Erzfieber - Marcus Wächtler - E-Book

Erzfieber E-Book

Marcus Wächtler

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine anonyme Millionenspende und das Verschwinden des Stadtkämmerers halten ganz Freiberg in Aufregung. Was hat das alles aber mit dem Selbstmord eines städtischen Beamten zu tun? Die junge Arzthelferin Ariane Itzen wollte eigentlich nur eine gute Tat vollbringen. Stattdessen gerät sie ins Visier einer mörderischen Verschwörung. Kann sie das Rätsel um »Erzfieber« lösen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

 

Erzfieber

 

 

von

Marcus Wächtler

 

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage 2019

ISBN Printausgabe: 978-3-96443-424-1

© 2019 Verlag Edition Elbflorenz, Rothenburger Str. 30, 01099 Dresden

Korrektorat: Katja Völkel, Dresden: www.lekto-rat.de

Titelgestaltung: Maria Zippan, Dresden

Titelbild: Maria Zippan, Dresden

 

 

 

 

www.editionelbflorenz.com

Bis jetzt sind bei den Bergstadtkrimis erschienen:

Erzfieber

Erzglitzern

Erzzauber

Bergstadtkrimi IV im Novemer 2021

Inhalt

Impressum

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 13

Tag 1

 

Je mehr Ariane versuchte, sich zusammenzureißen, umso stärker nahm das Unbehagen in ihr weiter zu. Wobei Unbehagen wohl der falsche Begriff war – Abscheu würde es viel besser treffen. Mit ihren zarten 25 Jahren wusste sie noch nicht, ob sie für das Kommende überhaupt schon bereit war. Natürlich hatte sie eine entsprechende Ausbildung absolviert, beziehungsweise hätte die Weiterbildung sie auf genau diese Situation vorbereiten sollen, die sie gerade zu bewältigen hatte und an der sie so offensichtlich kläglich scheiterte. Zwischen der erlernten Theorie und der tatsächlichen Praxis lagen jedoch Welten.

Als sie den aufgeschnittenen Körper der Patientin vor sich sah, wurde ihr das nur zu schmerzhaft bewusst. Doktor Gronkowskie, seit gerade einmal einem Monat ihr neuer Chef, hantierte mit seinen Fingern und chirurgischen Werkzeugen im offenen Leib auf dem Operationstisch. Normalerweise wäre es ihre Aufgabe, dem Mediziner tatkräftig zur Hand zu gehen. Allerdings fühlte sie sich beim Anblick des geöffneten Bauchraumes nahezu paralysiert. Genau in diesem Moment kam ihr zu Bewusstsein, dass sie ihre berufliche Zukunft dringend überdenken sollte.

»Frau Itzen …! Hallo?«, drang sehr leise die Stimme des Arztes in ihren Verstand.

Ariane begriff, dass der Mann etwas von ihr wollte. Nichtsdestotrotz starrte sie den anästhesierten Körper auf der Operationsliege weiterhin an. Unmengen an Blut und Innereien tanzten vor ihren Augen einen wilden Reigen. Sie hätte lieber gar nicht darüber nachgedacht, dass sie selbst mit einem Retraktor den Schnitt weit offen hielt. Diese Vorstellung steigerte ihr Unwohlsein in ungeahnte Höhen. Dass sie dabei merklich zitterte, stellte nur ein weiteres Indiz ihres angeschlagenen Zustandes dar.

»Frau Itzen! Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«, versuchte es der Doktor erneut.

Vor nicht einmal einem Monat hatte sie diese Stelle angetreten. Im Großen und Ganzen war der Job ein recht angenehmer. Mit ihren neuen Kolleginnen und Kollegen hatte sie sich auf Anhieb prächtig verstanden. Doktor Gronkowskie war zudem als Arbeitgeber ein sehr netter Mensch. Zu keiner Zeit ließ er den Chef heraushängen oder behandelte sie von oben herab. Eher im Gegenteil ging er mit all seinen Mitarbeitern sehr rücksichtsvoll um. So war es nicht verwunderlich, dass Ariane sich schon ab der zweiten Woche schnell eingearbeitet hatte. Das alles hatte sie aber nicht auf diesen Tag vorbereiten können. Wenn sie das nur vorher gewusst hätte!

»Ähm ja, es ist alles in Ordnung. Mir war nur nicht bewusst, dass es so blutig werden könnte.«

»Das ist schon okay. Das kann jedem beim ersten Mal passieren. Daran gewöhnen Sie sich mit Sicherheit noch«, versuchte der Arzt sie zu beruhigen.

Gerade das aber bezweifelte Ariane in dem Moment massiv. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, sich jemals damit abzufinden. Je mehr sie darüber nachdachte, desto absurder kam ihr der Gedanke vor. Entweder man war für diesen Job geboren oder eben nicht. In ihrem Fall schien die Antwort darauf relativ leicht – ein definitives Nein. In diesem Augenblick ging die Tür zum Operationszimmer auf.

»Herr Doktor! Wir haben einen Notfall. Könnten Sie kurz für eine Sekunde zu uns raus kommen?«, rief Stefanie, die ebenso für den Arzt arbeitete, mit gehetzter Stimme.

»Sehen Sie nicht, dass ich bis über beide Ohren beschäftigt bin? Wir sind mitten in einer OP.«

»Es ist wirklich eine Notsituation. Sonst würde ich Sie wohl kaum stören«, untermauerte Stefanie ihre Aussage, während sie noch immer in der Tür stand und dabei schnell ihre langen blonden Haare mit einem Zopfgummi zusammenband.

Stefanie war für Ariane in den vergangenen vier Wochen bereits zu einer Freundin geworden. Schon am ersten Arbeitstag hatte die Kollegin sie nach der Arbeit zu einem Glas Rotwein eingeladen und die beiden Frauen waren sich auf Anhieb sympathisch. Dass sie auf einer Wellenlänge zu sein schienen, lag vielleicht auch daran, dass Stefanie nur ein Jahr jünger war als Ariane. Allein dieser nette Umgang hatte für Ariane den Jobeinstieg um so vieles leichter gemacht. Bei ihrer vorherigen Arbeitsstelle hatte es in den kompletten fünf Jahren keinen so guten Kontakt zu den anderen Mitarbeitern gegeben. Hier bei Doktor Gronkowskie war es hingegen ab dem ersten Tag etwas vollkommen anderes. Zumindest bis vor einer halben Stunde, als der Arzt mit der Operation begonnen hatte.

In diesem Moment hätte Ariane die freundliche Kollegin aber am liebsten auf den Mond geschossen. Ihre Panik stieg an, als Doktor Gronkowskie tatsächlich von seiner Patientin abließ. Mit geübten Bewegungen streifte er sich den Mundschutz, die Handschuhe und die Schutzbrille ab. Beim Operationskittel musste Ariane dem Mann allerdings zur Hand gehen. Dies war jedoch genau die Art von Arbeit, wegen der sie hier angefangen hatte: Für leichte Assistenzaufgaben, die Verwaltung und Terminvereinbarung hatte sie sich eigentlich beworben. Davon, dass sie den Arzt bei Operationen unterstützen sollte, war nie die Rede gewesen. Dass sie selbst mit Geräten in den erkrankten Leibern herumstochern sollte, davon hatte nie etwas in der Stellenbeschreibung gestanden.

