Erzzauber - Marcus Wächtler - E-Book

Erzzauber E-Book

Marcus Wächtler

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Beschreibung

Eine Leiche auf dem Freiberger Christmarkt bringt das Leben von Ariane Itzen erneut gehörig durcheinander. Eigentlich wollte sie nur ihrer Freundin helfen, das anstrengende Weihnachtsgeschäft durchzustehen. Stattdessen findet sie sich frierend zwischen kriminellen Budenbesitzern, aufdringlichen Verehrern und mysteriösen Bergmännern wieder. Von weihnachtlicher Besinnlichkeit ist bald nicht mehr viel zu spüren. Wem kann Ariane auf dem Weihnachtsmarkt überhaupt vertrauen? Nur die wenigsten Menschen scheinen das zu sein, was sie vorgeben.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Erzzauber

 

Ein Weihnachts-Bergstadtkrimi

 

 

von

Marcus Wächtler

 

 

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.

 

 

 

ISBN Print: 9783966987301

© 2020 Verlag Edition Elbflorenz, Rothenburger Str. 30, 01099 Dresden

Korrektorat: Jenny Menzel, Dresden: www.null-fehler.biz

Titelgestaltung: Maria Zippan, Dresden

Titelbild: Maria Zippan, Dresden

E-Book: Verlag Edition Elbflorenz

 

 

 

www.editionelbflorenz.com

Inhaltsverzeichnis
Glück auf,
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 13

Glück auf,

 

dies ist das dritte Buch der Bergstadtkrimi-Reihe. Selbstverständlich können Sie auch direkt mit dem Lesen loslegen. Blättern Sie einfach zum ersten Kapitel weiter. Vorwissen ist nicht unbedingt nötig, um diese Geschichte zu genießen. Es schadet aber auch nicht, wenn man »Erzfieber« und »Erzglitzern« gelesen hat. Falls Sie nicht gewillt sind, die beiden vorherigen Teile erst durchzuschmökern, folgt hier eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse.

 

»Erzfieber«

 

Die junge Praxishilfe Ariane Itzen wollte eigentlich nur etwas Gutes tun und Charlie, einen in der Tierarztpraxis vergessenen Hund, zu seinem Herrchen zurückbringen. Doch Heinz-Harald Bublitz hat offenbar Selbstmord begangen. Ariane hegt allerdings ab der ersten Minute Bedenken bezüglich der Todesart. Zu viele Ungereimtheiten fallen ihr auf. Gewissheit erhält sie schon kurze Zeit später, als sie einen Einbrecher in der Wohnung des Toten überrascht.

Da die Polizei weiterhin von einem Suizid ausgeht, ermittelt Ariane auf eigene Faust. Auf einer Bergwerkshalde bei Freiberg findet sie Indizien, die ihre These untermauern; genauso wie die geheimen Unterlagen in der Wohnung von Heinz-Harald Bublitz, die ein tödliches Geheimnis bergen. Schließlich deckt Ariane ein Betrugskomplott zwischen einer Geo-Erkundungsfirma und der Stadtverwaltung von Freiberg auf: Ein gefälschtes Gutachten über ein fiktives Erzvorkommen unter der Erzgebirgsstadt sollte eine internationale Bergwerksfirma dazu bringen, hohe Bestechungsgelder für die Konzession zu zahlen. Die Gier nach Geld und Ressourcen weckt dabei die niedrigsten Instinkte in den Menschen der Bergstadt.

Und was ist mit der anonymen Spende von fünf Millionen Euro an die Stadt? Sie hat die Verschwörer im Freiberger Rathaus erst derart in Unruhe versetzt, dass sie Fehler begingen. Der brutal ermordete Stadtkämmerer Heinrich Schirach war, wie sich herausstellt, ebenfalls Teil der Konspiration. Den Mörder konnte die Polizei bis zum heutigen Tag nicht finden.

Ariane ist überzeugt, dass alles miteinander zusammenhängt. Sie wird aber von der Polizei ignoriert. Kein Wunder: Ihre Theorie vom vorgetäuschten Selbstmord des Heinz-Harald Bublitz stellt sich als falsch heraus. Ben Benserler, ein Polizist, den sie bei ihren Ermittlungen kennenlernt, bricht daraufhin den Kontakt zu Ariane ab.

 

»Erzglitzern«

 

Ein reichliches Jahr später hat Ariane die »Erzfieber«-Ereignisse nur mit Mühe überwunden. Von der Tierarztpraxis ist sie in die Physiotherapiepraxis von Frau Suhrbier gewechselt. Arianes Leben beginnt gerade wieder, in geordneten Bahnen zu verlaufen, als ihre ehemalige Vorgesetzte Martina Müller sie um Hilfe bittet.

Der Lebenspartner deren Schwester Elke Eßer ist seit Tagen spurlos verschwunden und die Polizei will nicht aktiv werden. Ariane nimmt sich aber erst dann der Sache an, als sie von einer neuerlichen Millionenspende erfährt – ausgerechnet für die Arbeitsstelle von Hans Huber. Ariane ist vom ersten Augenblick an sicher, dass das Verschwinden des Professors mit den Ereignissen vom Vorjahr zusammenhängt.

Sie begibt sich erneut auf Spurensuche in der Silberstadt. Neben der »terra mineralia« und der Mineralogischen Sammlung der Bergakademie führt ihr Weg sie in eine Garage am Stadtrand. Mit den hier entdeckten Dokumenten kommt Ariane einem neuerlichen kriminellen Geheimnis auf die Spur. Diese Erkenntnisse bringen sie aber auch erneut in eine bedrohliche Situation. Bei einem brutalen nächtlichen Überfall auf den Straßen der Bergstadt gerät sie einmal mehr in Lebensgefahr.

Durch Zufall entdeckt Ariane schließlich, wo sich Hans Huber versteckt hält. Ihre Suche führt sie auf die Galopprennbahn nach Dresden. Nach einer Verfolgungsjagd gelingt es ihr endlich, Hans Huber zur Rede zu stellen. Statt jedoch Informationen über den anonymen Millionenspender zu erhalten, muss sie der Entführung des Professors hilflos zusehen.

Spät in der Nacht kommt es zum Showdown auf dem Turm der Petrikirche, Hans Huber wird vor Arianes Augen ermordet. Dabei begegnet sie zum ersten Mal dem mysteriösen Millionenspender. Dieser ist offenbar auf einem persönlichen Rachefeldzug. Bevor Ariane die Geschehnisse aufklären kann, wird sie bewusstlos geschlagen.

