Es kommt schon alles, wie es soll - Elli Poletti - E-Book

Es kommt schon alles, wie es soll E-Book

Elli Poletti

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Beschreibung

30, kinderlos, Single - und jetzt? Nach einer traumatischen Beziehung entscheidet sich Feli für einen Neuanfang. Sie kündigt ihren Job und verlässt ihr Heimatdorf, um als Immobilienmaklerin in Bielefeld durchzustarten. In ihrem Umfeld stößt diese Entscheidung auf wenig Verständnis. Gut, dass sie in Mara und Franzi zwei Kolleginnen findet, die schnell zu Freundinnen werden. Beruflich Fuß zu fassen fällt da allerdings eindeutig schwerer. Die großen Aufträge lassen auf sich warten. Potenzielle Partner hätte Feli zwar nicht zu knapp, aber auch trotz Tapetenwechsel wird sie immer wieder von ihren Erinnerungen an die unglückliche Beziehung eingeholt. Ganz schön chaotisch, so ein Neustart. Höchste Zeit, das Leben selbst in die Hand zu nehmen und herauszufinden, was Feli wirklich glücklich macht.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Impressum 3

Widmung 4

1 - Happy Birthday 5

2 - Katerstimmung 16

3 - Flashback 19

4 - Die Sonne ruft 27

5 - Back to work 40

6 - Missverständnisse? 50

7 - Lagebesprechung 56

8 - Chancen 64

9 - Neuer Tag, neues Glück 71

10 - Top oder Flop 80

11 - Wochenende 89

12 - Auf in den Kampf 99

13 - Vorbereitung ist alles 107

14 - Spannung 115

15 - Erkenntnisse 124

16 - Übertrieben 153

17 - Aufklärung 177

18 - Überzeugung 189

19 - Vergangenheit 193

20 - Home, sweet home 211

21 - Zukunft 235

Danke! 262

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-985-9

ISBN e-book: 978-3-99107-986-6

Lektorat: Melanie Dutzler

Umschlagfoto: Mii Plock

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Für alle, die das Leben lieben (wollen).

Und für Mama –

Happy Birthday!

1 - Happy Birthday

Besser konnte ein Tag nicht beginnen. Die Sonnenstrahlen kitzelten meine Nase und ich wachte mit einem Kribbeln auf. Ich liebte es, mit diesem besonderen Gefühl und voller Vorfreude in den Tag zu starten. Und besonders heute hatte ich allen Grund dazu. Es war schließlich mein Geburtstag. Schon immer war das etwas ganz Besonderes für mich. Ein Tag, an dem ich nur machte, worauf ich Lust hatte, und an dem es ausnahmsweise mal nur um mich ging. So einen Luxus gönnte ich mir selten, aber heute war es wieder soweit und ich konnte es kaum erwarten.

Ich wälzte mich noch einmal durch meine Kissen, dann kuschelte ich mich in meinen flauschigen Bademantel. Noch etwas verschlafen begab ich mich direkt in die Küche. Ich brauchte erstmal einen Kaffee. Während die Maschine den Kaffee mahlte und der wunderbare Duft in meine Nase zog, erwachten auch langsam meine ersten Lebensgeister.

Ich setzte mich mit meiner Tasse an meine Küchentheke und genoss den blauen Himmel. Meine Müdigkeit war direkt wie weggeblasen und eine gewisse Unruhe machte sich in mir breit. Sobald sich eine Chance ergab, musste ich sie nutzen. Das war eine Eigenschaft, von der ich immer noch nicht wusste, ob ich mich darüber freute oder sie verteufelte. In diesem Moment musste ich das wundervolle Wetter an diesem frühen Morgen jedenfalls nutzen. Andernfalls würde ich eh nicht entspannen können. Es war bestes Laufwetter.

Ich trank also schnell meinen Kaffee aus und tauschte meinen Bademantel gegen meine Laufsachen. Wie so oft, schlug ich auch an diesem Morgen automatisch den Weg nach Olderdissen ein. Der frei zugängliche Tierpark war für mich mit das Schönste, was Bielefeld zu bieten hatte. Seitdem ich hier wohnte, verging kaum eine Woche, in der ich nicht vorbeischaute. Zugegeben war das noch nicht allzu lang, aber ich glaubte auch nicht, dass sich das so schnell ändern würde. Dazu gefiel mir dieser besondere Ort viel zu gut. Am allerbesten gefiel er mir sogar, wenn ich ihn fast für mich allein hatte.

Deshalb war ich froh, dass ich heute früh aus dem Bett gekommen war. An einem so schönen Samstag wie heute, würde es hier voll werden. Der Frühling war jetzt schon ein paar Wochen alt, aber es war immer noch so schön zu sehen, wie die Bäume langsam grün wurden und die ersten Blumen ihren Weg an die Oberfläche fanden. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages begleiteten mich bei meiner Runde und ich fühlte mich rundum wohl. Mit dem Frühling stieg auch meine Stimmung. Das war immer so.

Als ich um zehn Uhr wieder zu Hause ankam, gönnte ich mir erst einmal eine ausgiebige Dusche. Zu einem perfekten Geburtstag gehörte es schließlich auch, sich ein bisschen herauszuputzen – und dabei ließ ich mir ausreichend Zeit. Nach Haarkur und Gesichtsmaske wickelte ich mich wieder in meinen Bademantel. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass noch genug Zeit für ein gemütliches Frühstück auf dem Sofa blieb. Toll! Ich schaltete den Fernseher ein und mummelte mich mit einem frischen Kaffee und einem Brötchen in meine Kuscheldecke. Dabei checkte ich meine Nachrichten.

