Es brach ein Herz entzwei - Karin Bucha - E-Book

Es brach ein Herz entzwei E-Book

Karin Bucha

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Beschreibung

Karin Bucha ist eine der erfolgreichsten Volksschriftstellerinnen und hat sich mit ihren ergreifenden Schicksalsromanen in die Herzen von Millionen LeserInnen geschrieben. Dabei stand für diese großartige Schriftstellerin die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Fürsorge, Kinderglück und Mutterliebe stets im Mittelpunkt. Karin Bucha Classic ist eine spannende, einfühlsame geschilderte Liebesromanserie, die in dieser Art ihresgleichen sucht. Eröffnung der Wintersaison in der Pariser Opéra. Die Place de l'Opéra scheint zu klein für die chromblitzenden Wagen, die in endloser Kolonne über die Boulevards heranrollen, vor dem Portal der Opéra halten, ihre Gäste aussteigen lassen und sich dann auf die Parkplätze verteilen. Obgleich der sich seinem Ende zuneigende Tag ein Herbsttag war, ist die Luft flirrend weich und süß – wie im Frühling. Sie ist so verlockend, dazu das große gesellschaftliche Ereignis, der Wiedereröffnung der Opéra, daß ein nicht endenwollender Strom Neugieriger am Haus der Musen vorüberzieht. Wenigstens die Auffahrt der eleganten Wagen will man gesehen haben. Der heutige Abend steht ganz im Zeichen des Balletts. An den Litfaß­säulen, auf den Programmen prangt in großen Lettern der Name des weltbekannten und berühmten Geschwisterpaares Cary. Sie sind bezaubernd, diese beiden talentierten Geschöpfe, die sich äußerlich wie ein Ei dem anderen gleichen, nur die Farbe des Haares ist von einem geradezu faszinierenden Kontrast: die eine tiefschwarz – die andere silberblond. Barbara und Bettina Cary! Auch der Großindustrielle Alexander Kostan findet die beiden Tänzerinnen allerliebst. Vor allem Barbara, die mit den dunklen Locken, verehrt er ganz besonders. Er hat sich an ihre Fersen geheftet, nachdem er auf einem Schiff nach den USA Gelegenheit hatte, sie bei einer Wohltätigkeits-Veranstaltung zu bewundern. Aber sie führten auf allen Reisen ein sehr zurückgezogenes Leben, die beiden Tänzerinnen, von ihrem Vater und zwei Bediensteten behütet und betreut. Alexander Kostan ist es nicht gelungen, sich Barbara irgendwie zu nähern, obgleich er nichts unversucht ließ. Wie vernarrt in dieses zarte Geschöpf, hat er ihr folgen müssen, über vier Erdteile hinweg. Fast täglicher Gast war er bei ihren Auftritten, und täglich wanderten die kostbarsten Blumenarrangements in die Garderobe Barbaras. Die Blumen wurden angenommen, die teuren, äußerst wertvollen Angebinde dagegen beharrlich zurückgesandt. Nun ist er dem berühmten Geschwisterpaar auch nach Paris gefolgt, um zugleich einen für ihn sehr wichtigen Verkauf zu tätigen, nämlich ein Haus in der Rue de Rivoli, das ihm durch ein Erbe mütterlicherseits zugefallen ist und das er überhaupt noch nicht kennt. Augenblicklich wohnt er im Ritz. Er hätte zu dieser Eröffnungsvorstellung auch zu Fuß in die Opéra gehen können.

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Karin Bucha Classic – 55 –Es brach ein Herz entzwei

Karin Bucha

Eröffnung der Wintersaison in der Pariser Opéra.

Die Place de l’Opéra scheint zu klein für die chromblitzenden Wagen, die in endloser Kolonne über die Boulevards heranrollen, vor dem Portal der Opéra halten, ihre Gäste aussteigen lassen und sich dann auf die Parkplätze verteilen.

Obgleich der sich seinem Ende zuneigende Tag ein Herbsttag war, ist die Luft flirrend weich und süß – wie im Frühling.