Mit Gedächtnislücken findet man Ariane am darauffolgenden Morgen ohnmächtig auf einer Parkbank. Den Mord an Hans Huber dichtet die Polizei der Wettmafia an. Nach wie vor scheint nur Ariane die tödlichen Zusammenhänge in ihrer Gänze zu begreifen. Dass es im nächsten Jahr eine weitere Millionenspende geben wird, davon ist sie felsenfest überzeugt.

 

Seit den Ereignissen im Sommer sind sechs Monate vergangen.

Tag 1

 

»Ihr verdammten Arschlöcher! Ich werde euch allesamt …«

Heute war der Tag, an dem Ariane jemanden umbringen würde. Sie wusste es. Seit etlichen Wochen spürte sie, wie ein immer stärkerer Groll in ihr anwuchs. Viel zu lange schon schluckte sie alles brav herunter. Die Ereignisse des vergangenen Sommers hatten etwas in ihr zerbrochen. Von dem lieben und netten Mädchen von früher war heute kaum noch etwas übrig.

Hätte sie in diesem Moment eine Waffe in der Hand gehabt, wäre Ariane schwer in Versuchung gewesen. Mehr und mehr verstand sie Menschen, die urplötzlich Amok liefen. Den Film »Falling Down« mit Michael Douglas aus den frühen Neunzigern hatte sie immer für reichlich übertrieben gehalten. Im Augenblick konnte sie den Protagonisten jedoch sehr gut verstehen. Sie fühlte sich ihm wesentlich näher als ihrem eigenen Ich von vor zwei Jahren.

»Jetzt leg doch endlich einen Zahn zu!«, blaffte sie den Mann an, der gerade die Straße überqueren wollte. »Ist es denn zu viel verlangt, etwas flotter zu laufen? Soll ich vielleicht aussteigen und nachhelfen?«

In der Sekunde dreht sich der schmuddelig gekleidete Typ auf der Straße zu ihr um. Hatte er sie etwa gehört? Ariane hielt es für unwahrscheinlich, der Motorenlärm dröhnte durch die Innenstadt. Trotzdem wirkte der Blick aus seinen geröteten Augen, als hätte er jeden ihrer Flüche direkt vernommen.

Eigentlich war ihr das aber reichlich egal. Sie hatte ganz andere Probleme als diesen Alki, der im Schneckentempo über das Kopfsteinpflaster schlich. Sie war zu spät dran – viel zu spät! Schon vor einer Viertelstunde war ihre Deadline abgelaufen. Sie hätte schon längst an ihrem Platz sein müssen, und es war nicht einmal ihre Schuld, dass sie sich derart verspätet hatte! Es lag an all den anderen, den Menschen, die durch die Gegend stolperten und fuhren, als hätten sie alle Zeit der Welt. Es schien, als ob an diesem Morgen jeder in Freiberg wie ferngesteuert unterwegs war. Als wären sie alle längst im Feiertagsmodus.

»Na klar, stellt euch genau da hin. Als ob es hier keine anderen Plätze geben würde, um sich zu treffen!« Reichlich aggressiv hielt Ariane direkt auf eine Gruppe von Teenies zu. »Dürft ihr überhaupt schon rauchen? Müsst ihr nicht längst in der Schule sein? Habt ihr keine Hobbys?« Ohne Unterlass fluchte Ariane wie ein alter Droschkenkutscher vor sich hin – wohl wissend, dass niemand sie hören konnte.

Die Jugendlichen, aufgeschreckt von dem sich nähernden Transporter, sprangen überrascht zur Seite. Natürlich hätte Ariane sie nicht überfahren. Sie hatte mehr als genug Platz gelassen, um rechtzeitig zum Stehen zu kommen. Dennoch war sie bedrohlich schnell an die Gruppe herangefahren. Dies hier war schließlich ein Parkplatz und kein Ort, um sich morgens diskret einen Joint zu gönnen. Ganz sicher würden sich diese Typen fürs nächste Mal einen anderen Treffpunkt suchen.

 

Mit einem Seufzer parkte Ariane den Lieferwagen ein. Ein Blick auf die Digitaluhr im Armaturenbrett zeigte ihr, dass sie mittlerweile ganze siebzehn Minuten zu spät war. Resigniert ließ sie den Kopf auf ihre Hände fallen, die noch immer das Lenkrad umklammerten. Ihre Stirn war schweißnass. Obwohl die Innenheizung auf Volllast lief, hatte sie ihre gefütterte Winterjacke noch an – von der Thermounterwäsche, den zwei Paar Socken, den wollenen Leggins und dem dicken Strickpullover darunter ganz zu schweigen. Schon jetzt klebte ihr halblanges, dunkles Haar unangenehm auf Kopfhaut und Stirn.

Ariane fühlte sich alles andere als bereit für diesen Arbeitstag. Am liebsten hätte sie direkt gewendet, um wieder nach Hause zu fahren. Mit einem heißen Tee, leckeren Plätzchen und vor allem ganz viel Ruhe würde es ihr dort sicher besser gehen. Stattdessen prasselte beim Öffnen der Fahrertür sofort das lautstarke Getöse des Freiberger Obermarkts auf sie ein.

»Last Christmas I gave you my heart …«

Sie verabscheute diesen Song mittlerweile abgrundtief. In den letzten paar Tagen hatte sie ihn ganz bestimmt mindestens hundertmal gehört. Wie sie Paul Petzold dafür hasste, dass er die immer gleichen zwanzig Musiktitel in Dauerschleife abspielte! War es denn zu viel verlangt, wenigstens einmal etwas anderes aus den Boxen dröhnen zu lassen? Auf Wham würde wie jeden Tag Mariah Carey und danach Beatrice Egli folgen. Weitere vierzehn Tage konnte Ariane das auf keinen Fall durchhalten. Lange vorher schon würde sie Pauls Party-Hütte abgefackelt haben. Unfälle passierten nun einmal auf so einem Weihnachtsmarkt.

Beim Aussteigen blickte Ariane für eine Sekunde in den Seitenspiegel. Ein müdes, kaputtes Gesicht sah ihr entgegen. Viel zu wenig Schlaf hatte sie in den letzten Tagen abbekommen. Dicke, rote Adern durchzogen das Weiß ihrer Augen, unter denen tiefe dunkle Ringe lagen. Obwohl sie erst sechsundzwanzig war, sah Ariane heute aus wie Mitte dreißig. Ihre sonst so straffe Haut schien trockener, faltiger und fahler als je zuvor in ihrem Leben.

Gedanken an das Altern und den Tod hatte sie stets weit von sich geschoben. Vor sechs Monaten war Ariane aber dem Tod begegnet. Damals hatte sich ihr unbeschwertes Leben in kürzester Zeit in Luft aufgelöst. Die Leichtigkeit ihrer Jugend war ein für alle Mal verflogen. Allein dafür hasste sie den unbekannten Millionenspender – von den vielen Verbrechen, die dieser Psychopath ungestraft begangen hatte, ganz zu schweigen.