Ich hatte meine Arbeit extra, so gut es ging, vorbereitet, sodass heute keine Mails zu erwarten waren. Trotzdem hatte ich keine Ruhe, ehe ich mich vergewissert hatte, dass wirklich erst mal nichts zu tun war. Ich war schon immer eine schrecklich gewissenhafte Angestellte gewesen. Aber seit ich selbstständig war, war es noch schlimmer geworden. Ich arbeitete nicht nur im wörtlichen Sinn ständig. Das Gute daran war, dass es mir gar nicht so richtig auffiel. Ich konnte meinen Job gut in meinen Alltag integrieren. Deshalb fühlte es sich für mich auch nicht wie Arbeit an, wenn ich mich um meine Kunden kümmerte. Ich arbeitete seit Kurzem als Maklerin und ich liebte meinen Job. Dass mich meine Kunden mit dem Verkauf ihrer Immobilien betrauten, empfand ich als unglaubliche Wertschätzung. Dieses Gefühl wollte ich ihnen gerne zurückgeben und sie nicht enttäuschen. Deshalb wollte ich auch immer für sie erreichbar sein. Manchmal war mir gar nicht mehr bewusst, ob ich meine beruflichen Mails oder meinen privaten Social Media Account checkte. Ich machte keinen großen Unterschied zwischen Beruf und Privatleben, aber das störte mich nicht. Ich freute mich mehr über den Vorteil, meine Zeit selbst einteilen zu können und mir nebenbei noch den Luxus leisten zu können, den ich wollte.

Und damit war ich schon jetzt zufrieden, obwohl der ganz große berufliche Durchbruch noch auf sich warten ließ. Ehrlicherweise hatte ich bisher nur mit Vermietungen zu tun, aber ich war zuversichtlich, dass bald auch einmal ein größeres Objekt kommen würde. Schließlich war ich noch nicht allzu lange als Immobilienmaklerin unterwegs.

Da es tatsächlich keine News von der Arbeit gab, konnte ich mich wieder meinem privaten Account widmen und mich ausgiebig in meine Glückwünsche vertiefen.

Die erste Nachricht war von Mama. Natürlich.

„Glückwunsch, Süße! Wow, 30 Jahre! Ich kann es nicht glauben. Ich freu mich auf später. Meld dich, wenn wir noch etwas mitbringen sollen. Kuss!“„

Typisch Mama. Wie ich sie kannte, hatte sie eh schon eine Kiste Sekt und die neusten Sorten an Süßigkeiten, die sie auftreiben konnte, ins Auto geladen und musste später dreimal zum Auto laufen, bis sie alles ausgeladen hatte. Aber genau dafür liebte ich sie. Sie sorgte immer für alle. Ich tippte eine schnelle Antwort.

„Nein danke, Mama, alles erledigt. Freue mich auch!“

Und ich konnte es wirklich kaum erwarten, diesen Tag ausgiebig zu feiern. Schließlich ergab sich diese Gelegenheit nur einmal im Jahr.

Ungeduldig öffnete ich die nächste Nachricht.

„Feliiiiiiiiiiiiiiii, oh Mann, du Arme, trag es mit Fassung. Von Herzen alles Liebe!“

Ohne den Absender zu lesen, wusste ich, dass diese Nachricht von Senna kam. Mit Senna hatte ich mir lange ein Büro geteilt. Sie war vier Jahre älter als ich und ich wusste noch genau, wie fertig sie kurz vor ihrem 30. Geburtstag war. Schon ein halbes Jahr vorher musste ich ihr jeden Morgen versichern, dass sie KEINE neuen Falten hatte und dass sie auch nicht langweilig war, wenn sie nicht freitags UND samstags auf die Piste ging. Mit einer Inbrunst erklärte sie seit ein paar Jahren auf ihren Geburtstagspartys, dass sie ihren 29. Geburtstag feierte – plus X, wobei sie das „X“ immer mit der Zahl ersetzte, die addiert zu 29 ihr richtiges Alter ergab. Ich verstand ihre Sorgen nicht ganz, fand ihre überschwänglichen Klagen über das Alter aber immer recht amüsant.

Je mehr Nachrichten ich erhielt, desto häufiger las ich allerdings ähnliche Sprüche und musste feststellen, dass Senna kein Einzelfall war. Hilfe, was hatten denn alle mit dem Alter? Ich wurde 30 und nicht 50! Eigentlich war es mir auch relativ egal, wie alt ich wurde, ich freute mich einfach auf das Feiern und darauf, gleich alle meine Liebsten bei mir Zuhause zu haben. Besser ich konzentrierte mich also darauf und nicht auf weitere Beileidsbekundungen.

Ich aß mein letztes Stück Brötchen und schlenderte mit meinem Rest Kaffee zum Kleiderschrank. Eigentlich hatte ich diesen aus Kostengründen ohne Türen gekauft. In Wahrheit hatte ich aber gar nicht mehr vor, in Türen für meinen Kleiderschrank zu investieren. Ich freute mich jeden Morgen beim Aufwachen über den freien Blick auf meine Kleider und darüber, dass ich noch im Halbschlaf mein Tagesoutfit in Gedanken zusammenstellen konnte. Auch jetzt verzog ich mich nochmal unter meine Bettdecke und scannte den Inhalt des Kleiderschranks.

Ich entschied mich für einen mintfarbigen Faltenrock und ein lässiges weißes Shirt, dazu große goldene Ohrringe und goldene und bunte Armbänder. Ich wollte schließlich zum Frühlingstag passen. Außerdem genoss ich es an meinen freien Tagen immer, von meinen Hosenanzügen und Blusen Abstand zu nehmen und zu dem etwas auffälligeren Schmuck zu greifen. Ich nutzte die Gelegenheit auch, um meine kinnlangen Haare einfach an der Luft trocknen zu lassen. Sollten sie sich auch einmal einen Tag vom Glätteisen und dem strengen Dutt, den ich oft im Büro trug, entspannen können. Zufrieden blickte ich in den Spiegel.

Da meine Familie sich traditionell zum Kaffee angekündigt hatte, deckte ich den Tisch und bereitete alles vor. Geputzt, gebacken, gekocht und für abends die Getränke gekauft hatte ich zum Glück schon alles in der Woche. Ich liebte es, vorbereitet zu sein.

