Und immer wieder geht die Sonne auf - Elli Poletti - E-Book

Und immer wieder geht die Sonne auf E-Book

Elli Poletti

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wie findest du dein Lachen wieder, wenn du denkst, alles verloren zu haben? Kleos Welt liegt in Scherben. Nach dem Tod ihrer Schwester ist ihr alles zu viel – auch die Nähe zu ihrem Freund Lenny. Um dem Schmerz zu entkommen, reist sie nach Panama, an den Seestern-Strand, von dem ihre Schwester immer geträumt hat. Die paradiesische Insel Isla Colón wird mehr als ein Zufluchtsort. Zwischen Sonnenaufgängen, Meeresrauschen und neuen Begegnungen beginnt Kleo, das Leben wieder zuzulassen. Daran ist der geheimnisvolle Carlos nicht ganz unschuldig. Doch ihr Herz ist hin- und hergerissen – zwischen zwei Männern, zwei Welten und der Frage, wo sie wirklich hingehört. Ein berührender Wohlfühlroman über Liebe, Lebensfreude, Neuanfang und den Mut, dem Leben wieder zu vertrauen. Für alle, die Geschichten über zweite Chancen, Fernweh und das kleine Glück lieben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Originalausgabe September 2025

© Elena Finke

Website: www.ellipoletti.de

Instagram: @elli.poletti

Hermannstraße 3, 33602 Bielefeld

Lektorat: Ricarda Hoffmann

Korrektorat: Kristina Finke

Umschlaggestaltung: Mii Plock

Buchsatz: Elena Finke

ISBN: 978-3-8194-1342-1

Alle Rechte vorbehalten.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und unbeabsichtigt.

Über Elli

Elli ist selbst hoffnungslose Romantikerin. Ihre Schwäche für Liebesgeschichten hat sie dazu inspiriert, selbst zu schreiben. Mit ihren Romanen möchte sie ihren Leserinnen und Lesern besondere Wohlfühlmomente im Alltag schenken und daran erinnern, dass das Leben schön ist – egal vor welchen Herausforderungen man steht. Wenn sie nicht schreibt – oder auch währenddessen – erkundet sie liebend gern die schönsten Orte der Welt, die auch in ihren Geschichten ein Zuhause finden.

Mehr über Elli gibt’s auf www.ellipoletti.de oder auf Instagram (@elli.poletti)

Schön, dass du hier bist!

Ich wünsche dir eine tolle Zeit in Panama (und Bielefeld) und viel Freude mit Kleos Geschichte!

Wenn sie dir gefällt, würde ich mich RIESIG über eine Rezension über Social Media, oder auf Plattformen wie Thalia, Amazon und allen weiteren freuen. Nur dadurch kann diese Geschichte auch für andere Leserinnen und Leser sichtbar werden.

Von Herzen liebsten Dank!

Deine Elli

Für alle, die jemanden vermissen.

Und für alle, die vermisst werden.

Im Herzen - für immer.

Playlist

Und immer wieder geht die Sonne auf

Janet Jackson – Together Again

Smith & Thell – Toast

Michael Schulte – Broken Sunshine

Birdy – Wings

José Gonzáles – Stay Alive

Bosse – Loslassen lernen

Coldplay – Everglow

Herbert Grönemeyer – Der Weg

Ed Sheeran – Sapphire

Kasalla – Alle Jläser huh

Josh Groban – You Raise Me Up

Udo Jürgens –Immer wieder geht die Sonne auf

Kapitel 1

Es war viel zu warm für einen Tag wie heute. Der strahlende Sonnenschein und der wolkenfreie blaue Himmel standen in krassem Kontrast zu meiner Gefühlswelt, die so gar nicht zu dem herrlichen Wetter passen wollte. Dieser Gegensatz sorgte dafür, dass ich mich noch unwohler fühlte, als ich es ohnehin schon tat. Am liebsten hätte ich mich den ganzen Tag in meinem Zimmer unter meiner Bettdecke verkrochen. Ich wollte niemanden hören, geschweige denn sehen, so wie immer in letzter Zeit.

Wir fuhren durch die langgezogene Allee, die uns zum Parkplatz führte. Durch die noch kahlen Äste der Bäume bahnte sich das Sonnenlicht seinen Weg auf die Straße und blendete mich beim Fahren, sodass ich die Augen zusammenkneifen musste.

Der Frühling schritt immer weiter voran. Bald würden die Blätter an den Bäumen sprießen und es der Sonne, die schon jetzt eine unheimliche Kraft hatte, unmöglich machen, sie zu durchdringen. Noch ein paar Meter bis wir am Ziel waren. Obwohl sich alles in mir gesträubt hatte, hatte ich mein Bett verlassen und war jetzt hier: Auf dem Parkplatz vor der Kapelle am Friedhof. Das tat ich nur für Sophie. Und für Mama. Niemals hätte ich sie das hier allein durchstehen lassen.

Ich drehte die Klimaanlage auf, um die Temperatur im Auto der in meinem Herzen wenigstens ein bisschen anzupassen. Es war Zeit auszusteigen, aber ich konnte nicht.

„Komm, mein Schatz.“ Mamas Stimme glich einem Flüstern, als sie meinen Unterarm berührte und mich ansah. Ihre Lippen formten ein schwaches Lächeln, das mir mehr wehtat, als dass es mich tröstete. Ich sah an Mama vorbei, unfähig, die Traurigkeit in ihren Augen zu ertragen. Draußen marschierte Tante Rosie auf die Kapelle zu. Sie hatte einen Hut auf dem Kopf, an den sie ein Blumengesteck angebracht hatte, das bei jedem Schritt wippte wie ein Hahn auf Abwegen. Wäre die Situation nicht so tragisch, wäre es fast komisch.

„Wir sollten als Erstes in der Kapelle sein.“ Wieder versuchte Mama, mich zum Aussteigen zu bewegen. Ich wollte nicht in der Kapelle sein. Aber was ich wollte, zählte heute nicht. Obwohl alles in mir rebellierte, nickte ich stumm und öffnete die Fahrertür. Meine Beine waren schwer wie Blei, als ich ausstieg. Mama kam zu mir und hakte sich unter. Gemeinsam gingen wir durch die Friedhofspforte auf die kleine Kapelle zu.

Die massive Holztür stand bereits offen und gab einen Blick auf die Bänke frei, die genauso ungemütlich aussahen wie die kahlen, weißen Wände und der graue Steinboden.

Wir traten ein und nahmen in der ersten Reihe neben Tante Rosie Platz. Sie lächelte uns bemüht aufmunternd an und ich widerstand dem Drang, direkt wieder umzudrehen. Die beiden Schwestern wechselten ein paar Worte, die ich nicht verstand, die mich aber auch nicht interessierten. Die einzige Person, mit der ich reden wollte, war Sophie. Mit meiner Schwester. Aber das ging nicht und das würde nie wieder gehen. Ich blickte in Richtung des Altars, direkt in Sophies bernsteinfarbene Augen. Mama und ich hatten so viele Fotos von ihr durchgeschaut. Das hier war perfekt. Ein wunderschönes Bild meiner Schwester, aufgenommen im vorletzten Sommer, als wir zusammen am Obersee waren. Ihre blonden Haare wehten im Wind, und ihr Lächeln strahlte mit der Sonne um die Wette. Es war ein Lächeln, mit dem sie immer darüber hinwegtäuschte, wie hart sie eigentlich kämpfte.