»Sorry, Kids«, rief sie versöhnlich den Jugendlichen hinterher, die sich mittlerweile kichernd an eine andere Ecke verzogen hatten.

Die frische, kalte Luft auf dem Freiberger Obermarkt empfand Ariane in dem Moment als erstaunlich angenehm. Schwitzend aus dem viel zu warmen Führerhaus gestolpert, genoss sie die aktuellen Minusgrade. Das würde sich in den nächsten Stunden mit Sicherheit ändern. Egal, wie viel oder wie dick sie sich anzog, spätestens am Nachmittag fror sie jedes Mal erbärmlich. Sie war einfach nicht dafür gemacht, im Winter draußen zu arbeiten. Generell hielt sie so etwas für einen ziemlichen …

»Frau Itzen, wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?«

Innerlich verzweifelte Ariane bei diesen Worten. Konnte dieser unglaublich unsympathische Möchtegern sie nicht wenigstens noch ein paar Minuten in Ruhe lassen? Wo war er überhaupt so schnell hergekommen? Vor einer Sekunde war noch nichts von ihm zu sehen gewesen. Hatte dieser unausstehliche Wicht ihr etwa aufgelauert?

»Nein, tut mir leid. Ich muss wohl meine Uhr verlegt haben.« Ariane log, ohne mit der Wimper zu zucken.

Frederik-Franz Frauenhof stutzte kurz. Heutzutage, wo jeder sein Smartphone dabeihatte, war diese Antwort reichlich seltsam. Andererseits konnte sie auch wahr sein.

Er schüttelte den Kopf. »Das tut nichts zur Sache. Sie wissen doch, bis wann Sie den Markt beliefern dürfen. Sie hätten schon vor zwanzig Minuten fertig sein müssen. Das habe ich Ihnen bereits mehrmals gesagt. Außerdem sollte längst alles geöffnet sein. Was glauben Sie, wie es auf die Besucher wirkt, wenn einige Buden noch geschlossen sind? Da können wir im Prinzip gleich alles zugesperrt lassen.«

Ariane wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Grundsätzlich hatte dieser arrogante Zeitgenosse ja recht. Was sollte sie jetzt aber noch daran ändern?

»Herr Frauenhof, es tut mir leid. Es war nicht meine Absicht und es wird nicht wieder vorkommen. Das verspreche ich Ihnen.«

»Das haben Sie bereits beim letzten Mal getan. Von einer Verbesserung kann ich nur wenig feststellen. Allerdings sind Sie heute nicht die Einzige. Die Hütte von Herrn Kopetzky ist ebenfalls noch nicht offen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Ihnen eine Verwarnung mitsamt Bußgeld auszusprechen. Vielleicht wird Ihnen das helfen, sich morgen an die offiziellen Marktzeiten zu halten.«

Etliche derbe Flüche lagen Ariane auf der Zunge. Was nahm sich dieser Zwerg heraus?! Frederik-Franz Frauenhof – eigentlich fehlte nur noch das »von« in seinem Namen. Sein dünnes Haar war straff nach hinten gekämmt und mit reichlich Gel fixiert, als wollte er bewusst das Klischee des arroganten Schnösels bedienen. Der Mann war einen halben Kopf kleiner als Ariane. Dafür benahm er sich, als würde ihm der gesamte Weihnachtsmarkt gehören. Der Tag, an dem Frederik-Franz Frauenhof zum Marktleiter ernannt worden war, konnte kein guter gewesen sein.

Dass ihr Nachbar noch nicht da war, verwunderte Ariane allerdings. Ihre Marktstände standen Rückwand an Rückwand. Normalerweise war der nette Händler aus Seiffen immer einer der ersten, der morgens seine Hütte mit erzgebirgischer Volkskunst öffnete. Hoffentlich war alles in Ordnung mit ihm.

»Aha, eine Verwarnung. Na, wenn Sie das tun müssen, dann ist es eben so.« Arianes Antwort an Frederik-Franz Frauenhof hätte nicht lapidarer ausfallen können.

Erneut flackerte Irritation in den Augen des Beamten auf. Worauf hatte er gehofft? Auf einen Gefühlsausbruch? Auf Tränen? Darauf, dass sie ihn anflehte, nicht so hart zu ihr zu sein? Da hatte er sich aber geschnitten. Und das ärgerte ihn.

Er plusterte sich auf: »Das werde ich auf jeden Fall machen. Sie bekommen in den nächsten Tagen Post von der Stadt!«

Mit einem Schulterzucken drängte sich Ariane an dem Mann vorbei. Was hätte sie auch weiter mit ihm besprechen sollen? Sie selbst würde den Brief ohnehin nicht erhalten. Im Moment hatte sie ganz andere Probleme.

»Wo wollen Sie denn jetzt hin? Sie wissen doch, dass Sie Ihren Transporter hier nicht parken dürfen. Der Platz ist ausschließlich zum Be- und Entladen freigegeben.«

»Genau das habe ich vor. Wonach sieht es denn aus? Camping?« Diesmal konnte sich Ariane einen giftigen Unterton nicht verkneifen.

»Nun bleiben Sie doch stehen. So geht das nicht«, zitierte der Marktchef sie keifend zurück.

Mit nach oben verdrehten Augen wandte Ariane sich um. Nur mühsam schaffte sie es, ihren Zorn zurückzuhalten. Der elende Berufsverkehr, die vielen Menschen und der gesamte blöde Morgen hatten sie bereits an den Rand einer Explosion gebracht. Würde der arrogante Zwerg sie nur noch ein ganz klein wenig weiter nerven, war sie soweit, direkt hier auf dem Parkplatz auszurasten.

»Was habe ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?«, fragte sie stattdessen, atmete tief ein und bemühte sich, ruhig zu bleiben.

»Wenn Sie angeblich vorhaben, Ware zu entladen, wieso sehe ich dann keine?«

»Weil ich erst die Sackkarre holen muss. Oder soll ich alles per Hand über den Markt schleppen?«

»Frau Itzen, nun sind Sie bereits vierundzwanzig Minuten über der Zeit. Wäre es zu viel verlangt, wenn Sie sich ein wenig beeilen? Sie können doch schon auf dem Hinweg etwas mitnehmen. Damit ersparen Sie sich einen Gang. Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie hier in fünf Minuten mit Ihrem Transporter weg wären. Die Touristen sind längst auf dem Markt unterwegs. Wissen Sie, wie das wirkt, wenn Sie jetzt erst mit dem Entladen beginnen?«

Innerlich fühlte Ariane den dünnen Hals von Frauenhof zwischen ihren Fingern, während sie langsam zudrückte. Liebend gern hätte sie diesem kleinen Wichtigtuer gehörig die Leviten gelesen. Wie konnte ein einzelner Mensch anderen derart das Leben zur Hölle machen? Der pedantische Paragraphenreiter ging allen Marktbudenbesitzern gehörig auf die Nerven.

