Erzglitzern - Marcus Wächtler - E-Book

Erzglitzern E-Book

Marcus Wächtler

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Beschreibung

Nach den Ereignissen um den ersten Bergstadtkrimi »Erzfieber« wollte Ariane eigentlich von vorn beginnen. Das Verschwinden eines Professors der Bergakademie und die Nachricht von einer neuerlichen Millionenspende für Freiberg werfen ihre Pläne aber über den Haufen. Erneut findet sie sich in ein mörderisches Komplott verstrickt wieder.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis
Glück auf
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 13

Erzglitzern

 

Bergstadtkrimi II

 

 

von

Marcus Wächtler

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.

 

1. Auflage 2020

ISBN Print. 978-3-96698-392-1

© 2020 Verlag Edition Elbflorenz, Rothenburger Str. 30, 01099 Dresden

Korrektorat: Jenny Menzel, Dresden: www.null-fehler.biz

Titelgestaltung: Maria Zippan, Dresden

Titelbild: Maria Zippan, Dresden

www.editionelbflorenz.com

Bis jetzt erschienen sind:

»Erzfieber: Ein Bergstadtkrimi - Band 1«

»Erzzauber: Ein Weihnachts-Bergstadtkrimi - Band 3«

Glück auf,

 

dies hier ist das zweite Buch der Bergstadtkrimi-Reihe. Natürlich können Sie sofort mit dem Lesen loslegen, ohne die vorherigen Begebenheiten zu kennen. Blättern Sie dann bitte direkt zum ersten Kapitel weiter. Vorwissen ist nicht wirklich nötig, um die nachfolgende Geschichte zu genießen. Es schadet aber auch nicht, »Erzfieber« gelesen zu haben. Falls Sie nicht gewillt sind, jetzt noch schnell den ersten Teil durchzuschmökern, folgt nun eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse aus »Erzfieber«.

 

Die junge Tierarzthelferin Ariane Itzen wollte eigentlich nur etwas Gutes tun und Charlie, einen in ihrer Praxis vergessenen Hund, zu seinem Herrchen zurückbringen. Unvermittelt stößt sie jedoch auf die Leiche des Besitzers: Heinz-Harald Bublitz hat offenbar Selbstmord begangen. Ariane hegt ab der ersten Minute Bedenken bezüglich der Todesart. Zu viele Ungereimtheiten fallen ihr auf. Gewissheit erhält sie schon kurze Zeit später, als sie einen Einbrecher in der Wohnung des Toten überrascht.

Da die Polizei weiterhin von einem Suizid ausgeht, ermittelt Ariane auf eigene Faust. Auf einer der Bergwerkshalden von Freiberg findet sie Indizien, die ihre These untermauern; genauso wie die geheimen Unterlagen in der Wohnung von Heinz-Harald Bublitz, die ein tödliches Geheimnis bergen. Schließlich deckt Ariane ein Betrugskomplott zwischen einer Geo-Erkundungsfirma und der Stadtverwaltung von Freiberg auf: Ein gefälschtes Gutachten über ein vermeintliches Erzvorkommen unter der Erzgebirgsstadt sollte eine internationale Bergwerksfirma dazu bringen, hohe Bestechungsgelder für die Konzession zu zahlen. Die Gier nach Geld und Ressourcen weckt die niedrigsten Instinkte in den Menschen.

All das scheint mit einer anonymen Spende von fünf Millionen Euro an die Stadt in Verbindung zu stehen. Sie hat die Verschwörer im Freiberger Rathaus derart in Unruhe versetzt, dass sie Fehler begingen. Der brutal ermordete Stadtkämmerer Heinrich Schirach war, wie sich herausstellt, ebenfalls Teil der Konspiration. Leider kann die Polizei dieses Verbrechen bis zum heutigen Tag nicht aufklären.

Ariane ist überzeugt, dass alles miteinander zusammenhängt. Sie wird aber von der Polizei ignoriert. Kein Wunder: Ihre Theorie, der Selbstmord von Heinz-Harald Bublitz sei vorgetäuscht worden, stellt sich als falsch heraus. Ben Benserler, ein Polizist, den sie bei ihren Ermittlungen kennenlernt, bricht daraufhin den Kontakt zu Ariane ab.

Nach den traumatischen Ereignissen hat Ariane ihren Job in der Tierarztpraxis gekündigt und ein neues Leben begonnen. Seither sind zwölf Monate vergangen.

 

 

 

Viel Spaß beim Lesen

Marcus Wächtler

Tag 1

 

Ein undefinierbares Geräusch riss Ariane aus ihrer Konzentration. Irritiert blickte sie auf den fast nackten Körper unter sich. Hatte der Typ gerade gegrunzt? Dabei hatte sie noch nicht einmal richtig angefangen. Wobei – am liebsten hätte sie die Sache gleich hier abgebrochen. Alles sträubte sich in ihr, weiterzumachen. Sie fand es schon widerlich, ihn überhaupt anfassen zu müssen.

Der Mann lag, nur mit einem Handtuch bekleidet, auf der Liege. Zu ihrem Leidwesen unternahm er nicht einmal den Versuch, sich halbwegs zu bedecken. Zaghaft probierte Ariane, den Stoff zurechtzuzupfen. Das Handtuch hatte sich jedoch irgendwo unter der Masse des Mannes verfangen. Sie musste ihr Unterfangen kläglich abbrechen.

Ein leichter Schweißfilm stand ihr auf der Stirn. Überhaupt war ihr ziemlich warm, was die Situation nicht angenehmer machte. Ihre halblangen, dunklen Haare klebten unangenehm an den Schläfen. Ariane pustete, um ein paar besonders penetrante Strähnen zu vertreiben, die ihr die Sicht nahmen. Als das nichts brachte, half sie mit der Schulter nach.

Erneut drang ein Grunzen an ihre Ohren. Sie hatte sich tatsächlich nicht verhört. Vor Abneigung verzog sie das Gesicht, als ein genüssliches Schmatzen folgte. Konnte es wirklich noch unangenehmer werden? In dem Moment verrutschte das Handtuch ein Stück weiter. Die Frage war damit beantwortet. Ein stattlicher, erheblich behaarter Bierbauch wölbte sich unter ihr auf.

Alles Lamentieren brachte jedoch nichts: Der Mann hatte bezahlt. Ihr blieb nichts übrig, als die Sache durchzustehen. Ohnehin war sie bereits vollkommen dreckig. Eine ziemlich abstoßende Mischung aus Öl und Schlamm bedeckte Arianes Hände, Arme und ihren halben Oberkörper, bis in den Ausschnitt hinein. Wer auch immer auf diese bescheuerte Idee gekommen war, hatte einen Arschtritt verdient. Der Mann auf der Liege war allerdings Stammgast und kam extra wegen dieser besonderen Leistung. Während Ariane nach einem weiteren Tuch griff, um es über einen Teil des fülligen Körpers zu breiten, machte sich ein zufriedenes Grinsen im Antlitz des Mannes breit.

