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Als DJ hat es Finn in der ältesten und erfolgreichsten Diskothek der Stadt relativ leicht. Fast an jedem Wochenende lernt er neue Frauen kennen. Nur leider ist für ihn nie die ›Richtige‹ dabei. Schon seit Jahren ist Finn auf der Suche nach dem Gefühl, das er als Jugendlicher verspürt hat. Damals hat sein Herz deutliche Zeichen gegeben, sobald ›die Richtige‹ vor ihm stand. Vielleicht gelingt es ihm in dieser Nacht, dieses Gefühl noch einmal zu erleben? Kaum dass er aber den Club betritt, lenken ihn die Ereignisse von seiner eigentlichen Arbeit und seiner Suche ab.
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Seitenzahl: 483
Veröffentlichungsjahr: 2017
Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.
1. Auflage 2017
ISBN 978-3-9818744-0-2
© 2017 Verlag Edition Elbflorenz, Rothenburger Straße 30, 01099 Dresden
Korrektorat: Katja Völkel, Dresden
Titelgestaltung: Verlag Edition Elbflorenz
Titelbild: Verlag Edition Elbflorenz/ Nicole John, Dresden
Grafik: Anja Kästner, Dresden
Satz: Verlag Edition Elbflorenz
Druck, Verarbeitung: PRINT GROUP Sp. z o.o., Szczecin (Polen)
www.editionelbflorenz.com
Vorwort
Endlich wieder Freitag. Schon viel zu lange hatte er nicht mehr im Downtown hinter den Reglern gestanden. Nichts ging für ihn über das Erlebnis, in einem echten Club aufzulegen. Nirgendwo anders war es so einfach, hübsche Frauen zu treffen oder nette Mädels kennenzulernen.
Den ganzen August hindurch hieß es zuvor für ihn, eine Hochzeitsfeier hier zu betreuen, einen Geburtstag da zu bespielen oder eine Modenschau dort zu organisieren. So viel Geld es ihm auch einbrachte, an verschiedenen Orten und für unterschiedliche Auftraggeber zu arbeiten, so sehr vermisste er die lockeren Abende in einem waschechten Club.
Besonders die langen Nächte im Downtown waren ihm ans Herz gewachsen. In keiner anderen Diskothek Dresdens machte es ihm so sehr Spaß, hinter den Reglern zu stehen, wie im ältesten Club der Stadt an der Elbe. Seit beinahe zehn Jahren legte er in dem Laden auf. Obwohl solche Begriffe wie ›Resident‹ oder ›Stamm-DJ‹ nicht gern gehört wurden, betrachtete er sich selbst schon seit geraumer Weile so.
Heute war es für ihn zum Glück endlich wieder soweit. Tatsächlich spürte er wegen der Vorfreude ein klein wenig Lampenfieber in sich aufsteigen. Für einen Atemzug lief ihm zudem ein wohliger Schauer über den Rücken bei dem Gedanken daran, den Massen auf der Tanzfläche einzuheizen. Flüchtig sah er auf die Uhr: Es war schon kurz vor 22 Uhr. Eigentlich sollte er sich beeilen, dass er alles noch rechtzeitig bis zum Opening hinbekam. Es galt, jede Menge Equipment aufzubauen, Technik einzurichten und Vorbereitungen zu treffen. Allerdings genoss er für einen Augenblick lang lieber den Moment – seinen Moment.
Er stand vor den heiligen Hallen des bekanntesten und erfolgreichsten Clubs der Stadt. Hier ist er groß geworden und hier sah er sowohl sein Zuhause als auch die Wurzeln seines Schaffens. Dies hier war das Revier, in dem er das Gewerbe eines DJs erst richtig erlernt hatte. An unzähligen Abenden versetzte er in der Diskothek die Menge auf der Tanzfläche in Ekstase.
In nicht wenigen Nächten endeten die Partys in einem wahren Rausch von Schweiß, Alkohol und Dopamin. An mehr als nur einem Morgen nach einer solch ausschweifenden Feier war er beinahe auf allen vieren aus der Szene-Disko gekrochen. Egal wie schlimm die darauffolgenden Sonntagmorgen auch gewesen waren, er würde diese Zeit um nichts auf der Welt missen wollen.
Er erinnerte sich mit einem leichten Lächeln auf den Lippen an eine Menge Flirts sowie ungezählte neue Bekanntschaften. Außerdem hatte er hier manch guten Freund gewonnen. Etliche der Geschichten seines noch immer jungen Lebens begannen oder endeten zwischen den Mauern des Downtowns. Genau betrachtet war ebendiese Disko ein wichtiger Teil seines Werdegangs. Ohne diesen Club wäre er nicht der, der er war.
Nach einem weiteren Blick auf die Uhr sah er noch kurz in den Spiegel. »Gleich geht es wieder los, Finn!«, rief er sich selbst zu, um sich in Stimmung zu bringen. Sowohl seine Freunde als auch die Familie riefen ihn Finn. Eigentlich war das aber nur die Kurzform von Finnley. Er hasste diesen Namen allerdings derart, dass er sich stets nur als Finn vorstellte und auch so genannt werden wollte. Sein Alter behielt er fast immer für sich. Wenn Leute ihn einmal danach fragten, verwies er auf den Fakt, dass es nicht schicklich wäre, Männer seines Alters darauf anzusprechen. Im Moment trug er noch einen modernen Undercut mit Seitenscheitel. Allerdings liefen derzeit so viele Männer damit herum, dass er sich längst überlegt hatte, einen neuen Style auszuprobieren.
Viele seiner Freunde meinten, dass er recht hübsch anzusehen sei. Er selbst betrachtete sich aber eher als Durchschnitt. Oftmals verstand er nicht wirklich, warum Frauen auf ihn standen. Weder hatte er eine besonders schlanke Figur, noch verfügte er über einen sonderlich trainierten Körper. Letztlich schob er es darauf, dass er ziemlich gut reden und flirten konnte. Vielleicht war es aber auch nur seine Arbeit als DJ in einem bekannten Dresdner Club, die ihm einen kleinen Vorteil beim anderen Geschlecht einbrachte.
Wenn es nach ihm gegangen wäre, würde er einzig im Downtown arbeiten wollen. Nirgendwo sonst fühlte er sich so wohl wie hier. Allerdings war es für ihn nicht möglich, seinen Lebensunterhalt nur durch Clubabende zu verdienen. Beabsichtigte ein DJ, einen gewissen Lebensstandard zu führen, war es zwingend notwendig, ebenso auf anderen Veranstaltungen aufzulegen. Diese Jobs waren zumeist um einiges besser bezahlt und aus dem Grund für das monatliche Einkommen immens wichtig. Ab heute begann der September. Für diesen Monat hatte er sich vorgenommen, mehrere Tage im Downtown zu arbeiten. Finn hatte sich in den letzten Wochen beständig selbst gesagt, dass er nicht nur an das Geld denken sollte. Viel wichtiger war es für ihn, Spaß bei seinem Job zu empfinden.
»Ich bin wieder hier, in meinem Revier«, summte er den alten Hit von Westernhagen, als er die Stufen in Richtung des in einem Keller gelegenen Clubs mit frisch erwachtem Elan hinunterlief, um schließlich die breite Schwingtür des Downtowns zu öffnen. Währenddessen versuchte er, den mittlerweile ausgelutschten Popsong in seinem Ohr noch schnell loszuwerden.
Im Inneren erstrahlte noch das grelle Putzlicht. Gott sei Dank zumindest – sonst wäre er zu spät gekommen. Seltsam lichtdurchflutet präsentierte sich die Stammdisko in dem gewohnt angeschlagenen ›Glanz‹ eines Tanztempels. Im hellen Schein der Neonlampen wirkte dieser Ort stets ein wenig desillusionierend, kalt und spröde. Für einen Moment erweckte das Downtown den Eindruck, eine ganz normale Diskothek zu sein, wie sie zu hunderten über das gesamte Land verteilt existierten.
Eigentlich war der Club aber mehr als eben nur ›normal‹. Seit zwölf Jahren verdiente sich Finn nun schon die Brötchen im sogenannten ›Katharinenhof‹ in der Dresdner Neustadt. Mitten im Szeneviertel von Elbflorenz gelegen, befand sich seit über dreiundzwanzig Jahren das Downtown.
»Mensch, der Finn ist wieder im Haus!«, riss ihn eine vertraute Stimme aus den Gedanken. »Dass du dich erneut hierher verirrt hast. Ich glaub es nicht! Wo warst du denn die ganze Zeit über? Ich dachte schon, dich gibt es gar nicht mehr.«
Leicht belämmert richtete Finn den Blick zu dem kräftigen Burschen hinauf, der soeben etwas linkisch aus der Bar getreten kam. Wie eh und je hatte Tobias einen lockeren Spruch auf den Lippen, während er unbeholfen versuchte, eine schwere Kiste auf die Schulter zu bugsieren. Seit einer gefühlten Ewigkeit sorgte der alte Bekannte dafür, dass der Laden lief. Als so eine Art Mädchen für alles organisierte der über einen Kopf größere Riese sämtliche anfallende Arbeiten im Cluballtag. Gerade an den Wochenenden hielt er das Zepter über die ganzen Pauschalkräfte in der Hand. Dabei dirigierte er nicht nur die sechs Männer der Service-Crew mit eiserner Entschlossenheit durch die Nacht.