Stattdessen lief sie ergeben zu ihrem Transporter zurück, um sich ein paar der Pakete von der Ladefläche zu schnappen. Obwohl die nicht gerade leicht waren, nahm sie gleich zwei auf einmal. Ächzend balancierte Ariane die Pakete auf den Armen, während sie mit ihrem Hintern die Türen zuschubste. Mit einem höflichen Lächeln, das weit unterhalb ihrer Augen endete, und ohne ein weiteres Wort lief sie an dem Marktaufseher vorbei. Hauptsache, sie musste seine Gegenwart nicht länger ertragen.

Schon nach ein paar Metern spürte Ariane aber, dass sie sich ein bisschen übernommen hatte. Die Pakete wurden mit jedem Schritt schwerer und ihr Ziel war noch locker dreißig Meter entfernt. Die Passanten, die schon so früh am Tag über den Weihnachtsmarkt schlenderten, erleichterten ihre Aufgabe auch nicht gerade. Obgleich sie sehen mussten, dass sie etwas Schweres zu schleppen hatte, machten nur die wenigsten Platz. Von einer älteren Dame wurde sie sogar böse angezischt. Der Tag wurde besser und besser.

Immer mehr begannen ihre Oberarme zu schmerzen. Normalerweise stellte es für Ariane kein Problem dar, diese Kisten herumzutragen. Allerdings war sie heute nicht gerade auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit. Seit nunmehr drei Tagen bahnte sich eine Erkältung bei ihr an. Wirklich ausgebrochen war sie zum Glück noch nicht. Trotzdem fühlte Ariane sich schlapp und müde. Die anstrengende Arbeit in der Markthütte verbesserte ihren Zustand zudem nicht gerade – von der klirrenden Kälte ganz zu schweigen.

Verzweifelt blickte sie sich nach einer Möglichkeit um, kurz Pause zu machen. Die Pakete fühlten sich mittlerweile tonnenschwer an. Viel weiter würde Ariane sie nicht mehr tragen können. Einen freien Platz konnte sie indes auch nicht ausmachen. An den Stehtischen zu ihrer Rechten standen schon Besucher des Weihnachtsmarkts, auf der anderen Seite war die Auslage einer Hütte mit jeder Menge geschnitzten Holzsachen belegt.

»Wo wollen denn diese beiden riesigen Kartons mit der kleinen Frau hin?«

Unverhofft wurde ihre Last leichter. Ariane hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Überrascht blickte sie in zwei dunkle Augen, die aus einem freundlichen Gesicht leuchteten.

»Oh, danke, Tom. Das wäre doch nicht nötig gewesen.«

»Du sahst nicht aus, als würdest du die Strecke an einem Stück schaffen.«

Dass Tom mit dieser Aussage ins Schwarze getroffen hatte, musste sie ihm nicht unter die Nase reiben. So sehr sie sich auch über die unerwartete Hilfe freute, ärgerte Ariane sich ein wenig, dass er sie für eine kleine, schwache Frau hielt. Andererseits war es sehr erleichternd, die schmerzenden Oberarme entlasten zu können. Sie zuckte innerlich mit den Schultern.

»Okay, wenn du schon hier bist – kannst du sie gleich ganz bis zu meiner Hütte tragen?«

»Dafür bin ich doch da.« Mit einem breiten Lächeln stand der Eins-neunzig-Mann vor ihr und balancierte mühelos beide Pakete auf einem Arm.

Ariane wusste nie, ob Tom mit ihr flirtete oder ob er nur nett war. Sie wollte ihm keine Hintergedanken unterstellen. Wenn er die Möglichkeit hatte, benahm er sich wie ein guter Freund. Manchmal aber – wie jetzt gerade – meinte Ariane, mehr Absichten hinter seinem Verhalten zu spüren.

Ab dem ersten Tag auf dem Weihnachtsmarkt hatten sie beide einen Draht zueinander gehabt. Ariane mochte ihn wie einen älteren Bruder, den sie nicht hatte. Zu ihrer Schwester in Dresden hatte sie ein anderes Verhältnis, von daher hinkte der Vergleich vielleicht ein wenig.

Tom hatte vom ersten Moment an immer ein Auge auf Ariane gehabt. Manchmal verirrten sich betrunkene Marktbesucher an ihren Stand oder Kunden fanden ihre Waren zu teuer und wollten unbedingt die Preise gesenkt haben. Bevor die anfangen konnten, Stunk zu machen, war Tom schon zur Stelle, um die Situation zu klären. Vor dem breitschultrigen Riesen hatten die meisten einen Heidenrespekt.

»Ich danke dir. Du bist so toll. Dahin bitte.« Nachdem sie die Markthütte aufgeschlossen hatte, wies sie auf einen freien Platz an der Rückseite.

»De nada.« Mit einem noch breiteren Grinsen verschwand Tom in Richtung seiner eigenen Bude.

Immer dieses Spanisch, wunderte Ariane sich. Ihr war zwar zu Ohren gekommen, dass Tom als Student einige Zeit in Südamerika verbracht hatte. Gleichwohl klang es reichlich seltsam, hier auf dem Freiberger Christmarkt.

Mit einem Seufzen brach sie diese Überlegungen ab. Im Wagen warteten weitere acht Pakete, die sie so schnell wie möglich in die Hütte schleppen musste. Zum Glück lag unter dem Verkaufstresen die Sackkarre bereit. Auf dem Rückweg zum Lieferwagen überlegte Ariane einmal mehr kopfschüttelnd, wie sie in diese beschissene Situation geraten war.

 

Die Hütte auf dem Weihnachtsmarkt gehörte gar nicht ihr, sondern Lisa, einer Freundin aus Kindheitstagen. Normalerweise würde Lisa selbst hier sein; an ihrem eigenen Weihnachtsmarktstand. Allerdings hatte sie vor etwas mehr als drei Wochen einen üblen Unfall erlitten. Ein Lkw hatte ihr an einer Kreuzung die Vorfahrt genommen. Es hätte viel schlimmer enden können, aber Lisa hatte sich ein Wadenbein kompliziert gebrochen.