Wie gern wäre Ariane in diesem Moment weggerannt! Stattdessen ließ sie ihre Hände über den Oberkörper gleiten. Sinn der ganzen Aktion war es letztlich, es dem Gast so angenehm wie möglich zu machen. Schließlich war er hier, um sich Linderung zu verschaffen. Das selige Lächeln des Mannes bewies, dass es ihm gut ging. Was man von Ariane jedoch nicht behaupten konnte.

Nachdem sie sicher war, dass alles an seinem Platz steckte, breitete Ariane weitere Tücher über dem Mann aus. Anschließend entschuldigte sie sich kurz, um den gröbsten Schmutz abzuwaschen. Der Schlamm haftete derart widerspenstig an ihr, dass sie zur Bürste greifen musste. Während sie schrubbte, wandte sie sich an ihren Patienten: »So, Herr Meier, ich lege jetzt noch ein paar warme Decken auf Sie, damit Sie es schön mollig haben. Fall es zu eng oder unangenehm werden sollte, melden Sie sich bitte.«

Statt einer Antwort grunzte Herr Meier erneut. Offenbar war er kurz davor, direkt hier einzuschlafen. Verübeln konnte man es ihm kaum. Sie selbst hatte die Behandlung bereits ebenso genießen dürfen. Die heißen Schlammpackungen fühlten sich himmlisch an. Dafür war es eine richtiggehende Schweinerei, den Fango-Schlamm aufzutragen.

»Ich lasse Sie jetzt allein. Eine Kollegin hilft Ihnen dann, wenn die Behandlung abgeschlossen ist.«

Herr Meier reagierte nicht. Offenbar schlief er schon. Ariane nahm dies als Bestätigung, dass sie ihre Arbeit gut gemacht hatte. Es war das erste Mal, dass sie eine Fango-Packung allein bei einem Patienten angewendet hatte. Sie war für eine kranke Kollegin eingesprungen. Eigentlich war sie nur für die Büroarbeit zuständig.

Nach drei Monaten Auszeit hatte Ariane relativ schnell einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Offensichtlich gab es nicht sonderlich viele Leute in Freiberg, die diese Art von Job gern erledigten. So hatte Ariane sich schließlich für die Physiotherapie-Praxis von Frau Suhrbier entschieden. Ausschlaggebend war vor allem ein Kriterium gewesen: Nach ihrer Einschätzung war dies hier der unwahrscheinlichste Ort, um mit Blut in Berührung zu kommen. Tierärzte, Zahnärzte und das Krankenhaus hatten von vornherein auf der Ausschlussliste gestanden.

Ihre neue Chefin und das Mitarbeiter-Team waren nett und sympathisch. Ariane hatte sich mittlerweile eingearbeitet, ihren alten Job vermisste sie nicht mehr. Sie hatte die Tierarztpraxis von Doktor Gronkowskie aber noch immer in bester Erinnerung. Immerhin hatte sie dort in ihrer Kollegin Stefanie eine gute Freundin gefunden. Es war trotzdem richtig gewesen, nach den traumatischen Ereignissen zu kündigen. Andererseits war sie nun gezwungen, sich mit Fango-Behandlungen herumzuärgern. Was war wohl das größere Übel?

Umgezogen und saubergeschrubbt, nahm Ariane ihren Platz im Eingangsbereich der Physiotherapie wieder ein. Im Wartezimmer nebenan saßen ein paar Patienten. Auf dem Computer war das Praxisprogramm geöffnet, in dem sie Berichte eintippte, Termine eingab oder Anfragen beantwortete. Im Prinzip dasselbe, was sie auch in der Tierarztpraxis gemacht hatte. Nur bestand hier definitiv nicht die Gefahr, dass sie bei einer Operation assistieren und in den geöffneten Leib eines Patienten schauen musste. Und keiner der Patienten bellte.

Ariane schaute kurz auf den Kalender. Heute war es genau ein Jahr her, dass sie den herrenlosen Hund Charlie bei sich aufgenommen und Detektivin gespielt hatte. Sie rief sich die Zeit ins Gedächtnis zurück. Inzwischen kamen ihr die Ereignisse vollkommen irreal vor. Es war, als würde sie an ein vor langer Zeit gelesenes Buch denken. Im Rückblick erschienen Ariane ihre Handlungen nahezu absurd. Sie hatte sich selbst in so große Gefahr begeben, dass ihr bei der Erinnerung noch heute schauderte. Es war reiner Wahnsinn gewesen, sich da einzumischen. Um sie in ihren Ermittlungen aufzuhalten, war man in ihre Wohnung eingebrochen und hatte sie brutal überfallen. Nur durch pures Glück hatte sie sich befreien können.

In den letzten Monaten hatte Ariane die dunklen Erinnerungen, so gut es ging, verdrängt. Unter anderen Umständen hätten die übelsten Dinge mit ihr passieren können. Soweit sie wusste, war die Staatsanwaltschaft noch immer damit beschäftigt, den Fall für eine großangelegte Verhandlung vorzubereiten.

»Hallo, Frau Itzen. Es ist schön, Sie wiederzusehen.«

Unvermittelt wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Irritiert hob Ariane den Blick. Sie brauchte ein paar Augenblicke, um zu erkennen, wer sie angesprochen hatte.

»Ah, ähm, Ihnen auch einen guten Tag.«

»Erkennen Sie mich denn nicht mehr?«

»Aber natürlich, Frau Müller!« Ariane schaffte es, ihre Überraschung zu verbergen. »Ich habe hier nur nicht mit Ihnen gerechnet.«

»Sie können mich Martina nennen. Wir arbeiten doch schon lange nicht mehr zusammen.«

»Okay, ja klar. Das mache ich.«

Ariane war verwirrt. Frau Müller war als ihre Vorgesetzte in der Tierarztpraxis von Doktor Gronkowskie immer sehr akkurat und zurückhaltend gewesen. Diese plötzliche Vertrautheit kam ihr irgendwie falsch vor.

»Ich habe … Es ist, dass …« Martina Müller schaffte es nicht, einen weiteren Satz zu formulieren. Ein Schweigen setzte ein, bei dem sich Ariane schon ab der ersten Sekunde unwohl fühlte. Es war genau so eine Art von Gespräch, vor denen ihr immer graute.

»Wollen Sie ein Rezept einlösen oder eine private Behandlung buchen?« Ariane stellte auf Physiotherapie-Modus um. Vielleicht konnte sie die Situation so entkrampfen.

»Nein, ich habe ein anderes Anliegen an Sie. Es klingt vielleicht ein bisschen seltsam …«

Nach wie vor lösten sich die Fragen in Arianes Kopf nicht auf. Die Situation wurde immer merkwürdiger. Frau Müller blickte nervös über ihre Schulter. Zwar saßen einige Patienten im Wartebereich, aber die hatten den Kopf über Zeitschriften oder ihre Handys gebeugt. Trotzdem war es offensichtlich, dass Frau Müller – Martina – keine Mithörer wünschte.