»Du weißt doch – das Business«, versuchte sich Finn, mit einer Floskel vor dem Gespräch zu drücken. »Ich muss jetzt aber erst einmal …« Mit einem Kopfnicken verwies er in Richtung des DJ-Pults.
Breit grinsend trottete Tobias daraufhin weiter. Anscheinend kannte er sämtliche Ausreden von ihm zur Genüge. Allerdings war es wirklich höchste Eisenbahn, dass Finn sein Equipment aufgebaut bekam. In weniger als fünfzehn Minuten würden sich die Tore öffnen. Finn hoffte, dass mit der Technik alles in Ordnung war. So einen Stress wie vor zwei Monaten brauchte er keinesfalls noch einmal.
Damals war ihm der komplette Laptop während der Veranstaltung abgeschmiert. Zu seinem Leidwesen konnte er ihn auch nicht wieder hochfahren. Mit ein paar Notfall-CDs hatte Finn den besagten Abend mehr schlecht als recht über die Runden gebracht. Allerdings war dies eine Erfahrung, die er sich lieber kein zweites Mal geben wollte. Er war letztlich Profi und einen derartigen Fehlgriff gestand er sich nur ein einziges Mal zu.
Just in dem Moment blieben seine Blicke an der Bar zu seiner Rechten hängen.
»Verdammt!«, redete er zu sich selbst.
Anscheinend hatte die Personalchefin eine neue Barkeeperin eingestellt. Was Finn hinter dem Tresen zu sehen bekam, reichte für ihn aus, um direkt den zuvor getroffenen Vorsatz zu brechen. Für den Aufbau der Technik waren fünfzehn Minuten mehr als genug Zeit. Zuerst gebot es ihm die Höflichkeit, die Kollegen und Kolleginnen an der Hauptbar zu begrüßen. Unter den üblichen Verdächtigen, die genauso wie er auch schon seit etlichen Jahren hier arbeiteten, befanden sich zwei ihm unbekannte Gesichter.
Das erste ›Gesicht‹ gehörte einem etwas dümmlich dreinblickenden Hipster. Seinen Namen bekam Finn kaum mit. Irgendwas mit St…, der Rest ging im Gespräch der anderen unter.
Bevor er zu der braunhaarigen Neuen kam, begrüßte er zuerst Ina und Emma. Die beiden Mädels jobbten bereits seit Ewigkeiten in dem Club, sodass er gar nicht mehr genau benennen konnte, wann sie damals angefangen hatten. War es schon sieben Jahre her, dass sie hier arbeiteten? Oder erst drei? Ab einer gewissen Summe an Diensten war das schlichtweg egal. Man wurde quasi Inventar der Diskothek.
Ein paar Umarmungen und gehauchte Küsschen reichten aus, um eine wie stets vertraute, freundschaftliche Stimmung aufzubauen.
Wobei: Genau genommen war es sogar ein wenig mehr als Freundschaft, stellte Finn mit einem kurzen Blick auf Ina fest. Die reagierte jedoch in keiner Weise auf seine Gegenwart. Auf der einen Seite beruhigte ihn die Tatsache, dass sie ihm nicht sofort eine Ohrfeige verpasst hatte. Andererseits fragte er sich, ob sie sich diese Aktion nur für später aufhob.
Nach der obligatorischen Zeremonie wendete er sich der letzten Anwesenden zu. Bewusst hatte er sich die Begrüßung für den Schluss aufgespart – war sie doch der tatsächliche Grund, weswegen er den Umweg über die Bar genommen hatte.
»Hi, ich bin Finn. Ich bin der DJ heute Abend«, begrüßte er die unbekannte Schönheit wenig eloquent.
Braune lange Haare, dunkle Augen und eine Oberweite, die sich sehen lassen konnte, sprachen ihn direkt an. Skinny-Jeans, ein knappes Oberteil und flache Pumps rundeten das Bild ab. Zudem nahm er von ihr einen exotischen Duft wahr. Das leichte Kitzeln in der Nase weckte seine Neugier auf die ihm unbekannte Person.
Freudig versuchte er zugleich, mit einer Umarmung die neue Bekanntschaft zu feiern. Durch diese Art der Begrüßung wäre er gleich imstande gewesen, näher zu bestimmen, was ihn an der Barfrau so neugierig gemacht hatte. Ohne auf ihn zu reagieren, zuckte sie jedoch nur reflexartig zurück. Zugleich rümpfte sie ihre Nase auf eine unmissverständliche Art und Weise.
Verblüfft hielt Finn deswegen mitten in der Bewegung inne. Er hatte nicht mit einer derartigen Reserviertheit gerechnet, wie sie ihm in dem Moment entgegenschlug. Die Neue tat kaum dergleichen, auf den Versuch einer Begrüßung zu reagieren. Eher im Gegenteil.
Stattdessen reichte ihm die Frau nur steif die Hand. Leicht drückte sie dabei ihren Arm nach vorn, um einen gewissen Abstand zu ihm aufzubauen. Zugleich beugte sie sich leicht nach hinten, um diesen noch weiter zu vergrößern. Es wirkte auf Finn, als würde sie beinahe vor ihm fliehen wollen. Eine derartige Reaktion kannte er sonst nicht von Frauen. Normalerweise war seine Wirkung eine ganz andere.
»Ähhh, ja, danke. Ich bin Marie. Dann auf gute Zusammenarbeit«, entgegnete die Neue äußerst reserviert und knapp gehalten.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er bereits die restlichen grinsenden Barkeeperinnen. Die Situation entwickelte sich für ihn direkt zu einer Peinlichkeit allererster Güte. Egal was die Leute auch immer von ihm denken mochten: Grundsätzlich versuchte Finn, sich als Mann von Welt zu geben. Mit einer derartigen Abfuhr hatte er nicht gerechnet. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ihn Marie kaum kennen dürfte.
»Okay, okay – die anderen haben dir also schon von mir erzählt«, probierte er einen selbstironischen Weg, um sich aus dem Dilemma zu befreien. »Egal was die dir da drüben auch mitgeteilt haben«, verwies er auf die beiden Mädels an der Bar, »es stimmt! Manche Frauen meinen, ich sei sogar noch weitaus schlimmer. Quatsch, lass dir keine Angst machen. Ich freu mich, ein neues Gesicht im Downtown begrüßen zu dürfen. Dann bis später, wir werden uns heute bestimmt noch öfter über den Weg laufen!«
Halbwegs hatte Finn sich dadurch vor der blamablen Situation gerettet. Da ihm aber kaum mehr als fünf Minuten zur Verfügung standen, bevor der Laden aufmachen würde, war es nun an ihm, sich endlich zu sputen. Entsprechend machte er kehrt, um zu seinem Arbeitsplatz zu laufen.
Einen kurzen Moment später stand er bereits hinter dem Mischpult, um die Geräte einzustöpseln. Gott sei Dank hatte Tobias längst alles hochgefahren. Das sparte ihm jede Menge Zeit und Rennerei. Wenn er erst noch die Verstärker im Technikraum anschalten müsste, würde er es wahrscheinlich nie schaffen, noch rechtzeitig fertig zu werden. Somit verfügte er zumindest theoretisch über die Chance, bis 22 Uhr alles aufgebaut zu bekommen.
Laptop Nummer eins war währenddessen bereits aufgeklappt, die Controller längst angesteckt und soeben war Finn dabei, das zweite Notebook anzuschließen. Letztlich hatte er aus dem bedauerlichen Vorfall gelernt. Geh nie wieder mit nur einem Computer aus dem Haus, stellte seine neue Devise dar.
»Da bist du ja endlich«, riss ihn erneut eine Stimme aus der Konzentration und Arbeit heraus.
Gereizt und leicht gehetzt blickte er auf. Statt jedoch eine der Kolleginnen von der Bar anpflaumen zu können, stand Jennie vor ihm. Die kleine Frau war der Chef vom Dienst für heute Abend. Als eigentliche Personalchefin war sie sogar seine faktische Vorgesetzte. Wie kaum jemand anderes schaffte es die resolute Frau, den Laden am Laufen zu halten.
Genau genommen arbeitete sie obendrein schon länger in der Diskothek als Finn selbst. Mittlerweile war sie zur Assistentin der Geschäftsleitung aufgestiegen. Inoffiziell betrachtete jeder sie allerdings bereits als tatsächliche Geschäftsführerin. Jennie konnte man durchaus als Urgestein des Clubs bezeichnen, sie hatte von allen Mitarbeitern die meisten Arbeitsjahre im Downtown auf dem Konto. Abgesehen davon wirkte sie trotz ihres Alters immer noch jugendlich frisch und hoch motiviert. Aufgrund der harten Arbeit, den endlosen Nachtschichten und dem allgemeinen Stress einer Disko hielten das nur sehr wenige für eine längere Zeit durch. Mitte dreißig galt schließlich im rauen Geschäft der Bars, Diskotheken und Kneipen als ein fast schon biblisches Alter. Zugegebenermaßen durfte man ihr gegenüber dies lieber nicht erwähnen.
