie stehenbleibt und sich die Malereien und Figürchen bewundernd ansieht. Dort war auch das Uhrengeschäft „Hause“, das auch Honig verkaufte. Hier bekam sie ihre erste Uhr geschenkt, die sie sehr liebte. Auf dem Weg durch die Stadt bleibt sie vor einem der vielen „Uhrtürmchen“ stehen und vergleicht ihre Armbanduhr damit. An Litfaßsäulen sind Bekanntmachungen, Reklamen, politische Dinge und der Theaterplan angeschlagen. Sie erinnert sich an Spaziergänge über den Opernplatz, den Friedrichsplatz mit dem Roten Palais, dem Schloss und der Gemäldegalerie, dem Staatstheater, die Stufen hinunter in die Karlsaue. Orte, die durch den Krieg zerstört wurden und nur noch auf alten Fotografien und in ihrer Erinnerung stehengeblieben sind. Das Staatstheater hatte eine beeindruckende, mit Figuren verzierte und in roten Samt eingeschlagene Kaiserloge, deren Tür mit Blattgold belegt war. Der Kaiser war im Sommer oft in Kassel und besuchte die Theatervorstellungen. Die Wandelgänge zu den Logen hatten große Spiegel an den Seiten und waren breit genug, dass man aneinander vorbeigehen konnte. Das Kasseler Theater hatte einen Austausch mit erstklassigen Schauspielern einer Berliner Bühne. Das erste Stück, das sie als Kind dort sah, war „Peterchens Mondfahrt“, von deren poetischer und phantasievoller Inszenierung sie ganz verzaubert war.
*
Sie berichtet auch von Kassels weniger schönen Seiten. Nach dem Ersten Weltkrieg sah man in der Stadt viele Verwundete mit amputierten Beinen oder Armen, zernarbten und zermürbten Gesichtern, die sich besonders auch am Ständeplatz trafen und die Passanten um Geld baten. Oft kamen sie auch ins Haus und bettelten. Ihr Vater hatte Anweisung gegeben, niemanden abzuweisen, aber kein Geld, sondern nur Essen auszugeben. Sie erinnert sich an einen alten Mann mit einem feinen Gesicht, der noch im Treppenhaus gierig das Essen verschlang, das sie ihm gaben. In der Kasseler Altstadt drängten sich hinter den schönen alten Fachwerkbauten mit ihren Malereien und geschnitzten Figürchen enge Gassen ohne Straßenpflaster, die von kleinen schmucklosen Häusern eng an eng gesäumt waren. In den Häusern gab es kein fließendes Wasser, keine Toiletten und die Treppenaufgänge hatten keine Geländer. Dort lebten viele kleine Kinder und es herrschte unvorstellbare Armut. Sie erinnert sich an ein Kind mit „erschreckend dünnen Beinchen“, das sie feindselig ansieht. Ihre Mutter zog sie schnell mit sich fort.
Vom Kindergottesdienst aus wurde ihr aufgetragen, Essen an Menschen in Not zu verteilen. Sie besuchten Familien in der Altstadt. Ihr ist besonders eine Familie in prägender Erinnerung geblieben: ein Vater, der ein Kind auf dem Schoß hatte. Neben ihm standen vier weitere Kinder und die Mutter, die sie staunend ansahen, aber kein Wort sprachen. Im hinteren Zimmer stand ein einziges Bett, in dem ein krankes Kind lag. Wie der Vater berichtete, sei es schon lange krank und müsse immerzu husten. Heute vermutet sie, dass das Kind an Tuberkulose litt, die bei Hunger und Armut, bei körperlich geschwächten Menschen, aber eben auch bei Menschen in seelischer Not, auftritt. Zu dieser Zeit hatte die Erkrankung noch ganz großen Raum eingenommen und es gab viele Tuberkulosekranke. Die Erinnerung an das kranke Mädchen in der Kasseler Altstadt hatte sie dann auch bewogen, nach ihrem Medizinstudium noch eine Ausbildung zur Lungenfachärztin zu machen. Diese absolvierte sie in einer Tuberkuloseklinik, dem Hamburgischen Krankenhaus Wintermoor in Schneverdingen, Niedersachsen, bei einem hochangesehenen schlesischen Facharzt. Sie spricht voller Begeisterung von dieser Klink und ihrem Chef, der in ganz Deutschland unterwegs war und die interessantesten Fälle von Lungenerkrankungen behandelt hat: eingeatmete Knochen, eosinophile Lungenerkrankungen, Tumore. Das Krankenhaus verfügte auch über eine Kinder- und Säuglingsabteilung. Die Kinder bekamen Unterricht vor Ort, damit sie schulisch nicht zurückfielen. Während ihrer Zeit in Biedenkopf in den 1950er Jahren behandelte sie viele Tuberkulosepatienten, die sich meist für die Erkrankung schämten und versuchten, sie geheim zu halten, um nicht von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Um den Patienten zu helfen, schickte Frau Dr. Scheele sie zur Kur und sprach ihnen Mut zu: „Jetzt siehst du blass und elend aus, wenn du zurückkommst, hast du rosige Wangen!“ So nahm sie den Menschen die Angst, denn hinterher sagten sie, wenn eine Kur helfen würde, dann könne es ja wohl doch keine Tuberkulose gewesen sein.