Sie ist so verlockend, dazu das große gesellschaftliche Ereignis, der Wiedereröffnung der Opéra, daß ein nicht endenwollender Strom Neugieriger am Haus der Musen vorüberzieht. Wenigstens die Auffahrt der eleganten Wagen will man gesehen haben.

Der heutige Abend steht ganz im Zeichen des Balletts. An den Litfaß­säulen, auf den Programmen prangt in großen Lettern der Name des weltbekannten und berühmten Geschwisterpaares Cary.

Sie sind bezaubernd, diese beiden talentierten Geschöpfe, die sich äußerlich wie ein Ei dem anderen gleichen, nur die Farbe des Haares ist von einem geradezu faszinierenden Kontrast: die eine tiefschwarz – die andere silberblond.

Barbara und Bettina Cary!

Auch der Großindustrielle Alexander Kostan findet die beiden Tänzerinnen allerliebst. Vor allem Barbara, die mit den dunklen Locken, verehrt er ganz besonders. Er hat sich an ihre Fersen geheftet, nachdem er auf einem Schiff nach den USA Gelegenheit hatte, sie bei einer Wohltätigkeits-Veranstaltung zu bewundern.

Aber sie führten auf allen Reisen ein sehr zurückgezogenes Leben, die beiden Tänzerinnen, von ihrem Vater und zwei Bediensteten behütet und betreut.

Alexander Kostan ist es nicht gelungen, sich Barbara irgendwie zu nähern, obgleich er nichts unversucht ließ. Wie vernarrt in dieses zarte Geschöpf, hat er ihr folgen müssen, über vier Erdteile hinweg.

Fast täglicher Gast war er bei ihren Auftritten, und täglich wanderten die kostbarsten Blumenarrangements in die Garderobe Barbaras. Die Blumen wurden angenommen, die teuren, äußerst wertvollen Angebinde dagegen beharrlich zurückgesandt.

Nun ist er dem berühmten Geschwisterpaar auch nach Paris gefolgt, um zugleich einen für ihn sehr wichtigen Verkauf zu tätigen, nämlich ein Haus in der Rue de Rivoli, das ihm durch ein Erbe mütterlicherseits zugefallen ist und das er überhaupt noch nicht kennt.

Augenblicklich wohnt er im Ritz. Er hätte zu dieser Eröffnungsvorstellung auch zu Fuß in die Opéra gehen können. Aber er läßt sich doch von seinem Chauffeur hinfahren und gibt diesem den Auftrag, ihn nach Schluß vor dem Seiteneingang zu erwarten.

»Die Blumen schaffen Sie in die Garderobe – wie üblich«, trägt er Fried­­rich auf, der schon jahrelang in seinen Diensten steht und die Gewohnheiten seines Herrn genau kennt.

Dann steigt Kostan langsam die Stufen zur Oper empor. Eine hochgewachsene, imponierende Erscheinung, mit knappen, eleganten Bewegungen und einem scharfgeschnittenen Gesicht, von dem man nur sehr schwer die Empfindungen ablesen kann.

Alexander Kostan ist das, was man einen interessanten Mann nennt, dem die Frauenherzen nur so zufliegen. Aber daraus macht er sich nichts.

Ihn interessiert nur Barbara Cary, um die er mit unerschütterlicher Gleichmut wirbt. Dabei ist er sich nicht einmal klar darüber, ob er sie überhaupt noch liebt. So jedenfalls, wie er sich einstmals die große, himmelstürmende Liebe vorgestellt hat.

Diese Illusion hat man ihm längst geraubt. Es war eine wunderschöne Frau, die ihn fast in den seelischen Ruin getrieben hatte. Gerade noch rechtzeitig hatte er das Verlöbnis lösen und sich von ihr trennen können.

Er weiß auch nicht, ob in Barbara Carys schönem Körper eine ebenso schöne Seele wohnt. Er weiß nur, daß sie wie keine andere zu ihm paßt, in sein prachtvolles Heim, dem nichts als die liebenswürdige Frau fehlt.

Halt! Während er seinen Abendmantel ablegt und den seidenen Schal der Garderobiere zuwirft, stoppt er seine Gedanken. Der bodentiefe Spiegel gibt seine elegante Erscheinung wider. Er ist damit zufrieden.