Mit einem dezenten Lächeln auf den Lippen verschwand der Arzt schon Sekunden später aus dem Raum. Panik machte sich in Ariane breit, nun allein für die Patientin verantwortlich zu sein. So sehr das angenehme Äußere des Arztes die Menschen sonst für sich einnahm, so sehr hasste Ariane den Doktor in dem Moment dafür. Sein stets so warmes Lächeln kam ihr urplötzlich verlogen und kalt vor. Das grau melierte Haar des Endvierzigers wirkte dabei nur umso affektierter auf sie. Vor allem die Augen und das nette Auftreten des eins achtzig großen Mannes erweckten in dem Augenblick den Eindruck eines penetranten Widerlings.

An ihrer hilflosen Situation änderte sich dadurch natürlich nichts. Sie befand sich vollkommen allein in dem Operationsraum mit einer frisch aufgeschnittenen Patientin. Das grellweiße Licht der Lampe über der Operationsliege strahlte in dem Moment unangenehm scharf in ihre braunen Augen. Ringsherum an den Wänden standen große verglaste Schränke, in denen alle möglichen Utensilien aufbewahrt wurden. Einzig ein Bild einer Gruppe von Katzen an der Stirnseite lockerte den sterilen Gesamteindruck zumindest ein wenig ab.

Innerlich verkrampfte sie sich immer mehr. Obwohl es Ariane klar war, dass es sich bei dem gerade durchgeführten Eingriff um keinen direkten Notfall handelte, kam es ihr durch und durch falsch vor. Ein Arzt sollte einen ihm anvertrauten Patienten auf gar keinen Fall sich selbst überlassen. Würde jetzt etwas Schlimmes passieren, wäre sie kaum in der Lage, dagegen einzuschreiten. Was passierte denn, wenn sich in dem Moment ein Wert auf dem Monitor mit den Vitalanzeigen veränderte? Ariane hätte nicht gewusst, was sie in solch einem Falle unternehmen sollte. Sie war nur eine einfache Schreibkraft – mehr nicht. Es war vollkommener Wahnsinn, sie in solch einer Situation allein zu lassen. Schon mit dem Doktor im Zimmer hatte Ariane sich gefragt, was zum Teufel sie hier überhaupt machte. Einem willenlosen Zombie gleich hatte sie die Anweisungen des Arztes ausgeführt. Nun jedoch war niemand mehr da, der ihr hätte sagen können, was sie machen sollte.

In dem Moment spürte Ariane ihre Hände, die sich schmerzhaft in eine Falte ihres Kittels gruben. Weiß traten die Knöchel hervor, als sie den Stoff immer fester zu kleinen Röllchen zusammenquetschte. Es war für sie nahezu eine übermenschliche Anstrengung, sich aus der eigenen Verkrampfung zu lösen.

Gleichzeitig fixierten ihre Augen den Monitor mit den Vitalzeichen. Der Herzschlag zeigte einen relativen normalen Wert von 130 Schlägen die Minute an. Auch der Blutdruck befand sich in einem vertretbaren Bereich. Im Geist malte Ariane sich aus, dass sie in der Lage wäre, diese Werte Kraft ihrer Gedanken auf dem gleichen Level zu halten. Vor allem hielt sie das davon ab, auf den geöffneten Leib hinunterzustarren. Just während dieser Überlegungen änderte sich der Puls der Patientin schlagartig auf 118. Heiß und kalt zugleich sackte nun ihrerseits der Blutdruck ab. Ariane spürte, wie ihr die Beine weich wurden. Genau diese Situation hatte sie befürchtet.

»So, da bin ich wieder«, erklang in dem Moment eine sie erlösende Stimme.

»Was war denn so wichtig, dass Sie während einer Operation nach draußen mussten?«, packte Ariane sowohl einiges an Vorwürfen, aber auch ein wenig ihrer Panik in die Entgegnung.

»Ein Cocker Spaniel hat seine eigene Zunge verschluckt. Eine Impfung jagte ihm dermaßen Angst ein, dass es zu dieser seltsamen Schockreaktion gekommen ist. Frau Müller hatte es nicht geschafft, den Rüden aus dieser misslichen Lage zu befreien. Manchmal ist bei so einer Sache etwas mehr Muskelkraft und Initiative gefragt.«

Während Doktor Gronkowskie sich erklärte, half Ariane ihm dabei, sich für den Fortgang der Operation einzukleiden. Selbstverständlich hatte sie Verständnis für die Notwendigkeit, dass der Arzt zu dem Notfall geeilt war. Letztlich war er in dem Moment der einzige studierte Mediziner in der kleinen Tierarztpraxis. Trotzdem waren die vergangenen fünf Minuten eine Erfahrung, auf die sie sehr gern verzichtet hätte. Verwundert sah Doktor Gronkowskie sie in dem Augenblick an.

»Ihre Augen wirken glasig. Ist auch wirklich alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Ja, natürlich.« Nach einigen Sekunden des Schweigens revidierte Ariane jedoch ihre Aussage. »Eigentlich nicht. Tut mir leid, aber darauf war ich nicht vorbereitet.«

»Was meinen Sie?«, wollte der Tierarzt von ihr erfahren.

»Na, auf all das hier. Schließlich habe ich mich als Hilfe für den Anmeldebereich beworben.«

»Beim Gespräch haben Sie doch gesagt, dass Sie eine ausgebildete Sprechstundenhilfe wären?«

»Selbstverständlich, das bin ich auch. Ich bezog das aber mehr auf die verwaltungstechnischen Dinge. Verstehen Sie? Ich kann mit Computer und dem Internet ganz gut umgehen. Das hier«, und damit verwies Ariane auf den geöffneten Körper des hochschwangeren Chihuahuaweibchens, »ist etwas vollkommen anderes.«

»Na gut, dann holen Sie mir bitte Frau Müller herein«, versuchte Doktor Gronkowskie, das offensichtliche Dilemma zu lösen.

Statt einer Antwort nickte Ariane innerlich niedergeschlagen ihrem Chef zu. Im Hinausgehen vernahm sie die weiteren Worte des Arztes wie aus weiter Ferne.

»Wir sollten uns nach Ihrem Dienst zusammensetzen und über das hier reden.«

Ariane war sofort klar, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde. Letztlich befand sie sich noch in der Probezeit. Nachdem sie ihrer Kollegin Bescheid gegeben hatte, stand sie niedergeschlagen vor ihrem Spind im Personalraum. In dem kleinen Spiegel auf der Türinnenseite blickten ihr zwei müde braune Augen entgegen. Sonst eher groß und lebhaft, wirkten ihre Pupillen nunmehr wie die einer alten Puppe. Das halblange, dunkle Haar fiel ihr ins Gesicht, als sie resignierend den Kopf auf die Brust sinken ließ.

Der Raum stürzte in der Sekunde fast auf sie ein. Die hohen, schmalen Metallschränke um sie herum erzeugten eine beängstigende Enge, so dass sie sich mit beiden Händen links und rechts abstützen musste, um nicht den Halt zu verlieren. In dem Moment war nichts mehr von dem stets so frischen und jugendlichen Mädchen zu sehen, das sonst immer vorhatte, die Welt für sich zu erobern.