Für gewöhnlich ging davon die Welt nicht unter. Lisa war aber nun für mehrere Wochen kaltgestellt. Für ihren Job als Schneiderin am Stadttheater von Freiberg stellte das kein Problem dar. Sie war zwei Monate krankgeschrieben und hätte nun genug Zeit, um sich auszukurieren. Allerdings nahm Lisa in der Vorweihnachtszeit immer Urlaub, um ihre selbstgeschneiderten Sachen, Mützen, Taschen und Handschuhe auf dem Freiberger Christmarkt zu verkaufen. Damit besserte sie nicht nur die Haushaltskasse auf – die Einnahmen vom Weihnachtsmarkt bildeten ihr Finanzpolster für das nächste Jahr, denn als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern genügte ein Teilzeitgehalt vom Stadttheater nicht zum Leben.

Die Vorbereitungen hatten ihr im letzten halben Jahr viele Nächte gekostet, vom Materialeinsatz ganz zu schweigen. Lisa hatte verzweifelt nach einer Vertretung gesucht. Niemand wollte sich aber für vier Wochen bei der Kälte in eine Weihnachtsmarkbude stellen. Der Ausfall hätte wohl den finanziellen Ruin für sie bedeutet.

Auch Ariane wäre nie auf die Idee gekommen, sich die komplette Adventszeit über auf den Weihnachtsmarkt zu stellen. Natürlich hätte sie Lisa an einem oder zwei Tagen zur Hand gehen können. Vier Wochen dafür aber frei nehmen? Unmöglich. Ariane war ja in der Physiotherapie von Frau Suhrbier angestellt.

Allerdings war Lisa schon seit ein paar Monaten nicht mehr nur eine alte Kindergartenfreundin gewesen. Zufällig hatten sie sich kurz nach der Ermordung von Hans Huber wiedergetroffen. Neben den langen Gesprächen am Küchentisch waren es Lisas Kinder gewesen, die Ariane aus ihrer Niedergeschlagenheit geholt hatten. Die traumatischen Ereignisse hatten ihr arg zugesetzt, und erst nach vielen Abenden mit ihren Freunden hatte Ariane begonnen, ihre brutalen Erlebnisse zu verarbeiten. Neben Sirko, ihrer ehemaligen Arbeitskollegin Stefanie und Heike vom Institut für Geowissenschaften war es vor allem die Geborgenheit bei Lisas Familie gewesen, die Ariane wieder Kraft gegeben hatte.

Nach dem verhängnisvollen Unfall war es für Ariane Ehrensache gewesen, nun im Gegenzug der Freundin beizustehen. Schließlich hing die Existenz ihrer kleinen Familie daran, dass über die Weihnachtszeit alle selbstgenähten Sachen verkauft wurden. Erfreulicherweise hatte ihre Chefin Ariane ohne Diskussion für die gesamte Adventszeit freigestellt, als sie davon gehört hatte. Bei solchen Dingen war die Physiotherapeutin immer für andere da. Frau Suhrbier hatte sofort die Zwangslage erkannt, in der sich Lisa befand, und Ariane für vier Wochen unbezahlt beurlaubt.

 

Ein ums andere Paket stapelte Ariane auf die Sackkarre. Es waren gigantische Mengen, die Lisa in den vergangenen Monaten vorproduziert hatte. Erstaunlich, wie viel ein einzelner Mensch in Heimarbeit nähen konnte! Ariane wusste, dass sie sich beeilen sollte. Frauenhof würde mit Sicherheit in fünf Minuten erneut aufkreuzen, um sie anzutreiben. Und einen Strafzettel für zu langes Parken wollte sie nicht auch noch riskieren. Also versuchte sie, so viele Kartons wie möglich auf die Sackkarre zu packen.

»Hast du heute vielleicht Handstulpen dabei?«

Ariane brauchte ein paar Augenblicke, bis sie begriff, dass sie gemeint war. Vom Glühweinstand schräg gegenüber hatte Roxana Raczuhn sie angesprochen. Ariane fand es faszinierend: In wenigen Tagen hatte sie sämtliche Budenbesitzer, Angestellten und Hilfskräfte im weiten Umkreis kennengelernt. Ihr sonst so kleiner und überschaubarer Mikrokosmos hatte sich innerhalb kürzester Zeit exponentiell erweitert.

»Ich hab noch nicht reingeschaut. Diesmal sollten aber tatsächlich ein paar dabei sein. Zumindest hab ich Lisa ausgerichtet, dass nach Handstulpen gefragt wurde. Ich muss erst mal alles auspacken. Komm dann einfach kurz zu mir rüber, Roxy.« Ariane nutzte den Augenblick, um die Sackkarre kurz abzustellen.

»Klar. Ist ganz schön schwer, was?«

»Wem sagst du das? Für die Schlepperei müsste ich eigentlich extra bezahlt werden.«

»Wie läuft denn das Geschäft bei dir?«

»Kann nicht klagen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Leute gibt, die selbstgenähte Sachen kaufen. Ob sich die Beschenkten dann aber zu Weihnachten darüber freuen werden, steht natürlich auf einem anderen Blatt.«

Die große Nachfrage hatte sie tatsächlich überrascht. Ariane ging zwar selbst gern auf Handarbeitsmärkte und kaufte ab und zu im Internet handgenähte Klamotten, aber dass viele Besucher des Weihnachtsmarktes sogar gezielt zu ihrem Stand kamen, hätte sie nicht erwartet. Etliche hatten schon in den vergangenen Jahren regelmäßig Sachen von Lisa gekauft. Nun suchten sie zum Beispiel nach den passenden Handschuhen zum Schal oder nach Kinderkleidung zwei Nummern größer.

»So richtig gut läuft es bei dir bestimmt aber auch erst abends?« Roxy schien die Frage eher als Feststellung zu treffen.

»Das hast du absolut recht. Eigentlich bräuchte ich erst ab 16 Uhr aufzumachen. In den Stunden davor geht nur eine Handvoll Klamotten über den Ladentisch. Und dafür friert man sich dann den Hintern ab.«

»Ja, da ist das bei uns genauso. Warum wir schon vormittags hier stehen müssen, weiß Gott allein.«

»Frederik-Franz Frauenhof würde ich jetzt nicht unbedingt als Gott bezeichnen.« Ariane lachte kurz über ihren eigenen Witz.

»Sag das nicht zu laut. Du weißt, dass der hier irgendwo hinter einer Hütte stehen könnte, um uns zu belauschen.«

Roxy meinte die Entgegnung ebenfalls spaßig. Sie war auch schon mit dem pedantischen Beamten aneinandergeraten.