Der Brillant auf der tadellos weißen Hemdbrust blitzt und flimmert.

Stop! Wer denkt an eine Heirat! Sucht er nicht nur ein Abenteuer und ist er nicht nur deshalb so zäh, weil sie sich ihm immer wieder zu entwinden versteht? Reizt ihn nicht dieser heimliche Kampf allein?

Aber bald muß es zu einer Entscheidung kommen. Er muß heim. Seine Direktoren warten auf seine Befehle.

Paris!

Die letzte Station seiner Weltreise. Dann geht es per Wagen heim. Nur noch den Verkauf regeln. Morgen gleich wird er sich das Haus ansehen, das augenblicklich von einem vertrauenswürdigen Ehepaar verwaltet wird. Er wird es einfach einem Makler übergeben, und damit hat sich der Fall erledigt.

Mit diesen Gedanken hat er seine Loge erreicht. Um ihn ist unterdrücktes Stimmengewirr; zwischen hellen duftigen Abendkleidern der Damen der Frack der Herren. Es herrscht Hochstimmung, wie stets vor Eröffnung der Saison.

Ein paar Minuten lehnt Kostan an der Brüstung und nimmt das glanzvolle Bild kühl lächelnd in sich auf. Er kennt diesen Rummel zur Genüge. Er fiebert nur dem Auftritt der Geschwister entgegen.

Ein Griff in seine Brusttasche, ein zweiter nach seiner Karte.

»Alexander Kostan bittet, in der ersten Pause empfangen zu werden«, schreibt er darauf, winkt den Diener zu sich und läßt beides mit einem Trinkgeld in dessen Hand verschwinden.

»Für Mademoiselle Barbara Cary!« sagt er kurz und nimmt seinen Logenplatz ein.

Das letzte Klingelzeichen ertönt! Mit über der Brust verschränkten Armen lehnt sich Kostan in seinem Sessel zurück.

In ihm ist Erwartung – nichts als Erwartung!

*

»Widerlich finde ich das – einfach widerlich«, sprudelt Barbara Cary hervor und läßt sich die Ballettschuhe binden. »Kann man dem Herrn nicht einmal klarmachen, daß er endlich damit aufhören soll? Ich nehme nichts an. Hörst du nicht, Bettina?«

Über den Kopf der Zofe Mia hinweg, die ihr zu Füßen kniet, schaut sie ärgerlich zu der Schwester hinüber, die letzte Hand an ihr zartes Gesicht legt. In Bettinas Miene ist weder Ärger noch Neugierde zu lesen. Ohne daß ein Name gefallen ist, weiß sie, von wem die Schwester spricht.

»Ich verstehe Papa nicht«, schmollt Barbara weiter. »Kann er denn nicht mal eingreifen? Ich verbitte mir diese Geschenke.«

Bettina Cary tupft behutsam mit der Puderquaste über Nase, Stirn und Augenlider.

»Vielleicht hält er deine Zurechtweisung für nicht ernst gemeint?«

Mia hat ihre Arbeit beendet, und Barbara springt von ihrem Platz auf, schwingt sich auf die Lehne von Bettinas Sessel.

»Und was sagst du dazu? Regt dich das kein bißchen auf?«

Bettina hebt gleichmütig die Schultern.

»Diese Aufmerksamkeiten gelten doch nicht mir – sondern dir!«

»Bah!« Barbara schnippt mit den Fingern. »Würde man dich so lächerlich von Stadt zu Stadt verfolgen, würde ich mich mit aufregen.«

Bettina begegnet lächelnd den blitzenden Augen der Schwester im Spiegel.

»Mich verfolgt leider keiner! Leider –«

Barbara gleitet von ihrem Sitz herab und stemmt die Hände in die Hüften.

»Du sagst das so – eigenartig, Betty!« sagt sie und deutete Mia dabei mit einer Gebärde an, daß sie nicht mehr gebraucht wird, worauf diese leise die Tür hinter sich ins Schloß drückt.