*
Nach der Grundschulzeit besuchte Frau Scheele zunächst die Malwida-von-Meysenbug-Schule. Die heutige Heinrich-Schütz-Schule war zu dieser Zeit noch ein reines Mädchengymnasium und eine der besten öffentlichen Schulen der Stadt. Kassel verfügte zudem über einige gehobene Töchterheime wie das schon erwähnte Luisenhaus von Fräulein C. und Frau S. und die Töchterschule am Brasselsberg von Fräulein W., einer bildschönen und feinen Dame, an die die Wiederholdstraße noch heute erinnert. Dort unterrichteten nur ausgewählte Lehrer wie Frau Scheeles Vater, da die Töchter aus gutem Hause, neben der hauswirtschaftlichen Ausbildung, auch in Literatur, Kunst und Musik, den Sprachen und den Naturwissenschaften unterrichtet werden sollten.
So wurde ihr Vater dann auch an die Reinhardswaldschule in Fuldatal berufen. Diese schätzte den Vater sehr und stellte ihn nach einem Jahr als Gastdozent ganz in den Dienst an der privaten Eliteschule, die ausschließlich von Mädchen aus gehobenem Haus besucht wurde. Deren Eltern zahlten hohe Gebühren für den Internatsaufenthalt und die dortige Ausbildung. Da Frau Dr. Scheeles Vater nun als Lehrkraft an der Schule tätig war, konnte sie selbst auch dorthin gehen, ohne dass ihre Eltern die hohen Gebühren zahlen mussten. Sie zogen nach Simmershausen, wo „das fabelhafte Baugeschäft Franz Zahn“ ihnen ein schönes Haus gebaut hatte. Sie kam also an die Reinhardswaldschule, „als sogenanntes Gemüse von 14 Jahren“, und wurde von den Mitschülerinnen gleich bestürmt:„Sind Sie die Tochter von unserem Lieblingslehrer Scheele?“ „Ich sagte: ,Ja. Da haben sie mächtig davon erzählt.“ Oft denkt sie noch an das zurück, was ihre Lehrer ihr gesagt haben und findet: „Ein guter Lehrer ist für das ganze Leben wichtig.“ Was die Lehrer sagten, hatte doch manchmal mehr Gewicht für sie als die Ermahnungen der Eltern. An der Reinhardswaldschule hatte sie viele gute Lehrer, und sie spricht besonders auch von ihrem Vater, der sehr guten Unterricht gegeben habe. Dabei saß er oftmals leger auf der Fensterbank und kam mit den Schülerinnen ins Gespräch, anstatt, wie viele andere, vom Katheder zu dozieren. Im Deutschunterricht ließ er ein Gedicht oder einen Text nicht nur interpretieren, sondern auch rezitieren, um den Schülerinnen ein Gefühl für die poetische Schönheit der Sprache und der Dichtung zu vermitteln. Er betrachtete den Gegenstand immer von zwei Seiten: der intellektuellen und der künstlerischen. Zwei Pole, die auch Frau Scheele in sich vereint.
