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"Was bedeutet es wenn nun auch der letzte der Offiziere des Bataillons gefallen ist, die ich vor Petersburg damals beim Bataillon im Frontdienst antraf? Wenn die SS ein Massengrab für über hundert Leute hier bei der Kirche sprengt? Wenn sich die Gräber am Lazarett mehren und mehren und sich die toten Soldaten stapeln wie Holz, bis wieder mal ein großes Loch gesprengt wird? Es ist furchtbar und doch so alltäglich, dass man völlig abgestumpft es nicht mehr empfindet." Leutnant Rolf Hagen, der im September 1941 von Frankreich aus direkt nach Russland versetzt wird, berichtet in seinen hier vorliegenden authentischen Feldpostbriefen von seiner Zeit an der Ostfront. Den Angriff auf Kalinin, einen der letzten deutschen Erfolge während des Zweiten Weltkrieges, macht er dabei genau so mit wie die Verteidigung von Rschew, einer Schlacht gewaltiger als die um Stalingrad. Immer wieder versucht er, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, doch hin und wieder scheint er in Rolfs Briefen durch: der Wahnsinn des Krieges. Genutzt werden in diesem Buch folgende Feldpostnummern: FP-NR.: 03105 (09/1941 - 11/1941) FP-NR.: 03886 (11/1941 - 05/1942) FP-NR.: 25491 (05/1942 - 05/1942) FP-NR.: 43882 (05/1942 - 08/1942)
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Hinweis!
Der Name des „Protagonisten“ wurde sowohl aus datenschutzrechtlichen, als auch aus Pietätsgründen geändert, da er keinerlei Relevanz besitzt und den Inhalt dieses Buches auch nicht maßgeblich beeinflusst! Dieses Buch ist somit nicht zur Ahnenforschung geeignet, berechtigte Anfragen beantwortet der Herausgeber aber sehr gerne!
Namensähnlichkeiten oder -übereinstimmungen sind daher rein zufällig. Dieses Buch soll der zeitgeschichtlichen Aufklärung dienen, nicht aber das Ansehen noch lebender oder bereits verstorbener Personen schädigen! Die folgenden Texte wurden sonst aber soweit wie möglich im Original belassen, ebenso die Feldpostnummern und Adressen, um die Authentizität im Ganzen zu wahren!
Vorwort
Versetzung
Feldpostnummer 03105
Feldpostnummer: 03886
Feldpostnummer 25491
Feldpostnummer 43882
Verwundung
„Gefrierfleischorden“, „Eisbeinorden“, …, dies waren nur einige der Spitznamen für eine Medaille, die sich Ostfrontsoldaten im Einsatz während der Winterschlacht 1941/42 verdienen konnten. Vierzehn Tage im Gefecht, sechzig Tage ununterbrochen im Einsatz, eine schwere Verwundung oder Erfrierung berechtigten dabei bereits zum Erhalt dieser Auszeichnung, wobei bis heute noch nicht ganz klar ist, wie oft der kreisrunde Orden am schwarz-weiß-roten Band letztendlich wirklich verliehen worden ist. Schätzungen gehen aber von bis zu drei Millionen Exemplaren aus, wobei auch Frauen, ausländische Freiwillige, Gefallene und Wehrmachtsangehörige verbündeter Länder bedacht werden konnten. Kaum ein anderer Orden wurde also so inflationär verliehen wie dieser.
Aber trotz all der spöttischen Namen war es enorm wichtig für die Kriegsmoral gewesen, diesen Orden zu verleihen, denn eine völlig unvorbereitete deutsche Armee war zuvor über Monate hinweg gezwungen gewesen, tief in „Feindesland“ bei Temperaturen bis zu -50°C auszuharren, und die Moral war dementsprechend schlecht. Es gab kaum Winterbekleidung, der Nachschub war häufig unterbrochen und oft hielten die Soldaten allein auf weiter Flur aus, gebunden nur durch Hitlers Befehl und beseelt von der Hoffnung auf den Frühling.
Doch ließen sich Soldaten wie Rolf Hagen in ihren Briefen natürlich kaum etwas davon anmerken. Wie hätte man den Lieben zu Hause auch schreiben können, dass man neben Leichen campierte, weil der Boden zu hartgefroren war, um sie zu beerdigen, dass man Fleisch aus toten Pferden (und manchmal auch Feinden) schnitt und Stiefel kochte, um etwas zum Beißen zu haben oder Kleidung von Toten plünderte, die wegen des Wetters zwar bereits gefroren, aber noch nicht verwest waren?