Die Schwestern sind die wenigen Minuten vor dem letzten Klingelzeichen allein in der Garderobe.

Blumenduft durchzieht den Raum.

Barbara Cary steht sekundenlang bewegungslos, einen sinnenden Ausdruck auf dem schönen, gleichmäßigen Gesicht.

»Hast du überhaupt schon einmal über den Mann richtig nachgedacht und weshalb er dir so hartnäckig folgt?«

Hinter diesen Worten Bettinas sinnt sie her.

O ja! Sie hat sehr oft darüber nachgedacht, hat sehr oft den Mann aus der Ferne beobachtet, und alles an ihm gefiel ihr. Aber das wollte sie sich nicht eingestehen. Sie wollte nicht abgelenkt sein von ihrer Kunst. Sie wollte ihr nicht untreu werden – und auch der geliebten Schwester nicht.

Es ist eine innige Liebe, die sie mit Bettina verbindet, seit Mama tot ist und nur bezahlte Kräfte um sie sind. Und Papa!

Ja, der behütet und betreut sie gut, führt die Verhandlungen mit den Managern und nimmt ihnen alles Unangenehme ab. Aber es ist doch merkwürdig. Man kann Papa nicht alles sagen, wie einst der zärtlichen Mama. Es ist da etwas um ihn, das man nicht zu durchstoßen vermag.

Er ist Respektsperson, gewiß, und sie fügten sich seinen Anordnungen, weil sie überzeugt sind, daß alles richtig sei. Aber ist denn alles richtig?

»Vielleicht – liebt er dich, Barb?« hört Barbara die Stimme der Schwester.

Da ist er wieder, dieser Trotz.

»Das will ich aber nicht!«

Bettina lacht hellauf.

»Er wird sich wenig daraus machen.«

Erstaunt musterte Barb die Schwester. »So genau glaubst du, Kostan zu kennen?«

Bettina neigt sich tief über die Sessellehne herab und betrachtet mit kritischem Blick ihre glänzenden Schuhe. Als sie aus der Versenkung auftaucht, erglüht das Antlitz in glühender Röte.

»Weshalb liebt er mich?« flüstert Barbara und drückt beide Hände auf das heftig klopfende Herz. »Du

meinst –«, stammelt sie errötend, »ich sollte ihn mir einmal ansehen und – anhören?«

Bettina springt ruckartig aus ihrem Sessel, wirft den Frisierumhang von sich und betrachtet sich im Spiegel. Es scheint, als sei sie tiefblaß. Barbaras fragende Augen fühlt sie im Rücken. Sie schüttelt sich ein wenig und ist wieder die alte.

»Alsdann, laß ihn ruhig anmarschieren, deinen eifrigsten Verehrer«, spöttelt sie gutmütig und legt ihren Arm um die Schulter der Schwester.

Nebeneinandergestellt sind sie ein herzerfrischender Anblick. Die schönen, gleichmäßigen Gesichtszüge mit den feinen, zartrückigen Nasen, den tiefroten Lippen und der überraschenden Helligkeit der blauen Augen, die bei Bettina zu dem Silberblond der Haarpracht paßt, während sie bei Barbara einen seltsamen Kontrast schafft.

Nur ihre Vertraute und Papa wissen, daß Bettinas Silberblond eine kunstvoll gearbeitete Perücke ist, daß sich darunter dasselbe schwarzglänzende Haar wie bei Barbara verbirgt.

Das gibt eine enorme Wirkung – hatte Papa seinerzeit vorgeschlagen, als sie das erste Mai vor die Öffentlichkeit traten. Die eine silberblond, die andere tiefschwarz. Und so war es geblieben, bis zum heutigen Tag.

Und so war es geschehen, daß selbst Bettina sich immer fremd vorkommt.

Nur des Nachts befreit sie sich von der geliehenen Blondheit und läßt ihr blauschwarzes Haar über das Kissen rieseln.

Ein Klingelzeichen schrillt durch den Raum. Gleichzeitig wird die Tür aufgerissen.

»Ihr Auftritt – Mesdemoiselles!« schreit eine Stimme, und schon fliegt die Tür wieder zu.