»Hast du bereits unsere Neue gesehen und vielleicht sogar gleich kennengelernt?« Aha, daher wehte der Wind. Jennie war schlichtweg neugierig, dachte sich Finn. Da sie sich schon seit sehr vielen Jahren kannten und auch gut befreundet waren, wusste sie zudem Finns Frauengeschmack nur zu gut einzuschätzen. Tatsächlich glaubte er gar, dass sie die Neue extra seinetwegen an diesem Abend eingeteilt hatte.
»Jaja, ich hab sie vorhin einmal ganz kurz von weitem gesehen«, versuchte er, das Thema herunterzuspielen.
»Wirklich nur kurz?«, erwiderte Jennie.
»Was denn sonst? Sie ist recht nett! Aber du weißt ja, ich bin eigentlich vergeben.« Zugegeben: Das war zwar eine kleine Notlüge, aber sie half Finn, sich aus der Unterhaltung herauszuwinden.
Grinsend lief Jennie daraufhin einfach weg. Wie immer dachte sie sich ihren Teil. Viel zu gut kannte sie ihn, als dass sie ihm so leichthin diese lapidare Aussage abnehmen würde.
Währenddessen blickte er auf die Laptopanzeige – 22 Uhr.
»Gnhaaa, Scheiße!«, rief er sich selbst zu Vernunft.
Erneut hatte er sich von allen möglichen Dingen ablenken lassen. Während das DJ-Programm langsam startete, steckte Finn noch die letzten Stecker ins Mischpult. Das zweite Notebook musste erst einmal warten. Wenn jetzt doch bitte nur der Computer richtig laufen würde, betete er zu Gott. Tatsächlich ploppte in diesem Moment das Programm auf.
Wackersteine, Felsbrocken und ganze Steinfindlinge rutschten allesamt gleichzeitig von seinem Herzen. Damit war für ihn die größte Hürde genommen. Schnell noch ein Lied reinladen und ab geht die Party, spornte er sich zum flotteren Arbeiten an. Wie ein Irrer scrollte Finn durch die Ordner des Laptops. Kurzfristig einen beliebigen Song zu finden, war schwieriger, als es auf den ersten Anhieb erscheinen mochte. Es existierten letztlich zu viele gute Musikstücke, um sich auf die Schnelle entscheiden zu können.
»Alles fertig?«, rief Jennies Stimme in dem Moment vom Eingang her durch den Club. »Musik ab – wir machen auf!«
Dann muss es halt mit dem erstbesten Titel losgehen, legte Finn für sich selbst fest. Es war im Prinzip Jennies Schuld, dass er nicht rechtzeitig alles fertig hatte, schob er den Schwarzen Peter seiner Chefin zu.
›Earth, Wind & Fire – September – 03:35‹
Gut, das lässt sich jetzt auch nicht mehr ändern, dachte Finn bei sich. Während er weiterhin fieberhaft versuchte, die restliche Technik zum Laufen zu bekommen, stand unverhofft jemand neben ihm.
»Öhm, brauchst du was? Oder kann ich etwas für dich tun?«, fragte ihn vollkommen überraschend Marie.
Irritiert wusste Finn nichts darauf zu antworten. Er blickte verwirrt auf zwei lose Enden eines Kabels in seiner Hand. Vor lauter Schreck fiel ihm in dem Moment partout nicht ein, was er mit dem Anschlusskabel vorgehabt hatte. Deswegen war er gezwungen, sich aufzurichten. Dümmlich grinsend beugte er sich über das Mischpult. Dabei bemühte er sich, die Konzentration wiederzufinden.
Mit dem Umstand, diese schöne Frau unvermittelt am DJ-Pult zu treffen, hatte Finn überhaupt nicht gerechnet. Nach alledem, wie ihre Begrüßung zunächst abgelaufen war, verwirrte ihn das neuerliche Zusammentreffen über alle Maßen. Wie aus einem Paralleluniversum entstiegen, kam Marie ihm zugleich auch viel offener, netter und freundlicher vor. Es wirkte auf ihn, als wäre sie eine komplett andere Person.
Zur gleichen Zeit stieg wieder dieser betörende Duft in seine Nase. Augenblicklich sprang etwas tief in ihm an – es zog ihn beinahe wie magisch zu der Frau hin. Er sollte Marie unbedingt fragen, welches Parfüm sie konkret benutzte, stellte Finn für sich selbst fest. Erneut verunsicherte ihn die gesamte Situation. Selten schafften es Mädchen, ihn derart aus der Fassung zu bringen.
»Im Moment brauche ich nichts«, antwortete er fast schüchtern. »Aber danke!«
Wie schon zuvor fesselten ihn ihre großen und dunklen Augen. Ähnlich zwei unbändiger schwarzer Seen, wirkten sie wie der direkte Zugang zu ihrem Inneren. Geheimnisvoll, magisch und ein wenig verrucht versprachen sie Dinge, welche selbst Finn die Röte ins Gesicht zauberten.
Schnell versuchte er, sich wieder darauf zu konzentrieren, erst einmal alles aufzubauen. Getränke holen oder Gespräche führen konnte er auch immer noch später. Egal wie sehr ihn Marie auch ablenkte, es galt für ihn zuerst, alles zum Laufen zu bekommen. Letztlich war er der DJ und das war sein Job.
»Und was kann ich dann indirekt für dich tun?«, fragte die braunhaarige Schönheit beinahe flüsternd hinterher.
Perplex stellte Finn jegliche Tätigkeit ein. Er benötigte einige Augenblicke, um sich wieder zu sammeln. Auf den Spruch fiel ihm spontan nichts ein. Normalerweise war er wesentlich schlagfertiger in solchen Situationen. Wahrscheinlich stand er wie der letzte Idiot mit offenem Mund vor Marie, vermutete er.
Allerdings existierte aber auch kaum eine wirklich schlagfertige Erwiderung auf diese Frage. Etwas ›indirekt‹ für ihn machen zu wollen, war schon eine sehr zweideutige Aussage. Dazu noch von einer solch hübschen Frau geäußert, brachte diese Aussage wohl jeden Mann aus der Fassung.
Für gewöhnlich wäre Finn direkt auf einen derartigen Flirtversuch eingestiegen. Maries zuvor gezeigte Abweisung widersprach ihrem jetzigen Verhalten jedoch vollkommen. Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte Finn, ob es nicht zwei Maries gäbe. Eventuell hatten heute Zwillinge angefangen, stellte eine vernünftige Erklärung für die ungewöhnliche Begebenheit dar. Der Gedanke trieb ihm augenblicklich ein schmutziges Grinsen ins Gesicht. Seine Grübeleien sorgten allerdings dafür, dass sich die Frau einfach umwendete. Offensichtlich hatte er sich für die Erwiderung viel zu viel Zeit gelassen.
So machte sich Marie auf, ohne ein weiteres Wort zurück zur Bar zu verschwinden. Es wirkte auf Finn, als hätte er einen besonderen Augenblick sinnlos verstreichen lassen. Irgendetwas war soeben geschehen und er hatte keinen Deut davon mitbekommen. Fieberhaft überlegte er daraufhin, was ihr Verhalten wohl bedeuten sollte. Noch vor fünfzehn Minuten hatte sie ihn nicht einmal mit ihrem Hintern angesehen. Nun fühlte er sich auf einmal direkt von ihr angegraben. Mitten auf der Tanzfläche drehte sie sich im Weggehen noch einmal für einen kurzen Moment zu ihm um. Obwohl es eigentlich dunkel war und nur das ›Begrüßungslicht‹ leuchtete, war Finn sich sicher, dass sie ihm ein vielsagendes Lächeln zuwarf.
Jäh brach ihm der Schweiß aus. Das Lied war übergangslos zu Ende gegangen. Im ganzen Club herrschte plötzlich eine gespenstische Stille. Von allerorten ruckten die Köpfe zu ihm herum. Hatte er sich doch tatsächlich von der Frau derart ablenken lassen, dass ihm das Malheur widerfahren ist, den Einsatz zu verpassen. Peinlich berührt, hob er einen seiner Arme, um sich mit der Geste zu entschuldigen.
Gerade am Anfang stellte das alles natürlich noch kein Problem dar. Es wäre aber ratsam, dass ihm das lieber nicht während der Primetime passierte. In Windeseile nahm Finn seine Maus in der Hand, um ein neues Musikstück auszuwählen.