Kaum etwas von diesen schrecklichen Dingen fand dabei Erwähnung in Rolfs Briefen. Er, der sich selbst für völlig ungeeignet für seinen Offiziersposten hielt, schrieb höchstens mal von einem Zeh, der ihm Ärger machte, so wie es viele andere in dieser Zeit auch taten, selbst wenn ihre Füße schwarz-, oder auch bereits komplett abgefroren waren. Er schickte lediglich ein Stück Haut nach Hause, ohne näher darauf einzugehen und schrieb oft aus Orten, die man erst mit dem heutigen Wissen richtig einzuschätzen weiß.
Manches Mal wusste er es einfach noch nicht besser, da ihm das Schlimmste noch bevorstand, andere Male versuchte er aber wohl auch einfach seine Eltern zu schonen, denn was hätten sie tausende von Kilometern entfernt schon tun können?
Aber alles, was in den folgenden Briefen steht, oft auch nur zwischen den Zeilen, ist absolut authentisch. Ich habe lediglich vereinzelte Informationen hinzugefügt, um manche Zusammenhänge für den Leser besser verständlich zu machen, den Charakter von Rolfs Briefen sonst aber nicht verändert. Seine Briefe könnten uns deshalb genauso gut über die wahren Verhältnisse hinwegtäuschen, wie sie es wohl auch bei seinen Eltern getan haben, doch wissen wir heute Gott sei Dank mehr über die Zusammenhänge als die Menschen damals.
5,3 Millionen Wehrmachtsangehörige fielen während des Zweiten Weltkriegs, 2,7 Millionen von ihnen, also mehr als die Hälfte, taten es in Russland. Ich möchte keinen einzigen von ihnen entschuldigen, aber ich hoffe, dass wir sie irgendwann besser verstehen werden und aus ihren Gräueltaten lernen können.
Stefan Heikens
Hannover, Sonntag
Liebe Eltern!
Es ist 19 Uhr, endlich bin ich mit allen Besorgungen fertig. Heute Nacht fahre ich dann weiter bis Tilsit, wie es dann weitergeht wissen die Götter. Als Gepäck habe ich meine Offizierskiste mit und einen kleine Wäschebeutel. Die Kiste ist leider sehr unhandlich und lässt sich alleine überhaupt nicht befördern. So, nun werden mir einige wichtige Sachen einfallen.
1.) Bei Frau Kraus steht fertig verpackt meine große Frankreich-Kiste und drei Koffer. Darin sind meine sämtlichen Sachen, auch Radio und Platten, usw. Nur mein Säbel steht noch hier.
2.) Am letzten Abend hatte ich einen kleinen Schlüssel in der Hand und wusste nicht wozu er gehörte. Er war an einer schwarzen Uhrkette und muss in meinem Zimmer liegen. Dieser Schlüssel gehört zur Frankreich-Kiste! Ohne ihn kann sie nicht verschickt werden, da die zwei Schlösser abstehen und abbrechen würden. Weiter ist ein Vorhängeschloss mit Schlüssel nötig (ebenfalls noch für die Kiste). Beides, Vorhängeschloss mit Schlüssel und der kleine Schlüssel an der Uhrkette, muss an Frau Kraus geschickt werden (mit freundlichen Zeilen), damit sie die Kiste abschließen kann. Sie wird dann die Schlüssel an einem der Koffer im Briefumschlag oben auflegen, da könnt Ihr sie finden.
Anzüge, Mäntel, usw. muss natürlich ausgepackt werden. Aber nichts fortwerfen, alles überflüssige (Papiere, usw.) ist schon von mir fortgeworfen (Notizen, Arbeiten, usw.). Meine Kleiderkarte1 lege ich mit bei, außerdem meinen Versicherungsschein. Meine fertige Stiefelhose bei Schneider Bregelmann/Hannover gegenüber der Kriegsschule Fahrenwald nicht vergessen. Bezugsschein ist abgegeben, noch nicht bezahlt. Desgleichen eine Sommerbluse, noch nicht bezahlt.