Arm in Arm verlassen die Schwestern ihre Garderobe. Jetzt gelten alle Gedanken nur noch der Kunst.

*

Der Beifall prasselt wie Trommelfeuer durch das Haus, und immer wieder verneigen sich die beiden Künstlerinnen.

Alexander Kostan lehnt an der Logenbrüstung und läßt keinen Blick von dem schwarzen Lockenkopf, der anmutig und voll Liebreiz nach allen Seiten dankt. Jetzt taucht ihr Blick mitten hinein in seine hellen Augen. Dann fällt der Vorhang zusammen.

»Monsieur – Monsieur!« raunt der Logendiener und tritt hinter Kostan. Ruhig wendet sich dieser um.

»Nun?«

»Mademoiselle Cary erwartet Sie in der Pause in ihrer Garderobe!«

»Danke!« Abermals verschwindet ein Geldstück in die Hand des Die­ners. Flüchtige Röte tritt auf Kostans Stirn. Unbewegt sind seine Züge, als er die Loge verläßt.

Seine Pulse hämmern. Gleich wird er ihr gegenüberstehen, der Frau, die sein Denken seit Monaten gefangenhält.

Betäubender Blumenduft erfüllt die Garderobe.

Überall stehen Blumen in Vasen, so daß sich Kostan einen Weg zwischen ihnen hindurch zu Barbara Cary bahnen muß, die ihn hochaufgerichtet empfängt.

Da sie sich bereits für den zweiten Auftritt umgekleidet hat, trägt sie ein langfließendes Morgenkleid über ih­rem Kostüm.

»Ich danke Ihnen«, sagt Kostan und führt ihre Hand an seine Lippen, die ihm schnell entzogen wird. Die beiden Augenpaare tauchen ineinander.

Kostan sucht vergebens nach passenden Worten. Er, der erfahrene Mann, hat geglaubt, mit der Jugend Barbara Carys schnell fertig werden zu können. Statt dessen ist er verwirrt und findet das nicht erlösende Wort. Im Sturm hat er sie nehmen wollen und sieht sich zurückgedrängt – nur durch ein paar unwahrscheinlich blaue leuchtende Augen von solcher Tiefe, daß er sich schämt.

Zwischen ihnen, zwischen dunkelroten Rosen und zartduftenden Orchideen, liegt das schmale dunkle Etui. Es ist geöffnet und das Armband glitzert unter dem elektrischen Licht, das von der Decke herabfällt.

»Das darf ich Ihnen wohl wieder zurückgeben«, hört er eine leichtbebende Stimme. »Geschenke dürfen Sie mir nie wieder schicken. Damit beleidigen Sie mich nur.«

Seine Hand umschließt das schmale Etui, das er gelassen zu sich steckt.

»Verzeihen Sie, bitte –« Abermals drückte er einen Kuß auf ihre Hand. »Beleidigen wollte ich Sie nicht – nur Freude bereiten.«

Barbara Cary neigt den schönen Kopf ein wenig. Aber ihre Augen halten seinen Blick noch immer gefangen.

»Warum verfolgen Sie mich nun schon seit Monaten? Suchen Sie ein Abenteuer?«

Ihre Ehrlichkeit, ihr Wissen um seine Gedanken, läßt ihm abermals die Schamröte ins Gesicht steigen. Doch dann hört sie ihn ernst sagen: »Ich bitte Sie – meine Frau zu werden. Das wollte ich Ihnen seit Monaten sagen. Sie gaben mir nur keine Gelegenheit dazu.«

Ihre Augen weiten sich vor Staunen. »Sie scherzen –!« stammelt sie verwirrt, und nun halten seine hellen Augen sie gefangen.

»Es ist mein voller Ernst!« Er verneigt sich tief. »Darf ich mir morgen Ihre Antwort holen?«

»Ja!« flüstert sie, wie unter einem Zwang.

»Ich werde mir erlauben, Ihrem Herrn Vater morgen gegen elf Uhr im ›Ritz‹ meine Aufwartung zu machen.«

Noch einmal neigt sich die hohe Gestalt tief über Barbaras Handrücken, dann gleitet die Tür hinter Kostan ins Schloß.