Sie hatte am Anfang ein wenig Angst, den eigenen Vater als Lehrer zu haben und fühlte sich auch ungerecht behandelt, denn er bewertete ihre Leistungen immer um eine halbe Note schlechter als die ihrer Mitschülerinnen, um sie nicht zu bevorzugen. Als sie für einen Aufsatz einmal die Note „drei“ erhielt und schrecklich weinen musste, nahm sie all ihren Mut zusammen und ging zu ihm. Ihr Aufsatz sei doch viel schöner als der einer Mitschülerin, deren Aufsatz er viel besser bewertet hatte. Der Vater stimmte ihr zu, ihr Aufsatz sei im Grunde auch besser. „Aber als dein Lehrer will ich nicht, dass es heißt, ich ziehe dich vor.“ Es war also nicht ganz einfach, den eigenen Vater als Lehrer zu haben, auch wenn sie seine Benotung durch seine Erklärung verstanden und notgedrungen akzeptiert hat. Mit nur fünf Mitschülerinnen in einer Klasse finden die Schülerinnen doch zu keiner harmonischen Gemeinschaft zusammen. Eine ihrer Mitschülerinnen, deren Vater einen der größten Pelzhandel in Leipzig besitzt, sagte zu ihr: „Ich spreche nicht mit dir, ich lese Nietzsche.“ Erst durch das Lernen für die schweren Abiturprüfungen wächst die Klasse etwas näher zusammen.
Sie lebte nicht wie die anderen Mädchen im Internat, sondern bei ihren Eltern in Simmershausen. Gerne wäre sie auch weiterhin auf ihrer alten Schule in Kassel geblieben und auch ihre Eltern hätten später die Entscheidung ein wenig bedauert, sie auf die elitäre Reinhardswaldschule geschickt zu haben. Sie konnten aber, wie sie sagt, gegen die Autorität der Leiterin kaum ankommen. In ihrer alten Schule wäre sie näher am alltäglichen Leben gewesen. Auch wenn sie an der Reinhardswaldschule eine „exzellente Ausbildung“ bekam, war sie dort doch sehr abgeschnitten von Allem. So war auch jedweder Kontakt zu jungen Männern untersagt. Außer zu den männlichen Mitgliedern des Lehrerkollegiums kamen die Mädchen somit kaum mit Menschen des anderen Geschlechts in Berührung. Es gab keinen Tanzunterricht, keine Bälle, keine gemeinsamen Ausflüge oder Lehrveranstaltungen. „Fermez les yeux où non!“
So hat sie dann auch erst im späteren Leben gelernt „wie das Verhältnis von Mann und Frau ist. Denn das war, es klingt heute komisch, ein bisschen Neuland für mich. Nach der Reinhardswaldschule hatte ich da ein bisschen Nachholbedarf.“ Nach ihrem Medizinstudium war sie einmal kurz verheiratet, ein bisschen aus Mitleid, wie sie sagt, und hätte sich gewünscht, damals schon gelernt zu haben, nicht nur das Positive zu sehen, sondern einen Mann kritisch beurteilen und einschätzen zu können.
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Die kurze Ehe war für sie eine sehr schwierige Zeit. Als sie ihren Ehemann kennenlernte, lebte er gerade in Scheidung und zeigte sich nur von seiner besten Seite, als er sie umwarb. Sie beschreibt ihn als intelligenten Mann, der sehr lieblos in einer Millionärsfamilie aufgewachsen war und abends oftmals zehn Tafeln Schokolade aß. Sie lebte mit ihm und seinen Kindern aus erster Ehe, zu denen sie heute noch Kontakt hat, in einem kleinen Haus. Er brachte zudem eine Haushälterin mit, die schon während seiner ersten Ehe für ihn tätig gewesen war. Er war jähzornig und auch wenn er, durch den Einfluss von Frau Scheeles Vater, gezwungenermaßen zuließ, dass sie arbeitete, war die Ehe nicht glücklich. Der hat mir mal gesagt: „Eine Ehe zwischen uns ist nur möglich, wenn ich dir beweise, dass de'n ganz dummes Gänschen bist!‘“ Im Hintergrund intrigierte die Haushälterin, die den Mann gern für sich gehabt hätte.
Zuletzt war es dann auch Frau Scheeles Vater, der sie aus der Ehe herausholte. Er hatte wohl gleich ein ungutes Gefühl und sagte ihr, sie solle ihm schreiben „es regnet“ und er wäre sofort bei ihr, sollte sie irgendwann einmal seine Hilfe brauchen. Also schrieb sie ihm und er stand am nächsten Morgen vor der Tür, sprach eingehende Worte mit dem Ehemann und nahm seine Tochter wieder mit nach Hause. Ohne sich auf einen langen Rosenkrieg einzulassen, beendete sie die Beziehung und die Ehe wurde geschieden. Heute sagt sie, diese schmerzhafte Erfahrung sei für sie sehr notwendig gewesen, um in der Realität des Lebens anzukommen. So spricht sie sich klar gegen eine Internatsausbildung aus:„Ein Kind hätte ich immer auf ‚ne gute Allgemeinschule gegeben. Immer nah am Leben, nicht Sonthofen, nicht Reinhardswaldschule, nicht diese exklusive Sache. Nein! Normale gute Schulen, hinein ins Leben!“
Nach dieser kurzen und schwierigen Ehe hat sie nicht wieder geheiratet und auch keine Kinder bekommen. Wie schon als junge Frau im Medizinstudium, war sie unabhängig und stand auf den eignen Beinen. Später verließ sie die freie Arztpraxis und schloss noch eine Weiterbildung zur Amtsärztin an, um einen geregelten Berufsalltag und eine sichere Altersvorsorge zu haben. Dieser Weg gab ihr als alleinstehender Frau finanzielle Sicherheit.