Außerdem vermisse ich meinen Ballen aus Belgien mit Leinenstoff (ca. 3 m), sowie den Rest des feldgrauen Sommerstoffes. Beides muss noch beim Bregelmann sein. Bitte anfragen und mit Hose zusammen zusenden lassen.
So, nun glaube ich alles bedacht zu haben. Für heute grüßt Euch recht herzlich Euer
Rolf
8. 9.41
Liebe Eltern!
Es geht dem Osten entgegen. Um 17 Uhr soll ich in Tilsit sein, aber schon eine Stunde Verspätung. Der Abschied in Hannover war rührend, Frau Kraus hatte mich zum Mittag- und Abendessen eingeladen. Gegen 24 Uhr bin ich dann zur Bahn gezogen, natürlich mit Fliegeralarm.
Trotzdem ich den ganzen Tag sorgfältig gepackt habe, habe ich doch etliches vergessen. Da ist unter anderem noch mein Krad-Mantel2, den ich eigentlich habe mitnehmen wollen, in Hannover in der Schule hängen geblieben. Ich werde Werner Habedank bitten, ihn noch in meinen Koffer zu verpacken. Achtet mal besonders darauf, ob er auch mitkommt. Auch fällt mir ein, dass ich ja ein Vorhängeschloss verpackt habe, also keins für die Kiste hätte anfordern zu brauchen, na, zu spät.
Im unteren Koffer der Kiste sind unter anderem die Platten; packt sie bitte zu meinen anderen Grammophonplatten und schreibt mal, ob alle heil angekommen sind. Eine war schon vorher halb gebrochen.
Wir sind in Dirschau. Der Zug hat und hat keine Einfahrt. Ein Gewitter ist draußen. Leutnant Hahn, der wie ich zum Osten versetzt wurde, war einen Tag vor mir in Hannover. Er hat die Mitteilung also auch zu spät erhalten. Schade, dass ich ihn nicht mehr getroffen habe, hätten so schön zusammen fahren können.
Es grüßt Euch herzlich Euer
Rolf
11.9.41 (14:30 Uhr)
Liebe Eltern!
Heute Morgen bin ich hier in Petschory (westlich Pleskau) eingetroffen, schon morgen werde ich zur 1. Panzerdivision weiterfahren. Zunächst per Omnibus (es sind noch mehrere Offiziere) bis Pleskau, dann per Bahn bis Luga und wie weiter ist noch nicht zu sagen. Ich ärgere mich sehr, dass ich mich so beeilt habe und infolgedessen manches vergessen habe.
Mein Krad-Mantel hängt in Hannover. Pistole 083 muss noch in Hersfeld sein, überhaupt hätte ich bei der E-Abteilung zunächst noch manches empfangen können. Aber das hilft nun alles nichts mehr, muss halt sehen, wie ich durchkomme.
Ich lege Euch tagebuchähnliche Notizen bei, die ich nach Möglichkeit fortführen werde. Bei der vielen Bahnfahrerei ging es bisher ganz gut.
Eine Feldpostnummer kann ich Euch noch nicht angeben. Fritz Halm ist gerade heut früh auch abgefahren, schade, dass wir uns nicht mehr gesehen haben. Hoffentlich klappt die Zusendung meines Gepäcks. Habt Ihr mal an Werner Habedank geschrieben? Sind die Filme schon eingetroffen? Da könnte mir Vati noch eine Mitteilung an Herrn Doktor Schlosser, Tetschen an der Elbe, Benznerstraße abnehmen. Er erwartet Fotos von mir.
Ich weiß nichts vernünftiges mehr zu berichten. Meine Stimmung ist nicht rosig. Wenngleich ich mir immer eine Versetzung zur kämpfenden Truppe gewünscht habe, so stehe ich doch jetzt vor der Tatsache, dass ich zunächst keine Ahnung von den Aufgaben habe, die mich hier erwarten. Ich werde auch keine Zeit für langsames Einarbeiten haben, da ich ja mitten in die Kämpfe reinkommen werde. Aber was soll ich Euch meine Sorgen schreiben, wo Ihr ja genug Sorgen habt und mir doch nicht helfen könnt. Sagt niemandem hiervon und lest es auch keinem vor.
Ein kleines deutsch-russisches Wörterbuch könnte ich noch gebrauchen, wenigstens um das Alphabet zu üben, damit man das Zeug lesen kann.