Sie beugte sich über den Empfangstresen und fragte leise: »Können wir irgendwo ungestört reden?«

Wollte sie Ariane überreden, zu Doktor Gronkowskie zurückzukommen? Gab es in Freiberg so wenige Sprechstundenhilfen, dass man zu so einer Abwerbeaktion greifen musste? Vielleicht war ja aber auch etwas vorgefallen. Etwa mit ihrer Freundin Stefanie?

»Ich bin mal kurz draußen«, rief Ariane nach hinten zu den Behandlungszimmern und sperrte gleichzeitig mit einem Tastendruck den Computer. Keiner der Physiotherapeuten antwortete. Sie wusste aber, dass es in Ordnung war, wenn sie eine kurze Pause machte.

Im Hinterhof des Hauses an der Bahnhofstraße, in dem die Physiotherapie-Praxis von Frau Suhrbier lag, gab es einen kleinen Pausenbereich für die Angestellten. Mit einigen Gesten dirigierte Ariane ihre ehemalige Vorgesetzte höflich dorthin. Langsam wurde sie neugierig. Zu seltsam kam ihr der Besuch vor. Was steckte dahinter?

Rein äußerlich hatte sich die Mittfünfzigerin nicht verändert. Noch immer wirkte Frau Müller wie die resolute Praxisleiterin, die Ariane kennengelernt hatte. Von etwas kleinerer Statur konnte man die Frau durchaus als korpulent bezeichnen. Die blondierten Haare und das dezente Make-up zeigten, dass sie nach wie vor Wert auf ihr Äußeres legte. Gleichwohl hatte sich ein Schatten auf das Gesicht von Frau Müller gelegt. Irgendetwas bedrückte sie.

»Also, Frau Müller, heraus damit. Was kann ich für Sie tun?«

»Mir fällt es nicht leicht, Sie das zu fragen. Wir hatten ja nicht unbedingt das beste Verhältnis zueinander. Ich möchte mich deswegen jetzt bei Ihnen dafür entschuldigen. Mir war nicht bewusst, in was für einer Situation Sie damals steckten. Ich hätte mehr Fingerspitzengefühl haben müssen.«

Damals, damit meinte Martina Müller die Geschehnisse von vor einem Jahr. In jenen Tagen hatte Ariane ziemlich abenteuerliche Entscheidungen getroffen. Um im »Erzfieber«-Fall zu ermitteln, hatte sie von einem Tag auf den anderen ihre Pflichten in der Praxis vernachlässigt. Am meisten hatte sich darüber Frau Müller geärgert.

»Das ist doch schon so lange her. Wieso kommen Sie heute während der Arbeit zu mir, um sich für etwas zu entschuldigen, für das Sie sich nicht entschuldigen müssen? Was ist los, Frau Müller?«

»Ich brauche Ihre Hilfe. Und sagen Sie doch bitte Martina zu mir.«

»Sie brauchen meine Hilfe? Wie kann ich denn das verstehen?«

Ariane fiel nichts ein, womit sie der älteren Arzthelferin behilflich sein könnte. Zudem bereitete es ihr Unbehagen, die Distanz zwischen ihnen durch ein Du zu verringern. Die ältere Frau würde immer Frau Müller für sie bleiben.

»Es ist etwas komplizierter. Ich weiß nicht recht, wie ich damit anfangen soll.«

»Frau Müller … Also gut, Martina. Hat es etwas mit meiner alten Arbeit zu tun? Haben Doktor Gronkowskie oder Stefanie Probleme? Klappt etwas nicht in der Praxis?«

»Nein, nein. Da ist alles in bester Ordnung. Ich soll Sie sogar von Stefanie grüßen. Im Grunde genommen war es ihre Idee, zu Ihnen zu gehen. Mein Problem ist eine private Angelegenheit. Genau genommen betrifft es nicht einmal mich. Meine Schwester Elke braucht Ihre Hilfe.«

»Meine Hilfe wobei? Lassen Sie sich doch nicht alles einzeln aus der Nase ziehen. Ich kann nicht ewig hier draußen herumstehen und die Patienten allein lassen.«

Ariane ging dieses Herumlavieren auf die Nerven. Eine kurze Pause war schön und gut. Sie standen aber nun schon eine ganze Weile hier auf dem Hof in der Sonne herum, und für Smalltalk während der Arbeit hatte sie wahrlich keine Zeit.

Frau Müller gab sich einen sichtbaren Ruck. »Bitte verzeihen Sie, dass ich so um den heißen Brei herumrede. Ich frage jetzt einfach direkt: Wäre es möglich, dass Sie für meine Schwester etwas herausfinden?«

»Was meinen Sie mit herausfinden?« Ariane war baff.

»Na, so wie vor einem Jahr. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie die Verschwörung im Rathaus ganz allein aufgedeckt. Sogar die Zeitung hat damals über Sie geschrieben.«

»Aber das war komplett anders. Denken Sie etwa, ich bin so eine Art Miss Marple?« Ungläubig lachte Ariane kurz laut auf.

»Ich weiß nicht … Wenigstens hatte ich gehofft, dass Sie mir beziehungsweise meiner Schwester helfen könnten. Elke hat ein großes Problem.« Sie schaute sichtlich peinlich berührt zu Boden.

»Warum gehen Sie dann nicht zur Polizei, wie es jeder andere auch tun würde?«

»Bei der Polizei waren wir schon – also, meine Schwester. Deswegen komme ich ja zu Ihnen. Es ist nur schwer zu erklären, und so kompliziert.«

Ariane hatte genug gehört. Was auch immer ihre ehemalige Vorgesetzte sich eingebildet hatte, es kam nicht in Frage. Sie sollte eine Auftrags-Hobby-Ermittlerin sein? Lächerlich.

»Liebe Frau Müller. Martina. So sehr ich Sie schätze, ich muss das hier abbrechen. Es bringt nichts, weiter zu reden. Ich habe in meiner Pause nicht unendlich Zeit, mich mit solchen albernen Sachen zu beschäftigen. Die Antwort ist nein.«

Ariane war drauf und dran, Frau Müller im Hof stehenzulassen, um an ihren Empfangstresen zurückzukehren. Sie wandte sich gerade zum Gehen, als Frau Müller hervorstieß: »Hans Huber ist verschwunden.«

»Wer ist das?« Ariane hielt wider Willen inne.

»Der Vorgesetzte meiner Schwester.«

»Und?«

»Seit ein paar Tagen ist er spurlos verschollen. Niemand weiß, wo er ist. Kein Mensch hat ihn gesehen. Es ist beinahe so, als wäre er vom Erdboden verschluckt worden.«

Ariane dachte ein paar Sekunden nach. Seltsam war das schon, jedoch nichts Außergewöhnliches. Sie seufzte: »Martina, so etwas kommt gelegentlich vor. Leute verreisen, ohne jemandem Bescheid zu geben. Andere haben keine Lust mehr auf ihr bisheriges Leben und verschwinden, ohne ein Zeichen zu hinterlassen. Ich will nicht sagen, dass das normal ist – komplett unüblich ist es aber auch nicht.«

»In diesem Fall ist es anders.« Martina Müller gab nicht nach. Es wirkte, als hätte sie dieses Gespräch bereits mehrfach geführt.