Alles in allem war sie ihrer Meinung nach eine vollkommen normale Frau. Als richtig schön würde sie sich selbst nie bezeichnen. Allerdings hatten ihr schon etliche Männer gesagt, dass sie hübsch wäre. Ihr dunkles Haar konnte sich nicht entscheiden, ob es lieber lockig sein wollte oder doch eher glatt. Auch pendelte sie immer zwischen ein paar Kilo Hüftspeck und einer Strandfigur. Natürlich half ihr der Sport ein wenig dabei. Mehr als ein paar Kilometer Joggen in der Woche tat sie jedoch nicht. Gerade das hatte sie stets als vorteilhaft für sich gesehen. Die meisten ihrer Bekannten mäkelten an sich selbst herum. Im Gegensatz dazu war sie stets mit sich im Reinen. Ihr Leben, ihre Familie, der Job, die Freunde – komplett alles passte so weit. Zumindest bis zu diesem Tag jedenfalls. Ihr Versagen – und als solches betrachtete sie den Vorfall eben – war etwas vollkommen Neues für sie.

Ariane hatte ursprünglich eine Ausbildung zur Arzthelferin in einer allgemeinmedizinischen Praxis eines Freundes ihres Vaters absolviert. In der Allgemeinmedizin bekam man in den seltensten Fällen viel Blut oder etwas Ähnliches zu sehen. Selbstverständlich hatte sie mal einen Zugang gelegt oder eine Spritze gesetzt. Das waren aber die absoluten Ausnahmen. Im Normalfall hatte sie immer hinter dem Tresen gesessen und war dort für die Terminvergabe zuständig gewesen. Leider war ihr vorheriger Arbeitgeber schon nach ein paar Jahren in Rente gegangen.

Hin- und hergerissen hatte sie die Chance ergriffen und eine Weiterbildung zur Sprechstundenhilfe für Veterinärmedizin in Angriff genommen. Eigentlich hatte sie, seitdem sie denken konnte, etwas mit Tieren machen wollen. Die Patienten waren zwar andere, die Arbeit blieb jedoch weiterhin dieselbe. Termine ausmachen, Ausrüstung bestellen und am Ende der Behandlung das Geld abkassieren. Die Umstellung war ihr dabei erstaunlich leichtgefallen. Zumindest bis Doktor Gronkowskie sie heute Morgen gebeten hatte, ihm bei der Operation zur Hand zu gehen.

»He Ariane, alles in Ordnung bei dir?«, sprach Stefanie sie in dem Moment an.

Ariane hatte gar nicht bemerkt, wie ihre Kollegin ebenso in den Pausenraum getreten war. Offensichtlich war sie zu sehr in Gedanken versunken gewesen, um überhaupt etwas um sich herum mitzubekommen. Dieser Umstand war jedoch nicht weiter verwunderlich. Nach wie vor verspürte sie eine gewisse Schwäche in ihren Beinen. Die Aktion von eben würde sie wohl noch eine ganze Weile lang begleiten.

»Klar ist mit mir alles okay. Warum sollte mit mir etwas nicht stimmen?«

»Ich hatte … ich meine, das klang gerade so als …« Nach einer kurzen Pause wechselte Stefanie unvermittelt das Thema. »Was würdest du denn mit fünf Millionen machen?«

Ariane fragte sich, was Stefanie nun schon wieder damit meinte. Sie hatte Probleme, dem Gespräch zu folgen. Ohnehin ärgerte es sie, dass die Situation während der Operation offenbar bereits die Runde gemacht hatte. Natürlich war ihr klar, dass in der kleinen Praxis mit gerade einmal sechs Mitarbeitern sich so etwas schnell herumsprach. Aber so schnell?

»Na, wegen der Schenkung. Wenn mir jemand eine so große Summe überlassen würde, wüsste ich ganz genau, was ich damit anstellen könnte. So ein eigenes Haus in der Toskana wäre genau das Richtige für mich. Einfach im Winter in den Süden abhauen und die Kälte hinter mir zurücklassen.«

Noch immer verstand Ariane nicht, worum sich das Gespräch drehte. Auch Stefanie schien zu begreifen, dass ihre Kollegin nicht wusste, was sie von ihr wollte. Ohne ein weiteres Wort der Erklärung hielt Stefanie ihr deswegen eine Zeitung vor das Gesicht. Ariane nahm die Tageszeitung in die Hand. In großen Lettern prangte auf der ersten Seite die Frage, woher die vielen Millionen kämen.

»Ähm, ich habe absolut keine Ahnung, worum es geht«, gestand Ariane unverblümt.

Ihre Kollegin verdrehte unvermittelt die Augen. Offensichtlich konnte sie nicht verstehen, dass jemand noch nicht von dem mysteriösen Umstand gehört hatte.

»Hast du tatsächlich noch nichts davon mitbekommen, Ariane? Das ist doch DAS Thema in der lokalen Presse. Es gibt da einen anonymen Spender, der Freiberg fünf Millionen Euro geschenkt hat. Es ist wie damals in Görlitz. Allerdings ist es ein bisschen mehr als bei den berühmten Altstadtmillionen. Genau genommen sogar richtig viel mehr.«

»Welche Altstadtmillionen?« Ariane war tatsächlich ahnungslos.

»Also«, holte Stefanie zu einer Erklärung aus. »Seit 1995 hat ein nicht namentlich genannter Gönner Görlitz jährlich über eine halbe Million zukommen lassen.«

»Wieso schenkt jemand einer Stadt so viel Geld? Und was hat Görlitz mit all dieser Kohle angestellt?«

»Die Spenden waren an verschiedene Bestimmungen geknüpft. Zumindest glaube ich, dass ich da mal etwas darüber gelesen habe. Angeblich musste mit dem Geld irgendwas in der Innenstadt aufgebaut werden. Die Görlitzer Altstadt ist während der DDR-Zeit ziemlich heruntergekommen. Ich habe Bilder gesehen. Das war kein schöner Anblick. Auch nach 1990 ist der Wiederaufbau eher nur schleppend angerollt.«

»Du denkst, dass das hier nun auch in Freiberg passiert?«, wollte Ariane wissen.

»Zumindest denkt der Redakteur dieses Artikels, dass es darauf hinausläuft. Ich meine, ohne Grund wird niemand der Stadt ganze fünf Millionen Euro spenden. Das ist jede Menge Schotter. Überleg doch einmal, was man mit dem Geld alles anstellen könnte! Ich verstehe nicht, wie jemand solch eine Summe so einfach weggibt.«

»Vielleicht hat er zu viel davon?«

»Das glaubst du doch wohl selbst nicht im Leben!«, warf Stefanie ungläubig ein. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass da mehr dahintersteckt. Als ob die Menschheit so selbstlos wäre. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen – fünf Millionen Euro. Wahnsinn.«

»Aber das Tierheim und die Tierklinik bekommen ebenso Spenden von den Leuten.«

»Das ist etwas vollkommen anderes. Mal ein paar Dosen Hundefutter, Spielzeug oder eine Leine abzugeben, ist eine komplett andere Geschichte, als einfach so mehrere Millionen Euro zu verschenken.«

»Was soll denn mit dem ganzen Geld werden?«, fragte Ariane, die nun doch Interesse für die Angelegenheit entwickelte.