Sah man genauer hin, erkannte man die Anstrengung in ihren Augen. In ihnen spiegelten sich die Schmerzen, die Sophie fast ihr ganzes Leben lang erleiden musste. Mal mehr, mal weniger. Aber immer schwebte der Krebs über ihr, drohte sie wieder anzugreifen, wie ein Adler auf der Suche nach seinem nächsten Opfer.

Meine Kehle schnürte sich zu. Das war nicht fair! Das hier war einfach alles nicht fair! Sophie hat so sehr gekämpft, wollte leben und hat den Kampf letztendlich verloren. Meine Nase kribbelte und Tränen flossen meine Wangen herunter.

„Wir begleiten Sophie heute auf ihrem letzten Weg“, hörte ich den Pastor sagen, der neben ihrem Foto stand und in die Reihen blickte.

Ich hatte nicht bemerkt, wie sich die Kapelle gefüllt hatte und er nach vorne getreten war. Ihr letzter Weg. Mein Hals brannte vor Schmerz. Ihr Weg durfte einfach nicht vorbei sein. Es war zu früh. Wir hatten doch so viele Pläne. Die anschließenden Worte des Pastors verloren sich in meinen Gedanken.

„Kleo?“

Die Gäste verließen bereits die Kapelle. Auch Mama stand auf und ich wusste, dass mir keine Wahl blieb. Alles in mir sträubte sich.

Mama hatte sich wieder bei mir untergehakt. Die Sonne knallte unerbittlich auf uns herunter und meine Füße begannen in den schwarzen Schuhen zu brennen vor Hitze. Wie konnte an einem so schrecklichen Tag nur so schönes Wetter sein?!

Einen Schritt nach dem anderen folgten wir dem Pastor, gingen vorbei an schwarz gekleideten Menschen, die ich überhaupt nicht richtig wahrnahm. Quälend langsam zog sich der Weg über den Friedhof. Ich richtete meinen Blick starr auf den Boden, wollte nicht, dass jemand mein Gesicht sehen konnte. Ich fixierte den Boden, brachte es aber nicht fertig, nach vorne zu schauen - wie im echten Leben.

Es gibt Dinge, die du nicht beeinflussen kannst. Die musst du annehmen und das Beste daraus machen. Das war immer unser Credo gewesen, an dem wir in jeder Lebenslage festhielten, das uns aufrecht hielt, auch, wenn wir lieber zusammenfallen wollten. Wir hätten es als Statement über unsere Hauswand schreiben können: Familie Sander bleibt immer positiv! Bis zu Sophies Tod war es uns gelungen als Familie nach vorne zu schauen. Auch ich hatte es in den letzten Wochen versucht, wirklich. Sogar als sich unsere Familie von jetzt auf gleich halbiert hatte. Aber es gelang mir einfach nicht. Familie Sander gab es nicht mehr und es war, als wäre mit ihr meine Zuversicht verloren gegangen.

Wie sollte ich aus dem Verlust meiner Schwester auch etwas Positives ziehen? Sophie war nicht mehr da und sie würde nie wieder kommen. Auch, wenn uns immer klar gewesen war, dass das irgendwann passierte, hätte mich keine Gewissheit der Welt darauf vorbereiten können, wie es war, ohne sie zu sein. Ich vermisste alles an Sophie: ihren Kampfgeist, über den sie mit ihrer sanftmütigen Art hinwegtäuschte, um es uns leichter zu machen, ihr helles Lachen, das sie nie verloren hatte - auch nicht, wenn sie so schwach war, dass sie nicht allein aufstehen konnte. Ihre schönen Augen, die so voller Leben und Liebe strahlten, dass es ansteckend wirkte, obwohl es allen Grund zum Trübsal blasen gab. Ich vermisste, was sie aus mir machte: die lebensfrohe Kleo. Mit Sophie war ich immer stark gewesen. Bei allem, was sie durchmachen musste, hatten wir es geschafft, uns auch auf die schönen Dinge im Leben zu konzentrieren. Das, was uns vom Leben blieb, zu feiern. Zusammen hatten wir die kleinen Momente genossen, wie die ersten Erdbeeren zum Sommeranfang oder den Latte Macchiato in unserem Stammcafé. Ohne Sophie fühlte ich einfach nichts.

Mama blieb stehen. Wir hatten das Grab erreicht. Es war das letzte in der Reihe der Urnengräber und lag direkt unter einer alten Eiche, die uns Schatten spendete. Neben der aufgeworfenen Erde stand eine kleine Schale mit bunten Blütenblättern, die für diesen schrecklichen Anlass eindeutig zu farbenfroh waren. Daneben stand eine weitere Schale mit Erde und einer kleinen Schaufel. Der Pastor begann zu sprechen, doch ich nahm seine Worte kaum wahr. Sie wehten wie ein ferner Klang an mir vorbei. Sophies letzter Weg.

Ich starrte in das kleine Loch vor mir und beobachtete wie in Trance, wie Sophies Asche darin heruntergelassen wurde. Das war es also, was blieb. Eine nicht einmal einen Quadratmeter große Fläche, in der das Leben unter der Erde vergraben wurde. Wieder strömten Tränen über mein Gesicht. Die kleinen Rinnsale auf meiner Haut waren mittlerweile schon fast zur Gewohnheit geworden.

Sophies Verlust schmerzte jeden Tag. Aber hier am Grab war es nochmal anders. So real. Quälend langsam wurde die weiße Urne aus Porzellan Stück für Stück tiefer in das Loch versenkt. Unvorstellbar, dass meine Schwester darin stecken sollte. Mit jedem Zentimeter, den die Urne tiefer sank, krampfte sich mein Innerstes mehr zusammen. Obwohl ich eigentlich schon lange gedacht hatte, dass das nicht mehr möglich war. Es fühlte sich an, als würde mir das Letzte, was uns von Sophie blieb, aus dem Herzen gerissen.

Ich vernahm ein Knacken, gefolgt von einem leichten Rauschen. Die ersten Gitarrenklänge und Sarah Connors Stimme ertönte. Das Leben ist schön. Ein neuer Tränenschwall stieg in mir auf und mit ihm ein Kloß, der drohte meine Kehle zuzuschnüren, so groß, dass es mir schwerfiel zu schlucken. Meine Lippen begannen zu zittern. Sophie hatte sich gewünscht, dass dieses Lied gespielt wird. Weil sie das Leben liebte und es das war, was sie uns allen noch mitgeben wollte: dass das Leben schön ist. Auch ich war davon überzeugt - damals. Doch in diesem Moment, hier am Grab meiner Schwester, fühlte sich das Lied an, wie der blanke Hohn. Mir war weder nach Feiern noch nach Tanzen und ich konnte mir nicht vorstellen, überhaupt jemals wieder zu lachen.

Kapitel 2

„Kleo..., Kleo?“ Gedämpft drang mein Name zu mir durch. Jemand rüttelte leicht an meiner Schulter. Lenny. Wie lange hatte er schon mit mir gesprochen? Ich wandte den Blick von meiner Kaffeetasse ab, die ich offensichtlich die letzten Minuten angestarrt hatte.

„Ja?“ Zum ersten Mal nahm ich ihn heute richtig wahr, meinen Freund. Wann war er zu uns gekommen? Ich wusste, dass er auf dem Friedhof war, hatte ihn aber nicht gesehen. Wir hatten abgesprochen, dass ich während der Beerdigung an Mamas Seite war. Er wollte mit seiner Familie kommen. Ich war darüber erleichtert. Mamas Anwesenheit reichte aus, dass ich mich beobachtet fühlte und mich zusammenreißen musste. Lenny machte alles nur noch schlimmer.