Mit einem frischen Lächeln auf den Lippen machte Ariane sich wieder auf zu ihrem Verkaufsstand. Die zwei Fahrten mit der Sackkarre raubten ihr jede Menge Kraft. Zu allem Ungemach musste sie am Ende noch den Transporter wegbringen. Glücklicherweise gab es in der Nähe einen Platz, auf dem man Gewerbefahrzeuge abstellen konnte.

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte Ariane es endlich geschafft: Die Ware war ausgeladen, der Transporter weggebracht und die Fensterläden ihrer Marktbude waren aufgeklappt. Ein wenig konnte sie den Marktaufseher schon verstehen: So ein Weihnachtsmarkt sah nun einmal hübscher aus, wenn alle Buden geöffnet waren und überall die Beleuchtung funkelte. Gleichwohl hätte der Mann im Umgang mit den Marktbetreibern ein wenig mehr Fingerspitzengefühl an den Tag legen können. Immerhin war sie nicht seine Sklavin, und ihre Arbeit war anstrengend genug. Ariane betrieb den Marktstand ganz allein. Lisa tauchte zwar gelegentlich auf, um nach dem Rechten zu sehen. Mit dem Gipsbein und den Krücken war sie aber maximal eine moralische Stütze.

Bevor Ariane daran ging, die Kisten auszupacken und den Inhalt präsentabel zu arrangieren, genehmigte sie sich einen Tee. Ein kleiner Wasserkocher war in der Hütte zum Glück vorhanden. Daneben hatte Ariane einige private Dinge mitgebracht, um die Bude ein bisschen gemütlicher zu gestalten. Ein wenig schmunzelte sie bei dem Gedanken, dass sie das Holzhäuschen im Kopf schon als »ihres« ansah.

Natürlich stellte die Stadt Freiberg den Verkaufsstand. Offenbar hatte man einen professionellen Weihnachtsmarktausstatter damit beauftragt. Dadurch hatten die einzelnen Stände halbwegs dasselbe Aussehen. Geschmückt war jede der hellbraunen Holzkonstruktionen mit einer Menge Tannenzweige und Reisig. Dazu kamen ein paar Lichterketten. Abgerundet wurde das Ensemble von einem großen Holzschild, auf dem stand, was in der jeweiligen Hütte verkauft wurde.

Die Innendekoration war den einzelnen Standbetreibern überlassen. Mit Anleitung von Lisa war es Ariane leichtgefallen, den Innenausbau nach den Wünschen der Freundin zu gestalten. Die hatte noch alles aus den Vorjahren parat; allen voran etliche Regale an der Rückwand, wo ein Großteil der Ware gelagert wurde. Mehrere bunte Tücher an den Wänden verdeckten die eintönige Holzverkleidung. Lisa hatte aber auch ein Faible für Deko. Kleine Äste, Holzständer, Statuetten, Schmuckteller und anderer Krimskrams erzeugten zusammen mit den selbstgenähten Sachen einen überraschend harmonischen und weihnachtlichen Gesamteindruck.

Ariane selbst hatte sich auch nicht lumpen lassen und noch einen großen Nussknacker, ein paar Räuchermännchen und einen Schwibbogen beigesteuert. Sirko hatte zu seinem Antrittsbesuch am ersten Tag noch einen kleinen Weihnachtsbaum mit LED-Beleuchtung vorbeigebracht. Das Wichtigste war jedoch der Heizlüfter unter dem Verkaufstresen. Ohne den würde sie die vier Wochen auf dem Weihnachtsmarkt wohl kaum überleben. Es war so bitterkalt!

Nun galt es, endlich mit dem Tagwerk zu beginnen. Wobei: Eigentlich war Ariane schon eine ganze Weile unterwegs. Sie hatte nicht nur bei Lisa die neue Ware abgeholt, vorher war sie schon bei der Bank gewesen. Wechselgeld war nur eines der Dinge, das auf ihrer To-do-Liste gestanden hatte. Woran kleine Einzelunternehmer so alles denken mussten! Ariane hasste es. Den Stress, die langen Arbeitszeiten und die körperliche Belastung würde sie auf Dauer nicht durchhalten. Sie freute sich schon richtig auf ihren übersichtlichen Job am Empfangstresen in der Physiotherapie.

Schon jetzt fühlte sie, dass sie wieder auskühlte. Der gerade noch warmfeuchte Schweißfilm auf ihrer Haut würde in Kürze eiskalt werden, wenn sie ihn nicht abwischte. Während sie ihre Finger um die heiße Teetasse legte, ließ Ariane ihre Augen über die Marktbuden in ihrer Nachbarschaft streifen. Ihre Hütte stand am Rand einer etwas größeren Freifläche. Das hatte den Vorteil, dass viel mehr Besucher auf sie aufmerksam wurden. Andererseits pfiff ihr dadurch der bitterkalte Dezemberwind noch schärfer um die Ohren.

In der Mitte des kleinen Platzes waren breite, überdachte Stehtische aufgestellt. Auf der linken Seite wusste Ariane den langen Verkaufsstand der Freiberger Brauerei, hinter dem das Denkmal Otto des Reichen aufragte. Gewissermaßen war hier der Hauptanlaufpunkt für alle Marktbesucher, die nicht nur zum Shoppen herkamen. Gegenüber boten einige Stände Essen an. Unter anderem konnte sie dort Tom sehen, der gerade dabei war, seine Handbrote für den Verkauf vorzubereiten.

Im Gegensatz zu Ariane hatte Tom auch mittags schon viele Besucher. Neben seiner Hütte ragte ein großer Grillstand auf, der Fleischspieße, Bratwüste, heiße Pfannen und allerlei andere warme, deftige Gerichte verkaufte. Außerdem gab es eine Bude mit heißen Süßspeisen. Die waren eher nach Arianes Geschmack. Besonders die Quarkbällchen hatten es ihr angetan. Sollte sie tatsächlich die komplette Vorweihnachtszeit hier auf dem Markt verbringen und überleben, hätte sie hinterher mit Sicherheit ein paar Kilo mehr auf den Rippen.

Roxanas Glühweinhütte war zur Rechten von Ariane. Mit bunten Lichtern, einer eigenen Musikanlage und jeder Menge warmen alkoholischen Getränken war sie eine Art Partytreff. Nach der obligatorischen Weihnachtsmusik in Dauerschleife dröhnten ab 18 Uhr Après-Ski-Hits aus den Boxen. Etliche Besucher grölten nach einigen Tassen Glühwein lautstark die einfachen Texte mit. Geschunkelt wurde meistens schon ab sieben.