»Das ist gerade das große Geheimnis. Die Stadtoberen schweigen sich darüber noch aus. Selbst die Schreiberlinge von der Zeitung wissen nichts Genaues. Alle fragen sich, ob die Spende an ähnliche Bestimmungen geknüpft ist wie in Görlitz. Dort musste man das Geld halt für bauliche Sachen ausgeben. Darum ist es heutzutage auch so schick in der Stadt.«

»Was will man denn in Freiberg noch restaurieren? Die komplette Altstadt sieht mittlerweile fast wie neu aus. Es existiert kaum mehr ein Haus, das man wiederherrichten müsste. Ich meine, selbst die alte Stadtmauer ist in einem tadellosen Zustand. Was bezweckt dieser unbekannte Typ mit so einer Aktion?«

»Tja, das ist die große Frage, die sich jeder in Freiberg stellt«, führte Stefanie weiter aus. »Der Artikel handelt von nichts anderem. Solange sich die Verantwortlichen im Rathaus aber noch bedeckt halten, schießen die Vermutungen wie Pilze aus dem Boden. Letztlich ist absolut alles möglich. Vielleicht soll das Geld sogar unter den Einwohnern aufgeteilt werden. Das wären zumindest hundert Euro für jeden. Mehr als haltlose Spekulationen sind das aber alles nicht. Der Umstand an sich ist dafür umso faszinierender. Meinst du nicht auch?«

Nickend gab ihr Ariane recht. Immerhin hatte das Gespräch sie auf andere Gedanken gebracht. Im Nachhinein kam sie sich fast schon dumm vor, wie sie auf die Situation mit der Operation reagiert hatte. Normalerweise hatte sie sich wesentlich besser unter Kontrolle. Natürlich war ihr klar, dass die ungewohnte Lage sie vollkommen überfordert hatte. Trotzdem war das keine Entschuldigung für ihren Beinahe-Zusammenbruch. Sie stellte an sich selbst ganz andere Ansprüche.

»Ich muss dann erst mal mit Doktor Gronkowskie reden«, teilte Ariane deswegen ihrer Kollegin mit. »Danke, dass du gerade für mich da warst. Das kleine Gespräch hat mir definitiv gutgetan.«

Mit einem Lächeln verschwand Stefanie daraufhin aus dem Pausenraum. Ariane nahm sich noch einmal ein paar Minuten Zeit, um sich zu sammeln. Eine große Tasse Kaffee würde ihr dabei mit Sicherheit helfen. Das war einer der Vorteile einer so gut laufenden Praxis: Der große und teure Kaffeevollautomat spuckte jederzeit ein erstklassiges Getränk aus. Solange sie allein in dem Personalraum sein würde, konnte sie die Stille nutzen, um wieder zu alter Stärke zurückzufinden.

Wie automatisch nahm Ariane die Zeitung zur Hand. Den Artikel über die mysteriösen Millionen hatte sie bereits überflogen. Da sie außerdem die Zusammenfassung ihrer Kollegin kannte, sparte sie sich das Weiterlesen für diesen Moment. Abgesehen von den üblichen Lokalnachrichten fiel ihr aber eine weitere Schlagzeile auf, in der stand, dass der städtische Kämmerer seit Tagen vermisst werden würde. Stirnrunzelnd überflog sie den Text, der jedoch kaum mehr als ein paar haltlose Vermutungen und Andeutungen enthielt. Demnach war besagter Heinrich Schirach schon vor Tagen auf dem Nachhauseweg vom Rathaus spurlos verschwunden. Zwischen den Zeilen wurden zudem Unregelmäßigkeiten bei den Finanzen angedeutet. Allerdings hielt sich die Autorin derart vage, dass es auch etwas ganz anderes bedeuten konnte.

In Gedanken witzelte Ariane darüber, dass in Freiberg urplötzlich jede Menge los war. In dem sonst so beschaulichen Städtchen schien tatsächlich einmal etwas Nennenswertes zu geschehen. Normalerweise waren die sonstigen Aufreger die, dass jemand die Enten mit Brot überfütterte oder es ging um die Parkplatznot in der Innenstadt. Allein die Millionen als Schenkung waren so sensationell, dass die Nachricht über das Verschwinden des Kämmerers zur Nebensächlichkeit mutierte. Den Namen Heinrich Schirach kannte Ariane, sie konnte nur nicht sagen, womit sie ihn verband. Vielleicht lag es daran, dass der Kämmerer ein öffentliches Amt bekleidete. Neben dem Oberbürgermeister und dem Landrat stellte der Kämmerer die drittwichtigste Position in der Gemeinde dar. Entsprechend war der Name wohl öfter in der Zeitung zu lesen gewesen. Allerdings war sie sich sicher, dass sie ihn auch außerhalb dieses Amtes kannte.

Das alles half ihr jedoch nicht bei ihrem Problem. Ariane war hin- und hergerissen. Noch immer fühlte sie sich sehr wohl und gut aufgehoben in dem Team der Tierarztpraxis Gronkowskie. Gleichwohl gab es nunmehr einige gewichtige Dinge, die sie beachten sollte. Vor allem die Tatsache, dass sie die Mithilfe bei Operationen vehement ablehnte, sprach gegen eine Weiterbeschäftigung. Zecken ziehen, eine Zyste aufschneiden oder eine Impfung setzen waren Arbeiten, die sie ohne Probleme erledigen konnte. Das hatte sie schon zur Genüge in den ersten vier Wochen ihrer Anstellung erledigt. Sollte Doktor Gronkowskie aber von ihr erwarten, ihm weiterhin bei chirurgischen Eingriffen zu assistieren, müsste sie wohl oder übel die Kündigung einreichen. Das alles jedoch unter der Voraussetzung, dass der Tierarzt ihr mit einer Entlassung nicht zuvorkommen würde. Zu viele Wenns und Abers standen bei ihren Erwägungen gerade im Raum. Wahrscheinlich war es sinnvoll, wenigstens eine Nacht über diese Dinge zu schlafen. Der Arzt hatte allerdings angedeutet, dass er das Thema sehr gern schon heute bei Dienstende mit ihr besprechen wollte. In gewisser Weise hatte er recht. So einen Vorfall beizeiten aus der Welt zu schaffen, war besser, als das Gespräch auf die lange Bank zu schieben.

Diese Gedanken beständig zu wälzen, brachte Ariane nicht weiter. So entschloss sie sich, einfach mit ihrer normalen Arbeit weiterzumachen. Wieder halbwegs mit sich im Gleichgewicht, verließ sie den Personalbereich. Im Wartezimmer befand sich Stefanie hinter dem Empfangstresen am Telefonhörer. Im Vorbeigehen hörte Ariane die ihr nur zu vertrauten Floskeln.