Er sah mich besorgt an. „Alles in Ordnung?“

Was für eine Frage. Mein Blick fiel auf Mama. Sie saß mir gegenüber am Tisch in ein Gespräch vertieft mit Tante Rosie.

„Jetzt geht es ihr bestimmt besser“, sagte Tante Rosie gerade, strich Mama dabei über den Arm und lächelte sie an. Mama lächelte zurück. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob sie das aus Höflichkeit tat oder ob ihr dieser Gedanke wirklich Trost spendete.

„Sophie war ein wunderbares Mädchen...“

Immer wenn ihr Name fiel, versetzte es mir einen Stich ins Herz. Wir sollten nicht über sie reden. Wir sollten mit ihr reden. Sie sollte hier sein, bei uns. Auch Tante Rosie hatte mit Sophie einen geliebten Menschen verloren, das wusste ich. Und mit Sicherheit meinte sie es gut, wollte uns nur aufheitern. Aber mit jedem Satz, den sie sagte, verkrampfte sich mein Innerstes ein kleines Stückchen mehr.

„Ihr alle seid so stark. Sie wäre bestimmt stolz auf euch.“

Wieder lächelte Mama und tätschelte dankbar Tante Rosies Hand. War das ihr Ernst? Worauf sollten wir denn stolz sein?! Dass wir noch lebten und Sophie nicht? Dass wir von vier Familienmitgliedern auf zwei geschrumpft waren? Dass Papa einfach abgehauen war, als es schwierig wurde?

Es hatte tatsächlich einmal eine Zeit gegeben, in der ich stolz auf uns gewesen war, auf unsere Familie, auf unseren Zusammenhalt. Doch als Papa uns von einem Tag auf den anderen verließ und unmissverständlich zeigte, dass wir ohne ihn klarkommen mussten, löste sich dieses Gefühl in Luft auf. Nicht einmal heute zu Sophies Beerdigung war er gekommen. Nicht, dass ich ihn sehen wollte. Aber wie konnte er der Beerdigung seiner eigenen Tochter fernbleiben? Er sollte hier sitzen und mit uns trauern. Wir waren immer alle zusammen gewesen, hatten immer alles gemeinsam durchgestanden. Die vier Sanders konnte nichts erschüttern, auch keine noch so schlechte Diagnose von Sophie. Aber offensichtlich zählte das alles nicht mehr. Eine Familie, die zerbrach, wenn es schwierig wurde. Darauf konnte man wirklich nicht stolz sein.

Reiß dich zusammen, Kleo. Mama kann nicht auch noch einen Wutausbruch von dir gebrauchen, beruhigte ich mich.

Es gelang mir nicht. Die Wut ließ meine Haut kribbeln. Ich spürte, wie sich meine Härchen aufrichteten.

Wieder berührte mich Lenny am Arm. Als ich in seine besorgten Augen blickte, merkte ich, dass ich ihm noch eine Antwort schuldig war.

Ob alles in Ordnung war?! Nein, natürlich nicht. Nichts war in Ordnung. Das wollte ich ihm am liebsten entgegenschreien, allen hier. Aber ich war wie gelähmt, hatte keine Kraft, obwohl ich innerlich brodelte. Wie um alles in der Welt konnten sie ausblenden, dass wir nun ohne Sophie weiterleben mussten? Dass Papa ein Arsch war? Ich schaffte es nicht, das Positive in dieser Situation zu sehen, weil es verdammt noch mal nichts Positives gab. Ich konnte mich auch nicht an dem Gedanken festhalten, dass Sophie es nun „geschafft“ hatte. Denn das bedeutete: ich werde sie nie wieder sehen. Nie wieder zusammen lachen, nie wieder die Wärme spüren, die mich umarmte wie eine warme Decke, wenn sie in meiner Nähe war.

Ich nahm einen tiefen Atemzug und versuchte mich etwas zu beruhigen. Dann sah ich Lenny an. Dabei blickte ich in seine tiefen grünen Augen. Die Sorge darin konnte ich deutlich sehen. Anders als bei Sophie, fühlte sich Lennys Nähe nicht an, wie eine warme Decke, sondern wie ein schweres Kettenhemd. Seine Fürsorge erdrückte mich und sein liebevoller Blick machte die Last noch schwerer, die ich zu tragen hatte. Das hier war alles zu viel für mich: meine Trauer, Lennys verzweifelten Versuche, sie von mir fernzuhalten. Die Masse an Gefühlen erdrückte mich und begrub alles unter sich. Die Wut, die sich gerade in mir aufgebaut hatte, fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Da war nichts mehr. Ich war ausgelaugt, schwach.

Anstelle einer Antwort nickte ich knapp. Ich musste hier weg. Aber konnte ich Mama alleine lassen?

Sie war noch immer im Gespräch mit Tante Rosie vertieft, die gerade eine neue Anekdote aus Sophies Kindertagen zum Besten gab. Mama schien das zu gefallen. Sie fing meinen Blick auf und lächelte mich an. Sofort wurden meine Augen wieder feucht. Ich hatte mir doch vorgenommen, mich für Mama zusammenzureißen. Stattdessen machte ich alles nur noch schlimmer.

„Geh nach Hause, Schatz“, formte sie mit den Lippen.

Dabei nickte sie leicht, kaum merklich. Aber für mich war es das Zeichen, dass sie okay war. Mit letzter Kraft lächelte ich sie an und sah, wie glücklich sie darüber war. Wie konnte sie nur so stark sein? Wie schaffte sie es, das alles auszuhalten? Alleine? Ich wollte Mama nicht auch noch allein lassen. Aber meine Kraft war für heute aufgebraucht. Ich konnte nicht einmal mehr wütend sein. Auch nicht mehr auf Papa, der uns einfach im Stich gelassen hatte, als wir ihn am meisten brauchten. Ich verdrängte das Bild, wie er mit gepackten Koffern vor uns stand und verkündete, es nicht mehr auszuhalten, nicht mehr kämpfen zu können. Wie er sich abgewandt hatte, als ich ihn anflehte zurückzukommen. Diese Erinnerungen ließen das letzte bisschen Halt in mir bröckeln.

Kapitel 3

„Soll ich dir einen Tee machen?“

Lenny zog die Bettdecke über mich und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn. Ich war froh, in meinem Bett zu liegen. Am liebsten wäre ich allein. Allein, mit den trüben Gedanken an eine Zeit, in der sicherlich nicht alles gut war, wir aber alle noch Hoffnung hatten und Zuversicht spürten. Ich hatte das Gefühl, dass diese beiden Dinge mit Sophie aus meinem Leben gerissen wurden. Dass sie, wie Sophie, nie wiederkommen würden. Ich wusste, dass ich ein jämmerliches Bild abgab und dass es genau das Gegenteil war, was Sophie sich gewünscht hatte. So sehr ich es auch versuchte, ich schaffte es einfach nicht aus dieser Spirale aus Trauer, Wut und völliger Erschöpfung heraus.

„Ja, gerne.“ Ich hatte keine Lust auf Tee. Aber wenn er in die Küche ging, hatte ich wenigstens ein paar Minuten meine Ruhe. Ich konnte seine Liebe gerade nicht erwidern, ich konnte noch nicht einmal dankbar dafür sein. Mir war das alles zu viel. Lennys Anwesenheit führte mir nur noch mehr vor Augen, wie wenig ich es schaffte, weiterzumachen, anzunehmen, dass Sophie nicht mehr wiederkommen würde und nach vorne zu schauen. Aber genau das hatte ich meiner Schwester versprochen. Wenn Lenny bei mir war, hatte ich nicht nur ein schlechtes Gewissen Sophie und Mama gegenüber, sondern auch noch ihm. Ich schloss die Augen, die vom ganzen Salz der Tränen müde waren.