›Diana Ross – Upside down – 04:07‹
Die Klassiker waren immer gut. Vor allem am Anfang sollte es kontinuierlich ein bisschen grooven. Außerdem brauchte Finn immer noch Zeit, alles anzuschließen. Wenn das so weiterging, würde er heute nie mehr fertig werden, verfluchte er die gehetzte Situation. Auch hatte er noch keine Notizzettel und Stifte geholt. Obendrein war der kleine Kühlschrank in seinem Rücken ebenso wenig aufgefüllt. Es gab noch so viel für ihn zu erledigen und der Abend hatte bereits begonnen.
Wenn nur nicht Marie schon wieder durch seine Gedanken geistern würde! Zu sehr hatte ihn der süße Hintern in den Skinny-Jeans von der Arbeit abgelenkt. Finn hasste diesen Stress. Wenn er derart unter Druck arbeiten wollte, wäre er besser als Journalist zu einer Zeitung gegangen. Er hatte extra dieses wahrlich gemütliche Leben für sich herausgesucht, weil es gemeinhin so schön entspannt und gemächlich verlief. Das übliche Gehetze konnten auch immer noch die anderen machen. Für ihn war das nichts. Vielmehr sah er sich eher als einen richtigen Freigeist – und Künstler hetzte man in aller Regel nicht.
Natürlich betraten in dem Augenblick weitere Gäste den Club. Nun wäre es blöd gekommen, wenn die Musik wieder ausfiele. Entsprechend achtete Finn darauf, dass das Lied nicht zu Ende ging, ohne dass ein neues bereitlag. Endlich schaffte er es, den Ersatzlaptop an das Mischpult anzuschließen. Damit war er auf der sicheren Seite. Wenn nun etwas passieren sollte, musste Finn einfach nur auf den Play-Button des Zweitrechners drücken. Ab diesem Zeitpunkt würde der Abend schön entspannt verlaufen, beruhigte er sich selbst.
Generell war die Arbeit im Downtown eher von der lockeren Sorte. Letztendlich konnte er spielen, was immer er wollte. Natürlich verfügte die Party über einen ungefähren Rahmen, aber dieser war vielmehr nur als Hinweis zu betrachten. Solange die Menschen tanzten, hatte er relativ freie Hand.
Auf den Familienfeiern, die er im letzten Monat durchweg gefahren hatte, war Finn sich eher wie eine bessere Jukebox vorgekommen. Die Gäste auf einer Ü50-Geburtstagsparty hatten sich dabei ohne Unterlass durch die Musikgeschichte der DDR gewünscht. Kaum eine Ostrockband, die er nicht gezwungen gewesen war, für die älteren Semester aufzulegen.
Eine Woche später hatte Finn eine Hochzeit bespielt. Braut und Bräutigam waren Fans von deutschsprachigem Hip-Hop gewesen. Entsprechend hatte er die Nacht lang einen Wunsch nach dem anderen erfüllt. Es ging an dem Abend von den Fantastischen Vier über Seeed und endete bei Marsimoto.
Auf einem Polterabend den Samstag darauf arbeitete er in einer Gartensparte am Stadtrand. Normalerweise lehnte er derartige Anfragen stets ab. Da bei dem zukünftigen Brautpaar allerdings das Geld locker saß, hatte er zugestimmt, in dem Vereinsheim aufzulegen. Während der Veranstaltung hatte Finn sich jedoch gewünscht, dass er lieber auf seine innere Stimme gehört hätte. Fast alle Gäste waren Fans von hartem Techno der 90er-Jahre gewesen. Eine dermaßen lange, anstrengende und laute Hardstyle-Party war er noch nie zuvor gefahren. Irgendwann gelangte auch der genügsamste DJ an die Grenzen der Belastbarkeit.
Heute und hier war er jedoch endlich wieder der Bestimmer. Hier entschied er, was gespielt wurde. Und nur er.
›Donna Summer – Hot stuff – 03:50‹
Bäm! – und direkt einen weiteren Hit hinterher. Der heutige Abend war seine Party. Nach den ganzen Privatfeiern der vergangenen Wochen war er froh, sich das ab und zu ins Gedächtnis zurückzurufen. Endlich konnte er wieder die ›Vibrations‹ von der Tanzfläche spüren. Es gab nichts Schöneres, als wenn die Menge auf dem Dancefloor zu seiner Musik in Ekstase geriet. Dies war sein Tempel und er stand in der Kanzel.
Vor allem das Anflirten der Neuen hatte Finn trotz der anfänglichen Irritation in Hochstimmung versetzt. Vergessen war die seltsame Begrüßung und die peinliche Situation hinter der Bar. Vielleicht sollte er es später doch noch einmal bei der Kleinen probieren, spornte er sich an. Niedlich sah sie auf jeden Fall aus. Mehr als einen zusätzlichen Korb konnte er sich dabei kaum holen. Sein Jagdinstinkt war geweckt.
Er ließ für einige Sekunden den Blick zur Hauptbar hinübergleiten. Tatsächlich erkannte Finn sogar über die Entfernung hinweg Maries Silhouette vor den beleuchteten großen Kühlschränken. Ihre schmale Taille sprach ohnehin schon für sich allein. Für einen kurzen Moment kroch erneut dieser besondere Duft in seine Nase. Aus einem ihm unbekannten Grund hatte die neue Barkraft einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Wobei ihm jedoch relativ klar war, was ihn an der Kleinen faszinierte. Nicht von ungefähr entsprach sie perfekt seinem Beuteschema. Nahezu schon als Idealbild einer Frau zu bezeichnen, erzeugte sie in ihm ein gewisses Verlangen. Er konnte sich sehr gut vorstellen, mit der Bartenderin die einen oder anderen Dinge anzustellen.
Aus den Sekunden wurde fast eine Minute. Beinahe schon hypnotisch war er gezwungen, seinen Blick von Marie abzuwenden. Mit einem verträumten Lächeln im Gesicht stellte Finn sich vor, wie es wäre, die neue Barfrau näher kennenzulernen. Weniger dachte er dabei an gemeinsame Ausflüge über eine Blumenwiese. Vielmehr kreiste seine Fantasie dabei um Dinge, die er mit der Frau in seinem großen Bett anstellen könnte. Das Ende des Donna-Summer-Songs riss ihn unvermittelt aus seinen Gedanken.
›Murray Head – One night in Bangkok – 03:28‹
In den nächsten Minuten regelte Finn seine ganzen kleinen Erledigungen. Als DJ musste man eben nicht nur irgendwelche Knöpfe drücken oder Regler schieben.
› The Flirts – Passion – 05:58‹
Als er endlich so weit war, dass er für sich dachte, der Abend könne beginnen, war es bereits um einiges nach viertel elf. Dass die Zeit derart schnell verging, hätte er kaum für möglich gehalten.
Die erste Stunde war zum Glück gemeinhin für das Aufwärmen gedacht. Das Licht war noch stark gedimmt. Die Effektgeräte ließen ihre Lichtkegel in langsamen Bahnen durch den Club gleiten. Alles war für den Moment entspannt und harrte darauf, dass die Party endlich losgehen konnte.
Aus dem Grund befanden sich innerhalb der Disko auch noch nicht so viele Gäste. Einige saßen eher zwanglos an den Tischen und genossen die Ruhe vor dem Sturm. Mit der eher leise gehaltenen Hintergrundmusik war eine Unterhaltung durchaus noch möglich und erwünscht. Vielleicht hatten sich auch schon die ersten Pärchen kennengelernt, mutmaßte Finn. Eventuell kamen sie sich in der Sekunde bereits ein wenig näher?
›US3 – Cantaloop – 04:39‹
Es kam selten vor, dass 23 Uhr der Laden bereits voll war. Gemeinhin trudelte der Großteil der Menschen kurz vor Mitternacht ein. Deswegen war es auch geplant und erwünscht, dass es erst langsam losging. Bis zur elften Stunde würde Finn noch verhaltene Musik spielen. Die ganzen großen Hits hielt er sich für später bereit. Es brachte prinzipiell kaum etwas, vor einem beinahe leeren Raum einen Chartbreaker nach dem anderen herauszuhauen.
Für einen Moment ging seine Hand zum Ersatz-Notebook. Lieber einmal mehr überprüft, ob alles funktioniert, als dass er sich später in der Party-Nacht in die Nesseln setzte, sagte Finn sich. Am heutigen Abend hatte der Aufbau ein wenig länger gedauert als sonst üblich. Er hoffte, dass dies für ihn kein schlechtes Omen darstellte.
Finn hatte durchaus verrückte Nächte erlebt, an denen so gut wie alles schiefgelaufen war. Eigentlich bezeichnete er sich nicht als abergläubisch. Dennoch achtete er ab und an auf die kleinen Zeichen, die ihm einen verflixten Tag andeuteten. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass er schon eine Weile nicht mehr hier gewesen war. Die vielen Veranstaltungen außerhalb des Clubs hatten ihn irgendwie ein bisschen aus dem Tritt gebracht.