Frau Dr. Scheeles Mutter war eine wunderschöne und elegante Frau mit großem Charme, eine Künstlerin, die sehr gut Klavier spielte und einen wunderbaren Tastenanschlag hatte. Zudem hatte sie eine gute Gesangsstimme und gab Darbietungen bei ihren Hauskonzerten. Die Frau des Bauunternehmers Zahn, der das Haus der Familie in Simmershausen gebaut hatte, war eine feine Dame hugenottischer Herkunft: Tante Mimi Zahn Romain. Sie gab Frau Dr. Scheeles Mutter Gesangsunterricht, und auch die junge Frau Scheele durfte einmal zwei Stunden bei ihr nehmen – da war sie, wie sie sagt, „mächtig stolz“. Frau Dr. Scheele kann sich nicht erinnern, die Mutter jemals kochen gesehen zu haben. Es gab immer ein Hausmädchen, das über die Küche waltete und der Familie das Essen zubereitete. Ihre Mutter stammte aus Dessau und war die Tochter des herzoglichen Leibarztes. Sie war in der Kaiserzeit aufgewachsen und hatte ein kleines Sammelalbum, in dem sie Bilder von Soldaten und Offizieren, hochdekorierten Amtsträgern und der Kaiserfamilie sammelte. Frau Dr. Scheele sagt, es sei eine Generation gewesen, die Soldaten und den Kaiser eben angehimmelt hätten. Sie gibt mir dieses kleine Zeugnis des Lebens im Kaiserreich mit nach Hause. Dort finde ich Feldpostbriefe von 1915, die in zurückhaltenden Worten vom Wohlaufsein berichten, Bilder von Schützengräben und zerstörten Brücken, dem Reichskanzler von Hindenburg, Generälen und Kapitänen des Ersten Weltkrieges, Wohlfahrts- und Kriegspostkarten, die mit der Überschrift „unsere Helden“ auf Kriegsmanöver einzelner Kompanien hinweisen, lächelnde Frauen, die Soldaten verabschieden und ihnen das „Schwarze Kreuz“ ans Revers heften. Nicht zuletzt durch die Position des Großvaters als Leibarzt des Herzogs stand die Familie in enger Verbindung zum deutschen Adel und Frau Dr. Scheele hat ein verwandtschaftliches Verhältnis mit bekannten deutschen Adelshäusern. So war der Bruder ihrer Mutter, ebenfalls ein Arzt, beispielsweise mit einer geborenen „Buff“ verheiratet, die eine Nachkomme von Charlotte Buff war. „Die hatte zwar ‚ne Brille, aber die hatten ‚nen großen Charme und eine ganz große Ausstrahlung, so dass ich den Goethe verstehen kann mit der Charlotte.“ Obgleich mir Frau Dr. Scheele von diesen Verbindungen berichtet, betont sie, dass der Mensch und nicht seine Abstammung das Entscheidende sei. Im Gegenteil findet sie, dass es ganz schön degenerierten Adel gäbe.