Pünktlich um drei Uhr klingelte es dann an der Tür und meine Wohnung wurde zum Familientreff. Oma und Opa, Mama und Papa und meine Schwester mit Mann und Kind kamen zeitgleich an. Ein richtiger Trubel, aber genau das gehörte zu einem perfekten Geburtstag dazu. „Platz ist in der kleinsten Hütte“, hatte Mama gesagt, als ich sie besorgt anrief, um zu fragen, ob es wirklich in Ordnung war, dass ich sie zu meinem Geburtstag alle zu mir nach Bielefeld einlud und nicht bei meinen Eltern in unserem Heimatdorf feierte. Natürlich wäre es für alle Beteiligten, mich ausgenommen, einfacher gewesen. Irgendwie war es mir jedoch wichtig, meiner Familie mein neues Zuhause zu zeigen, auf das ich so stolz war. Und da es ja auch schließlich mein Geburtstag war, freute ich mich noch mehr, dass Mama mir die Zweifel nahm. Und sie hatte recht. Irgendwie bekam ich alle unter. Die älteren Semester quetschte ich auf mein braunes Wildledersofa, das ich kurz vor meinem Einzug bei Ebay geschossen hatte und das mir schon einige entspannte Sonntage beschert hatte. Meine Schwester samt Mann und Kind musste sich mit Klappstühlen zufrieden geben. Aber jeder fand Platz und auch meine Familie freute sich sichtlich, endlich einmal meine fertig eingerichtete Wohnung bestaunen zu können. Opa, der wirklich zum allerersten Mal hier war, weil ich ihn selbstverständlich nicht als Umzugshelfer gebrauchen konnte, ließ es sich nicht nehmen, sich von mir einmal durch die komplette Wohnung führen zu lassen. Innerlich musste ich grinsen, denn meine zwei Zimmer waren schnell besichtigt. Trotzdem zeigte ich sie ihm natürlich gern. Den Hauptraum, die Wohnküche mit angrenzendem Balkon, hatte er ja bereits gesehen, fehlten nur noch Schlafzimmer und Bad. Bei der Führung bemerkte ich nicht ohne Stolz Opas durchaus interessierten Blicke. Seine abschließende Bewertung: „Schön hast du’s hier“, fiel zwar knapp aus, aber es schwang echte Anerkennung in seinen Worten mit und das war für mich das schönste Kompliment, besonders weil Opa nicht wirklich davon überzeugt war, dass ich einfach so unser kleines Dorf verließ und in Bielefeld einen Neustart hinlegte. Das war eigentlich keiner in meiner Familie. Denn sie glaubten nicht, dass die Großstadt die richtige Umgebung für ein behütetes Dorfkind wie mich war. Ich war da anderer Meinung und deshalb freuten mich Opas Worte umso mehr. Wir waren schließlich Ostwestfalen, da grenzte das schon an einen emotionalen Ausraster.

Zurück im Wohnzimmer versorgte ich erstmal alle mit Kaffee und Kuchen. Dann wurde es etwas ruhiger. Zumindest bis Opa mit seiner Kuchengabel an die Kaffeetasse schlug. Opa war bei feierlichen Anlässen immer ein begeisterter Redner. Mit dem, was jetzt kam, hatte ich aber nicht gerechnet.

„Meine liebe Felicitas, mein jüngstes Enkelkind. Vielen Dank, dass du uns heute alle in deine kleine, aber feine Wohnung eingeladen hast! Ich bin sehr stolz auf dich, das weißt du!“

In Opas Augenwinkel sammelte sich ein kleines Tränchen und seine Worte machten mich ebenfalls ein bisschen sentimental. Offensichtlich hatte ich diese Geburtstagseuphorie von Opa geerbt. Denn Ostwestfale hin oder her – an Geburtstagen ließ er es richtig krachen. Aber das war noch nicht alles.

„Nichtsdestotrotz mache ich mir auch langsam Sorgen um dich. Auch wenn du jetzt deinen Weg in die große Stadt gefunden hast, lass dir gesagt sein: Karriere ist nicht alles, mein Mädchen.“ Bedeutungsvolles Schweigen. „Du müsstest dich auch langsam mal um einen Mann kümmern. Du bist zwar meine jüngste Enkelin, aber jung bist du nun auch nicht mehr. Mit 30 Jahren war ich schon lange verheiratet! Deine Schwester war in deinem Alter auch schon schwanger. Ich will schließlich auch von dir zum Uropa gemacht werden, das weißt du doch!“

Wusste ich das?! Naja, ehrlich gesagt, ja, aber was ich nicht wusste, war, ob ich das auch wollte. Das war in diesem Moment allerdings auch egal. Vielleicht hatte ich mich doch etwas zu früh gefreut. Dass Opa meine Wohnung schön fand und mir meinen Neustart gönnte, hieß noch lange nicht, dass er meine Entscheidung mittlerweile nachvollziehen konnte, geschweige denn richtig fand. Opa war jedenfalls sichtlich glücklich über seine Rede und alle anderen waren sichtlich glücklich, dass wir endlich anstoßen konnten. Also war ich es auch. Mit einem Schluck Sekt würde ich Opas Worte auch gleich besser verdauen können.

„Tante Feli, kommst du jetzt endlich spielen?“, ließ mich meine Nichte auch den letzten trüben Gedanken erst einmal vergessen.

„Ja sicher, Emmi-Schatz!“

Froh, von meinem Klappstuhl aufstehen zu können, setzte ich mich zu meinem Patenkind auf den Boden, wo sie schon ihre Puzzleteile ausgebreitet hatte. Emmi war mein ganzer Stolz. Wir liebten uns abgöttisch und das von der ersten Sekunde an. Schon als ich meine Schwester direkt nach der Geburt im Krankenhaus besucht und Emmi zum ersten Mal auf dem Arm gehalten hatte, war ich hin und weg von diesem kleinen Bündel. Ich genoss jede Minute mit ihr und war jedes Mal wieder überrascht, wie sich so ein kleines Päckchen zu einem so wunderbaren Menschen entwickeln konnte, der aber zugegebenermaßen nicht nur meine Schwester oft auf die Palme bringen konnte. Meine Liebe zu Emmi war grenzenlos und dennoch hatte ich bisher nicht einmal das Gefühl verspürt, dass ich mir genau so einen kleinen Menschen für mich wünschte. Meine Dorf-Mädels waren da ganz anders und auch Louisa hatte schon lange vor Emmis Geburt davon gesprochen, welche Kindernamen sie favorisierte.