Aus dem Grund ging er nochmals sämtliche Kabel, Steckverbindungen und Gerätschaften durch. Er war zwar weit davon entfernt, sich pedantisch zu nennen, dennoch hatte sein mehrfaches Überprüfen fast schon einen zwanghaften Charakter. Dessen ungeachtet lief alles genau so, wie es eigentlich vorgesehen war. Nichts deutete darauf hin, dass sich der Abend anders entwickeln sollte als die hundert Nächte zuvor.
Tief durchatmen! Entspannt und endlich beruhigt verschränkte Finn die Arme vor der Brust. Nun gab es bis zum tatsächlichen Beginn der Party kaum mehr etwas für ihn zu erledigen. Einzig die Gäste mussten nur noch zu tanzen anfangen.
›Gloria Estefan – Dr. Beat – 04:21‹
Im Hintergrund bemerkte Finn bereits, wie die Leute zu zappeln begannen. So früh am Abend trauten sie sich freilich noch nicht bis auf die Tanzfläche. Gloria Estefan sorgte allerdings wie immer dafür, dass die ersten Hüften zu zucken anfingen. Das war aber okay. Die Gäste durften ruhig erst einmal an der Bar stehen und ein bisschen mit den Hintern wackeln. Finn störte das wenig. Er erwartete nicht einen von Anfang an bis zum Bersten gefüllten Dancefloor. Viel lieber fing er eine Party-Nacht ganz entspannt an. Es würde heute ohnehin voll werden, war er sich sicher.
Die erste Stunde war sowieso eher für die Leute gedacht, die noch in Ruhe einen Cocktail schlürfen oder ein lockeres Gespräch führen wollten. Sobald die ›Action‹ richtig losging, wären sie dazu kaum mehr in der Lage. Entsprechend gönnte er den nach und nach eintreffenden Menschen die frühen ruhigen Minuten.
Aus all diesen Gründen verfügte Finn über eine gute halbe Stunde Zeit, bevor es für ihn so weit war, mit der eigentlichen Arbeit zu beginnen. Und bevor der Sturm einsetzte, wollte er lieber noch einmal selbst in Ruhe an der Bar vorbeischauen. Nach wie vor drehte der Flirtversuch von Marie in den Synapsen seines Kopfes eine Runde nach der anderen. Egal von welcher Seite er es auch betrachtete – die ganze Sache kam ihm reichlich spanisch vor. Er war sich nicht sicher, was das alles zu bedeuten hatte.
An der Theke angekommen, wählte Finn einen der hinteren Tresenplätze, um die Möglichkeit zu haben, in versteckter Lage die Barmädels zu beobachten. Im Laptop hatte er derweil eine kleine automatische Playlist zusammengestellt, die ohne sein Zutun die nächsten zwanzig Minuten überbrücken würde. Entsprechend verfügte er nun über etwas Zeit, um ein paar Worte mit der Neuen zu wechseln. Vielleicht kam er während des Gesprächs dahinter, was ihr Verhalten zu bedeuten hatte.
Leider war Marie in dem Moment reichlich beschäftigt. Emma als Tresen-Chefin war gerade dabei, ihr die Abläufe der Bar und des Abends näher zu erklären. Nacheinander gingen die beiden Barkräfte sämtliche vorhandene Schieber, Kühlschränke und Fächer durch. Sehr zu seiner Freude befassten sich die beiden Mädels soeben damit, die unteren Kühlfächer zu inspizieren. Emma wie auch Marie hockten in dem Augenblick nur ein paar Meter von ihm entfernt am Boden. Die kurzen Oberteile und knappen Hosen der zwei Barfrauen sorgten dafür, dass Finn jede Menge Haut zu sehen bekam.
Beide trugen sie winzige schwarze Strings und enge Skinny-Jeans. Die explizite Lage erzeugte den angenehmen Nebeneffekt, dass Finn beinahe die kompletten Höschen und die Hälfte der Hintern präsentiert bekam. Als er sich diese Situation so betrachtete, explodierten wie automatisch Szenen und Bilder von einem wilden Dreier mit den zwei Ladies in seinem Kopf. Obwohl Emma manchmal ein wenig zu viel redete, war sie dennoch eine nicht zu unterschätzende Partie. Gertenschlank, sportlich und mit keinem Gramm Fett am Körper, versprach sie etliche interessante Erfahrungen.
Finn hatte sich schon das eine oder andere Mal dabei ertappt, wie er sich gedanklich ein Schäferstündchen mit der Barfrau ausmalte. Meistens am Ende eines Dienstes, während er noch den letzten Drink am Tresen ausschlürfte, war er die Möglichkeit für eine gemeinsame Nacht in seinem Kopf durchgegangen. Auf seine mehrdeutigen Andeutungen hatte Emma bisher jedoch immer spitzzüngige Erwiderungen gefunden, ohne ihm aber tatsächlich eine Absage zu erteilen.
Obwohl Finn zu einem One-Night-Stand kaum Nein gesagt hätte, war es bis heute nicht zu etwas Ernstem gekommen. Grundsätzlich hatte Emma während seiner zahlreichen Flirtversuche die souveräne und eiskalte Kollegin gemimt. So hübsch wie sie war, hatte er es gleichwohl im Laufe der Jahre an mehr als nur an einem Morgen versucht, sie anzubaggern.
Allerdings musste sie sich vom Aussehen her klipp und klar Marie geschlagen geben. Die Neue hatte einfach viel längere Beine, ein ebenmäßigeres Gesicht und einen wesentlich üppigeren Oberkörper. Gepaart mit einem flachen Bauch, wirkte sie fast wie ein Model.
Beinahe hypnotisch hielt Finn den Blick auf den unteren Rücken der Frauen fokussiert. Zum Glück bekamen sie davon nichts mit. Wahrscheinlich hätte er sich ansonsten etwas Gehöriges anhören können. Tief in sich wusste er, dass sich so etwas nicht gehörte. Der Anblick jedoch brachte ihn fast um den Verstand.
›James Brown – Sexmachine – 05:04‹
In dem Moment kamen in Finn, wie sonst in derartigen Situationen auch, Selbstzweifel auf. Eigentlich war Marie viel zu hübsch für ihn. Dieses Kaliber Frauen war entweder mit ihrer Jugendliebe verbandelt oder suchte nach einem Mann, der berühmt, reich oder erfolgreich war – idealerweise auch gleich sämtliches zusammen. All dies traf leider nicht auf Finn zu. Entsprechend bekam er immer immense Probleme damit, ein besonders schönes Mädchen anzusprechen. Er wusste von vornherein, dass sich so eine wie sie nie in einen wie ihn verlieben würde. In seiner Jugend hatte er es oft genug versucht, bei einer Traumfrau zu landen. Jedes Mal war er kläglich daran gescheitert. Tatsächlich war er in dieser Hinsicht sogar ein gebrandmarktes Kind.
Während er weiterhin versonnen die prachtvollen Rücken der beiden Mädels begutachtete, war jemand unbemerkt neben ihn getreten. Aus den Augenwinkeln heraus nahm Finn eine Bewegung wahr. Irritiert sah er nach links. Breit grinsend stand Jennie an seiner Seite. Wie ertappt versuchte er nun seinerseits, ein Lächeln aufzusetzen. Zugleich richtete Finn sich auf dem Barhocker auf. Betont unauffällig blickte er die Personalchefin an. Er glaubte allerdings, dass ihm dies nicht allzu gut gelang. Wahrscheinlich sah er ziemlich dämlich aus, wie er versuchte, gerade nicht in die besagte Richtung zu schauen.
»Na, was treibst du so an der Bar, statt zu arbeiten?«, neckte Jennie ihn ohne Umschweife.
Es hätte ihm klar sein müssen, dass sein Verhalten nicht unbeobachtet geblieben war. Zu offensichtlich hatte Finn den Mädels auf den Hintern gestiert. Nun erhielt er dafür von seiner Chefin die Quittung. Vielleicht gelang es ihm aber doch, sich aus der Geschichte herauszureden. Marie sollte keinen zu schlechten ersten Eindruck von ihm erhalten. Was die anderen dachten, war ihm im Gegenzug reichlich egal.
»Ich warte auf mein Getränk«, versuchte er, sein Hiersein zu erklären.
»Ah, klar. Das sehe ich«, grinste Jennie wissend.
Damit wurde das Gespräch für ihn auch nicht besser.
»Und du findest deine Bestellung auf den Hintern der beiden Mädels da unten?«, feuerte sie eine weitere Spitze ab.
»Ja, wo soll ich denn sonst hinschauen?«, fragte Finn ertappt zurück.
»Ich weiß nicht, vielleicht gibt es noch etwas anderes zu erledigen?«, stichelte seine Chefin.
In Gedanken gab Finn ihr sogar recht. Derart lange auf die Hintern irgendwelcher Frauen zu glotzen, gehörte sich schlichtweg nicht. Dennoch wurmte es ihn, dass Jennie weiterhin versuchte, ihn damit aufzuziehen. Reichte es ihr denn nicht aus, dass sie ihn ertappt hatte?