»Okay, dann sagen Sie mir jetzt bitte endlich, was das soll. Wieso haben Sie so ein Interesse daran, den verschwundenen Chef Ihrer Schwester wiederzufinden?«

»Hans Huber ist nicht nur Elkes Vorgesetzter. Sie arbeitet für ihn in der Mineralogischen Sammlung, aber er ist auch mehr als das. Verstehen Sie?«

»Dieser Herr Huber ist also der Liebhaber Ihrer Schwester?« Ariane begriff nicht, warum man die Sache so kompliziert erklären musste.

»Nicht ganz. Er lebt in Scheidung. Elke ist aber auf gar keinen Fall eine Liebelei von Hans! So eine Unterstellung verbitte ich mir. Die beiden führen seit Jahren eine harmonische Beziehung.«

Ob die Ehefrau der gleichen Meinung war? Ariane hatte ihre Zweifel. Der feine Herr Huber hatte also neben seiner ersten noch eine zweite Gattin im Büro. Klar, dass die sich nicht als einfache Affäre sah. Dann war die Sache ja aber ganz einfach zu erklären!

»Dann wird Herr Huber wohl wieder bei seiner ersten Frau sein. Vielleicht hat er auch noch eine dritte in Reserve.«

Frau Müller fand das gar nicht lustig: »Frau Itzen, ich bin nicht wegen irgendwelcher Spielchen zu Ihnen gekommen. Ich hatte gehofft, dass Sie uns helfen können. Um die Sache noch einmal ganz deutlich darzustellen: Meine Schwester und Hans Huber sind sehr glücklich und leben schon lange zusammen. Genau genommen haben sie in naher Zukunft sogar ihre Hochzeit geplant. Entsprechend besorgt ist Elke, weil Hans auf einmal spurlos verschwunden ist. Und nein, er ist nicht bei seiner Noch-Ehefrau. Die wohnt in einem Pflegeheim für Demenzkranke im Schwarzwald. Daher ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass ihn seine Gattin hätte beseitigen wollen.«

»Was wollen Sie aber dann bei mir? Gehen Sie zur Polizei. Die ist für das Finden verschwundener Personen zuständig.«

»Glauben Sie nicht, dass wir das schon längst getan haben?« Frau Müller hörte sich zunehmend resigniert an. »Meine Schwester und ich waren mehr als einmal bei der Polizei. Wir haben sogar in Chemnitz bei der Kriminalpolizei vorgesprochen. Elke ruft dort alle paar Stunden an.«

»Und? Was könnte ich da noch tun?«

»Sie könnten überhaupt mal etwas unternehmen!«, rief Frau Müller verzweifelt. Jetzt platzte es aus ihr heraus: »Die Polizei tut im Prinzip gar nichts. Man kann zwar einen Menschen als vermisst melden, aber deshalb suchen die Behörden nicht nach ihm.«

»Tun sie nicht?«, fragte Ariane erstaunt.

»Solange nicht Gefahr für Leib und Leben oder Verdacht auf eine Straftat besteht, wird die Polizei nicht aktiv. Das ist so frustrierend! Obwohl wir wissen, dass etwas passiert sein muss, will niemand etwas unternehmen. Stattdessen werden wir mit den immer gleichen hohlen Phrasen vertröstet.«

Ariane war überrascht. Es stimmte aber natürlich: Jeder hatte das Recht, von der Bildfläche zu verschwinden. Für manche Männer war es auch eine bequeme Art, mit ihrer Partnerin Schluss zu machen. Wenn da jedes Mal die Polizei gerufen würde, hätte sie keine Zeit mehr, richtige Verbrechen aufzuklären.

»Und nun möchten Sie, dass ich mich auf die Suche nach Hans Huber begebe? Habe ich Sie richtig verstanden?«

»Bitte, Frau Itzen, wir wissen nicht, an wen wir uns sonst wenden sollen. Es gibt außer Ihnen niemanden. Sie sind unsere einzige Hoffnung.«

»Was ist denn mit einem Privatdetektiv?« Ariane entgegnete das erste, was ihr einfiel.

»In Freiberg gibt es leider keinen. In Dresden und Chemnitz nur ein paar wenige. Die sind auf Monate ausgebucht. Wir benötigen aber jetzt Hilfe und nicht irgendwann. Wahrscheinlich braucht Hans genau in diesem Moment Unterstützung. Niemand ist aber da, um ihm diese zu geben. Meine Schwester Elke ist deswegen vollkommen am Boden zerstört.«

»Versteh ich richtig: Sie glauben, ich wäre diese Hilfe für Ihre Schwester? Denken Sie wirklich, ich könnte einen verschollenen Menschen wiederfinden? Wie kommen Sie nur auf diese Idee?«

Ariane lachte erneut laut auf, hielt sich dann aber die Hand vor den Mund. Sie merkte, wie sehr diese Sache Martina Müller an die Nieren ging. Sie hielt sich gerade so unter Kontrolle und konnte jeden Augenblick zusammenbrechen. Auf der anderen Seite – was glaubten die beiden Frauen, was Ariane war? Eine Art Superheldin?

»Es war wohl ein Fehler, zu Ihnen zu kommen.«

Martina Müller machte auf dem Absatz kehrt. In derselben Sekunde tat Ariane ihre harsche Reaktion leid. Die Frau war verzweifelt, das sah man ihr an. Sie rief ihr hinterher: »Frau Müller, bitte entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht auslachen. Verstehen Sie aber nicht meine Situation? Ich bin doch nur eine einfache Sprechstundenhilfe in einer Physiotherapie-Praxis. Und Sie erwarten von mir, dass ich eine verschwundene Person wiederfinde. Das ist so vollkommen irreal, dass mir die Worte dafür fehlen.«

Ihre ehemalige Vorgesetzte hörte gar nicht mehr zu, sie lief immer schneller davon. Ariane bemühte sich, sie einzuholen. Selbst wenn sie Frau Müllers Ansinnen für kompletten Blödsinn hielt, wollte sie sie nicht so gehen lassen. Grundsätzlich war sie stets darauf bedacht, ein gutes Verhältnis zu anderen Menschen zu bewahren. Gerade Martina Müller hatte ihr nichts getan. Zunehmend fühlte sie sich deswegen schlecht. Kurz vor der Ausgangstür holte Ariane die Frau ein und hielt sie am Arm zurück.