Meine Schwester Louisa war vier Jahre älter als ich und eigentlich in allem das komplette Gegenteil von mir. Sie lebte mit ihrem Mann und Emmi noch immer in unserem Heimatdorf, arbeitete in einem Kindergarten und leitete den Zumba-Kurs im Dorfgemeinschaftshaus. Sie war verheiratet und hatte den Hausbau auch schon abgeschlossen, kümmerte sich liebevoll um Emmi und sonntags gab es immer Kaffee und Kuchen. Sie war sehr glücklich in ihrem Leben und das freute mich von Herzen. Zumindest in diesem Punkt musste ich mir eingestehen, dass wir vielleicht doch gar nicht so unterschiedlich waren, wie ich immer gern behauptete. Lange Zeit hätte ich mir auch nicht vorstellen können, jemals unser geliebtes Heimatdorf zu verlassen. Ich hatte mich dort wohl gefühlt. Hätte ich keinen Tapetenwechsel gebraucht, hätte ich vielleicht bald ein ähnliches Leben wie Louisa (und übrigens auch ein Großteil meiner Freundinnen) geführt, ohne es mir vorher wirklich gewünscht zu haben. Und genau das war der Unterschied zwischen ihnen und mir. Ich hatte nie von diesem Leben geträumt. Tatsächlich hatte ich nie wirklich von irgendetwas geträumt. Ich wollte immer nur glücklich sein. Vielleicht wäre ich es auch im Dorf geworden, vielleicht nicht. Welche Definition Glück für mich hatte, konnte ich noch nicht sagen, aber das würde ich schon noch herausfinden.

„Emmi, lass dir von Tante Feli aber keine Flausen in den Kopf setzen.“

Typisch Sven. Louisas Mann hatte immer Angst, dass ich Emmi schlecht beeinflussen könnte. Für ihn war ich, das glaubte ich zumindest manchmal, das Sinnbild einer Chaosqueen. Sven konnte meinem Lebensstil nichts abgewinnen. Als ich noch in seiner Nähe wohnte, verstand er nicht, warum ich mich nicht nach Leibeskräften der Partnersuche widmete, und seit ich weggezogen war, verstand er gar nichts mehr. Nicht, dass ich das Risiko der Selbstständigkeit auf mich nahm und schon gar nicht, dass ich unser Heimatdorf für Bielefeld, die Großstadt, wie er es gern nannte, verlassen hatte. Auch wenn er keine Gelegenheit ausließ, mir mitzuteilen, dass er mich für ein großes Mysterium hielt, wusste ich, dass seine kleinen Seitenhiebe immer liebevoll gemeint waren.

Der Nachmittag verging viel zu schnell. Wir tranken Sekt, spielten mit Emmi, aßen Kuchen und ich wurde von allen Seiten über den neuesten Dorftratsch informiert. Es war ein richtig schöner Nachmittag und als meine Familie nach dem Abendessen aufbrach, kamen auch schon fast meine Freunde. Ein fliegender Wechsel. Ich liebte so einen Trubel.

„Happy Birthday to you, happy birthday to you …“, sangen meine Mädels schon im Flur und wir begrüßten uns in einer großen Gruppenumarmung. Wir kannten uns noch alle aus der Schulzeit. So unterschiedlich wir auch waren, so sehr hielten wir immer noch aneinander fest. Ich freute mich riesig, sie zu sehen und sie nun bei mir zu haben. Auch für sie war es das erste Mal, dass sie meine neue Wohnung ohne Kisten und Unordnung sahen. Ich wohnte jetzt zwar schon einige Monate hier, aber es war immer schwierig gewesen, sie herzulocken. Schließlich war es einfacher, wenn ich ins Dorf kam. So mussten sie ihre Komfortzone nicht verlassen. Auch Mara und Franzi, meine beiden neuen Freundinnen aus Bielefeld, kamen vorbei. Ich kannte sie noch nicht lange. Unser Job hatte uns zusammengeführt und so hatten wir immer ein Gesprächsthema. In der kurzen Zeit waren wir schon richtig gute Freundinnen geworden und ich war wirklich froh, sie zu haben. Meine Wohnung war zum zweiten Mal an diesem Tag proppenvoll und ich genoss es, meine Liebsten bei mir zu haben.

Tatsächlich konnte ich mir an diesem Abend noch öfter anhören, dass ich ab jetzt zu den „Alten“ gehören würde und dass mir schwere Zeiten bevorstanden. Aber dieses Mal war ich darauf gefasst. Bei meinen Dorf-Mädels war die 30 auch ein großes Thema, schließlich ging es uns gerade alle an und ich wusste, dass sie alle Angst vor dieser magischen Zahl hatten. Rebecca, meine Single-Freundin, hatte Torschlusspanik, Lena hatte Angst, dass der Heiratsantrag ihres langjährigen Freundes noch lange auf sich warten ließ und Eva, die das alles schon hinter sich und die Pläne von Familie und Eigenheim bereits umgesetzt hatte, wollte einfach nicht älter werden.

Auch wenn ich mir hin und wieder Sorgen machte, dass Eva in ihrer Beziehung vielleicht manchmal nicht so glücklich war mit ihren zwei Kindern, dem großen Haus und einem Mann, der es vorzog, ständig unterwegs zu sein, und selten Zeit für die Familie übrig hatte, schienen sich die anderen beiden nach genau so einem Leben zu sehnen und zu fürchten, dass ihr Alter ihnen dabei im Weg stehen könnte.

Und genau da unterschieden wir uns. Da ich im Moment alles andere als den Drang verspürte, eine eigene Familie zu gründen und sesshaft zu werden, und so nahm ich die Sticheleien mit Humor und viiieeel Gin Tonic. Entgegen meiner Befürchtung, es könnte eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bei der Party entstehen, verstanden sich Mara und Franzi super mit meinen vier Dorf-Mädels und wir hatten jede Menge Spaß. Besonders Eva und Mara unterhielten sich angeregt und ich hatte das Gefühl, dass Eva die paar Stunden Freiheit richtig genoss. Es war ein superlustiger Abend. Wir tanzten und sangen und ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Nachbarn sich beschwert hätten. Aber das taten sie nicht. Um drei Uhr fiel ich todmüde und etwas betrunken, aber überglücklich ins Bett.