Hier ist eine Badegelegenheit, die ich ausnutzen will, die Kameraden wollen auch hingehen.
Nun für heute Schluss. Seid herzlich gegrüßt von Eurem
Rolf
1 Kleiderkarten waren am 14. November 1939 eingeführte Bezugsscheine, mit denen deutsche Staatsangehörige rationierte Güter erwerben konnten, während Juden sie ab diesem Zeitpunkt gar nicht mehr erhielten.
2 Als Kraftrad (oder Krad) wird – besonders im Militär-Bereich – ein zweirädriges Motorrad bezeichnet.
3 Bereits 1908 im Deutschen Reich als „Pistole 08“ eingeführte Ordonnanzwaffe (100-mm-Lauf, 9 mm Parabellum), die erst ab 1938 schrittweise durch die Walther P38 ersetzt wurde.
13.9.41
Liebe Eltern!
Bin heute noch in Luga. Habe viele Kameraden von 602 hier getroffen. Morgen früh fahre ich weiter zu meinem Feldtruppenteil. Wenn die Sachen von Hannover kommen bitte meinen Krad-Mantel gut verpacken. Ich werde ihn mir sofort schicken lassen, sowie irgendeine Möglichkeit besteht (vielleicht durch einen Urlauber, Kranken oder dergleichen).
Herzliche Grüße, Euer
Rolf
16.9.41
Liebe Eltern!
Ich bin gestern bei meinem neuen Truppenteil eingetroffen. Feldpostnummer 03105. Schreibt mir bitte recht oft.
Herzlichst, Euer
Rolf
Im Felde, 24.9.41
Liebe Eltern!
Mal wieder einen kurzen Gruß heute. Ich fahre als Quartiermacher unserem Bataillon voraus und sitze heute Abend mit meinen Leuten in einem Russenhaus bei einem Kaffee und Zigarre, leider der letzten.
Ich habe mal wieder einen Wunsch: um Strümpfe bat ich wohl schon, vielleicht könnt Ihr mir noch ein paar Fußlappen senden (einzeln vielleicht). Beiliegend einen Gruß an Marguerite (Bitte mit 0,45 RM frankieren und absenden).
Wo ich so rumfahre zur Zeit darf ich Euch ja nicht schreiben. Vielleicht treffe ich Eber demnächst mal4. Herzlichst, Euer
Rolf
Im Felde, 28.9.41
Liebe Eltern!
Heute, Sonntagnachmittag, sitze ich auf unserem Geschäftszimmer. Es ist schon erheblich kalt draußen, heute Nacht habe ich im Wagen pennend mächtig gefroren. Wir gehen einem neuen Einsatz entgegen. Den ersten habe ich heil hinter mir. Noch hoffen wir alle in einigen Wochen vor Einbruch des scharfen Winters zurück ins Reich zu kommen. Heute Nacht werde ich mit im Stroh pennen, angeblich sind keine Wanzen da.
Wenn doch endlich mal eine Postverbindung zustande käme. Ich hab mal wieder ein paar kleine Wünsche, bräuchte einen Taschenkamm, eine neue Zahnbürste, ein paar derbe Taschentücher. Dann bin ich mächtig gespannt von meinen Fotos zu hören. Weiter ob mein Gepäck angekommen ist, der Krad-Mantel, usw.! Hat Vati eine Dynamotaschenlampe erstehen können? Neulich beim Einschlafen fiel mir ein, dass an einem dieser Monatsenden Vatis Geburtstag fällig ist. Ich möchte jetzt schon anfangen zu gratulieren, vielleicht trifft das dann noch pünktlich ein. Schicken kann man ja nichts von Russland, aber ich habe Vati eine Kiste Zigarren zugedacht, die ich zwar selbst nicht habe. Ich habe an einen Herren Paschen geschrieben, der mir zur Zeit die zwei Kisten dieser herrlichen Zigarren verschaffte. Hoffentlich schickt er noch mal, damals hat er es mir versprochen. Sollten also zwei Kisten per Nachnahme eintreffen (mein Konto) so ist eine Vati zugedacht.
Ach, ich hätte noch so viele Fragen, aber Eure erste Post wird mir ja vieles beantworten. Ich rechne in den nächsten Tagen mit Post von Euch, bin mal gespannt, wann etwas eintrifft. Grüßt Eber und Karl-August von mir!