„Bin gleich wieder da.“ Er strich mir noch einmal liebevoll über das Haar, dann verließ er mein Zimmer. Ich hörte die Treppenstufen leise knarren, als Lenny in die Küche ging. Erleichterung überkam mich. Sein ehrliches, bemühendes Lächeln brannte sich in mein Gedächtnis wie ein unerträglicher Vorwurf. Gleichzeitig war da noch ein anderer Vorwurf in meinem Kopf. Der von mir selbst. Ich wurde hier von Lenny betüddelt, während Mama allein klarkommen musste, weil sie von ihrem Mann sitzen gelassen worden war. Das war nicht fair. Nichts an allem hier war fair.

Ich wartete, bis seine Schritte auf der Treppe verklangen, dann schob ich die Decke zur Seite und setzte mich auf. Mein Kopf war schwer, mein Herz noch schwerer. Ich wollte alleine sein. Jetzt. Sofort.

Als er mit zwei dampfenden Tassen zurückkam, saß ich noch immer am Bettrand.

„Hey, Kleo.“ Seine Stimme war so weich, als wollte er mich in Watte packen. „Warum bist du aufgestanden? Du wolltest dich doch ein bisschen hinlegen.“

Er stellte die Tassen auf dem Nachttisch ab.

„Komm, ich deck dich zu und dann leg ich mich ein bisschen zu dir. Einverstanden?“

Ich wollte mich nicht hinlegen und schon gar nicht wollte ich, dass er daneben lag. Aber es war keine Frage. Sanft berührte er mich an der Schulter, um seinem Vorschlag noch mehr Ausdruck zu verleihen.

Warum bildeten sich eigentlich alle ein, besser über mich Bescheid zu wissen als ich selbst?!

„Nein, danke.“ Meine Stimme klang fest, fester als ich mich fühlte.

„Du zitterst ja. Komm, ich decke dich zu.“

Hatte er mir nicht zugehört?

„Ich möchte mich nicht hinlegen!“ Mein Ton wurde schärfer.

„Ach, Kleo. Du musst jetzt nicht mehr stark sein. Ruh dich aus.“

In mir brodelte es wie kochendes Wasser. Ich konnte nicht mehr ruhig sitzen. Reflexartig sprang ich auf. Die Teetassen wackelten gefährlich auf dem Nachttisch. Aber sie konnten sich wieder fangen, im Gegensatz zu mir.

„Ich. Will. Mich. Aber. Nicht. Ausruhen.“, blaffte ich Lenny an. Die Wut in mir war so groß geworden, dass ich sie nicht mehr aushielt. Ich wollte schreien, richtig schreien. Aber ich konnte nicht. Vor meinen Augen zogen Bilder von Sophie, Mama und Papa her. Erinnerungen an eine heile Familie, die nicht mehr heil war. Alles fühlte sich so ungerecht an, und ich war so machtlos dagegen.

Wenn Lenny meine Anfuhr getroffen hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Er streckte seinen Arm nach mir aus.

„Kleo...“

„Verdammt, Lenny“, unterbrach ich ihn. „Ist das so schwer zu verstehen?!“ Ich ballte meine Fäuste. Mein Herz hämmerte, meine Sicht flackerte kurz. Sophie, Mama, Papa - wie in einem Kaleidoskop tauchten ihre Bilder auf und wieder ab, bis mir schwindelig wurde.

„Ich will mich nicht ausruhen. Und ich will keinen beschissenen Tee.“ Meine Stimme wurde mit jedem Wort lauter. „Kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen? Du kannst mir nicht helfen. Geh einfach.“

Dann war da wieder nichts. Ich taumelte und sank zurück auf das Bett, wo ich den Kopf in meine Hände stützte. Von jetzt auf gleich war ich entladen. Wie ein Feuerwerk, das nach dem lauten Knall einfach in sich zusammenfällt. Bei der Beerdigung war es ähnlich gewesen. Nur, dass der Effekt jetzt noch stärker war, als zuvor. Die Wut, die ich dieses Mal verspürte, war noch größer, und die Leere im Anschluss noch leerer.

Erschrocken rückte Lenny ein Stück von mir ab. Mit letzter Kraft schaffte ich es, meinen Kopf wieder zu heben. Er schaute mich mit aufgerissenen Augen an, so als wäre ich eine Fremde für ihn. Tatsächlich kam ich mir in diesem Moment selbst so vor. Das hier war neu für mich. Noch nie vorher hatte ich so viel Wut in mir gespürt, dass ich Angst hatte, zu ersticken. Noch nie war ich so ausgerastet.

„Entschuldigung.“ Ein Wort, das absolut angebracht war, das ich aber nicht fühlte. So, wie ich gerade gar nichts fühlte außer purer Erschöpfung.

„Schon gut.“ Nichts war gut. Lenny hatte das nicht verdient. So oft war er mein Trost gewesen, meine Stütze. Er hatte mir damit gutgetan. Aber seine Besorgnis, seine leise Hoffnung, mich retten zu können, stand im krassen Gegensatz dazu. Es erdrückte mich. So konnte es nicht weitergehen. Er legte seinen Arm um meine Schultern. Steif blieb ich sitzen, verharrte in meiner Position.

„Lenny.“ Meine Stimme klang rau. Ich umklammerte den Tee, den er mir gereicht hatte. In der Hoffnung, die Wärme, die von der Tasse ausging, könnte auch mein Innerstes erreichen. Aber das tat sie nicht.

„Was ist los?“, fragte Lenny. Er beugte sich leicht zu mir vor, sodass ich ihn ansehen musste. Seine Stirn legte sich in diese vertrauten Falten, die ich so geliebt hatte – die ich so liebte. Das tat ich doch, oder? Warum fühlte ich es dann gerade nicht? Waren meine Gefühle für Lenny nur unter dieser verdammten Trauer begraben, tauchten sie irgendwann zusammen mit der Zuversicht wieder auf, wie ein Phönix aus der Asche? Ich war mir nicht sicher. Doch in einem Punkt war ich mir plötzlich sehr sicher: Ich konnte nicht mehr. Keine Sekunde länger wollte ich auf die Antwort warten.

„Ich kann nicht mehr.“ Mein Blick suchte den Boden, als könnte er mir helfen, dieses Chaos zu ordnen.

„Ach Kleo!“ Lenny zog mich näher zu sich heran. Ich nahm seinen vertrauten Geruch wahr und ließ meinen Kopf auf seine Schulter sinken, eine alte Gewohnheit. Es passierte automatisch. Er fügte sich perfekt in die Kuhle zwischen Hals und Kopf. In diesem Moment war es so einfach, sich bei ihm fallen zu lassen. Doch es fühlte sich gleichzeitig so falsch an.

„Heute war nochmal ein richtig harter Tag. Aber du wirst sehen, es wird jeden Tag ein Stückchen besser.“

Sanft strich er über meine Haare. Ich wollte ihm so gern glauben. Aber ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich wusste, dass ich nicht das erfüllen konnte, was er sich – bewusst oder nicht – von dieser Aussage erhoffte. Im Leuchten seiner Augen lag auch jetzt die leise Hoffnung, dass ich bald wieder die alte, lebensfrohe Kleo sein würde, und das setzte mich unter Druck. Ich ertrug es nicht, die Fassade auch noch für ihn aufrechtzuerhalten. Das war nicht fair - nicht für ihn, nicht für mich. Für Mama kostete es mich bereits meine ganze Kraft.