Wie aus einem Traum erwachend, streicht sich Barbara über die Stirn und sinkt in den Sessel.

Jemand legt den Arm um sie, und sie spürt Bettinas Wange an ihrem Gesicht.

»War es so schlimm, Liebes?« Die Stimme der Schwester klingt dunkel vor Erregung.

»Sehr – schlimm«, raunt Barbara und starrt vor sich hin. »Ich soll seine Frau werden.«

Bettina löst sich von ihr, tritt zu ihrem Toilettentisch. Ein todblasses Antlitz schaut ihr daraus entgegen. Rasch legt sie etwas Rouge auf.

»Nun – fertig, Kinder?« Bernhard Cary, mittelgroß, gepflegt, mit dunk­len, zwingenden Augen, betritt die Garderobe, fühlt, daß etwas Fremdes zwischen den Mädchen steht und fragt erstaunt: »Hat es etwas gegeben? Habt ihr euch gestritten?«

Bettina lacht leise, unterdrückt auf. Niemand hört das Gequälte heraus.

»Im Gegenteil, Papa – wir sind sehr glücklich, das heißt Barb ist es. Alexander Kostan hat Barbara gebeten seine Frau zu werden.«

Mit beinahe jugendlichem Eifer wendet Cary sich an Barbara, die immer noch wie betäubt dasitzt.

»Und was hast du ihm geantwortet?«

»Nichts! Morgen will er sich die Antwort holen.«

»Barbara, Liebling!« Cary umarmt seine Tochter so stürmisch, daß diese erschreckt auffährt. Sie sind von ihm wenig Zärtlichkeiten gewohnt. »Na­tür­lich wirst du ›ja‹ sagen, Kind. Kostan ist einer der reichsten Großindustriellen.«

Bettina fährt wie der Blitz herum.

»Aber Papa!« sagt sie vorwurfsvoll. »Haben wir nötig, nach Geld zu heiraten? Sind wir nicht selbst wohlhabend, durch unsere Rieseneinnahmen?«

Cary wendet sich eiligst um und sucht seine Zigarettendose. Dabei bemerkt er leichthin: »So ist das nicht gemeint. Aber – immerhin ist es doch auch kein Fehler, reich zu heiraten, nicht wahr?«

Er steckt sich eine Zigarette an, schwingt sich auf die Sessellehne und neigt sich über seine verträumte Tochter.

»Hauptsache, Kind – daß du ihn nicht abgewiesen hast. Also morgen früh kommt er zu uns?«

Bettina macht einen Schritt auf die Schwester zu und umfängt liebevoll deren Schulter.

»Barb, komm doch zu dir. Was ist denn los? Du brauchst ihn doch nicht zu heiraten, wenn du ihn nicht magst!«

Barb schüttelt den Kopf.

»Hast du eigentlich auch an unsere Kunst gedacht, Barb? Du wirst als Frau Alexander Kostans nicht mehr auftreten können –«, fügt Bettina nachdenklich hinzu.

Barbara springt empor, läuft ein paarmal auf und ab und preßt die Hände zusammen.

»Ich staune über mich selbst«, murmelt sie und preßte die Hände an die Schläfen, hinter denen es klopft und hämmert. »Ich wollte ihn abweisen – ganz bestimmt, und habe doch schon halb Ja gesagt.«

Cary möchte seiner Tochter gern aus ihrer Unsicherheit heraushelfen.

Bettina kommt aus dem Verwundertsein nicht heraus, mit welcher Beredsamkeit er dieses Verlöbnis gutheißt. Sie fühlt sich wieder einmal meilenweit von dem Vater entfernt. »Willst du uns denn so schnell los sein?« fragt sie nicht ohne Bitterkeit.

»Aber Betty, wie kannst du so etwas denken«, verteidigt er sich empört, aber dennoch so schwach, daß Bettina an der Ernsthaftigkeit seiner Worte zweifeln muß.

Als das Klingelzeichen ertönt, schiebt sie den Vater zur Seite und streicht der verwirrten Schwester liebevoll über die Wangen.