»Willst du mir Vorwürfe machen, dass ich die Aussicht genieße?«, ging er deswegen in die Offensive. »Ich sitze doch nur ganz unschuldig hier. Letztlich kann ich nichts dafür, dass die beiden so derart knapp bekleidet sind.«
»Das kannst du wohl wirklich nicht«, erklärte Jennie ihm mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme. »Es bleibt nur festzuhalten, dass du ein typischer Mann bist.«
›Kool and the Gang – Celebration – 05:01‹
Im Folgenden versuchte Finn, das Thema in eine andere Richtung zu lenken. Im Club existierten andauernd kleinere Baustellen, an denen herumgewerkelt wurde. Nie war irgendetwas richtig erledigt oder funktionierte zur Gänze. War die Bar neu, galt es, das DJ-Pult auszubessern. Wenn das Lager fertig umgebaut war, schien es einmal mehr angeraten, etwas an der Lichtanlage zu verändern. Entsprechend fand er immerfort Themen, um ein alternatives Gespräch anzufangen.
Nachdem sie ein paar Sätze wegen der neuen Lichtsteuerung gewechselt hatten, verschob Jennie den Inhalt ihrer Unterhaltung allerdings zu einem gänzlich anderen Thema. Das war Finn nun wiederum auch nicht recht. Wäre er doch bloß bei den entzückenden Rücken geblieben!
»Was ist denn jetzt mit Katie? Wenn du schon irgendwelchen Frauen dermaßen schmachtend hinterher schaust, kann doch irgendwas mit deiner Beziehung nicht stimmen. Ich kenne den Blick. Du brauchst nicht so zu tun, als würdest du nicht wissen, wovon ich spreche.« Damit traf Jennie bei ihm direkt ins Schwarze.
»Ach komm, du weißt genau, wie ich das meine«, sagte Finn zu Katie, bevor er in eine Verteidigungshaltung überging. »Was kann ich denn auf einmal dafür? Ich versuche doch nur, ehrlich zu dir zu sein. Hätte ich dich stattdessen anlügen sollen? Willst du etwa, dass ich dir etwas vormache? Ich begreife schlichtweg nicht, was nun schon wieder daran falsch sein soll.«
»Was daran falsch ist?«, schmetterte sie die Worte übergangslos zurück. »Hast du sie noch alle? Du machst mit mir gerade Schluss, und fragst mich auch noch, was daran verkehrt sein könnte? Ich glaube, ich bin im falschen Film. Wie um alles in der Welt kann man nur so zurückgeblieben sein? Vor allem mir auch noch solche Fragen zu stellen. Ich begreif das nicht. Habe ich mich wirklich derart in dir getäuscht?«
»Was verstehst du denn nun schon wieder nicht?«, versuchte Finn, ein wenig Sprengstoff aus dem Thema zu nehmen.
So geladen wie Katie in dem Augenblick auf ihn wirkte, empfand er zum Teil gehörigen Respekt vor der Frau. Entsprechend suchte er nach einer Möglichkeit, das Gespräch nicht allzu sehr hochzukochen. Vielleicht würde es funktionieren, wenn er das Thema totredete, dachte er bei sich selbst. Das hatte bereits einmal bei einer Ex geklappt, rief er sich in Erinnerung. Sie redeten damals so lange miteinander, bis sie es von sich aus einsah, warum es richtig war, die Beziehung zu beenden. Eventuell würde das mit Katie ja auch funktionieren – hoffte er zumindest. Schaden konnte es jedenfalls nicht. Im Reden war er eigentlich immer recht gut gewesen.
Mehr noch, Finn hielt sich für einen sehr eloquenten Menschen. In den meisten Situationen entsprach es eher seinem Wesen, verschiedenste Sachen auszudiskutieren, totzuquatschen oder in einem Gespräch zu klären. Dementsprechend lief es auch in der Schule und dem Studium ganz ähnlich ab. Klausuren, schriftliche Klassenarbeiten und das zentrale Abitur waren ihm ein Graus gewesen. In der mündlichen Zwischenprüfung, dem mündlichen Abitur und bei Vorträgen hatte er hingegen fortwährend auf voller Linie geglänzt.
Aus dem gleichen Grund hatte er ebenso seine leidlichen Probleme damit, wenn es darum ging, einen Liebesbrief zu verfassen. Stattdessen entsprach so eine klärende Unterhaltung wie heute und hier vergleichsweise eher seiner eigentlichen Wohlfühlzone. Das hieß jedoch nicht, dass Finn diese Situation genoss – ganz im Gegenteil.
»Na, zwischen uns lief es doch ganz gut«, begann Katie stattdessen. »Die letzten Tage und Wochen fand ich eigentlich recht schön. Wir haben so viel Zeit miteinander verbracht und sind uns näher gekommen. Es ist ja auch nicht so, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre dir egal. Eher im Gegenteil. Vielmehr warst du es doch, der stets versucht hat, etwas mehr daraus zu machen«, betonte sie.
»Wieso nimmst du es mir auf einmal übel, dass ich probiert habe, mehr Zeit mit dir zu verbringen?«, fragte er Katie gerade heraus.
»Was hat das damit zu tun?«, wollte sie im Gegenzug von ihm wissen.
»Mir ist es wichtig, mehr über die Frau zu erfahren, mit der ich meine Tage verbringen will. Woher soll ich denn sonst wissen, ob du auch die Richtige bist?«, erwartete Finn, fast schon provokativ, von ihr zu erfahren.
»Du hast dich regelmäßig darum gekümmert, dass ich mich wohlfühle. Andauernd bist du mit neuen Ideen und Einfällen gekommen, was wir unternehmen könnten. Du hast doch immer dafür gesorgt, dass es mir während der gemeinsamen Zeit gut geht.« Emotionsgeladen sah Katie ihn an.
»Und was war daran falsch?«, bohrte Finn nach, um das Thema vom eigentlichen Schlussmachgrund wegzuführen.
»Na, du hast mir immer wieder zu verstehen gegeben, dass da eben mehr war.«
»Wie habe ich denn das geschafft?« Jetzt war Finn neugierig.
»Zum Beispiel vor drei Wochen.«
»Vor drei Wochen? Was soll da gewesen sein?« So sehr er darüber auch nachdachte, er wusste nicht, worauf Katie anspielte.
»Der Ausflug zum Spitzhaus. Du weißt doch ganz genau, worauf ich hinaus will«, entgegnete sie.
»Du, ehrlich, ich habe keine Ahnung, was du mir damit sagen möchtest.« Finn wusste tatsächlich immer noch nicht, was Katie von ihm wollte.
»Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass wir damit unsere Beziehung auf eine andere Ebene gehoben haben.«
Er konnte sie nur mit großen Augen anblicken, mehr war er nicht in der Lage zu entgegnen. Entsprechend führte sie ihre Behauptung weiter aus.
»Pärchen gehen nicht einfach mal so zum Spitzhaus hinauf. Das ist ein ganz besonderer Ort. Es gibt kaum einen romantischeren Aussichtspunkt in Dresden und Umgebung. Du hast doch den Rundumblick selbst gesehen. Oberhalb von Radebeul gelegen, ist es mit Abstand der beste Punkt, um sich einen Sonnenaufgang über dem Elbtal anzuschauen.«
»Ja klar, das weiß ich. Deswegen bin ich mit dir auch da hinaufgestiegen. Du sagst mir damit wenig Neues. Ich verstehe aber nach wie vor noch nicht, worauf du genau hinaus willst. Was hat der Aussichtspunkt mit unserer Beziehung zu tun?«
»Genau das!« Katie versuchte, ruhig zu bleiben. »Kein Mann steigt einfach so mit einer Frau auf einen derart romantischen Ort hinauf, ohne etwas damit zu bezwecken. Normalerweise steckt da immer irgendetwas Bedeutsames dahinter. Für mich war es jedenfalls das Zeichen, dass da mehr zwischen uns ist. Mir ist klar, dass Männer nicht gut über ihre Gefühle reden können. Entsprechend dachte ich, du würdest es mir auf diese Art sagen wollen.«
»Aber das war doch nur ein ganz normaler Ausflug«, versuchte Finn, die Situation zu relativeren.
»Für dich vielleicht!«
»Was hätte es denn sonst sein sollen?«, fragte er deswegen nach.
»Für mich war es eben mehr«, stellte Katie fest. »Du hast mir etwas zu verstehen gegeben. Wenn schon nicht mit Worten, hatte ich gedacht, dass du sagen willst – los, jetzt versuchen wir es richtig miteinander.«
Für Finn war das Ganze nur schwer nachzuvollziehen. Eigentlich war es für ihn wirklich nur ein beliebiger Ausflug gewesen. Egal was die Menschen auch von ihm dachten: Er wusste, wie Frauen ticken und funktionieren. Entsprechend war er sich der Wirkung eines Sonnenaufgangs an einem derart romantischen Aussichtspunktes durchaus bewusst.