2 - Katerstimmung

Der Wecker klingelte um sechs Uhr. Ich realisierte erst nicht, woher dieses fiese Geräusch kam, und wusste nicht sofort, wo ich war. Dann klingelte es auch in meinem Kopf.

Mist, ich hatte vergessen, den Wecker auszuschalten.

Es gelang mir noch nicht, meine Augen zu öffnen. So ertastete ich mit aller Kraft mein Handy und stellte das Klingeln ab. In der nächsten Sekunde war ich bereits wieder eingeschlafen. Auch als ich vier Stunden später erneut aufwachte, hatte sich mein Zustand nicht wirklich gebessert. Mein Kopf tat höllisch weh und beim Gedanken an Kaffee, meinen sonst so geliebten Aufstehhelfer, wurde mir direkt schlecht.

Also musste ich auf meinen knallharten Katertrick zurückgreifen: Aspirin und Cola. Ich würde es mir erstmal auf meinem Sofa gemütlich machen und versuchen klarzukommen. Leider hatte ich vergessen, dass mein Wohnzimmer gestern eine Disco war und immer noch dementsprechend aussah.

Neeeeiiin, wimmerte ich in Gedanken. Aber es nützte nichts. Wenn ich eins nicht konnte, war es, mitten im Chaos zu entspannen.

Ich trank meine Cola, die zum Glück eiskalt war, mit einem Zug leer. Diese Wunderwaffe gab mir gerade so viel Kraft, mein Party-Wohnzimmer wieder in die gewohnte Wohlfühloase zu verwandeln. Manchmal war es doch ein Vorteil, nur eine kleine Wohnung zu haben. Mittlerweile war es Mittag geworden und ich hatte tierischen Hunger. Gut, dass gestern noch etwas von der Partysuppe übergeblieben war. Mit meinem Festmahl und einer zweiten Cola fiel ich fix und fertig auf mein Sofa. Schlafen konnte ich leider nicht mehr. Gestärkt und geduscht ging es mir aber auch schon ein bisschen besser.

Während ich meine Mails checkte und einige Anfragen beantwortete, die schon eingegangen waren, fing es in meinem Kopf allerdings doch wieder an zu pochen. Offensichtlich hatten meine Freunde gar nicht so unrecht und ich wurde wirklich langsam, aber sicher alt. Meine Gedanken schweiften weiter ab und ließen meinen Geburtstag Revue passieren. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, als ich an den wunderschönen Tag mit all den wunderbaren Menschen dachte.

Ja, im Moment war ich sehr glücklich. Es war Frühling, die Sonne machte gute Laune. Ich hatte einen Job, der mir unglaublich Spaß machte, und ich hatte tolle Menschen um mich herum.

Was wollte man mehr?

Mein Lächeln vertiefte sich, als ich an Opa und seine kleine Rede dachte. Er wollte noch mehr Urenkel, typisch. Gut, dass ich seinen Wunsch einer Familienvergrößerung nicht verzweifelt teilte. Ansonsten hätten mich seine Worte sicherlich schwer getroffen.

Oder hatten sie das vielleicht doch ein bisschen?

Ich rieb meinen schmerzenden Schädel. Ehrlich gesagt, hatte ich mir bisher noch nicht so viele Gedanken darüber gemacht. In Wirklichkeit stand es gerade auch gar nicht zur Debatte. Meine Rahmenbedingungen förderten es nicht wirklich, darüber zu philosophieren. Ohne Mann musste ich schließlich gar nicht erst an Kinder denken. Aber das hatte ja auch noch Zeit. Zumindest in meinen Augen. Wenn ich mir die Sprüche der anderen anhörte oder an die zahlreichen Beileids-Bekundungen gestern zu meinem Alter dachte, sahen das wohl nicht alle so.

Ich fand es schon befremdlich, was alle mit der „30“ hatten. Sicherlich meinten viele ihre Sprüche einfach nur witzig. Dennoch war es ja offensichtlich ein großes Thema.

Denn nicht nur meine ehemalige Kollegin hatte große Probleme damit. Auch für viele meiner Mädels war es ein Riesenthema.

Und für mich? Die Wahrheit war, ich wusste es nicht.

War das unnormal? Sollte es mir Angst machen, dass offenbar jeder in meinem Umfeld einen festen Lebensplan hatte, den er unbedingt einhalten wollte, nur ich nicht?

Oh Mann, was war denn jetzt los mit mir?

Ich steckte wohl wirklich mitten in einer After-Party-Melancholie-Stimmung.

Naja, aber es schadete ja nicht, sich mal ein paar Gedanken zu machen. Jetzt war ich eh mitten in meinem Gedankenkarussell gefangen. Es war also Zeit für eine kleine Bestandsaufnahme:

Ich, Felicitas Weber, war (gerade) 30 Jahre alt, Single und arbeitete als selbstständige Immobilienmaklerin in einem namhaften Maklerbüro in Bielefeld. Gebürtig kam ich aus einem kleinen Dorf in Ostwestfalen, gar nicht so weit von Bielefeld entfernt. Vor ein paar Monaten hatte ich dieses Dorf verlassen, um beruflich in Bielefeld durchzustarten. Seitdem hatte sich mein Leben ganz schön geändert, vor allem auch mein Selbstbewusstsein. Das hatte eine Zeit lang nämlich ganz schön gelitten und sah damals noch ganz anders aus.

3 - Flashback

Mein Leben war jetzt keine „Vom Entlein zum Schwan“-Geschichte. Dennoch musste ich mir eingestehen, dass mir der Umzug nach Bielefeld gutgetan und einiges in mir bewegt hatte.

Ich liebte mein Leben im Dorf und bei meinen Freunden, aber trotzdem war es Zeit für einen Tapetenwechsel. Im Dorf lebte ich bei meinen Eltern im Haus. Zwar hatte ich dort eine eigene Wohnung, dennoch war Privatsphäre immer noch ein Fremdwort. Als Immobilienkauffrau in einer Verwaltung hatte ich einen nicht allzu spannenden, dafür jedoch einen sicheren Job. Meine Freunde und meine Familie lebten alle in meinem näheren Umkreis. Es war alles schön, bis ich mich Hals über Kopf verliebte. Zum ersten und bisher letzten Mal in meinem Leben.