»Wenn Sie den Termin nicht wahrnehmen können, dann rufen Sie uns wenigstens an, um ihn abzusagen. Ansonsten sind wir außerstande, Ihnen neue Termine zu geben. Dann müssen Sie so herkommen und warten, bis Sie an der Reihe sind. Wir haben nicht unbegrenzt …«

Offensichtlich stritt sich ihre Kollegin einmal mehr mit einem Haustierbesitzer, welcher die Sache mit der Terminabsprache eher für einen Vorschlag hielt. Oft kam es vor, dass am Vormittag Menschen anriefen, weil es ihrem Liebling gerade ganz besonders schlimm ging und sie am selben Tag noch dringend einen Arzttermin benötigten. Ein paar Stunden später meldeten sie sich hingegen schon gar nicht mehr, da sich das Problem offenkundig von selbst erledigt hatte. Die Praxis kämpfte bereits seit längerem mit dieser Art der Laxheit bezüglich Vereinbarungen. Im Moment war dies jedoch Stefanies Ärger. Am Nachmittag wäre Ariane dann wieder dran, sich damit zu beschäftigen.

 

Der Wartebereich, den sie gerade durchquerte, war rappelvoll mit mehreren Haustierbesitzern samt Körben, Käfigen oder Taschen besetzt. Nach einer weiteren Tür folgte die Wachstation der Tierarztpraxis. Gerade bei akuten Fällen war es wichtig, die Tiere über Stunden oder Tage hinweg zu beobachten. Nach Operationen behielt Doktor Gronkowskie die kleinen Patienten sehr gern mindestens über eine Nacht in der Praxis. Vor allem die Anästhesie war bei kleinen Haustieren wesentlich problembehafteter als bei großen Tieren oder bei Menschen. Hunde und Katzen, die nur ein paar Kilogramm auf die Waage brachten, sprachen ganz anders auf eine Betäubung an als ihre kräftiger gebauten Artverwandten.

Deswegen war es Arianes Aufgabe, möglichst im Halbstundenrhythmus nach den Tieren zu schauen. Theoretisch hätte ihre Kollegin Frau Müller die Arbeit erledigen sollen. Aufgrund des Zwischenfalls von vor einer halben Stunde arbeitete Frau Müller aber noch immer im Operationszimmer. Käfig für Käfig ging Ariane nun die einzelnen Patienten ab. Sonderlich komplizierte Fälle befanden sich zum Glück nicht unter den Haustieren.

Ein Russkiy Toy mit Durchfall, zwei sterilisierte Katzen und ein Kaninchen mit einer stark zerquetschten Pfote stellten die eigentlichen Problemfälle dar. Den Tieren ging es den Umständen entsprechend. Besondere Sorgen musste Ariane sich um die Patienten jedenfalls nicht machen. Vor einem Käfig mit einer kunterbunten Promenadenmischung blieb sie nachdenklich stehen. Ein Blick auf den Laufzettel an der Tür ergab, dass der Name des kleinen Patienten Charlie war.

Zwei sehr traurig dreinblickende Augen zeigten ihr auf, dass es dem Hund nicht gut ging. Allerdings lag das nicht an einer Erkrankung oder Verletzung. Bereits seit drei Tagen wartete der Rüde darauf, von seinem Besitzer abgeholt zu werden. Dass dies immer noch nicht geschehen war, stimmte Ariane sehr betrübt. Einen Vierbeiner derart lange beim Tierarzt zu lassen, fiel schon fast unter den Tatbestand der Tierquälerei. Charlie hatte vor Tagen eine Tollwutimpfung nicht sonderlich gut vertragen. Der Halter hatte den Hund nach wenigen Stunden zurückgebracht. Zur Überwachung war der Mischling schließlich über Nacht in der Praxis geblieben. Am Morgen ging es dem Rüden glücklicherweise bereits wieder prächtig. Gleichwohl hatte sich der Besitzer am nächsten und übernächsten Tag nicht in der Praxis gemeldet.

Eigentlich war Ariane davon ausgegangen, dass sich längst jemand des Falls angenommen hätte. Dem war offensichtlich aber nicht so. Zu allem Überfluss begann der Hund damit, lauthals zu winseln. Mit einem Seufzer öffnete Ariane den Käfig. Augenblicklich ging ein Ruck durch die kleine Promenadenmischung. So wie sie ihre Hände in das Krankenlager hineinsteckte, robbte der Vierbeiner nach vorn, um sie mit seiner nassen Zunge zu begrüßen. Noch ehe Ariane sich versah, spürte sie die glitschige Zunge des Hundes über ihr Gesicht streifen. Überglücklich darüber, dass überhaupt einmal jemand kam, um sich mit ihm zu beschäftigen, zeigte Charlie seine ganze Zuneigung.

»Ja, ist schon gut, mein Großer. Du bist ein Feiner. Ich bin ja hier«, versuchte sie, den Hund zu beruhigen.

Dieser ließ jedoch nicht von seiner Liebesbekundung ab. Zu langweilig schien es dem Mischlingshund in der letzten Zeit in dem Käfig gewesen zu sein. Nach wie vor leckte er mit seiner Zunge über ihre Unterarme, während Ariane ihn kraulte.

»Vielleicht ist es eine gute Idee, wenn du hier mal herauskommst.«

Unvermittelt hob sie die knapp kniehohe Promenadenmischung aus dem Käfig heraus. An einem Haken neben der Tür hingen einige Leinen und Spielzeuge in verschiedenen Größen, um mit den Patienten Gassi gehen zu können. Als Charlie begriff, was ihm bevorstand, wedelte er vergnügt mit dem Schwanz. Offensichtlich war für den Hund alles besser, als in dem Käfig tagelang auf das Herrchen zu warten.

Im Hof der Praxis befand sich eine schmale Grünfläche, die direkt dafür gedacht war, den Tieren ein wenig Auslauf zu gönnen. Schon nach ein paar Sekunden beschloss Ariane für sich, dass die Leine nicht nötig wäre. Lebhaft genoss Charlie sofort seine Freiheit. Losgelöst drehte der aufgebrachte Rüde einige wilde Runden auf der kleinen Fläche. Anschließend blieb er freudig schwanzwedelnd vor Ariane stehen. Seine Augen waren schlagartig nicht mehr so traurig. Mitleiderregend strahlten sie Ariane nahezu an. Offenkundig wusste der Hund genau, was sich in ihrer Tasche versteckte.

Kaum dass sie den Gummiknochen in ihren Händen hielt, hüpfte Charlie übermütig an ihr hoch und runter. Er konnte es nicht erwarten, dass sie das Spielzeug zum Apportieren wegwarf. Wie von der Tarantel gestochen schnellte das Tier hinter dem Gummiknochen her, um ihn im Anschluss brav vor ihr abzulegen. Offensichtlich hatte sein Herrchen Charlie gut abgerichtet. Umso mehr verspürte sie ein Stechen in ihrer Brust, weil der Besitzer des Vierbeiners ihn nicht aus der Praxis abholte. Niemand sollte seinen treuen Begleiter ungestraft irgendwo parken, ohne sich zu melden. Natürlich war es richtig, manche Tiere über Nacht zur Beobachtung beim Tierarzt zu belassen. Den nunmehr dritten Tag ohne ein Lebenszeichen des Halters hielt sie für vollkommen verantwortungslos.