In den ersten Tagen fand Ariane das alles noch lustig und neu. Mittlerweile ging ihr die Dauerbeschallung gehörig auf die Nerven. Nichts gegen Partymusik, aber Gruppen von grölenden Teenagern gehörten für sie nicht auf einen Weihnachtsmarkt. Dass Frauenhof nichts dagegen unternahm, konnte Ariane nicht begreifen. Normalerweise war er immer darauf bedacht, das sorgsam gehegte Image des Weihnachtswunderlandes zu bewahren.

Roxys Schuld war es auch nicht. Sie stand nur als leitende Angestellte in der Partyhütte. Ihr Chef – ein unsympathischer Typ namens Petzold – kam nur sporadisch vorbei, um Geld abzuholen oder Anweisungen zu erteilen.

Der Weihnachtsmarkt in Freiberg war relativ einfach angelegt. In der Mitte des Marktes stand, wie schon seit mehr als hundert Jahren, das große Brunnendenkmal von Otto dem Reichen – ein Wahrzeichen der Silberstadt. Das Bildnis des Kurfürsten war nun von allen vier Seiten mit Holzbebauungen umschlossen. Da der Obermarkt eher rechteckig angelegt war, schlossen sich direkt an den inneren Budenring links und rechts zwei breite Freiflächen an.

Auf der einen Seite lag die Veranstaltungsbühne, auf der jeden Tag etwas anderes los war. Dort drehte sich auch die gigantische Weihnachtspyramide majestätisch und langsam. Auf der anderen Seite des Denkmals lag die zweite Freifläche, die eher für Alkohol und Party vorgesehen war. Ringsherum gruppierten sich etliche große Glühweinstände, Fressbuden und einige überdachte Stehtische. Ab dem späten Nachmittag war hier immer viel los.

Dies war für Ariane von Vorteil, deren Hütte am Rand der Freifläche stand. Offenbar hatte die Planer des Weihnachtsmarktes Lisas Klamottenstand hier platziert, um alles ein wenig aufzulockern. Ab dem Nachmittag konnte sie sich über fehlende Kundschaft jedenfalls nicht beschweren. Eher im Gegenteil – der Kundenandrang war für eine einzelne Verkäuferin oft zu groß. Eine Pause zu machen, um etwas zu trinken oder zur Toilette zu gehen, war dann nahezu unmöglich.

Die restlichen Markthütten umschlossen in langen, schnurgeraden Reihen das Zentrum mit dem Brunnendenkmal und den beiden Freiflächen. So gab es am Rand des Christmarktes einen fast durchgängigen Rundkurs. Ariane fand die schachbrettmusterartige Anordnung in den äußeren Bereichen ziemlich langweilig. In anderen Städten wirkten die Weihnachtsmärkte viel organischer gewachsen.

 

Während Ariane die Kisten auspackte, bewunderte sie einmal mehr im Stillen, was für eine begnadete Näherin Lisa war. Sie hätte mindestens ein Viertel der Klamotten sofort selbst gekauft. Vieles wirkte schicker und hochwertiger als industriell gefertigte Ware. Kein Wunder, dass die Stücke reißenden Absatz fanden.

»He, Roxy. Hier! Meinst du so etwas?«

Mit den Worten hielt Ariane mehrere Handstulpen in die Höhe. Lisa hatte verschiedene Modelle mit unterschiedlichen Mustern angefertigt. Neben normalen Stücken gab es auch welche, bei denen halbe Handschuhe integriert waren. Man konnte den Daumen durch eine Lasche stecken, sodass ein Großteil der Hand ebenfalls bedeckt war. Genau richtig für eine von Kälte geplagte Marktverkäuferin, um vernünftig arbeiten zu können.

»Oh, ja. Das meinte ich. Momentchen, ich komme gleich!«, scholl es von der Partyhütte herüber.

Während Ariane wartete, beschloss sie, dass sie selbst Handstulpen anziehen würde. Zum einen war es so wesentlich wärmer. Zum anderen präsentierte sie dadurch auch den Kunden als Model die Ware. Lange Erklärungen waren nicht mehr nötig.

Roxana war nicht nur immer gut drauf, sondern auch ausgesprochen hübsch. Ariane verstand nicht, warum sie sich die Tage und Nächte an einer Glühweinbar auf dem Freiberger Weihnachtsmarkt um die Ohren schlug. Sie hätte sich auch als Model ihr Geld verdienen können. Mit ihrem hellblonden Haarschopf, dem ebenmäßigen Gesicht, mit den blitzenden blauen Augen, der schlanken Figur und einer aufrechten Haltung wie bei einer Königin passte Roxy irgendwie nicht auf den Christmarkt. Sie sah auch in den dicken Wintersachen noch unglaublich gut aus, während sich Ariane wie das sprichwörtliche Michelin-Männchen vorkam.

»Hier, die müssten dir passen. Ist voll deine Farbe.« Ariane schob ein hellblauschwarz gestreiftes Paar hinüber.

»Oh ja. Die sind klasse. Was bekommst du dafür?«

»Warte mal kurz …«

Ariane musste in der großen Liste nachschauen. Selbst nach mehreren Tagen hatte sie sich noch nicht die einzelnen Preise merken können. Eine Verkäuferin würde definitiv nie aus ihr werden. Sie hatte ja aber auch nicht vor, eine solche Karriere zu starten.

»Das macht 19,95 Euro.«

»So viel?« Für einen Moment schien es sich die Glühweinverkäuferin zu überlegen.

»Ja, das steht so hier. Das denke ich mir nicht aus.«

»Na ja, die sind ja auch selbst gemacht und nicht aus China …«

»Nein, auf gar keinen Fall«, bestätigte Ariane. »Überleg mal, wie lange man braucht, um so etwas zu nähen. Dazu kommen noch die Materialkosten – der Stoff und das Garn.«

Statt zu antworten, zückte Roxy lächelnd ihr Portmonee. Dass Lisa für ein paar Handstulpen nicht mehr als einer Viertelstunde benötigte und Stoffreste von den größeren Kleidungsstücken verwendete, musste Ariane ihr ja nicht auf die Nase binden. Sie hatte ihrer Freundin mehr als einmal über die Schulter schauen dürfen und fasziniert gesehen, wie schnell man aus einem Stück Stoff so etwas Tolles wie Handstulpen zaubern konnte. Fairerweise musste man sagen, dass Lisa durchaus eine Menge Zeit in ihre Projekte steckte. Neben dem Nähen waren Buchhaltung, Planung, Bestellungen, Schnittkonstruktion, Organisation und Büroarbeit ein nicht zu unterschätzender Zeitfaktor – und das Ganze nach ihrer eigentlichen Arbeit am Theater. Ariane wollte unbedingt dafür sorgen, dass Lisa am Ende genug Geld verdienen würde. Mit ihrem gebrochenen Wadenbein hatte sie schon genug Pech.