Ich lernte Mirko auf einem Schützenfest kennen. Es war ein heißes Juliwochenende und ich war mit meinen Mädels tagsüber im Freibad. Damals waren wir zwar nicht alle Single, allerdings noch alle kinderlos, sodass solche Nachmittage keine Seltenheit waren. An diesem Tag waren wir total aufgedreht und wollten unbedingt tanzen gehen. Das war nicht schwer, denn im Sommer war immer irgendwo Schützenfest. Wir radelten schnell nach Hause, machten uns frisch und ließen uns ins Nachbardorf fahren.

Die Musik erreichte uns schon, als wir aus dem Auto stiegen, und wir liefen sofort auf die Tanzfläche. Als die Band Pause machte, brauchten wir auch unbedingt eine Erfrischung und machten uns auf den Weg zur Theke. Wir trafen direkt ehemalige Schulkollegen und gesellten uns zu ihnen in den Kreis. Benni, unser ehemaliger Jahrgangsstufensprecher, gab gerade eine Geschichte aus alten Zeiten zum Besten, als plötzlich ein Tablett Bier neben mir auftauchte und mich zwang, den Kreis zu öffnen.

„Mirko, mit dir trinke ich am liebsten!“, tönte Benni und hob augenzwinkernd sein Glas. Auch der Tablettträger, der offensichtlich Mirko war, nahm sich ein Bier und prostete uns zu. Ich merkte, dass Rebecca große Augen bekam und den Unbekannten anstarrte, als er sich mir zuwandte.

„Und wo hat Benni euch akquiriert?“ Ich musste laut loslachen, weil diese Anspielung so tausendprozentig auf Benni, der mittlerweile Außendienstmitarbeiter mit Leib und Seele war, passte.

„Bei uns hatte er leichtes Spiel, wir kennen uns aus der Schule.“, gab ich zurück, als die Musik wieder einsetzte.

„Lust auf ein Tänzchen?“

Das musste man mich nicht zweimal fragen. Ich rief meinen Mädels noch ein fröhliches „Bin gleich wieder da“ zu, als Mirko mich schon auf die Tanzfläche zog.

Auch dabei entging mir Beccis schnippischer Blick nicht, den ich aber ignorierte. Keine Ahnung, was sie hatte. Ich versuchte das auszublenden, denn ich wollte mir den Abend nicht vermiesen lassen. Ich liebte Becci, aber manchmal war sie etwas eigen. Sie lästerte gerne und viel. Das war durchaus unterhaltsam, konnte allerdings auch wirklich anstrengend sein. Wenn sie wollte, fand sie immer irgendetwas, was ihr nicht passte. Und sie war nicht gerade eine Meisterin darin, ihre Meinung zu verbergen. Doch da wir uns schon unser ganzes Leben lang kannten, hatte ich gelernt, ihr manchmal wirklich unangebrachtes Verhalten einfach zu ignorieren und mir meine gute Laune nicht vermiesen zu lassen. Das klappte nicht immer, an diesem Abend allerdings schon.

Mirko und ich tanzten ein Lied nach dem anderen, und es stellte sich gar nicht die Frage, ob wir zurück zu den anderen gingen. Nicht nur das Tanzen lief wie von selbst. Irgendwie schafften wir es sogar, zwischen tausend Drehungen ein Gespräch zu führen. Mirko war witzig. Es fühlte sich gar nicht so an, als hätten wir uns gerade erst kennengelernt.

Es stellte sich heraus, dass Mirko zwei Jahre älter war als ich und zusammen mit Benni Fußball spielte. Er wohnte nur ein paar Dörfer weiter, aber ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Das war komisch. Auf dem Dorf kannte schließlich jeder jeden, zumindest vom Sehen. Heute war ich froh, dass es doch noch Überraschungen gab. Die Zeit verging wie im Flug und die Band kündigte das Ende des Abends mit dem typischen Rausschmeißersong „Angels“ von Robbie Williams an. Ich verdrehte die Augen und zog Mirko schon Richtung Theke, als er mich zurückhielt.

„Du willst doch wohl nicht schlappmachen?“ Er zwinkerte mir zu und ich ließ mich bereitwillig zurück auf die Tanzfläche holen.

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob es das Bier war, die laue Sommernacht oder das schmalzige Lied. Wahrscheinlich eine Mischung aus allem, jedenfalls war meine Wahrnehmung ziemlich gedämpft, als Mirko plötzlich die Arme um mich schloss und mich an sich zog.

In meinem Zustand genoss ich die Nähe und wünschte mir ausnahmsweise, dass dieses Lied nicht so schnell zu Ende gehen würde. Mirko schien es ähnlich zu gehen. Als ich meinen Kopf von seiner Brust hob, sah ich direkt in seine tiefgrünen Augen. Er zog mich noch fester an sich und ohne meinen Blick loszulassen, näherte er sich meinem Gesicht immer weiter, bis sich schließlich nicht nur unsere Blicke, sondern auch unsere Lippen trafen. Erst der große Jubel nach den letzten Takten des Songs ließ uns in die Realität zurückkehren.

Auch noch fünf Jahre später überkam mich jedes Mal der Drang, mir mit der flachen Hand vor den Kopf zu schlagen, so klischeehaft, schmalzig und bekloppt war diese Situation schon in meinen Gedanken!

Beim Nachmittagskaffee mit meinen Mädels am nächsten Tag war ich natürlich Gesprächsthema Nummer eins. Ich war ja selbst schuld. Offensichtlicher als mitten auf der Tanzfläche hätte ich meinen Flirt auch nicht platzieren können. Naja, sollten sie ihren Spaß haben. Am nächsten Tag würde das Thema eh Geschichte sein. Eigentlich doch etwas schade, denn irgendwie mochte ich Mirko sofort. Aber so eine Nummer fiel schließlich immer in die Kategorie „einmalige Sache wegen zu viel Alkohol“.