Dass Katie allerdings so viele Erwartungen und Hoffnungen in diesen Ausflug gesteckt hat, war ihm nicht klar gewesen. Prinzipiell stellte dieser Tag für ihn eher die letzte Chance dar, zum Ende hin vielleicht doch noch tiefere Gefühle für Katie zu entwickeln. Finn hatte darauf gehofft, dass bei einem innigen Kuss sein Herz letztlich doch noch beginnen würde, endlich vor Liebe loszuhopsen.
Bei solchen Aktionen lernte er am ehesten etwas über die jeweilige Partnerin. Für ihn war es wichtig, schon am Anfang herauszufinden, ob man zusammenpasste oder eben nicht. Entsprechend versuchte er oft, sich in den ersten Tagen und Wochen darüber bewusst zu werden, ob sie die Richtige für ihn wäre oder eben nicht – so auch bei Katie.
Ihre Stimme riss ihn erneut aus den Gedanken.
»Wie aus heiterem Himmel kommst du aber her und eröffnest mir, dass du vorhast, die Sache zu beenden. Ich kapiere das nun einmal nicht so ohne weiteres. Was war denn an uns so schlecht, dass du alles ohne Umschweife in den Müll werfen willst? Bin ich dir nicht gut genug? Hast du eine andere, oder was soll die ganze Sache hier?«, hakte sie scharf nach. »Ich will wissen, was du dir dabei gedacht hast!«
Finn sah ein, dass seine Taktik diesmal wenig bringen würde.
»Na ja, was soll ich sagen«, begann er weiter auszuholen. »Nein, eine andere gibt es selbstverständlich nicht. Es ist trotzdem alles nicht ganz so einfach, wie du es dir vielleicht denkst. Wir sind nun schon seit vier Monaten zusammen. Eigentlich ist es sogar recht nett, aber es fehlt halt irgendwas Bestimmtes. Ich kann auch nicht richtig erklären, was es ist. Da ist so etwas Unbestimmtes, eine Art Leere, ein Stück oder ein Teil, was nicht wirklich stimmt oder passt.«
»Ich habe keine Ahnung, was du damit meinst«, zeigte sich Katie fassungslos. »Wieso fällt dir das ausgerechnet heute ein? Hättest du mit deinen Bedenken nicht ein wenig eher kommen können? Ich meine, ich habe angefangen, unsere gemeinsame Zukunft zu planen. Ich dachte, dass es etwas mehr wird zwischen uns. Verstehst du? Ich hab begonnen, dich zu lieben!« Ihre Worte gingen in ein Schluchzen über.
Das war genau das Thema, auf das Finn hinauswollte. Dabei ignorierte er die Situation, dass sich Tränen in den Augen der frischen Ex-Freundin bildeten. In seinem jetzigen Zustand war ihm dies leidlich egal. Frauen heulten im Prinzip immer, wenn es darum ging, eine Beziehung zu retten.
In der Regel weinten auch Männer, wenn ein Partner oder eine Partnerin mit ihnen Schluss machte. Allerdings taten sie das allein und für sich selbst. Finn glaubte mittlerweile, dass es nur eine Strategie des weiblichen Geschlechts darstellte, um letztlich doch noch zu gewinnen. Es gab bestimmt genug Männer, die sich durch Tränen erweichen ließen. Eventuell waren es aber auch nur ihre verletzten Gefühle, die sich einen Weg nach draußen suchten. In jedem Fall war es nach dem Schlussmachen nicht mehr seine Angelegenheit.
»Und genau das meine ich. Das ist ja gerade das Problem. Ich glaube, dass ich dich eben nicht liebe«, setzte er an Katies Worte an.
»Was willst du mir damit sagen?«, reagierte sie mit schon schrillerer Stimme augenblicklich auf seine Worte. »Hast du mir etwa in den letzten vier Monaten irgendwas vorgespielt? Was waren die ganzen Momente, Abende und Nächte sonst für dich?«
»Nein, natürlich nicht«, versuchte Finn zugleich, die vorherige Aussage zu relativieren. »Ich mag dich wirklich. Ich mag dich sogar sehr. Nur leider ist da eben nicht mehr als das. Ich weiß nicht genau, wie ich es sonst ausdrücken soll. Es fehlt letztlich irgendetwas. Es ist einfach auch nicht mehr so wie früher.«
»Was meinst du nun schon wieder mit früher?«
»Naja, damals eben«, druckste er herum.
»Jetzt komm mir bitte nicht so! Du schuldest mir wenigstens eine vernünftige Antwort!«
»Kennst du das nicht?«, fragte er deswegen zurück.
»Was soll ich kennen? Wieso druckst du hier so herum? Verdammt noch mal – entweder du gibst mir eine richtige Erklärung oder du bist der größte Vollidiot aller Zeiten!«, schmetterte sie ihm entgegen.
Gleichzeitig verschränkte Katie ihre Arme vor der Brust, um eine gewisse Entschlossenheit zu demonstrieren. Sie beabsichtigte offensichtlich, dieses Thema hier und jetzt komplett durchzukauen. Finn verfluchte sich dafür, dass er mit dem Problem angefangen hatte. Eigentlich empfand er es als zu privat, als dass er vorhatte, es mit Katie zu erörtern. Obwohl sie seit vier Monaten ein Paar waren, hatte er sich ihr gegenüber nie wirklich geöffnet. Umso verfahrener war die Situation, dass er es heute an diesem letzten Tag doch noch tun müsste. Egal ob er wollte oder nicht – er war nun gezwungen, die Angelegenheit aufs Genauste darzulegen.
»Ich weiß nicht genau, wie ich es erklären soll«, begann er deswegen weiter auszuholen. »Früher war die Liebe irgendwie anders. Bei meiner allerersten Freundin damals – dieses Gefühl. Verstehst du, was ich meine?«
Ziemlich ratlos blickte ihn Katie weiterhin an. Anscheinend wusste sie nicht, worauf er eigentlich hinauswollte. Dabei war es doch so simpel, stöhnte Finn innerlich auf. Ihm fiel es nur schwer, seine Gedanken in Worte zu fassen. Er versuchte es tapfer weiter.
»Na, ich meine das Gefühl, was ich damals empfunden habe. Dieses besondere … Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du nicht weißt, wovon ich eigentlich spreche. Jeder von uns hat das doch schon einmal verspürt. Ich kann nicht glauben, dass du so tust, als würdest du nicht wissen, was ich meine«, machte er ihr Vorwürfe.
»Dann sag doch endlich, was dir auf der Zunge liegt«, gab sie ihm die Chance, sich doch noch irgendwie aus dem Dilemma zu befreien.
»Es ist einfach so, dass mein Herz bei dir nicht hopst!«, platzte es aus Finn heraus.
Perplex blickte Katie ihn für ein paar Sekunden lang an. Nachdem sie sich gefangen hatte, gruben sich mehrere tiefe Furchen in ihre Stirn.
»Hopsen? Was zum Teufel meinst du mit Hopsen?« Katie stand daraufhin kurz davor zu platzen. Was sollte sie mit dieser Aussage auch anfangen?
»Na, das Gefühl eben. Bei meiner ersten Freundin war es jedes Mal so, als wenn mein Herz aus der Brust springen würde, sobald wir uns sahen. Bei dir ist es eben nicht so«, sprach er es endlich aus. »Verstehst du mich jetzt? Es wäre mir wichtig, dass du mir folgen kannst.« Mittlerweile bettelte Finn sie förmlich an. »Es geht hier schließlich um ganz private Dinge, die ich sonst nicht ohne weiteres preisgebe.«
Mit hoffnungsvollem Blick wartete er auf eine Reaktion von Katie. Sehr zu seinem Verdruss blieb diese leider aus. Bis zu dem Moment hatte er immer noch gehofft, sich irgendwie aus dem Dilemma befreien zu können. Sich in dieser Weise gegenüber Katie zu öffnen, entsprach seiner Meinung nach nicht dem Grad einer Beziehung nach vier Monaten. Derartige Dinge war er maximal nach zwei oder drei Jahren bereit, einer Partnerin anzuvertrauen.
»Ich suche jenes Gefühl von damals. Es sollte so sein wie früher. Es hat sich zu jener Zeit komplett anders angefühlt. Es war irgendwie größer, bunter und intensiver. Es war einfach so viel mehr als das, was wir beide im Moment haben. Ich kann dir nicht genau beschreiben, worauf ich hinaus möchte. Was ich allerdings weiß, ist, dass ich mehr will als das hier.«
Er war lange genug ruhig geblieben, stellte Finn für sich fest. Wenn sie es darauf anlegte, konnte er genauso gut die Konfrontation suchen. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich friedlich und einvernehmlich von Katie zu trennen. So wie die Situation sich jedoch in dem Moment entwickelte, würde es zu einem ordentlichen Streit führen, wurde ihm immer bewusster.