In dem Moment beschloss Ariane, dass sie sich des Problems annehmen musste. Nach der zehnminütigen Auslaufrunde verbrachte sie Charlie erneut in seinen Käfig. Kaum dass sie die Tür geschlossen hatte, trat neuerlich dieser unglaublich traurige Ausdruck in die Augen des Mischlingsrüden. Sie musste sich förmlich dazu zwingen, das Zimmer zu verlassen, ohne dem Hund einen weiteren Blick zuzuwerfen und weich zu werden.

»Was ist denn mit dem Besitzer von Charlie?«, fragte sie Stefanie besorgt, die weiterhin im Empfangszimmer saß.

»Das Problem beschäftigt mich auch schon die ganze Zeit. Ich habe absolut keine Ahnung, was mit Herrn Bublitz los ist. Normalerweise ist er ein sehr verantwortungsvoller Hundehalter. Nie lässt er eine Entwurmung oder einen Impftermin verstreichen.«

»Aber? Ich meine, Charlie ist bereits seit drei Tagen hier. Oder irre ich mich da?«

»Nichts aber – das sehe ich genauso. So etwas hat Herr Bublitz noch nie gemacht. Ich kenne den Mann nun schon seit ein paar Jahren. Er ist sozusagen Stammgast bei uns. Deswegen ist es mir absolut unerklärlich.«

»Hast du ihn mal angeruf…?«

»Natürlich habe ich versucht, ihn telefonisch zu erreichen«, fiel die Kollegin Ariane ins Wort. »Denkst du, ich bin blöd? Ich habe ihm E-Mails geschrieben und beinahe schon zehn Mal auf den verdammten Anrufbeantworter gesprochen. Es hat alles nichts genützt. Der Mann meldet sich einfach nicht zurück. Ich weiß nicht, was ich sonst unternehmen soll. Wir sind ja kein Hundehotel oder die Wohlfahrt.«

»Ist ja okay. Das war nicht als Vorwurf gemeint. Mich hat halt nur der arme Charlie interessiert. Das ist so ein Lieber.«

»Du, sorry. Ich wollte dich nicht anfahren«, zeigte sich Stefanie versöhnlich. »Ich finde die Situation ebenso zum Kotzen. Der Typ kann sich definitiv etwas anhören, wenn er herkommt, um seinen Hund abzuholen.«

Gemeinsam lächelten sie sich an, als die Sache damit geklärt war. Einhellig unterstellten sie beide diesem Herrn Bublitz, dass er ein verantwortungsloses Arschloch sei. Dass ihm vielleicht etwas passiert sein konnte, hielten sie für nicht sehr wahrscheinlich. Auf jeden Fall würde eine gepfefferte Rechnung auf den Mann warten. Mehrere Übernachtungen auf der Betreuungsstation der Praxis kosteten ihren stolzen Preis. Letztlich musste eine Schwester die ganze Nacht über da sein, um auf die kleinen Patienten aufzupassen.

Der restliche Arbeitstag flog für Ariane wie in Windeseile dahin. Doktor Gronkowskie war über beide Ohren mit Problemfällen eingedeckt. Zu den Tieren, die einen Termin hatten, gesellten sich zusätzlich jede Menge tatsächliche und vermeintliche Notfälle. Zum Glück nötigte der Tierarzt Ariane nicht dazu, noch einmal einer blutigen Operation beizuwohnen. Entsprechend gestaltete sich für sie die verbleibende Arbeit absolut gewöhnlich. Eher im Gegenteil genoss sie die Gleichförmigkeit des Telefon- und Tresendienstes.

Zum Ende ihrer Schicht drehte Ariane eine letzte Runde in dem Zimmer mit den Käfigen. Nach wie vor lagen die frisch operierten Patienten ziemlich teilnahmslos herum. Einzig von Charlie wusste sie, dass ihm nichts fehlte. Umso mehr überraschte es sie, dass der Vierbeiner bei ihrem Eintreten zu fiepen begann.

»Was ist denn los, mein Großer? Hältst du es etwa nicht mehr aus? Ich kann aber leider nichts für dich machen. Es tut mir leid.«

Wie als Antwort robbte die Promenadenmischung näher an die Gitterstäbe heran. Verzweifelt versuchte der Vierbeiner, seine Schnauze oder wenigstens die Zunge hindurchzustecken. Nichts wollte der kleine Racker mehr, als einen Kontakt zu einem anderen Lebewesen herzustellen. Ariane war es in dem Moment fast so, als würde ihr das Herz in der Brust zerspringen. Würde sie in der Sekunde einfach weitergehen, könnte sie sich das niemals verzeihen. Sie war nicht Schwester geworden, um derartige Qualen teilnahmslos hinzunehmen.

Kurzentschlossen öffnete sie Charlies Box. Kein Hund hatte es verdient, auf solch eine Art und Weise leiden zu müssen. Kaum befand sich der Rüde außerhalb des Käfigs und an der Leine, erwachte er förmlich zu neuem Leben. Sein Schwanz wedelte in unübersehbarer Freude hin und her. In dem Augenblick kam sich Ariane ein klein wenig manipuliert vor. Allerdings konnte sie sich nicht vorstellen, dass Hunde zu derartigen Beeinflussungen in der Lage waren. Nein, das war lediglich eine Vermenschlichung, wie sie unfähige Hundehalter nur zu gern an den Tag legten. Charlie war halt froh darüber, endlich aus seinem Gefängnis herauszudürfen. Sie wäre ein Unmensch gewesen, hätte sie den Vierbeiner in den Käfig zurückgezwängt.

Jetzt benötigte sie nur noch eine Genehmigung von ihrem Chef, um ihren frisch gefassten Plan in die Tat umzusetzen. Als hätte sie es gewusst, fand sie Doktor Gronkowskie zusammen mit Frau Müller im Eingangsbereich vor. Über Akten gebeugt, schienen die beiden die Fälle des aktuellen Tages zu besprechen. Die nachdienstliche Auswertung war mitunter genauso arbeitsintensiv wie die ganzen Untersuchungen. Oftmals mussten Krankheiten oder Infektionen an die Behörden gemeldet werden. Zudem galt es, neue Impfstoffe, Ausrüstung und Medikamente zu bestellen. Außerdem mussten die Rechnungen an die Halter gestellt werden. Besonders Doktor Gronkowskie gab oft einen Rabatt, wenn ein Haustierbesitzer finanziell nicht so gut aufgestellt war.

»Nun, Frau Itzen, wo wollen Sie denn mit Charlie hin? Es ist schon kurz nach 18 Uhr. Haben Sie denn nicht bereits Feierabend?«, fragte der Arzt sie direkt heraus.