Euch herzliche Grüße, Euer
Rolf
5.10.41
Liebe Eltern!
Eben einen Moment Zeit, darum schnell einen Gruß an Euch, damit Ihr wisst, dass es mir gut geht, wie Ihr in des Führers Rede ja auch mitgehört habt. In den nächsten Tagen werde ich wohl wenig zum Schreiben kommen.
Herzlichst, Euer
Rolf
7.10.41
Liebe Eltern!
Es haben recht schwere Tage für uns begonnen. Durch den gestrigen Feuerzauber bin ich gut durchgekommen. Hoffentlich werden wir hier bald fertig, da es langsam Winter wird; aber wir glauben alle, dass es klappt. Wie geht es Eber? Heute kam Post, war aber noch nichts für mich dabei, alles vom 17., 18., 19.9.! Ich schicke eben 200,- RM nach Hause.
Herzliche Grüße, Euer
Rolf
14.10.41 (9:30 Uhr)
Liebe Eltern!
Es heißt zwar, dass wegen Postsperre nichts befördert wird, schreiben will ich aber doch, damit wenn befördert wird, auch was zum befördern da ist.
Es ist nur immer nicht viel, was ich Euch berichte. Von früh bis spät dreht sich hier alles um militärische Dinge, privates gibt es nicht mehr. Und von diesen militärischen Dingen soll man ja nichts schreiben. Ihr hättet ja auch gar nichts davon, nur mehr Sorgen würdet Ihr Euch machen. Und das wäre jedoch sinnlos.
Am Montag um 12 Uhr dachte ich an unser Lullusfest5, dass ich ja nun schon mehrfach nicht habe mitmachen können. Vor einigen Tagen traf ich hier Heini Altenburg, mit dem ich in der Volksschule zusammen war. Wir waren mal recht befreundet und haben uns beide herzlich gefreut uns hier in Russland die Hände schütteln zu können.
Ich hätte ja so manche Fragen, aber es kann ja kein geregelter Briefverkehr mit Frage und Antwort
---
Vor dem Wort „Antwort“ war ich mal wieder in Deckung, die Fliegerbomben schlugen aber weiter von uns ein. Die russischen Flieger sind heute enorm aktiv, andauernd sind sie hier - zustande kommen.
Bis heute habe ich nun noch keine Post erhalten, hoffentlich bekommt Ihr wenigstens meine Zeilen! Was macht Eber denn und wo steckt er? Wenn bloß endlich mal Post kommt, damit ich mal von Euch und Eber was höre. Von meinen Sachen, von den Fotos, usw.! Allerdings denkt man weniger hier an diesen materiellen Kram, meinetwegen sollte es alles zum Teufel gehen, wenn wir nur wieder heraus können.
Ein paar Kopeken6 und ein paar Manschettenknöpfe schicke ich erinnerungshalber mit.
Mein Tagebuch, in dem ich alles bisher kurz festgehalten habe, ist leider in den letzten Tagen etwas kurz gekommen. Aber immerhin habe ich doch allerhand notiert. Den ersten Teil bis Pleskau schickte ich ja schon nach Hause, wird hoffentlich angekommen sein.
Für heute grüße ich Euch recht herzlich! Euer dankbarer
Rolf
16.10.41 (23 Uhr)
Hört mal in den nächsten Tagen die Frontberichte gut mit. Darin berichtet unser Kommandeur Major Eckinger von unserem nächtlichen Vorstoß auf Kalinin7. Bei der Aufnahme habe ich heute Abend mit beigestanden.
Herzlichst,
Rolf
Kalinin, 16.10.41
Liebe Eltern!
Morgen fährt ein San.-Dienstgrad nach Deutschland, damit sehe ich endlich mal eine Gelegenheit meine Tagebuchblätter Euch zugehen zu lassen. Zwar wäre es schöner wenn ich selbst anhand dieser Notizen Euch erzählen könnte, da wäre auch sicher manches klarer, als es Euch diese dürftigen Zellen vermitteln können. Später mal.
Ich habe eine neue Feldpostnummer (03142), jedoch erhalte ich auch die Post, die eventuell schon auf 03105 abgesandt habt.