Ich atmete einmal tief ein. „Das meine ich nicht.“

„Was meinst du dann?“ Immer noch streichelte er mich behutsam.

„Ich...ich kann gerade nicht mit dir zusammen sein.“ Abrupt hielt er in seiner Bewegung inne, sagte aber nichts.

Ich löste mich aus unserer vertrauten Pose. „Ich kann nicht mit dir zusammen sein, wenn ich selbst nicht weiß, wie ich weitermachen soll.“

„Kleo, rede keinen Unsinn.“

Seine Stimme war fest, aber die Panik darin verriet ihn. „Du trauerst. Es ist doch ganz natürlich, dass du gerade nicht weißt, wo dir der Kopf steht.“

Lenny legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. Dort lag sie schwer, viel zu schwer. Endlich schaffte ich es, ihm in die Augen zu sehen. Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Wieder zog sich alles in mir zusammen. Ich wollte ihm nicht das Herz brechen. Aber ich war mir sicher, dass ich es sowieso tat, wenn es so weiterging.

Etwas in meinem Blick schien ihm klarzumachen, dass ich es ernst meinte. Er nahm seine Hand von meinem Bein und umklammerte die Teetasse. Die Haut über seinen Knöcheln wurde weiß.

„Du willst wirklich, dass ich gehe.“

„Ich will, dass du glücklich bist.“

Ein bitteres Lächeln huschte über mein Gesicht. „Und dass ich es irgendwann auch wieder sein kann.“

„Und ich wünsche mir, dass wir es zusammen sein können.“ Er ließ nicht locker.

„Lenny...“ Noch immer hielt er seine Tasse fest und machte keine Anstalten, sich zu bewegen.

„Ich wäre jetzt wirklich gern allein“, setzte ich deshalb zittrig nach und merkte selbst, wie verzweifelt ich klang. Den Stich, den ich ihm damit versetzte, konnte ich in seinen Augen sehen. Wäre mein Herz nicht schon gebrochen, wäre es spätestens jetzt passiert. Oder konnten Herzen mehrmals brechen? Ich wollte Lenny nicht wehtun. Aber ich wusste einfach, dass ich ihn nicht glücklich machen konnte. Warum verstand er das nicht?

Wie in Zeitlupe wandte Lenny seinen Blick von mir ab, stellte seine Tasse auf meinen Nachttisch und stand auf.

Endlich! Das war alles, was ich dachte. In der Tür blieb er stehen und drehte sich zu mir um. Sein Blick war still, fordernd und ließ keinen Zweifel, dass er auf ein letztes Wort von mir hoffte. Aber für mich gab es nichts mehr zu sagen. Konnte er nicht einfach gehen?

„Okay, aber du meldest dich, ja?“ Die Frage war nur, wann. Aber das sagte ich nicht. Ich hatte keine Kraft mehr, etwas zu erwidern. Ich nickte stumm. Lenny sah mich noch einmal an. Dann verließ er das Zimmer, und das war in diesem Augenblick alles, was ich wollte.

Kapitel 4

Das Vibrieren meines Handys riss mich aus dem Schlaf. Keine Ahnung, was ich geträumt hatte, aber ich fühlte mich, als hätte ich den schlimmsten Kater meines Lebens und das, obwohl ich noch nicht einmal Alkohol getrunken hatte. Meine Stirn war heiß und meine schweißnassen Locken klebten daran. Ich tastete nach meinem Telefon. Leichte Panik überkam mich, bitte nicht schon wieder Lenny. Nach unserem letzten Gespräch hatte er mehrmals angerufen. Immer wieder versicherte er mir, dass er die Phase, wie er es nannte, mit mir gemeinsam durchstehen wollte. Und immer wieder sagte ich ihm, dass ich es nicht konnte. Wir drehten uns im Kreis, und es hatte keinen Sinn, ein weiteres Gespräch dieser Art zu führen. Bitte, lass mich doch einfach in Ruhe, flehte ich mein Handy an.

Ich atmete noch einmal tief durch, bevor ich mir einen Ruck gab und auf mein Handy schaute. Meine Augen hatten Mühe, sich an das grelle Licht zu gewöhnen. In meinem Zimmer war es noch stockdunkel. Die Jalousien hatte ich so tief heruntergezogen, dass kein einziger Lichtstrahl durchkommen konnte. Wie spät war es überhaupt? Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung. Genauso wenig davon, welcher Wochentag heute war. Immerhin zeigte mir mein Handy nur eine Nachricht an, keinen Anruf. Als ich sie öffnete, registrierte ich erleichtert, dass sie nicht von Lenny war.

„Hey Kleo, Sabrina ist mal wieder ausgefallen. Heute Schokoladen-Promo im Loom. Kannst du kurzfristig einspringen? Gruß, Ben.“

Früher hätte ich mich über diese Anfrage gefreut. Ein Tag im Bielefelder Shoppingcenter, keine weite Anfahrt, tolles Produkt. Klang nach einem Jackpot-Einsatz, Promo war lange mein Alltag gewesen. Schon während der Schule hatte ich mir dabei gutes Geld dazuverdient und nach meinem Abschluss war ich dabei hängen geblieben. Mir kam keine andere Arbeit in den Sinn, bei der ich so flexibel über meine Arbeitstage bestimmen konnte. Mit einem anderen Job hätte ich nie so einfach für Sophie da sein können. Wenn es passte, sagte ich zu. Wenn nicht, blieb ich einfach zu Hause. Außerdem hatte ich immer etwas zu erzählen. Bei meinen Jobs erlebte ich die skurrilsten Dinge und brachte immer nette Geschichten und Goodies mit nach Hause. Kaum hatte ich die Tür aufgeschlossen, lagen alle Augen erwartungsvoll auf mir.

Auch Ben freute sich immer, wenn ich einen seiner Aufträge annahm. „Kleo, Spitzenkraft“, hatte er oft gescherzt.

Das war kein Kunststück, denn eine Mitarbeiterin, die ihm so viele Jahre die Treue hielt, hatte Ben selten. Allgemein im Promo-Business waren sie rar gesät. Deshalb wusste Ben, dass er mich überall einsetzen konnte. Dass ich auch mit den schwierigsten Kunden zurechtkam. Und ich liebte diesen Job. Mich jeden Tag auf etwas anderes einzustellen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Freude zu verteilen. Promo war nicht nur praktisch, sondern auch genau mein Ding. Es hatte noch einen weiteren Vorteil. Da ich selbstständig war, brauchte ich kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich mal nicht funktionierte. So wie heute.

Es war das erste Mal, seit Sophies Tod, dass Ben mich wieder kontaktierte und mich für einen Einsatz anfragte. Offensichtlich meinte auch er, dass ich langsam genug getrauert hätte. Back to business. Ich schnaubte.

Auf der anderen Seite fand ich es rührend, dass er noch an mich dachte. Er war schließlich mein wichtigster Auftraggeber. Da tat es gut zu wissen, dass er mich noch nicht aussortiert hatte. Trotzdem konnte ich den Auftrag nicht annehmen. Allein bei dem Gedanken, lächelnd Schokolade zu verteilen, wurde mir schlecht.

„Sorry, Ben. Ich bin noch nicht so weit. Melde mich, okay?“

Wieder einmal war ich froh, dass man mit ihm Klartext reden konnte. Viele Agenturleute, mit denen ich sonst zusammenarbeitete, waren Meister im verblümten Schreiben. Viel Text, wenig Inhalt. Genau das, was ich gerade nicht gebrauchen konnte. Bei Ben kam der waschechte Ostwestfale durch, das mochte ich.