»Ähm, ja schon. Aber … wissen Sie eigentlich, wie es dem Charlie hier geht? Seit drei Tagen befindet er sich bei uns. Wir haben hier viel zu wenig Zeit, um uns um das arme Tier zu kümmern. Der Hund leidet, wenn er den kompletten Tag einsam in dem Käfig verbringen muss.«

»Das ist vollkommen richtig. Ich halte diesen Zustand ebenso für, sagen wir einfach einmal: fragwürdig. Das beantwortet aber noch nicht meine Frage.«

»Wenn Sie es gestatten, würde ich mit Charlie bei seinem Herrchen vorbeigehen. Ich werde den Vierbeiner bei Herrn Bublitz direkt abgeben. Zumindest kann ich da gleich mit dem Herrn ein ernstes Wörtchen reden.«

Statt eine Antwort zu geben, schmunzelte Doktor Gronkowskie nur still in sich hinein. Offensichtlich schien ihm ihr Enthusiasmus zu beeindrucken. Letztlich erledigte Ariane diesen Weg nach ihrer Arbeit und aus freien Stücken. In anderen Praxen oder Firmen war das mit Sicherheit nicht selbstverständlich. Unverwandt richtete der Doktor seine Aufmerksamkeit wieder auf die Unterlagen, die vor ihm ausgebreitet dalagen.

»Dann nehmen Sie bitte die Rechnung für den guten Herrn Bublitz gleich mit. Wir wollen nicht, dass der Mann wegen dieser Unannehmlichkeit noch einmal zu uns kommen muss. Wer weiß, wie sein Terminkalender ausschaut«, fügte Frau Müller noch an.

Nun stahl sich auch ein Lächeln ins Gesicht der älteren Arzthelferin. Frau Müller war als Mittfünfzigerin die dienstälteste Angestellte in der Praxis. Mit dem schon leicht ergrauten Haar und den vielen kleinen Fältchen im Gesicht wirkte sie wie die sprichwörtliche Oberschwester aus einer TV-Sendung. In ähnlicher Weise leitete sie die Belegschaft als eine Art Stellvertreterin. Gleichermaßen wie Doktor Gronkowskie war sie eine durchweg nette, mitfühlende und ehrliche Person. Allerdings achtete Frau Müller penibel darauf, dass der Dienstplan und die Vorschriften eingehalten wurden. In diesen Bereichen ließ sie nicht mit sich spaßen. Letztlich kümmerte und löste sie die ganzen kleinen Problemchen und Anfragen, die sich im Laufe eines Tages ergaben.

»Das werde ich auf jeden Fall machen. Verlassen Sie sich auf mich«, sprach Ariane sowohl den Doktor als auch ihre Kollegin an. »Und wegen heute Nachmittag …«

»Darüber reden wir ein anderes Mal. Ich glaube, das hier ist der falsche Moment, um dieses Problem zu erörtern«, fiel ihr Doktor Gronkowskie ins Wort.

Mit einem Nicken ließ Ariane es damit auf sich bewenden. Allerdings war es ihr nicht entgangen, dass ihr Chef den Vorfall als Problem bezeichnet hatte. Ohne Weiteres würde es der Tierarzt offensichtlich nicht auf sich beruhen lassen. Über kurz oder lang musste Ariane sich mit dem Thema auseinandersetzen. Dabei war sie sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt in der Tierarztpraxis bleiben wollte. Tief in ihrem Bauch spürte sie noch immer das flaue Gefühl, das sie wegen der Operation bekommen hatte. Normalerweise hörte sie auf ihr Bauchgefühl.

Charlie gab ihr indes zu verstehen, dass er sehr gern raus wollte. Die wenigen Minuten im Hinterhof reichten kaum aus, dem Hund genügend Bewegung zukommen zu lassen. So ein Tier benötigte definitiv weitaus mehr Auslauf, als die Schwestern auch nur im Ansatz in der Lage waren, ihm in der knapp bemessenen Zeit zu gönnen. Mit Ach und Krach schaffte es Ariane, die Rechnung für Herrn Bublitz auszudrucken. Die auf dem Briefkopf angegebene Straße, die Charlies Besitzer als seine Adresse hinterlassen hatte, kannte sie gut. Sie lag nur unweit entfernt von der Praxis. Sekunden später zog sie der Rüde voller Vorfreude in Richtung Ausgang.

Vor der Tür wartete zu ihrer Überraschung Stefanie auf sie.

»Du bist noch hier? Ich dachte, du wärst längst gegangen«, stellte Ariane fest.

»Das wollte ich auch. Dann habe ich aber durch die Scheibe gesehen, dass du gerade aufbrechen wolltest. Als ich Charlie bei dir entdeckt habe, war mir alles klar.«

»Willst du vielleicht mit zu diesem Herrn Bublitz kommen?«

»Auf jeden Fall. Zu zweit können wir diesem Typen viel besser die Meinung geigen«, brachte Stefanie im Brustton vollster Überzeugung heraus.

Befreit lachten sie beide auf. Dass die Kollegin sie auf diesem Weg begleiten würde, beruhigte Ariane ungemein. Vor allem dankte sie der Freundin dafür, dass sie einfach nur da war. In dem Moment war sie definitiv mehr als nur eine Arbeitskollegin. Gemeinsam machten sie sich schweigend auf den Weg. Jede hing den eigenen Gedanken nach. Charlie nutzte derweil die Zeit, um ausgiebig seine Duftmarken am Rand des Weges zu setzen. Letztlich hatte er in den letzten Tagen keine Möglichkeit dazu gehabt. Gut erzogen, wie der Hund war, zog er aber zu keinem Zeitpunkt an der Leine.

»Was ist Charlie überhaupt für eine Rasse?«, fragte Stefanie nach einer Weile, während sie die Burgstraße in Richtung Schloss entlangschlenderten.

»Wenn ich das nur wüsste. Da sind, glaube ich, mindestens vier oder fünf Rassen mit drin. Den Körperbau und die Beine hat Charlie definitiv von einem Dackel abbekommen. Das erkennt man ziemlich eindeutig.«

»Die Schnauze kommt mir aber mehr wie die von einem Jack Russell vor. Wobei, die Ohren passen kaum dazu. Oder etwa nicht? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, die sind von einem Labrador.«

»Die Ohren gehören auf jeden Fall zu einer anderen Art. Ob es ein Labrador ist, kann ich nicht sagen. Irgendein Spaniel ist da aber auch noch mit drin. Von diesem seltsamen hell- und dunkelbraun gescheckten Fell kann man kaum auf einen der Vorfahren schließen.«

»So gesehen hast du vollkommen recht. Nennen wir ihn einfach einen Charlie. Das beschreibt die Sache wohl am besten«, fasste Stefanie das Kaleidoskop des möglichen Stammbaums zusammen.

In diesem Moment blieb Ariane wie angewurzelt stehen. Sie hatten gerade die Kreuzung erreicht, in der sie abbiegen mussten, um zu Herrn Bublitz’ Adresse zu gelangen. Mehrere Polizeiwagen, ein Arzt und ein Rettungswagen versperrten ihnen jedoch den Weg. Bei einem Sixpack flimmerte sogar noch das Blaulicht auf dem Dach. Ariane war sich nicht sicher, doch meinte sie, dass die Wagen genau vor dem Haus standen, zu dem sie auch wollten.

Mit düsteren Vorahnungen bewegten sich die beiden Frauen unsicher in die kleine Gasse hinein. Sowohl neugierig als auch argwöhnisch suchten ihre Blicke die nähere Umgebung ab. Ungeachtet dessen war nirgendwo eine Menschenseele auszumachen. Niemand befand sich in der Nähe, den man hätte um eine Auskunft bitten können. So hatten sie keine andere Wahl, als sich an den kreuz und quer stehenden Einsatzfahrzeugen vorbeizuschieben. In den Autos saß ebenso keine einzige Person. Es wirkte wie ein menschenleeres Stillleben.