Kalinin werden wir morgen wieder verlassen. Eine arme Stadt für russische Verhältnisse. Ich bin nun wieder Ordonnanz-Offizier in einem neuen Bataillon. Mein Chef ist der bekannte Major Doktor Eckinger, Ritterkreuzträger und ein enormer Draufgänger. Ein Ostmärker. Bei uns Soldaten fast vergöttert. Meine Tagebuchblätter möchte ich nur von Euch gelesen wissen; eigentlich selbstverständlich.
In Russland ist Winter, heute hat es etwas getaut, aber das war schon eine Ausnahme. Wir haben alle Pelze und dergleichen erbeutet. Eine Pfundspelzjacke habe ich, hoffentlich bringe ich sie mit heim.
Herzlich grüßt Euch Euer
Rolf
Kalinin, 24.10.41 (20 Uhr)
Liebe Eltern!
Schwere Tage haben wir hinter uns, nun endlich etwas Ruhe.
Ich führe zur Zeit unsere 1. Kompanie, da dort alle Offiziere ausgefallen8 sind. Meine Feldpostnummer ist wieder 03105 (wie früher).
Hoffentlich erhaltet Ihr wenigstens meine Post, ich habe bisher noch nichts von Euch erhalten. Ich schickte einmal 200,- RM und einmal 50,- RM (für Vatis Geburtstag) nach Hause. Auch Tagebuchblätter nahm ein Unteroffizier mit nach Deutschland. Er will sie Euch per Einschreiben zusenden.
Es geht uns allen ziemlich dreckig, aber wir werden schon durchkommen.
In Liebe grüßt Euch Euer
Rolf
Tagebuchnotizen vom 24.10.41
29.10.41
Liebe Eltern!
Der kurze Kartengruß soll Euch melden, dass ich bisher alles gut überstanden habe; toi, toi, toi! Allerhand haben wir durchgemacht. Die Feldpost hat mich noch immer nicht erreicht, was aber bei dem Vormarsch nicht verwunderlich ist. Wir hoffen alle nicht noch den Winter hier verleben zu müssen, aber für ausgeschlossen halte ich es nicht.
Mit herzlichen Grüßen, Euer
Rolf
1.11.41
Liebe Eltern!
Heute ist ein denkwürdiger Tag; die erste Post ist eingetroffen. Leider aber nichts von Euch. Doch wird es nun auch nicht mehr lange dauern bis Post von Euch eintrifft.
Mit herzlichsten Grüßen, Euer
Rolf
N.S.: Post war vom 12.10. aus Hersfeld!
2.11.41
Liebe Eltern!
Ich sitze nun schon eine Viertelstunde vor diesem Bogen und weiß nicht zu beginnen, so hat mich die Nachricht von Ebers Tod zerschmettert. Ich habe zweimal in diesem furchtbaren Krieg geweint. Bei allen zerfetzten und verwundeten Kameraden, bei jeder eigenen Not habe ich mich im Zaum halten können, so wie ich es als Offizier und Vorbild meiner Leute zu tun habe. Als aber an einem Abend der von mir verehrte und geliebte Chef unserer 1. Kompanie - die ich jetzt zur Zeit führe - Hauptmann Freiherr von Estbeck verwundet rein getragen wurde, musste ich rausgehen, weil mir die Tränen kamen. Gewiss waren auch die furchtbaren Tage daran schuld, die vorausgegangen waren und die Nerven gekostet hatten.
Und heute früh brachte mir ein Mann vom Bataillonsstab die langersehnte Post, zwei Briefe von Euch, einer von Werner Habedank. Schon gestern hatte ich zwei Briefe erhalten, das erste Mal im Russlandfeldzug, aber es war nichts von Euch dabei.
Und nun habe ich lauter unnütze Worte gemacht, weil ich doch nicht auch noch jammern darf und mich doch der Schmerz an der Gurgel packt, dass mir wieder die Tränen auf meine Brille tropfen. Mein so geliebter Bruder Eber ist nicht mehr. Erspart mir weitere Worte, die Wunde ist noch zu frisch, die mir gerissen wurde.
In tiefer Trauer, Euer
Rolf
6.11.41
Liebe Eltern!
Nur damit Ihr nicht zu sehr auf Post von mir warten müsst in aller Eile diesen Gruß!
Rolf
8.11.41
Liebe Eltern!