»Noch einmal: Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht verletzen. Vielleicht habe ich mich nicht richtig ausgedrückt. Ich glaube Ihnen ja, dass dieser Herr Huber spurlos verschwunden ist. Und mir ist klar, dass das für Sie und Ihre Schwester sehr belastend ist. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn einem niemand glaubt. Gerade deswegen denke ich, dass Sie da professionelle Hilfe benötigen.«

Ariane sah, wie Hoffnung in den Augen von Frau Müller aufschien. Das hatte sie mit ihrer Ansprache allerdings nicht bezwecken wollen. Sie konnte den beiden Schwestern in keiner Weise helfen. Wie auch?

»Es ist sehr schmeichelhaft, dass Sie so große Stücke auf mich halten. Ich bin aber die falsche Ansprechpartnerin für Sie. Was vor einem Jahr passiert ist, war nur eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände. Ich bin keine Detektivin, Superheldin oder so etwas. Ich verbringe meinen Tag hinter dem Empfangstresen einer Praxis. Genau wie Sie. Egal, was Sie in mir sehen – ich bin es nicht.«

Martina Müller nickte enttäuscht. Dennoch hasste sich Ariane dafür. Wahrscheinlich war sie der letzte Hoffnungsschimmer für die beiden Schwestern gewesen. Ariane wollte gar nicht wissen, an wie viele Menschen sie sich vorher schon gewendet hatten.

»Sie haben vermutlich recht. Das kann ich nachvollziehen.«

»Ich würde Ihnen ja wirklich gerne helfen. Ich habe nur keine Ahnung, was ich da tun könnte. Es tut mir leid.«

»Trotzdem danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Einen schönen Tag noch«, verabschiedete sich Martina Müller fast flüsternd.

Während Ariane an der Tür der Praxis stand und der Frau hinterherblickte, tat sie ihr unglaublich leid. Konnte sie den Schwestern nicht vielleicht doch irgendwie zur Seite stehen? Allerdings fiel ihr auf die Schnelle nichts ein. Sie dachte kurz daran, Ben Benserler anzurufen, verwarf den Gedanken aber sofort. Zwar hatte ihr der Polizist vor einem Jahr sehr geholfen, aber sie waren nicht wirklich im Guten auseinandergegangen.

Ben hatte sich in den Monaten danach immer mal wieder bei ihr gemeldet. Ariane hatte aber kein Interesse mehr an einer Freundschaft gehabt – oder gar an einer Beziehung, so wie es Ben offenbar gehofft hatte. Zu oft hatte er sich von seiner schlechten Seite gezeigt. Ihn nun wegen des verschwundenen Hans Huber anzurufen, würde nichts bringen. Was sollte Ben ihr anderes sagen als die Polizei?

An ihrem Arbeitsplatz konnte sich Ariane nur schwer konzentrieren. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu dem Gespräch zurück. Immer wieder überlegte sie, was sie hätte sagen sollen. Was würde sie selbst in so einer Situation tun? Würde sie nicht auch nach jedem Strohhalm greifen? Trotzdem: Sie hatte das Richtige getan. Es wäre unfair gewesen, Frau Müller mit einem Versprechen Hoffnungen zu machen. Zum Glück war der Feierabend nicht mehr allzu weit entfernt. Ariane brauchte dringend ein wenig Ruhe, um ihre Gedanken sortiert zu bekommen.

Auf dem Heimweg checkte sie ihr Handy. Das Display zeigte mehrere verpasste Anrufe von Stefanie. Natürlich: Frau Müller hatte erwähnt, dass sie mit ihr über das Problem geredet hätte. Wahrscheinlich war es sogar Stefanies Idee gewesen, dass sich Martina an Ariane wenden sollte.

Nun wollte ihre Freundin offenbar wissen, was bei dem Gespräch herausgekommen war. Allerdings wollte sich Ariane nicht schon wieder erklären müssen. Sie würde sich morgen früh bei ihrer Freundin melden, wenn sie ausgeruht war. Heute wollte sie nur noch nach Hause, die Füße hochlegen und einen klaren Kopf bekommen. Das war jedoch eher eine Wunschvorstellung.

 

In ihrer Wohnung erwartete Ariane ein Energiebündel mit wedelndem Schwanz. Charlie schien überglücklich, dass sein Frauchen endlich nach Hause kam. Wie immer hatte Ariane ein schlechtes Gewissen, weil sie die Fellnase so lange allein gelassen hatte. Da sie ihn nicht mit zur Arbeit nehmen konnte, hatte Ariane aber keine andere Wahl.

Die Promenadenmischung vereinigte ein ganzes Sammelsurium verschiedenster Hundearten. Ariane hatte es schon längst aufgegeben, alle herauszubekommen. Eine alte deutsche Dackelart war auf jeden Fall darunter, daneben vermutete Ariane einen Jack-Russell-Terrier und einen Collie unter den Vorfahren. Und das waren bei Weitem nicht alle.

Wegen Charlie hatte sich Arianes Leben vor zwölf Monaten grundlegend verändert. Sein Herrchen, Heinz-Harald Bublitz, hatte sich wegen der Ereignisse um die »Erzfieber«-Affäre das Leben genommen. Ariane hatte Charlie, der nun eine Waise war, aufgenommen und ins Herz geschlossen. Dann aber war einem Cousin von Herrn Bublitz der Großteil von dessen Erbe zugesprochen worden. Zu den Besitztümern des Verstorbenen hatte auch der Hund gehört. Ariane musste Charlie schweren Herzens abgeben. Der neue Besitzer hatte zwei süße kleine Kinder und Charlie war von der netten Familie sehr freundlich aufgenommen worden. Ariane hatte aber schwer mit dem Verlust zu kämpfen. Bei einer zufälligen Begegnung im Stadtpark zeigte sich, dass Charlie Ariane ebenso vermisste. So hatten sie ein Arrangement gefunden, in dem Ariane ihn regelmäßig besuchen und ausführen durfte.

An etlichen Wochenenden bekam sie ihren vierbeinigen Freund sogar als Übernachtungsgast. Daneben hatte es sich eingebürgert, dass der Rüde in den Schulferien, wenn die Familie verreiste, zu Ariane in Pflege kam. Gerade hatte sie ihn seit zehn Tagen als Gast bei sich. In diesen wenigen Tagen hatte sie mit dem Hund mehr Spaziergänge unternommen als in dem halben Jahr davor. Leider würde sie ihn morgen wieder zurückbringen müssen – die Ferien waren vorbei.

Ariane wollte den Abend daher unbedingt noch für einen letzten größeren Spaziergang mit Charlie nutzen. Vielleicht würde ihr die frische Luft helfen, einen klaren Kopf zu bekommen. Sich selbst gönnte sie nur einen schnellen Salat, Charlie stürzte sich derweil auf eine große Portion frisches Fleisch. Derart gestärkt, waren sie keine zwanzig Minuten später auf den Straßen Freibergs unterwegs.