Er fragte sich, warum Frauen im Allgemeinen nicht in der Lage waren zu akzeptieren, dass Männer plötzlich den Schlussstrich zogen. Immerzu versuchten sie, mit Gerede doch noch irgendetwas zu reparieren oder zu kitten, wo nichts mehr zu retten war. Dabei war der Drops gelutscht. Finn hatte schlichtweg keinen Bock mehr auf all das hier. Es brachte ihm nichts, darauf zu warten, dass sich ein Gefühl einstellte, was sowieso nie kam. Lieber zog er in dem Moment die Reißleine, als dass er sich weitere Monate durch eine lauwarme Beziehung quälte. Für ihn war so ein präziser, schneller und einfacher Schnitt stets die bessere Lösung als der quälende und beliebige Alltag.
Anscheinend hatte er aber zu lange geschwiegen, denn Katie sah ihn immer finsterer an. Deswegen ergriff Finn erneut das Wort. Obwohl er aus seiner Warte heraus schon alles erzählt hatte, versuchte er abermals, den Sätzen mehr Inhalt zu verleihen. Ihm war es klar, dass das ganze Thema recht schwammig daherkam. Letztlich ging es jedoch um Gefühle und den Umstand, diese in Worte zu fassen. Entsprechend war es problematisch, den Sachverhalt der Gesprächspartnerin auch tatsächlich näherzubringen.
»Mehr kann ich dir bedauerlicherweise nicht sagen. Ich will dieses Hundertausend-Volt-Gefühl, die Schmetterlinge im Bauch und den Himmel auf Erden. Ich will schlichtweg, dass mein Herz aus der Brust hopst. So leid es mir eben tut – bei dir ist es einfach nur nett.« Dieser letzte Zusatz sollte jedoch nicht ohne Folgen bleiben.
»Aha, nett also!« Katies Stimme wurde daraufhin plötzlich eisig, kalt und hart. »Merkst du es eigentlich noch? Nett ist der kleine Bruder von Scheiße! So etwas haust du mir nach vier Monaten an den Kopf? Hätte dir das nicht bereits schon viel eher einfallen können? Ich meine, hallo! Wir sind sogar schon zusammen nach Hamburg gefahren. Wir sind romantisch an der Alster entlang flaniert. Wir haben uns gemeinsam Sonnenuntergänge angesehen. Du bist obendrein mit mir in ein Musical gegangen.« Katie holte kurz Luft. »War dir denn nicht schon ab der zweiten Woche klar, dass du und dein verkrüppeltes Herz nicht irgendwohin hopsen? Ich versteh generell nicht, worauf du eigentlich hinauswillst. Für mich ergeben deine ganzen Erklärungen wenig Sinn. Was soll unsere Beziehung mit irgendwelchen ehemaligen Verflossenen zu tun haben? Das Einzige, was ich mitbekommen habe, ist, dass du ein verdammter Idiot bist!«, schrie sie ihn nunmehr lauthals an.
Augenblicklich zuckte Finn zusammen. Im Prinzip hatte sie mit ihrer Einschätzung ins Schwarze getroffen. Schon nach der ersten Nacht ist ihm bewusst gewesen, dass sie nicht die Richtige war. Er hatte nur gehofft und gebetet, dass sich das noch ändern würde. Letztlich war Katie eine echt tolle Frau. Der Körperbau nicht zu verachten, im Bett praktisch eine Granate und im Köpfchen auch nicht zurückgeblieben.
Nur leider hatte das letzte Quäntchen gefehlt. Eben, dass beim ihm nichts hops gemacht hatte. Genau dies war aber das Wichtigste für ihn. Was nützte es, wenn er die Frau nur als nett, hübsch und sympathisch empfand. Ohne die tiefen Gefühle war die Beziehung von vornherein dazu bestimmt, an irgendeinem Punkt zu scheitern. Entsprechend hielt er seine Entscheidung, die Geschichte vorzeitig zu beenden, für die einzig Richtige.
»Du blöder Wichser!« Katie wurde zunehmend ungehaltener. »Ich habe dich nah an mich herangelassen. Und wofür das alles? Damit du mir hinterher sagst, es wäre ja alles ganz nett gewesen? Nur eben, dass dein verkrüppeltes Herz nicht richtig mitspielen will. Du bist so ein richtiger Idiot, weißt du das?«
Dies war der Moment, als Finn beschloss, das Gespräch samt Beziehung zu beenden. Er hatte alles gesagt, was es zu sagen gab. Mehr würde nur ihre und seine Zeit verschwenden. Er hätte das alles ja auch per WhatsApp erledigen können. Etliche seiner Freunde bevorzugten momentan diese Art der Konversation. Er wusste von mindestens zwei Fällen, die ihre Freundinnen mit einer lapidaren Nachricht abgeschossen hatten.
Aber nein, Finn sah sich als einen Mann der alten Schule, der solche Sachen von Angesicht zu Angesicht klärte. Als Dank dafür durfte er sich nun von Katie aufs Äußerste beschimpfen lassen. Zum Glück hatte er nicht mit dem ›Wir-können-ja-noch-Freunde-bleiben‹-Thema angefangen. Wer weiß, wie Katie erst darauf reagiert hätte. Vielleicht sollte er es doch darauf ankommen lassen, witzelte Finn im Stillen. Nun war sowieso alles zu spät. Ihre Reaktion auf das ›Freunde-bleiben‹-Thema würde ihn eventuell im Gegenzug noch den Tag versüßen.
»Hörst du mir überhaupt noch zu?«, drang Katie mit aller Macht wieder in den Vordergrund seiner Wahrnehmung.
»Was? Ja, na klar, wieso denn nicht?«, reagierte Finn souverän. »Damit wäre nun alles geklärt. Ich glaube, ich habe dir damit ausreichend dargelegt, damit du meine Entscheidung verstehen, begreifen und akzeptieren kannst.«
»Du bist so ein Riesenarschloch!«, warf sie ihm daraufhin an den Kopf.
»Ja, das habe ich schon des Öfteren gehört«, entgegnete Finn selbstgefällig auf die Entgleisung.
Zugleich begann sich ihr Gesicht zunehmend zu verfinstern. Finn spürte, dass er zu weit gegangen ist. Eventuell war es doch nicht der richtige Weg, Katie derart zu reizen. Eigentlich würde er sehr wohl noch mit ihr befreundet bleiben wollen. Im Bett war sie außerdem eine Klasse für sich. Sich die Möglichkeit weiterer Schäferstündchen zu verbauen, sah Finn ganz und gar nicht ähnlich. Entsprechend galt es für ihn, Katie nicht allzu sehr zu verärgern.
»Okay, hör mir bitte zu«, fing er deswegen mit seidiger Stimme an. »Es ist meine Schuld. Mea culpa! Du kannst sehr gern alles auf mich schieben. Es würde aber nichts bringen, wenn wir die Sache weiter in die Länge ziehen. Ich glaube, so ist es am besten für uns beide. Ich mache dir doch nichts vor. Es hat sich schlichtweg nicht so entwickelt, wie ich es mir gewünscht hätte. Du bist eine tolle Frau, aber leider funktioniert das mit uns beiden nicht wirklich. Du kannst jetzt sehr gern böse auf mich sein und mich hassen. Das ist dein gutes Recht. Ich werde dich jedoch immer mögen. Du bist ein bezauberndes Wesen. Deswegen hast du etwas Besseres als mich verdient.«
Leicht verlegen versuchte Finn, einen besonders verletzlichen Eindruck zu erzeugen. Natürlich hätte Katie nun jeglichen Grund, ihn zu hassen. Wahrscheinlich würde sie das sogar auch tun. Finn wusste allerdings ebenso, dass sie sich in ein paar Wochen wieder verstehen würden.
Wie erwartet war kein Anflug von Verständnis, Vergeben oder Vergessen in Katies Augen zu sehen. Eiskalten und klaren Kristallen gleich leuchteten ihre Pupillen in dem eigentlich recht hübschen Gesicht. Während Finn noch auf eine Erwiderung wartete, nahm er eine ungewohnte Regung an Katie wahr. Er glaubte, eher Abscheu, Verachtung und Ekel darin zu erkennen, denn irgendein positives Gefühl.
Zeitgleich verengten sich ihre Augen, der Mund wurde zunehmend spitzer und ein gemeiner Ausdruck bildete sich in den Grübchen auf ihren Wangen. Finn konnte gar nicht so schnell ausweichen, schon knallte ihre flache Hand ohne Vorwarnung und mit voller Wucht in sein Gesicht. Halbwegs würdevoll ließ er sich nicht anmerken, dass der Schlag durchaus schmerzhaft intensiv ausgeführt worden war.
Diese Reaktion hatte er so ganz und gar nicht kommen sehen. Eigentlich war er davon ausgegangen, dass sie sich verständigt hatten. Finn begriff nicht, warum Frauen immer so überreagierten. Benahm man sich als Mann wie der letzte Neandertaler, war es falsch. Versuchte man hingegen, die Sache zu klären, erhielt man im Gegenzug eine gepfefferte Backpfeife verpasst. In jeglicher Hinsicht war es egal, wie er reagierte. Er war am Ende auf jeden Fall immer das Arschloch.