Das sah Mirko allerdings anders. Noch am gleichen Abend erhielt ich eine WhatsApp-Nachricht mit einer Einladung zum Kaffee für den nächsten Tag. Ich wusste noch nicht mal mehr, dass ich ihm meine Nummer gegeben hatte. Und irgendwie freute ich mich auch über die Nachricht. Aus diesem Grund, aber mehr noch, weil am nächsten Tag Sonntag war und ich noch nichts vorhatte, sagte ich zu. Der Sonntag mit ihm verging wie im Flug und auch ohne Bier und Schützenfestmusik hatten Mirko und ich riesigen Spaß zusammen. Es blieb nicht bei dieser Verabredung und ich fing an, ihn bei jedem Treffen mehr zu mögen. Mit Mirko war es so leicht und so ungezwungen und trotzdem hatte ich das Gefühl, als würde er sich wirklich für mich interessieren. Schneller, als ich es mir eingestand, war ich hin und weg von diesem tollen Typen aus dem Nachbardorf. Es schien, als würde es ihm ähnlich gehen.

„Der vergöttert dich, Feli!“, waren sich meine Mädels einig.

Ich war eigentlich nicht der Typ, der so etwas über sich sagte. Aber in diesem Fall war es so offensichtlich, dass sogar ich wusste, dass sie recht hatten. Und auch auf die Gefahr hin, dass sich die Geschichte nur noch weiter anhört, wie aus einem Kitschroman kopiert, ich sah es in seinen Augen. Wenn er mir die Tür öffnete, wenn er aus dem Auto stieg, immer, wenn wir uns trafen, fingen seine Augen an zu leuchten. Tatsächlich dachte ich bis dahin, dass es so etwas nur im Film gäbe, aber das war real. Dieses Leuchten zog mich in seinen Bann. Meine anfängliche Unsicherheit, die mich immer begleitete, wenn ich einen Mann datete und bisher immer dazu geführt hatte, dass aus den Dates nichts Festes wurde, verflog immer mehr und ich verliebte mich so sehr in Mirko, dass ich viel zu spät merkte, dass es in unserem Film kein Happy End geben würde.

Denn erst mit der Zeit realisierte ich, dass Mirko zwei Seiten hatte. So unglaublich das Leuchten in seinen Augen strahlen konnte, so schnell konnte es auch erlöschen. Von jetzt auf gleich kippte die Stimmung und Mirko war wie ausgewechselt. Besonders, wenn er gestresst war.

Am Anfang habe ich mir noch nicht so viel dabei gedacht. Eine meiner ausgeprägtesten Charaktereigenschaften war schließlich, dass ich irgendwie immer alles und jeden verstehen konnte. Ich war nie ein Freund vom Schwarz-Weiß-Denken und ich war immer stolz darauf, Dinge aus verschiedensten Perspektiven betrachten zu können und dadurch so manches sah, was anderen verborgen blieb. In diesem Fall stellte sich aber heraus, dass mir genau diese Eigenschaft zum Verhängnis wurde.

Während ich also immer verstand, wenn Mirko gestresst war, und dabei versuchte, ihm so viel wie möglich abzunehmen und selbst so wenig wie möglich zur Last zu fallen, sah ich nicht, dass er eigentlich gar keinen Grund hatte, gestresst zu sein. Sein Bürojob verlangte ihm nicht allzu viel ab, sein bester Kumpel musste nicht verärgert sein, wenn Mirko ihm mal nur fünf Tage anstatt sieben Tage auf dem Bau half und es sollte auch kein Weltuntergang sein, wenn man in Kreisliga C mal keinen Siegtreffer erzielte.

Aber genau das war es für ihn, und ich bekam es zu spüren. Es kam vor, dass er sich einfach nicht mehr meldete und wenn ich ihn anrief, war er wieder gestresst. Er erzählte mir nicht, was in seinem Kopf vorging. Wenn wir zusammen waren, hing er an seinem Handy und beachtete mich nicht. An einem guten Tag verriet er mir, wie sehr er seinen Job hasste und eigentlich lieber etwas Anderes machen würde. Vielleicht etwas mit Sport. Klang für mich logisch, so sehr wie er sich in seiner Freizeit über alles Mögliche darüber informierte. Also ermutigte ich ihn, etwas zu ändern. Er war Mitte 20 und alles andere als verdammt, den Rest seines Lebens etwas zu tun, was er hasste. Natürlich erforderte Veränderung auch immer etwas Mut, aber ich war fest entschlossen, ihn zu unterstützen. Also suchte ich Ausbildungsmöglichkeiten, Fernstudiengänge, Quereinstiege. Alles in unserer Nähe, denn ohne seine Freunde hätte Mirko niemals leben können. Und das war vollkommen okay, denn auch ich liebte unsere Heimat und meine Freunde, wenn auch etwas weniger bedingungslos. Ich versuchte alles, um Mirko zu unterstützen. Wenn er glücklich wäre, würde auch bei uns wieder alles gut sein. Das Strahlen in seinen Augen würde zurückkehren, wenn er mich sah, und ich würde mich wieder wie etwas ganz Besonderes fühlen. Doch er interessierte sich gar nicht dafür und ignorierte mich und meine Hilfsversuche. Stattdessen strafte er mich, für was auch immer, mit Nichtbeachtung, während er unter Leuten der fürsorgliche und witzige Traumtyp blieb. Das ging nicht spurlos an mir vorbei. Und ohne es rechtzeitig zu merken, verwandelte ich mich von einer lebenslustigen jungen Frau in ein kleines Häufchen Elend. Wenn Mirko keine Lust auf mich hatte, wartete ich geduldig auf dem Abstellgleis. Wenn er mich wollte, war ich da. Ich wünschte mir, ihn einfach wieder glücklich zu sehen. Aber das tat ich nicht. Und immer, wenn ich kurz davor stand, einen Schlussstrich zu ziehen und mich nicht weiter so behandeln zu lassen, kam wieder ein guter Tag. Dieses unbeschreibliche Leuchten kehrte in seine Augen zurück, wenn er mich ansah. Dann behandelte er mich wie seinen größten Schatz. Genau diese Tage waren es, die es mich nicht übers Herz bringen ließen, mich von Mirko zu trennen.

Mit jedem dieser guten Tage wuchs mein Glauben an den Menschen, den ich liebte, und daran, dass ich mich nicht so in einem Menschen täuschen konnte. Es war sicher nur eine Phase und alles würde wieder gut werden. Man musste eben auch schlechte Zeiten zusammen überstehen.