Ohne es geplant zu haben, lenkte Ariane ihre Schritte zu den Bergwerkshalden am Stadtrand. Vor zwölf Monaten hatte sie den gleichen Weg eingeschlagen. Auch damals war sie mit Charlie unterwegs gewesen. Was als Gassi-Runde begonnen hatte, war die verrückteste Nacht ihres Lebens geworden. Mit geheimen Unterlagen, einem Einbrecher in ihrer Wohnung und einer wilden Verfolgungsjagd war sie vor einem Jahr in ein mörderisches Verbrechen gestolpert.

Noch immer war die juristische Aufarbeitung der »Erzfieber«-Affäre nicht abgeschlossen. Mehrfach war Ariane bereits bei der Polizei gewesen, um Aussagen zu machen. Wann die Verfahren endlich zur Eröffnung kamen und ob das überhaupt noch passieren würde, stand allerdings in den Sternen. Zu komplex war wohl das Geflecht aus Bestechungen, Drohungen und Politik, als dass man es in so kurzer Zeit hätte durchschauen können. Freiberg war offenbar nicht der einzige Ort, an dem so etwas geschehen war. Das Bergbauunternehmen schien im ganzen Erzgebirge aktiv gewesen zu sein.

An diesem lauen Sommerabend lagen die historischen Schachtanlagen und Bergwerkshalden einsam und verlassen da. Einzig auf der »Reichen Zeche« brannten noch ein paar Lichter. Ariane hatte gelesen, dass die Bauarbeiten in den nächsten Tagen beginnen sollten. Offiziell hielt sich die Stadt allerdings noch mit den genauen Informationen zurück. Ein ungenannter Wohltäter hatte der Bergstadt Freiberg im vergangenen Jahr fünf Millionen Euro geschenkt – mit der Auflage, dass alles für den Aufbau eines Tourismuszentrums auf der Bergwerkshalde »Reiche Zeche« auszugeben sei. Durch das plötzlich gewachsene öffentliche Interesse am historischen Bergwerk waren Beamte unvorsichtig geworden, städtische Vertreter in Panik geraten und selbst im Freiberger Rathaus war man aufgeschreckt.

Ariane war nach wie vor der festen Überzeugung, dass es eine Verbindung zwischen der anonymen Millionenspende und der »Erzfieber«-Affäre gab. Mit ihrer Überzeugung stand sie allerdings allein da. Niemand glaubte ihr. Selbst der Staatsanwalt hatte sie nur müde belächelt. Die Verbrecher waren ja festgenommen worden. Warum sollten die Behörden nach dem anonymen Gönner fahnden? Und wieso sollte das eine mit dem anderen in Zusammenhang stehen?

Für Ariane schien es sonnenklar. Der Kämmerer von Freiberg war ermordet am Grund eines Bergwerksschachts unterhalb der »Reichen Zeche« gefunden worden. Heinrich Schirach war maßgeblich an der »Erzfieber«-Verschwörung beteiligt gewesen. Warum er ermordet worden war und von wem, hatte niemand herausfinden können. Umso mehr irritierte es Ariane, dass die Polizei die zwei Verbrechen nicht miteinander in Zusammenhang brachte. Offiziell war die zeitliche Überschneidung reiner Zufall. Ariane war sicher: Die räumliche und zeitliche Nähe der beiden Entwicklungen hatte etwas zu bedeuten. Waren denn alle anderen blind, oder verschlossen sie sogar mutwillig ihre Augen?

In diesen Tagen begannen nun also die Bauarbeiten für die Errichtung des Besucherzentrums, das sich der anonyme Spender gewünscht hatte. Gerade in der Woche, in der sich die Ereignisse zum ersten Mal jährten. Einmal mehr zeigte sich damit eine auffällige Zufälligkeit. Außer Ariane wunderte sich darüber allerdings kein Mensch. Alle freuten sich über das Fünf-Millionen-Euro-Geschenk, niemand wollte nachfragen, warum jemand so etwas Selbstloses tat.

Hier draußen am Stadtrand würde Ariane das Rätsel nicht lösen. Sie hatte es schon mehrfach versucht. Nachdem sie eine Menge Bälle für Charlie geworfen und ihn gründlich ausgepowert hatte, schlug sie innerlich seufzend den Rückweg ein. Ihre Schritte führten sie, wie schon vor zwölf Monaten, in die historische Altstadt. Sie wollte noch einmal bei Sirko vorbeischauen. Den Freund, der auf der Freiberger Kneipenmeile ein Pub besaß, hatte sie schon seit Wochen nicht mehr besucht.

Plötzlich vibrierte das Handy in ihrer Tasche. Auf dem Display erschien der Name ihrer Freundin. Ariane war hin- und hergerissen. Schließlich nahm sie den Anruf doch an.

»Hallo Stefanie, wie geht es dir? Ich bin grad auf Gassi-Runde und wollte dich zurückrufen, sobald ich wieder zu Hause bin.«

»Bist du gerade mit Charlie unterwegs? Ich habe mir schon so etwas gedacht. Wenn es dir im Moment nicht passt, rufe ich dich gern später noch einmal an.«

»Nein, schon okay. Ich kann mir denken, weswegen du dich meldest. Es geht bestimmt um Frau Müller.«

»Jein.« Stefanies Stimme klang leicht zögerlich. »Eigentlich wollte ich wissen, wie es dir geht. Du weißt schon – wegen …«

»Weil die Sache sich gerade jährt? Mach dir keine Gedanken. Ich hab das alles hinter mir gelassen. Im Grunde interessiert es mich kaum noch.« Ariane war selbst überrascht, wie überzeugend sie log. Allein, dass sie hier am Fuß der alten Bergwerkshalden stand, bezeugte ja das Gegenteil. »Du hast aber bestimmt nicht nur deshalb angerufen?«

»Ertappt. Frau Müller war eben noch mal in der Praxis. Sie sah gar nicht gut aus …«

Ariane berichtete ihrer Freundin von dem Gespräch mit der ehemaligen Vorgesetzten. Stefanie würde sicher verstehen, warum sie den Schwestern nicht helfen konnte.

Diese war aber offenbar anderer Meinung: »Frau Müller und vor allem ihre Schwester sind verzweifelt. Ich dachte, du hättest vielleicht einen Tipp für sie oder eine Idee, was sie unternehmen können. Wenn ich mir überlege, was du damals alles gemacht hast. Denk doch bitte noch einmal darüber nach. Die Schwester ist eine ganz liebe Person. Sie dreht gerade komplett durch. Am Morgen haben sich die beiden noch gesehen. Als Frau Eßer dann zur Arbeit kam, war Herr Huber spurlos verschwunden. Wobei spurlos der falsche Begriff ist. Sein Schreibtisch und die Schränke im Büro waren angeblich durchwühlt. Das ist alles voll mysteriös.«

»Davon hat Frau Müller gar nichts erwähnt!« Ariane war überrascht. »Wo arbeiten die beiden denn? Ich habe nicht wirklich aufmerksam zugehört.«