„Unbedingt, du fehlst!“ Jetzt schaffte er es doch, mir ein Lächeln zu entlocken. Während ich noch meinen Gedanken nachhing, klopfte es vorsichtig an meiner Tür.

„Komm rein, Mama.“ Meine Zimmertür öffnete sich einen Spalt und ließ das Licht vom Flur herein.

„Guten Morgen mein Schatz! Hast du gut geschlafen?“

„Ja“, log ich.

„Ich muss jetzt los, Tante Rosie wartet schon.“

„Oh, wie viel Uhr ist es denn?“

„Gleich 8 Uhr.“

„Alles klar. Wann kommst du denn wieder? Dann mache ich uns was zu essen.“

Ein weiteres Ritual, das sich seit Sophies Tod eingeschlichen hatte. Mama ging arbeiten und ich tat mein Bestes den Haushalt für uns zu schmeißen.

„Um fünf sollte ich wieder hier sein. Danke, mein Schatz.“

Nach Mamas anfänglichen Versuchen, mir das auszureden, hatte sie mittlerweile eingesehen, dass ich zu mehr aktuell nicht in der Lage war. Sie nahm die Arbeit in Tante Rosies Blumenladen dankend an. Ich wollte nur zu Hause sein, am besten allein. Mit meiner Hilfe konnte ich Mama wenigstens eine kleine Freude machen. Wahrscheinlich war sie froh, dass ich überhaupt etwas machte. Sie hatte es aufgegeben, mich nach meinen Plänen zu fragen. Aber die Antworten, die ich ihr schuldig war, hingen über uns, wie dichter Nebel. Sie raubten unseren Gesprächen endgültig die Leichtigkeit von früher.

Kapitel 5

Ich schob gerade die Lasagne in den Ofen, als ich den Schlüssel im Schloss hörte.

„Hallo, Mama!“ Es raschelte an der Garderobe, dann kam sie in die Küche.

„Hallo, mein Schatz, wie war dein Tag?“ Mama hatte eines dieser Gesichter, die immer lächelten. Auch wenn ihr die Sorge um Sophie dunkle Ringe unter die Augen gebracht hatte, hatte alles andere das natürliche Strahlen nie verloren. Auch nicht in dieser Trauer. Ich beneidete sie darum. Sie sah immer wunderschön aus.

„Gut.“ Schnell überspielte ich meine knappe Antwort mit einer Gegenfrage. „Und deiner? Wie geht’s Tante Rosie?“

Mit Mamas Job war es ähnlich wie mit meinem. Er war aus der Not heraus geboren. Mama hatte ihren alten Job verloren. Sophies Pflege hatte einfach zu viel Zeit in Anspruch genommen. Als ihre Schwester fragte, ob sie im Laden helfen wolle, sagte sie einfach ja. Es war nie der Plan gewesen, aber mittlerweile schien es Berufung zu sein. Mama liebte es, Blumen in allen möglichen Variationen zu kombinieren, die schönsten Sträuße zu binden und ihre Kunden glücklich zu machen.

„Heute war viel los. Ich konnte mich richtig ausleben.“ Ihre Wangen glühten.

„Ich soll dich lieb von Tante Rosie grüßen. Du sollst mal wieder vorbeikommen.“

Ich rang mir ein Lächeln ab. Seit der Beerdigung hatte ich Tante Rosie nicht mehr gesehen. Das war untypisch. Früher hatten wir uns oft getroffen und auch ich liebte es, Zeit im Blumenladen zu verbringen und mit den Kunden über Gott und die Welt zu plaudern. In vielem war ich Tante Rosie ähnlicher als Mama. Rosies forsches Auftreten, ihr loses Mundwerk, ihre Energie und ihre Positivität. Das alles hatte ich von ihr geerbt. Letzteres lag wohl in der Familie, denn davon hatte Mama definitiv die gleiche Menge abbekommen. Aber Mama war sanfter und ruhiger. Wahrscheinlich war es das, was mich davon abhielt, sie zu besuchen: Tante Rosie führte mir vor Augen, wie ich einmal war, aber einfach nicht mehr bin. Nur, wie war ich jetzt? Immer wieder tauchte diese Frage in meinem Kopf auf, meistens abgelöst und verdrängt von Erinnerungen an Sophie. Ich musste schlucken, um meine Verzweiflung über fehlende Antworten nicht die Überhand gewinnen zu lassen. Mama schien das glücklicherweise nicht mitzubekommen. Sie nestelte gerade an ihrem Zopf herum und versuchte, sich das Gummi aus den Haaren zu ziehen. Mama hasste zusammengebundene Haare. Nur für die Arbeit im Blumenladen raffte sie ihre blonde Mähne zusammen. Unsanft riss sie an ihrem Haargummi, bis sie den Knoten auseinander gefriemelt hatte und die feinen Haare in sanften Wellen über die Schulter fielen.

„Endlich“, lächelte sie zufrieden. Genau dieses Lächeln ließ die fragenden Stimmen in meinem Kopf verstummen. Dass Mama in den ganzen letzten Wochen, ihre positive Art nicht ein kleines Stückchen verloren hatte, grenzte für mich an ein Wunder. Von dem Mann verlassen zu werden, mit dem man sich ein ganzes Leben aufgebaut hatte, dann dem eigenen Kind allein den letzten Weg so schön wie möglich zu machen, immer mit einem Lächeln auf den Lippen - das brauchte Kraft. Mama war so stark und dabei so voller Zuversicht. Ich wollte sie einfach glücklich machen. Das war es, was zählte und was für mich absolute Priorität hatte. Alles andere konnte warten.

„Das riecht köstlich, Kleo.“ Sie linste in den Backofen. „Ich habe einen Bärenhunger.“ Mamas Vorfreude brachte mich zum Lachen.

„Ein halbes Stündchen musst du dich noch gedulden. Soll ich uns einen Tee machen?“

„Sehr gerne, mein Schatz. Dann spring ich schnell unter die Dusche.“

Bevor sie verschwand, drehte sie sich noch einmal zu mir um. „Treffen wir uns auf der Terrasse? Das Wetter ist herrlich heute.“

„Machen wir.“

Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, wie das Wetter war. Ich hatte das Haus bisher nicht verlassen. Als ich durch die Terrassentür trat, wehte mir eine milde Brise entgegen, die nach Erde und frischem Gras roch. Auf der Terrasse lagen erste Pollen wie gelber Staub. Der Frühling war definitiv da. Eigentlich liebte ich diese Jahreszeit - wenn das Grau endlich verschwand, und die Welt aussah, als hätte jemand sie frisch gestrichen., wenn mit den Farben die Wärme langsam zurückkam.

Wenn das nur für alles gelten könnte, dachte ich. Tatsächlich hatte der Frühling bisher ganze Arbeit geleistet. Die Fliederbüsche, die unser Grundstück einrahmten, waren bereits grün und brachten die ersten strahlenden Blüten zum Vorschein. Ich war schon lange nicht mehr hier draußen. Die winterlichen Temperaturen luden nicht dazu ein und davor verbrachten wir die meiste Zeit drinnen mit Sophie. Bevor sie ins Krankenhaus kam, war sie einfach zu schwach gewesen, um das Bett zu verlassen. Ich holte die Sitzkissen für die Holzmöbel aus der Garage, die Mama und Papa sich vorletzten Sommer extra neu gekauft hatten, und schluckte den bitteren Gedanken herunter, dass bisher niemand etwas richtig davon hatte. Den Tee stellte ich zusammen mit zwei Tassen auf dem runden Tisch ab und ließ mich in einen der Stühle fallen. Mein Blick schweifte noch einmal durch den Garten. Dabei registrierte ich erst jetzt, dass Mama schon fleißig gewesen war. Die kleinen Blumenbeete vor den Fliederbüschen waren bereits bepflanzt. Unzählige verschiedene Blumenarten in mindestens genauso vielen unterschiedlichen Farben hatte sie so nebeneinander arrangiert, dass sie aussahen wie ein Regenbogen. Mittendrin: gelbe Tulpen. Natürlich hatte Mama Sophies Lieblingsblumen nicht vergessen. Die bunten Blüten wurden gerade von der Abendsonne eingenommen und strahlten mit ihr um die Wette. Auch wenn dieses Bild im krassen Gegensatz zu meinem Innenleben stand, konnte es mir ein Lächeln entlocken.