An Dessau hat Frau Dr. Scheele viele schöne Kindheitserinnerungen, und die Teilung Deutschlands empfand sie als sehr belastend, denn so konnte sie nicht mehr in die „alte Heimat“ fahren. Auch seit der Wende war sie nicht wieder in der Stadt, da sie die Erinnerung an die Tage ihrer Kindheit nicht durch das Bild der neuen Stadt trüben möchte. Zwar verbringt sie seit der Wende jedes Jahr einige herrliche Tage in Köthen bei den Bachfesttagen, wo sie unter Bach- und Musikliebhabern einen netten Freundeskreis aufgebaut und wunderbare Künstler gehört hat, doch nach Dessau fährt sie nicht. Gern erinnert sie sich an die Osterfeste bei den Großeltern und Tanten, wo sie dreimal Ostereier suchen durfte: bei jedem einmal. Um sie herum waren viele andere Kinder, was sie als Einzelkind sehr genoss, all ihre Vettern und Cousinen, mit denen es niemals Streit gab. Sie erinnert sich gern an diese Tage, die gefüllt waren mit Freude und Herzlichkeit. Ihre Großmutter mütterlicherseits war auch sehr musikalisch und spielte „sogar noch besser Klavier“ als ihre Mutter. Ihr Spiel fand sie noch schöner als manche Schallplattenaufnahmen und hörte ihr jeden Tag zu, wenn sie in Dessau waren. „Jeden Morgen fing sie mit Fingerübungen an, und dann gab es natürlich mehr Schubert, Schumann, nicht Bach, sondern mehr diese Romantiker. Die hat schön gespielt, die flogen nur so dahin die Finger.“
Die Mutter ihres Vaters war Pfarrersfrau, und sie beschreibt sie als den intellektuellen Gegenpol zu der Großmutter mütterlicherseits. Sie hat sie an Wilhelm Busch herangeführt, indem sie eines Tages sagte:„Komm her, ich will dir mal das Album von Wilhelm Busch und was dahinter steckt zeigen.“ So verbinden sich hier wieder das Schöngeistige der mütterlichen Familie mit dem Intellektuellen, der Klarheit und Zielstrebigkeit der Seite des Vaters; die beiden Pole, die auch Frau Scheele so in sich vereint sieht. Beides sei für sie von enormer Wichtigkeit gewesen, sonst hätte sie, wie sie sagt, ihren Beruf gar nicht ausüben können.
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Frau Dr. Scheele war nicht die erste Frau in ihrer Familie, die studierte. Die Schwester ihres Vaters hatte bereits ein Studium absolviert, war Lehrerin und als solche in ihrer Generation noch eine Ausnahme. In den dreißiger und vierziger Jahren sei es schon gar nicht mehr so ungewöhnlich gewesen, als Frau zu studieren. Besonders auch ein Medizinstudium wurde gern gesehen, da Mediziner in den Kriegsjahren und Nachkriegsjahren dringend gebraucht wurden. Da die Männer fast alle im Krieg waren, sah man an den Universitäten viel mehr Frauen als noch in den Jahren davor. Da man an den Universitäten froh war, genügend Medizinstudenten zu haben, erhielten auch Frauen einen einfacheren Zugang zum Studium.
Eigentlich wollte sich Frau Dr. Scheele nach der Schule gern dem Kunsthandwerk zuwenden, da sie Holzarbeiten besonders liebt: Kinderspielzeug, Schaukelpferdchen, kleine Figuren. Eine Freundin an der Reinhardswaldschule riet ihr: „Wenn der Krieg kommt, dann müssen wir Arzt werden. Die werden dann gebraucht. Da können wir die Soldaten retten.“ So ließ sie sich überzeugen, Medizin zu studieren und schlug in ihrer Familie in dritter Generation diesen beruflichen Werdegang ein, da sowohl ihr Großvater, ihr Onkel, als auch ihr Urgroßvater mütterlicherseits Mediziner gewesen waren.
Frau Dr. Scheele studierte zunächst in Göttingen, wo sie ihr Physikum machte, und ging dann, ihrer guten Freundin Lilo zuliebe, nach Tübingen, die dort Philologie studierte. Sie war ihr, besonders auch ihrer gemeinsamen Liebe für die Musik, sehr zugetan und verlebte wunderschöne Jahre in Tübingen. Sie wohnten auf dem Viehweidler bei Tante Bertha. Ihr Bruder befehligte die Westarmee und sie schwang derweil das Zepter in der Heimat. Als früh emanzipierte Frau hat sie als eine der ersten deutschen Frauen überhaupt studiert, war auf traditionelle Bildungsreise nach Italien gegangen und studierte sogar im Ausland. So hatte sie natürlich „etwas übrig für Frauen, die studierten“ und nahm die beiden Freundinnen bei sich auf. Gegenüber vom Wildermuth-Friedhof war ein Hang, auf dem früher lauter Hühnerställe standen. Tante Berthas Bruder, nun an der Front, war Architekt oder Bauingenieur und hatte den Studentinnen, die bei Tante Bertha wohnten, kleine Häuschen in den Hang gebaut. „Dort hatte ich eine sagenhafte Zeit mit meiner Freundin, in so einem kleinen Häuschen.“