»Er ist der Leiter der Mineralogischen Sammlung der Bergakademie, sie ist seine Sekretärin. Im Prinzip hocken sie den ganzen Tag zusammen und machen was mit Steinen. So wie ich es verstanden habe, würde Herr Huber nirgendwo hingehen, ohne es Frau Eßer zu erzählen. Als Sekretärin, die den Terminplan führt, weiß sie ohnehin über alles Bescheid. Gewissermaßen waren sie sowohl auf Arbeit als auch zu Hause permanent beisammen.«

»Es tut mir für Frau Eßer wahnsinnig leid. In ihrer Haut würde ich nicht stecken wollen. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass sie Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um ihren Partner zu finden. Ihr müsst aber verstehen, dass ich dafür die Falsche bin. Ich kann ihr wirklich nicht helfen.«

»Kein Problem. Hauptsache, dir geht es gut. Ich wünsch dir noch einen entspannten Abend.«

Stefanies Verabschiedung klang ein wenig abrupt. Hatte Ariane etwas Falsches gesagt? Vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. In letzter Zeit war sie etwas dünnhäutig. Ariane schob das auf den Jahrestag. Dieser Mist ging ihr zu sehr an die Nieren.

Auf dem weiteren Weg in die Altstadt grübelte sie über das Gehörte nach. Jetzt erschien es auch ihr seltsam, dass Hans Huber einfach so verschwunden war – ganz zu schweigen von dem durchwühlten Büro. Dass die Polizei nichts unternahm, fand sie ebenso merkwürdig. Musste denn immer erst etwas passieren?

 

Inzwischen hatte sie die Meißner Gasse erreicht. Hier in der Nähe des Untermarktes lag das »Meiners«, das ihrem Freund gehörte. Sirko war deutlich älter als sie, Ariane schätzte ihn auf Ende Dreißig. Mit seiner sportlichen Figur und seiner zuvorkommenden Art wirkte er sehr sympathisch. Er war schlichtweg ein Mensch, zu dem man ging, wenn einem etwas auf dem Herzen lag. Fast immer schaffte es der Barkeeper, eine Lösung für die Problemchen des Alltags zu finden. Und bei Ariane gab er sich damit besonders große Mühe.

»Na meine Kleine, wie geht es dir?«, begrüßte er Ariane mit einem strahlenden Lächeln. So früh am Abend waren noch keine Gäste im Pub. Sirko saß entspannt mit einem Glas Limo am ersten Tisch des kleinen Biergartens vor der Eingangstür. Als er Charlie sah, beugte er sich hinunter, um auch dem Hund Hallo zu sagen.

In der harten Zeit nach den »Erzfieber«-Ereignissen war Sirko regelmäßig bei Ariane gewesen und hatte ihr zur Seite gestanden. Dabei hatte er den Hund ebenso ins Herz geschlossen wie jeder, der auch nur ein paar Minuten mit der Promenadenmischung zu tun hatte. Ariane war nicht ganz sicher, ob Sirko nur ein Freund für sie sein wollte oder doch etwas mehr. Obwohl sie schon bei einigen Gelegenheiten deutlich gemacht hatte, dass sie kein Interesse an einer Beziehung hegte, schien es ihr, dass er immer noch auf mehr hoffte.

»Eigentlich ist alles bestens. Wieso fragen mich alle, wie es mir geht? Heute ist ein ganz normaler Tag. Er unterscheidet sich in nichts von gestern oder morgen. Oder wirke ich, als würde es mir schlecht gehen?«

»He, schlag mir nicht gleich den Kopf ab, nur weil ich mich nach deinem Wohlbefinden erkundige!« Sirko hob die Arme in gespielter Abwehr. »Ich dachte nur, dass dich die Nachricht irgendwie mitnimmt.«

»Sorry, ich wollte dich nicht anfahren. Wärst du so nett, mir ein Gläschen Rotwein zu bringen?«

Während sich Ariane draußen hinsetzte, verschwand Sirko geschäftig nach drinnen hinter den Tresen. Das »Meiners« war eine Institution in Freiberg. Ariane hatte während ihrer Ausbildungszeit so manche wilde Nacht in der Kneipe verbracht. Das Ambiente der grünen Insel, gepaart mit der erzgebirgischen Gastfreundschaft von Sirko, sorgte für eine sehr angenehme Stimmung. Inzwischen kam sie nur noch selten hierher. Gerade auch weil Sirko sich so rührend um sie gekümmert hatte, bereute sie das. So gute Freundschaften sollte man auf keinen Fall einschlafen lassen.

In dem Moment fiel ihr auf, was genau Sirko gerade zu ihr gesagt hatte. Irritiert runzelte Ariane die Stirn. Irgendwas stimmte hier nicht. Sobald er wieder nach draußen kam, stellte sie ihn zur Rede: »Woher weißt du, dass heute Frau Müller bei mir war?« Misstrauisch beäugte sie ihren Freund. Noch jemanden, der sie drängte, Elke Eßer zu helfen, konnte sie an diesem Tag nicht gebrauchen.

»Wer ist Frau Müller? Wovon sprichst du?« Sirko stellte das Tablett auf dem Tisch ab. Er hatte nicht nur einen Rotwein für Ariane mitgebracht, sondern auch noch eine Schüssel mit Salzgebäck und eine Schale Wasser für Charlie dabei.

»Heute Nachmittag war meine ehemalige Chefin bei mir und hat mich gebeten, ihrer Schwester zu helfen. Ich soll ihren verschwundenen Lebenspartner wiederfinden. Als ob ich Miss Marple wäre! Aber wovon sprichst du?«

»Von den Nachrichten natürlich.«

»Welche Nachrichten?« Ariane begriff nicht. Es war, als würden sie zwei unterschiedliche Gespräche führen.

Mit einem Stoßseufzer bediente sie sich selbst und nahm das Glas Rotwein und die Schale mit den Knabbersachen vom Tablett. Dann stellte sie die Wasserschale vor Charlie auf den Boden, der sich durstig darauf stürzte. Die Sekunden reichten ihr, um sich zu sammeln.

In der Zwischenzeit hatte Sirko sein Smartphone herausgeholt. Ohne ein Wort der Erklärung schob er das Handy über die Tischplatte. Ein wenig beklommen griff Ariane nach dem Mobiltelefon. Irgendwie fühlte es sich immer falsch an, das Telefon von jemand anderem zu bedienen. Zudem ahnte sie schon, dass ihr das, was auf dem Display zu sehen war, nicht gefallen würde. Sie überflog die angezeigte Website mit zunehmender Aufregung.

»Ist das echt?«

»Es berichten bereits etliche Lokalportale darüber. Ich wüsste nicht, warum es nicht stimmen sollte. Zeitlich würde es auch passen.«

»Das musste ja so kommen! Mir hätte von Anfang an klar sein sollen, dass es nach genau einem Jahr wieder geschieht. Hast du das mit deiner Frage gemeint?«

»Na klar. Ich dachte mir schon, dass es dich aufregen würde.«

Das Nachrichtenportal meldete, pünktlich ein Jahr nach der ersten Millionenspende für Freiberg, eine weitere Zuwendung. Der anonyme Spender hatte sich erneut die Bergstadt herausgesucht, um etwas »Gutes« zu tun. Abermals war die Presse voll des Lobes für den unbekannten Mäzen. Offenbar sollten erneut fünf Millionen Euro an die Stadt Freiberg überwiesen werden. Und wie vor einem Jahr war das Geld wieder an Bedingungen geknüpft.