„Gefällt es dir?“ Plötzlich stand Mama im Türrahmen. Sie hatte sich die nassen Haare mit einem Handtuch auf dem Kopf zusammengebunden. Der Duft von ihrem Duschgel wehte zu mir herüber - Lorbeer und Zitrone. Sophie hatte das gleiche benutzt. Wie die Verpackung versprach, sollte diese Mischung ein Garant für eine gute Stimmungslage sein. Mama und Sophie glaubten daran. Seitdem sie es entdeckt hatten, war ihnen kein anderes Duschgel mehr ins Haus gekommen. Mir hatten sie eine andere Sorte aus der Reihe geschenkt mit dem Duft von Klee und Apfelsine.

„Das ist wie für dich entwickelt, Kleo“, hatte Sophie begeistert gesagt. „Schau, was darauf steht!“

Sei frei, verrückt und glücklich, hieß es in schnörkeliger Schrift. Damals war ich gerührt. Heute dachte ich, dass ich wohl besser auf Mamas Sorte umsteigen sollte. Wenn es half...

„Es sieht toll aus!“ Mamas Mundwinkel zogen sich noch weiter nach oben. Sie liebte Blumen einfach und noch mehr liebte sie es, wenn sie andere damit begeistern konnte.

„Ist der Tee schon durch?“ Mama hatte den Deckel der Kanne geöffnet und spielte an den Teebeutel herum.

„Gerade gut“, grinste ich zu ihr herüber. Doch mein Grinsen gefror direkt wieder, als ich merkte, was ich da gerade gesagt hatte. Dieses Frage-Antwort-Spiel war wie ein geflügeltes Wort in unserer Familie geworden. Wie oft hatten wir uns zusammengesetzt und bei unseren ganzen Plaudereien vergessen, die Teebeutel herauszunehmen. In unserer Familie war eine Ziehzeit von 20-30 Minuten nichts Ungewöhnliches. Je nach Teesorte konnte das schon mal auf den Geschmack gehen. Aber das war egal. Wir lachten über uns selbst. Papa war es, der diesen Satz zum ersten Mal gesagt hatte, bevor er zu einer kleinen Tradition geworden war. Und genau deshalb wollte ich ihn eigentlich nicht mehr gebrauchen. Ich hatte mir vorgenommen, alles, was an Papa erinnerte, aus unserem Leben zu streichen. So wie er sich einfach selbst gestrichen hatte.

„Gut, dann kann ich ihn ja herausnehmen.“ Mama schien das nicht zu stören, sie stieg in unser Spielchen ein. Eine feine Pfefferminznote wehte zu mir herüber. Gierig sog ich sie ein. Pfefferminz mit einem Hauch Zitrone war mit Abstand mein Lieblingstee.

„Gute Wahl“, bestätigte auch Mama, und eine Weile nippten wir andächtig an unseren Tassen, den Blick in den Garten gerichtet.

Ich schielte zu Mama rüber. Es war ungewöhnlich, dass sie wenig sprach. Tatsächlich hatte sich ihr Gesichtsausdruck verändert. Als ich mich gerade fragte, was sie wohl beschäftigte, platzte es schon aus ihr heraus.

„Lenny war heute im Laden.“

Oh nein, jetzt verfolgte er mich heute doch noch.

„Oh.“ Mehr brachte ich nicht heraus.

„Ist...hast du...ich meine, ist alles in Ordnung bei euch?“

Ich seufzte tief. Das kleine Detail unserer Trennung hatte ich Mama bisher verschwiegen. Nicht, dass ich es ihr nicht erzählen wollte. Ich hatte einfach keine Lust, überhaupt darüber zu reden. Und ich wollte sie nicht belasten. Mir war klar, dass sie sich dann wieder Sorgen um mich machte. Und genau das war es, was ich nicht wollte. Aber Mamas Blick verriet mir, dass sie nicht lockerließ.

„Es gibt kein uns mehr“, sagte ich deshalb geradeheraus. Was auch immer Lenny ihr erzählt hatte. Mama hatte das Thema angesprochen, jetzt wollte ich ihr auch die Wahrheit sagen.

„Zumindest aktuell nicht“, setzte ich nach.

„Oh.“

„Es hat sich einfach nicht mehr richtig angefühlt.“ Mama sah mich schweigend an. Ihr Blick blieb ruhig, fast zu ruhig. Ich spürte, dass ich noch mehr sagen musste. Nur wie erklärt man etwas, das man selbst nicht richtig versteht?

„Hmmm“, sie nickte leicht. Doch ihr Blick blieb fragend auf mich gerichtet. Meine Worte schienen ihr nicht zu reichen.

„Bist du sicher, dass Lenny das genauso sieht? Also das mit eurer Trennung?“

„Wie meinst du das?“ Was hatte er ihr erzählt?!

„Naja...“ Warum druckste sie so rum?

„Sag schon, Mama!“ Ich verschränkte die Arme und spürte, wie die Ungeduld in mir wuchs.

„Er hat Tante Rosie und mich zu seinem Geburtstag eingeladen, nächste Woche.“

„Er hat was?!“ Hatte er sie noch alle? Warum konnte er nicht einfach akzeptieren, dass ich ihn gerade nicht sehen wollte. Warum lud er meine Familie zu sich ein, hinter meinem Rücken?

„Ihr habt hoffentlich abgesagt.“ Mamas ertappter Blick verriet mir, dass das Gegenteil der Fall war.

„Mama!“

„Wir konnten ja nicht wissen, was bei euch los ist.“ Mama hob entschuldigend die Hände.

Mein Herz schlug schneller, meine Hände krallten sich in die Tischkante. Was hatte Lenny sich dabei gedacht? Was wollte er damit bezwecken? Dachte er wirklich, ich würde mit ihm Geburtstag feiern, wenn er Mama und Tante Rosie einlud?

Ich fühlte mich in die Ecke gedrängt. Warum konnte er nicht akzeptieren, dass ich das gerade nicht konnte? Warum konnte er mich nicht in Ruhe lassen? Ich nahm einen schnellen Schluck Tee, in der Hoffnung, dass die Wärme die bösen Worte hinunterspülte, die mir gefährlich nah auf der Zunge lagen.

„Ich rede mit ihm.“ Ich wusste, dass ich Mama wirklich keinen Vorwurf machen konnte.

Sie lächelte mich an und ihr verständnisvoller Blick machte die Situation nicht besser.

„Vielleicht...“, setzte sie an, „...brauchst du einfach ein bisschen Zeit.“

„Vielleicht...“, gab ich zurück und fragte mich gleichzeitig, ob Lenny überhaupt noch bereit war, mir die Zeit zu geben.