Der Hund an ihrer Seite witterte gleichfalls, dass etwas nicht in Ordnung war. Letztlich war das hier sein Revier. Der Mischlingsrüde kannte die Straße mit Sicherheit in- und auswendig. Arianes Vorahnungen bestätigten sich immer mehr, als sie vor dem Gebäude ankamen. Beide Flügel der Zugangstür standen sperrangelweit offen. Dahinter war der Hausflur hell erleuchtet. Etwas eng und mit gewölbter Decke, entsprach das Gebäude einem typischen Altbau der mittelalterlichen Innenstadt. Seltsamerweise war weiterhin keine Menschenseele zu entdecken. Irritiert sahen sich die beiden Kolleginnen an.

»Ich weiß nicht. Sollen wir wirklich?«, fragte Stefanie unsicher.

»Wir müssen nur Charlie abgeben und die Rechnung aushändigen. Ich wüsste nicht, warum wir das nicht sollten. Wir haben nix angestellt.«

Mit diesen Worten gab sich Ariane einen Ruck. Mit festem Schritt nahm sie die Treppen in Angriff. Sie wusste aber nicht, in welchem Stockwerk der Mann wohnte. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Namen der Klingelschilder zu kontrollieren. Weder im Erdgeschoss noch im ersten Stock fanden sie die gesuchte Tür. Mehr und mehr fühlte Ariane ein komisches Gefühl im Bauch. Sonderlich viele Möglichkeiten gab es nicht, um sowohl die ganzen Polizisten und Rettungssanitäter als auch Herrn Bublitz zu finden.

Schon nach ein paar Sekunden bestätigten sich ihre Vermutungen, nachdem Charlie vehement an seiner Leine zu ziehen begann. Da er dies den ganzen Weg über nicht getan hatte, überraschte Ariane der plötzliche Ruck. Obwohl sie versuchte nachzugreifen, riss sich der Rüde los. So schnell der Hund konnte, überwand er die letzten Stufen und hetzte im zweiten Stock durch eine offene Wohnungstür. Erst lauthals bellend, dann immer leiser werdend, verschwand der Mischlingsrüde innerhalb der Wohnung. Stefanie und Ariane blieb nichts anderes übrig, als dem Vierbeiner hinterherzulaufen.

»Gottverdammt noch mal! Wer hat dieses dämliche Tier hereingelassen? Geht’s vielleicht noch? Wieso ist niemand an der Tür? Kann sich jemand mal um das Vieh hier kümmern?«, erfolgte eine ganze Kaskade laut gebrüllter Flüche von drinnen.

Automatisch waren die beiden Frauen dem Hund in die Wohnung gefolgt. Ein dunkler Flur führte von der Eingangstür in die Altbauwohnung hinein. Noch immer hatte Ariane die Hoffnung, Charlies Leine wieder zu fassen zu bekommen. Irgendetwas war hier vorgefallen. Ein freilaufender Hund würde der Situation mit Sicherheit nicht guttun. Noch vor dem Eingang zu dem Zimmer, aus dem die Kraftausdrücke zu hören gewesen waren, prallte sie unvermittelt in einen gerade nach draußen stürmenden Menschen. Getragen von dem Aufprall stolperte Ariane ein paar Schritte zurück. Hätte ihre Kollegin nicht helfend die Hände nach ihr ausgestreckt, wäre sie wahrscheinlich schmerzhaft auf dem Hintern gelandet. So schaffte es Ariane gerade noch, das Gleichgewicht zu halten.

»Verdammich, können Sie nicht aufpassen!«, verließ nun ihrerseits ein Fluch die Lippen.

»Ich? Ja, sagen Sie mal, sind Sie von allen guten Geistern verlassen?«, hielt sich der vor ihr stehende Mann ebenfalls nicht mit Vorwürfen zurück. »Was gehen Sie mich denn an? Sind Sie noch ganz bei Trost?«

Hier nun war Ariane zum ersten Mal in der Lage, sich den Menschen anzuschauen, gegen den sie so schmerzhaft geprallt war. Obwohl der Fremde normale Kleidung trug, war sie sich sicher, einen Polizisten vor sich zu haben. Anders ließ sich dessen Auftreten, gepaart mit den Einsatzwagen vor dem Haus, kaum erklären. Sie schätzte ihn auf gerade einmal Anfang dreißig. Jeans, ein modisches hellblaues, oben offenes Hemd und ein dunkles, sportliches Sakko unterstrichen ein gewisses Understatement. Mit seinen blauen Augen, einer schlanken Figur und dem athletischen Erscheinungsbild war der Typ durchaus als ganz ansehnlich zu bezeichnen.

»Was zum Geier wollen Sie hier?«, blaffte ihr Aufprallopfer sie neuerlich an. »Und haben Sie diese Töle mitgebracht? Das kann ja wohl nicht sein, dass Sie hier ungefragt einfach hereinpoltern. So etwas habe ich in meiner ganzen Karriere noch nicht erlebt.«

Augenblicklich legte Ariane den netten äußeren Eindruck zu den Akten. Sie konnte Menschen partout nicht leiden, die derart über Tiere redeten. Daneben empfand sie sein Auftreten als äußerst unsympathisch. Was nützt es, wenn man ein attraktiver Schönling war, aber der innere Kern eher einer verfaulten Tomate entsprach?

»Diese sogenannte Töle ist ein lieber und gut erzogener Hund. Außerdem wüsste ich nicht, was Sie das angehen sollte. Ich bringe den Vierbeiner nur zu seinem Herrchen zurück. Wie wäre es, wenn Sie sich bei mir entschuldigen würden?«

»Was soll ich? Geht’s Ihnen vielleicht noch gut?«, wurde der Fremde noch ausfallender. »Wer hat Sie hier überhaupt hereingelassen? Sie können hier nicht einfach so herumtrampeln!«

In der Sekunde bemerkte der Typ offensichtlich Stefanie, die stumm das sich ihr bietende Schauspiel beobachtete, und funkelte nun auch sie böse an. Allerdings verkniff er sich jedwede weiteren Flüche und Beschimpfungen. Kurzzeitig kehrte eine seltsame Stille in den dunklen Flur ein. Einzig Charlies wehleidiges Winseln war aus dem Nachbarraum zu hören.

Ariane fragte sich, was den Hund zu einer derartigen Reaktion veranlassen könnte. Selbst im Käfig waren die Geräusche des Rüden nicht so herzerweichend gewesen. Mit Vehemenz drückte sie sich deswegen an dem unhöflichen Unbekannten vorbei. Egal, was in dem Raum gerade passierte, sie hatte vor, der Sache auf den Grund zu gehen.

»Na, hören Sie mal! Sie können doch nicht …«, vernahm Ariane noch, als sie im Türrahmen wie angewurzelt stehen blieb.

Der Anblick, der sich ihr bot, war derart verschreckend, dass sie alles um sich herum vergaß. So etwas hätte sie sich nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen vorstellen können.

---ENDE DER LESEPROBE---