»Das ist der gleiche Mist wie damals!« Ariane regte sich immer mehr auf. »Der Spender will nicht, dass irgendwer erfährt, wer er ist. Selbst das Anwaltsbüro, das die Transaktion durchführt, soll nicht genannt werden. Ist das überhaupt erlaubt? Da gibt es bestimmt ein Gesetz, das das verbietet. Warum unternimmt niemand etwas dagegen?«

Sirko lächelte amüsiert. »Was sollte an einem Geschenk illegal sein? Du bist die einzige, die sich darüber beschwert. Niemand sonst vermutet dahinter finstere Absichten. Weswegen sollte die Stadt diesen unverhofften Geldsegen nicht annehmen?«

»Ich hatte gehofft, dass wenigstens du mir glaubst.« Ariane war enttäuscht. »Nach allem, was ich letztes Jahr erlebt habe.«

»Das würde ich ja gern. Es gibt aber keinen Grund, etwas Kriminelles dahinter zu vermuten. Das ist wie bei den Altstadt-Millionen von Görlitz. Einundzwanzig Jahre lang hat dort jemand genauso anonym erst eine Million D-Mark und dann eine halbe Million Euro an die Stadt überwiesen, jedes Jahr. Die haben damit ihre Altstadt wiederaufgebaut. Warst du in letzter Zeit mal in Görlitz? Es sieht richtig schön dort aus. Niemand hat dahinter etwas anderes vermutet als das, was es war: eine großzügige Spende. Warum sollte das in Freiberg anders sein?«

Ariane rollte mit den Augen. »Ihr seid alle zu blauäugig. Kein Mensch verschenkt eine so große Summe ohne Hintergedanken. Ich hab dir schon zehnmal erklärt, wieso ›Erzfieber‹ und die Schenkung zusammengehören müssen. Das ist doch mehr als offensichtlich. Ich …« Ariane brach ab. Sie merkte, dass es nichts brachte, darüber mit Sirko zu diskutieren.

Letztlich hatte sie nur eine Theorie, die sie nicht beweisen konnte. Wie sollte sie herausfinden, wer die anonyme Person war? Keiner gab nur ein Fitzelchen einer Information darüber heraus. Wahrscheinlich wusste auch einfach niemand etwas. Alle waren nur erfreut über das viele Geld. Wer fragte da schon nach der Herkunft oder der Absicht, die wirklich dahintersteckte? Nicht einmal die regionale Presse hatte ein Interesse daran, die Sache aufzuklären. Sie verbreitete nur lang und breit das Thema des spendablen Samariters.

Die ersten Gäste betraten jetzt den Pub und wurden von Sirko freundlich begrüßt. Um sie zu bedienen, verschwand er nach drinnen und ließ Ariane an ihrem Tischchen vor dem Pub zurück. So konnte sie ein wenig nachdenken. Wenn ihre Theorie stimmte, würde bald erneut ein Verbrechen in Freiberg geschehen. Sie war überzeugt, dass der anonyme Spender einen kriminellen Plan verfolgte. Als eine Art Superschurke saß er irgendwo im Ausland, um seine Fäden zu spinnen – stellte sie sich zumindest vor. Was er vorhatte, konnte Ariane nicht im Ansatz erahnen. Jemand musste ihn aber aufhalten, bevor noch mehr Menschen ihr Leben verloren.

Charlie spürte wohl, wie aufgewühlt sein Frauchen war. Behutsam drückte er seine kalte Schnauze gegen ihre Waden, um ihr zu sagen, dass sie nicht allein war. Selbst wenn sie sich das nur einbildete, tat es gut. Die Promenadenmischung wusste immer genau, wie sich Ariane fühlte. Umso trauriger fand sie es, dass sie den Hund morgen wieder abgeben musste. Andererseits war es aber auch richtig so. Wegen ihrer Arbeitszeiten unter der Woche konnte sie sich nicht so gut um Charlie kümmern, wie er es verdient hatte.

Während sie einen großen Schluck Rotwein nahm, zückte sie ihr eigenes Smartphone. Sie wollte wissen, ob es noch mehr Einzelheiten zu der neuen Schenkung gab. Nacheinander durchstöberte Ariane etliche Nachrichtenseiten. Auf der fünften Website stieß sie auf ein Detail, das alles über den Haufen warf. Ihr kam es so vor, als würde sämtliches Blut aus ihren Armen und Beinen weichen. Das konnte doch wohl nicht wahr sein?! Für einen Moment begann sich die Welt um sie herum zu drehen. Sie sprang auf. »Sirko, sieh dir das an!«

Die schnelle Bewegung erzeugte tatsächlich einen leichten Schwindel. Bevor sie in den Pub stürmen konnte, musste sie sich an der Tischkante festhalten. Dann trugen sie ihre Füße wie ferngesteuert zu ihrem Freund an den Tresen, der gerade ein Guinness zapfte.

»Was sagst du jetzt?« Triumphierend hielt Ariane ihm das Display vor die Augen.

Nun war Sirko genötigt, ein fremdes Smartphone entgegenzunehmen, um die winzigen Buchstaben zu entziffern. Leider zeigte er sich weit weniger beeindruckt als gedacht: »Das ist doch beinahe derselbe Text, den ich dir vorhin gezeigt habe. Worauf genau willst du hin?«

»Lies es dir richtig durch«, forderte Ariane mit Vehemenz. »Die Einzelheiten sind wichtig.«

Zwanzig Sekunden später sah Sirko sie jedoch genauso fragend an wie zuvor. Offensichtlich begriff er nicht. Sie musste es ihm wie einem kleinen Kind erklären.

»Wofür ist die Millionenspende gedacht? Es ist haargenau wie beim letzten Mal. An die Schenkung ist immer der Verwendungszweck geknüpft. Die Stadt muss das Geld genauso benutzen, wie es der anonyme Spender will.«

»Das ist mir klar. Und weiter?« Sirko legte das Handy vorsichtig auf dem Tresen ab.

Ariane fielen jede Menge Bezeichnungen für die Begriffsstutzigkeit von Männern ein. So sehr sie normalerweise Verallgemeinerungen ablehnte, es gab immer wieder Momente, in denen Klischees wie die Faust aufs Auge passten. Männer!

Sie wedelte mit dem Handy vor Sirko herum. »Die Mineraliensammlung! Das Geld ist für die Mineraliensammlung der Bergakademie bestimmt. Die Spende soll für eine Erweiterung oder Verbesserung der Sammlung ausgegeben werden.

---ENDE DER LESEPROBE---