Wir schwiegen einen Moment und tranken einträchtig an unserem Tee. Ich hoffte, Mama würde das Thema jetzt ruhen lassen und überlegte krampfhaft, wie ich ein unverfänglicheres Thema anschneiden konnte.

„Ben hat mir heute Morgen geschrieben.“ Die Worte sprudelten schneller aus mir heraus, als ich nachdenken konnte. Dass das etwas dümmlich von mir war, merkte ich sofort. Denn meine berufliche Zukunft war immer wieder Thema. Mama und Papa hatten mehrmals versucht, mich von einer „richtigen“ Ausbildung zu überzeugen. Schließlich sollte man mit Anfang 30 einen vernünftigen Job haben.

„Ach“. Mama sah mich neugierig an. Mittlerweile wäre sie bestimmt schon froh, wenn ich überhaupt das Haus verließe, egal für welchen Job. „Was schreibt er?“

Na toll, Kleo. Es war doch klar, dass sie den Ball dankend aufnahm. Von einem unliebsamen Thema ins nächste. Klasse.

Ich schüttelte kaum merklich den Kopf, antwortete dann aber:

„Er hat mich für eine Schoko-Promo im Loom angefragt.“

„Schokolade, hmmm.“ Mama grinste. Sie gab sich Mühe, mich so wenig wie möglich unter Druck zu setzen. Bei diesem Thema war Papa immer die treibende Kraft gewesen. Wenn ich aber selbst anfing, über meine Jobs oder meine Zukunft zu reden, stieg sie voll mit ein. „Das klingt toll. Wann ist denn der Einsatz.“

„Heute. Ich habe ihn abgesagt.“

„Oh...“ Ihre Schultern sanken ein wenig, und sie sah an mir vorbei, als hätte sie etwas anderes erwartet. „Naja, das war ja dann auch sehr spontan.“

„Ich hätte ihn auch so abgesagt.“ Es klang härter als beabsichtigt. Sofort tat es mir leid. Wann waren unsere Gespräche nur so kompliziert geworden?

„Okay.“

Mamas Gesicht sprach das Gegenteil. In ihrem Gesicht zuckte kein Muskel – nur die angespannte Kieferpartie verriet, was sie wirklich dachte. Sie räusperte sich.

„Vielleicht wäre es auch Zeit etwas ganz Anderes zu machen.“

Die alte Leier, und noch ein Vielleicht mehr, von dem ich überhaupt nicht wusste, wie ich dazu stand. Ich nahm noch einen großen Schluck Tee und versuchte meine Meinung dazu zu finden. Aber da war einfach nichts.

„Vielleicht“, sagte ich deshalb wieder. Aber dieses Mal reichte es Mama nicht.

„Ich weiß, dass dir das immer Spaß gemacht hat, mein Schatz. Aber ich weiß auch, dass du das alles für Sophie gemacht hast, für uns.“ Ihr Ton war wieder sanfter. Genauso sprach sie mit ihren Blumen, um sie zum Wachsen zu ermuntern. Ob sie das gleiche Ziel bei mir hatte? Ihr Blick war voller Wärme und ich spürte den Kloß in meinem Hals.

„Dir steht alles offen. Du kannst das machen, was du wirklich willst.“ Was ich wirklich wollte? Dass alles so war wie früher.

Kapitel 6

"Kleo, hier ist Post für dich."

Mama stand vor mir am Küchentisch und wedelte mit einem weißen Umschlag vor meiner Nase. Widerwillig löste ich meinen Blick von den Werbeprospekten, die vor mir lagen, deren Inhalt ich aber ohnehin nicht richtig wahrnahm. Sie strahlte mich an. Ich zwang mich, Mamas Lächeln zu erwidern. Heute war kein guter Tag. Nachdem ich mitten in der Nacht hochgeschreckt war, hatte ich kaum noch geschlafen und war mit tierischen Kopfschmerzen aufgewacht. Immer wieder tauchte Sophie in meinem Traum auf. Ich freute mich so sehr, sie zu sehen, dass ich ihr um den Hals fallen wollte. Aber ich kam einfach nicht an sie heran. Und dann war sie plötzlich wieder verschwunden.

"Ich leg mich nochmal hin", murmelte ich. "Ich habe nicht so gut geschlafen." Ich wollte nur allein sein.

"Ist gut, mein Schatz." Sie lächelte mich weiterhin an und tätschelte meinen Arm, als ich mich an ihr vorbeidrücken wollte.

"Sollen wir später zusammen eine Runde spazieren gehen? Heute soll herrliches Wetter werden."

Regen peitschte an das Küchenfenster und lief in kleinen Rinnsalen daran herunter. Dass sich das heute noch einmal änderte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

"Klar, gerne, Mama." Es kostete mich alle Überwindung, die ich aufbringen konnte.

„Sehr schön.“

Den Brief, den sie mir noch immer entgegenhielt, nahm ich im Vorbeigehen an mich. Sicherlich wieder Werbung oder eine Nachricht von der Krankenkasse, um sicherzugehen, dass meine Kontaktdaten auf dem neuesten Stand waren. Ich stieg die Treppen hoch. Auf dem Weg zu meinem Zimmer musste ich an Sophies vorbei. Ihre Tür stand einen Spalt offen und ich nahm den vertrauten Geruch wahr, den man noch auf dem Flur riechen konnte. Es war alles wie immer und doch war nichts wie es mal war. Alles in mir zog sich zusammen, aber ich zwang mich weiterzugehen. Bei meiner Schwester stand die Tür immer offen, jeder war willkommen. Sie hatte sich nie zurückgezogen und andere allein gelassen, so wie ich Mama gerade. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht anders. Ich schluckte mein schlechtes Gewissen herunter, das drohte, meine Kehle zuzuschnüren, und ging weiter. Meine Kaffeetasse stellte ich auf den Nachttisch und legte den Brief daneben. Erst jetzt fiel mir auf, dass der Umschlag mit der Hand beschrieben wurde. Wohl doch kein Versicherungsschreiben. In Großbuchstaben stand da mein Name: Kleo. Mehr nicht.

Es war unmöglich, den Absender zu erkennen. Ich war neugierig und ängstlich zugleich. Wer sollte mir schreiben? Lenny? Beim Gedanken an ihn wurde mir direkt flau im Magen. Bitte nicht, schickte ich ein Stoßgebet in den Himmel. Ich hatte es noch nicht geschafft, mit ihm zu reden, aber ich wusste, dass ich mich nicht mehr länger drücken konnte. Obwohl ich mir in Momenten wie diesen wünschte, er könnte mich einfach halten. Ich könnte seine Wärme und Liebe spüren und alles wäre ein bisschen weniger schlimm. Es war egoistisch. Ich hatte nichts, was ich ihm zurückgeben konnte. Schnell schüttelte ich den Gedanken ab und konzentrierte mich auf den Brief.

Vorsichtig öffnete ich den Umschlag, als könnte ich dadurch den Inhalt des Briefs beeinflussen, was natürlich Schwachsinn war. Als ich das dicke Papier auseinanderfaltete und die geschriebenen Zeilen sah, erkannte ich den Absender sofort. Die ungleichmäßige, aber trotzdem ordentliche Handschrift war unverwechselbar. Der Brief war nicht von Lenny. Ich hätte nicht gedacht, dass es einen Absender gab, den ich mir noch weniger wünschte.

Meine liebe Kleo,

ich weiß, dass ich dir sehr wehgetan habe

und das tut mir unendlich leid!

Bitte gib mir eine Chance, dir alles zu erklären.

Du fehlst mir, mein Sonnenschein!

Dein Papa

Kapitel 7

---ENDE DER LESEPROBE---