»Kommst du dann mit rüber?«, fragte Roxy, während sie ihre neuen Handstulpen bewunderte.

»Solange hier noch nichts los ist, sehr gern. Anders geht die Zeit doch nicht herum.«

Mit einem hellen Lachen lief Roxy zurück zu ihrem Stand. Dort wartete eine Kollegin auf sie. Schon wieder eine neue. Ariane fand das seltsam. Wie oft wechselten denn die Mitarbeiterinnen in der Partyhütte? Gefühlt fast jeden Tag. Roxy war die einzige Konstante in dem Angestelltenkarussell. Ariane nahm sich vor, sie danach zu fragen.

Jetzt begann der monotone Vormittag für sie. Obgleich sie mit einer Dreiviertelstunde Verspätung gestartet hatte, war dieser Morgen genauso langweilig und endlos wie die anderen zuvor. Jedes Mal, wenn Ariane einen Blick auf die Turmuhr am Rathaus warf, war der Minutenzeiger nur um ein paar Striche weitergewandert. Wenn wenigstens etwas losgewesen wäre! Die Zeit verging jedoch unerträglich langsam. Ariane beneidete Tom dafür, dass bei ihm schon das Geschäft zu brummen begann. Schon vor der Mittagszeit standen die Menschen an, um seine leckeren Handbrote zu kaufen.

 

»Ähm, hi. Ich soll abgeben das.«

»Was?« Verdutzt schaute Ariane den Jungen an, der urplötzlich vor ihr aufgetaucht war.

»Hier!« Damit hielt er ihr ein größeres Paket vor das Gesicht.

Ariane war derart in Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, wie der Bursche an ihre Hütte herangetreten war. »Junge« war vielleicht die falsche Bezeichnung; er könnte auch locker schon über achtzehn sein. Ein zarter Anflug eines Oberlippenbarts zierte die noch von Akne übersäte Haut. Allerdings wirkte der schmächtige Körper eher wie der eines jüngeren Teenagers.

Der Kerl sprach mit deutlichem Akzent. Deutsch-Muttersprachler war er auf jeden Fall nicht. Ariane überlegte, woher er wohl kam – irgendwo aus Osteuropa ziemlich sicher. Zudem fand sie seinen Aufzug reichlich merkwürdig. Zumindest für diese Uhrzeit.

Die nächsten traditionellen Märsche des Bergmannszugs fanden erst in zwei Tagen statt. Sie waren einer der Höhepunkte der Weihnachtszeit in Freiberg. Nun stand dieser Bursche aber in einem jener historischen Bergmannskostüme vor Ariane, um ihr etwas zu geben. Schneeweiße Hosen, eine schwarze Bergmanns-Uniformjacke und eine zylindrische, grüne-goldene Kappe samt Feder wirkten ziemlich irritierend, wenn man sie hier so am Vormittag auf dem Markt zu Gesicht bekam. In der Formation des Bergmannszugs erzeugte die Uniformierung einen erhabenen Eindruck. Einzeln mutete das Kostüm aber eher kitschig und verschroben an.

»Von wem ist das?« Noch immer hatte sie nicht nach dem Päckchen gegriffen.

»Ich nur soll hier abgeben.« Mit einem lauten Plumpsen ließ er es einfach auf den Verkaufstresen fallen.

Bevor Ariane antworten konnte, hatte sich der Junge schon aus dem Staub gemacht. Reichlich verwirrt griff sie nach dem Paket. Sie konnte gar nicht genau sagen weshalb, doch irgendetwas in ihr sträubte sich, es anzufassen. Es war fast wie ein siebter Sinn, der sie vor einer unbekannten Gefahr warnen wollte. Gleichwohl hatte Ariane gelernt, dass es nicht immer sinnvoll war, auf solche Instinkte zu hören. Schon mehrfach hatte sie dies in brenzlige Situationen gebracht.

Als sich Heinz-Harald Bublitz vor achtzehn Monaten erhängt hatte, schien sich ihre innere Stimme sicher gewesen zu sein, dass es ein Mord war. Tatsächlich hatte es bei den »Erzfieber«-Ereignissen ein Verbrechen gegeben, aber mit einem ganz anderen Hintergrund. Ihr Instinkt hatte Ariane zwar geholfen, die Straftat aufzuklären, allerdings war sie die ganze Zeit von einer falschen Vermutung ausgegangen. Der Selbstmord war tatsächlich nur ein Selbstmord gewesen.

Unschlüssig dreht sie das Paket in ihren Händen hin und her. Es war recht altertümlich eingepackt. Normalerweise nutzte man heutzutage Klebeband und irgendeinen beliebigen Karton. Dieses hier hatte man mit braunem Packpapier umwickelt und anschließend fest mit einer Paketschnur umwickelt. Ihre Eltern hatten ganz früher, vor zwanzig oder mehr Jahren, ihre Weihnachtspäckchen so versendet. Es hatte schon etwas Nostalgisches, ein derartiges Paket in den Händen zu halten. Noch seltsamer war, dass nichts auf der Verpackung stand. Weder ein Name oder eine Nachricht noch ein Empfänger oder Absender.

Unschlüssig schüttelte Ariane es. Dumpf hörte sie einen einzelnen großen Gegenstand darin hin und her rutschen. Er wog vielleicht ein halbes Kilo. Als sie ihr Ohr an das Paket hielt, um zu lauschen, ob von drinnen Geräusche kamen, schalt sie sich selbst eine Närrin. Was hoffte sie zu hören? Das Ticken einer Bombe? Sie sollte aufhören, überall etwas Schlimmes zu vermuten. Offenbar wurde sie nach ihren bisherigen Erlebnissen zunehmend paranoid.

Schon seltsam, was sie in einen so alltäglichen Vorgang wie eine Paketlieferung hineininterpretierte. Das Päckchen war bestimmt eine Lieferung für Lisa. Vielleicht waren es Knöpfe, Reißverschlüsse oder schlichtweg Garn. Ariane ärgerte sich über sich selbst. Sie würde noch verrückt werden, wenn sie an jeder Ecke ein Verbrechen sah. Schulterzuckend schob sie das Paket unter den Ladentisch. Lisa würde wissen, was es war. Spätestens morgen würde ihre Freundin wieder vorbeikommen. Dann konnte Ariane sie fragen, weshalb ihr ein Jugendlicher in Bergmannsuniform ohne jede Erklärung ein Päckchen brachte.

 

In der nächsten halben Stunde passierte nichts außer zwei Omas, die nach einem Schal fragten, aber nicht mehr als fünf Euro dafür bezahlen wollten. Die verhasste Monotonie trat abermals ein.

---ENDE DER LESEPROBE---