Diese „Phase“ wurde leider mehr und mehr zum Alltag. Wenn wir zusammen waren, herrschte gedrückte Stimmung. Mirko kam aus dem Grübeln nicht mehr heraus, war antriebslos. Ständig musste ich ihm bestätigen, dass andere ihn toll fanden und dass das, was er machte, gut ankam. Während ich mir ernsthaft Sorgen machte, weil sein Verhalten immer mehr den Symptomen einer Depression entsprach, ließ er sich bei seinen Freunden weiterhin nichts anmerken. Bei Bier und Fußball war schließlich alles bestens und Mirko war ganz der Alte. Und wenn seine Fassade doch einmal vor anderen zu bröckeln begann, gab es immer eine tolle, aber vollkommen falsche Erklärung.

Für die Welt blieb er also der tolle Typ, für mich war er ein Rätsel. Und langsam machte ich mir ernsthafte Sorgen. Das Einzige, was nicht von einer Depression zeugte, war sein unverändertes Lustempfinden. Das funktionierte wunderbar. Über diesen Teil meines Liebeslebens konnte ich mich also nicht beklagen, in allen anderen Angelegenheiten war er aber einfach nur abweisend zu mir.

Das alles ging nicht spurlos an mir vorbei. Mirkos Zustand beeinflusste mich immer mehr und ich wurde unsicher. Ich wusste nicht, was ich sagen durfte und was ihn aufregte. Ich wusste nicht, wann er meine Nähe genoss und wann er Abstand brauchte. Also versuchte ich, immer auf Abruf zu sein. Darunter litt nicht nur mein Selbstwertgefühl, sondern auch mein soziales Umfeld. In meiner großen Verzweiflung unternahm ich dann doch einen Versuch, mit meinen Mädels über meine Situation zu reden. Aber der war erfolglos. Sie mochten Mirko sehr und hätten sich im Leben nicht vorstellen können, was hinter dieser charismatischen, lebensfrohen Fassade steckte. Besonders Rebecca erstickte jeden meiner Versuche, über meine Gefühlswelt zu reden, im Keim.

„Feli, du kannst dich ja wohl nicht beklagen! Mirko ist ein Glücksgriff. Ehrlich gesagt verstehe ich immer noch nicht, warum er sich damals für dich entschieden hat. Wahrscheinlich steht er einfach mehr auf Brünett. Naja und ich hab ja eh immer Pech.“ Und schon war sie mal wieder bei ihrem Lieblingsthema: ihrem ewigen Single-Dasein. Ich nahm es ihr nicht übel. Diese Sprüche war ich gewohnt und Becci war sich schon immer irgendwie selbst die Nächste gewesen. Auch den anderen war ich nicht böse. Wie sollten sie verstehen, wenn ich versuchte, ihnen etwas zu erklären, was aus ihrer eigenen Erfahrung vollkommen anders war? Die Tatsache, dass ich immer weniger Zeit für sie hatte und immer mehr Treffen absagte, um abrufbar für Mirko zu sein, verbuchten sie als normale Konsequenz einer frischen Liebe.

Ich ließ sie also in dem Glauben und so wurde meine Unsicherheit immer mehr gefördert.

Vielleicht übertrieb ich alles auch ein bisschen und vielleicht sollte ich mich wirklich einfach glücklich schätzen. Schließlich gab es in jeder Beziehung Höhen und Tiefen. Außer dass Mirko manchmal schlecht drauf war und recht laut werden konnte, wenn wir wieder einmal diskutierten, war ja auch alles gut. Er war ja schließlich nicht gewalttätig oder zwang mich zu etwas, was ich nicht wollte oder so. Also blieb ich still, ertrug Mirkos Launen weiter und ließ mich weiter benutzen. Zum Ausheulen, zum Aufbauen, zum Befriedigen. Was ich wollte, spielte schon lange keine Rolle mehr und mittlerweile war ich zu unsicher geworden, mir selbst darüber Gedanken zu machen. Ich wartete wie ein geduldiges Schaf auf die Momente, in denen mich Mirko mal wieder liebhatte.

Rückblickend war es einfach nur erbärmlich, aber das merkte ich damals natürlich nicht. Noch erbärmlicher war es, dass der Höhepunkt meines persönlichen Albtraums eigentlich meine Rettung war.

4 - Die Sonne ruft

Mein Handy klingelte und ich wurde aus meinen Gedanken gerissen. Ich war verwirrt und musste mich kurz sammeln, als ich so professionell wie möglich antwortete.

„Weber?“

„Mensch Feli, was ist mit dir denn los? Biste noch nicht ganz fit?“ Typisch Franzi! Sie war die absolute Powerfrau. Wahrscheinlich hatte sie heute auch schon eine Sporteinheit hinter sich. Weiß der Geier, wie sie das schaffte.

„Sorry, ich dachte, du bist jemand für eine Besichtigung.“

„Es ist SONNTAG!“

„Jaja, ich habe aber nicht nur Geschäftskunden, die sich für Gewerbeflächen interessieren. Familien rufen eben eher am Wochenende an, wenn sie selbst nicht arbeiten müssen.“, erinnerte ich sie in gespieltem Entsetzen und freute mich gleichzeitig riesig, ihre Stimme zu hören.

Erst jetzt bemerkte ich die Tränen, die über meine Wange liefen. Oh Mann, dieser Typ muss mich doch endlich mal kalt lassen. Es war nicht so, dass ich noch oft an ihn dachte. Aber wenn ich es tat, warf es mich regelmäßig aus der Bahn. Nicht, dass ich ihn zurückwollte, um Gottes Willen. Trotzdem machte mich der Gedanke an diese Zeit immer noch fertig. Umso mehr freute ich mich über Franzis Anruf und die willkommene Ablenkung.

„Streber!“, lachte Franzi, die nicht verstehen konnte, dass ich immer für meine Kunden da war und auch noch Spaß daran hatte. „Also was ist, Feli? Lust auf einen Kaffee mit Mara und mir, oder lässt das dein Zustand noch nicht zu? Das Wetter ist viel zu schön, um den ganzen Tag auf der Couch zu hängen und deine Kunden können dich auch unterwegs erreichen, wenn es denn unbedingt sein muss.“