»Beruhige dich, Barb, du bebst ja am ganzen Körper. Denke nur noch an den nächsten Tanz – du weißt, die schmale Brücke, über die du hinwegschweben mußt.«

Und über die Schulter hinweg forscht sie: »Papa, hast du dich noch einmal um den Aufbau gekümmert?«

»Alles in Ordnung«, beschwichtigt Cary sie, und nach einem üblichen »Hals- und Beinbruch«, verläßt er die Garderobe.

Bettina hält noch immer die Schwester umfangen, die sich langsam zu beruhigen beginnt.

Doch als das letzte Klingelzeichen ertönt und Barbara noch immer in ihrer Erstarrung verharrt, befällt sie Furcht. Sie wickelt die Schwester aus dem Morgenrock, verreibt rasch noch etwas Rouge auf deren blassen Wangen und zieht sie sanft mit sich aus dem Zimmer.

»Komm, Barb! Vergiß jetzt alles. Denke nur an die Arbeit, an das Kommende. Die Pariser warten auf uns. Wir müssen unser Bestes geben, und sei vorsichtig, wenn du über die Brücke tanzt.«

»Ja, ja!« flüstert Barbara und versucht, die letzten Ereignisse aus ihrem Gedächtnis zu streichen.

Die Aufführung nähert sich dem großen Finale. Es ist der weltberühmte Tanz der Geschwister Cary, durch den sie zu ihrer Berühmtheit gelangt sind:

Tanz der Dämonen!

Im Hintergrund ein zerklüftetes Gebirge, zu dem ein schmaler Steg über rauschendes Gewässer führt. Auf blumiger Wiese beginnt der Tanz der Elfen, und schlagartig fällt die Bühne in grünes Dämmerlicht.

Der Mond steigt auf, Sterne flimmern. Müde gespielt huschen die weißen Schleiergestalten über die Bühne. Da plötzlich – mitten unter ihnen steht, in flammendes Rot gehüllt, der Teufel.

Die Elfenschar flieht entsetzt auseinander, verfolgt von der roten Gestalt. Einzelne hetzen über den schmalen Steg und bringen sich so in Sicherheit. Zuletzt ist nur noch das Geschwisterpaar auf der Bühne:

Engel und Teufel.

Ein atemberaubender Kampf zwischen der zarten, schleierumwallten Engelsgestalt und dem Teufel beginnt. In bizarren Sprüngen hetzt der Teufel den dem Zusammenbruch nahen Engel über die Bühne, ihn immer wieder den einzigen Ausweg mit satanischer Freude versperrend.

Da – der Engel scheint sich ergeben zu wollen. Im letzten Augenblick, schon greifen die roten Fangarme nach dem zarten Körper, rettet er sich auf den schmalen Steg. Es ist ein kühner Sprung – aber er gelingt. Doch gleichzeitig gellt ein Schrei des Entsetzens bis zu den Rängen hinauf.

Die schmale Brücke ist zusammengestürzt – die schmale Silhouette des Engels verschwindet in der Tiefe.

Das Publikum springt von den Plätzen. Man spürt – soeben ist ein großes Unglück geschehen. Zugleich rauscht der Vorhang zusammen und die Lichter flammen auf.

Der Intendant erscheint vor dem Vorhang.

»Wir bitten um Verzeihung, ein bedauerlicher kleiner Unfall. Mademoiselle Cary wird morgen wieder auf der Höhe sein.«

Hinter ihm geht der eiserne Vorhang herunter, senkt sich über die kleine Tragödie, die einem jungen Menschen die Karriere kosten soll.

Die Loge, in der Alexander Kostan saß, ist leer. Gleich nach der Pause hat er das Theater verlassen.

So bleibt er in völliger Unkenntnis des Unglücks. Er läßt seinen Wagen allein zum Ritz fahren und geht zu Fuß. In ihm ist ein Glücksgefühl ohnegleichen.

Morgen wird er sich Barbara Carys Jawort holen.

*

In der Klinik Professor Chapains, in einem der schönsten Balkonzimmer, liegt Barbara Cary in ihren Verbänden.