Zur Zeit bin ich ein wenig krank, aber unbedeutend (Dünnpfiff). Sonst geht es mir gut. Nur viel Arbeit.
Herzlichst, Euer dankbarer
Rolf
9.11.41
Liebe Eltern!
Es ist so schwer für mich ein tröstendes Wort für Euch in Eurer Trauer um Eber zu finden, wo ich nicht minder Schmerz um ihn empfinde. Zunächst war ich wie erschlagen, als ich den so lange und freudig erwarteten Brief von Euch in Händen hielt und er einen schwarzen Rand hatte. Ich dachte sofort an Eber und fand es bestätigt, als ich die Zeilen öffnete. Und das furchtbarste ist ja der Gedanke, dass dies Opfer vermeidbar gewesen ist. Doch all diese Zeilen quälen Euch ja nur, lasst mich drum davon schweigen. Wie gut wir zusammen standen und was ich mit ihm verloren habe, wisst Ihr.
Ich habe heute einen schon so lange geplanten Brief erledigt und ihn zur Weiterbeförderung beigelegt. Bitte ihn zu adressieren: „Notar de Wilde, Gent, Belgien“ und zu frankieren. Absender bitte: „Lt. R.H., Hersfeld“.
Mir geht es gesundheitlich wieder gut, nachdem der „flotte Otto“ mit Rizinus ausgetrieben worden ist. Wir liegen noch immer in Kalinin in Ruhe. Morgen werde ich zum anderen Bataillon versetzt, wie ich schon schrieb. Sehr bedauerlich, aber nicht zu ändern. Hoffentlich hat der Russlandfeldzug bald sein Ende für uns gefunden. Aber zuvor wird es wohl noch ein bisschen zu tun geben. Das kann aber nicht mehr so wild werden. Draußen liegt Schnee, aber es taut etwas. Ich will noch einen kleinen Spaziergang zur Wolga machen, da es doch bald dunkel wird. Abends wird etwas Schach gespielt oder gelesen. Leider nicht viel Lektüre da!
Grüßt Karl-August und Gerda schön von mir. An Hilde hab ich schon geschrieben, hoffentlich kommt der Brief an.
Euch selbst tausend Grüße, Euer dankbarer
Rolf
4 Uns ist heute leider nicht mehr bekannt, wo genau „Eber“ (Rolfs Bruder) sich aufhielt, den Eltern von Rolf sollte es damals aber klar gewesen sein. So konnte Rolf also doch einen dezenten Hinweis auf seinen Aufenthaltsort geben, ohne dass es bei der Zensur groß aufgefallen wäre. Denn auf die Bekanntgabe der jeweiligen Standorte, auch in privaten Briefen nach Hause, standen harte Strafen, bis hin zur Hinrichtung des Briefeschreibers wegen „Wehrkraftzersetzung“.
5 Das Lullusfest in Bad Hersfeld ist eines der ältesten Volksfeste Deutschlands und findet seit 852 jedes Jahr in der Woche des 16. Oktober statt.
6 Kopeken waren die kleinstwertigen russischen Münzen, in etwa gleichzusetzen mit Reichspfennigen des Deutschen Reiches, und deshalb ein beliebtes Souvenir der Russlandkämpfer. Sie ließen sich schnell und einfach verschicken, hatten kaum einen Wert und waren trotzdem exotisch genug, um später einen Erinnerungswert zu haben.
7 Kalinin war am 14. Oktober 1941 im Rahmen der Schlacht um Moskau von der Deutschen Wehrmacht eingenommen worden und sollte einer der letzten Erfolge in Russland sein. Am 5. Dezember startete die Rote Armee ihren Gegenangriff und befreite dabei als erste größere Stadt Kalinin. Dies zwang die Deutschen zum Rückzug und wird heute noch als die Wende des Krieges betrachtet.
8 „Ausgefallen“ bedeutet in diesem Zusammenhang verwundet oder getötet.
14.11.41
Liebe Eltern!
Ich habe heute Gelegenheit Euch einen lieben Gruß zuzusenden durch einen Zahlmeister, der heute nach Frankfurt zurückfährt, um dort dienstliches zu erledigen.
Ihr könnt mir ebenfalls durch ihn Post zusenden und zwar wie folgt adressiert: Herr Oberzahlmeister Hill, Darmstadt, Heidelberger Straße 49 (für Lt. Hagen 03886).