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Frau Dr. Scheele arbeitete mit großer Begeisterung in der Pathologie bei Professor L. Sie setzte ihr Studium eigens ein Semester aus, um sich voll auf die Pathologie zu konzentrieren, zu sezieren und Schnitte zu machen, die Organe zu studieren. Bis sie einen Anruf bekam, sie möge doch nach Hause kommen: „Deine Mutter braucht dich.“ So verließ sie Tübingen schweren Herzens, um ihr Studium in Marburg zu beenden. Von hier konnte sie einfacher zu ihrer Mutter nach Hause fahren, denn ihre Mutter war schwer zuckerkrank und musste Insulin spritzen. Daher brauchte sie immer jemanden, der bei ihr war, denn die Gefahr eines Zuckerschocks war ihr ständiger Begleiter. Schon ihr Leben lang war ihre Mutter kränklich gewesen. Als dreijähriges Kind stand Frau Scheele bereits am Herd und wollte ihrer Mutter eine Suppe kochen, damit es ihr wieder besser ging. Die Krankheit ihrer Mutter war dann auch einer der Beweggründe, ein Medizinstudium zu beginnen. Schon als Kind ist sie „ziemlich oft“ zum Arzt gerannt: „Meine Mutter liegt wieder da!“ Ihr Vater war an der Ostfront stationiert und so kam Frau Scheele jedes Wochenende von Marburg nach Hause, um sich um ihre Mutter zu kümmern und das Hausmädchen zu entlasten. Das Hausmädchen hieß Elisabeth, kam mit einem kleinen Sohn zu ihnen ins Haus, als ihr Verlobter im Krieg gefallen war und „gehörte nachher ganz zur Familie“. Frau Dr. Scheele war nicht gern in Marburg und vermisste ihre Freundin Lilo.
Sie erlebte in Marburg auch einen der wenigen Bombenangriffe auf die Universitätsstadt, bei dem viele Studenten ums Leben kamen. Frau Dr. Scheele erzählt von dem zerstörten Universitätsgebäude und den Leichen der jungen Menschen. Zum Glück, sagt sie, gab es nur wenige Angriffe auf die großen Universitätsstädte wie Tübingen und Marburg.„Die sind nicht so total zerstört worden wie Kassel.“ Da stand keine Großoffensive dahinter.
Den Bombenangriff auf Kassel am 22. Oktober 1943 erlebte sie im Haus ihrer Eltern im acht Kilometer entfernten Simmershausen. Ihr Vater war noch in der Stadt gewesen und kam ganz verstört zurück. Von weitem sahen sie den Feuersturm, der den Himmel rot färbte und die Stadt verschlang. Sie saßen im Keller des Hauses und hörten wie die Bomben einschlugen, ohne Pause, Bombe um Bombe, für nur eine halbe Stunde. „Und wieder: Zack! Zack! Zack! Und die Sirenen! Ja, furchtbar! Ein Inferno. Also Zerstörung total. Den erleuchteten Himmel konnte man bis Marburg sehen.“
„Wenn man so Schweres im Leben durchgemacht hat. Die Menschen sind reifer. Da ist immer ein Tiefgang mit drin. Ich meine, das, was uns fordert und fördert, sind glaub' ich sogar die negativen Sachen oft. Das, was schwierig ist. Das mobilisiert unsere seelischen Kräfte.“
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Frau Scheeles Vater erlebte den Ersten Weltkrieg an der französischen Front vor Verdun und an der Somme. Während eines Großangriffs wurde ein Freund ihres Vaters nur durch einen kuriosen Zufall gerettet. Kurz vorher hatte er nämlich ein Paket seiner Mutter voll Wurst und anderer Köstlichkeiten erhalten. Als zum Angriff befohlen wurde, stopfte er die Wurst schnell in seinen Ranzen und sprang aus dem Schützengraben. Doch beim Springen von Graben zu Graben verlor er die Würstchen, die ihm aus der Tasche gerutscht waren und so lief er zurück, um das wertvolle Gut zu retten. Wo er eben noch gestanden hatte, war nun ein tiefer Bombenkrater. So rettete ihm die Wurst das Leben. Besonders diese sehr menschlichen und mitmenschlichen Vorkommnisse sind es, die im Krieg eine ganz andere Bedeutung erfahren. Als die Fronten zwischen Frankreich und Deutschland immer verworrener verliefen und man kaum mehr wusste, auf welcher Seite man sich gerade bewegte, begegnete ihr Vater eines Abends einem französischen Soldaten. Der steckte seine Waffe weg, Frau Dr. Scheeles Vater tat es ihm gleich, sie gaben sich die Hand und jeder ging seiner Wege.