Vor dem Bett kniet Bettina, hält die zuckende Hand der Schwester und hat das tränenüberschwemmte Gesicht in die Decke vergraben.

Im Zimmer herrscht angenehmes Halbdunkel, da es nur von einer Nachttischlampe erhellt wird. In die äußere Ecke hat sich Bernhard Cary zurückgezogen. Er nagt verzweifelt an der Unterlippe. Vorwürfe peinigen ihn. Hat er die Aufbauten nicht genügend geprüft? Hätte dieses gräßliche Unglück nicht verhindert werden können?

Bettinas Weinen reißt an seinem Herzen, und es sieht aus, als möchte auch er in Tränen ausbrechen.

Immer noch gellt ihm der grausige Schrei Barbaras in den Ohren, als sie mit den Aufbauten in der Tiefe verschwand.

Als man sie dann auf die Trage bettete, erwachte sie aus ihrer Bewußtlosigkeit, schaute hilfeflehend um sich, denn die Schmerzen in ihrem rechten Arm schienen fast unerträglich. Langsam sickerte Blut aus einer Stirnwunde.

Nur ihre Beine waren merkwürdig gefühllos gewesen.

Dann war alles sehr schnell gegangen. Barbara war mit dem Ambulanzwagen in die Klinik gebracht worden. Bettina und der Vater hatten sie begleitet, und nach der ersten gründlichen Untersuchung durch den Professor wußte man, daß Barbara an den Beinen gelähmt war. Wahrscheinlich durch eine Rückenmark- oder Nervenverletzung. Und Barbara wußte es auch. Instinktiv hatte sie erfaßt, was mit ihr passiert war.

Ihr Arm lag in Gips. Der Kopf war mit einem dicken Verband verhüllt. Das Bewußtsein hatte Barbara, seitdem man sie in dieses Krankenzimmer gebettet hatte, noch nicht wieder verloren.

Aus tiefumrandeten, trostlosen Augen starrt sie ins Leere und überläßt ihre Hände willig der weinenden Schwester.

»Barb, mein Liebes, hast du große Schmerzen?«

Ein Kopfschütteln. Wieder diese bedrückende Stille. Nur unterbrochen von Bettinas Schluchzen.

Hinter der verletzten Stirn wälzt Barbara Zukunftspläne.

Was soll mit ihr werden? Nie wieder wird sie über die Bretter wirbeln können. Aus ist es mit der Karriere, vorbei mit Ruhm und Ehrungen.

Sie schluchzt tief auf. Sofort neigt sich Bettina über das bleiche Gesicht.

»Was ist, Barb? Soll ich den Arzt rufen?«

»Morgen kommt Kostan«, wimmert Barbara kaum hörbar. »Er will Papa seine Aufwartung machen.« Und dann plötzlich verängstigt. »Wo ist Papa?«

Aus dem dunklen Hintergrund löst sich Cary. Er scheint um Jahre gealtert.

»Hast du einen Wunsch, Liebling?« forscht er mit einer Zärtlichkeit, die man sonst nicht an ihm kennt.

»Du wirst Kostan sein Wort zurückgeben«, flüstert Barbara und preßt dabei die Hand Bettinas.

»Aber das geht –« Cary beißt sich auf die Lippen und läßt den Satz unvollendet. Geisterhaft bleich sind seine Züge.

Wieder Totenstille. Die Kranke hat die Augen geschlossen.

»Barb schläft«, raunt Cary Bettina zu. »Ich muß dich dringend sprechen, Betty. Wir können nichts für Barb tun. Im Augenblick ist Schlaf für sie Barmherzigkeit.«

Bettina geht auf Zehenspitzen zur Klingel, und geräuschlos tritt die Nachtschwester ein.

»Wir müssen gehen«, erklärt Bettina der Schwester leise. »Morgen vormittag darf ich doch wiederkommen?«

Die Schwester nickt und nimmt den Platz am Bett der Kranken ein.

*

»Du mußt an Barbaras Stelle Ko­stans Antrag annehmen«, redet Cary eindringlich auf Bettina ein. »Du mußt, Bettina, hörst du?«